UnterhaltungMatt des Horwürls Nr. 194. Sonntag, den-5. Oktober. 1902 22] Die Stadt» �Ncichdruck ucröotcn.) Roinan von N i c o l a u s K r a u ß. (Schluß.) ic Der Hausbesitzer vcrdrebte die Augen und röchelte jtiudcr schrieen. Au der Thür zeigten sich Frauen. Lene riß den Sinnlosen zuriick. ..Dentt an die Kinder!... Nicht schlagen!.,. Hinaus mit ibm!" Von einem Stosi getroffen flog der Hauseigentümer bis zur Thür. Hut und Stock ließ er zurück. Ehe er cntmich, schüttelte er die Faust und keuchte: „Wird schon heimzahlt werden!... Steh' gut dafür!" Sein Rückzug verzögerte sich. Draußen vor der Hausthür hatte sich eine Schar Frauen eingefunden, jnnge, starke Weiber, die gewohnt waren, eine rci'.tnerschivere Hucke Reisig aus dem Walde nach Hause zu tragen. „Platz!" schrie er.„Laßt mich durch!".-a... Der Kreis schloß sich um so fester. Schon kamen die Liebenswürdigkeiten. „Guten Tag, Herr Flcißuer!... Pfänden wollen S' lassen?" „Das Bettuch, wo die Tote drauf liegt?"* v>. Er zog den Kopf ein.' f' „Ich bau'!"•!j Bon allen Seiten flogen ihm die Fäuste entgegen.~ „Lump!" „Gauner, verdammter!"___ � v. „Schuft!"..... „Die Knochen hätte er Dir brechen sollen!" '„Mir hat er ein neues Kleid versprochen, der Sauhund!" „Der ist ja zu schlecht, daß ihn die Sonn' anscheint!" Im Nachbarhaus, einem neuen, einstöckigen Ziegelbau. öffnete sich ein Fenster: eine dicke Frau lehnte sich heraus und schrie: „Laßt ihn nicht aus!.,. Einen Denkzettel!.,, Einen Denkzettel!"— � „Seine Frau!" Es wurde still. Wie schlecht mußte der Kerl sein, wenn ihn seine eigene Frau nicht mochte! „Die Arme!" v4-. An der Grubeuseite zeigte sich eine Lücke. Der Hausherr ersah seinen Porteil und sprang. Er hoffte an der Böschung Fuß fassen zu können, glitt aber aus und fiel in den Graben, in dem die Abfallwässer der oberen Gärtnereien flössen. Ein Iubelgeschrei schlug auf. llnd die Weiber standen immer noch, schwatzten und lachten, nachdem der völlig Durchnä.te sich schon längst in sein Haus gerettet hatte. Lene Gruber war die Nürnberger Straße hinauf, nach Siechenhaus zu, gegangen. Bei den Schießständen bog sie nach dem Walde ab. Die Bäume standen weit von einander. Anfangs glaubte sie. der Aushieb sei geschehen, um für die Schützen und Soldaten, die sich hier in ihrer Kunst übten, mehr Licht zu bekommen. Aber bald merkte sie, daß alle Föhren- bestände so licht waren. Da erinnerte sie sich, was Gruber ihr über den Plänterhieb erzählt hatte. Das mochte es wohl fein. Bauholz war teuer und stets gesucht in der Stadt, der Wald nur einen Katzensprung ab; da konnte sich jeder Zimmermeister Stamm für Stamm auswählen, was er brauchte. Die Fichten standen so dicht wie in Konradsreuth. Der Iägersteig zog sich den Hang hinauf. An ver- sumpften Wassertiimpeln kam Lene vorbei, die nach wilder Krausemünze und Kresse rochen. Irgendwo gluckste eine Ouelle. Die leise Stimme eines Rotkehlchen ließ sich hören: jEin überreifer Hcrrcnpilz, voll von Würmchen, mußte im nächsten Dickicht stehen. l Der Pfad führte an einer Waldwiese vorbei. Die Striche der Sense waren noch zu sehen, Wagenspuren, der feine Duft der Grummet-Kräuter schwebte über der Lichtung. Wie m Konradsreuth kam es Lene vor. Wenn sie an einem der Tage, da der Herbst naht, in den Wald gegangen. Still und ruhig standen die Bäume. Die Hitze des Sommers wie ausgekehrt. Tie roten Zapfen der Fichten begannen sich zu bräunen. Kleine, gelbe Harzkugeln zeigten sich an den Stämmen. Außer einem Wispern, von dem man nicht sagen konnte, woher es kam, kein Laut. Der Wald schien zu lauschen. ;'iitf Stimmen in weiter Ferne, die man nicht hörte, nur leise ahnte, llnd der eigene Atem klang zusammen mit dem Rhythmus des Waldes. Manche solche Tage hatte Lene erlebt, seit einem Iabre keinen mehr. Jetzt war sie wieder da, diese beseligende Ruhe. die stark macht. Alle Erregung und Unrast der letzten Zeit war von ihr gewichen. Sie ahnte, was es gewesen, und wie nahe sie daran war, zu fallen. Aufatmend lächelte sie, wie ein Sieger, dem die That gelungen. Durch einen Zufall?... Nein, nicht allein. Was sie Gruber gelehrt, brachte den schnellen Umschlag. Gischtendes Wasser und eine Felswand. Gniber! 