Nnterhaltungsbtalt des Dorwärts Nr. 184. Sonntag, den 21. September. 1902 (Nolbdruck verboten.! 12] Die Skadk. Roman von Nicolaus Krauß. Der Schuster fuhr herum. „Ach. der Herr Adjutant!... Hast Du gegen ihn etwas einzuwenden?... Höh?" „Ich?.,. Keine Spur!... Ich geh' ihm höchstens aus dem'Weg, weil er mir zuviel nach Fleischerladen riecht... Aber gegen die ganze Sorte Hab ich was! Die sind schuld, daß wir die Großköpf' nicht vom Stadthaus wegbringen. Entweder bleiben sie bei der Gemeiudewahl ganz und gar zu Hause, oder sie stimmen für die Volksverderber...." „Das sagt Wohl Euer Kommandant, der Brezelbäck?" „Der sagt es auch!" „Sagt es auch!... Jetzt kannst d'hören, was i ch über ihn sag... Sein Vater ist von draußen herkommen und hat eine Egrische g'heiratet. Von wo er abstammt, weiß kein Mensch ... Und Dein Herrgott?... Schulden hat er! Kaum die Ziegel g'hören ihm mehr au f seinem Haus! Und wenn er sein Geschäft verstund', würd' er net mit Brezeln hausieren lassen... Hast mich verstanden?" „Es redet halt jeder, wie er eS versteht..." „So!... Ich bedank mich!... Also ein Tummhut ist der Funken-Schustcr? I Warum sagst d' denn net gleich Äff'?... Traust Dich epper net?" Der Schuster hob die Faust. „Ich werd' Euch sagen, was Ihr seid I... Unter der ganzen„Bande" ist nicht ein tüchtiger Kerl!... In den Wirts- Häusern'nimschinipfen und gegen die Geistlichen Hetzen, das trefft ihr... wie wenn jeder drauf g'studiert hätt'. Aber sonst?... Schau Dir nur einmal Deine Brüderln an! Es sitzen ja ein paar da, ganz in Deiner Näh'... Da hast den versoffenen Zinngießer.. „Funk, laß mich in Ruh!" knurrte der Lange. Seine Finger umkrallten den Pleschcl. „Ach was I... Außer muß's!... Der geht in den Schäuken rum, rauft und schlägt die Zinnkrüg' zusammen, damit er wieder was zu thun hat..." Der Zinngießer stand auf den Füßen und holte aus. Im nächsten Augenblick wußte das schwere Geschirr auf den runden Kopf des Schusters niederköschern. 's Waberl schrie auf. Aber zum Schlag kam es nicht. Der Wirt stand mit einem Schritt hinter dem Wütenden und drehte ihm mit einem Griff die Halbe aus der Hand. Er sah ihn an und dann nach der Thür. „Es ist das ziveite Mal, daß d' mit einem Pleschel zu- schlagen willst... Geh!... In acht Tagen kannst Dich wieder einmal anschauen lassen... Früher kriegst nichts eing'schänkt!..." Der Lange sperrte sich. „Wie Du willst... Gottlieb!..." Aus dem Zapfranm kam in Sprüngen der stämmige Oberpfälzer und stellte sich neben seinen Herrn. „Meinst d' wirklich, ich werd' von Dir noch Geld nehmen, wenn ich Dich hinausschmeiß'... Geh', sag' ich!" Unter eisigem Schweigen der Gäste verzog sich der Lange. Seiner wagte für ihn Partei zu nehmen, da der Wirt gegen ihn war. Nur der„Adjutant" zahlte und folgte ihm, um ihn zu trösten und der Partei nicht verloren gehen zu lassen. Es war eine Stimme. Jetzt kam der Schuster dran. Der Wirt machte ein ganz ernstes Gesicht, aber seine Stimme klang nicht rauh. „Du weißt, ich mag Dich... Das Schimpfen steht Dir schön und ist Deine Natur... Aber allz'viel..." „Hast recht, Christof!... Hast recht!... Es ist ja auch gleich zehne. Die Meine ist ein recht bissiges Ding, aber um zehn g'hört jeder rechtschaffene Bürger ins Bett. Morgen früh ist die Nacht um!... Ich werd' gleich zahlen... Vier Halbe... macht sechsunddreißig Kreuzer... Da ist's Geld I..." Er ttank aus, nahm seine Mütze, die vor ihm auf dem Tisch lag, und erhob sich. „Gute Nacht, meine Herren, alle miteinander!...* Kaum einer versagte ihm den Bescheid. Der Funken- Schuster galt allgemein als der größte„Schimpsteufel" der Stadt, aber Feinde hatte er sogut wie keine. Den Beamten machte seine Maulfettigkeit Spaß, den Einheimischen erschien er als echtes Stadttind. Was keiner sich zu sagen getraute, der Schuster hing es an die große Glocke. Die Häupter der herrschenden Partei beobachteten ihn sehr genau. Wenn sie unter sich waren, nannten sie ihn nur das„Ventil", aus dessen„Tönen" man sehr wohl die Stimmung der Bürgerschaft, besonders diejenige der kleinen Gewerbsleute heraus- hören konnte.