Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 195. Dienstag, den 7. Oktober. 1902 Nachdruck verboten. 11 Der ünkcnteldi» Roman von Gertrud Franke-Schievelbein. Vor dem Amtshause des kleinen Harzfleckens fuhr der gelbe Hagdwagen langsam auf und ab, der eben den Ober- förster von Vodenstein und Lene Escher heruntergebracht hatte von der Drossclburg. Die wahlgenährten Pferde waren sorgsam in wollene Decken gehüllt. Der alte Kutscher Jochen steckte in einem Schafspelz mit silbernen Knöpfen, dessen Kragen ihm bis über die Ohren reichte. So konnten sie's alle wohl aushalten in der feuchtkalten Märzluft, das Viertelstündchen, bis die Trauung vorüber war. Der Standesbeamte hatte sich, nachdem er die Herr- jchaften begrüßt, wieder an seine Schreiberei begeben. Er war ein kleiner ängstlicher Mann, llnd vor dem Herrn Ober- förster, der als„etwas wunderlich" galt— manche nannten ihn sogar„den verrückten Vodenstein"— hatte er einen heil- losen Respekt. Das grautapezierte, nüchtern- kahle Amtszimmer war stark geheizt. Aber dem Oberförster, einem beinahe siebzig- fahrigen Herrn schien das gelinde Schmoren nach der scharfen Fahrt im offenen Wagen ganz behaglich zu sein. Mit der geduldigen Ruhe des hohen Alters, das es nicht mehr eilig bat und sich in alle Lagen zu schicken weiß, lehnte er in seinem Stuhl, die tief eingestinkenen, farblosen und doch noch adlerscharfen Augen nachdenklich inS Leere gerichtet. Lene Escher aber hatte den langen, dunkelblauen Mantel am Halse geöffnet und den Pelzkragen abgelegt. Ihre Wan- gen glühten unter dein schwarzen Schleier, und in den gro en Augen,— echten Wildvogelaugen, schwarz, scheu und zutrau- lich-unbefangen zugleich— stand die tiefe, innere Qual des Wartens. Der Bräutigam, Doktor Richard Volkmar, sollte mit dem nächsten Zuge aus der entfernten Provinzialstadt eintreffen, wo er vor kurzem als Gymnasiallehrer angestellt war. Der zweite Zeuge, Doktor Knövenagel, Lene Eschers ehe- maliger Vormund, kain endlich, wie er ging und stand, in der braunen Hausjoppe: so wie er gestern abend über Land geholt war zu der Heidemüllerin. Müde und abgearbeitet, verdrießlich.„daß alle Leute heiraten mußten und Kinder kriegen, und einem armen Landdoktor keine Ruhe ließen Tag und Nacht—". Und dann unterhielten sich die drei Herren von allen möglichen Dingen, und Lene Escher— wartete weiter. Sie wußte, daß es Wahnsinn war, aber sie mußte immer dasselbe denken, fort und fort: Er kommt nicht. Der Zug müßte ja schon da sein. Die Wanduhr da geht nach. Jawohl. Sie hatte beim Vorbeifahren nach der Rathaus- uhr gesehen. Die war zehn Minuten weiter. Er kommt nicht. Seit heut früh lebte sie wie der Verurteilte, der das Fallen des Beiles erwartet. Von Minute zrr Minute dachte sie: jetzt l Jetzt kommt die Depesche. Er hat keinen Urlaub bekommen. Im letzten Augenblick ist ihm der.Konsens verweigert. Irgendwie ist es durchgesickert, weshalb sie die Heirat so übereilt haben. Barmherziger Gott l Es legte sich ihr wie eine blutrote Binde über die Augen. „Ja, das muß ich sagen, Fräulein Escher hat Courage," meint der kleine Beamte, heimlich ein Prischen in die Nase praktizierend.„Heut am Freitag—" Lene hat mit halbem Ohr hingehört. Gewaltsam reißt sie sich los von ihren Gedanken, lächelt:„Warum denn?" „So lange ich dabei bin— sind jetzt runde zehn Jahre — Hab ich noch keine Eheschließung am Freitag gehabt." „Mein Bräutigam hat ja nur zwei Tage Urlaub genommen," sagt Lene Escher wie entschuldigend. Doktor Knövenagel stößt ein lautes, wieherndes Gelächter aus.„Hahaha l" Er schüttelt sich. „Der Frettag gill eben fur'n Uuglückstaz," meint der kleine Hammerschmidt achselzuckend. „Die Dummheit ist doch unsterblich I" trompetet Knöve- nagel. „Ja, eh alle so weit sind wie S i'e, Medizinmann," sagt der Oberförster sarkasttsch. „O— Sie, Sie Geisterscher! Sie Transccndcntalcr—!" Vierdimensionalcr!" persifliert und übertrumpft der Oberförster den verstockten Materialisten. Und sie sind wieder im vollen Disput. LeneS Gedanken aber flattern von neuem um den ciuca Punkt, wie die Motte, die sich inS Licht stürzt. Vier Wochen nach der Anstellung Hochzeit! Er, der Jüngste von allen! Wie da der Verdacht wohl fein grünes, schillerndes Schlangenhaupt erhoben hatte! Wie er so sacht hcrangekrochcn war an— die Wahrheit! Und nun ein hochnotpeinliches Verfahren: Strafversetzung. Vielleicht gar— Abschied! Und sie hat ihn in all die?. Elend hincingerissen. Sie, die ihn so geliebt hat, daß sie sich selbst vergaß. So über alle Vernunft und.Klugheit geliebt!