AnterHaltttngsblatt des vorwärts Nr. 191. Mittivo ch, den 1. Oktober. 1902 ivl Vie Gtaät. (Nachdruck verboten.) Noman von N i c o l a u s Krau ß. Sie waren auf der schönen, breiten Straße, an dem neuen Friedhofe vorbei, bis in die Nähe der„Pestsäule" ge- kommen. Da faßte Lene ihren Bruder an der Hand, setzte sich drüben in das Gras der Straßengraben�Vöjchung und zog ihn neben sich nieder. „Jetzt sag' mir einmal, Matz, was ist denn mit Dir? Den ganzen Tag hast kaum einmal den Mund anfg'macht und da höchstens Ja oder Nein g'sagt!... Fehlt Dir was?..." Er riß einen Grashalm ab und betrachtete ihn aus- merksam. „Mir?" „Ja, Dir?... Hast denn's Reden ganz und gar der- lernt?" „Warum?" Sie faßte ihn an der Schulter. „Weißt D', jetzt werd' ich bös!... Da'' D' was auf'ni Herzen hast, Hab' ich Dir ja gleich ang'sehen, wie Du zur Thür 'reinkommen bist. Ich kenn' Dich doch, Brüderl!... Jetzt red', oder ich geh!..." Er zögerte und sah sie von der Seite an. „Die Eva-5iathl!" „Ist sie krank?" jEin halbes Lachen kam über seine Lchpen. „Die und marod'!" jEr bewegte unschlüssig die Hand. „Ich kann nichts vertragen... und komm' nur alle heiligen Zeiten inS Wirtshaus... Seit ich im Gemeinde- vorstand bin, muß ich doch manchmal hin... Da krieg ich nichts zu essen... der Magen verträgt das saure Brot nimmer recht... wenn ich heimkomm', und sie brummt und schimpft ... und die Kinder werden doch schon groß und fassen alles auf... und am andern Tag bin ich wie zerschlagen... Ich kann mich doch nct rein tot arbeiten!..." „So schimpf' doch wieder!... Laß' Dir im Wirtshaus eine Wurst geben oder eine Suppen aufbrennen, wenn sie Dir nichts kochen will..." „Du hast leicht reden!... Draußen essen kost't Geld... und wenn ich auch was sagen will, mit'm Reden komm' ich ihr doch net nach..." „Bist halt immer noch der alte Matz und wirst es bleiben ... Was Hab' ich Dir g'sagt, wie Du's erstemal nach Konradsreuth hinaufkommen bist und klagt hast?... Beim Auf- schneiden des ersten Brotlaibs zieht man die Weiber. Versieht mau's, dann wird manche störrischer, als eine alte Kuh... Du hast es halt versehen, Brüderl, und mußt schon selber aus- essen, was Du Dir eingebrockt hast... Wenigstens hat sie Geld g'habt!" „Das hat sie gleich fest machen lassen..." „Wenn Du damit einverstanden warst, kannst D' Dich net beklagen..." Er wandte sich plötzlich seiner Schwester zu und fragte: „Wer war der Förster heut?" Sie wußte nicht recht, wo hinaus er wollte, sagte aber: „Der Förster von Neuberg... Er war bei uns Adjunkt gewesen." „Hat er was g'wollt?" Sie sah ihn lächelnd an. „Du bist ja neugierig, Matz!... Von der Seiten Hab' ich Dich ja gar noch net kennen g'lernt!... Aber wenn Du's durchaus wissen willst— einen Antrag hat er mir g'macht!..." „Und hast T'?..." Sie sah seine aufgerissenen Augen. Er kain ihr beinah' lächerlich vor. „Nein, Hab' ich nicht... Könnt' mir einfallen!" Er atmete auf. „Dann brauchst Du also auch Dein Geld no nct?... Ich wollt' Dich schon z' Mittag fragen..." Jetzt wußte Lene, wie sie dran war. „Jessas, Ihr Bauern!... So was Vordrucks und Feiges!... Na, jetzt weiß ich ja gleich, weshalb Du heut' hereinkommen bist, und was Dir im Kopf'rumgeht!... Ich brauch' kein Geld!... Sie haben mir die Pension aufbessert, und das andre verdien' ich mir..." Sie sah sinnend vor sich hin. „Wenn Du mir mein Erbteil damals herausgegeben hättest, wie ich heiraten wollte..." Energisch schüttelte sie den Kopf. „Nein, es war doch gut so!... Ich war' gerad' so ein Krauterer geworden, wie Ihr... Ist ein Leben!... Aber Ihr seid selbst schuld. Der Fritsch am Bühl ist auch ein Bauer, aber ein ganz andrer. Kerl!..." „Der ist ein„Gro er", hat Geld und Dienstboten, so viel er will... Wir müssen uns allein plagen..." -„Und sind und bleiben dumm... Er hat Verstand und Unternehnmngsgcist... Zu was brauchst Du denn das Geld?" „Wir möchten bauen... Mit der alten Hütten ist's schon zu arg. Und der Große, wenn er heiraten will, kriegt doch gleich eine andre Braut, wenn der Hof was gleich sieht.. Lene lächelte trübe. „Schlau, schlau seil Ihr schon, wenn's uin die Kreuzer geht... Also meinetwegen!... Das Geld kann stehen bleiben. Aber mit den Zinsen bleibt's auch beiin alten..." „Sie hat g'sagt... die Sparkasse verlange weniger,.» Aber das Unischreiben... Weiln's net anders geht..." Er faßte ihre Hand. „Alsdann eing'schlagen!... Jetzt muß ich aber geben, wenn ich noch vor Nacht heimkommen will..." Sie schieden. Lene sah ihm nach, wie er die Straße dahintrollte, leicht und mit den Händen und Arineit gesti- wie einer, der seine Absicht erreicht hat. Sie wandte sich der Stadt zu. Hinter dem