1 Rein und hell stand sein Bild wieder vor ihr, wie von einer Glorie umflossen. Nichts mehr würde es ihr trüben, sie fühlte, sie wußte es. Lene war auf eine freie Stelle hinausgekommen. Drüben der rote Felsen der Rollenburg. In: Frühjahr, erzählten die Studenten, sei der Platz ganz mit Maiglöckchen überstanden. Da und dort die aufblitzende Eger, zwei, drei Häuser eines Dorfes, einige Feldbreiten, sonst Wald und wieder Wald bis hinauf ins Gebirge. Sie wandte sich und stieg höher. Sanct Anna mit seiner Kirche und dem großen Pfarrhofe lag vor ihr. Im Wirts- hause ließ sie sich eine Wurst, Brot und Bier geben und aß und trank mit Appetit. In den hohen Linden, unter denen sie saß, schwatzte ein Schwärm Staare: sie berieten über die Abreise. Bauern von Pilmcrsreuth kamen herauf zum Abend- truuk. Lene zahlte und ging. Sie wollte allein sein. lieber den Berg hinab ließ sie ihren Füßen freien Lauf. lieber einen Graben setzte sie, mit beiden Füßen zugleich ab- springend, und freute sich, als der Sprung gelungen. Dann blickte sie sich um. Wenn sie jemand gesehen hätte? Ach was! Auf halber Höhe kam sie aus einem Föhren-Stangenholz heraus. Ein Bemksitz war da ins Erdreich geschnitten und mit Rasen verkleidet. Sie ließ sich nieder. Die Sonne war am iintersinken, aber die Stadt, das ganze Land lag vor ihr, Übergossen von den hellen, klaren Strahlen. Fern zur Linken der blaue Kamm des Erzgebirges. Tann ein Berg, der sich wie ein Damm zum Kaiserwald hin- überschob, mit einem Flecken und einer zweitiirmigen Kirche auf dem halbkahlen Rücken: Maria Kulm. Der Kaiserwald selbst, wie ein blauer, großer Klumpen. Als stünden sie ans Terrassen übereinander, erschienen die Häuser von Teschau. Aus einer Waldlücke leuchtete freundlich Königswart. Trntzig, ein Riese für sich, alles überragend und tief in dit� Erde greifend, wie ein alter Baum, der Tilln. llnd im Kessel ein welliges Hügelland, übersät mit Dörfern und Weilern, dunklen Gehölzen und buschigen Bauinpslanznngen, durchzogen von hellen Straßen, Eisenbahnen und dem silbernen Bande der Eger. llnd Felder und Felder und Felder. Sturzäcker, hier rötlich schimmernd, dort tief schwarz. Fahle Stoppeln, llnd Wiesen. Die Eger hinab, an den Bächen und Teichen. Lcnes Blick glitt wieder nach Maria Kulm hinüber. Die Straße, die. sich von Katzengriin den Berg hinaufzieht, war deutlich zu sehen. Wie oft war sie den Weg gegangen, um für die Mühlessener Kirche Hostien zu kaufen von dem alten Frater, dessen Kutte vorn ganz mit Schnupftabak bestreut war, daß man schon niesen mußte, wenn er nur in den Kreuz- gang einbog, lind einmal hatte ihm der Kaspar, des Onkels Aeltester, die Dose, in die ein Viertelpfund hineinging, ver- steckt: als sie wieder hinaufkamen, schnupfte der alte Mau» aus einer Tüte.-——'—- MWessenl Das mußten dre beiden Pappeln sein, die vor der Kirche standen. Sie waren schon zu ihrer Zeit alt und wipfeldürr... Daß sie sich so lange hielten! Und da war ja auch der Turin, viereckig und plump wie ein Festungsturm aus der Schweden- zeit. In den Schalllöchern hatte sie gesessen und über das Land geblickt, voll Sehnsucht, das Herz geschwellt von Wünschen. War etwas in Erfüllung gegangen? Von den Mnderträumen wohl keiner. Wenn sie aber wieder an Leibitsch dachte, an den Tag, da mau ihnen de» in der Eger ertrunkenen Vater ins Haus gebracht hatte, wie sie die Tante abgeholt, um Mutterstelle an ihr zu vertreten— vorwärts gekommen war sie doch. Der große Baum vor Ensenbruck mußte die alte Föhre sein, nach der sie sich richtete, als sie in der Vacht vor dem ekligen Hofbmier floh. Hatte sich tot gesoffen, der Lump, und war kein Schad' um ihn! Sollte denn die lustige Schmiedmeistcrin von Hartessen- reuth noch leben?... Sie mußte doch einmal den Bauer am Bühl fragen... Wie hatte sie gesagt?„Wer schnell ernst wird, is bald alt! Das Lachen, Mädel, is keine Sund'"... Hatte sie, die Gute, Fröhliche, recht gehabt?... War ihre Lebensauffassung nicht eine doch zn ernste?... Ach, ihr Leben war hart gewesen, vom Anfang an Sic besaß ja noch das geblümte Brusttuch, das ihr die Schmiedin als Hochzeits- geschenk gegeben. Ans J) e r Hochzeit war nichts geworden. Ter Stingl-Hans! . Lene mußte lächeln.„Kuhbäuerin" in Katzcngrün? Das konnte sie sich heute gar nicht mehr vorstellen, lind wie hatte sie damals geweint, alsZie das Geld, das ihr Liebster brauchte, um das väterliche Wirtschaft! übernehmen zu können, nirgends auszutreiben vermochte! Jahrelang hatte sie daran getragen Und heute?... Was sollte man thutt, an was sollte man sich halten, wenn immer alles anders kam, man heute dafür dankbar war, dar früher etwas fehlschlug, das man damals mit aller Inbrunst gewollt? Ganz deutlich glaubte sie.Grubers Stimme zu ver nehmen: „Wenn Du nicht vor Dir selbst zu erröten brauchst, hast Du recht gethan!" Lene gab sich einen Ruck, ihre Augen tvandcrten. Da lag die kleine Höhe vor-dem Walde, der herabsteigende Garten niit den Obstbäumen, das Forsthaus und dahinter die Holzhauerhäuschen: Konradsreuth! Wo das Schwarzholz