Wnlerhaltungsblatt des Horwärts Nr. 187. Donnerstag, den 25. September. 1902 Auf- ichub für eine Klageschuld oder neuen Kredit aus Ocl zu bekommen. Ich ivar auch»ickt blind dafür, daß die Siguma, trotz nnsres guten Verhältnisses, ihren Eigeiiniitz in hohem Grade au mir be- friedigte. Die Familie trank von meinem Wein, nahm von ineinem Ocl und Holz, als wäre es ihr eignes gewesen, nnd sie macute mir blutige Rechnungen für Wä'chc. Aber ans der Wäsche duldete sie dafür keinen Fleck»nd betreffs ineiner Sachen koinite ick ruhig sein; es hätte ihre Ehre verletzt, ivenn mir etwas fortgekommen iväre. Bei einigen Gelegenheiten wurde ich zur Familie eiirgeladen, nnd ich kann ivohl sagen, daß man»ach einem solche» Arrangement und solcher Znvereitiing der Speisen lange suchen kann. Wer in Rom nur in Restaurationen gegessen hat, kenm nicht die wirkliche italienische Küche. Das eine Mal fand ein kleines Familienfest statt, weil die jüngste Tochter Rositta von seiner Heiligkeit dein Papste für drei Fahre einen Frciplatz in einein Kloster erlangt hatte, in dem junge Mädckcn erzogen iverdcir. Ich hatte Signora Vittoria gesehen, als sie sich angekleidet hatte, nur zur allgemei»«» Audienz beim Papst zu gehen. Die Frauen dürfen sich dort nur in einfachem schwarz cur Kleide»nd mit einem Schleier aus dem Kopfe einfinde». Aber eine kleidsamere Tracht, als die, in der Signora- Vittoria in einfachem Schivarz erschien, konnte uian wohl nicht leicht finden. Sie battc einen Brief in der Hand. er ivar von der eignen Hand des Papstes ans jener Zeit, da er als untergeordneter Geistlicher die Fannlie gekannt und am Toten- bett ihrer Groß»» Itter gestanden hatte. Daher erreichte sie denn auch den erbetenen Freiplatz. Es war im Herbstanfang des folgenden Jahres, 1870. Man fürchtete oder hoffte, je nach der Parteijtellung, daß Victor Emannel Rom erobern würde, und das Gerücht erzählte, die Bcrsaglieri sollten Marichordre erhallen haben. Signora war in dieser Zeit überaus fromm. Sie und ihre Töcktcr gingen mit dem päpstlichen gelben Bande und ich glaube. sie hätte inciu Vorzimmer in eine Kapelle verwandelt, wenn ich sie nicht daran gehindert hätte. Zu meiner Bedienung, die früher von ihnen selbst besorgt ivar, hatte die Signora mir min einen billigen Lohndiener angewiesen, der am Morgen nnd Abend kam. Eines Nachts ertönte ein seltsames Klopfen an der Außeiithnr; eS hörte sich wie ein verabredetes Signal an, und als es wiederholt wurde, kam die Signora eilig, ohne Licht heraus. Ich hörte an den Tritten, daß jemand ihr ins HauS hinein folgte. Ettva eine Stunde später vernahm ich ein andres starkes Klopfen nnd laute Stimmen draußen. Ick entnahm ans dem. was ick hörte, daß es die Polizei sei, die Einlaß begehrte, und die Signora ant- ivortcte mürrisch, als wäre sie in ihrer Nachtruhe gestört, ganz drinnen vom Schlafzimmer:„Wer da?" Im selben Augenblick öffnete sich meine hintere Thür, und herein trat, eilig und bleich, mit seinen Wachsstock in der Hand— mein Lohndicner. Er ließ mir nicht Zeit, mich von meiner Ueberraschnng zu er- holen, sondern kam mir entgegen und sagte: 747 .Ich bin cht Priester, der AuhäiMr der Freiheit mid Victor Emontiels ist; entdeckt man mich,»verde ich getötet I— Gestatten Sie mir, mich in Ihrem Bett zu verbergen," Das war keine behagliche Situation; aber da er nun einmal an meine Gastfreundschaft appelliert hatte, mustte sie ihre