Vahnüber- gange blieb sie stehen. Unter ihr das breite Band der Eller, Sand Jodok, das ganz verräucherte Armenhaus, eine rote Fabrikesse, die sich aus einem buschigen Bauingarten hob. Rechts drüben aus der Höhe der Dölitzhof. Quer durch den Mittelgrund der Viadukt. Durch die hohen Bogen schimmerten die weißen Gärtnerhäuschen des Angers. Wie ein Riesenwahrzeichen standen die beiden Türme der Nicolaikirche über dem Eisen- bahndamm. Vom Bruckthor her drang ab und zu das Brummen der Drehorgeln, auf deni Bahnhofe pusteten und pfiffen die Verschiebemaschinen. Um die schwarze Stadt sammelte sich fahler Rauch, Wasserdunst vom Flusse; dahinter stieg die grüne Mauer des Waldes empor. Kleine, rote Wolken standen über Sand Anna, sonst war der Himmel klar wie eine blaue Gasglocke. Von der Stadt her kam ein Trupp junger Knechte. Sie hatten ihre Bratwürste drin, ein paar Maaß Bier drauf ge- setzt, jetzl zogen sie vergnügt heimwärts. Fast die ganze Straßeabrcite nahmen sie für sich in Anspruch. Einer hatte eine Mundharmonika und spielte einen flotten„Hupf-auf". Und einer nach dem andern that einen Sprung, so hoch er konnte, und ließ einen Juchzer los, daß der Hall von dem Bahndamm wiederkehrte.— VII. Es war zwei Tage nach Vincenzi. Stach dem Mittagessen hate sich Lene mit ihrem Nähkorbe im großen Zimmer festgesetzt und Fritz zugehört, der am Flügel übte. Der war dann gegangen, um mit seinein Zögling einen Spaziergang zu»lachen. Da hatte sie ihren Stuhl ans offene Fenster gerückt— der Tag war heiß, wie nur einer im Hochsommer— und war mählich ins Träunien gekommen. Ab und zu tauchten noch die neckischen Tonfolgen von Webers„Aufforderung zum Tanz" in ihrein Gedächtnisse auf. Aber die freundlichen Bilder und Vorstellungen wichen mehr und mehr. Drüben, am Ende eines finsteren Gäßchens, wuchteten die dunkle» Massen des alten Schlosses, kleine, alte Häuser schmiegten und duckten sich im Halbkreise wie Schutzflehende. Alte» Krüppeln glichen sie, die nicht sterben wollen, trotzdem ihnen das Leben weder gutes noch schönes mehr zu bieten vermag. Das war Verfall, Verkonnnen. Die Sonne stand hoch, und unter ihre» grellen Strahlen erschien die Armut noch häßlicher. Eine melmicholische Stimmung ergriff Lene, und sie wuchs, so sehr sie sich auch dagegen zu strällben versuchte, — Vi Zum erstenmal kam ihr der Gedanke, ob sie denn auch gut gethan, dasi sie nach dem Tode ihres Mannes in die Stadt gezogen. Bisher hatte sie im Drang der Arbeit nie Zeit gefunden, mit sich Zwiesprache zu halten. Kamen einmal solche Anwandlungen, dann hatte sie mit Absicht noch mehr auf sich genommen, als sie eigentlich nmsite; die Zeit, die alles heilt, würde ja auch ihr Linderung bringen. Mit dem Einsehen der Ferien hatte die Arbeit sich sehr verringert. Lene nähte und strickte, unterhielt sich mit Fritz über seine Zukunft, aber es kamen doch Augenblicke, Stunden, wo sie sich sagen mußte: Zu was bist Du denn auf der Welt, wenn Du nicht einmal im stände bist. Dich nützlich zu be- schästigen? Besuch kam wenig. Das Annerl war während der Ferien bei ihren Eltern, Krämerleuton in Wildstein, der alten Berger mußte ihre Tochter jeden Verkehr„mit oben" verboten haben. Selbst die Life ließ sich ganze Wochen lang nicht sehe». Sie hals erst da und dort bei der Ernte, dann bei dem Brauer, der sie sonst jeden Nachmittag beschäftigte, beiin Hopsen- pflücken. Stieg sie einmal herauf, dann ächzte und klagte sie: Sie müsse sich doch etwas gethan haben, im Leib sei es ihr so komisch, es würde am besten sein, wenn sie sich legte. Am Vincenzitag, als die Gäste sich entfernt hatten, war sie in der Küche beinahe umgefallen. Und sie hatte doch nur eimge Handreichungen gethan. Einige Bekannte vom Lande hatten Lene eingeladen. Sie lechzte danach, einmal aus dem Glutofen, den man Stadt nannte, herauszukommen; aber nachdem sie sich die Sache überlegt, blieb sie doch zu Hause. Tie sie einluden, hatten Studenten bei ihr, oder wollten Söhne zu ihr bringen. Das hätte ja ausgesehen wie eine Abfütterung! Gruber hatte so etwas nie gethan: und so ließ auch sie es bleiben. Mit Miihlesse» war der Zusammenhang verloren ge- gangen. Der Onkel und die Tante, die sie erzogen hatten, waren gestorben, eine Freundin hatte sie als elternloses Kind, das wie ein Tier stets auf der Flucht war, nie gehabt. Oft schalt sich Lene selbst, daß sie sich so schwer an andere anschloß. Aber ihr Leben hatte sich so gestaltet, daß sie immer einsam war. Und wenn sie es sich recht überlegte, war sie eigentlich nie unglücklich darüber gewesen. Sie wußte, was sie sich zutrauen konnte. Woher also mit einem Male dieses Bängliche, dieses