gestanden, klaffte eine Lücke, aber gegen den Tilln zu ragte noch die dunkle Mauer des Waldes! und von ibr hob sich zum Greifen deutlich die Siedelung ab. In den Fenstern lohte die untergehende �oiiue. Lebenspilgerschaft! Lene hatte das Wort von einem Prediger gehört. Jetzt siel es ihr wieder ein. Unter ihr lagen alle Stationen, die ihr bisher geworden im Leben. Und keine war darunter, auf der sie gegen ihren Willen verweilt... „Erlaubt?" Eine kleine Gestalt stand vor Lene. Sie erkannte de» Doktor Schmidt. Wie immer hatte er die ledernen Ueber schuhe au, trug er den alten Regenschirm halboffen unter dem einen, ein Brich unter dem airdern Arm. Der Blick seiner Fi schau gen ging gerade aus, irgend wohin. Er mußte um die Waldspitze, vom Pulverturin her, heraufgekommen sein. Lene nickte. „Aber, Herr Doktor!" „Rur einen Augenblick... Muß gleich wieder gehen... kuhwarme Milch trinken!... Gut... sehr gut für die Lungen!... Kanu Ihnen empfehlen..." Er riß die Augen»och weiter auf. „Haben schon gehört?... Wahl... dritter Wahl- körper!... Aeh... Alles durcheinander!... Rur die Haupthähne gewählt... Bürgermeister... Schuster Funk... der Brezelbäck... Sturm, selbstverständlich... Sonst alles Stich- Wahlen... Sturm übrigens tot..." „Der Sturm?" „Wissen das auch nicht?... Ja!... In München ge- storbeu... Schwester dort gewesen... Ganze Verwandtschaft in Aufruhr!... Soll sein Geld einer Frau vermacht haben' ... Sicheres weiß man noch nicht... Dummer Kerl!... Mein Geld kriegt Waisenhaus!... Die jungen Burschen sollen in die Welt hinaus... was lernen... Richt hinter dem Ofen versauern... Iininer gesagt... Muß gehen... Kuhwarme Milch... ja... Empfehle mich!..." Er erbob sich, vorsichtig, damit dem alten Regendach nichts geschähe, und balancierte die Höhe hinab. Lene sah vor stch hin. würde ihr Brief zu spät koinmeni Wenn sie die Frau war, von der der Doktor gesprochen� Sie schloß die Augen. Wie ein Rausch stieg es in ihr auf. Dann würden Lieses Kinder schnell eine Versorgüng gc« funden haben... lind sie wäre frei und unabhängig, reich und keinem ver« pflichtet... Mit beiden Händen faßte sie ihren Kopf und schüttelts ihn hin und her. „Was würde Gruber sagen?" Sie begann zu zittern. „Du hast den Mann abgewiesen, weil Du ihn nicht mochtest. Jetzt willst Tu sein Geld nehmen?... Er bedachte Dich, weil er glaubte, Tu wärest ihm gut... Falsch bist Du, wenn Tu es thust!... Und glaubte er nicht au Deine Liebe, n illst Du ein Geschenk empfangen, wie ein Bettelweib?.,, Tie Verwandtschaft um ihr Recht bringen?" Lene suchte»ach Gegengründen. Tie Verwandtschaft ivar reich... Wie viel Gutes konnte s i e mit dem Gelde stiften?!... Manchen talentierten Burschen gab es im Laude, dem man mit ein paar Gulden das Studium ermöglichen konnte... Und die schlechte Armenversorgung der«tadt!... So kam das Geld doch wieder aus den großen Haufen und heckte und heckte... Sic ri die Hände voic den Augen. „Würde Gruber angenommen haben?..." „Rein!" Tie Sache war entschieden.--- Tie Sonne war hinter Sanct Anna untergesunken. Lene erhob sich. Sie war gesund, und ihre Arme waren stark. Sle würde weiter arbeiten... War sie denn nicht schon heute unabhängig?... Als Fritz abgereist war, hatte sie den Jahresabschluß gemacht,«rie halte die erhöhte Pension nicht in Rechnung gestellt, aber das Geld für Lieses Begräbnis und einige Gulden für die Kinder blieben schon noch übrig Studente» würde sie haben, so viel sie wollte. Von den armen konnte sie jedes Jahr einem mit durchhelfen. Und wie viel vermochte sie auch den andern zu nützen, die mit gesunden, frischen Hirnen und voll Lerneifer aber ohne Manieren nach der Stadt kamen!..." Als wären es ihre eigenen Kinder, wollte sie sich ihrer annehmen. Ihr Inneres war rulüg. Sie wußte, daß der Sturm, der sie die letzten Tage durch- wühlt, der letzte gewesen. Was auch die Zukunft bringen mochte, sie würde es nehmen, wie es kam, und sich so halten, daß Gruber, wenn er noch lebte, sagen müßte � Das hast Tu recht gemacht.--- Lene Gruber trat auf das Sträßchen hinaus, das am Groll-Keller vorbei nach der Stadt führte. Aus den Essen stieg der Rauch kerzengerade in die Luft. Ein neuer, schöner, klarer aber kühler Tag stand in Aussicht, Ter Herbst war da! „Auch meurer ist gekommen!" dachte Lene.� Aber mit leuchtenden Augen ging sie hinab, an dlg Arbeit.