Probe be- stehen. Er legte sich neben mich, bereit, sich unter dem Deckbett zu ver- bergen, und blies das Wachslicht aus. Draußen wurde gelärntt und laut geredet; aber das Verhalten der Siguora mußte sie beruhigt haben. Das Wenige, was ich von ihr hörte, klang sehr empört, daß man von ihrem Hause so etwas annehmen könnte, und sie schien sehr eifrig zu verlangen, daß man auch drinnen bei ihrem Logisherrn revidieren möchte. Gegen mich schien man indessen keinen Verdacht zu hegen, ver- mutlich war ich ihnen seit vielen Jahren bekannt. Als alles vorüber war, zündete der Mann wieder seinen Wachsstock an. nahm schnell die braune Perücke ab, woraus ein etwas kahlköpfiges Haupt zum Vorschein kam und fragte, ob ich ihn wieder- erkenne? Als ich den Kopf schüttelte, nannte er seinen Namen: Andrea Belmonte. Er hätte mich mehrmals in Perugia gesehen, sagte er. und nun wunderte ich ntich, daß ich ihn nicht früher wieder- erkaitilt hatte. Er blieb noch ein paar Tage im Hause verborgen. In diesen ungünstigen Zeilen borte man oft, daß verkleidete Geistliche ergriffen seien, die Anhänger der neuen Ordnung wären und für Victor Emanuel spionierten. Dann kam der 20. Septcmver, der große Tag der EtitnaHtne Roms dnrrv Victor Emanuel! In dieser Nacht verschivaud Andrea Belmonte. Der Papst hatte vicrzchntausend Mann und erklärte, daß er Rom bis aufs äußerste verteidigen wolle. Alte, unbrauchbare Kanonen, die wegen ihres fürchterlichen Donncrns bei den Salutschüssen an den Festlagen berühmt waren, wurden ans die Wälle geschleppt, und ein ganzes Stück der Matter. für das man keine Besatzung Halle, wurde feierlich unter den Schutz St. Peters gestellt. Die Granaten sausten in die Stadt hinein, die Bersaglieri stiirttuett lind es fielen ein paar hundert Mann. Aver das Ende wurde, daß Rom Italiens Hauptstadt ward. Die Farven des Papstes waren plötzlich verichwuttdeit. Bon allen Fenstern und Balkonen hingen italienische Fahnen herab und unter ihttett ivogte enihttsiastiich eine Volksineuge durch die Gassen, während die Luft von„Vivas" für Victor Etnauuel und „la. libertö' erfüllt wurde. Tignora Bittoria und ihre Tochter gingen an diesem Tage in strahlender Stitttmttttg im iver, jede mtt einer Nelke im Haar und Schleifen itt den itcttcii italienischen Farben. Von ihrem Balkon herab hing eine große italienische Fahne, die sie wohl schon fertiggenäht vereitliegea gehabt hatten. Mein Zimmer wurde für eine kleine Festlichkeit zu Ehren des Tages in Anspruch genommen ttttd Signora Vitloria war bei dericlbcn fast ausgelvfscn satirisch. Die eine beißende, blutige Bemerkung über die Hetrichnst folgte der andren. Sic hatte ossenbar das Bedürfnis, der Verstellung und Unterdrückung eines ganzen Lebens Lnkt ztt schaffen. Aver am ttächfteti Tage war alles verändert. Da herrschte im ganzen Hanse eine iellsmue Stille. Sigttora Vitloria ging schwarzgekleidet und fast aschgrau int Gesicht umher, und die Töchter waren verweint und auffallend still.... Man hatte erfahren, daß der Priester Andrea Belmonte im Kampfe bei der Porta Pmtcrazia gefalle» sei.