Unbehagen? Ihr Blut rollte doch mit der alten Frische und Kraft durch die Adern! Sie war gesund und schaffens- lustig!... Vielleicht war es gerade das. Schaffen, arbeiten, aber für wen? Jetzt machte es ihr noch Freude, und ihre Anne waren stark. Aber wenn das Alter fain? Ter schwarze Steinhaufen da drüben war auch einmal eine feste Burg und ein so schönes Gebäude gewesen, daß ein Kaiser darin Hochzeit halten konnte!... tFortsetznng folgt.) Rachdruck vcrdotcu. Tungen. Von?'o rothea Goebeler. Nach Eins lvurde es auf dem Hof mit einem Mal lebendig. Es war, als hatte sich das ganze Onergcbaude verabredet, ans- gerechnet in dieser Stunde, irgend welche Hofarbeit zu verrichten. Zuerst kam die Steinsclzcrfran mit ihrem Teppich. Sie hatte ihn zwar erst vor zwei Tagen gebürstet, sie war aber offenbar siir Nein- lichkeit. Mit rührender Gründlichkeit bearbeitete sie Strich auf Strich. Die lange Hoffmann folgte ihr auf denr Fuß. Sie trug einen Mantel über'm Arm und in der Hand ebenfalls Klopfer und Bürste. Sie fetzte sich auf den Hauklotz und wartete. Die Schlosserfrau brachte ihren Ascheimer und wusch ihn unter dein Brunnen, und so kam noch die eine und die andere und Ivollte Holz hauen oder sonst etwas. Eine große schlanke Blondine fetzte sich ans den Müllkasten in die Sonne und schankelte ihr Wickelkind. Es sah wirklich aus wie ein Rendezvous. Das schien cS aber doch, nicht zu sein. Man sprach wenigstens von sehr allgemeinen Dingen, vom Wetter und vom teuren Fleisch, und daß man eigentlich gar keine Zeit hätte, und nur so ganz nebenbei fragte auf eiiunäl die mit dem Kinde:„Js denn die Müllern schon zu Haus?" Drei, vier Stimmen antivortctcn unisono:„3h wo, man jetzt noch nich!"„Der Termin fangt erst Uhre Elfe an."„Wenn das man um Fünfe zu Ende is." „Na machen Se man nich solvat,'ö iöj doch bloß'ne Injurie." „Aber wat for ecne! Ob se verdonnert wird?" „Da können Se Jift druf nehmen, Hoffmann, die muß sitzen oder blechen!" „Dett war so recht, bei olle Schandmaul,'n annct Mächen so zu beleidigen. Und wo die Klingnern so'» aiiständjet Mächen is." „Die denkt, Werl se'n Bnrschtenbinder zum Mann hat, kann se sich wat rausnehmen." „Na wissen Se, und die müßte doch ganz ssille sein. Bei ihre Herkunst überhaupt!" Die Blondine schlug die Augen gen Himmel. „Ick denke, se is aus'ne Jroßdestille?" «Ih Jott belvahre, bloß auS'ir ollen Tanzbums und ooch mw 'n anjenommnet Kind." „Was hat se denn eijentlich jesagt?" fragte die Schlossersfrau in das allgemeine Stimmengesurr hinein.„Ick bin doch man erst herjezogcn." „Jemeinheiten hat se jesagt," schrie die lange Hoffmann.„De Klingner is übern Hof gegangen und oben kuckr de Müllern aus't Fenster, und de Lehmann kloppt Teppiche, und daim schreit de Müllern dejsLehmann zu,'s wär nich mehr reene in's Haus,'s wär 'n Mächen mit'n Liebsten hier und dett machten alle Ladenmächens so und hielten sich einen." „Nu hör doa> Eencr, sone Jistzunge!" „Die wer'n se ihr in Moabit schon kloppen." „Hat'n de Äliugner'n Zeugen?" „Ihre kleene Schivester hat's jehört." Dett hat ooch sonst noch mancher gehört," sagte die Schlosser- fra» mit einem Blick auf die Blondine. Die schaukelte jedoch ihr Wickelkind und sagte gleichmütig:„De Lehmann muß et doch zuerst jehört haben. Und überhaupt de Klingeru, na, wissen Se!" „Na, wissen Se? Wollen Sie lvat über de Klingern wissen 1" Die Hoffmann sah sie herausfordernd an. „Ick bab' doch nischt jesagt!" Die Blonde that unschuldig,„ick sag' nur, de Lehmann muß er bezeijen können." „Die Lehmann?" schrie die Schlosserstau,„die kramt doch mit de Müllern zusammen, �die sagt, se heeßt Haase und weeß von nischt." „Na, passen Se auf," meinte die Hoffmaim,„der olle schwarze Satan kommt stci." „Dett wär'ne Affenschandel Wo se allens verhetzt und verklatscht und det Schikanieren im Haus." „Det hat se schon als Mädchen so gemacht," erzählte die Blonde. „Na, wissen Se, ich kenn se doch noch von de Schule her und mein Mann hat auch schon jesagt, nimm Dir bloß vor die Frau in acht. Aber dicke thun mit'n Rosenhut und bei's Milchmädchen is se schon acht Mark schuldig." „Ick denke, Sie sind Fhre Freundin, Hamacken?" fragte die Schlosserfrau mit einem Blick über die Achsel. Sie jehn doch immer mit se aus." „Sülle!" Die Hoffmann stieß sie in die Seite:„Jetzt kommt sc." Vom Hanseiiigang her kam eine Frau in den Hof. Hochrot im Gesicht, die Lippen zuinnimengekinffen. biesterte sie aus den Seiten- fliigel zu. Nur ein halber Blick streifte die Frauen, er schien aber zu genügen. Die Müller drehte den Kopf, ihre schwarzen Stech- äugen bohrten sich auf die Haruack, die einen Schritt vorgetteten war. Die Müller