— Die Gäste kamen und gingen. Mit immer gleicher Freundlichkeit und Behendigkeit brachte ihnen's Waberl die Krüge, rückte hier einen Bierfilz, dort einen Stuhl zurecht. trocknete eine„Biersuttel" auf und gab zugleich Antwort auf eine Frage, die vom andren Tisch kam. In den vierzehn Tagen, seit sie hier war, hatte sich der in der Schänke herrschende Ton mählich verfeinert. Keiner gestattete sich ihr gegenüber ein grobes Wott. Mancher that sich Zwang an, aber einer überwachte den andern. Auch das Schlagen mit den Fäusten auf die Tischplatte hatte nachgelassen. Sie selbst kannte bald die Eigenheiten der Gäste. Der wollte lieber einen„Teich" haben, einem andern schmeckte es nur aus einer„hohen" Halben, aus der er in ein Gläschen schänkte, das kaum größer war als ein Finkennapf. Es gab „Maß"-Liebhaber und auch schon neumodische Quälgeister, die nur aus einem halben Liter ttanken. Der eine wollte viel Schaum, ein andrer brummte, wenn auf dem Bier mehr als ein„Busserl" schwamm. Und's Waberl sprang zu. sobald ein aufgestellter Deckel anzeigte, daß der Krug leer und eine frische Füllung erwünscht war. Da hieß es auspassen I Ein Klappern mit dem Deckel gab es hier nicht. Wer es that, wurde einmal verwarnt, beim zweitermal unbannherzig an die Lust gesetzt. Mit dem Glockenschlag elf. den man durch die offenen Fenster vom Rathausturm deutlich hereinhötte, erhoben sich die meisten der Gäste. Auch's Waberl konnte sich zurück- ziehen; der Witt übernahm wieder selbst die Bedienung. Im vorderen Teil der Schänke saß nur da und dott noch ein Gast. Das waren die„Stillen"; Leute, die Sorgen und Kummer drückten, und die spät ausgingen, um ungestört ihren Abendtrunk thun zu können. Sie starrten vor sich hin und saßen unbeweglich. Man hörte eine Gasflamme surren, so still war es geivorden. Der alte Schneider war an die Wand gesunken und druselte, der Lehrer Kroh an den Beamtenttsch ausgewandert. An diesem nahm jetzt auch der Wirt Platz. Allsogleich fragte der Landgettchtsrat Wroblensky, ein hoher Fünfziger mit ge- pflegtem, weißen Vollbart und eigentümlich klaren Augen: „Sagen Sie mir einmal, Herr Sturm, woher haben Sie die Gewalt über diese Leute?" „Sie meinen den Zinngießer?" Der Rat nickte und kraute liebkosend in seinem Batte. „Ter lange Lackel hätte Sie doch..." „Da war keine Gefahr... Der ist fertig: Er trinkt Schnaps." „Und der Schuster?" „Ich lasse bei ihm arbeiten... und die ganze Ver- wandtschaft. Er ist sehr geschickt. Sonst würde er wohl mit den Kurgästen kein. Geschäft machen können.... Hm!... Und was das erste anbetrifft, was der Herr Rat gefragt haben... Ich kenne sie alle... sehr genau... Am Bier- tisch erfährt man in Eger alles." „Aber das erfahren doch auch die andern Wirte?" „Nicht so ganz. Zu nur kommen alle; Hoch und Nieder... Daun, lasse ich mir von ihnen nichts gefallen, weil ich'S nicht nötig habe. Zum Leben reicht's schon, lang'... Drittens, brau' ich mir mein Bier selber. Und mach' die Schänke auf und zu, wann ich will... Daß ich sie selbst bediene, einer, der im Gemeinderat sitzt, schmeichelt ihnen... Und dann haben sie Respekt, weil ich Beamter war...." „Sie waren Beamter?" fragte erstaunt ein schon ältlichetz Supplent vom Gymnasium- Mit seinem aufgedunsenen Ge« ficht und dein cibgctragenen gelblichen Sommergewand machte er den Eindruck eines Gescheiterten, der beim Gericht oder bei einem Advokaten als Schreiber untergekomnien. Seine Schüler, über die er jede Macht verloren hatte, nannten ihn nur den„Kanarie". Lehrer Kroh riß mit Anstrengung die Augen auf. „Der Christof?... Selbstverständlich l Natürlich I Re- visor war erl.. Er trank und sank in seinen Stuhl zurück. Er sah schon wieder den„Bierkäfer", der ihn seit einiger Zeit plagte, srind mit dem man ihn neckte, hänselte und frozelte, wo er sich blicken ließ. „Und da sind Sie Bierwirt geworden?" Sturm spürte des Versteckte in der Frage des Supplenten, sagte aber lächelnd zu Wroblenskv gewandt: „Es ist allbekannt, der Herr Rat wissen es ja auch, daß der Egerländer sich nicht gerade zum Beamten eignet. Er lernt das Ducken schwer, noch schwerer als das Czechische. Einmal konimt immer der Zeitpunkt, wo ihm die Gall' über- läuft... Ich Hab' studiert, weil's der Vater gewollt hat. Als er tot war, bin ich wieder mein freier Herr geworden... Meine Pension"— er sah dem Supplenten fest in die der- schwommenen Augen—„beziehe ich übrigens, wenn ich fie auch nicht brauche..." „Glücklicher Mann!" Zwei, drei Seufzer wurden laut, und weiter hinten, an der Glasthüre. die zum Zapfraum führte, ein zorniges, aber gleich wieder halbverschlucktes:„Verdammt und zu- gebunden I" Ablenkend fragte Wroblensky: „Und ivann werden Sie sich dieses Jahr ihre zwei Monate Ferien nehmen?... Meine Herren, er sperrt dann ganz und gar zu, und wir sitzen auf dem Trockenen 1..." Der