— War ich doch fest geblieben bei meiner Weigerung, seine Frau zu werden I Hätte er mich doch gelassen, wo ich war. Ich weiß ja doch, daß er alles wagt, Stellung und Ruf und Zukunft— meinetwillen, dachte sie einen Augenblick. Und dann im nächsten: Aber ich durfte ja nicht. Ich gehöre ja nicht mehr mir selbst. Ich habe heilige Pflichten. Und ttefe Schauer durchliefen sie, lvcnn sie des geheimnisvoll keimenden Lebens dachte. Aus ihrem dumpfen Brüten weckte sie ein langgezogener Pfiff, der von fern her an ihr Ohr schlug. „Der Zug," sagt Knövenagel. Der kleine Hammerschmidt zieht seine Taschenuhr, ver- aleicht sie mit dem Regulator an der Wand und stellt eine Verspätung von zehn Minuten fest. „Verfluchte Bummelei," knurrt Knövenagel wütend. „Wann i ch wohl zu einem soliden Happen komme! Mir ist ganz flau." Bodenstein lächelt gleichmütig. Was sind zehn Minuten in einem Leben, das siebzig Jahre gedauert hat! Ein seltsamer Wechsel geht in Lene Eschers Empfindungen vor. Unwillkürlich krampst sie die Hände zusammen wie in einem Stoßgebet. Ihr Herz klopft in rasender Schnelligkeit, aber in ganz kleinen, zitternden, matten Schlägen. Eben noch hat sie gestirchtet, daß er nicht kommen könne. Jetzt fürchtet sie, ihn lviedcrzusehen. Das erste Mal seit jenem Trennungsmorgen im Oktober, als sie lvie vernichtet von dem Geschehenen, betäubt, halb wahnsinnig sich von ihm loS- geriffen hatte. Wie zwei Schiffbrüchige, die von den Wogen ausein» andergetricbcn, getrennt eine Weile qualvoll mit dem Versinken kämpfen und nun dieselbe Planke umklammern, die dein festen Lande zuzutreiben scheint— so fanden sie sich wieder l Welch ein Wechsel! S o sollte sie ihm unter die Augen ttcten? Sonst, wenn er kam. wie stolz, wie frei, wie glücklich war sie ihm entgcgcngcflogcn. Jedesmal nach der langen Trenrnrng hatte sie sich ihm von neuem geschenkt, aus eigner, starker, freier Machtvollkommenheit. Jetzt aber?— Ihre Warigen brannten. Wie gebunden. wie mit Schmach beladen, wie verächtlich erschien sie sich selber. Nicht mehr aus freiem Willen schenkte sie sich ihm. Nein, die Not trieb sie, seine Hand zu ergreifen, seinen Namen wie einen Schild über ihre Schande zu decken. Und wenn er ihr widerlich geworden wäre inzwischen, wenn sie ihn hassen und verabscheuen gelernt hätte, sie gehörte ihm. Und dieses„Muß" verdarb ihr Bündnis, zog es herab, nahm ihm— das Beste. Pfui, über das alles! Dieser lange Mantel, den sie abzulegen fürchtete, um den scharfen Augen des alten Cynikcrs nichts zu verraten, des Doktors braune Hausjovpe, sein Schimpfen, daß dip „Prozedur" so lange dauerte— der kleine ängstliche Beamte, der fortwährend verstohlen in die Schnupftabaksdose griff. diese geschäftsmäßige Eheschließung— all das Häßliche, Erniedrigende l Nnrrträlffich I Vernichtend f Tödlich I— Und dieses Warten! Diese Marter I Er kam ja doch Nicht. Barmherziger Gott! »-» • Sie sprang auf und trat ans Fenster. Bor ihr lag der Amtshof. Die Enten schnatterten der- gnügt in einer großen Pfütze. Knövenagels Kutscher schmatzte mit einer drallen Magd, die ein paar Milcheimer trug und ihn mit verliebten Blicken anblinzelte. Jochen, dem die Zeit lang tvurde, knallte mit der Peitsche, und die dicken Braunen spitzten die Ohren und schüttelten die Köpfe. Sie liebten das Geräusch nicht. Die Herren waren ins Nebenzimmer gegangen, wo der kleine Hammerschtnidt ihnen einen Liqucur präsentierte. Das Gefühl der Verlassenheit, des Ausgestoßenseins kan: auf einnial über das einsame Weib am Zenster. Dieser erste Schritt herab aus der Wintercinsmnkeit der eingeschneiten Drosselburg brachte es ihr zum Bewußtsein� was alles ihrer wartete. Hmaüs unter Menschen, in eine fremde -Stadt, in ganz neue, fremde Verhältnisse! „Ich kann es nicht, ich kann es nicht murmelte sie nnd preßte die zusainmengekrampsteu Hände auf ihre Brust. Da fühlte sie etwas, einen leise raschelnden Gegenstand—, den Brief Volkmars, in dem er ihr seine mwerhoffte An- stellung meldete. Ein paar Seiten sngbcschriebenen Papieres nur— was aber für ihn und für sie darin steckte, dies Erlöstsein von Seelenqnalen, von Todesangst und bitterer.Herzensnot— das war ihr immer von neuem daraus entgegeiigeschlagen. Wenn ihr Mut sinken wollte, hatte sie daraus frische Kraft geschöpft. Sie halte sich nicht mehr trennen können von diesem Trostspender. Und heut, da sie wußte, daß sie der Stärke doppelt bedürfe, hatte sie's mechanisch zu sich gesteckt, wie ein glückbringendes Amulett. Tie Herren im Nebenzimmer probierten eine zweite Sorte. Die Erzeugung aromatischer Schnäpse war eine Specialität Herrn Harn Nierschmidts. Hastig entfaltete sie den Brief. Keiner achtete ans sie. Glühende, bewegte Worte. Ein Bekenntnis und ein Recht- fertigungsversuch vor der Geliebten und sich selber. „Das Glück bietet uns die Hand," schrieb er.