schoß auf sie los:„Du— dett is gut, dett ick Dir treffe. Wat haste gesagt? Du hast ja gester» de Klingner gesagt. Du hast jehört, wat ick jesagt habe, darum soll ick fufzig Mark bezahlen? Dir wer' ick dett besorgen." „Wat soll ick gesagt haben?" schrie die Blonde auf:„Nischt Hab' ick gesagt, dett is'ne Lüge, dett ick wat gesagt' habe. Laß mir in Ruh!" Sie war kreidebleich geworden. Sie wandte sich um und wollte nach dein Hanse, aber die Schlofferstau trat ihr in den Weg und stemmte die Anne in die Seite:„Wat soll'ne Lüge sein, Frau Hamacken? Jrade haben Se's zu de Klingnern jesagt. Sie haben noch ville mehr jesagt. Ick wer' Ihnen mal sagen, wat Sie jesagt haben. Alles haben Se jehört, haben Se jesagt. Die soll stille sein, haben Se jesagt,'ne Kessclflickersdochtcr is se man, aus de Lumven haben Se se rausjepellt! lind reine ans Jnade und Barmherzigkeit! Und de jauze Schule hat sc nich anders jeuaunt wie Konradis verlumpte Anna." „Und eben haben Se noch detsclbe jesagt," rief eine Stimme ans dem Cbor. „D i e bei ihre Herkunft, na wissen Se," äffte eine zweite. .Das is ja jar nich wahr," schrie die Blonde weinerlich,„Ivie können Se denn so was sagen? Ich wer' mir mein Recht schon suchen." Sie zog die Schürze vors Gesicht und begann wirklich zu schluchzen. Die Müller, die einen Augenblick sprachlos gestanden, fuhr in- dessen von neuem auf sie los:„Du. dett haste ihnen auch jesagt? Du, im wer' ick Dir mal wat sagen: und Du willjt wat sagen und bist von de Treppe jefallcn. Du mit Dein Siebenmonatslind? Wenn De nich'ne reiche Schlächtcrdochter wärst, härffte noch nich mal'n Vater zu jekriegt." Ein gellendes Gelächter tönte aus der Runde. „Dett is ja nich wahr," schrie die Blonde wieder. „Ick sag's meinem Mann, ick jeh auch vor'S Jericht. Und de Hoffmaim hat schon eben von Dir jesagt. Tu bist'n Schandmaul und'ne jist'ge Kröte." „Na so'ne Jcmcinheit!" rief die Schlosserfrau,„jetzt sagt se wieder, wat man so spricht." „Und sagt's noch janz falsch," empörte sich eine andere. „'n ollen schwarzen Satan haben se Dir jcnaimt!" triumphirte die Blonde,„die da.. die da.. die hat's jesagt." Sie�zeigte auf die Hoffmanu.„Und Du willst mir schinipstere»!"s t t»Ich zeije se an," schrie die Müller,„ick zeije ie alle mit'nander an, ick kaiiil ooch.snieinen Prozeß haben, Iretc, Du mußt et mir Bejcujcn." Sie nahm die Blonde am Arm und zog sie nach den: Haus. „Ick bezeuje's Anna, ick beschwöre� alles." Die Blonde war rasch versöhnt. Sie warf einen höhnischen Blick auf die andren Frauen. „Ick zieh se vor's Jerichte," schrie die Müller.„Sie sollen blechen, warten Se man, oller schwarzer Satan, jiftige Kröte, dett kost' hundert Mark!" „Bleche». Se man erst für Ihre eignen Injurien", rief die Hoff- mann ihr nach. Aber die Müller lächle auf:„Fufzig Mark sind e-Z ja man, denken Se denn det is'ne Strafe? Det soll ne Strafe sind?. Wozil haben luir'n Männer, die uns Jeld ranschleesen? Was Jrete,! detr bezahlen wir mit ecne Hand!"— (Nachdruck verboten.) 6old imd Sübcr in Dcutfcbland» Kürzlich ging durch die Zeitungen die Nachricht, daff im Tamms Gold gefunden sei. In Schlesien, wo im Mittelalter lind bis in die neuere Zeit hinein ein ziemlich ergiebiger Goldbergbau betrieben wurde, entdeckte man vor mehreren Jahren beim Bau der Bahnlinie Grcifenberg-Löwcnberg zwischen den Ortschaften Schmottscifen und Äiebcnthal neue, früher nicht bekannte Goldlagerstältcn. Auch im tayrisch-böhmischen Grenzgedirge stellte man ungeiähr zu derselben Zeit das Vorkomnlen dieses edlen Metalls fest. Von den deutschen Flüssen führt vor" allem der Rhein in seinem Sande Gold mit sich, und zwar in größerer Menge, als nian wohl gewöhnlich annimmt. Daubree berechnete, dah in der goldführenden Schicht zwischen Nhei- nau und Philippsburg, die 123 Kilometer lang, 4 Kilometer breit und 5 Meter tief ist, gegen 36 666 Kilogramm Gold liegen. Die Ge- samtmasse des Goldes zwischen Basel und Mannheim schätzte er auf 62 666 Kilogramm im Werte von etwa 166 Millionen Frank. An Goldgehalt kommt der Sand der Eder in Hessen etwa dem des Rhein- sandcs gleich. Zwischen Basel und Mainz war das Vorkommen von Gold seit den ältesten Zeiten bekannt. Bereits im Jahre 667 verlieh der Frankenherzog Etikon dem Mainzer Kloster das Recht, Gold im Rhein zu waschen. Bergrat Hermann von Festenbcrg-Packisch meint in seinem jüngst veröffentlichten Buche„Bausteine zur Geschichte des deutschen Bergbaues", gewiß hätten sich bereits in den Zeiten des früheren Mittelalters Ströme von Auswanderern nach solchen Punkten ergossen, von denen her die Kunde von dcni Vorhandensein dieses Edelmctallcs gedrungen war. Derartige Punkte