Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 185. Dienstag, den 23. September. 1902 Mackdruck-«Voten.! 181 Vie Sksdk. Roman von Nicolaus Krauß. Ter den Ausruf that, war ein junger Gerichtsadjunkt mit schwarzem, aufgedrehtem Schnurrbart und sorgfältig gezogenem Scheitel. Die harte Aussprache verriet den Prager. Wroblensky bemerkte ernst: „Sie sind ja noch nicht lange hier, Herr Adjunkt, es könnte aber nichts schaden, wenn Sie sich so allmählich mit den Verhältnissen des Amtsbezirkes bekannt und vertraut machten. Weil wir unter uns sind, Herr Kollege dtlima, möchte ich Ihnen auch noch den Rat geben, am Biertisch mit Ihrer Meinung nicht in der Weise herauszugehen. Wir müssen den Volkscharakter studieren, aber nie gegen irgend etwas voreingenommen erscheinen. Das giebt uns dann den Nimbus, den wir brauchen. Den Egerländern zu imponieren, ist nicht so leicht; da ist jeder ein Rebell, wenn er sich, auf den ersten Blick, manchnml auch etwas anders giebt... der Führer jener Leute, der Schlosser... Schlosser.. „Uebigau!" fiel Sturm ein. „Ja ivohl... Uebigau, genießt übrigens, wie mir ge- sagt wurde, in der Stadt allgemeine Achtung." „Ein Künstler ist er, Herr Rat! Seine getriebenen Arbeiten gehen nach München und Stuttgart. Die neuen. schönen Balkongitter in Marienbad stammen alle aus seiner Werkstatt... Der Adjunkt trank im Zorn sein Bier aus. Die Uhr schlug halb eins. In der Glasthür erschien der Zapfer, schlenkerte mit den nackten Armen, drehte die Handteller nach aufwärts und sagte feierlich: „Aus i's l" Allsogleich erhob sich der Wirt. „Guten Abend, meine Herren!" Er ging nach rückwärts, um mit dem Zapfer über das Bier abzurechnen, das man über die Gasse geholt hatte. »* Eine Stunde später saß der Wirt am Mitteltisch unter der einzigen Gasflamme und las in einer Zeitung; ihm gegenüber ein bahriichrr Maschinenführer, der soeben mit seinem verspäteten Abendessen, Nürnberger Preßsack und trockenes Schwarzbrot zu Ende gekonlmen. Der alte Klarner schnarchte in seiner Ecke.s Sturnr legte die Zeitung fort und fragte: „Gehst D' heute wieder Wasser trinken Ter Bayer fuhr sich durch den buschigen Schnauzer, schnippte eine Krume von feinem Rock und schnaubte: „Natürli!... Siehst ja, daß ich's schon wieder mit der Luft Hab'!... Da Hilst nur„Waldquell"..." „Dann geh' ich mit... Eine Auslüftung kann nichts schaden... Bei Tage konunt man ja so nicht dazu..." Er nahm einen andern Rock vom Nagel und griff nach Stock und Mütze. „Den Schneider sperren wir ein; der sägt noch bis ich wiederkonim'.. Die Stadt schlief; selbst das sonst immer lebendige Iln- geheuer; der Bahnhof. Zwischen Himmel und Erde lag ein milchiger Schein, der das Sehen ermöglichte. Schweigend schritten die Männer; durch's Oberthor, dann rechts abbiegend. Der niederständige Bayer schnaufte. Auf dem Theatsrplatz knöpfte sich Sturm den Rock auf. „Ganz lau ist es!... Wie die Linden riechen!" „Glaub's I... Hab' aber alleweil den Steinkohlen- und Oelgeruch von der Maschin' in der Nasen. Riech' nichts andres mehr." Aus den Gärten stieg ein frischer Hauch. Selleriegeruch und der scharfe Duft blühender Zwiebel. Irgendwo runipelte eine Kugel, fallende Kegel klapperten nach. „Hazardspieler?" fragte der Bayer. Sturm nickte. „Wer weiß, wen das Gesindel heute wieder absied't, daß er Zeit seines Lebens daran zu denken hat!" „Der Kaustnann Schwcbcrl soll ja bankrott sein, Hab' ich heut' gehört.. „Ja!... Immer dieselbe G'schicht' i... Da kommen sie her und haben nichts; dann heiraten sie und kriegen was. Jetzt wird ein Laden aufg'macht. Die Verwandtschaft Hilst dazu, es geht. Das Geschäft wird größer... jetzt ist der Teufel los. Eine Jagd wird gePacht' t, man fängt zu spielen an. Erst klein. Dann, was kreuzmöglich ist. Auf einmal ist der Krach da. Der Lump bringt sich um oder verschwindet, Frau und Kinder fallen der Verwandtschaft zur Last... Net einmal, zehnmal Hab' ich's mit angesehen!..." Auf dem Rahmberg nahmen sie für eine Weile auf einer Bank Platz, die um den Stamm einer alten Linde lief. „Jetzt fahr' ich fünfzehn Jahr, jeden dritten Tag, nach Eger," hob der Maschinenführer an.„aber die Stadt könn' ich noch immer nicht... Ich komm' in der Nacht und trink' mein Bier. Was mir vom Tag bleibt, muß ich verschlasen, weil ich wieder fort muß." „Geht mir auch bald so!... War' ich hier net auf- gewachsen... ich kennt' mich schier in Rom bester aus, als in der eigenen Vaterstadt"... „Dreißig Jahre war ich schon nicht in der Heimat... Man wird selber zur Maschin'... Und hat nichts, wie das bis'l Leben!" Beide schwiegen. Totenstill war es ringsum. Nicht ein Blatt rührte sich am Zweige. Die Bastei sah man noch zwischen dem Gitterwerk der Bäume hindurch, was dahinter lag, ver- schwamm im Grau. Mit einem Ruck erhob sich der Führer. „Gehst d' mit?... Ich muß morgen"— er lachte gezwungen—„heute... um neun Uhr wieder frisch sein.. „Geh' nur!... Ich will mir wieder einmal die Stadt anschauen, wer weiß.. „Faxen I... Last' Dir das nicht in den Kops kommen! Wegen Dein' Bein kannst noch ein alter Jud' werden