—_ Sonntagöplauderci. Unten im zweiten, ans weißen Glasursteinen schimmernden Ancrgcbäude des neue»„Vorwärts"»Hauses, Lindenstcnße 60, wölbt sich weil und licht der Thronsaal der eisernen Majestät, Hier ragt sie geruhig, wie eines jener ungeheuren Deinosaurier, die in der Mammuthzeft der Erde ihre Riescnleiber schleppten. Es ist ein Nachtrier. Am Tage schläft es und verdaut. Nachts aber, wenn ein geheimnisvoller Strom unsichtbar den Leib gewaltig durchstutet, dann ivacht es auf, reckt seine stählernen Glieder und sturmuch kreisend zaubert es eine Springflut schöpferischer Arbeit hervor, m- dem es in sein unersättliches Gedärm ganze Wälder verschlingt, die zu Druckpapier gewalzt sind._ Sjebeiihundert Eentner schwer, ist der Riese behend wie tue zierlichste Tänzerin. Zwischen sckxrrs gesÄlissenen Schwertern ver» mag er ans leichten Spitzen zn wirbeln, ohne daß er einmal tchl lriit oder auch nur rasten muß, um Atem zn holen. Seine Lunge > nd sein Herz kennt keine Ermiidmig.■ Und wenn er tanzt, erschüttert licht ciinnal das Haus, das sich über ihm erhebt. Er hat sein Reich auf einer Insel, völlig geschieden von dem Fundament, dm TrZgern, Pfeilern und Mauern des Gebäudes, mit dem er schein- bar verwachsen ist, in dem er haust. Er schafft nur rastlos, er zerstört nicht, ja, er stört nicht einmal, so rücksichtsvoll ist er. Aiffangs zwar schien es, als ob auch dieser gleichmütige Kolotz vom Bogcnlampenficber gepackt sei und unzuverlässige Nerven habe. Aber das war nur der schlimme Einfluß der unter tausenderlei Weh jammernden Menschlein, die ihn neugierig umkribbelten. Schnell streifte er seine Befangenheit ab und arbeitete, regelmäßig, zäh, sicher, ohne Launen und Verslimmungen, mit dem geringsten Maß von Kraft die größte Leistung vollbringend. Kein Glied schlenkerte zwecklos, keines stolperte über das andere, nirgends entstand eine Reibung. In diesem Leibe wohnen nicht zwei mit cinairder hadernde Seelen, sondern nur eine klare, selbstgewisse Vernunft, die herrscht und leitet, ohne Zaudern und Zagen, rastlos in alle Ewigkeit.... Die neue Dreidccker-Rotationsmaschine des„Vorwärts", die auch die große Güte hat, Joes Nnlcserlichkcitcn zu Zehntauscnden von Lesbarkeiten zu verhelfen, vermag 48 Seiten auf einmal herzu- stellen, sie schneidet die Bogen, ohne einmal fehlzugreifen, sie faltet sie ineinander und sie führt über sie zählend und sondernd Buch, ohne sich jemals zu verrechnen. Mcuschcndienste verschmäht sie, nur als Handlanger oder auch als Kellner benutzt sie menschliche Hilfe. Füttert man die Maschine ausreichend, so wäre sie im stände, das ganze dcuffche Vaterland mit Vorwärtsnummern und Sonntags- Plaudereien zu pflastern, was gewiß sehr anmutig aussehen würde und die Kultur erheblich fördern möchte. Auch ist die Maschüte in ihrer großen Menschenfreundlichkeit sogar bereit, den Lasern des „Lokalanzeigers" in jeder gewünschten Zahl den„Vorwärts" zu spenden. Helmholz, der Phhsiker, hat einmal gemeint, weitit ein Optiker das menschliche Auge so liederlich herstellen würde,>vie es die Natur gethan hat, so würde man ihn wegen der Pfitscharbeit gehörig rüffeln. Aber nicht nur das Auge, sondern die menschliche Natur im allgcmciiten ist elende Pfuscherei. Diese kümmerliche menschliche Natur aber bringt göttliche Werke hervor. Die Geschöpfe sind größer und klüger als der Schöpfer. DieÄrbeit des Menschen läßt den Menschen vcrgesscn.sie sammelt all seine himmelklimmcndcn Fähigkeiten und tilgt seine Niedertracht uitd seine Narrheiten. In der Maschme lebt die triuinphicrcndc. auf- wärts schreitende Geschichte der Menschheit Die Maschine ist der höhere Mensch. Die Maschine ist weiser, kunstreicher als das Gehirn. Dieser räffelvolle Menschengeist vermag das Eise» Vernunft zu lehren aber nicht den Menschen. Wenn der fromm versponnene Mönch im dreizehnten Jahr- hundert ächzend einen alten Autor, mit mühsam malenden Buch- stabcn und vielen Fehlern abschrieb, um das Werk zu„verbreiten", dann lobte er wohl am Schlüsse nufathmcnd von soviel harter Arbeit den Herrgott und verzeichnete seine Befreiung ant Ende des Manuskripts in einem frohlockenden Sprüchlein. Hätte dem Schreiber damals ein Traum vcrrathcn, daß es einst möglich sein werde, mittelst einer Masse gegliederten Eisens fast ohne Mcuschenhilfe in Ivcnigcn Stunde» ungezählte Vervielfältigungen jeglichen Werks herzustellen, er hätte, trotz seiner Wunder- und Zaubergläubigkeit, über die gaukelnde Vision gelacht. In Wahrheit erscheint alles, was von Dichtern an utopischen Paradiesen ersonnen ist, winzig und spielend möglich, wenn man sie an der unbegreiflichen und doch in jeder Riete vermmftbegabteii erfüllten Utopie einer moderne» Drnck- maschiene mißt. In ein Stück Eisen vermögen wir eine Million Arbeiter zu bannen. die in einer vollendeten Organisation zweck- mäßig schaffen. Im Dasein der menschlichen Gesellschaft gelang es