— Kleines Feuilleton» y Nördlich von Thüle. Heute darf für im ivesentlicheii erfüllt gelten die vatd zwei Jahriattiende alte Prophezeiung des Römers Sriicca: ,,Es wird eine Zeit koitiiiien. nach späteren Jahren, da der Occan die Fesseln der Dinge lösen, da die unermeßliche Erde offen liegen wird, da die Seefahrer neue Länder entdecken werde» und Thnle nickt länger das fernste unter den Ländern sein ivird." Nnsce „äußerste Thüle" liegt längst ein gut Stück weiter nördlich, als der geographische Gesichtskreis der Alten reichte. Aber freilich— der letzte Schrill ist hier noch ititmer nicht geihan: auch die neuesten Nordpol- Expeditionen, die eben wieder in den Bereich der Civilisation gelangt sind, haben den Nordpol selber nicht erreicht. Deshalb darf man die arktischen Eiitdeckuitgsreisen Pearys und SverdrnpS jedoch nicht für ergebnislos, für gescheitert halten. Der bekannteste unter den bentigen Koryphäen der Nordpolforschmig, Nansen, hat sich einmal dahin ausgesprocheti, die Expeditionen zögen nicht sowohl hinaus, um den mathematischen Punkt, der das nördliche Ende der Erdachse bildet, zu suchen— denn diesen Punkt zu erreichen, habe an nnd für sich nur geringen Wert—, als, um Untersitchungen in dem großen unbekannten Teile der Erde, welcher den Pol umgiebt, anzustellen. Diesen Satz hat Nansen vor seiner Ausreise mit dem „Frarn" gesprochen, so daß das Wort vom Fuchs und den Trauben keine Aiiwendung finden kamt. Wenn man nun die Leistungen Pearys ' und SverdrnpS an dein so gegebenen Maßstabe mißt— ob sie die Erforschung der Erdoberfläche und ihrer klimatischen, hydrographischen. niagitetischeii usw. Verhältnisse um neues, wertvolles Matertal bereichert haben—. so sind ihre Fahrten in der Thal nicht fruchtlos gewesen. Die beiden haben einen ganz andren Weg als seiner Zeit Nansen eingeschlagen. Nansen fuhr mit seinem Schiff von Norwegen ans bclanntlich gen Osten vis zu den neusibirischeii Inseln nnd trieb daiin mit der Strömung nordwestlich, wobei der„Frain" im Norden von Franz Joseph-Land unter 85 Grad 57 Minuten die höchste Strecke erreichte, während Nansen selbst zu Schlitten bis 86 Grad 14 Minuten gelangte. In den nämlichen Negionen ist dann der Herzog der Avruzzen nicht erheblich weiter nach Norden vorgedrungen. Außer diesem Wege zm» Pol find noch drei andre denkbar und öfter ver- sucht worden: davon führt der eine von der Beniigsstroße ans. der andre durch das Meer zwischen Grönland nnd Spitzbergen, der dritte endlich durch die Wasserstraße zwischen der grönländischen West- lüfte nnd dem Jnsel-Archipel, der nördlich von Kanada sich ausdehnt: durch den Sniithiuiid. Ans letzterer Linie sind früher die meisten Vorstöße auf den Nordpol gemacht worden. Aber allemal lürmten sich den Expeditionen schwere, südwärts treibende Eismassen entgegen, weshalb Kapitän Narct, dessen Begleiter Markham auf diesem Wege bis ztt 88 Grad 20 Min. nördlicher Breite vordrang, seiner Heimkehr 1876 das lakonische und kategorische Telegramm vorausgehen ließ:„Dhs Northpole impracticable"(„Der Nordpol ist nnerrcichbar'1. Nur um wenige Minuten nördlicher gelangt aus dem Wege des Suiithsundes ist dann Anfang der 8()er Jahre Lockivood, der 83 Grad 24 Min. erreichte. Weiter ist hier niemand gekouitneti bis auf die neuestcu Expeditionen. Deren Leiter, Pearh und Svcrdrrtp, haben nämlich ivieder einmal die Ronie durch den vielberufencn Smilhinnd eingeschlagen. Der.Windward" mit Peary sollte soweit als möglich nordwärts sich eine Bahn suchen und dann sollte per Schlitten das nördliche Grönland und die umliegenden Jnsclir erforscht, Ivoinöglich auch der Nordpol erreicht werden. DaS 1838 abgereiste Schiff mußte schon bei Kap Sabine au der Ostküste von ElleSmere-Land tvegen der