I... Krampfadern! Wenn ich sonst nichts hätt'!... Adje, Sonn- tag komm' ich wieder..." Sie trennten sich, der Bayer ging den Weg, der nach dem Walde und der Quelle führte, Sturm wandte sich dem Mühl- thor und der Stadt zu. Ueber der Nahm und der Eger lag leichter Nebel. Der Geruch der bleichenden Wüsche konnte nicht auskommen, Rosen und Nachtviolen rangen ihn nieder. Hinter den Gärten das erste Leben; drüben, beim„Schustersprung", krähte ein junger Hahn. Er druckste und druckste, die Stimme überschlug sich. Wie ein Gemurmel, das nach oben steigt, um wieder tief einzusetzen, kam das Rauschen der Wehre. In der Mühl- gaste kein Laut. Das Thor bei den Kreuzherren stand offen, umgestoßene Fässer lagen im Hose, es roch nach schalem Bier; in der„Hölle" mußte es wieder einmal sehr lange gedauert haben. lieber die Brücke ging Sturm schneller; der Nebel war hier dichter, die Gerbereien verrieten ihre Nähe. Dann kam die ansteigende Straße durch die Vorstadt. Kein Hund schlug an. Vor den Scheunen lagen Halme und abgerissene Nehren. Auf dem Berge suchte Sturm nach der Steinbank. Er ließ sich nieder und lehnte sich an den Stamm des jungen Ahorn. Rechts, vor dem Hohlweg und dem„Schlößchen". ein altes Gemäuer. Hier endeten die„armen Sünder", als die Stadt noch den Blutbann hatte. Er erinnerte sich jenes jungen Blutes, das. wie die Chronik erzählt, mit einem Kranz Rosen auf den blonden Locken im Tanzschritt zum Hochgerichte ging. Um seine Richter zu ärgern. Nur darum. Ein Riß im Bein und ein nachfolgendes Zucken ließ Sturm an sich denken... Wie erschöpft er von dem bißchen Gehen war!... Am liebsten hätte er sich gleich auf dem Rain ge- legt... In der Schänke war er doch auch immer auf den Beinen!... Ach was. das war jedesmal so. im Hoch- sommer, kurz bevor er auf Reisen ging... Nein, nicht so!... So müde, so am ganzen Körper wie zerschlagen, hatte er sich noch nie gefühlt. Da, der Stock zitterte unter der aufgelegten Hand!... Er hob den Arm und streckte ihn. Es that ihm weh und er ließ ihn gleich wieder sinken. „Ein freier Mann?" flüsterte er.„Alt bist du geworden. Christof, und ein Krüppel!..." Er sah nach der Stadt. Der Nebel war im Steigen. Das alte Schloß erschien wie eine schwarze Kugel. Vom Bahnhof her blitzten einige Lichter, der Ueberrest jener bunten Illumination, die in jeder Nacht ihren Schein bis an den Himmet warf! Seine Vaterstadt!... Wie hatte er sich nach ihr gesehnt, draußen in der Fremde! Doppelt schwer war ihm der Dienst geworden. Und als er dann frei gekommen— kurz vor Marienbad war es— umarmen hätte er ihn mögen, der zum erstenmal wieder seine Sprache sprach. Und wenn er auf dem stapitol in Rom stand und hinabsah auf die Zeugeir vergangener Jahrtausende, mußte er da nicht immer des „Wastels" gedenken, der auf seinem Bronnen Wache hielt seit Jahrhunderten in dem schwarzen Nest droben an der bayrisch- sächsischen Grenze? „Dummheit!" Immer mehr versank der einsame Mann ins Grübeln. Wenn er draußen krank wurde? Oder totkrank nach Hause kam?... Die Verwandtschaft würde sich schon sehen lassen I... Ja, auf eine halbe Stunde... Nein, er hatte nicht einen Menschen, der sich seiner annahm... Der freie Herr!... In ein Spital gehen?... Eiskalt lief es ihm über den Rücken. Und gleichzeitig merkte er, daß ein frischer Wind sich aufgemacht. Wenn die Försterin... Vom Bahnhof kam der tiefe Ton einer sächsischen Loko- motive, an dem einen Turmknauf der Nikolai-Kirche glomm ein Funke. Ueberrascht blickte Sturm auf. Ueber dem Massiv des Misergebirges stand die Sonne. Die Nebel wallten und zerquirlten, die Stadt lag vor ihm. Wie ein breiter Graben der Marktplatz. Eng wie Schluchten die Schul- und Steingasse. Trutzig und wie für die Ewigkeit Verankert das alte Schloß. Da neigte der einsame Mann das Haupt auf die Hände, die den Stock umschlossen, und weinte.—(Forts, folgt.) Die Aebeikee-DoepkeMmgen im W> i e n e v Vueg-TheAkee. Die Theoternarreii sind in Wien eine alte und von den Macht- habern jederzeit geförderte Zunft. Schon nn Vormärz fand man es klug, dem Volke statt der Freiheit und des Brots gute Spiele zu spenden und die leichtlebigen Wiener fanden sich mit diesem Trost lange genug ab. Die Theatcrmanie ivar damals überall in Europa zu Hause, aber in Wien hatte sie eine besonders günstige Stätte. Das empfängliche Naturell des Wiener Volkes, seine Freude nn bunten Aenßerlichkeiten, die unbesorgte, sanguiniiche Art seines Ge- nießens waren die richtigen Bedingungen für die Entstehung eines inter- essierten und dankbaren Theaterpnblikums und der Reichtum der Habs- burgischen Dynastie machte es leicht, die Hoflheater zu Bühnen ersten Ranges zu erheben. Man darf auch nicht vergessen, daß die Habsburger damals noch eine deutsche Fürstenfamilie ivaren und ihre Ver- pflichtnngen gegen die Nation doch auf irgend eine Weise erfüllen mutzten. In derselben Zeit, da die geistige Produktion in Oestreich und die Einfuhr litterarischer Genntzmittel aus dem deutschen„Aus- land" mit niederträchtiger Biitlelgeivalt gehindert ivnrde,. bewies das herrschende Haus die stärkste