„Wir brauchen nicht mehr übers Meer, niein Weib. Nicht D u allein sollst die Schuld auf D i ch nehmen, damit mir meine Earricrv nicht verdorben wird. „Davon sprich nie mehr, niein Weib. Der Gedanke war das Furchtbarste, was ich mit mir herumschleppen mußte. „Wir können gutmachen. was wir an der herrschenden Sitte sündigten. „Sitte, nicht Sittlichkeit. Wie ich darüber denke, weißt Tu ja. „Wenn wir uns einmal die Leidenschaft über dem Kops zusammenschlagen ließen, nachdem wir sieben Jahre lang ihre Herren geblieben waren, so ist das u n s r e Sache. Ganz .allein unsre. „Aber—:„Wer sich ohne Sünde weiß!"— Das heilige Wort, das der weiseste der Menschen vor zlvei Jahr- tausenden sprach, und das Millionen von Menschen seitdem nachgesprochen haben— das ist von den Herzen abgeprallt, wie von Fclssteinen. „ES hat auf Erden keine Stätte gefunden. Niemand ver- steht seinen Sinn. „Und deshalb cnipört sich alles in mir gegen das Wort „gutmachen". „Ein armes Mädchen mit allen Künsten der Verführung um Ehre und Leben betrügen und dann im Elend sitzen lassen! Ein Kind ins Leben rufen und nicht danach fragen, ob es im Schlamm aufwächst, zum Verbrecher, zum Fluch der Mensch- heit wird— ist das Sünde? „Nein, betvahre I Das gehört zu nnsren»vohlverbrieften, sanktionierten Mannesrechten. „Verkäufliche Liebe suchen, sich wegwerfen mit seiner ganzen Person an ein verlorenes, unglückliches Geschöpf, entehrt das den Mann, den hochgebildeten, deni alle Quellen edelster Genüsse zu Gebote stechen V Und der freiwillig hinab- taucht in den Schlanun der Gemeinheit? „Nein. Es entehrt bloß das elende, hungernde Weib, das durch die Schande sein Leben fristet. (Kortsctzung folgt.) Kleines feiriUeton* — Bergarbeiter-Poesie. Im Organ de? Aestreichischen Touristen» klubs veröffentlicht Eduard Hiibl ein von einem Bergarbeiter ver- fatztes Gedicht, das er im Gewerkhaus des Grafen Cristallnigg in Lölling gefunden bat. Der Vertaner des Gedichtes, das wir im Folgenden mitteilen, heißt Leopold Zenz: Knappenberg. Der Abschied eines Berg» a r b e i t e r s.- Leb' wohl, o Knappenberg, wo ich geboren! Leb' wohl, du lieber, teurer Heimaisort! Das Brot, das Du mir gabst, Hab' ich verloren, Und„Scheiden" heißt das büfre Losungswort. Verhallt find Deiner Schichtenglöcken Klänge, Und ililsre trauten Räume steht, nun leer; Kein Grnbcnlicht erhellet mehr die Gänge, Und auch kein froh„Glück auf I" ertönet mehr. Ja, bitter ist das Los, das m,s getroffen; Wir sind die Ware einer fremden Schar, Die auch zerstörte unser bestes Hoffen Und deren Thun uns stets zum Schaden war. Mit Gold errangen sie die reichen Schollen, Die uns'rc Bätcr einst mit Fleiß gedüngt. Und jetzt hat man die Heimat nns gestohlen, Das Los der Armut uns zu gehen zwingt. Zum letztenmal in großen Trennungsschmerzen Ruft dir ein„Lebeivohl I dein Sohn heut zu; Dem edlen, echten, treuen Kärnnicrherzen Bleibst unvergeßlich, trauter Erzberg du! Doch bricht dereinst, gleich mächt'gen Adlerschwingen, Der Freiheit Morgenrot ins Land herein, Dann werden wir dich uns zurücke rringen Und dich mit Macht aus deiner Haft beftei'n!— hv. Ter Konsum ausländischer Trauben in Deutschland. Wenn infolge von Spätfrösten die ersten Obstfrüchte, die Kirschen, Birnen und Pflaumen mißraten, bleibt dem deutschen Obstfreunde noch die Hoffnung auf die Weintrauben und die Acpfcl. Aber der Wein reist bei uns etwas spät, im Durchschnitt nicht vor Mitte Oktober, nicht selten kommen aber die Meißener tntd Grüncbcrgcr Trauben gar nicht zur Reife. In den südlichen Ländern, in Italien. Frankreich und Ungarn kommen sie aber durchschnittlich schon Mitte«cp- tcmber zur völligen Reife. Deshalb sind uns Deuffchen die ausländischen Tranben willkommen und ihr Import steigt von Jahr zu Jahr. Im Jahre 1901 wurden im ganzen 3ö182 Toiuien ja 1000 Kilogramm) Weintraichen in Deutschland eingeführt; davon kamen 16 477 Tonnen aus Italien. 7377 Tonnen aus Frankreich, 7300 Tonnen aus Spanien, 2667 Tonnen aus Oestreich-Ungani und 1302 Tonnen ans andren Ländern. Im Ver- hälvtis zur Wettchrodnküon Ungarns war die Tranbeneinfuhr von dort im Vergleich zu der der andren Weinlander bisher klein._ Die ungarischen Trauben wurden früher meist in Körben als Postkolli nacti Deutschland versandt. Die ungarische Traube besitzt nicht die feste Schale der italienischen und spanischen Trauben, auch crstthr sie beim Versandt durch_lne Post nicht immer die nötige Schonung, sie litt daher nicht selten auf dem Transport und kam in minderwertigem Zustande am Bc- stimmungsorte an. Nicht selten waren auch Fehler in der Aus- wähl der zu-exportierenden Sorten gemacht worden, oder die Trauben in unreifem oder balbreifem Zustande oder umnittelbar nach Regen oder