unbezwinglichen Eisbarricre Halt machen, die Beinanintng übcrtvintcni. Hier hat Peary ztt Schlitten die ganze Ostküste von Grinticll-Laitd, das nördlich an Ellesmere-Land stößt, neu aufgenommen. Ebenso hat er in den folgenden Jahren von EtaH an der grönländischen Westlüste ans die ganze Nordküste Grön» lattds erforscht, die Nordspitze ans 83 Grad 50 Winnten astronomisch festgelegt. Seine nördlichste Breite hat Peary in diesem Frühjahr unter 84 Grad 17 Minuten erreicht. Soweit ist der zur gleichen Zeit ivie Peary aufgebrochene Sverdrup, früher unter Nansen Kapitän auf dem„Franr", mit diesem bewährten Fahrzeuge nicht gelangt. Er mußte vor den Eismasjst des Stnith-Snndcs Kehrt machen nnd hat dann, in den Jones-Snnd «iitfahrend, die ganze Süd- und Westküste von Ellesmere-Land erforschl. Drei Jahre lang hat er unter 76 Grad 48 Minuten itti Eise fest» gesessen, vis er im Juli dieses Jahres loskam. Sein nördlichster Punkt war 78 Grad 45 Minnte». Die wissenschaftlichen Ergebnisse beider Forichnitgsreiseit für die geographische, wie für eine Anzahl andrer Wissett'chaflctt sind zweifellos bedeutend. Man darf deshalb mit dem Erzielten vollauf zufrieden fein, als mit einem ausreichenden Lohne der aufgewandte» Mühe, der erduldeten Strapazen, wen» der Noidpol auch ivieder nicht erreicht worden ist. Das ist freilich klar: so lange es iir dieser arktischen Zone noch«»erforschte Regionen giebt, wird die menschliche Wißbegierde noch keine Ruhe haben. Aver jede der Expeditionen, die eiiimidet folgen, bedeutet cincii Schritt weiter itt der Erforschung dessen, was nördlich von Thnle liegt. Wie der.Franlfurler Zeitung" unterm 19. September ans Kristiania geschrieben wird, berichtet Sverdrup über seine vierjährige Resse:.Undurchdringliche Eismassen hinderlen am 17. August 1898 das ivcitere Vordringet» nach Norden etwas nördlich vom Kap Sabine. Da umuiltelbar darauf Kälte eintrat, mußte in der Nize» Strait Witite» quartier genommen werden. Während des Herbstes wurde eine Schlittenexlitrsion aus dem Jnlattdeise der Ellestnere ausgeführt und ettte Aufnahme und Utttcrsuchuiig der inneren Fjordverzweigntigett in Haycs-Snnd begomien. Um Fuctcr für die Hunde zu beschaffen, machten»vir Jagdausflüge, bei denen etwa 25 Walrosse und 11 MoschuSochsen geschossen wurden. Mit einem so großen Futtervorrat verschen, konnte ich es schon »vagen, dort zu ubertvititertt, nin so mehr, als ivir viel Arbeit vor uns hatten. Im Laufe des Wmters zimmerten wir eine Hütte, die nm Stovertsons-Kanal oder noch ttördücher aufgestellt werden sollte. Ich wollte dort eine woblansgerüstctc Schlittenexpeditiott, bestehend ans Bay(Hydrograph), Jsachsen(Kartograph). FoSbeinr und mir, landen und die„Frain" nach der Melvillcbncht oder Baffiitsland zurück- kehren lassen. Wir tvürden dann in der Hülle iibcrwiittert haben und im»tächsten Frühjahr nm die Nordspttze Grönlands herum nach der Savine-Jitsel an der Oslküstc gefahren sein, um dort die„Kram" zu treffen. Im Frühjahr 1899 � wurden Ivette Schlittenfahrten über ENesmcrelnnd nach der Westküste gemacht, die eine über den Gletscher- distrilt, die andre weiter nördlich über eisfreies Land. Ferner wurden die Aiifnahnten in Hayes-Suud abgeschlossen und wissenschaftliche Untersitchungen vorgenommer Der Sommer 1899. aus den wir so große Hoffnungen gesetzt. wurd- ungünstig. Ein Versuch, durch das Kanr-Bassin zu drmgen, hätte fast