bisher nicht, drei Willen zu cftter vernünftigen Einheit zu schmieden. Das Wunder, von dem jener Mönch nicht zu träumen gewagt hätte, ist fast selbstverständliche Wirklichkeit geworden. Der Meitschen- witz ist vorn isolierten Schrcibgriffel zur Riesen- Rotationsntaschine, in der eine Welt von Händen und Griffeln ersetzt ist, vor- gedrungen. Aber der Mönch sitzt noch immer in seiner Zelle und spinnt die alten dunklen Wahngedanken aus der Griffelzeit, er mauert noch immer die lachende Welt der fruchttragende Arbeit in schaurige Katakomben, er streckt noch immer die freihcitlechzenden Hirne auf die Folter einer engen, furchtsamen und schreckenden Gläubigkeit. Tic Welt seiner Gedanken ist seit Jahrhundertcir.in den Angeln verrostet. Nur darin unterscheidet er sich vom alten l was er mit drei Fingern geschrieben, gicbt er der Notationsmaschine, daß seine Schrift zu Tausenden die Seelen ängstigen und knechten kann! Wie armselig wenig lebt von der prometheischen Vernunft, welche die Kraft der Elemente in den Dienst von Armeen stählerner Sklaven zwang, in der Gestaltung der Gesellschaft, deren Räder wider ein- ander knirschen, deren Hebel zerbrochen und deren Ventile ver- stovft sind— als hätten Kinder zusammengelesene Maschinentrümmer willkürlich zusammen gehämmert! Die schwarz-weißen Bilder des menschlichen Daseins, die die.Rotanonsmaschine erzeugt, sind � ein Hohn auf den Verstand, der sie selbst lie- seelt. Die Technik der Gesellschaft ist noch prähistorisch, ein boshaftes, zweckloses Spiel vöii Wilden und Unmündigen. Der Genius der Menschheit, der in der Maschine lebt, wird mißbraucht, um Nitrat zu säen, und die Zeugnisse menschlicher RüMändigtcit und Erniedrigung in ewigem Echo zu wiederholen. Sogar die Ver- Handlungen der Zollkommission muß diese erhabene Maschine drucken. Es ist ein unheimlicher Spuk, daß derselbe Mensch, der diese Maschinen erbauen konnte, in denen jedes Stahlzähnchen zum Ganzen «ine weise Notwendigkeit darstellt, in denen die sieghaft schreitende Mathematik körperlich ward, sein eigne? gesellschaftliches Dasein als ein unsinniges, tolles, quälendes Chaos durcheinander wirrt. Zolltarif undRotaftonsmaschine, das sind die Pole des Menschengeistes, der zwischen Narrheit und göttlicherVernunft webt. Hier ist alles höchstes, ineinander- greifendes, zweckgemäßes Denken, dort wird das Widervernünftige zum Princip erhoben. Mau wirst Steine zwischen die Räder, ölt mit Sand und putzt mit Rost. Die Hebelgesetze werden umgedreht, und mit Hein größten Aufwand von Kraft wird ein albernes Nichts gc- schaffen. Ob sich wohl eine künftige Zeit wird vorstellen kötmen, daß es eiitst eine Gesellschaft gegeben, in der Millionen Bürger hungerten, während die Schätze der Erde unbenutzt sich häuften; daß man den blühenden Garten, in dem für alle die Früchte über- reich sich darboten, durch ein raffiniertes System von Stacheldraht, Fußangeln, Selbstschüssen und Fallgruben versperrte; in dem man die Ware, die menschliche Arbeit ringend schuf, lieber ins Meer tvarH als sie denen, die ihrer begehrten, zur Nutzung zu geben? Selbst wenn die Rotationsmaschine Fusel söffe und dem Delirium verfiele, würde sie nicht jenes Maß von Wahnsinn er- reichen, das int tnodernen Dasein den Austausch der Arbeitsprodukte versperrt: der Hunger erzeugt die Schätze, die Satten, die nichts gethan, verschlingen sie, und den Hungrigen, die sie schufen, werden sie geweigert. Und damit dieses teuflische System recht von statten gehe, wird vor jedes Brot ein Zollwächter als Peiniger gesetzt. Bedauernswerte Rotationsmaschine— wie kläglichen Dingen wirst Du Deine Kräfte leisten müssen! Mit Deiner tiefsinnigen Kujist wirst Du die mittlere Linie Biilows und den Lausekanal PodbielSkiö der Welt künden. Du wirst all das ekle Gewäsch der Herrschenden des Tages verbreiten, immer aufs neue von dem Elend und den Lastern der Zeit reden, dem Lächerlichen dienen und für das Genieine arbeiten. Und Dil wirst unzähligemal Zeugnis ablegen, wie es die Menschheit so herrlich versteht, sich selbst zu verwüsten und zu be- schimpfen I Und zu solchem Thun lebt in Deinen ehernen Adern der Arbeitsertrag von Jahrtausenden höchsten geistigen Denkens und Ringens? Du brauchst nicht ganz zu verzagen! Denn all das ekle Zeug giebst Du doch nur deshalb von Dir, um es zu überwinden. Dem SoeialiSmus kreisen ja Deine Räder, in dem die menschliche Gesell- schaft die Reife und Würde Deiner Verßnnft dem eignen Dasein er- kämpfen will und erkämpfen wird. Du dienst dem schaffenden Um- stürz, das ist Dein Stolz und Dein Trost!— Joe. Kleinca fcialleton* er.