taufeucht gelesen und verpackt worden, ivodurch sie bald eine schinutzig-grilne Farbe bekamen und natürlich außer an Farbe auch an Geschmack verloren. Zur Beseitigung dieser Fehler und zur Hebung des Traubencxports aus Ungarn hat sich vor etwa zwei Jahren eine„Genossenschaft migarftcher Traubcn- und Obstproduzenten" gebildet. Sie hat den Traubenhandcl und -Export, der bisher ganz im Dunkeln tappte und Mengen von Trauben nach Orten schickte, wo fiir dieselben nicht qcrnig Absatz war. organisiert, sie sorgt für zweckmäßige Auswahl und Verpackung der. einzelnen Traubcnsörten imd im Verhältnis zur KonsunttionS- fähigkcit der Etnpsangsorte. Zur Versendung werden haupffäcklick großbcerige. gesunde und gleichmäßig trockene Trauben gewählt und sorgfältig verpackt, denn auch feinere Ottalitälen werden in unansehnlichen Tranben nicht gern gekauft. Die Versendung geschieht in Wagenladungen. In einem, höchstens zlvei Tagen muß eine volle Wagenladung Trauben ge- lesen, sortiert, in die kleinen, 8 bis 10 Pfund haltenden Kistchen sorgfältig verpackt und versandt werden. Dies kann natürlich nur von größeren Besitzern oder Vereinigungen von kleineren ansgeftihrt werden Die Genossenschaft lieferte im ersten Jahre ihres Bestehens 1901 allein 162 181 Kilogramm Trauben nach Deutschland, während im Jahre 1000 aus ganz Ungarn zusammen nur 150 000 Kilogramm exportiert wurden. Die Ausfuhr richtet sich meist nach Berlin, in geringerem Matze nach Hamburg, Frank- siirt a. M. und Breslau, wohin sie überall günstige Bahnverbtndungen hat. Die Produzenten erzielen pro Kilogramm durchschnittlich 18,8 Pf., für bessere Sorten bis 24 Pf. und für geringere 12,5 Pf. Auch die italienischen Weinproduzenten haben neuerdings für den Obst« und Gemüsetransport nach Berlin, dort in der Nähe des Bahnhofs Alexanderplatz, einen italienischen Fruchthof eingerichtet, wohin durch eine G, ni. b,H, Obst, italienisches Gemüse wie Tomaten, Artischoken, Endivien zc,, hauptsächlich aber Trauben, in großen Mengen per Wagonladungen spediert werden. Theater. L c s s i n g- T h e a t e r.„ K a I t w a s s e r Lustspiel in drei Aufzügen von Ludwig Fulda,— In Fichtentbal wird die Menschheit nach zwei Methoden kuriert. Hie„Wissenschaft"— hie „Ratur", hie Tr, Slcvogt, staatlich anprobierter Arzt, hie Ladislaus Krauthoser, simpler Docror Theologüi, der Mann der iimcren Berufung des frisch-fromm-frohen Draufgängertums! Wie ehemals für die Seelen, kennt er jetzt auch fiir die Leiber nur einen Weg des Heils Z- Dort ängstlicher Opportunismus, Wasser in allen möglichen, auch schwächlichsten Temperaturen, hier das reine Princip: Kaltwasser schlechthin, Barfußlaufen, und waS sonst zur Austreibung der vielberufenen„Fremdkörper" noch nötig ist. Jeder der beiden kann aus den Fenstern seiner Burg in den Garten des andern, wo ein bedauernswert mißleitetes Paticnteuvolk um den letzten Rest seiner Gesundheit gebracht wird, hinüber- schauen und sich über den Unverstand der Menschheit ärgern, Herr Fulda ist der Meinung. das; man im Sanatorium des Dr. Slcvogt besser ausgehoben sei, DaS mag ja stinnncn, aber wie konnte ein Komödiendichter, dem ein so dankbarer Stoff in die Hände lief, einen Augenblick schwanken, in welchem der beiden Kricgslager er sich anzusiedeln hat? Und wenn der sehr korrcfte Herr Dr, Slevogt die brillantesten Kuren vollführt, Herr Krauthoser aber,— nötig wäre das gewiß nicht— auch in feinem neuen Berus ausschließlich für den Himmel gearbeitet bättc, darum würde diesem doch nicht wenjger der Vorrang auf dem Theater gebühren. Der Mensch, nicht der Doktor interessiert uns, Welch bedeutsamen Typus hätte ein Poet, der mit dem lachend- weinenden Auge des wahren Humoristen die Tinge ansieht, ans einem dieser irregulären Vertreter der Hcilkunst, in denen rührende und komische Züge so eigenartig sich mischen, nicht schaffen können! Man denke an den Stil, in dem Gottfried Keller m seinem„grünen Heinrich" von dem wundervoll-drolligen Feucrbach-Schwärmer, i Wasserverchrer und atheistischen Natnrphilosophcn erzählt� der in seiner großen Tasche ein optisches Spielzeug,„das Äuge Gottes", auf allen Wanderungen mit herumschleppt! Aber schließlich, auch rein als Posscnsigur, aufs ganz äußerlich Komische hin gearbeitet wären Krauthoser und seine Leute— doch immer etwas Neues ge- Wesen! Man hätte lachen können, ohne sich über alte, abgearbeitete Schablonen ärgern zu müssen! Und wenn es ohne den weiblichen Welteroberer, den Kapellmeister Pilgrim, nicht abging, dann hätte dieser Herr genau so gut, wie er den Dr. Slcvogt auftucht, auch bei dem intcrefsanteren Konkurrenten Onanier nehmen können, Frau Elwine Slevogt hätte Frau Krauthoser werden können