zur' Folg, gehabt, daß wir im Eise sitzen geblieben. Da wir in diesem Fall zu vwl Hundefuttcr verbraucht halten, {tefd&Toti ich, itnch dem Joncs-Siind zu p.cIkn. Wir ciin�en an der Südseite von Ellcsmcrc-Laud i»H Winterquartier, ivorauf ich uiit drei Manu eine Vootsnhrt machte, um Depots uicderznlea.cn. Wir ivurden jedoch im Eise eingeschlossen und konnten erst nach einem Monat zurückkehren. Nach unsrcr Nückkehr legten Ivir ein Depot au und machten Jagdausslüge, ans denen ivir 26 Moschusachsen schosicu. Am 16. November 1899, als alles Fleisch und alle Felle au Bord ivaren, Ivurden die Herbstreiscu abgeschlossen. Am 23. Februar 1996 fuhren Jsachscn, Schci iMiucralogc), Stolz und Bah mit 14 Hnndegespamicu nach dem Depot und kamen mit der Nachricht zurück, dasz dieses durch Bären zerstört ivordcn Ivar. Neue Fahrten und Nekognoscicrnngen zur Wiederherstellung des Depots, das wir Björncborg tauften, folgten und am 14. März waren wir wieder an Bord, um Vorbereitungen für eine Fahrt nach einem Sund zwischen North-Keut und ElleSmere zu treffen, wo Ivir zum Teil offenes Wasser mit großen schlvimmcnden Cisstückcu angetroffen hatten. Am 17. und 29. März begab sich je eine Abteilung dorthin. Die Passage war, da das Eis coupiert, sehr schwer, sie'gclaug jedoch unter großen Anstrenguiigen nach drei Tagen. Den 31. März, 175 Seemeilen vom Schiffe entfernt, kehrte die eine Abteilung zurück, dagegen wurden nach Norden zur Ilutersiichimg der unbekannteil Westküste von Ellcsmcrcland zwei Schlitteuexpeditionen mit Proviant für 59 Tage abgesandt, deren eine von Jsachscn und die andre von mir geleitet würde. Nördlich vom Simde. zwischen ElleSmere und Norlh-Kent, erstreckt sich nach Osten eine große Meeresbucht in einer Breite von etwa 199 Seemeilen mit verwickelten Fjordkoinplexcn an ihrer Nord- scitc. Ans 79 Grad n. Br. mu 16. April trennte ich mich von Jsachsen, der den Auftrag halte, ein neues Land im Westen zu uiitersucheu. Selber setzte ich meinen Weg am Laude entlang nach Norden fort. Am 4. Mai erreichte ich 81 Grad und am 2. Juni kehrte ich nach Björneborg zurück, Ivo Bay unterdessen die Wache gehabt hatte. Am 4. Juni 1999, nach 76 Tagen, war ich wieder an Bord. Jsachscn traf am 19. Juni ein. Er hatte auf 98 Grad ivest- lichcr Länge das neue Land erreicht, war dann verabrcdetennaßeu nach der Stelle zurückgekehrt, wo wir uns getrennt hatten und darauf bis 89 Grad westlicher Länge vorgegangen. Eine dritte Expedition, mit Proviant für 49 Tage, hatte unterdessen den Auftrag gehabt, geologische Unterfuchniigen vorzmiehme». und kehrte am 1. Juni au Bord zurück. Sie war über zwei nördlich vom Sunde gelegene Inseln gereist und hatte zum Teil dieselben Gegenden besucht, wo Jsachsen gewesen war. Die am 31. März zurück- gesandte Expedition unter Baumann sRavigateur) hatte fürchterliche Stürme und Kälte durchgemacht, und Gesicht und Hände waren den Mitgliedern zum Teil erfroren. Während meiner Abwesenheit ivar ein gefährliches Feuer an Bord ausgebrochen, aber glücklich gelöscht worden."