waren außer dem Rhein: die Eder bei Frankenberg, Fritzlar-Altenharz und Fels- borg; die Schwarza im Fürstentum Schlvarzburg: die Mulde bei Albcrmann. Borkau und Rochlitz; die Katzbach bei Goldberg und Liegnitz; der Bober bei Löwcnbcrg; die Ottaiva im Böhmerivaide u. a. m. Auch im Erzgebirge gab es viele Goldwäschereien. Im Jahre 1636 waren im Schwarzburgischcn noch an 26 Goldseifenwerke im Betriebe, die den Saud der Schwarza verwuschen, und bei Hirsch- berg in Schlesien wurde bis in das achtzehnte Jahrhundert hinein Gold gewonnen. Viel bedeutender aber war in Schlesien der Goldbcrgbau, be- sonders bei Goldberg. Die Ausbeute soll in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wöchentlich 126 Mark Gold(1 Mark= 233,8 Gramm) betragen haben. Obwohl nach dem Siege der Mongole» über Heinrich II. den Frommen bei Wahlstadt der Bergbau in jener Gegend zunächst aufhörte, waren im Jahre 1316 bei Goldberg doch bereits wieder 2666 Bergleute beschäftigt. In Rcichcnstcin, wo Arscnkies verarbeitet wurde, muß, schreibt Dr. Adelberg Rössing in seiner„Geschichte der Metalle", nach den Schlackenhalden zu schließen, der Bergbau in großartigem Umfange betrieben tvorden sein. Allmählich aber ging es damit abwärts, wohl deshalb, weil man nach der Entdeckung Amerikas in Bezug auf Goldgewinnung mit der neuen Welt nicht konkurrieren konnte und weil auch wohl die Grubenwässer nicht mehr zu belväliigen waren. Im 36iährigen Kriege scheint dann der einst so blühende Goldbergbau in Schlesien fast ganz zu Grunde gegangen zu sein. Auch an andren Stellen in Deutschland fand man Gold, so zu Korbach, Goldkronach in Franken, Kottenhcide im Voigtlande, Goldis- thal, Reichmannsdors und Steinheide in Thüringen; im 16. Jahr- hundert wurde im Waldeckschcn am Eisenberge bei Goldhausen Gold- bergbau betrieben. Georg Agricola erwähnt in seinem im Jahre 1556 erschienenen Werke„de re Metallica", daß die Markgrafen von Brandenburg aus dem Goldbergwerke zu Goldkronach wöchentlich für 1566 rheinische Goldguldcn Gold erzielten. Die Zeche„Güte Got- tcs" am Petersberge im Schwarzwaldc lieferte von 1576 bis 1586 etwa V, Zentner fein Gold. In Böhmen, deni goldreichsten Lande des Mittelalters, gab es in frühere» Jahrhunderten Goldwäschcrcicn an der Elbe bei Plcß und an andren Orten, auch Goldbergwerke. Im Salzburgischen wurde bei Gastein und Rauns Gold gewonnen, in den hohen Tauern seit uralter Zeit. Die Entdeckung der Erzlagerstätte des RammelSbcrgcs bei Gos- lar(zwischen 636 und 616), die noch heute Gold liefert, war ein epocheinachcndes Ereignis in der Geschichte des deutschen Bergbaues, der sich von jenem Zeitpunkte an in dein gefestigten und zu de» Ar- besten des Friedens erwachenden Deutschen Reiche schnell zu hoher Blüte entfaltete. Die Verarbeitung der Erze des Ranunelsbergcs nnd die Gewinnung von Kupfer, Blei, Silber und Gold aus den- jclbeg stellte, schreibt v. Festenberg-Packisch, bereits erheblich hohe An- fvrderungen. vnd das Bewußtsein, im Besitz der Gcheimkundck zu sein, nämlich aus unscheinbarem Erze die edlen Metalle, Gold und Silber, zu scheiden, flößte den Altforderen ein stolzes Selbstgefühl ein. Im Jahre 1136 fanden Salzsuhrleutc in der Gegend von Frei- berg im sächsischen Erzgebirge Silbererze. Bald wanderten dann Harzer Bergleute dorthin aus und gründeten den ältesten Teil Frei- bcrgs, nämlich die Sachsen- oder heutige Sächsstadt. Es dauerte nicht lauge, bis 6666 Menschen in den neuen Silbergruben thätig waten; diese ergaben von 1526 bis 1636 nach Abzug des Zehnten 37, Millionen Thaler Reinertrag, eine für jene Zeit sehr bedeutende Summe. Im Jahre 1546 zählte die Stadt Freiberg schon gegen 33 666 Einwohner im Alter von über 11 Jahren, die männliche Be- volkcrung war in ihrer weit überwiegenden Mehrheit beim Silber- bergbau beschäftigt. Für die Wasserhebuug bedurfte man im Jahre 1566 nicht weniger als 2116 Pferde und 256 Knechte. Die reichen Anbrüche bei Schneeberg verursachten im Jahre 1177 ein großes „Berggeschrei", die dortigen Gruben sollen von 1171— 1566 über 3266 Centner Silber geliefert haben. Die Annaberger Grube», von denen im Jahre 1516 gegen 76 in Betrieb ivarcn, ergaben in den ersten achtzig Jahren ihres Bestehens an Ausbeute angeblich für 3v, Millionen Thaler Silber. Zu Joachimsthal ivarcn im Jahro 1516 gegen 8666 Bergleute beschäftigt, iu der daselbst im Jahre 1573 errichteten Münze wurden die ersten Thaler(Joachimsthaler) geprägt. In den dorrigen Gruben soll von 1516— 1534 für mehr als 27- Millionen Thaler Silber produziert sein. Ilngeheucr reich war die Ausbeute der vom Hcnise Fugger in Tirol betriebenen Berg- werke. Die Jahresproduktion wird auf 56 666 M. Feinsilbcr an- gegeben.