usw, usw, Freilich etwas mehr Erfindungskunst wäre dann schon notwendig gewesen! Fürchtete Fulda derartige Unkosten oder hegte er in seinem Herzen einen so tiefen Grimm gegen das Geschlecht der Naturärzte, daß er einem Krauthoser nicht einmal den kleinen Gattentriumph über die windigen Verfnhrungskünste des Musikus gönnte? Vielleicht war beides der Fall, Unter vielen schlimmen Scenen des Stückes ist die, in welcher der Naturapostel aufmarschiert, eine der schlimmsten, Fulda weiß absolut mit der Figur nichts anzufangen. So läßt er ihn dann einfach als erbosten Konkurrenten ins Sprechzimmer des wirklichen Herrn Doktor, auf dessen Scheitel alle Ehrenqualitäten gehäuft sind, hereinstürmen, und sinnlos unter Kniebeugen und Muskelübungen sein Sprüchlein herplappern. Es ist der reine Pagoden-Austritt. Damit wäre die Mission Krauthofers in dem Stücke crfiillt, wenn er nicht noch eine exemplarische Strafe verdiente, Ter richtige Doktor warnt den falschen: Nehmen Sie sich in acht, Sie macheir sich mit Ihrer barfüßlerischcn Lebensweise noch krank, dann werden Sie den Weg zn mir finden, Und wirklich Im nächsten Akte dringende Botschaft: Krauthoser hat seinen Anfall weg, der Herr Doftor solle um Gorteswilleu schleunigst zn Hilfe kommen; was denn auch mit gutem Erfolge geschieht. Ein Glück für den Kranken, das; Fulda ein Lustspiel schrieb, m einem Schauspiel hätte der erzürnte Dichter ihn vielleicht kältlächelnd in die Grube fahren lassen! Unter diesen Umständen und da der Dr. Slcvogt, lvic zn er- warten, ganz farblos-nüihternc Respcktabilitnt bleibt, soll in dem Stücke der Don Juan von Kapellmeister, ein Fachkollege und Leidens- genösse von Wcdckinds berühmtem„Kammersänger", für alles aufkommen. Und in den Scenen des ersten Aktes ist der Herr, wie er strahlend, mit eleganten Verbeugungen in das Sprechzimmer des Arztes hereintritt, wie er dem Doktor von den reizenden Tanten, die er eben im Garten gesehen, begeistert vorschwärmt, und dann auf einmal unvermittelt ein schreckliches Klagelied anstimmt von seiner Nervosität und den verdammten Weibern,' die in Scharen sich an ihn, den Unschuldigen, hängen und ihn sicher noch einmal zu Grunde richten werden, auch wirklich voll unterhaltsamer Komik, zumal in Schönfelds flott-charatteriftischer Darstellung. Aber dann ist das Pulver verschossen. Die Milien- fchildcrung des Sanatoriums, die mit ein Paar karikierenden Patiententhpen zuerst ganz lustig einsetzte, versandet bald und der „gefeierte Künstler" bringt nach seiner Ouvertüre nicht einen neuen Ton mehr, der interesfteren könnte, heraus. Die verrückte Dame aus der Berliner Gesellschaft, die mit Selbstnwrddrohungcn dem„Verräter ihrer Liebe" nachsetzt, seine verlassene legiftme Gattin die er im Sanatorium wiederfindet, um nach zahllosen rasch ab» gewickelten Licbsckasten zu guterletzt mit ihr durchzugehen, die „unverstandene" kleine Frau des Dottors, der er durch plump« Schmeicheleien das leere Köpfchen verdreht hat, und die nun, durch die Kaltwasserkur der Flucht geheilt, zu ihrem Manne zurückkehrt— sie alle reden, drehen, Ivenden sich nach altbewährter Marioncttenart. Man sieht den Draht, an dem sie zappeln. Immer sellener blitzen in dem glatten Schriftdeutsch des Dialogs da und dort noch Fuldasche Pointen ans. Hätte Herr Schönfcld die Berge Süßholz, die seine Rolle ihm auferlegt, nicht mit so atemloser Hast hcrimtergeraspelt, es wäre noch übler gewesen. Der Beifall, der nach dem ersten Akt stark war, flante dann mich sväter bedenklich ab, und hatte am Schluß mit ziemlich lauter Opposition zu känchfen.——dt. Residenz»Theater,„Seine K a m m e r z o f e". Schwank in drei Akten von Paul Bilhoud und Maurice Henne» quin,— Die Posse wurde am-Sonntag wiederholt und das Publikum lachte, gerade wie es am Soimadend in der Premiere gelacht haben soll. Frau Reisenhofer sah? als Kainmerzose im zweiten Akt allerliebst aus und Alexander äss fortwährend ans ver- boteiicu'Wftgen ertappter Held ließ all die schlangeichuiten Schüttcl» künste der Verlegenheit, in denen- keiner K ihm»achthut. spielen. An der Alifführnng lag es nicht, wenn nur im Stücke selbst ein ganz klein tvenig frisch-ftöhlichcr Ucbermut gesteckt hätte. Nicht der Unsiini an sich— der kann noch immer komisch sein—, aber die Methode im Unsinn, das völlig Phantasielose, die trockene. pedantische Rechnerei, mit der in dieser Pariser Schmankart die ab- genutzten Karten immer wieder und wieder neu gemischt werden, ist das Fatale, Wie langweilig und wie genierlich muß den Fabri- kanten, die damit ihr Geld verdienen, eine solche Arbeit sein! Es überftöstelk einen, wemt man daran denkt, Ter„galaitte Richter" aus der vorigen Saison ist diesmal ein galanter