— Volkskunde. cc. Der Donnerkeil im Lolksglauben. Es ist gar nicht verwunderlich, daß die seltsamen Gebilde der Beleinniten allerlei abenteuerliche Vorstellungen wachriefen und die Pseilform derselben legte eine Deutung als.Göllcrgeschosse" ziemlich nahe. So wurden sie also„Donnerkeile" genannt, in andren Gegenden „Teufelsfinger" entsprechend der vielfach nnftreteuden Verwandlung von Donar' in den Teufel. Man glaubt vielfach, daß der Donner- keil beim Gewitter zur Erde falle und(in der Pfalz und in Böhmen)„sieben Klafter tief in die Erde fährt, aber alle Jahre einen Klafter wieder in die Höhe". Viele von den Eigenschaften, die man Donar zuschrieb, wurden dann dein Donnerkeil übertragen. In einzelnen Gegenden wird er als Schutzmittel gegen den Blitz angefeheu, in andern er- leichtert er die Entbindungen, oder er giebt den Kühen, wenn nian ihr Euter damit bestreicht, die verlorene Milch wieder, befördert die Fruchtbarkeit von Bönnien, bewahrt Kinder vor Bruchschäden. AlS Pulver zerstoßen, kann er als Medizin so ziemlich alle Schade» heilen. Man verwechselte oft alte Stcinwaffen nüt Donnerkeilen und nannte z. B. Steinhämmer durchlöcherte Doimerkcilc, denen man auch noch öfter als Schutzmittel gegen Fenerögefahr, Viehseuche und dergl. begegnet. Der Glaube aii die Donnerkeile und deren wundersame Bedeutung gehört allen Völkern und allen älteren Kulturell an, man fand sogar schon in Gräbern ans der Bronzezeit Beleinniten, die scheinbar als Amulette getragen wurden.— Archäologisches. — Altnordische Bronzehöruer. deren Alter auf nahezu 3999 Jahre geschätzt wird, befinden sich im Kopcnhagener National« nlusemn. Prof. B. Kroman hat diese Bronzehörner neuerdiiigs zum Gegenstand von Forschiingen gemacht, die über die musi- kaiischen Verhältnisse des Volkes zur Bronzezeit iutcressanle Streif- lichter werfen. Die„Vossischc Zeitung" berichtet hierüber: Hörner ans der Bronzezeit wurden in Dänemark. Schweden und Mecklenburg gefunden, aber die dänischen bilden eine einzig dastehende Sammlung, da sie nicht weniger als 23 Bronzehörner»infaßt. Davon sind noch vierzehn ganz, und neun von diesen befinden sich in solchem Zu- stände, daß sie zu musikalischen Versuchen dienen können. In neuerer Zeit haben sogar zwei Hofmnfiker wiederholt am Johannis- tage auf dem Hofe des Natioualiiiuseums mit altmodischen Bronze- hörner» eine Reihe Musikstücke zu Gehör gebracht, wobei große Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Menschcmnasscil, die sich im Museum und in der Nachbarschaft ansemineltcu, Gelegenheit hatten, den weiche» Klang und den großen Umfang der Jahrtausende alten Mlisikinstrnmcute zu bewundern. Professor Kroman wurde durch seine Versuche, die Forschungen des Professors Hekmholtz über Tonbildung(„Lehre von den Ton- empfindungcu") zu ergänzen, auf das Studium der Bronzehörner geführt. Mit Hilfe von Monochord und Stimmgabel maß er die Ton« höhe der Bronzehörner, wobei sich ergab, daß zwischen der aufgestellten Theorie und den thatsächlichcn Tonverhätnissen dieser Hörner nur uubcdcntende Abweichungen bestanden, die aller Wahrscheinlichkeit nach in Guß- oder andren Fabrikationsfehlern beruhen. Im übrigen kommt Professor Kroman zu dem Ergebnis, daß die Hörner nicht bloß technisch, als Mctallgnßarbeit betrachtet, sondern auch in musi- kalischcr Beziehung aller Ehre wert seien. Doch wären sie nur Signalhörner, nichts weiter, und die Frage, ob das Volk der Bronze- zeit eine ungewöhnliche musikalische Kultur besaß, müsse somit ver» ncincnd beantwortet werden. Nicht das Ohr, sondern das Auge habe den Bronzehöruern die Form gegeben. Dagegen seien die- jenigen Hörner, die ihrem Bau nach ein Paar bildeten, genau zu- sammengcstimmt. Die Menschen der Bronzezeit duldeten bei zu- sammengehvrigen Instrumenten nicht