Wirt überlegte. „Ende nächster Woche werden die Kandidaten zur Ge- meindewahl aufgestellt sein.... Und dann... Na, Ihnen sag' ich's schon am letzten Abend, ehe ich abschieb'. Die andern finden eines Morgens die Thür zu und warten und zählen die Tage. Um so größer ist dann die Freude, wenn sie sie wieder offen finden..." „Gehen Sie wieder nach Italien?" Der Wirt zuckte die Achseln. Es war augenscheinlich, er wollte nichts sagen. „Also... und. was halten Sie von der Wahl?... Wird's ein Umsturz?..." „Glaube nicht. Kann aber auch nicht wetten... Früher ging's nur um Gemeindeangelegenheiten: Wer die Zeche bezahlen sollteundwersichPfeifenschneidendurfte. Damals, der Tuchscherer hatte ja seine Leute nicht schlecht einexerziert. Aber es hatte keinen Bestand... In den letzten Jahren haben die auf dem Stadthaus etwas nachgegeben. Das mit dem Wald, der Sparkasse, war ein ganz feiner Zug... Zu fürchten haben sie eigentlich nur den Brezelbäck. Wenn der die Stimmen von den vielen Gärtnern und die Vollmachten von den einzeln stehenden Frauen bekäme... Aber er hält zu den Deutschnationalen. Und die mögen wieder die Hand- werker nicht... Sie haben ja heute den Funkcn-Schuster gehört. Die wollen keine Politik. Was geht das uns Egrische an, was in Wien und im Waldviertel g'schieht?! Wir sind Bürger einer alten, ehemals freien Reichsstadt und thuen, was uns paßt. Für's G'werb', für den kleinen Mann muß g'sorgt werden I... Bei den Erz-Katholischen, den Ganz-Schwarzen hat der Bäck auch keinen Stein im Brett... Also, so gar arg wird's nicht werden. Die Brauer werden alle wiedergewählt, in jedem Wahlkörpcr, um die ist gar nicht herumzukommen, sie haben zuviel Einfluß. Der erste Wahlkörper ist den„Großköpfen" totsicher; alle Advokaten gehen mit ihnen. Im zweiten Wahlkörper werden die Deutschnationalen eine Anzahl Stimmen aufbringen... Beamte und Lehrer..." „Ich stimme nicht für sie I..." „Weiß ich, Kroh. weiß ich!... Aber andre werden es thun... Im dritten Wahlkörper kommt es zur Hauptschlacht. Aber der Sieg ist auch da nicht zu gewinnen. Und wenn sie alle zwölf Mandate erobern, stehen sie eins zu zwei... Uebrigens die Soci wollen sich ja diesmal auch an der Wahl beteiligen!..." „Was, solches Gesindel giebt's hier auch?" lFortsetzung folgt.) kNatbdrua verraten/) Div lmittstlichen Kindev.*) Von Ottokar Tann-Bergler. Es war nämlich schon ein wenig übertrieben, was man von der Rosel, der drolligen„Kleinsten", im Familienkreise forderte. Nach der Meinung ihrer geschätzten Eltern kam sie aus der Pathologie überhaupt nicht heraus. Ihr Zustand war fortwährend, wenn schon nicht gesährlich, so doch besorgniserregend. Sah fie blaß aus, so war fie blutleer, und sah sie, nachdem sie mit der Köchin Marianka„Wettrennen" gespielt, rot aus. so wurde das als ein be- ängstigendes Symptom von Vollblütigkeit betrachtet. Natürlicher- weise als ein beängstigendes. Ich bitte Sie, wenn sich schon in so zartem Alter die Eni- artungserscheinungen melden, die man nur bei eisgrauen Alkoholikern als etivas Selbstverständliches resigniert hinnimmt I Und eine Gewohnbeitstrinkerin war die Rosel entschieden nicht; ein einziges Mal in ihrem Lebe» hatte sie einen ausgesprochenen Schwips mit leiseni Delirium tremens acquiricrt, als ihr Papa es für unerläßlich hielt, ihr eine» Viertelliter Madeira zu verordnen und einzuflößen. Der unselige Man» hatte nämlich Cbojera, asiatica konstatiert. Er wurde allerdings durch die Ereignisse dementiert, aber schließlich darf man einen derartigen Irrtum einei» En- grossisten für Schneiderzugehör nicht allzu heftig zum Vorwurf machen. Er that, ivas in seinen Kräften stand, um seinen Vaterpflichten ihrem volle» Umfange nach gerecht zu werden und schaffte sich der „Kleinsten" lvegen eine förmliche medizinische Bibliothek an. um sich von den Aerzten, die ans schlecht angebrachter Schonung stets Notlügen zur Hand haben, möglichst unabhängig zu mache». Es gab kein Leiden, über das er sich aus seiner Bibliothek nicht sofort hätte inforniieren können. Sein Buchhändler hatte Auftrag, sobald ein Medizinmann eine neue Krankheit erfand, ihn stets auf dem Laufenden zu er- halten. Ein schwächlicher Denker wird nun meinen, daß die Rosel bei so unablässiger Beobachtung ihres körperliche» Befindens zu den ge- sündesten Kindern zählen müsse. Das ist natürlich nur ein bedauer- licher Trugschluß, der außerdem Mangel an Erfahrung beweist. Je geivissenhafter und sorglicher die