Advokat, und die Verkleidnngstömvdie. die den Sünder schreckt, ist aus dem Chambre separee ins Haus verlegt. Eine seiner eleganten Geliebten kommt ans den naheliegenden Gedanken, den Ungetreuen dadurch abzustrafen, daß sie als Kammerzofe bei der Frau Gemahlin eintritt. Sobald der Herr mm gegen andre Damen zärtlich wird, erscheint sie prompt»nd pünftlich an der Thür. Das ist der Hmipteffekt. So kann er keine Seitensprünge machen: und da das selbstlose Ge- schöpf mm obendrein die gnädige Frau in die delikatesten Toiletten- geheimnisse der.Halbwelt praktisch einweiht, ist alle Hoffming, daß der Edle fortan den heimischen Penaten erhalten bleiben werde. Ein Herr aus dem Kongo und glücklicher Besitzer eines Harems von W Negerinnen, der in der Kammerzofe seine frühere Frau erkennt, sowie ein Gymnasiastenbengel, der hinter allen Schürzen herläuft, vervollständigen mit Anntut das tote Inventar.— dt. Intimes Theater. Eine besonders anZgcprägie litte- t mische oder künstlerische Physiognomie zeigte der zweite Premieren- abend vom letzten Sonnabend nidil, es sei denn, man suchte diese Eigensihaft bei dem von der neuen Leitung servierten französischen Salat zu entdecken. Zur Aufführung gelangten drei einaktige Werk- chen von ziemlid? zweifelhaften Qualitäten. Die au sich nicht üble Idee in Pierre Bebels Posse„Ein S e l b st m o r d e r wird gesucht" hätte weit originellere Ausgestaltung vertragen. Was man„Handlung" nennt, spielt sich auf der Gallcrie der Pariser Julisäule ab. Seitdem irgend jemand am Fuße des Monuments ein von ihm erftmdenes Fangnetz für Selbstmörder angebracht hm, giebt eS keine freiwilligen Todeskandidaten mehr. Ter darob ver- zweifelst: Erfinder bietet also dem Wächter 500 Fr., sofern es ihm gelingt, einen Besiid)er für den Absprung zn begeistern. Beinahe wäre dies Mannöver bei einem„unglücklich" Liebenden geglückt, wenn letzterem nicht noch im letzten Augenblick eine neue„Flamme" in Gestalt einer feschen„Blonden" in den Weg getreten wäre. Der Umstand nun, daß an Stelle des Selbstmörders ein— Hund ins Fangnetz hinabspringt, rettet den Erfinder und auch das Stück. Satirisch ließ sich die zweite Posse„D er Herr K o in m i ff ä r" von Georges Courtelinc au. Dieser Polizeigewaltige in der Scincstadt ist ein sonderbarer Kauz und eigensinniger Dumm- köpf und Pechvogel dazu. Er versteift sid> z. B, darauf, den ehr- liehen Finder einer Taschenuhr hochnotpeinlich zu inquirieren und darauf als„verdächtig" in Gewahrsam stecken zu lassen, dagegen die Klage einer Frau, daß ihr Gatte verrückt geworden sei, einfach ab- zuweisen. Dieser Faux-pas hat aber für ihn üble Folgen. Der Irrsinnige erscheint im Bureau und bereitet ihm mit Revolver und Stockdegcn fürditerliche Todesängste. Dann geht er ruhig von daniieii. Die abrupte Wendung der Fabel beeinträchtigt leider die Wirkung des Ganzen. Das anfänglidic Lachen über die mancherlei amüsanten satirisihen Anläufe verstummte; man vermißte mit Recht die schlagende Pointe, Beide Stückchen gaben die Umrahmung ab für„Frau Denise", ein„milsikalisches Lustspiel" von Leo Fall, dem Kapellmeister des„Intimen Theaters". Ein verliebter Marquis, der von einem bürgerlichen Liebespaar ins Bockshorn ge- jagt wird, bildet die aus Possen und Operetten sattsam bekannte textliche Grundlage, Durch geniale Musik ein miserables Libretto zu vergeistigen, hat nur ein Mozart fertig gebracht. Leo Fall ist kein Mozart, ja nicht einmal ein Millöcker oder Zeller. Aber er hat viel mustergültige Opern- und Operettenmtisik gehört iind so er- bringt er den erfrcnlichen Beweis, ohne eigentlich jemals trivial zu werden, recht„gefällige" Musik gemacht zu haben. Mehr allerdings uicht. si. t — 780— Mus F. I völlig modern. Seine Kunst ist mißerordcntliK kompliziert: imtfM Volksbühne" iliut wohl daran, auf ihrem«der Zeugt sie von einem sicheren Können und von einem so tiefen P. imh< l�ie„Freie bisherigen Weg einer Vorbereitung des Verständnisses und Gcnuh Vermögens für Musik fortzufahren. Sie entfaltet dabei ein an «rkcnnenSwertes Geschick der Vornehmheit in der Auswahl der Vor- tragsstucke und der Künstler, sowie selbst in der Ausstattung der Programme. Nur der Korrektor des Programmtextes möge nächstens sorgfältiger sein als diesmal mit seinen argen Druckfehlern. Der Abend, den Ivir meinen, war das Herbstfest vom vergangenen Sonn- abend, in den Festsälen der Fricdrichsbain-Brauerei, und galt aus schließlich Franz Schubert. Eine gewagte Sache, zumal grade Sckmbcrt durch seine weiche, süße Lieblichkeit und häufige Breite am ehesten den Grundsatz der Programmeinhcit in Mißkredit bringt! Trotzdem möchten wir der„Freien" dringend raten, sich in diesem Grundsatz nicht irre