die geringste Abweichung, und die Genauigkeit mid Sicherheit, mit der man hierbei zu Werke ging, bilde, wie Professor Kroman meint, die einzige wirkliche musikalische Großthat der Broiizcalter-Menschcn. Hierzu mag noch erwähnt sein, daß die altmodischen Hörner sanft pcschivmigene Linien zeigen und etwa zwei Meter laug sind. Das Metall, aus dem sie verfertigt wurden, ist nur einen Millimeter dick, und daß sich die Jnstrimiciitc trotzdem so gut erhalten habe», ist wohl nur dem Moorboden zu danken, in dem sie lagen. Charakteristisch an den altmodischen Hörnern sind außer der ganzen Form die flachen, mit Schildbnckeln und konzentrischen Ringen geschmückten Endstücke, sowie der Häugcschmuck an flachen Mctallplatten am Mundstück. Von be- sonderen! Interesse ist, daß sie immer paarweise gefunden Ivurden. Sie stimmen auch paarweise überein und wurden vermutlich immer paariveise benutzt. Jedenfalls haben sie aber nicht bloß archäologisches, sondern auch hohes musik-historisches Interesse. Humoristisches. — Aufgesessen. A.: Du. ich habe was für Dich, Du bist ja Berichterstatter des„Stadtanzeigers". Also, gestern sah ich, wie sich ein Radfahrer s c l b st ü der den Bauch fuhr. B.: Wie? Ein Radfahrer fuhr sich selbst über den Bauch? Unmöglich! A.: D o ch I mit der Hand!— — E i n guter Magen. Ein Apotheker bat einem Bauer irrtümlich statt Lticinnsöl Schwefelsäure verkauft. Voller Angst eilt er nach Entdeckung seines Irrtums»ach dem Dorfe des Bauern und trifft letzteren frisch und munter an.„Gott sei Dank." ruft der Apotheker.„Mann, gebt mir schnell das Abführmittel wieder!" „'s Träukel? Dös Hab' i g'nnmma," antwortet der Bauer. „Und es bat Euch nicht geschadet?" fragt der Apotheker halb entsetzt, halb erstaunt. „G'schadet I Sell will i meinen l A sakrisch scharfes Zeug is'S g'ivescn, den ganzen Boden von meiner neue u Leder» hos' Hat'S durchg'fressen!"— („Lustige Blätter.') Notizen. — Josef Laufs arbeitet an einem neuen Drama, das er „Die C h a r w o ch e" betitelt.— — Ibsens„Peer G y n t" wird in einigen Wochen durch die L e s s i n g- G e s e l l s ch a f t zum erstemiiale in Deutschland aufgeführt werden. Die Jnsccnierung hat Alfred Halm über- nomuien.— — Hermann S ud e rm ann S Drama„D i e drei R c i h e r- federn" gelangt am 1. Oktober im W i e n e r B u r g t h e a t e r zum erstenmale zur Anfführnng.— — Stefanie K r i ß ist für das Neue Theater verpflichtet worden.— — lieber die Höhe des Lerche nflngeS berichten drei Offiziere der bayrischen Lnftschiffer-Abtcilimg von einer Freifahrt durch den Ballon„München": Wir hatten gegen 1 Uhr mittags die Donau über der Befreiungshalle bei Killbeim überflogen und näherten uns mit gutem Winde um 2 Uhr Milterau in der Ober- Pfalz. Plötzlich schien uns in der Höhe von 1999 Meter ein schwarzer Punkt in der Luft zu begleiten, der unsre Aufmerksamkeit auf sich zog. Wir dachten zuerst' an eine etwa ans dem Korbe gefallene Meldekarte, die gelegentlich des Fallens des Ballons gleiche Höhe mit uns hielt, ein Blick auf das Aneroid zeigte indessen, daß der Ballon nicht fiel, sondern stieg. Wir tauschten unsre Meinimgcn über diese Erscheinung ans, als ein lautes, erschrecktes Gczwischer uns darüber belehrte, daß wir eine Lerche vor uns hatten, die in der er« staimlichen Höhe von 1999 Meter durch uiiscrn Ballon in Anfregung versetzt worden war.— Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.