Nnterhaltmlgsblatt des?-oriväris Nr. Z90. Dienstag, den 30. September. 1902 13) Die Sksrdi. «Nachdruck verdaten.! Roman von Nicolaus Krauß. Lene erinnerte sich ihrer Jugend, der Jahre, wo sie be den Bauern gedient, und sie lächelte. „Aber Frau Scharnagel I... Die Hauptfach' ist doch, daß es schmeckt!" Der„Pfarrer", der bemerkt hatte, daß Fritz, der gegen über am Tisch neben dem Förster saß, ihn spöttisch musterte, errötete. „Mutter I" Der aber war ein Stein vom Herzen gefallen. Ganz Freude plauderte sie: „Geh, Hansl, Du weißt ja net, was für ein eisernes Hemd die G'wohnheit ist. Zu meiner Zeit, wie ich auß g'wachsen bin, hat jedes sein Schnappmesser g'habt, aber a Gabel hat's im ganzen Haus net geben... Und ist auch gangen... tüchtig schön!... Und noch viel andres hat's net geben!... Wer von uns Madeln hat g'wußt, wie a Schleier ausschaut?... Der Vetter Friisch wird's ja auch noch wissen..." Der Bauer nickte und wandte sich zu dem Förster. „Stimmt I... Wir waren hübsch z'rück, wir Egerländer Bauern!... Wie ich vor fünfzehn Jahren meinen ersten Esel kauft Hab', haben s' in den Wirtshäusern rnmg'schrieen, ich bin verruckt worden. Und dann erst, tvic ich den Erdäpfel- Handl eingericht't hab'I... Jetzt wissen sie'S alle, daß man mit der Zeit gehen muß.. „Mein Christof geht net mit," fiel die Bäuerin ein.„Wenn der Haust ausg'studiert hat, verkaufen wir unser» Hof. Z' leben hätt'n wir schon heut'..." Der Bauer fuhr auf: „Seinen Hof verkaufen?... Ein Egerländer?... Wenn ihm noch eine Schindel anf'm Dach g'hört?!..." Der„Pfarrer" that, als wäre ihm etwas in die unrechte Kehle gekommen. „Die Mutter will's so, der Vater möcht' aber nicht ver- kaufen. Er sagt..." „Den Hof Hab' ich in die Eh' mitgebracht, und ich werd' Wohl thuen können, was ich will I..." Ans dem weichen Tonfall klang auf einmal eine Schärfe, welche die Zuhörer unangenehm berührte. Schnell fiel der Förster ein: „Ich wollt', ich hätte einen Hof! Mir sollte ihn kein Teufel nehmen!... Lene kani mit dem Braten. „Daß jeder sich cinricht't, Herrschaften!...'s ist's letzte!... Schöpsenschlegel, eingelegt und gespickt nach dem Konradsreuther Rezept!... Der Gruber hat ihn lieber g'gessen als Reh." Alle griffen zu, und schon nach den ersten Bissen war deS Lobes kein Ende. Plötzlich erklang verhaltenes Schluchzen. Das Gesicht des Bauers wurde ernst, beinahe hart. „Franz!" Jetzt konnte sich aber der angehende Student nicht mehr halten; eine Zähre schlug die andre. Als alle teilnehmend fragten, was dem Kleinen fehle, that der Bauer auf einmal einen Lacher und sagte: „Ist das ein dummer Bub!... Wegen der Bratlvürst ist's!... Ich Hab' ihm gestern versprechen müssen, daß er sich heut' dran satt essen kann; jetzt glaubt er, weil die Frau Försterin g'sagt hat,'s sei's letzte, er käme drum..." Er wischte ihm die Thränen ans dem Gesicht. „Schaferl I...'s gicbt ja Wirtshäuser g'nug in der Egclstadt!... Na, Kostfrnu, was?... Der wird Ihnen noch was anfzuraten geben?..." Lene schüttelte den Kopf. „Die Burschen, die offen sagen, was sie wollen, sind mir die liebsten... Er wird sich schon eingewöhnen." Die Bäuerin hob den Kopf und meinte: „Mein Hansl war nie eigensinnig. Schon als Kind war er mit allem zufrieden. Und wenn ich ihm nur ein Biß'l Brot in sein'n Rutschet einbunden Hab'... Es ist eine Sünd', wenn man den 5tindcrir in allem nachgiebt..." Durch die Fenster kamen Glockentöne. In einer Viertel- stunde begann der Nachmsttags-Gottesdienst. Fast alle erhoben sich, um die Vesper„mitzunehmen". Lene lud sie zum Kaffee ein. Sie versprachen, wiederzukommen, der Bauer am Bühl wollte dann die Sache mit seinem Studenten gleich festmachen. Die Life erhielt von ihm einen Silbcrgulden für die„Be- dienung". Rot vor Freude zeigte sie das Geldstück Lene und sagte: „Ein feiner Bauer ist ein feiner Herr, feiner wie ein Stodterer!" Als Lene wieder in die große Stube zurückkehrte, saßen an dem runden Tisch nur noch der Förster Plank und Fritz. „Na, hat er schon gesagt, wer er ist I" fragte sie, auf ihren Verwandten deutend. Plank sah sie an. „Mein Neffe!... Sein Vater und Gruber waren Brüder. Er hat heuer das Gymnasium absolviert.... Mit einem sehr schönen Zeugnis!... Bis zum 15. Septenibcr bleibt er hier. Er hat eine gute Stelle über die Ferien er- halten... Den Sohn eines Doktors bereitet er für die zweite Klaff' vor... Dann fährt er-auf vierzehn Tage zu seiner Mutter und dann nach Wien auf die Universität..." Lene hatte das init strahlendem Gesicht gesagt, plötzlich überlegte sie. „Fritz, ich an Deiner Stelle würde mir das Vincenzifest einmal ansehen... Auf dei£ Marktplatz, wie die Kinder in ganzen Trupps um die Obstfrauen herum sind und Birnen essen. Vor dem Bruckthor ist eine Menagerie und Ringelspiele und Ricsenjnngfern, Krämerständ'— oh, der reine Jahr- niarkt... Geld hast D' doch?..." Fritz erhob sich, verabschiedete sich vom Förster und ging.