machen zu lassen. Nur sollte in eine!» solchen heiklen Fall das Konzert noch mehr als sonst vor übermäßiger Länge und vor Stücken bewahrt bleiben, die selbst dem spccialistischen öörer Geduld zumuten, namentlich lvenn in ihrem Bortrag nichts llngc- »vöhnliches geleistet wird. So wäre besonders die große Symphonie trotz ihrer Pracht besser' weggeblieben. Außerdem kamen einige lOrchesterstückc, die für Drchesrer nur eben übertragen sind und so die Kenntnis des Hörers fälschen: auch sie wären besser weggeblieben. oder man hätte etwa die Fantasie op. 103 in F-moll wählen sollen, deren Instrumentierung(ich glaube von F. Mottls besonders lohnt. .Auch ein Stückchen Streichquartett war in mehrfachem Sinne nicht am Platz. Frl. Vetsy Schot und Herr August P f i tz n e r sangen. Herr Carl Kaempf begleitete am Klavier: alle drei musikalisch — was selten ist. Die Sänger entfalteten so viel Vornehmheit im Ausdruck, daß man an Stelle dieser Feinheit, wie sie überhaupt den Ahcnd charakterisierte, fast etwas mehr Robustheit gewünscht hätte. Nmnentltch Herrn A. Pfitzncr möchten wir noch lieber� in einem intimeren Rahmen lvunschen. Kleine gesangstechnische Vor- halte, die wir beiden Künstlern gegenüber machen könnten, haben hier nicht viel zu sagen. Dagegen möchten wir bei Frl. Schot die Geschmeidigkeit ihrer Stimme und ihre treffliche, auch in der Höhe nicht versägende Vokalisation eigens hervorheben. Einige nach unserm Geschmack etwas zu langsame Zeitmaße an mehreren Stellen des Programms seien deshalb erlvähnt, weil der Abend ohnehin unter dem Zeichen der Breite stand, und man von einem soliden Dirigenten, wie Franz v. Blon einer ist, und selbst von einem ercits so feinfühligen Körper wie dem„Berliner Tonkünstler- Orchester" nicht verlangen kann, daß sie dieses eine Konzert zu einem Wendepunkt in der heute durchschnittlich üblichen Vortragsweise machen. Vielleicht geht die„Freie Volksbühne" noch weiter und versucht «eine Reihe intimerer Abende in kleinerem Raum, die ohne die Gc fahren eines Riesensaales und in allseits bequemeren Verhältnissen für ein schrittweises Fortführen der Musikbildung in diese» Kreisen sorge». sz. Kunst. — Iii. Bei Keller u n d Reiner erregt gegenwärtig die asstcllung eines großen Tafelgemäldes von Melchior L e ch t e r „Die Weihe am mvstischcn Quell" starkes Interesse. Es ist für einen Prunksaal geschaffen, den der verstorbene Jacob Pallcnberg für das Hiunstgewerbe-Museum zu Köln gestiftet hat und der in seiner ganzen reichen Ausstattung, init großen Glasgemälden in der Fcnsterwand, Mosaiken, figürlichem Schmuck und Marmor- und Holzvcrzicrungen, von dem Künstler entworfen ist: die Skizzen der ganzen Anlage und die Entwürfe der Gemälde, auch die Studien zu den Figuren werden in der jetzigen Ausstellung gezeigt, die außerdem noch einige Arbeiten auf dem Gebiete des Buchschmucks und Kopien alter florentinischer Meister enthält. ES ist schwer, den Inhalt des drei- ieiligcn HauvtwcrkcS anzudeuten, ohne einen falschen Eindruck zu criveckcn. Die„Weihe" vollzieht sich vor einem von Golde glänzen- den kleinen Heiligtum, in dessen offener Bogenhalle im bunt- schimmernden Marmorbeckcn der mystische Quell sprudelt. Die Pricsrcrin im langen mit Goldzicr geschmückten Mantel ist vor die Halle getreten, dem Pilger, der vor ihr in die Knie gesunken ist und die Hände über der Brust kreuzt, aus krvstallcner Schale den Weihetrank zu reichen. Zu beiden Seiten des Tempels schwingen je zwei Engel Wcihrauchbecken, auf dem rechten Seitenbilde setzt sich die Scene fort in einer die Orgel spielende» Cäcilie, von links her schweben vier Genien in langen lichten Gewändern heran, von denen eine die Harfe schlägt. Der ganze ticfgrüne Grund ist mit Hyacinthen und niedrigen Rosenbüschen bedeckt: eine Baumreihe schließt die Scene gegen den Hintergrund ab, in dem über dem hohen Berge der glutrote Abendhimmel liegt, dessen Farbe vertieft in dem Spiegel des stillen SeeS davor wiederkehrt... Das Ganze strahlt in ileuchwnden starken Farben von unerhörter Pracht, die doch wieder von einer wunderbaren Zartheit sind und sich in ihrem Gesamtton zu einer feinen geheimnisvoll wirkenden Dämmerstnmikung einen. Alle Einzelheiten sind wie bei den Bildern der alten Meister mit der größten Sorgfalt durchgeführt, auf die Durchbildung der Schmuck- formen ist besonderer Wert gelegt, aber der große Eindruck ist darüber nicht verloren. Lechter, der von der Glasmalerei ausging, ist in seiner Kunst stark bedingt durch die Formenwelt der gotischen und romanischen Epoche, und er ist doch in seiner Entpfindung, auch in der Art lvie er die Natur auffaßt und wie er den Raum gestaltet. Ernst, lvie er heute selten geworden