ärztliche Beaufsichtigung, desto häufiger Erkrankungen. Die Faniilien, die sich den Hausarzt im Abonnement halte», werden die meisten Patienten verzeichne». Man möge dies als keine ärztefeindliche Konstatierung hinnehme». Im Gegenteil. Aber es steht außer Zweifel, daß' eine Unzahl von Menschen, welche sich grundsätzlich weigern, für Rezepte Geld auszugeben, im Laufe des Daseins eine unübersehbare Anzahl leichter, schwerer, solvie absolut tödlicher Krankheiten überstehen, ohne die geringste Ahnung davon zu besitze». Das ist ein Verhalten, eineS denkenden Menschen gewiß nicht würdig. Und sind die Kinder noch nicht zum vollen Gebrauche ihrer Vernunft gelangt, so erscheinen eben die Eltern als deren natürliche Prokuristen. Solche Mnstereltern besaß mm, wie schon erwähnt, die beneidens- Iverte Rosel. Sobald sie dreinial hintereinander niesle, verging ihnen der Appetit für drei Mahlzeiten. Es war zwar»och immer gut ausgegangen, aber man kann nicht ivissen. Auf blinde Zufälligkeiten darf man nicht bauen, Iveun man auch ei» ivahres Phänomen an Wider- stauds- undRegncrationskraft, wie dieRosel.zumKindehat. Vor wenigen Monaten Ivar dieses arme Mädel von dem schrecklichen Zungenkrebs befallen worden, der doch seine Opfer gcivöhnlich unter Männern sucht, die ein Menschenalter hindurch Virginia-Eigarren geraucht baben. Der„Symptomenkomplex" stimmte bis aufs I- Tüpfelchen. Daran ließ sich nichts abhandeln, ivenn auch der Doktor in seiner bcrufs- mäßigen Schönfärberei die schüchterne Vernuitung ivagte, die Rosel könnte ja, als sie das Glas mit der Marillenniarnrelade vom Kasten stibitzen Ivollt» und dabei auf die Nase gefallen sei. sich gebissen habe». Derlei faule Ausreden kennt man schon. Aber infolge ihres wundersamen Heiltriebes genas sie doch nach ein paar Tage», was um so mirakelhafter genannt werden muß, als der Zungenkrebs mit der orientalischen Bcnlenpest kom- pliziert erschien, welche dieser Doktor auch mit den Ereignissen bei dem projektierten Marineladendiebstahl hatte in ursächliche» Zusammenhang bringen ivollen. Eines Tages klagte die Rosel über Kopfschmerze». Ihr rundes Vollmondgesichtchen ivar gerötet. Die Augen erglänzten in dem nn« heimlichen Feuer desj Fiebers. Und was am deprimierendsten wirkte: sie strampelte nicht und schrie nicht, als man ihr die neue Hänge- lampe nicht gab, die sie zum Spiele» verlangt hatte. Unter normalen Gesundheitsverhältnissen hätte sich kein Mensch einer solchen Unbot- Mäßigkeit erdreistet. Der Fall stand demnach schlimm, sehr schlimm. Der herbeigeholte Arzt belvahrle am Krankenbettchen der Rosek seine Gelassenheit, die für die Eltern schon so oft den Gegenstand tieswühlender Enipörung gebildet hatte. Natürlich, es war ja nicht sein Kind. Jedoch ein wenig Mitgefühl mit fremden Leiden ist man zu fordern berechtigt, tvenn man bar dafür zahlt. In banger Erwartung verharrten der Papa, die Mama und auch die Marianka. *) Mit Erlaubnis des Verlegers sHerniaim Seemann Nachfolger, Leipzig) entnommen dem Buche„Se. Majestät, das Kind". »Zeige mir einmal die Zunge, Rosei," sagte der Arzt. „Der Engel ist so wohlerzogen/ erklärte die Mama, indem sie sich mit dem Taschentuch über die feuchten Augen wischte,„dazu wird sie nie und nimmer zu bewegen sein. Bevor Sie Gcivalt anwenden, Herr Doktor, will ich mich aber entfemen. Ich kann es nicht mit- anschauen." „Sie sehen. Ihre Besorgnis ist unbegründet, gnädige Frau." Die Rosel streckte nämlich schon das Zünglein aus dem Munde, und zwar bedeutend weiter, als man es von einem ungeübte», zarten Kinde billigerweise zu erwarten berechtigt ist. Sie that sogar noch ein übriges, sie drehte dem Doktor eine lauge Nase. „So klug ist sie," bemerkte die Mama ergriffen lächelnd,„weit über ihr Alter hinaus!" „Wann zeigte sich das Unlvohlsein?" erkundigte sich der Arzt. „Vor kaum einer halben Stunde," ergriff der Papa das Wort, „und ganz plötzlich; das macht uns eben so außerordentlich besorgt. Ich will natürlich Ihrer Diagnose nicht vorgreife», Herr Doktor, aber ich befiirckte, es sind die echten Blatter» und Typhus zu erwarten. Was denken Sie?" „Man muß nicht sofort das Aergsie annehmen. Besteht der Widerwillen gegen Speisen schon längere Zeit?" „Nicht, daß ich wüßte." „Halte den Madcl noch nach Mittagmahl Speckschwarte!, Stickel von wachsenen Christkindl aus Vurjahr und Häfel voll ivarmen Gansschmalz mit Gusto g'gessen", lautete die Auskauft der Mariauka. .Hm I" Dieser ärztliche