Anlerhaltungsblatt des orwärts Nr. 197. Donnerstag, den 9. Oktober. 1902 "n Nachdruck verboten. 3J Der ünhcntcich. Roman von Gertrud Franke-Schicvclbcin. „Und stehst Du, Lcne," fuhr Richard fort," da draußen tmicheii Wir unter! Wir gehen für ein Weilchen wie aus der Welt. Es wird eine Art Martyrium für uns sein, Lene. Aber eines Tages—, wenn das Alter des Ämdes nicht mehr so nachweisbar ist, gehen wir zurück unter die Menschen. Das Hab ich mir alles wohlweislich überlegt." Sie nickte, still und verständig, wie es ihre Art war. All die wilden, freniden, quälenden Gefühle, die sie während des Wartens im Amtshause überfallen hatten wie eine Krankheit, wichen hier im heimischen Walde wieder von ihr. Sie ging ruhig und fest neben ihm. Und eine starke Freudigkeit kam über ihn, eine helle, hohe Freude, sein Schicksal in die Hand zu nehmen und sicher durch die Klippen zu steuern.„Vertrau mir nur, Lene," sagte er herzlich. Aus der Ferne stahl sich jetzt das dumpfe Rollen eines Wagens. Sie gingen im dicken Nebel tastend und sicher bergan. Ein paar Schritte vor ihnen war alles wie wcggelöscht, ein leeres, totes, weißes Nichts, aus dem sacht Baum an Baum auftauchte, triefend, schwarz und rissig— oder grün- bewachsene Felsblöcke. Unterholz, Strauchwerk mit roten und blaubehauchten Früchten, zusanunengerolltc braune Farmwedel, abgeblühte Blumenschäste. Die Luft wurde scharf mid schneidend hier oben in der Brockennähe. Nicht lange, so klang das Rollen deutlicher. Sie hörten das Schnauben der Pferde. Der Hengst wieherte hell und fröhlich. Die ciscnbeschlagenen Hufe klapperten scharf auf dem Boden, und auf einmal tauchten die beiden braunen Pferdeköpfc, die glänzenden Leiber hinter ihnen auf. „Heda!" rief Richard, zur Seite tretend. „Heda! Alle Teufel!" schrie der Oberförster, die Gäule parierend.„Hab' ich Euch?" Jochen kletterte vom hohen Bock herab, öffnete mit seinem pfiffigen Schmunzeln den Schlag, und sie stiegen in das leichte Wägelchen. Der Weg bog jetzt von der großen Fahrstraße ab und führte steiler bergauf zur Drosselburg. Langsam und be- dächtig, voll Behagen schnaubend und mit den langen Schweifen die Schenkel klatschend, kletterten die Braunen ihrem Stalle zu. Jetzt begann der Nebel unter ihnen zu bleiben. In der Tiefe ballten sich weiße Wolken. Vor ihnen aber drängten sich immer schärfer, kräftiger, lebensvoller die dunkelgrünen Umrisse der Tannen hervor. Die Luft war klar und dünn, der Himmel von einem zarten, silberigen Blau. Sie blickten auf die Baumwipfcl hinab, und Berg an Berg tauchte in schweigender, feierlicher Erhabenheit, in der Ferne zum duftigen Violett erblassend, aus den Nebeln auf. Und plötzlich, bei einer Biegring des Weges, lag der Brocken vor ihnen, so klar, so wunderbar nah, als könnten sie mit einem mächtigen Sprunge sich hinüber schwingen. Die Sonne glitzerte in den langen I-ensterreiHen des Hauses. In den Vertiefungen, zwischen Gestein und Zwergholz, lag noch weißleuchtender Schnee. Aber man fühlte schon, daß der Früh- ling nicht weit war. „Wir sind oben," sagte Richard und drückte sein junges Weib an sich. Sie atmeten tief. Die reine, leichte, kalte Höhenluft drang in ihre Brust. Einen Augenblick später hielt der Wagen vor der hochzeitlich mit Tannengewindcn geschmückten Drosselburg. � Da droben verlebten sie einen seltsam stillen, feierlichen Hochzeitstag. ES war einer von den Tagen, die sich unauslöschlich inS Leben graben. Ein Höhentag, an dem das Gesetz der Erden- schwere aufgehoben und die Seele frei geworden zu sein Ein Höhcntag auf scheint vom Ballast der Alltagsivelt. Bsrgeshöhe. Ein wunderliches Nest, die Drosselburg. Alles alt, das Haus, die Geräte, die Menschen, die Tiere. Aber alles urgesund, wohlerhalten, tüchtig, brauchbar, in seiner Art ein Original. Der„verrückte" Bodenstein an der Spitze. Ein Mensch, lang und sein, zäh und klapperig, aber mit dem Feuer ewiger Jugendlichkeit. Seine Frau war das drolligste, rundeste, herzigste Wald- Weibchen, das seine Eigenart ungestört nach allen Richtungen da oben hatte auslvachsen können. Von unerschöpflicher