-- Lene ließ sich nieder und sah Plank voll an. „Sie haben sich in all den Jahren fast gar nicht ver- ändert!... Wie geht es denn?... Was macht die Mutter?" Da erhob er zum erstenmal, seit er hier war- das Auge -rei zu ihr und antwortete: „Die Mutter ist seit zwei Jahren tot... Jetzt habe ich eine alte Verwandte bei mir." „Tot?... Aber davon weiß ich ja gar nichts?..." „Ja!... Ich Hab ihr' in den letzten Jahren noch manches bieten können... Aber es ivar zu spät. Der alte, abgearbeitete Körper... Sie ist ansgeloschcn wie ein Licht..." Sie schwiegen beide. Dann begann Lene, und in ihrer Stimme ging ein leises Zittern: „Und Sic?... Wie geht es Ihnen?" „JchZkönntc nicht klagen. Das Revier ist ziemlich groß. zwei Heger Hab' ich unter mir... Der Wald ist ja nicht so im Stand wie in Konradsreuth, aber es wird sich machen. Der junge Baron versteht sich auf seinen Vorteil und läßt niir freie Hand. Knapp au der sächsischen Grenze haben sie ihm eine Papiermühle hinstellen wollen, er hat mich gefragt und das Geschäft— abgewiesen..." „Da sind Sie wohl jetzt ganz draußen bei den Luthe- rischen?" „Ja. Das Forsthaus und das Gut liegen noch herüben, ein Teil des Waldes aber schon über der Grenze..." „Ja... Ncnberg!... Grnber hat mir davon erzählt... Ist was zur Försterei?..." „Felder und ein schöner Garten mit Obstbäumen. Wir brauchen keinen Laib Brot zu kaufen. Und drei Kühe haben wir; eS wäre aber Futter für sechs..." „Futter für sechse?!" Lene war ganz erregt. Sie hatte die Worte fast geschrien. Gleich aber ärgerte sie sich wieder und sah vor sich ans das Tischtuch. .„Es wäre mit Milch und Butter nach Adorf und andren Webernestern etwas zu machen. Aber die Urschel versteht sich auf das Wirtschaften nicht. Sie hat immer nur in der Stadt hemmgedient und ist auch� wohl schon zu alt..." Er räusperte sich und wurde rot. Dann legte er die Rechte. mit dem Handteller nach oben. über den Tisch herüber. „grau Försterin?.. Die Angeredete schwieg, ihr Gesicht blieb über den Tisch gebeugt. „Lene... Tu warst mir einmal gut..." Sie hob das Gesicht, die Augen glänzten wie Von der- halteneu Thränen. „Das war." „Was einmal gewesen, kann wiederkehren.. „Nicht so wieder... nicht so..." Ihre Stimme gewann an Festigkeit, die Augen wurden klar. „Ich war Dir einmal gut, Bernhard... aber was Du heute von mir willst, kann ich nicht... Du bist mir nicht gleichgültig, Beruhard, das brauchst Du nicht zu glauben, aber Deine Frau kann ich nicht werden.... Schau, damals kannte ich meinen Mann noch gar nicht. Ich kannte mich nicht aus in ihm. Ich war jung und mein Herz verlangte nach Zärtlichkeiten. Er war ein erfahrener Mann, dem sein Amt und seine Pflicht über alles ging. Was gab der auf Spielereien?... Wenn Du damals mit keckein Griff mich genommen..." „Lene l... Aber Du hast doch selbst..." „Dich gebeten, fortzugehen.. Sie schluckte einigemale und fuhr dann fort: „Und Du hast mir gehorcht!... Wie wenig kennst Du das Frauenherz. Bernhard l �.. Du warst immer z» weich. Und das hat mich geärgert... Und dann lernte ich ihn erst kennen. Als er in den Tod gehen wollte, um mir einen makellosen Namen zu hinterlasien. Schau, da sah ich, was ein Wann im stände war!... Jetzt steht er zwischen mir und Dir, wie eine Mauer. Wo ich bin, sehe ich seine Augen. Und wenn nur etwas recht schwer fällt, ich darf nur daran denken, wie er sich benommen hätte, und ich weiß, was ich zu thun habe..." Sie strich über seine Hand. „Bernhard, und dann bin ich auch hart geworden. Und ich werde mich nie mehr ändern. Die Frau, die in der Stadt allein steht, muß es sein, sonst ist sie verloren... Und es geht bei mir stark auf die Vierzig zu. Du bist ein Mann in den besten Jahren. Du brauchst ein junges Weib, das wie Wachs ist in Deinen Händen..." „Ich werde nie heiraten!..." Er wandte sich ab. Sie aber faßte seine Rechte mit beiden Händen. „Verrede das nicht!... Man weiß ja nie, wie's kommen mag..." „Dann kann ich also... wiederkommen?" „So oft Du willst... Aber Deine Frau werde ich nie!..." Er versuchte, seine Hand zurückzuziehen. „Es ist wohl am besten, wenn ich gehe..." „Ich kann Dich nicht halten... Aber ich bitte Dich, bleibe bis nach dem Kaffee, bis die andern gehen... Ich will kein Gerede... Man weiß nicht... Willst Du?..." Und er blieb.