Naturlaut hat immer etlvas Beklemmendes. Meistens bedeutet er, daß die Sachlage noch der völligen Klarheit entbehrt. Der Doktor traf einige diätetische Anordnungen und wollte sich ivürdevoll entfernen, wie er gekommen. Die Eltern eilten ihm erschrocken nach, als ihnen seine strafwürdige Vergeßlichkeit und Unterlassungssünde klar ge- worden. „DaS Rezept, Herr Doktor!" rief die Mama. „Mindestens zwei Rezepte!" rief der Papa. So verschrieb er den» zwei Heilmittel; eines zum Trinken, das zweite zum Schmieren der Fußsohlen. „Für die Fußsohlen I" riefen die Eltern, wie aus einem Munde. „Das muß etlvas Ungeheuerliches sein." „Ich werde sofort nachschlagen." Und der Papa schlug sofort nach. Das lvar keine so einfache Sache mit diesem vertrackten„Symptomenkomplcx". Schließlich konstatierte er, die Rosel sei„nahezu gelviß" von eineni Leide» be- fallen, das bisher nur bei den Ureinlvohnern Sumatras zur Beob» achlung gelangte. Die Schmiere war der kleinen Patientin egal, aber die inner- liche Kur betrieb sie mit einer gewissen Leidenschaft. Es schmeckte wie Himbcerwasscr, und da der Doktor gegen reichlichen Gebrauch nichts einzulvenden hatte, kneipte sie gleich direkt aus deni Fläschche». Auch den Hansel, den älteren Bruder, ließ sie kosten. Es schmeckte ihm nicht minder, und er beschloß, daraus seine Konsequenzen zu ziehen. Am nächsten Tage meinte der Doktor, die Rosel könnte eigentlich schon wieder das Belt verlassen. „Aber sie hat sich so seltsam benommen," beinerkte der Papa bedenklich.„Das Kind war doch krank, nicht wahr, sonst hätten Sie ja nichts verschrieben?" „Natürlich." „Nun und sie hat gegessen wie zwei Jagdhunde." „Aber. Mann..." Es ist doch so. Das scheint mir für einen Patienten kein normaler Zustand zu sein. Vielleicht lauert da noch irgend eine Krankheit heimtückisch im Hintergründe." Der Arzt meinte nun doch, statt der sanguinischen Miene eine gewissermaßen melancholisch-nachdenkliche aussetzen zu sollen. „War sie unruhig, hat sie gellagt?" „Geklagt, das ist viel zu wenig gesagt. Geschrieen hat sie, zum Steinerweichen." „Weshalb ließen Sie mich nicht sofort holen?" „Es gab sich momentan, als lvir ihr ein Tintenzeug, das sie haben Ivollte, zum Spielen überließen." Der Doktor, dessen Herz- und Fühllosigkeit schon genügend stigmatisiert wurde, bcharrte nichtsdestoweniger auf seiner ursprüng- liehen Anordnung. „Du wirst aufstehen, Rosel, aber brav sein und wenigstens drei Tage laug keine Speckichwartel essen oder voin wächsernen Christlindl abbeißen, verstehst Du?" „Ich mag nicht aufstehen," entschied sie kurzweg. „Es gewinnt den Anschein, als wäre das subjektive Wohl- befinde».. „Ich danke," unterbrach der Doktor den Papa verbindlich und wendete sich wieder zu der kleinen Oppositionellen:„Du bist ja gesund, Rosel." „Ich mag nicht gesund sein. Ich brauch' noch viel von der roten Medizin da, und ein Hutschenpscrd muß ich auch kriegen, sonst schreie ich so lang', bis ich tot bin." „Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf, so möchte ich die Frage auflverfen, ob die eigenartige Natur dieser Krankheit es nicht doch erfordert, daß..." »Daß ein Hutschenpferd gekauft wird?" meinte der Arzt sehr ernst.„Ganz entschieden." Er hätte auch ein billigere? und mindestens ebenso sicher wirkendes Hausmittel vorschlagen können. Aber das ist nur für miuderbemittclie Familien. In besseren Häusern und bei so vielfach ko-uplizierte» Erziehungsniethoden kennt man den therapeutischen Wert des spanischen Rohres nicht genügend. Der Hansel, der eine Weile sinnend im Winkel gestanden, mengte sich in die Konversation. „Ich bin auch krank. Mir fehlt dasselbe wie der Rosel." „Eine häusliche Epidemie!" „Na, na, nur nicht übertreiben. Also der Hansel wird ebenfalls zu Bette gebracht, und die beiden bekommen eine andre Medizin." Er tätschelte dem Hansel, der einwendete, daß er schon auf die „rote" gesund iverden würde, freundlich die Wangen, setzte sich an den Tisch und schrieb.