Opferwilligkeit, um das Burg- theater zum ersten Schauspielhaus Deutschlands zu machen. Seither hat sich manches geändert. Die Habsburger sind heute eine Faniilie, die sich je nach Ort und Zeit zur magyarischen oder zur merkwürdigen„ustreichischeu" Nation bekennt, deren einziges Kennzeichen eben die angenehme Thatsache ist, unter dem Habs- burgischen Sccptcr zu leben. Die Verwaltung des kaiserlichen Ver- mögens ist sparsamer, ja bis zur Knauserei berechnend ge- worden— so fällt zum Beispiel der herrliche Prater ihrem spekulativen Geist zuni Opfer und wird parzelliert— das enge Haus am Michaclisplatz, das alte„Bnrgthcatcr" mit seinen stolzen Er- innerungen und seiner wohlgehüteten Tradition ist seit mehr als einem Jahrzehnt niedergelegt und ei» stiinimingslöscr Prunkban am Franzensring hat seine Aufgaben übernommen. Der„berühmte" Einlaß beiin Bnrgtheater, das stundenlange Gedränge am Kasseneingang lebt nur im Gedächtnis einer reifen Generatio» fort. Das neue Haus hat mehr Fassungsranm und weniger Anzichungskraft. Eine Reihe schlechter Direktoren hat den Verfall des Rcpcrtoirs und die Zcr- störung des berühmten Schauspieler-Ensembles herbeigeführt oder doch nicht zu hindern vermocht. An der Bildung des Repertoires arbeiten ja verschiedene Einflüsse mit— die berüchtigten„Komtcssen- stücke", harmlose, tugendhafte und langweilige Nichtigkeiten sind ein unaustilgbares Element des Spielplans— die grotzcn Schauspieler der alten Zeit sterbe» zum großen Teil und von den Ueberlebenden find viele zu Mumien vertrocknet. Die neuen Schauspieler aber finden sich in dieser ehrwürdigen Gesellschaft nicht zurecht. So geben die meisten Vorstellungen ein Bild, aus dem störend grelle Töne auf einem verblichene» Grunde erscheinen. Noch immer hat das Bnrgtheater sein Publikum. Aber es ist erheblich„vornehmer" geworden. Die wiederholte Verteuerung der Plätze hat auch das mittlere Bürgertum allmählich auf die Galerien gedrängt, das KIcinbürgerlum sogar so gut wie ausgeschlossen. Die Po« pularitäl deS Burgtheaters hat natürlich darunter sehr gelitten. Der Theaterenthusiasmns der Wiener wird überhaupt heute nur mehr künstlich erhalten durch die lancierten Notizen der Direktoren der Privattheater und die in das Privatleben der Künstler hinab- steigenden Schnüffeleien der Schmocks in den bürgerlichen Zeitungen. Die Not der Zeit, die ivirtschastlichen und politischen Käinpse haben dem Volke der Phäakenf einen ehedem ungekannten Ernst eingehaucht, einen Ernst, der freilich mehr den Charakter indolenter Verdrossenheit hat als den des sittlichen Verzichts auf flüchtigen Genutz. Die Erkenntnis, daß das moderne Burgtheater den Znsammen- hang niit dem Volke verloren und aufgehört hat ein Kultursaktor in Wien zu sein, hat den letzten Direktor Burckhard zu einem be- dentungsvollen Reformversuch veranlaßt. Burckhard, ein schlechter Theaterleiter, aber ein Mann mit kräftigen socialpolitischen Neigungen. richtete iniHerbst1892 billigeNachniittags-Vorstellungen ei». Der teuerste Parkettsitz kostete Gulden, die Galeriesitze 30 und 20 Kreuzer. Die Karten wurden an die Volksbildnngsvereine, an die Schulen und an die Arbeitervereine, an diese durch die Vermittlung der Gewerkschaftskommission abgegeben. Jährlich wurden mindestens 20 solcher Vorstellungen gegeben.' Die Einrichtung bewährte sich ausgezeichnet. Das ungemein starke Kunst- intercssc der Wiener Arbeiter wurde so auf gute Wege geleitet, und das Burgtheater erhielt ivieder ein unbefangenes, nicht blasiertes Volkspublikum. Zehn Jahre bestanden diese Nachmittagsvorstellungen. Aber in den letzten Jahren, seitdem Dr. S ch l e» t h e r die Direktion des Burgtheaters übernommen hatte, ivaren sie immer schlechter ge« worden. Die. Preise waren.verteuert worden, doch die Vorstellungen waren oft geradezu skandalös. Herr Schlenthcr stellte am Sonntag« nachmittag seine schofelste Garnitur aus. Anfänger und abgetakelte Episodisten gaben Hauptrollen. Das ursprüngliche klassische Repertoire wurde immer mehr mit Halm und Birch-Pfeisfer versetzt. Die Jnscenierung ivar schauderhaft. Wenn einmal bessere Schau- spieler anftraten, durften sie ihre Unlust über den Verlust der freien Nachmittags ungehindert durch nachlässiges Spiel dokumentieren. Kurz, für das Volk ivar das schlechteste gerade gut gcimg. Trotzdem erregte es eine allgemeine Entrüstung, als die Hof- theater-Jntendanz im Juli dieses Jahres plötzlich verlantbarte, die Vorstellungen am Sonntagnachmittag seien in Zukunft abgeschafft. Dafür werde man den dadurch Betroffenen an Sonnabenden und Sonntagen von 17 Wochen zu den Abendvorstellungen eine Anzahl Galerieplätze zu ermäßigten Preisen einräumen. Die Rechner der Intendanz und Herr Schlenther selbst behaupteten, die Refornr sei für die Arbeiter vorteilhaft. Ernsthafte Argumeute bekam man nicht zu hören. Herr Schlenther sagte z. B., die Abschaffung der Nachmittags- Vorstellungen sei notwendig, weil auch H o f r ä t e die billigen Logen und Parkettsitze in Anspruch genommen hätte» und er berief sich sogar auf das s o c i a l i st i s ch e P r o g r a m