-- iFortsepung folgt.) Machdruck verboten.) Mttlkuvtviigev. EL he igt, kein Mciisch muß müssen. Das ist aber entschieden falsch. Ich weis; nicht, ob diese Zeilen eineni Gläubigen des absoluten menschlichen Willens zu Gesichte kommen. Aber ich schlage ihn sofort mit der Entgegnung, dasi Posen hundert- tindzivanziglauseud Einwohner hat und daß täglich einige Schnell- züge und zahlreiche Personenzüge dorthin verkehren. Alle Leute, die diese Ziige bemchen— es sei denn in der Nichtmig gegen Berlin, und alle andern, die diese Züge in der angegebenen Richtung nicht bemitze», sondern in Posen bleiben, sind mir Krön- und Blutzeugen dafür, daß der Mensch niitunter auch müssen muß. Auch ich ivar in Pose», will sagen, ich nknßte dahin. Ilcber Erkner hinaus über Frankfurt und die hochbogige Odcrbrück ins polnische Lcuid hinein, durch weite Köhrenwälder, über endlose Weiden, dürre Kartoffelfelder ohne Dorf, ohne Haus, fast ohne Menschen. Auf der Fahrt gegen Westen rücken die Reisenden nicht so eng zusammen ivie hier. Denn da gicbts farbig belebte Bilder draußen, die die Sinne fesseln. Stationen, Ivo man aussteigt, um Ansichtskarten zu schreiben oder Bier zu trinken. Hier aber drängen sie sich aneinander, ohne Streit und Widerspruch werden die Fenster hochgezogen, um dem aufgewirbelten Sand de» Eintritt zu wehren; es ist als wollte man sich zusammenschließen, s8— nm sich gegen das große Fremde und Unbekannte zu schützen, das von beiden Seiten in den rollenden Wagen hineinstarrt. Ruck— und langsam verstummt das Schnaufen und Poltern: der Zug hält. Ist's eine Station? Und welche? Man drängt nach den Fenstern— freies Feld ringsum I„Das wäre schön, wenn wir hier sitzen blieben", knurrt einer durch die Zähne. Der Zug fährt weiter, und ich spinne im Gespräche mit meinem Gegenüber den Gedanken weiter aus. Die Eisenbahnen, sage ich ungefähr, sind wie die Schiffe, die uns über unerforschte Tiefen von Hafen zu Hasen tragen. Uns Städter bringen fie von Stadt zu Stadt, höchstens einmal auch zu jener Stadt im Bauernballkostüm, die man Landaufenthalt nennt. Was dazwischen liegt, ist uns widerwärtig und verhaßt, ein leerer Raum, den man überwinden muß— kurzum ein lästiges- Nichts.„Denken Sic sich," fuhr ich fort,„irgend ei» gewaltiges Elementarereignis geböte uns, hier draußen für Tage oder Wochen Halt zu machen. Ans endlosen Sand- wegen müßten ivir zum nächsten Dorfe marschieren, zu Leuten, deren Sprache wir nicht verstehen, die geivohnt sind, im verfallenen Stall auf Streu zu nächtigen, die Speisen csien, die wir nicht vcr- tragen, und Getränke trinken, deren jeder Tropfen uns die Kehle vervrennt. Und wenn ivir auch keine Pfeile im Stücken zu befürchten hätten, sondern nur unverständlich-ranhe Flüche des Fremdenhasses hinter uns herpolterten— wären ivir hier nicht wie die Griechen im Kolcheriaude oder die Spanier in Amerika»ach der Ent» decknng?" „Es ist ein trostloses Land", sagt mein Gegenüber,„die ver- fluchte polnische Wirtschaft ist daran schuld. In den hundert Jahren, die wir Preußen im Lande sind, ist schon viel geschehen. Sie werde» sich wundern, wenn wir nach Posen kommen. Sie er« ivarten wohl eine halb verfallene schmutzige Stadt? So war's auch einmal, aber jetzt ist es anders. Wilting hat viel gethan. Wir haben vier Stock hohe Häuser, breite asphaltierte Straßen mit schmucken Alleen, blitzende Schaufenster, elegante Kaffeebäuser, prächtige Parkanlagen. Mit den Polen ist natürlich nichts an- znfangen, sie möchten an» liebste» so doucement in Schmutz und Unrat weiterleben. Wir sind die eigentlichen Kulturträger im Lande." „Kulturträger l" sagt ein Mann drüben im andern Winkel mit einer harten Aussprache, die mein schwarz-weißcS Gegenüber hochfahren läßt, als ob er einen beleidigenden Schlag erhalten hätte, „Kulmrträger" wiederholt er in lebhafter sonst unverständlicher An» rede zn seinem Nachbar, einen dicke» Viehhändler, der eifrig nickt, obwohl er offenbar keine Ahnung hat, nm was es sich eigentlich bandelt. „Kulturträger l" grollt es zum drittenmal höhnisch und herausfordernd das Ecko aus der Ecke zurück. „Meint der Herr, daß es vielleicht nicht so ist?" fragt mein schwarz-iveißes Gegenüber mit einer erzwungenen eleganten Nach- lässigkeit, die sich»ichls vergeben will. Es liegt die Note unendlichster Ueberlegcnhcit in seinem Tonfall. „Daß Gott mich bewahre", sagt der Angesprochene darauf,„daß Gott mich bewahre," wiederholt er eifrig im Tone äußersten Ent- gegenkommens.