„So. Ich mache darauf aufmerksani, daß die Kinder davon nehmen dürfen, so viel sie wollen." Die Rosel und der Hansel warfen sich einen fidelcn Blick des Einversländmsscs zu. Am nächsten Morgen wurde der Arzt von der ganzen Familie frostig empfangen. Die Kinder waren schon außer Bett und balgten sich wegen des neuen Hulschenpferdes. „Geholfen hat's," sagte der Papa,„aber ivenn ich mir eine persönliche Meinung gestatten darf, so muß ich sagen, daß es doch eine etlvas heroische und— und gewissermaßen nicht ganz standes- gemäße Kur war." „Wieso, wieso?" „In der Apotheke erklärte man mir," sagte die gnädige Frau stockend und leicht errötend,„A.sa. koetida., das heiße so viel wie.. Sie ivendete sich ab und der Herr des Hauses ergänzte: „Wie Tcnfelsdrcck, mit Respekt zu melden. Die Kinder haben sich, ohne eine Ahnung hiervon zn besitzen, bloß infolge ihres natürlichen Taktgefühles, geweigert, einen zweiten Löffel davon zu nehmen." „Sie sehen, daß der erste geholfen hat. Asa foetida ist die neueste Kinderarznei und wirkt Wunder— in allen besseren Häusern"-- Er hatte recht. Als der Gevnrlstag der Rosel näher kam und die Mama sich um ihre geheimen Wünsche erkundigte, da lispelte sie ihr ins Ohr: „Ich möchte gern' iviedcr krank iverden. Aber der Papa muß einen andren Doktor holen, sonst freut's mich nicht!"— Mlvines Feuilleton. p. Der Einzng. Es war ein gar merkwürdiges Gefährt, daS langsam auf der Chaussee dahergeivackelt kam: ans kleinen, plumpen Rädern saß ein langer und hoher, rechteckiger Kasten, dem man eS auf ziemlicher Entfernung ansah, daß kein Fachmann ihn gezimmert. Aus meist alten, schlecht gehobelten Brettern roh zusammengehauen, von dicken Querlatten und eisernen Krampen vor dem Auseinander- fallen gesichert, machte der eigenartige Wage» den Eindruck eines für die Einigkeit berechneten Gefährtes. Seine Last war nicht gering: eine ganze, Ivenn auch sehr mangelhafte Wohnungseinrichtung war in und auf ihm untergebracht: ein Kleiderschrank, eine Kommode, eine Beltstclle, ein Tisch nebst Stühlen und diverse Kisten und Pakete waren mit staunenswerter Praktik verstaut. Alle Lappen, Säcke und Tücher schützten das Aeußere der polierten, noch fast neuen Gegen- stände vor Beschädigung und derbe Stricke hielte» das Ganze zu- sammen. Derb auch waren die Menschen sowie der große, zottige Hund, welche das Gefährt in Bewegung hielten. Der lange, knochige Mann— noch jung, im Anfange der Dreißig— mühte sich mit dein ächzenden Hunde vorn an der Deichselstange, während die kräftige. junge Frau mit gestrafften Armen am hinteren Ende des Wagens »achhalf. Obenauf, in einem sicher angebrachte» Wäschekorb, der mit Betten ausgepolstert war, krähte munter ein Einjähriges; ein kleiner Bengel von ungefähr sieben Jahren lief nebenher und vergnügte sich von Zeit zu Zeit damit. Steine in die Kastanienbäume zu werfen, welche die Straße säumten. Vor den Daherziehenden stiegen— nur erst verschwommen— die erste» Häuser der Großstadt auf, „Hol' an!" rief der Mann.„Marie, im is et bald geschafft!" Das Gefährt stand. Die Frau kam hinter dem Wagen hervor und folgte mit dem Ange der Richtung, in welche der ausgestreckte Arm des Mannes wies:„Dat is Berlin I" „Dat is Berlin!" Sie iviederholte es mit einer gewissen Ehrfurcht und einem merkwürdige» Klang in der Stimme, aus dem Hoffnung und Befürchtung zugleich sprach. „Ja!" Er sagte es mit einem Auflug von Stolz und betrachtete seinen Wage», an den unnachgiebigen Wände» rüttelnd:„Dat is noch so fest! Da könnt wi noch bis»ach Amerika mit, Ivenn et sie ii niul." Er lachte.„Wat, Marie? Dat hew'k fein tnsamnie» timmert." „Ich wnll dat doch binah nich glöwen," lachte die Frau.„Twölf Meilen mit dat Ding tau reisen!" „Ja." Er klopfte dem Hunde den Rücken.„Denn wollt wi mol frühstücken, was Hcktor?" Hckior winselte. Sie transportierten den Wagen möglichst an die Seite der Straße. Im Chausseegraben, beschattet von den breiten Aesten eines Baumes, ward das Frühstück ausgepackt: Schlvarzbrot mit Speck. Das Einjährige ward aus seinem Korbe befreit und kroch im Grase umher, bis die Mutter ihm die Milchflasche reichte. Hektar war ausgespannt und streckte alle Viere von sich, die Zunge hing ihm ans dem Halse. '„So miifef uns der Herr seh'n!" sagte plötzlich die Frau. „Ha I Der!* In den Augen des ehemaligen Landarbeiters glomm es ans und die Muskeln des braunen,'knollngcn Gesichts zuckten.„Schinden und knnsfen I For dat Lumpengcld! Und Tag for Tag dat Geschimpf I— Nee, Du I" Er schüttelte drohend die Faust nach der Richtung, ans der sie gekommen ivaren.„Dat is vörbi!" Er aß einige Bisten und sah den vergnügt kältenden Knaben an:„Wat. Jung'?" Der lachte; ihm war diese Reise, die nun schon drei Tage Währte, ein köstlicher Spaß. Das Kleine lag rücklings auf dem Schooße der Mutter, wischte an seinem Gummipfropfen und strampelte mit den dicken Bcinchen. Der Mann warf die Reste der Mahlzeit dem Hunde vor, der sich gierig darüber her machte. Die Fnm mußte innner wieder nach den hohen Fenstern da in der Ferne sehen; je naher sie dem Ziele gekommen waren, desto mehr war die Bangigkeit vor dem Uubestimmten gewachsen. Nun seufzte sie:„Wär'n Mi doch to Hns blidv'n 1" ,„Wat?' Der Mann sah sie zornfunkelnd an. Dann lachte er verächtlich.