— E r!i st M a r t c n s.. Gleims f cmllctoti. — Zug Uttd offene Fenster. Ncber dies Thema plaudert Prof. Meidiuger iu den„Blättern für Volksgesnndheitspflege". Unser Behagen bei ruhendem Körper, besonders innerhalb unserer vier Wände, ist an eine bestinnnte Temperatur geknüpft, die etioa zlvischeit 16 mtd 21 Grad Celsius(13 bis 17 Grad Reaumnr) liegt. Junge Leute oder solche, die durch regclmäßigeu Aufenthalt im Freien ab- gehärtet sind, fühlen sich bei der niederen Temperatur wohler, ältere, oder durch den Berus mehr ans Ziimner gebannte Personen bedürfen. namentlich wenn sie von magerem Körperbau sind, der höheren Wärmegrade. Durch Lust- bewegmig, die man im Freien als Wind, im Zimmer als Zug be- zeichnet, wird die Wirkung ein nnd derselben Temperatur sehr per- ändert, da eine raschere Abkühlimg der Haut nicht bloß an den un- bedeckten, sonderit auch an den bekleideten Körperteilen entsteht, soweit sie dem Luststrom ausgesetzt sind. Die Lust erscheint dadurch kälter, als sie in Wirklichkeit ist. Wenn die Temperatur sonst über dem der Annehmlichkeit entsprechenden Punkt sieht, so wirtt die ver- stärlte Abkühlung der Haut durch bewegte Lust wohlthuend. weshalb die Damen zum Fächer greifen. Im Freien kann der Wind bis zur Erzeugung eines frostigen Gefühls ans den Körper einwirken, ohne der Gestntdhcil zu schaden, so lange der Körper in Bewegung ist. Eine gesundheitliche Schädigung tritt erst ein bei Zug innerhalb des Zimmers, wenn sich der Körper in Ruhe befindet. Die sich einseitig fortsetzende Abkühlung der Haut kann. auch weim die Temperatur sonst normal ist, zu Erkältung, zu Schnupfen, Husten und weiterhin sogar zu rheumatischen Beschwerden und zu Gelenkrhetnnatisnms führen. Dies ist bei jungen Leuten selbstverständlich seltener als bei älteren; darum aber sollte jeder sorgfältig darauf acht geben, wenn er die Altersgrenze überschritten hat, die ihn für Zug nnd die daraus entstehenden Folgen empfindlich werden läßt. Das offene Fenster spielt in der Wohnung, übrigens auch in andern Räumen zum vorübergehenden Aufenthalt, Ivie in den Eisen- bahnen, eine groge Rolle. Viele Leute meinen, es sei für ihre Ge- snndheit erforderlich, das Fenster des Schlafzimmers während des ganzeit Jahres offen zu haben. Die Folge davon ist, das; die Schlaf- räume an heißen i-ommcrtagen unangenehm warm, im Winter unbehaglich kalt sind. Das Oeffnen der Fenster wird für die Schlaf- zinnner mich zur Nachtzeit empfohlen. Wer von Jugend an daran gewöhnt ist, mag sich auch in höherem Alter dabei wohlsühlen: wer aber später damit'beginnt, holt sich dadurch gewöhnlich eine Er- kältung. Es ist durchaus möglich, daß jemand ohne Schaden im Freien schlaseir, aber ein offenes Fenster im Schlaf- ziimner nicht vertragen kann. Im allgeineiueu könnte man wohl als Regel ausstellen, daß sich niemand ohne allinählichen Ucbergang zu einer früher nicht gekaimtcn Gewohnheit bekehreli lassen sollte. Besondere Fanatiker des offeiicu Fensters pflegen die Engländer zu sein, die aus der Eisenbahn und in Peufionen oftmals mit den übrigen Anwesenden in Streit kommen, weil sie sich den Vorzug des geöffneten Fensters nicht nehmen lassen wollen. ES giebt aber auch unter uns Deutschen zuweilen solche Fanatiker der Lüftung, nur daß sie in der Regel den Borftelllingen anders Fühlender am dritten Ort eher zugänglich sind. Für dieses Jahr ist die Zeit freilich vorbei, aber es kann doch noch daraus hingewiesen werden, das; im heißen Sonnner das Oeffnen der Fenster ganz nnsümig ist, wenn die Temperatur draußen vielleicht um 3 bis 5 Grad höher"t als im Zimmer. Wer es noch Nichtwissen sollte, mag es sich gesagt sein lassen, daß im Sommer die Fenster nur zur Nachtzeit oder zur späten Abendstunde geöffnet werden dürfen und de? Morgens bald nach Aufgang der Sonne geschloffen werden sollten.— ck. Alpengarten auf den Vogescn. Der Alpengartcn auf dem Elsässer Velche», dessen Einrichtung in das Jahr 1894 zurückreicht, gedeiht Vorzüglich. Der Versuch, P stanzen der Schweizer Berge auf diesem Gipfel der Bogesen zu acclimatisieren, ist volltommen ge- lnngen. Im Anfang begnügte man sich damit, auf deni Gipfel des Welchen einige schon entwickelte Pflanzen, die man für kräftig genug hielt, das Itlima in dieser Höhe zu ertragen, anzupflanzen. Leider zerstörten die hier weidenden Herden häufig viele Pflanzen. Deshalb richtete man ein Gebiet von 4 Ar als Garten ein und umschlofi es an einer Seite mit einem hohen Gitter ans sehr dicht gesetzten und fest ver- bundenen Tannen und an der andern mit einer Mauer aus trocknen Steinen, so dag auch Schutz vor dem heftigen Wind, der ständig auf der Höhe weht, gewährt war. Außerdem schützen einige Räume innerhalb der. Einrichtung die Pflanzen während des Sommers gegen die Sonneuglut. Die Pflanzen gedeihen in dieser Höhe von 1150 Meter, nicht weit vom Hoteh auf dem Belchen. sehr gut, und niehrere Arten blühen regelmäßig in jedem Jahr. Man hofft auch, demnächst hier mehrere Anen von Vogeienpflanzelr. die auszusterben drohen, aiiznpflmizen und wieder zu verbreiten. Die ettva 100 Argen Alpen- pflanzen sokken bald vermehrt iverden.