m, das die Sonntagsarbeit der Theaterarbeiter verbiete. Die k. k. Hoftheatcr-Jntendanz und Herr Paul Schlenther als Schützer des socialistischen ProgrmninS— eine so bezwingende Komödie hatte das Bnrgtheater schon lange nicht aufgeführt. Die socialdemokratische Arbeiterschaft erhob Einspruch gegen die Neuerung. Die„Arbeiterzeitung" wies i» einem polemische» Feld- zug die Nichtigkeit der dafür vorgebrachten Gründe nach und die Plenarversamminug der Wiener Gelverkschaften, die 34 000 organi- sierte Arbeiter vertritt, forderte in einem Protest die Zurücknahme der Maßregel. Der»»erwartete Widerstand der Arbeiterschaft, vielleicht auch die Befürchtung, daß die Angelegenheit im Rcichsrnt beim Titel: Hofstaat zur Sprache gebracht tverden könne, machte die Hoftheaterbehörde geneigt, ihre Verordnung zu revidieren. Sie setzte sich mit der G e tu e r k s ch a f t s k o m m i s s i o n.und mit den Bevollmächtigten andrer interessierter Körperschaften ins Einvernehmen und eS kam zu einer Vereinbarung, die den Arbeitern erhebliche Vorteile gewährt. Zwar bleiben die Nachmittagsvorstellnngen aufgehoben, aber an 17 Sonntagabenden werden die verfügbaren Galerieplätzc aus» schließlich für die örganisierten Arbeiter reserviert. Die Arbeiter erhalten ferner Garderobe und Theaterzettel umsonst. Die Zahl der zugewiesenen Sitzplätze beträgt 360, die der Stehplätze 200, was gegen die früheren Ziffern ein bedenteudes Mehr ergiebt. Die neue Einrichtung giebt den Arbeitern jedenfalls die Gclvißheit, daß sie vollwertige Vorstellungen zu sehen bekomme». Die Intendanz macht auch kein schlechtes Geschäft dabei, da die Sommermonate, in denen Begünstigung gilt, den schlechtesten Besuch aufweisen und die idealistischen Arbeiter so für die Bequemlichkeit des zahlungsfähigeren Publikums aufkommen werden. Schon die erste Arbcitcr-Vorstellung neuen Stils hat dies gezeigt. Es tvurdc Goethes„Faust" gegeben. Logen und Parkett waren halb leer, die Galerien ausverkauft. Hoffentlich behält die Hoftheater-Verwaltung die kleine Lektion Socialpolitik, die ihr die Wiener Arbeiter eingepaukt haben, im Kopfe.— _ o. p. Kleines Feuilleton» — Ein Ricseudrache für meteorologische Beobachtungen am Südpol. Die„Kölnische Zeitung" schreibt: Der Luftdrache, dieses altbekannte Kinderspielzcug, hat seit Jähren Verwendung in der Meteorologie gefunden, lim Anfzeichnungeii mittels selbst- reMricrender Justnimente aus den höhten Luftschichten zu erhalten. Dre schottische Südpolar-Expedition wird nun einen solchen Drachen von grohen Matzen zur Erforschung der hohen Luftregionen der siid- lichcn Polarzone verwenden. Dieser Drache hat die sogenannte Hargraveform, nämlich die Gestalt eines Kastens mit Bambus- stangen von 7 Fuß Höhe, 6.5 Fuß Breite und 3 Futz Tiefe. Das Ganze ist an zwei Seiten offen und an den übrigen mit leichtem Stoff überkleidet. An der mittleren Vertikalstange ist die Schnur be- festigt, die aus dünnem Klavierdraht besteht, wie er gewöhnlich bei den Tiefseemessungen verwandt wird, und der bei geringem Gewicht ungemein grotze Zerreitzungsfestigkeit besitzt. Versuche ergaben, datz der Drache ohne Schwierigkeit bis über 1,9 Kilometer in die Höhe gebracht werden kann, man hofft indessen sein Steigen bis 5 Kilo- meter über den Seespiegel zu bringen. Da? Einziehen des Drahtes mittels einer Handwinde erwies sich schwierig, man hat deshalb einen Motor angebracht, der diese Arbeit rasch tind sicher ausführt. Die meteorologischen Instrumente sind an einem Draht unterhalb des Drachens aufgehängt, und zivar bestehen sie aus einem Wärme- und Feuchtigkeitsmesser, deren Angaben auf einer durch ein Uhrwerk ge- drehten Trommel aufgezeichnet werden, und einer photographische» Kamera, die senkrecht nach abwärts gerichtet ist. Die Ocffnung der- selben zu beliebiger Zeit, um Augenblicksaufnahmen zu erhalten, ge- schieht mittels Stromschluffes durch den Draht. Man darf von der Anwendung dieses Drachen wichtige Aufklärungen über die mcteoro- logischen Verhältnisse der oberen Luftschichten der südlichen Polar- ge'genden erwarten, um so mehr, als man von diesen bis jetzt noch nichts weitz.— Theater. Schauspielhaus..Schnapphäh ne." Ein Sommerspiel vom Rhein von W. B l o e m.— Ein„Sommerspiel"? DaS soll ivohl so viel heitzcn wie: Nun, bitte recht freundlich! Man höre mit ge- wogencm Sinne, in ivie hübschen Versen der junge Liebhaber von den Lüften und Düften, vom Blau des Himmels und seiner eigenen blauen Liebe erzählt; man gedenke, ivie schön zur Sommers- und zur Liebeszeit die Welt— noch obendrein die Welt am Rhein— ausschaut, und tröste sich nnt diesen guten Dinge», tveim ein Drama kein Drama ist. Im übrige» wird durch die alterprobtesten Spätze für die Erheiterung eines hohen Publikums gesorgt sein. Und wirklich amüsierte sich am Freitag das Publikum des Schau- spielhauscs ausgezeichnet, und rief den Sommerdichter»ach jedem Akte dankbarst vor den Vorhang. Obendrein, für tiefere konservative Naturen welch eine annmtige Shmbolistik I Das Bauernpack, das in einer Schenke über einen Raubritters- knecht mit Fäusten und