„Sag ich doch nur, daß der Herr recht hat, was er sagt. Die deutschen Herren sind Knllnrträger. sag' ich, wirklich im wahrsten Sinne des Wortes. Sie tragen die Kultur mi't sich, sie haben sie in der Tasche. Sic tragen sie ans ihrem Leibe, der frischen Haut, die sie täglich in ihrem Bade- zimmcr reinigen, sie tragen sie auf der weißen Wäsche und den schöllen Kleidern. Und in ihren Hänsern ist Kultur, in den Tcppiche», die ans den Treppen liegen und in den GaSkroneii. die in den Zimmer» hängen. Und in den Straßen, durch die sie zu ihren Blireans gehe», ist auch Kultur. Und die Kanäle darunter, die abführen, was an ihnen menschlich ist, sind auch Kultur. In der der Wallischci aber ist polnische Wirtschaft, ist keine Kultur. Da fließt die Jauche auf der Straße und der Junge badet die Füße drin, und die Mutter steht in der Thür und sieht ihm zu. Das ist polnische Unkultur. Die deutschen Kulturträger tragen die Knltnr am Gurt um den Leib geschlungen, so ivie unsre alten Bauern die Geldkatze tragen. Wehe, wer daran rührt! Wenn ei» polnischer Zahnarzt am Alten Markt eine Tafel ausstellt, heißt eS: die deutsche Kultur ist in Gefahr." Mein nrpreußisches Gegenüber hat mehrmals ans seinen berlinisch waffenblaue» Augen zerschmetternde Blitze lvidcr den Feind gesprüht. Ehe er antivorten kann, weiidet sich ein älterer Herr au mich, dessen Abstannnnng vom urältesten Adel der Welt recht deutlich erkennbar ist.„Ich sage Ihnen, der Herr hat recht, die Leute sind ivie die Kinder. Ich, der als Geschäftsmann so viel zn thim habe, weiß das am allerbesten. In allen uiisrcn Delaiigeschästen wird gehandelt; ivers mit fixen Preisen versucht, ist von vornherein ein toter Mann. „Ist das der äußerste Preis?" fragt die Vanersfrau.„Jaivohl 1" sage ich,„wenn ichS billiger gebe, habe ich selbst Schaden bei." „Zivei Groschen werden Sie mir aber doch herunterlassen. ich will sie auch überall gut empfehlen".„Sie köiincn gut bandeln I" „O nci», Sie sinds, der gut handeln kann!"„Also, daß mir Ihre Knud- schaft erhalten bleibt, so will ichS um fünf Pscnuig billiger machen." Sic nimmt ihre Schürze, oder was eS sonst ist. und zahlt natürlich nicht fünf, sondern zehn Pfennig weniger. Und wenn ich nicht jammere und ihr sage, ich sei ein geschlagener Mann, so denkt sie: „Der Jude hat mich doch noch betrogen" und kommt nie ivieder. Ueberall wollen fie handeln die Leute: in der Wpothele und am Billetschalter der Eisenbahn." „Weil sie überall betrogen lverdeu", läßt sich wieder der Mann ynt dein polnischen Accent vernehmen..List erzeugt Gegenlist. Ihr ganzes vischen Bauernschlauheit wenden diese armen Leute auf, um xch der Überlegenheit ihrer Ausbeuter zu erwehren. Und wenn der Hude über don geringen Preis wehklagt, der vielleicht immer noch doppelt so hoch ist, so freuen fte sich wie die Kinder, iveil sie sich nun «inbilden, sie wären bei dem Handel die klügeren gewesen." „Der Schnaps richtet die Leute zu Grunde," sagt der Prenhe mit den bekannten Farben. Sonst könnten sie es viel weiter gebracht haben. Gehen sie doch nur am Sonntag morgens durch die Vor- stadt. An allen Ecken finden fie den ausgespieenen Kartofielvrei, Weil die Kerle ihren Magen mit Branntwein überfüllt und ihr Essen nicht behalten haben. Was soll man mit solchen Leuten anfangen?" „Kultur in sie hineintragen!" murrt das Echo aus der andern Ecke. .Nun sagen sie, Herr," ruft endlich mein Preufie,„was wollen Sie eigentlich mit ihrer albernen Kulturträgerei? Sollen wir diese Leute etwa zu uns zu Tische einladen und unsre Töchter an sie verheiraten? Sollen wir zu ihnen in ihre Kneipen gehen, deren Schanktische vergittert find, damit das Schank- Srsonal vor ihren Ausschreitungen geschützt sei und mit ihnen Bruder- aft trinken? Sagen Sie doch, was sollen wir eigenltich?" .Wollt' ich doch nichts sagen!" erwidert der Pole nachdenklich. „Kämen Sie zu diesen Leuten, so würden sie doch nur fragen: „Welche neue Finte steckt dahinter. Welchen gefährlichen Plan haben die Herren ersounen, um uns noch schlimmer als bisher das Fell über die Ohren zu ziehen? Glauben Sie mir, es würde gar nichts nützen. Man kann die Kultur nicht ivie Lorbeerbäume in Kübeln transportiere», diese edelste Pflanze verträgt die Hitze einer Eisenbahnfahrt nicht. Esgiebt für jedes Voll nur eine Kultur und das ist seine eigne. Ein Volt aber, dem man polizeilich verbietet, ein Volk zu sein, ei» Volk, das man in drei Teile zemflcn hat und dem ma» sagt, es mische sich in fremde Angelegenheiten ein. wenn es m Gnlizien schreit, weil ihm die Schläge in Wrcschen wcbthnn, ein Volk, das von seinen eignen grohe» Herren, wie von den fremden über alle Masten geknechtet, ausgedeutet und tyrannifiert wird— ein solches Volt kann keine Kultur haben. Ihr mögt noch so viel Kultur nach dem Osten tragen, ihr seid dabei doch>vie die Schildbürger, die das Licht in der Mausefalle fingen, nm es ins Rathans zu trage» I" „Sie sind eben Pole und noch dazu ein Socialist", sagt der Schwarz Weiste mit einer sonderbaren Mischung von Scheu und Höflichkeit. „Posen!" rief der Schaffner. „Das dürfte so ungefähr stimmen", sagte der Pole lächelnd beim Llusstcigcu.„So ungefähr dürfte das stimmen..."?. K. Mlrinrs Feuilleton» Karlsbad. 