ist. Astronomisches. en. Astronomische Neuigkeiteir. Ein neuer veränderlicher Stern ist von dem Astronomen Stanley Williams entdeckt worden. Er befindet sich in der Nähe des Sterns 1l» im Bilde der Leyer. Sein Lichtwechsel nimmt 3 Tage und 14 Stunden in Anspruch, seine Größe aber ist immer sehr gering und er erreicht im höchsten Glanz nur die Helligkeit der Sterne elfter Größe. Nahezu gleichzeitig ist die Entdeckung von Professor Hartwig in Bamberg ge- macht lvorden. Von großer Bedeutung ist die W i e d e r e n t d e ck u n g de? kleinen Planeten Eros gewesen, die wieder so recht den Wert der Riesenfernrohre hat erkencn lassen, indem es möglich gewesen ist. den kleinen Planeten mit dem SOzölligen Refraktor der Chambcrlain- Sternwarte in Amerika zu beobachten. In den letzten Wochen sind bereits genauere Bestimmungen über die Helligkeit und die Bahn dcö sich jetzt östlich nach der Sonne zuwendenden Gestirns vorgenommen. In den nächsten Monaten wird es in südlicher Richtung fortschreiten und dann für die Astronomen unserer Länder in eine günstigere Stellung gelangen. Der Planet Eros, der im Jahre 1898 durch den Astronomen Witt an der Urania-Sternwarte in Berlin entdeckt wurde, ist insofern einzig in seiner Art, als er nicht nur der Erde näher kommt als irgend ein andrer der kleinen Planeten, sondern auch einen auffallenden und bisher noch nicht genügend aufgeklärten Lichttvechsel zeigt. Eine Iveitere wichtige Beobachtung beschäftigt sich mit dem Planten Saturn. Professor Hall hat die Masse der Saturn- ringe neu bestimmt. Den ersten Versuch dieses, schwierigen Unternehmens niachte bereits 1881 der Königsberger Astronom Bessel auf Grund einer Erforschung der Bcivegungen des Titan, des größten Saturnmondes. Eingestandenermaßen jedoch Ivar der von ihm er- haltene Wert zu groß, da der Einfluß der übrigen Monde und der Gestalt deö Planeten nicht in Rechnung gezogen lvar. Dann machte sich der jüngst verstorbene französische Astronom Tiiserand an die Aufgabe und kam zu dem Ergebnis, daß die Masse der Ringe den 020. Teil von der des Planeten ausmachte. Professor Hall hat nun nachgewiesen, daß auch dieser Wert noch weitaus zu groß gelvesen ist, indem die Masse dieser Ringe nur den 7092. Teil der Planeten- masse erreicht und noch hinter der Masse des Saturnmondes Titau um ein Drittel zurückbleibt.— Humorisiisches. — Schlechtes Gewissen. Gast:„Das Beefsteak taugt gewiß nichts!" Oberkellner:„Warum?" Gast:„Sonst brauch tecS sich nicht so unterdie Kartoffel zu verstecken!"— Notizen. — Folgende? Schreiben ist uns zugegangen: Ich verwahre mich öffentlich gegen die Mißbrauch ung meines Namens, die Herr Friedrich Benz sich in dem Aufruf zur Ebrung Zolaö erlaubt hat. Ich habe die Beteiligung an diesem Aufruf, durch den milde Gaben zu einem silbernen Kranz gesammelt werden sollen, telegraphisch mit den Worten abgelehnt:„Grundsätzlich gegen Klingel- beutclei für Tote"— und Herr Benz hat dies Telegramm erhalten. Trotzdem scheute er sich nicht, meinen Ramen für das Komitee zu be- nutzen und mir dann zu schreiben, meine Antwort habe ihn„im Unklaren gelassen" und der Aufruf habe„schrecklich geeilt". Ich stelle die Entscheidung über die Unklarheit dem öffentlichen Urteil anheim und bemerke nur noch, daß ein Geist von JolaS Bedeutung seinen Bewunderern zu hoch stehen sollte für eine so eilfertige und kümmerliche„Ehrung". R. D e h m e l. —„Das Ende", ein ireucs Schauspiel von Paul A. 5t i r- kein, kvurde bei seiircr Premiere im H a m b n r g e r S ch a u s p i e l- haus abgelehnt.— — Mozarts Jugend-Oper„Z a l d e" wurde dieser Tage im iener Opern- Theater, in einer Bearbeitung von Robert Hirschfeld, zum crsteikinal aufgeführt und beifällig aufgenommen.— — In der heurigen Großen Berliner Kunst» ausstcllung lvurden für 235 043 M. Kunstwerke verkauft.— — Für das K u p f e r st i ch- K a b i n e t t des kg l. Musen mS ist die Beckeraths che Sammlung, die 3450 Blätter um- 'aßt, erworben worden: eine Anzahl dieser.Kunstwerke werden im Herb st öffentlich auSge stellt lverden.— Auch die Sammlung der Lithographien ist um 380 Blätter der- mehrt worden.— — Die diesjährige Kunstausstellung der Berliner Seceffion ist im ganzen von rmid 75 000 Personen besucht worden.— — Im Bayrischen Gewerbemuseum in Nürnberg nehmen diese Woche M e i st e r k n r s e für Bau- und 5t u n st- ' ch l o s s e r ihren Anfang.— — Der von der Wiener Meteorologischen Central» anstatt dieser Tage aufgelassene Ballon„Jupiter" stieg 6S0V Meter; in dieser Höhe betrug die Temperatur— 28 Grad.—_ Verantwortlicher R-datteur: Karl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Beckagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin 3W