„Die Mutter als Erzieherin zur Kunst." lieber dieses Thema sprach Freitagabend Dr. Max Osbortt int Bürgersaale des Rathauses. Der Redner ging davon aus, daß die Vereinigung„Die Kunst im Leben des Kindes", die diese» Vortragsabend veranstaltet hat, sich nicht über Mangel an Interesse für ihre Bestrebungen be- klagen könne. Im Gegenteil mache sich schon ein gewisser lieber- eiset gellend. Die Ideen der Vereinigung sind vielfach in falsche Hände geraten, so daß die ganze Beivegnng Gefahr läuft, einem ungeheuren, allgemciucn Stninpfsinn zu verfallen. ES scheint daher notwendig, noch einmal die Grundforderungen vor Augen zu halten. Vielleicht war es ein Fehler, sich mit der ganzen Sache so früh an die Schule zu wenden. Das Haus muß mehr herangezogen werden als die Schule. Sonst ist die Sache in Gefahr, im deutschen Toktrinarismns zu versanden. An die Frauen, die Mütter hat die Bewegung sich in erster Linie zu wenden. Es handelt sich nicht so- wohl um Eintrichterung von Kenntnissen, als um die Pflege dcS künstlerischen Gefühles. Dies ist eine natürliche Gabe des Menschen. deren Keime im Kinde gepflegt werden müssen. Dazu ist zuvörderst die Mutter berufen. Frauenverächter unter den Männern pflegen zu sagen, daß die Frauen weniger Intelligenz als die Männer besäßen. Gott sei Tank— muß man sagen, daß es Menschen giebt, deren seelisches Lebe» sich nicht allein aus die Jntelligettz aufbaut. Die Frauen sind die natürlichen Verbündeten im Kampf gegen das Ueberniaß an Intelligenz. Die echte Frau stellt den Zusammenhang zwischen uns und der Natur wieder her, der den Männern im Gewühl des Lebens verloren geht. Dadurch ist die Frau zur künstlerische» Er- ziehung des Kindes viel eher berufen als die Männer, die nzit ihrem Verstände nur zu leicht die zarten Blüten der instinktiven Kunstfreunde in dem kleinen Wesen knicken, lind die Mutter hat am meisten Gelegenheit, ans das Kind einzuwirken. Bei der Ueberwachung des Kinderspiels kann die künstlerische Mission der Mutter sich zuerst und am stärksten erfüllen. Die Mutter könnte und sollte das Spiel leiten, dem sich jedes Kind krast eines ihm innewohnenden Dranges hingiebt. Das Spiel für das Kind t— die Kunst für den Erivachsenen: dazwischen ist lein großer lluter- schied. Beim Spiel läßt sich die kindliche Phantasie ganz besonders anregen. Was macht das Kind alles aus einem alten Holzschüh, einem Lcdersofa usw. Eine kluge Mutter aber tvird dem Kuid tausend neue Möglichkeiten zuführen. Die Auswüchse des realistischen Spielzeugs müssen unter allen Umständen ferngehalten werden. Solche lebensgroßen Puppen z. B., die zehn Worte sprechen können. haben für das Kind keinen Wert. Es liebt sie auch nicht, sie erregen bloß sein Staunen. Das Kind will gar nicht die Tinge leicht, sondern ein Symbol der Dinge haben. Der Besitz der realistischen Spielsachen tötet die kindliche Phantasie. Die andren Spielsachen aber, wo das Kind erst seine geistigen Kräfte bethatigen mutz, um etwas aus dem Spielzeug zu maKen, liebt da-Z Kiiid. Ob so die Phantasie angeregt oder ertötet worden ist. das zeigt sich als Nack Wirkung am Erwachsenen, Weiter erwächst der Biutter die wicktige Aufgabe, da-Z Kind sehen zu lehren. In der elterlichen Wohnung sieht das Kind zum erstemnale eine kleine Welt! eS heftet sich der Mutter an die Sohlen, um alles zu beobachten. Hier bieten sich der Mutter tausend Gelegenheiten, das Kind auf alles ans- merksam zu machen, ohne Pedanterie sein Auge zu üben. Wer sich ge- wöhnt hat, Gegenstände seiner Umgebung scharf anzusehen, der lvird, wenn er diese Gegenstände in den Werken der Maler wieder abgebildet sieht, mehr Freude daran haben; denn das„Oscillieren" zlvischcit Kunst und Natur macht einen grotzeit Teil der Knnstfrende aus, Dazu gehört aber ein großer Vorrat an Erinnerungsbildern, der dem heutigen Publikum mangelt. Hochwichtig sind auch die An- rcgungen, bei denen daS Kind tausend neue Eindrücke sammelt, Darum müßte sich die Mutler kümmern. Das Märchcn-Lesen nitd Erzählen kommt hinzu. Wir sind so reich an wundersamen Kindcr- lmo Hausmärchcn, die das Kind aus Flügeln der Phantasie einportragen. Aber weitige Mütter besckäfligeit sich damit, sich die Märchen einzuprägen. Viele begnügen sich damit, ein Buch mit verdorbenem Text zu kaufen und durch ein Kindermädchen vorlesen zu lassen. Viel großer ist daS Vergnügen, tvenn das Kind auf dem Sckoße der Mutter dem frei erzählten Märchen lauscht. Man hat das alles bisher zu leicht genontinen. Die Eindrücke der frühesten Kindheit haften am unverlöschlichste». Das Gute, was in jener Zeit uns zugeführt lvird. mutz sich hundertfach