26. September 1902. bt. Tic Bersainuilung deutscher Naturforscher nnd Berzte, die 74. seit der Begnindmig der Gesellschaft im Jahre 1821, ist heule nachmittag gegen 3 Uhr geschlossen worden Am Abend findet noch ein LbschicdslonimerS statt, morgen vereinigen sich die Naturforscher, so weit sie noch nicht abgereist find, zu einem Ausflng nach Teplitz und Aussig, die Acrztc besuchen Maricubad nnd Franzcnsbad; dann zerstreuen sie sich nach allen Richtungen der Windrose, um ivicdcr den Arbeiten des Tages nachzugeben. Sind diese alljährlich ivieberkehrenden Versammlnngcn»otwendig? Für den Fortschritt der Sifsenichaft sicherlich nicht. Bn der Be- ginndung der Gesellschaft gab eö noch keine Eisenbahnen und Telegraphen, und nur sehr vereinzelte wiffeuschaftliche Zeitschriften. Der persönliche Zusamnienbang, der durch die Verfanunlungen der Gesellschaft hergestellt wurde, mnstte unter solchen Verhältnissen ansterordentlich anregend wirken. Heute ist das alles anders gcivorden. Wenn man in Amerika eine iviffenschaitliche Entdeckung macht, wird sie rnit ansterordcntlicher Schnelligkeit auch in unsren Zcitschlistcn veröffentlicht, nnd bei irgend erheblichen Dingen ndnnit sehr rasch sogar die Tagespresse Notiz davon. Den näb-ren Gedankenaustausch zu> ischen einzelnen Forschern verinitlelr der btirflichc Verkehr mit grostcr Geichnrnidig- feit, nnch zum Telephon kann gegriffen tvcrdc». und tvcn» trotzdem das Bedürfnis nach persönlicher Aussprache entsteht, so verabredet nian eine Zusammeukuiisl, die mit Hilfe der Eisenvahncn sehr rasch tmd bequem zu stände kommt. Wir können daher denen, ivclchc diese Versammlung«» für ctivas Beraltetcs nnd Neberlebtes erklären, nicht ganz Unrecht geben. Aber trotzdein möchte» wir sie nicht missen', find sie auch für den Fortschritt in den emzclnen Fachwissenschaften belmufloS und nberflüissg, so stäicken fie doch in den, einzelnen Teilnehmer das Bcivusttsei» der Zusammengehörigkeit seines besonderen Specialfaches mit der allgemeinen Raturforjchmig. Dann aber trage» sie auch in erheblichem Mäste dazu bei, dein»atur- wiffenschaftlich nicht durchgebildeten Teile des Volkes die Teilnahme am Fortschritt des wiffeuschaftliche» Lebens zu ermögliche», und gerade deshalb ist die Beachtung, die fie finden, ein erfreuliches Zeichen gesunden Strcbens. Von diesem Gesichtspunkt aus, nicht von dem der Reklame, sind auch die grosten Bemühungen und fest- lichen Veranstaltungen zu beurteilen, welche die Karlsbader zu Ehren der Versammlung trafen. Karlsbad ist ein z» gut bekanntes und in der specifischeil Heilwirkung seiner Mincraliväffcr zu lange erprobtes Bad, als dast es besondere Reklame nötig hätte. Mir schien aus der freundlichen Aufnahme ein reges Interesse an der Naturwissen- schaft überhaupt hervorzugehen. De» oben skizzierten Zwecken dienen nicht sowohl die Abtcilnngs- sitznngen als die allgemeinen Versammlungen. Freilich sind auf ihnen in Karlsbad manche Mistgriffc gemocht worden. Ich erwähnte in meinem ersten Briefe bereits den verfehlten Bortrag von Hofmeister über den Bau des Eiweihmoleküls, verfehlt allerdings mir im Hinblick auf die Stelle, wo er gehalten ivnrde. Ein andrer tadelnswerter Uinftand ist die Art, ivie manche Herren vor- tragen. Sie baben ein vollständig ausgearbeitetes Mannskript vor sich, auch stilistisch durchgearbeitet bis in die kleinsten Einzelheiten, »md nun lesen sie dasselbe wörtlich vor. So ivnrde z. B. die überaus inleresfante Frage des„Kreislaufs des Stickstoffs", die gestern in der gemeinsamen Sitzung oller iiatmtviffenschaftliche» Abkiliinge» das Verhandliingstbema bildete, in dieser Weise von den beiden Vor- trageiiden behandelt. Eine Abhandlung liest man lieber in Ruhe durch, als dast mai, sie sich in ziemlich rascher Weise vorlesen lätzt; der nicht fachmännisch Gebildete will von dem Vortragenden doch über die Bedeutung einer wisiciischafllichcn Frage aufgeklärt und über den Srand derselben unterrichtet werde». Dozngehön der freieVortrag eines Mannes, der darin auch ein Stück eigner Persönlichkeit gebe» must. ES kann jemand ei» bedeutender Gelehrter sein und doch diese Gabe des Vortrages nicht besitze»; dann soll man ihn mit dieser Aufgabe auch nicht betraue». Der richtigen Art des Vortrages näherte sich in der heutigen allgenieinen Sitzung W e t t st e i»- Wie», der über Neo-Laniar- k i s ni» s sprach. Allerdings las auch er vor, so dast die Sätze sämtlich für einen Bortrag zu fein gefeilt herauskamen; aber er verstand eS doch, die Streitsragc Lamarkismus oder Damimsmus in ihrem Wesen deutlich zn mache», und den LamarkiSmus, zu dem er sich bekannt, dem Hörer näher zu führen. Geradezu das Muster eines Vortrages, Ivie er sein soll, war der in der Gesainlsitzimg aller Gruppen am Mittwoch von S» e st» Wien„lieber das Wesen der Herste» Quellen". Der berühmte Geo« löge gab ein so anschauliches Bild von der Gestaltung seiner Bor» stelliiiigeii. dast der Hörer förmlich mit ihm levte und dachte; er empfing nicht nur das tote Resultat einer Forschung, sondern daß lebensvolle Bild des Forschenden selbst, und gerade dadurch eine be« stinnnte Anschaunng von Dingen, um die es sich handelte.