— Mnsik. Dem„Centrak-Thealcr" haben wir mehrmals nachgerühmt, daß es eine wirkliche Centralstellc für die Pflege der Operette sein könnte, und daß es dieser Fähigkeit zum Teil auch wirklich gerecht wird. Allerdings sinkt es, namentlich in der Wahl seiner Stücke, manchmal auf das Gebiet der— sagen wir: lleber- posse herab. Am auffallendsten wurde dieS im heurigen Sommer, als seine Leitung von der Geueralintendanz der Königlichen den „Kroll" pachtete. Es ist, als ob die Berührung mit dieser Groß- firma auch schon einen Schritt nach abwärts in der Kunst bedeutete. Oder wollte sich Direktor F c r e u c z y den Spaß machen und das Walten der Geueralintendanz satirifierrn V Was er bisher dort an Neuem brachte, war selbst nach dem Maßstab, den mail heute an Operetten zulegen Pflegt, mindeiwertig' und was er gar jetzt zuletzt brachte, war nicht einmal des Ueberpossennamens wert. Vorgestern, Montag, lvurdc uns also eine neue Operette be- schert:„Die ledige Frau". Text von Josef Siegmund und I u l. Wilhelm, Musik von Richard H a l l e r, also anscheinend von noch wenig bekannten llntcrnehiuern. Ursprungsort wahrscheinlich Wien, die einst so reiche Opcrcltcnstadt, der es wahr- lich zu gönnen wäre, wenn sie ihren Reichtum wieder fände. Der Inhalt deS Stückes ist so bekannt wie möglich. Es findet sich die typische internationale Operettengesellschaft zusainmcn, aus Amerika, Paris, Wien und Außlaird. Eine zur Sängerin gewordene russische Gräfin spielt aus dem und dein Grund die Gattin eines französischen Ingenieurs: die ganze Gesellschaft reist sozusagen ein- ander nach, über ein russisches Greuzdors und nach Petersburg, wo sich dann am Hof alle Verwickelungen zur obligaten Zufriedenheit lösen. Die mehrfachen Anläufe zu einem künstlerischen Werk, die wir in den letzten Jahren an manchen Operetten schlecht- weg rühmen konnten, und an einigen wenigstens bei Auf- gebot aller Gutmütigkeit gerade nach spürten, beschweren hier das Publikum nicht im mindesten. Obschon diesmal kein Esel, sondern nur Pferde auf der Bühne erschienen, gab'S doch genug Gelächter über einen polnische» Juden usw., und großen Trubel bei den Aktschlüssen. Wenn mau erwägt, welche Glcichgülttg- kcit oder selbst Feindseligkeit sich das Publikuni gegenüber andren, wirklich wertvollen dramatischen Werken leistet? und wenn man daran zurückdenkt, welche peinliche Kritik man selber gegen Schöpfungen eines Strauß, Schillings, Pfitzncr amvendct: dann kann man über einen solchen Mißbrauch des der Oper und Operette ge- widmeten Bodens und des zu etwas Tüchtigem berufeneil Personals nicht scharf genug urteilen. Die paar Musiknummern, die den Gang der„Handlung" unterbrechen, bringen uns gerade so viel, wie jemand, der das Komponieren und die Operettenmache gelernt hat, bringen kann. Gerade noch ein den 2. Akt eröffnendes„Spiel-Terzett" ist so weit geschickt gemacht, daß man es als„nicht übel" bezeichnen darf? andres, das etiva auffällt, ivie der Sieftain des Liebesliedes im ersten und ein„Ich bin einer ominösen und höchst mysteriösen und wahrscheinlich gar offiziösen Sache auf der Spur" im zweiten Akt findet mnn in Tingeltaiigeln ebenso gut, das Tanz-Terzett im zweiten Akt toohl besser. Auffallend ist noch, daß aus dem uns vorliegenden Textbuch nicht wenig gestrichen war? und trotzdem dauerte das Zeug weiß der Hinuuel ivie lang I Für den zweiten Akt lvar eine Ballett-Einlage angesagt. Sie kam nicht und erschien vielleicht im dritte». Daß der Zwangshörer nicht mehr im stände war, auch noch diesen anzuhören, wird mau ihm hoffentlich nicht als Spaßverderbern anrechnen. Die einzige Entschädigung boten das Spiel und der Vortrag der meisten Darstelleuden. Abgesehen von den oft genug aus- einandergesetzten Minderwertigkeiten der Gcsaiigstechnik kann mau mit der Truppe des Ccntral-Theaters zufrieden sein. Diese Künstler besitzen großenteils eine ausdrucksvolle Betonung? an- fchcinend wirkt der Herr Direktor selber als Vortragsmeister. Beraiitworllicher Redaclcur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Perlag: Daß wir die bekannten Namen nicht wiederum nennen, soll