Stühlen herfäüt, wird durch das blotze Peitschcngcknall eines reichen Kaufherrnsohnes im ersten Aufzug schleunigst in die! Flucht getrieben, und im letzten dürfen wir uns der Versöhnung von bürgerlichem Pfcffersock und junkerlichem Schnapphahntuni andächtig erfreuen l Der junge Bursch aus dem Geschlecht der Nettekoven— schon der klangvolle Name nist den Gedanken an alle Vorzüge von barer Zahlung in der Phantasie des Hörers wach— reicht der Falken- burgerin, dem wilde» junkerlichen Edelfalken, die Hand zum Bunde. Ter Dichter selbst verfehlt nicht, uns leise und diskret auf die innere Bedeutsamkeit des Vorganges hinzuweisen. lind in der That, ivelch' grotznrtige Perspektive, dag sich die Tugenden des Geldes und die des adligen Geblüts vermählen! Was wäre Deutschland heute noch olmc dicscu Bund der Edelsten und Reichsten? „Im Jahre V27S, im ersten Monat der Regierung Rudolfs von Habsburg", unmittelbar nach der Verkündung des Landfriedens, be- giebt fsich die Geschichte. Zur Kumctz der Bauern ist einer der Knappen des Falkenburgers mit dem Edclfränlein. das ein Gelüste» spürt. den Pöbel ciunial aus nächster Nähe anzuschauen, verkleidet hergeschlichen. Cr tvird entdeckt, man tvill ihn» an den Kragen, als plötzlich jener Pcitscheuhcld, der junge Kaufniauussohn, erscheint. Tic Flucht der Bauern vor seiner Knallerci ist noch in andrer Beziehung von symbolischer Bedentsarnkcit. Kein Mensch versteht, warum sie vor dem Bürschchen, mit dcrn sie doch im Hand- umdrehen fertig werden könnten, auseinanderlaufen? Sie thiur es eben. Damit fertig! Es ist ein Zeichen. wie es dann überall im Stücke hergehen wird, ein stimnmngsvoller Anfakt, eine Mahnung, uns über die gemeine Welt der Wirklich- und Wahr- scheinlichkeite» zu erheben. Wciur die Bauern um nichts und wieder nichts ausreißen, warum soll sich der Kaufmannssohn und Retter aus der Not dann mit demselben Recht nicht auch beim ersten Blick in das ganz nnausstchlich-hochfahrende Ritterfräulein sterblich verlieben? Warum soll er, nachdem sie auf hdie Burg zurückgekehrt, nicht mutwillig einen Kampf mit dem Raubgesindel provocicrc», einzig in der Hoffnung, bei der Gelegenheit einen Ge- faugenen zu machen, den er dann gegen das Töchlerchen des Falken- burgers auswechseln kann? Und warum soll dann nicht auch alles übrige just so passieren, wie es in dem Stück sich zuträgt? Bei dem Gefecht wird der junge Mann verwundet und auf die Bürg ge- schleppt, dafür hat er den Vorzug, hicrselbst von dem Fräulein ge- pflegt zu werde». Natürlich liebt auch sie ihn, aber die Heirat muß bis zum Schlüsse des Theaterabends hinausgeschoben werden. Also erweist sich das Fräulein, sobald der Kaufmannssohn gesundet ist und sich ihr näher» will, nur um so unausstehlicher, versetzt ihm eine schallende Ohrfeige und läßt de» Arme» obendrein ins Burg- verließ sperren; a l s ö marschiert ei» vielgefopptcr Nebenbuhler auf. und' eine heiratslustige alte Junker-Jungfer; also iverden wir des langen und breiten mit der Hungerei und den großen Gelagen in dem Raubrittenicsie unterhalten; also mutz zu guterletzt auch der Kaufmannssohn in dem Gefolge der Schnapphähne zu einem Ueberfall ausreiten. Als Beute wird ein Gefangener auf die Bühne gebracht. Und siehe da. es ist kein andrer als der alte, reiche Nettekoven, der mit dem alten Falkenburger dann zusammen— die Hungerei hat diesem schließlich sein Raubritterhandwerk gründlich verleidet— dem hoffnungsvollen Paare den väterlichen Segen erteilt. Als ganz besondrer Reiz schienen übrigens die modernen Kraftausdrücke, mit denen der Dichter die glatt versificierten Reden der mittelalterlichen Herrschaften reichlich gewürzt hat, vom Publikum goutiert zu iverden. Je billiger, um so wirksamer I Gespielt ivurde mit einem Eifer, der einer besseren Sache würdig gewesen wäre. Ohne diese sichere Kirnst, die auch ans den dürftigsten Pointen noch etwas herauszuholen wußte, wäre der Erfolg deS Stückes wohl selbst im Schauspielhaus zweifelhaft gewesen.— db. Deutsches Theater.„Stichwahl", Burleske in einem Akt von Max Dreher.„Der Schatzgräber", Bauern- komödie in drei Akten von Carlot Neuling.— Als der Vorhang nach dem letzten Akt des Renlingschen Stückes gefallen, Hub in dem Zuschauerraum ein leidenschaftlich erbitterter Kampf der Klatscher und Zischer an, ivie man ihn seit den Zeiten der freien Bühne kaum erlebt. Lag es daran, daß ein klatschendes Händepaar es im Schall« effekt gut und gerne mit drei zischenden Zungen aufnimmt, oder daran, datz ivirklich vielmehr Hände als Zungen sich an dem Streit beteiligten, jedenfalls behaupteten die Reuliugianer gegenüber den Entrüsteten soweit das Feld, datz der Schatzgräberpoct mehrmals erscheinen und sich verneigen konnte. Ein ordentlicher Entrüstungs» stürm erlveckt immer gemeinhin für den Gegenstand desselben ein günstiges Vorurteil. Man denkt: Wo soviel Rauch, da muß doch auch ein Feuer sein; um nichts und Ivider nichts iverden sich die Leute doch nicht aufregen; der Mann muß irgend etwas, das von dem Maß des traditionell Gewöhnliche» abweicht, an sich haben. Aber leider