— — Einiges von der« Fischnameu. Die„Wiener Abendpost' schreibt: Der Wiener Fiicherci-Ansstcllung und dem Fiichereitage zn Ehren soll in Friedrich Kluges„Etymologischem Wörterbuch" ein wenig— gefischt weiden. Das Wort„Fisch" selbst gehört den drei westlichen Sprachgruppe» des Indogermanischen an, die merkwürdigerweise auch das Wort„Meer" gemeinsam haben. Dos Germanische hat mit dem Laleiniich-Keltische» keine Beneimnngen für Fischarten gemein. Es ist möglich, dast das Wort„Fisch" ein wanderndes Kulturwort gelvcsen ist, dessen Quelle für uns bis heute unausfindbar blieb. Das germanische„th-ka-r" kommt ans dem vorgermanischen „pislio-2" und ist iprachverivandt dem lateinischen„xiseis" und dem altiranischen.iaLe".� Kluge verweist auf das gesetzlich abfallende p. Fisch hcistt mittelhochdeutsch„vweb", allbochdeutsch„visc", gotbisch„fisks", allnordisch„fiskr", angelsächsisch„flsc", englisch „fisli", niederländisch„visch" und altsächsisch„fisk*. Das vor« germanische„piskos" für ,ap— isko—",„dem Wasser entstammend", init dem Sanskritworte„ap�— Wasser" ui Verbindung zu bringen, lchul Kluge als geuuigt ab. Wenn»vir uns mm den eiiizelnen Fischnameu zuwenden, so iiinunt der Aal den»alphabetischen Vorrang in Anspruch. Der germastischc Stamm:„ala— ela" ist nicht verwandt mir dem latei- iiischen„angulll-r", litauischen„unAurz's" altsloveuischen„agoristi". Die A a l r a u p e hcistt in Schiesie» und an der Elbe„Slnipps", in der Wetterau und in Ober- Hessen„olrobb", in Franken „ällrupps", in Köln„oelrappe". Der Raubaal, wie er auch genannt wird, heistt eigentlich„Raupe" kurzweg, miltelbochdentsch „rtlps, ruppe", altbochdentsch„ruppa", ivas mit dem altslovenischen „r�ba"(Fisch) urverwandt sein mag. Die alt- und mittelhochdentsche Form ivird wegen des glcichbedeuleudcn mittclhochdentschen„rüde" ans das lateinische„rubata" zurückgeführt, das Frosch, Kröte, Frosch« fisch bedeutet. Dasnr spricht die niederdeutsche Bcueunung Aal« Quappe und das i» Qestreich übliche„rutte", zweifelhaft aus„ruhte, rubeta". Im bayrische» Dialekt heistt eS„rutteu, aalrutten", älter „rugeten", wozu ivicdcr mittel- und uiederrheiuisch„rufolk", mittel« niederdeutsch„rufölki", eigentlich„Nanp-Aalcheu", zu gehören scheint. Was so ein armseliger Fisch den Gelehrten doch für vielfache Sorgen bereitet! Der L a ch s ist weniger anspruchsvoll. Mittel- hochdeutsch Jaks" mit dem Plural„lebso",� althochdeutsch „lahs", angelsächsisch„leax", allnordisch„lax", schottisch„lax", litauisch„laszisza", lettisch„lasis", russisch„lososu", pobtisch „losoä". Das s im germanischen„lahs" ist Suffix und gehört nicht zur Wurzel. Salm, S a l m e n; mhchd. und mndd.„salmo", ahd. und andd.„salmo", lat.-gall.„salmo", französisch„sarrmou". Der Name drang während der Nömerzeit am Rhein bor. Bezüglich des Karpfen können wir unS kürzer fassen, iveil es noch un» entschiede» ist, ob Karpfen ein echt germanisches Wort ist. Wahr« scheinlich swinmt„oarpa" aus dem Spütlateinischcn; der Goche Cassiodor kennt im sechsten Jahrhundert den Douau-Fisch.� Der K a b l i a u bereitet de» Etymologen, wie es scheint, noch manche Schwierigkeit. Im zwölften Jahrhundert mittel» lateinisch„eadsltauwus". Die Konsonanten-Umstellung de? niederländischen„baksljamv", spanischen„bacalap", baSki- schen„bacailaba" ist auffällig, die Herkunft des deutschen HaudelSworteS ungewiß. Der Fischname Karausche ist erst 1734 gebucht. Acltere Nebenformen des 16. und 17. Jahrhunderts sind: „ Karis, Karas, Karutze, Karutsch". Der Hecht, ein westgermanisches Wort, mit Hechel, hacken und Hecken, stechen, verwandt sahd., mhd.)„Er ist ei» Stecher". Der Barsch, mhd.„Kars", ahd. „bersich", hängt sprachlich mit Borste und Bürste zusammen. Die Schleie, mhd.„slis", ahd. ,,sl!o", augels.„slhv", gerinauische Grundform„sliwa", hat vielleicht den Namen von ihren schleimigen Schuppen empfangen, so daß„Schleim" urverwandt wäre. Die Barbe, lat.„baibns". Das lag ziemlich nahe. Die Nt a k r e l e, mittellat. 12. Jahrhundert in Flandern„macarellus", auch altfranzosisch des 13. Jahrhunderts„maguorsl". Die Worte sind gleich dem neu- französischen„magusreau" von dunkler Herkunft. Die Forelle, in Thüringen und Frankeil mit dem Ton auf der ersten Silbe, hicg früher„Fokrs", noch früher„vorheu", mit dem le- Diminutiv; also„vorhenle"; aus„forenle" wurde„Forelle". Lergl. hierzu bayrisch und östrcichisch:„Föhrchen" sFehrne). Den Namen Schmerle hält Äluge mit dem Bogelnamcn„Schmerl" für identisch. Schell- fisch stammt sprachlich von niederländisch„Lebst"— Schale, englisch„shell"— Muschel. Er lebt nämlich vornehmlich von Schalticren. Eine andre Vermutung weist auf sein sich blätterndes Fleisch hin. Die Scholle wird neuhochdeutsch erst 1731 gebückt. Bei Stör lvird darauf verwiese», dast der Ursprung des West- germanischeu„sturio" dunkel ist.