verzinsen. Das Kiitd darf aber nicht merken, daß es zur Kunst erzogen werden � soll, sonst geht die Unbefangenheit verloren. Die Mutter darf also ihren Plan, ihre Absicht nicht hcrvortteten lassen, Sie muß alles in sich verarbeitet haben. Das kann sie vielfach, weil bei ihr alles mehr gefühlsmäßig vor sich geht als beim Mann, Hier ist die Mutter zuerst zur Führerschaft berufen, Sie kennt die Neigungen des Kindes viel besser als der Lehrer. Das alles gilt freilich, wie der Vorwagende ausführt, hauptsächlick nur für die Kreise der Wohl- habenden. Die Kinder der unbemittelten Klassen dagegen wären in viel größerem Maße auf die Schule angewiesen. Die Besorgnis nun. daß die Lehrer der Aufgabe heute nock nicht gewachsen sind, läßt sich nickt zerstreuen. Redner giebt sich aber der Hoffnung hin: wenn von der bürgerlichen Familie aus ruhig und ohne lieber- stürzung gesckaffen werde, so werde in diesen Kreisen eine Gene- ration von feinsinnigen Wesen entstehen, die dann selber das, was sie als Kinder von ihren Müttern her in sich aufgenommen haben, weiteren Kreisen zuzuführen wissen.— Musik. In dem gewöhnlichen Gang von Musikberichten, den wir jetzt wieder bcsckilcnnigt gehen, verfallen Autor und Leser leicht der Meinung, daß in den Konzert- und Opern-Aufführungen allein oder vorwiegend der eigentliche Stand der Musik zu suchen sei. Man meint dann etwa, ein vorherrschendes Elend dieser Darbietungen bedeute ein Elend des toiikünstlcrischcn Lebens überhaupt. Nein: so sehr wir auch Grund haben, jenes Treiben im ganzen mißmutig zu betrachten, müssen wir doch aufmerksam machen, daß in unsrem Musikleben entschieden viel Wertvolles, selbst Großes vorgeht; nur merkt man es auf seinem Konzert- odcb Opernsitz gerade nicht am leichtesten. Wo es zu suchen ist, darüber ließe sich freilich ins lln- absehbare hinein sprechen. Die praktische musikalische Produktion, die theoretische Behandlung der Musik und die pädagogische lieber- mittlung unsrer Kunst bieten immer wieder und gerade jetzt eine Fülle von mindestens interessanten Leistungen. Beispielsweise ist es ein nicht genug zu schätzendes Gegenstück zu dem geradezu lächerlich engen Rahmen unsrer Konzertprogramme, daß Hugo Nie mann in einer Reihe von Komponisten, die zu Mannheim in der Mitte des 18. Jahrhunderts wirkten, zumal in Johann Stamitz, eine ganz überraschende Vorgängerschaft Hahdns und der„Klassiker" über- Haupt entdeckt hat. Die uns vorliegende Einleitung zu seiner hoffentlich bald erscheinenden Herausgabe der„Symphonien der P f a l z b a y e r i s ch e n Schule(Mannheimer S Ii m- ' p h o n i k e r)" ist eine Leistung, wie wir sie nicht häufig zu sehen bekommen. Die„Denkmäler Deutscher T o n k n n st", die diese Arbeit soeben gebracht haben, sind dadurch in würdigster Weise bereichert worden, lim auch ein Beispiel aus einem Gebiete des gegenwärtigen Kunsrlebens anzuführen, sei darauf hingewiesen, daß seit einiger Zeit eine energische Bewegung sich auf Reform der Konzertsäle und des Aeußerlichen der Aufführungen in ihnen richtet, Müssen wir nnS von diesen Betrachtungen nun doch wieder zu Beispielen ans dem Konzcrttrcibcn des Tages wenden, so ist es immerhin erfreulich, auch einmal in einen Konzertsaal zu geraten, der wenigstens Spuren von dem zeigt, was jene Bewegung will. Wir meinen den„Deutschen Hof"(in der Lmkauerstratzc), den das seit Jahren einporstrebende„B c r l i n e r T o n k ü n st l c r- Orchester" allmählich lunstfähig macht. Das Eröffnungsko..zert von vorgestern(Freitag) bedeutete zwar keine Konzertreform, brachte aber einige beachtenswerte Novitäten. II. a. gab es eine Konzert- 'Omverture des Dirigenten Franz von Blon:„Frühlings- stimmen", deren schwellende Frische auch die manchmal etwas schrille Instrumentierung annehmbarer machte. Ein„Kosakentanz" von Seroff(doch wohl dem 1871 gestorbenen verdienstvollen modernen Komponisten Alexander Seroff?) tvar eine Erfrischung gegenüber der schrecklich soliden Ouvertüre„Tasso" von Joseph Verantwortlicher Redakteur: Enrl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: Brambach(gest. 1902). Herr Konzertmeister Heinrich A r e n s o n fiel in ein paar Solostückcn durch eilten feinen Geigen- ton aus.