Gottes, hier war wirklich nur Rauch. Gewiß, Herr Neuling behandelt in seinem Stücke die natürlichen Dinge mit grotzer Ungeniertheit, ohne jede Prüderie. Aber ist das heutzutage irgend etwas Ungewöhnliches. ettvas Kühnes und Originelles, um das ein Demonstrieren für und wider sich lohnen würde? Dann hätte doch in dieser Ungenicrtheit ein bißchen wirkliche Poetcnkraft und Laune stecken müssen I Aber Herr Neuling wußte die heikel-hcitere Komödicu-Situation, auf die es ihm ankam, weder lustig vorzubereiten, noch sie lustig zu steigern und zu entivirren. Einem verliebten und abergläubischen Bäucrlein wird eingeredet, datz er vier Wochen lang in mönchischer Enthaltsamkeit zu leben habe, was die verliebte Bäuerin nun ganz und gar nicht zu begreifen vermag. Das kann sehr komisch sein, wenn einem ettvas dabei einfällt. Was hätte z. V. Anzengrubcr ans einem solchen Stoffe machen können? Bei Neuling aber bleibt das alles öd und unfruchtbar. Weder mit dem Aberglauben noch mit der verhinderten Liebe weiß er ettvas Rechte anzufangen. Die Trümpfe, die er in der Hand hat, sind ungeschickterweise schon im ersten Akte aufgedeckt, und weitre Ueber- raschungen als die, die jedermann so ungefähr voraussieht, sind nicht vorhanden. Ein Lump von Korbflechter, der mit allerhand Sympathie- Mitteln die Kühe kuriert und darum in dem Odenwäldcr Dorf als Wnnderthäter gilt, macht sich an das Frauchen eines Großbauern heran, tvird aber tüchtig von ihr abgeblitzt. Mit endlosen Um- armungen, da sie zur Schwester reisen muß, sehen wir sie von ihrem geliebten Bauern Abschied nehmen. Der hat inztvischen in seinem Acker ein kleines Stückchen Gold gefunden, und meint, da müsse nun ein Schatz verborgen liegen. Der Korbflechter soll ihm die nötigen Zaubertränke, die zu der ordnungsmäßigen Hebmig des Schatzes gehören, zusammenbrauen. Das tvill der Mann auch gerne thun, aber für nichts, ist nichts. Das Werk kann nur gelingen, er« klärt er hinterlistig, wenn der Xaver ein Kenschheits- und Verschiviegenheitsgelübde für vier Wochen ablegt. So lange Zeit tvird genügen, kalkuliert der Lump, um dem Bauern seine dralle Anncüiarie abspenstig zn machen. Natürlich ist die Bäuerin nicht wenig erschrocken und empört, bei der Ätückkehr ihren verliebten Xaver in völlig vergletschertem Zustande �anzutreffen. Vergebens all' ihre zärlichen Attacken I Der Korbflechter, der sich inztvischen im Hause eingenistet hat, muß irgcndtvie dahinter stecken, das ist ihr klar. Sie haßt den Burschen, aber das Allereinfachste zn thun, nämlich dem Bauern von den Nachstellungen zu erzählen, mit', denen derLump sie schon früher verfolgt hat, fällt ihr nicht ein. Dies Schweigen ist ivomöglich »och gekünstelter als die Voraussetzungen. Schließlich bringt eine Liebste des Zauberkünstlers— die als unbefleckte Jungfer ein Zanberhemde für den Bauern spinnen sollte— die Geschichte ans Licht, und dem Kerl geht's nach Verdienst. Er wird vom Bauern in einen Sack gesteckt und in den Saustall geworfen. Blaß und mager wie die Erfindung ist auch die Zeichnung der Per- sonen. Am ehesten hatte noch die Jungfer Rosine etwas wie eine individuelle Färbung vom Dichter mitbekommen. Dem Bauer und dem Korbflechter konnten selbst V a s s e r m a n n und Fischer keine konkret bestimmte, glaubhafte Physiognomie verleihen. Ganz reizend, aber ohne Verdienst des Poeten, lvar Else Lehmann als Bäuerin, lieber ihrem munter-schellnischen Spiel konnte man zeitaieis beinahe die grobe Unnatur der Scenen vergessen. Der Dreyersche Einakter„ S t i ch>v a h l", der wegen Censur« schwierigkeiten, wie es hieß, in der vorigen Saison zurückgestellt iverden mußte, hat einzelne sehr lustige Wendungen, da und dort sogar etlvas politischen Pfeffer. Das sind Dinge, für die man den» auch einige gediegene Unwahrscheinlichkeitcn schon mit in Kanf nehmen kann.' Eine so wichtige Person, die Mutter Jhling mit ihren sieben wahlfähigen Söhnen, Über die sie»nnmschränkt das Szepter schimngt, in dem Mecklenburger Landwahlkeis auch sein mag, je hundert Mark wird sie vom liberalen wie vom konservativen Wablagitator denn doch beim besten Willen wohl nicht habe» heraus- pressen können. Indessen darauf kommt es ja nicht an. Das poli- tische Ausehen zu dem die resolute Wirtin durch das stattliche Fähnlein ihrer sieben Söhne plötzlich gelangt, die Art, wie sie umworben wird, und wie sie, Baargeld witternd, auf den Geschmack an Politik kommt, das alles ist höchst drollig, zumal in den erste» Scenen. Frau v. P ö l I n i tz gab die Alte, die, nachdem sie beide Parteien ordentlich ausgebeutelt, mit großartiger Toleranz ihre Söhne ivählen läßt, wen sie wollen, und sich selbst als—„liberal-kouservativ" erklärt, ausgezeichnet. Vorzüglich ivareu auch die Mecklenburger Bauern, mit ihrer bedächtigen Wahlphilosophie, die erst dem konservativen Lands- mann und Domänenpächter und dann dem quecksilbern flinke», liberalen Herrn Doktor aus Berlin halb mißtrauisch, halb überzeugt zustimmen. Hans Fischer brachte in dieser Rolle einen wirklichen Ideal- Berliner heraus. Wie er mit stürmischer Beredsamkeit die Leute einwickelt, wie er bedauert, nicht selbst ein Sohn dieses herrliche» Ländchens zu sein, wie er init verständnisvollem Äugeublinzeln die Alte errät, sie nimmt, und sein Entsetzen, als er von ihr genommen wird, das war alles doppelt und dreifach niit Spreewasser getauft,— eine Glanzleistung drastisch-natürlichen Humor».