„Komm, Hektar!" Er spannte den Hund ein. während die Frau das Kleine im Wäschekorbe unterbrachte. Der Mann h�lte de» Ziehgurt schon über die Achsel geworfen, als seine Frau noch einmal zu ihm trat:„Ich mein' man bloß, Fritz, wenn De»u aber nischt find'st?" Er richtete sich auf und dehnte die Brust:„Wenn—?* Sein Blick streifte Ivie fragend die hohen Hällser da in der Ferne.„Ach wat!" Er lachte und wies die harten, braunen Fäuste:„Sowat brauchen sie überall! Vorivärts, Hektar I" Die Beine des Hundes strafften sich; der Kopf deS ManneS bog sich nach unten: laugsam setzte das wunderliche Gefährt sich wieder in Bewegung.— — liehet die astronomischeu Begriffe der Kamerun-Reger befindet sich in A. Seidels.Zeilschrist für afrikanische und oceanische Sprachen" eine Mitteilung von I. Keller, aus der«vir erfahren, daß de» Jsubu-Negern die Venus als Morgenstern wohl bekannt ist. Sie achten auf ihren Lauf und nehmen aus ihrem Stande die Zeit ab, die noch bis zum Aufgang der Sonne fehlt. Trotz der kurzen tropischen Dämmerung machen sie, je nach dem Helligkcitsgrade, feine Unterscheidungen für die schnell tvachsende» Stadien des Tagesanbruches. Den Kreislauf des Jahres zeigen ihnen gleich- falls die Gestirne an, die sie zu geivisten Gruppen oder Bildern zu vereinigen lieben. Als solche nennt der l itor den Tole a Rhou. das heißt den Tole des Elefanten, in, Gegensatz zu Tole a Moto, das heißt den Tole des Menschen. Ein andres Sternbild wird Bana ba Nyue oder Waisenkinder genannt, weil»mch der Meinung der Neger der große Stern darin dem Haus- Vater gleicht, der die Frau verloren hat. und dessen Kinder nun ver- lasten und klagend vor ihn, stehen. Dies sind die„Sommcrzeichen". Sie befinden sich sämtlich auf der Ostseite des Himmels. Dazu macht indes Keller die Mitteilung, daß der küsteuuahe Kameruner eigentlich nur zwei Himmelsgegenden annimmt. Alles, Ivos land- einwärts liegt ist für ihn Osten, und alles,>vas sich zum Meere hin erstreckt, nennt er Westen. Natürlich haben sich die Jsubu auch über den Mond ihre Gedanken gemacht. In„alter Zeit", d. h. als noch animistische Vorstellungen das Volk beherrschten, hielt man ihn für ein schuf- oder ziegenähnliches Tier, das nachts zur Erde herab- stieg. Ihr Glaube war zugleich voll von Anklängen an den Totem« gedenken, an die abergläubische Verehrung sinnlich wahrnehinbarcr Dinge. Dies geht z. B. aus folgender Geschichte hervor: Wenn eine Frau zur Zeit des Vollmondes empfing und nachher ein Kind erhielt, fei eS ein Knabe oder ein Mädchen, so pflegte sie diesem. lven» es heranwuchs, den Mond zu zeigen und ihm zu sagen:„Dies ist Dein Großvater." Wenn ein lolches Kind aber mit ausgestrecktem Finger auf den Mond wies, so verbot es ihm die Mutter, indem sie sprach:„Strecke Deinen Finger nicht gegen den Mond, damit der- selbe den Finger nicht abschneide; denn er ist Dein Großvater, des- halb gieb ihm auch seine gebührende Ehre." Ueber die sogenannte Mondfigur geht eine Geschichte um, die sehr lebhaft an die all- bekannte Erzählung vom Manne im Monde erinnert, wie bei den meisten Böllern.— Volkskunde. —©in M ä d ch e n m a r k t. Die„Kölnische Zeitung" schreibt: In der Gemeinde Bodony im Baranyer Komitat Ungarns Pflegt alljährlich am ersten Sonntag nach dem 14. September ein„Mädchen- markt" geHallen zu werden, auf dem sich die Burschen der Umgebung ihre Ehegefährtiimen aussuchen. Schon in de» frühen Morgen- stunden kommen die jungen Leiite in Begleitung ihrer Angehörigen herangezogen; die Mädchen in ihren kurzen Leimvandröckcn oder im Seidengewand, mit der unausbleiblichen Silberlette um den Hals, alle stark geschminkt, die Burschen im kurze», schivarzcn Rock, eng anliegende» Hose» und spiegelglatt gewichste» faltige» Stiefel», mit einem Rohrstnb i» der Hand. Jedes Dorf bildet eine besondere Gruppe. In der Hanptstcaße des Dorfes und zu beiden Seiten find Lebknchenzclte und dergleichen aufgestellt, zivischen denen Vie Mädchen Arm in Arm auf- und abgehen, während sich die Burschen mit ihren Müttern oder Patinnen an der Seite aufstellen.' Besantwortlicher Reimeteut; Carl Leid in Berlin. Von Zeit zu Zeit bleiben die Mädchen vor dem einen oder dem andren Lebkuchenzelt stehen, als ob sie etwas kaufen ivolllen, that» sächlich aber nur, um den Burschen Gelegenheit z» bieten, sich ihnen zu nähern. Hat die eine vor einem Burschen Gefallen gefunden, so tritt er zu ihr bin, und nun beginnt das erste Gespräch. Der Bursche sagt dem Mädchen, wenn es den Preis des Lebluchens ent- richten will:„Laß sein, liebes Kind, ich werde bezahlen. Wo wohnst Du. mein Röschen?"