— Theater. — Trianon- Theater.„Die LicbeSschaukel," Lustspiel in vier Akten von Maurice D o n n a y.— Die neuen Bühnen, die in der Hoch- und Nachsaison der lleberbretilmode ge- gründet worden, steuern nun, nachdem der Wind so jählings um- geschlagen, allgeinach in das stillere Fahrwasser der Ztomödic hin- über. Das alte Wolzogen- Theater am Alexanderplatz macht den Versuch mit kleinen Einaktern, und Serenissimus in„Schall und Rauch" hat sich gar zu einer abeudsiillendeu stomödie auseinander walzen lassen müsse». Die Zeichen sind nicht gerade günstig für den Uebergaug. Die Phantasiedürre, an der die Ueberbrettl- Lieder und-Satiren krankten— der innere Grund, warum das neue, mit solch großen Hofsnungen begrüßte Genre so rasch an Gunst verlor—, ist ja keine lokale Erscheinung. Im Schauspiel und im Lustspiel steht es nicht anders an?. Nach alle» Richtungen hin wird eifrigst Umschau gehalten, sperrnugelweit find die Tempelthore geöffnet, aber auf die Sieger, die durch die geschmückten Pforten einziehen sollen, ivird stets vergeblich gewartet. Der Konkurrenzkampf um das bessere vorhandene Mittelgut muß so ein immer schärferer iverdcn. Der erste ivirkliche Erfolg bei diesem neuen Wettbewerb ist unter den bunten Theatern von ehemals der Trianonbühue schlimmen Angedenkens, in der das„Mnrchcndrama" und die„lebenden Lieder" Vierbaums so geräuschvoll-heftig begraben wurden, zugefallen. Die Komödie von Maurice Donnay, dem Verfasser von „Les arnants", wurde beinahe stürmisch applaudiert. Daß sie gefiel, war kein Wunder. Donnay versteht sich auf die leichte dramatische Plauderei, wie nicht so bald ein andrer seiner Pariser Kollege». Die CapusscheKomödie„Glück", die als einMeisteriverk dieses Genres so laut gerühmt und in der vorigen Saison auch hier in Berlin gegeben Wurde. kann sich in keiner Hinsicht mit der„LiebcSschaukel" messen. Bei CapuS ivird man den Eindruck gezwungener Thcatralik nicht los, Donnay giebt sich mit unvergleichlich größerer Leichtigkeit. Mit welcher ironischen Ueberlegenheit steht er den mondänen Herrschaften, von deren Liebcsaffairen er erzählt, gegenüber, wie spielt er neckisch mit den Personen und dem Publikum! Vier Akte lang geht die Schaukel hin und her, bald ist i» dem entzündlichen Herzen des Helden seine„innig geliebte, einzige Frau", bald Frl. Bcrmer, die große, scutimeutal- frivole Thcaterdamc „ganz oben". Donnay pausiert, er wiederholt manchmal,»ach jedem Akte denkt man, nun sind die Karten ausgespielt, aber immer fällt ihm»och irgend eine unvermutete drollige Meinung, eine bei allen äußeren lluwahrschcinlichkciten interessante psychologische Finesse ei». Und wenn man denn schon wirkliche Kunst auf der Bühne nicht habe» kann, so zeigt dies spöttische liebenswürdige Getändel, bei all der traditionellen Pariser Frivolität, in seiner Art doch immerhin ei» Können, eine geschmeidige Virtuosität, die neben der gespreizte» Im- Potenz der meisten neuen Stücke geradezu erfrischend wirkt. Die Fabel ist so einfach wie möglich. Herr von Plonha, der Ivic all seine StammeSgcnosscn im französische» Lustspiel, nichts anderes auf der Welt zu thun hat. als seine Renten standesgemäß z» vcr- zehren, leidet an der Einbildung, sich für einen Romantiker zu hallen. Das„herrliche achtzehnte Jahrhundert", natürlich nicht das der Revolution, sondern das des aneien regime, ist sein Ideal. Da liebte man mit frischem Sinn daraus los. da waren noch die Leiden- schaften stark und farbenprächtig I In Deutschland hätte sich der Herr vermutlich als Nietzscheaner verkleidet, und dementsprechend für „blonde Bestien" und„Renaissance" geschwärmt. Dabei ivohnt die be- schcidenstc, gutmütigste irnd ängstlichste Seele in seinem kleinen Körper. Dies Herrchen, dem nur die Tugend der Beständigkeit fehlt, um der beste und bequemste aller Ehemänner zu sein, treibt das Verhängnis einer kurzen Strohwitiverschaft in die Arme von Rosine©eruier, der berühmte», viclnmworbenen, in allen Herzeusangclcgenhciten höchst anspruchsvollen Schauspielerin. In die Arme— das ist freilich nur bildlich gesprochen. Demi was die brüchige Tugend, und die Verehrung für die,„inniggeliebte, einzige Frau" nicht verhindern kann, davor bewahrt ihn seine drollige Aengstlichkeit. Sobald die Dinge kritisch werden, verliert er regelmäßig den Kopf. Dann ist wieder die„einzige Frau oben, ganz oben" auf der Liebesschankel. Aber ebenso regelmäßig erwacht, wenn er sich wieder sicher fühlt, das tvas er seine„Romantik" zu nennen