— dt. Lessing-Theater:„Der H e e r o h m e.' Ein bürger- liches Drama in 5 Akten von Joseph Laufs.— Der Stoff von ihren 5klöstern, Konvikten und Semmaren für katholische Geistlichkeit entlaufenen Nonnen, Mönchen und Schülern ist schon oft belletristisch und dramatisch verlvertet worden. Er erweist sich auch als äußerst dankbar für die dichterische Behandlung; denn er läßt ja den breitesten Spielraum für Romantik,„spannende' Konflikte und bengalisch beleuchtete Knalleffekte. Wenn inan nun von Max Halbes mustergültiger„Jugend' absteht, hat die Geistlichkeit seit langer Zeit in keinem Drama mehr den Angelpunkt der Handlung hergegeben. Notlvendigkeit hierfür liegt freilich auch nicht vor. Unser socialisti- sches Zeitalter hat eben weit wichtigere praktische und künstlerische Aufgaben zu lösen. Man läßt daher mit Recht die Finsterlinge bei den Finsterlingen stehen. Anders unsre Dichterl Der Mut eines Ibsen und Strindberg, sociale Gesellschaftsthemen aufzn- rollen, geht ihnen gemeinhin ab. Die Furcht und Schen, eS mit der herrschenden Klaffe zu verderben, noch mehr aber die Unfähigkeit, ein sociales Problem anfzngreifen, läßt sie lieber nach Stoffen angeln, die möglichst außerhalb jeder Person- lichen Verantivortung liegen. Weil mm Joseph Lanff hinter sich ein gewiffeS, wenn auch'lvoh'l nur höfisches»nd nnlitaristisches Publikum zu haben glaubte, das jeder seiner bestellte» Arbeiten devotest den Lorbeer des„vaterländischen Dichters" ividmet, ivollte er»ms auch eiinnal.anders' kommen. Leider»nüffen wir, ivenn ivir die tendenziösen Untertöne seines Dramas„Heerohme" behorchen, zu der Vermutuni�gelangen, als habe er auch diesmal bestellte Arbeit ge- liefert. Die konservativ und nationaliniserabel gesinnte„Elite" ivird den» Dichter also Beifall brüllen, denn er hat doch de»„Mut" des Schillerschen„Mamelucken" im„Kampf mit dem Drachen" gezeigt. Dieser„Drache" heißt katholische Klerisei und Joseph Lanff stach mit seinem St. Georgs-Speer ins„schivarze" Nest! Zu diesem heiligen Zweck läßt er Wilhelm Verhage, den Sohn einesArmenhäuslers und Invaliden ans Napoleons I. Fel'dziiaen, dem katholischen Priesterseminar ent- laufen und der iveltlichen Minne fröhnen. Das»värc ja so iveit ganz gut. Run hätte der Dichter aber auch zn zeigen, ob sein Schütz- ling fähig sei, den gordischen Knoten der Pfafferei zn durchhauen und als freier Mann»nit seinen» künftigen Weibe sich ein unabhängiges Leben und eine sociale Existenz zu erkämpfen. Nichts läge näher, als diese Durchführung des Problems. Daß Lanff es nicht gethan, beiucist seine dichterische Unzulänglichkeit zun» ersten. Er läßt Wilhelm, nachdem dieser fünf Akte feurig geliebt und heftig mit dem Dechanten Fridolin um sein Recht als Mensch und als Liebender bis- pntiert hat, von dem Schlviegervater in sp«. Holzschnhniacher Mesdag— totschlagen, totschlagen wie einen Chinesen... Das ist vom künstlerischen Standpunkt ein Zeichen der Schwäche. Aber noch ein zweites und drittes. Joseph Lanff mag seinem Problein nun»nid ninuner anders beikonnncn als„patriotisch"! Die„große Zeit" des anbrechenden deutsch-franzöfischen Krieges muß mit Paukenschlag und Trompetengeschmetter hiileindröhnen. Dazwischen läuten dumpf die Priesterglocken. Wenn das nicht „Relief" und poetische„Stiminung" erzeugt,„Heiliger Biinbam", was denn sonst noch! Eben auf rohe Kontraste, auf prunkende Aeußerlichkeiten kommt es Lanff an. Also Numnier Eins: „Patriotischer" Bürgervercins-Firlefanz mit Bumbum, Fahnen-Jungfrauen, bombastische Reden vom?uror teutoniens und„Wacht anr Rhcin'-Gesinge. Rummer Zivei: kirchlicher Weihrauchduft init frömmelnder Augenverdreherei und orthodoxem Pfaffengezänke. Nummer Drei: plumpe Kontrastierung von handelnden Personen, die nur äußerlich durch Phrasengewäsch und obendrein nach„berühinten Mustern" schablonistisch gezeichnet ivurden. Der von seinen„Helden- thateu" ewig schwadronierende„Invalide" Jacob Verhage, ivie der jüdische„Beschneider und Schlächter" Moses Meyer Spier spuken ja gjon in unzähligen heiteren und tragischen Bühnenstücken herum. nd Ivenn das Publikum vom Premiere-Abend des Laufischeu Mach- Werks jene beiden Gestalten mit wieherndem Gelächter begrüßte, so Verantwortlicher Redacleur: Carl Leid in Berlup hat es lediglich gethan, was man sonst immer zu thun pflegt, sobald man einem alten Bekannten vdn„anno Toback" begegnet. Die vor- geführten„geistlichen Herren" genießen mehr oder minder das gleiche Anrecht, freundliche Biihenbekannte zu sein. Von der unfreiwillig ulkigen Volksversammlung im vierten Akt. von den Kalauern und sprachlichen Gemeinplätzen im einzelnen und ganzen will ich erst gar nicht reden. Ende der achtziger Jahre habe ich Joseph Laufs'bei seinem schönen Aulauf als Lyriker