—„In Ozd. Und Sie?"—„In Baksa."—„Gott erhalte Sie!"—„Auch Dich daneben." Der Bursche duzt das Mädchen, dieses aber redet den jungen Mann mit„Sie" an. Der Bursche kauft dann dem Mädchen ein Glas süßen Früchiesnfts und während das Mädchen ihn langsam ausschlürft, neckt er sie wohl mit den Worten:„Gott soll Dich mir geben." Gefällt der Bursche dem Mädchen, so lautet die Autwort:„So soll es Gott fügen." Nach einer Weile treten dann auch die weiblichen Angehörigen dcS Burschen hinzu, faste» das Mädchen von allen Seiten gut ins Ange und knüpfen ein Gespräch mit ihm a». Von diesem Augenblick an gehen Bursche und Mädchen, Arm in Arm geschlungen, znsainmen herum. Was das Mädchen verlangt, kauft ihm der Bursche. Unvermeidlich ist auch die Fahrt auf dem Ringelspiel, das bei einer solchen Gelegenheit im Dorfe nicht fehlen darf. Mittags gehen dann die beiden jungen Leute zu den kleinen Holzvuden, in denen in offene» Pfannen Schweinefleisch gebraten wird. Man sieht diese Buden, die den Nainen Lacrikonhha führen, auch in größeren ungarischen Städten, besonders an Markltageu; ihren Namen, der die Bedeutnug „Ladislaus Küche" hal, sollen sie davon erbalten haben, daß der stark verschuldete König Wladislans ll. zu Beginn deS sechzehnten Jahrhunderts sein Mittagessen aus einer solche» Bude bringen ließ. Bor dieser Bude nehmen die junge» Leute ans einem Teller ibre Mahlzeit ein, dann gehe» sie zum Tanz. Der Bursche zeigt sich als Kavalier, er unterhält seine AnSerivählte, läßt ihr Speisen und Getränke bringen, zahlt den Zigeuner, damit er ihre Lieblings- weisen spiele und tanzt mit keiner andren, wie auch das Mädchen keinen andre» Vinschen ansehen darf. Vor dem Avschied umarmt dann der Bursche das Mädchen und schärft ihm ein. daß eS ihm treu bleiben möge. Die Hochzeit kommt dann geivöhnlich bald zu stände.— Humoristisches. — Gemütlich. Fremder lerstaunt):„Warum liegt denn hier das Billard und das Klavier ans der Straße?" Wirt:„Ja, wissen S'. eben haben wir de» Klobenbaucr'naus- geschmissen,>veil er kei' Rnah''geben hat... und da sind die Sachen so mit hinans'konnnen I"— — Abhilfe. Frau:„Mein Rann redet immer lo laut im Schlafe— kann mau dagegen nichts mache». Herr Doktor?" Arzt:„Gelviß— lassen Sie i h u a in T a g e a u s s p r e ch e n, gnädige Frau l"— — Auf dem Kinderspielplatz. Dame:„Bei den Großeltern seid Ihr ivohl oft zum Besuch, Kinderchen?" Der kleine Hans:„O, sehr oft— immer, wenn Mama durchgebrannt i st I"— («Fliegende Blätter".) Notizen. — Im S ch a u s p i e l h a u s e geht, voraussichtlich noch in diesem Winter, K a l i d a s a s„ S a k u n t a l a", in der Marx Möllerschcn Neubearbeitung, in Scene.— In demselben Theater findet vom 27. Oktober bis 3. November das Sarah Beruhardt-Gast- spiel statt.— — Das Kleine Theater(Schall und Ranch) wird als erstes abendfüllendes Slück die tragische Komödie„Ackermann", deren Autor seinen Namen nicht nennen will, bringen.— — Björnsons neues Schauspiel„Eine Heuchlerin" ivird im Leipziger Stadttheater am 3. Dezember(an Stelle des für diesen Tag angesetzten Björnsonschen Dramas„Der Lkönig") zu erstenmal in Deutschland aufgcfllhrl werden.— —„Die Liebe zum Nächsten" heißt ein neues vier- aktiges Schauspiel des Norwegers G u n n a r H e i b e r g. daS an den' Nationalb iihneit zu Christiania und Kopenhagen zuerst gegeben werden soll.— —©Harpe ntiers Oper„Luis e" wird Anfang Dezember im O P e r n h a u s e gegeben Iverden; Emmi Dcstinn singt die Titelpartte.— — Im Neuen Königlichen Operntheater(Kroll) wird noch vor Schluß der Sonnner-Operctten-Saison eine Novität „Die ledige Frau" ihre Erstanfführung erleben. Richard Haller, der Komponist der Operette, wird bei der Prnniere selbst dirigieren.— — In Venedig soll der zerstörte Glockenturm durch einen dem alten nahezu gleichen neuen ersetzt werden, dessen Bau dem Staate 2 Millionen Lire koste» wird.— — Eine wissenschaftliche Expedition nach Rhodos wird dieser Tage von Kopenhagen abgehen.— Druck unv Verlag von Max Babing in Berlm.