keilte Beeinträchtigung ihrer Verdienste sein. Wer sich für mannigfache Stimmenktänge, selbst im Sprechton, interessiert, kaini da bei einigermaßen bescheidenen Ansprüchen manches Hübsche hören. Und einen solchen hätten wir auch gern dabei gehabt, als wir am Sonntag einer ganz andersartigen Produttion beiwohnten. Es handelte sich da um neue„Schöneberger Unterhaltungsabende". die in der Aula des dortigen Reforurghulnasiums jeden zweiten und vierten Sonntag stattfinden. Nachdem wir den ersten Abend wegen einer Kollision versäumt, zeigte uns der zweite, daß da etwas versucht ist, dem mehr Beachtung als die bisherige zu wünschen wäre. Es handelte sich diesmal um einen S ch i l l e r- A b e n d, mit einigen Gesangs- und mehreren Sprech- Vorträgen. Herr H arz en- Müller sang, Frau Alwine W i c ck e und Herr Matthias von E r d b e r g recitierten. Der Letztgenannte hat, seit wir ihn zuerst hörten, in der Sprcchtcchnik entschiedene Fortschritte gemacht? er verfügt insbesondere über einen Reichtum von Stimmfarben. Nur daß ihm diese Technik lediglich Mittel zuntt künstlerifcheu Wirken sei, den Eindruck konnte man nicht eben mittjehmen. Weit mehr gilt dies von Frau Wiecke, die hinwieder lange nicht über so viel Farben verfügt ivie jener und ein episches Stück sogar ziemlich eintönig vorlas. Allein ihre Wieder- gäbe der Hanpffeene ans„Maria Stuart" war eine schöne und be- lehrende Leistung. Derartiges hört man gerne und empfiehlt es auch allen gerne, die unter einfachen Verhältnissen wenigstens ettvaS von künstlerischer Erhebung haben wollen. Es wäre schade, wenn Herrn Harzeu-Müllers Bemühungen nicht mehr Besuch als neulich erzielten. Vielleicht geht es günstiger, wenn sich Bildungsvereine finden, die derlei fördern. Das Sttebcn nach Volksunterhalttmg, unterstützt durch eine ihr eigens gewidmete Zeitschrift, ist jetzt in so gutem Zug, daß sich ein Mithelfen lohnt.— sz. Hmnoriftisches. — Ihre Auffassung. Rosa:„Du, Theres, da steht „Hütet Euch vor den Schätzen, die Rost und Motten fressen"!" Theres:„Gott sei Dank, meiner ißt nur G'selchtes I jGe« räuchertes)."— — Leipziger Etymologie.„Sagen Sie einmal, warum heißt deim das Gäßchen hier da?„Barfnßgäßchcn"?" „Nim, das is doch ganz cefach, ivcil'S äm nur e baar Fuß breit is."— — Ein angenehmer E h e f. Comptoirist:„Seh'n Sie nur, Herr Prinzipal, ivie freundlich die Sonne zu uns hereinlacht!" Prinzipal:„Erstens lacht sie nicht zu uns, sondern zu m i r herein, und zweitens»lachen Se die Jalousie zu, ich duld' keine Heiterkeit im Comptoir i"—(„Meggendorfer Blätter".) Notizen. —„Auf S t e r h o v e", ein neues Drama von B j ö r n s o n. ivird noch in dieser Saison im Deutscheu Theater in Sceue gehen.— Und das Berliner Theater, das Björnson gepachtet zu haben scknen?... — Die erste Novität deS M ü n ch e» e r Ensembles im Belle-Allianc e-T h c a t c r wird B e n n o R a u ch e n e g g c r s Gesangspofse„ A n n o 48" sein.— — Das Intime Theater bringt an seinem nächsten Novitätsnabend hl. Ottober) folgende Einakter zur Aufführung: „Ein Selbstmörder wird gesucht", Posse von Pier r e. Weber und L. A b r i e,„Der gemütliche Kommissär" von G. Co urteline und„Frau D c n i s e" von Ludwig Fernand, Musik von Leo Fall.— — Das.Hamburger Stadt-Theater hat„Im Bunde der Dritte", ein Lustspiel von K o r y T o w s k a, zur Aufführung angenommen, — Suder manns Drama„Johannes", dessen Auf- ftihnlng am Bnrg-Theater von der Wiener Censur verboten war, ist jetzt freigegeben worden. Das Stück wird nun im Wiener Stadt- Theater aufgeführt werden.— e. Hartlebens„R ose» m o n t a g" hat in Mailand (Aufführung im Olympia-Theater) nicht gefallen.— — Eine sonderbare Nachricht bringt die„Wiener Zeit" aus Brüssel: Der s o c i a l i st i s ch e Senator E d m o n d Picard hat ein a n t i s e nc i t i s ch c s Stück verfaßt, das nächstens im Parttheater zur Aufführung gelangt.— — Das erste Philharmonische Konzert findet unter Nikisch's Leittmg am 18. Ottober statt. Zum Vortrag gelangen: Berlioz: Ouvertüre Benvenuto-Cellini; Tfchaikowski: Suite Skr. 1 D-moll; Saint-Saöns: Klavierkonzert F-dur; Brahms: Sinfonie Nr. 2 D-dur. Der Solist des Abends ist Fcrruccio Busoni.— t. Eine internationale Ausstellung für Photo» g r a p h i e wird' im Frühjahr 1903 in Moskau veranstaltet werden. Die Ausstellung wird in sechs Abteilungen zerfallen: wissenschaftliche Photographie, künstlerische Photographie, Anwendung der Photographie zum Druck, Werke über Photographie, techinsche Anwendungen der Photographie und die Photographie in ihrer Eigenschaft als besondres Gewerbe.—__ vorwärts Bmbdmckerel und Petlagsanstall Paul Singer& Co, Bettin SW.