und Epiker zustimmende und er- munterude Worte der Kritik mit auf seinen Weg geben können. Ich war deshalb einigermaßen interessiert, wie er sich seitdem entwickelt haben würde. Angesichts seines„Heerobme" bin ich arg enttäuscht: Lauffs Mache beweist mir nur, wie sehr durch jede' Hofdichterei -in Talent verpfuscht ist. Möge Lauff so weiter dichten I— Was nun die unorganisch geräuschvolle Aufführung angeht, so läßt sich von den Darstellern der Haupt- und Nebenrollen'Günstiges sagen. Albert Patry(Dechant Fridolin), Eduard von Winterst ein lWilhelm Verhage), Adolf Klein(Grades Mesdag). Karl Waldow (Jacob Verhage), Emil Höf er(Moses Spier), HanS Stock (Dr. Hahn). Julius D e p p e(Pastor Terwelp), Willy Peters (Pittje Pittjewitt) und Laura Heuser als Lehrerin Hannecke Mes- dag, des Holzschuhmachers Tochter und Wilhelms unglückliche Ge- liebte, boten im Rahmen ihrer Lanffsche» Schabloneudichterei durchweg Vorzügliches. Der Radau, sonst Beifall genannt, äußerte sich manch- mal ohrenbetäubend. Er belehrte mich aber, daß der„Heerohme" — um ein Witzwort der Madame Sövigns über den Tragödiendichter Racine zu widerholen—„vorübergehen wird wie der Kaffee."— e. k. Musik. „Die Kunst im Leben des Kindes" hat es bei nnS glücklich so weit gebracht, daß nun auch die Schuljungen schon in den Schluß eines Musikstückes bineinklatschen können. Am vergangenen Sonn- abend fand in der Philharmonie das erste„I u g e n d- K o n z e r t' statt, gemacht und geleitet vom Direktor des„Seminars für Musik" Max B a t t k e mit Hilfe des„Komitees f ü r K u n st p f l e g e in der Schule". Wie ich höre, waren die Karten zu billigen Preisen an den Volksschulen verteilt worden und werde» nächstens (am 27. d. M.) den höheren Schulen zu gute kommen. Zum Teil sollen von den Lehrer» vorher Erläuterungen einzelner Stücke gegeben worden sein— unsres Erachtens eine dringend erforderliche Er« gänzung solcher Versuche I Nur müßte unbedingt den Jungen wenigstens eine Ahnung davon beigebracht werden, was Kunstgenuß sein will. und daß er nicht in einer„Hetz" besteht.— Die vor- tragenden Künstler waren solche, die in fachmusikalischen Konzerten etlvas gar zn sehr durch eine extreme Schlichtheit der Darlegung auffalle» würden; in diesem Rahmen ging es eher. Frau Hofopern- sänaerin Therese Gradl leistete ivohl das Bedeutendste jenes Nachmittags, zumal durch die Fülle und AusgegUchenheit ihrer Stimme und durch eine warme Einfachheit ihres Vortrages; darum war ihre Wiedergabe des vorwiegend auf Schlichtheit angewiesenen Wiegenliedes von Brahnis besonders fesselnd. Professor Waldemar Meyer trug einige Stückchen vor. die für seine süße Zartheit gut paßte»; solche Kunstmorde jedocb lvie eine Violin- Transkripuon des Wagnerschen„Abendsternes" sollte» gerade ans einer künstlerischen Erziehung fern bleiben. Kannnersänger C. D i e r i ch— pardo»; freundliche Mitwirkung bei solchen Ereigniffen entschuldigt vieles I Mit dem emschnldigenden Berücksichtigen besonderer Umstände bekommt der Kniistkritiker immer wieder zu thun, und davei soll er auch noch durch diese Umstände hindurch das dauernd Tüchtige und Untüchtige herausfinden. So wird namentlich das Beurteilen neu- engagierter Künstler schwierig. Das Theater des Westens wechselt, im Gegensatz nicht nur zu Hofbühnen sonder» teilweise auch zu volkstümlichen Bühnen, wie dem Central-Theater, alljährlich einen sehr großen Teil seines Personals. So ist nun auch Heuer dort seit einigen Wochen manche neue Stimme eingezogen. Wir kamen bis- her nicht dazu, sie kennen zu lernen; erst die vorgestrige Sonntag- nachniittag-Vorstclliing des„Freischütz" machte uns mit mehreren von ihnen bekannt. Grundzng der Anffi'ihrnng: nicht übel. Regie alt: Jacques Goldberg; er gestaltete die„Wolfsschlncht" neu, sollte uns aber nicht das eigentliche„ivilde Heer" vorenthalten. Kapellmeister neu: Ferdinand Frenze!; dirigiert, wie eben dirigiert wird. Nene Säugeriimen: jugendlich Dramatische Ma- t Hilde Genner h als„Agathe" hat eine volle Stimme und kann manche sehr schöne Töne hervorbringen; einige Mängel aber waren wohl nicht bloß Sache von Be« sangcnheit oder von Indisposition: Falsch singen, übertriebene Dehnungen. Zerreißungen von Phrasen, imeiitwickeltes Spiel. Ent- wickelter ist darin M. Beling- Schäfer(„Aennchen"); sie singt sicherer, aber mit weit weniger runder Stimme.„Erste Braut- jnngfer": Ella Tiburtius, gut; zweite: M. D o in in e r s» d o r f, anscheinend ganz befangen; dritte(auf dem Zettel nicht genannt) bester. Rene Sänger: Tenor F r a n z B n c a r(„Max"); üppige, nur manchmal etlvas rauhe Stimme, doch mit einigen Un- arten. Barhton: Ludwig Hönigfeld(„Ottokar"); etwas flach, holt schlecht Atem. Bässe: Albert Auniann(„Kuno") nichts Besonderes; Emil Lücke(„Kilian") nett; Robert Biber ist („Kaspar") der in Berlin wohlbekannte, hervorragend besonders durch künstlerisches Maßhalten; Gustav Waschow(„Eremit") altes Mitglied, in dieser Rolle gnr am Platze. Franz Spreitzer („Samiel") in seiner Sprechrolle tüchtig. Summa: es geht.— sz. Druck und Vcclag von Vkax Babing ig Berlin.