- Unverantwortlich war etwas in einem neulichen Konzert in der Singakademie. Eduard Behm spielte so schön Lieder- beglcitungcit; aber stets mischte sich eine Sängerin hinein, und kaum war das vorbei, kani ein Klaviermairn— beide vom Stamm jener, die sich für musikalisch halten., gz. � xAi« Kulturgeschichtliches. w — Antiker Liebeszaubcr. Die„Kölnische Zeitung" schreibt: Im Brittschen Museum zu London wird eine Papyrusrolle aufbewahrt, die einen lehrreichen Einblick in das Geistesleben der griechisch-römisch-egypttschen Welt gewährt. Sie ist ein Sammel- werk der magischen Kunst, das für alle möglichen Fälle und Wünsche ein Mittel anzugeben tvciß. Wer z. B. dem Koch das Anzünden des Feuers unmöglich inachen will, der soll ihm nur die Pflanze Immergrün ans den Herd legen; soll ein altes Weib nicht mehr so viel schwatzen und trinken, dann soll man ihm klein geschnittenes Fichtenholz in die Suppe thun; ein wirksames Mittel gegen die springenden Plagegeister, dieses klassische Insekt des Südens, sind Oleanderblätter. in Mccrlvasser gekocht, iffw. Am fesselndsten aber sind Rezepte, die de,» unglücklich Liebenden helfen sollen, und von denen es eine große Auswahl giebt. Eins von diesen Zaubennitteln befiehlt, ans eine Mecrmnschel das Tier des Typhon zit malen und sie dann in den Ofen eines Warmbades zu werfen mit den Worten:„Bringe mir her die Soundso, Tochter der Soundso, am heutigen Tage zu dieser Stunde, liebesentbrannt in Herz und Seele. Gleich, gleich! Schnell, schnell!" Ein andres, das als besonders wirksam angepriesen wird, läßt den Liebenden auf eine zinnerne Rolle schreiben: „Schafft, daß die Soundso mich liebt" und ihn dann nach einen» Opfer die Rolle ins Meer werfeir. Der Griffel aber, nnt dein die Inschrift einzugraben ist, soll ein kupferner Nagel von einem gc- strandeten Schiffe sein. Nach einem dritten wiederum soll man auf Zinnblättchen die Worte schreiben:„Ich beschwöre Dich beim großen. Obakchios", und es damit über eine Dornenhecke legen. Wer nun mit solchen und andren Mitteln sich nicht begnügen wollte, der konnte seiner Geliebten noch schärfer zusetzen. So konnte er ihr eine schlaflose Nacht bereiten, indem er auf eine Muschel vom Meeresstrande schrieb:„ES soll schlaflos bleiben die Soundso, die Tochter der Soundso, in dieser Nacht." Er konnte ihr endlich»och im Traume erscheinen. Dann mußte er zu seiner Haus- lanipc mehrere Male die Worte sprechen:„Es soll mich sehen die Soundso, geboren von der Soundso, im Traume. Gleich, gleich! Schnell, schnell!" Mit den Träumen aber hatte es eine besondere Belvandtnis. Eine der Hauptqucllen des Aherglaubens im Altertum waren die Traumerscheinungcn. Schon in recht ftrüher Zeit ward das Traumdeuten zu einer förmlichen Kunst, und daß gerade in Aegypten die Traumdenter sehr verbreitet waren, haben andre Funde gezeigt. Ans einem Blatte des Louvrcmuseums sind von eincin recht ungebildeten Menschen eine Reihe von Träumen auf- gezeichnet worden, welcke der Traumdenter auslegen sollte, und es hat sich sogar das Aushängeschild gefunden, das ein vielverheißender Trmmidcuter aus Kreta vor seinem Hanse angebracht hatte.— Humoristisches. — Raffiniert.„Wie sonderbar. Sic schreiben eine Karte an Ihre eigne Adresse!"—„Gar nicht so sonderbar, bitte, lesen Sie!"— „Verehrter Herr! Ain 2T d. M. findet die Beratung zu Art. 199 ff. statt. Nichterscheinende zahlen die übliche Strafe von 10 Mark in die Kaste. Pinkel, Schriftwart...."„Ja,>vas bedeutet denn das aber?"—„Das ist dock einfach. Wenn ich einmal einen Abend allein fort will, so sckickc ick mir am Tage vorher eine solcke Karte, von denen ich mir hundert Stück habe drucken lassen. Meine Fraic liest sie natürlich und giebt sie mir, wenn ich mittags heimkomme. Ich stucke dann und sage: Ach was, ich zahle diesmal die 10 Mark und bleibe zu Hause. Davon will natürlich meine Alte nichts wisten, und so gehe ich eben ungehindert aus!"—(„Fliegende Blätter.") Notizen. — D'Annunzio und die D u s c arbeiten gemeinschaftlich an einem Werk in Versen, in dem die fünfundzwanzig schönsten Städte Italiens verherrlicht werden. Das Buch, das noch in diesem Jahre erscheinen soll, wird mit Reproduktionen italienischer Städtcbildcr geschmückt sein.— — Strindbergs„Rausch" geht als nächste Novität im Kleinen Theater(Schall und Rauch» in Scene.— —„Das Baby", eine neue Operette von H e» b e r g e r. fand bei der Erstaufführnng im Wiener Karl-Theater eine freundliche Aufnahme.— — Bei Cassircr wird heute die erste Winter-Aus- st e l l il n g eröffnet; sie enthält Bilder von Israels und andren holländischen Malern, sowie eine Sammlung alter japanischer Holz- schnitte.— — Der Entwurf des Bildhauers Professor Rudolf Wehr für das-B r a h m s- D c Ii k m a l in Wien ist von den Preil« richtcrn einstimmig zur Ausführung empfohlen Ivordcn.— — I o s e p h O l b r i ch hat für sein„hessisches Zimmer" pon der Turiner 5iuitstausstellung den ersten PreiS <8000 Frank) erhalten.— Jonoäils Buchdruckcrci und Verlagsauslall Paul Siugcr sc Co.. Berlin 3V