beliebt, von neuem, da die entrüstete Bernier— die Figur ist mit feinen, zierlichen Strichelchen sehr hübsch gezeichnet— ihn beim besten Willen nicht anders los lverden kann, sperrt sie de» Helden eine Nacht lang ein. Dies plötzliche Verschwinden macht, da der Herr auf einein Hochzeitsfest von seiner Frau erwartet wird. Sensation. Alle Unfallstationen werden abgesucht. Umsonst. Am nächsten Morgen erscheint der tief Zerknirschte bei seiner cingeängstizten Frau und de» Vcr» wandten. Seine Rene ist diesmal so ehrlich, daß er in einer großherzigen Aufwallung die Wahrheit,„die ganze Wahrheit" bekennen will. Aber die Lächerlichkeit läßt ihn nicht los. Die „iuniggcliebte, einzige Frau" glaubt, daß ihr Männchen den Verstand verloren und giebt den haarsträubend abenteuerlichen Schwindel- gcschichten, mit denen der Schwager in die heikle Situation eingerift, den Vorzug. Eine lustige Persiflage auf die Logik der Verliebtheit l In den Augen seiner zärtlichen Gattin ist Herr von Plonha ein Wesen von unsagbarer Vollkommenheit und was dazu nicht stimmt, und >väF es auch das Zeugnis ihres Mannes selbst, kann darum keine Wahrheit sein. Die Aufführung war in den Hauptpartien sehr ge- lnngeu. Haus I n n k e r in a n n brachte die schüchteru-fenrige Doppel- »alnr des Helden mit naivstem Humor heraus. In Frl. F e h d m e r, die in feiner Abtönung die elegante Rosine Bernier gab, hatte er eine vorzügliche Partnerin.— dt. Humoristisches. — Charakteristikum. Bayrischer Bauer zu seiner Frau:„WoS, koan Münchner host uo uia gschgn? Jaz paß auf. balst an Stodtfrack sichgst, der wo uo gschcerter is als mir, dös is nncha a Münchner I"— — Der Kaufmann. Sie:„Warum habe» wir nicht im Frühjahr geheiratet, da war' die Hochzeitsreise viel hübscher gewesen." Er:„Liebes Kind, ich mußte das auf den Winter verlegen, da treffe ich die Kundschaft eher zu Hause."— s.Sinrplicissimus.") Notizen. — Kürschners Handbücher und Sammelwerke— auch der Litteratmkalcndcr— werden von H e r m a n n- H i l g e r- Verlin fortgeführt werden.— — Von der Wiener neuen Tageszeitung„Die Zeit" ist die erste Nninmer erschienen. DasFeuilleion leitet Kurt A r a in. Die Wochenschrift„Die Zeit" wird neben dem Tageblatt unabhängig und mit eigner Redaktion weiterbestehen.— — Der erste Vortragsabend der„Vereinigung: Die K u n st im Leben des Kindes" wird am Freitag, den 3. Ok- tober. abends 8 Uhr, im Bürgersaale des Rathauses stattfinden. Dr. Max Osborn wird über das Thema:„Die Mutter als Er- zieherin zur Kunst", sprechen.— —„Das Ende", Schauspiel in 4 Akten von Paul A. Kirstein, gelangt Sonnabend, den 4. Oktober, am Schauspiel- Haus zu Hamburg zur ersten Ausführung. —„Ferdinand L a s s a l l e". ein vieraltiges Drama von Sem Benelli, wurde dieser Tage in Florenz zur ersten Auf- sühruug gebracht. Nach dem„Berl. Börseu-Conrier" fand das Drama eine sehr geteilte Aufnahme.— — Mahler. der Direktor der Wiener Hofoper, soll nach der „Zeit" a m t s m ü d c sein.— — Ilm den passiven PensionsfondS zu sanieren, will man an der Wiener Hofoper eine F r e i k n r t e n st c n c r einführen. Man hofft auf einen Eingang von 40 OOO— 50 OOO Kronen im Jahre.— — Für die N a t i o u a l g a l e r i e in Berlin sind auf der deulsch-ualionaleii Ausstellung in Düsseldorf zwei Gemälde und zwei Bildwerke angekauft worden: K a l l in o r g e n s„An' die Arbeit" und Robert Weises„Porträt einer Dame in einer Herbst- landschast", feiner Nikolaus Friedrichs„Sandalenbinder" und Max Kruses Porträlbüste seiner Mutter.— — Melchior L c ch t c r hat ein großes Tafclgcinälde„Die Weihe am m y st i s ch e n Quell" und eine Reihe andrer Arbeiten im Knnslsalon Keller».Reiner zur Ausstellung gebracht.— — Die Bestellung des„ D e u k m a l s der Arbeit" von C o n st a n t i n M e u u i e r durch den belgischen Staat ist, wie man der„Frankfurter Zeitung" aus Brüssel mitteilt, bei dem greisen Meisler bisher nicht erfolgt. Die Befürwortung der Bestellung durch die socialistischen und radikalen Abgeordneten scheint einer gewissen hohen Stelle, die in einem Drnkmal der Arbeit etwas Socialislisches wittert, Mißtranen ciiiznflößen. Das Modell des Denkmals wird im Laufe des Oktober im Brüsseler Cercle artistiqne zum erstenmal öffentlich ausgestellt werden.— —„Mineralien passier'»!" Dcntschböhmische Blätter berichten: Zwei Sachsen kamen nach Bodenbach, und als man am Zollamte daselbst ihrer mächtigen Botanisierbüchscn ansichtig wurde. verlangte man deren Oeffuniig! Es fanden sich ober nur Schmetter- linge und Käfer darin vor, und lauge suchte der Zollbeamle in sciueu Listen, bis er endlich die beaiistnndetcn Sachen mit dem ärgerlichen Rufe:„Mineralien passieren I" herausgab.— Veraiiiwvrtcicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading m Berlin