Heiterkeit, flink und beweglich wie ein Eichkätzchen, witzig, ohne zu verletzen, gastfrei bis zur Verschwendring. Die kleine Hochzeitstafel bewies es. Jochen servierte anfänglich in Weißen Baumwoll- Handschuhen, strmrm und feierlich. Je öfter er aber in der Küche mit der alten„Achuste", der Köchin, auf„Frollans" Wohl getrunken, desto vollkommener cmancipierte er sich von der unbequemen Rolle. Beim Fisch entledigte er sich schon der iveißen Handschuhe. Beim Braterr warf er ob und zu eine seiner trockenen Bemerkungen inS Gespräch. Und zuletzt schnackte er trcrrherzig mit, wie er's seit dreißig Jahren in diesem Haushalt gewöhnt war. Er gehörte ja ebensogut zur„Fa- milie". wie Frollan und Frollans neuer Ehemann. Richard war wie in eine andre Welt verseht. Das war alles so gesund, einfach, vernünftig. Der alte Rcichsfreihcrr, der seinen Diener wie einen Menschen behandelte; die vornehme kleine Frau, die ihrem Fräulein die Hochzeit ausrichtete, als wär's ihre Tochter l Und nun die Lcne selbst! Die„schwarze" Lene! Er konnte die Augen nicht von ihr lassen. In ihrem schwarzseidcncn Kleide erschien sie so blaß und fein. Das Gc- ficht so durchsichtig einfach, so wahr und klar— durch einen leisen Leidenszug vertieft. Ein Hauch darüber, wie auf der reifen Frucht. Die bräunliche Haut zu dem nachtdnnklcn Haar, die weichen, sammetschwarzen Vogelaugen— alles von einem fremdartigen, seltsam süßen Reiz. Drunten in der Stadt die Mädchen, kokette Püppchen, niedlich und geputzt, kein Zug echt, groß, natürlich. Und alles so gekünstelt, die Verhältnisse, die Redeweise, das ganze Gehabc und Gethue. Es hatte ihn, den mit aller klassischen Bildung ausgerüsteten Kulturmenschen, immer wieder zu dem stillen Natnrkinde geführt, das seinen Weg so fest, ruhig und sicher ging, wie ein Kind an der Hand seiner Mutter. Wenn er sie ansah, jubelte und stürmte die lange unter- drückte Leidenschaft in ihni auf. Hochzeit! Sie war nun sein. Er drückte ihr manchmal verstohlen die Hand. Dann fühlte sie das klopfende Blut in seinen Fingern, und ihre blassen Wangen flammten auf. Sie blieb still und einsilbig, wie einer, dem sein großes Glück schwer wie eine Last auf den Schultern liegt. Jochen hatte sich offenbar schon lange den Kopf zerbrochen. So eine Art Braut hatte er noch nicht gesehen. Jetzt schien des Rätsels Lösung in seinem Kopfe auf- zudämmern. Er stellte die Konfektschale, die er eben herum- reichen wollte, auf ihren Untersatz zurück und brummte: „Schlag Gott den Deibel dot! Unser Frollan— was jetzt Fru Doktern is— die wird uns das Heimweh kriegen I" „Die?" lachte Bodenstein.„Dummer Kerl! Die macht drei Kreuze hinter der Drosselburg, wenn die mit ihrem neu- gebackenen Ehemann erst im Unkenreul sitzt." „Pfui Deibel." sagte Jochen offenherzig,„bei die Unken, da is es nich schön. Da kommen Sic man stantepede retour, Frollan. wenn Sie't mit's HeinUveh kriegen." Alles lachte über diese treuherzige Einladung, die Jochen so ganz auf eigne Faust machte. „Hm"," meinte Bodenstein etwas bedenklich,«leicht wird Dir's nicht werden, Lene. Hast Dein Lebtag Bergluft geschnappt. — Und nu der Sumpfgestank— und das Gekrabbel von dem Krötenvolk—" „Hoho, Herr Oberförster," lachte Richard,„bei uns giebt's keine l" »Nicht?" Bodenstein sprühte von Sarkasmus.„Ber- ehrtester, die sind überall!" „Frau von Bodenstein machte ihre kleinen, lustigen Dicncrchen nach rechts und links, tippte Richard und Lenen verstohlen auf den Aermel und zwinkerte schlau:„Jetzt kommt's nänilich „Das ganze Nest," Bodenstein schlug sich aufs magere Knie,'s, sämtliche Nester der Welt, große und kleine, London und Schöppenstedt— Unkenteiche! Da wißt Jhr's!" „Haha!" kicherte die kleine alte Dmne und hielt sich die Serviette vor den Mund,„so ein Berggeist I Was nicht drei- tausend Meter überm Meeresspiegel lebt— gelt, Alter, das ist Sumpfvolk?" „Jawohl!" schrie Bodenstein und seüie blaßblauen Augen unter den schneeweißen Brauen funkelten in grimmiger Lustigkeit.„Mich kriegen keine zehn Pferde mehr in das Ge- kribbel und Gewibbel rein I Pstü!— Wie sagt der Dickster? Der wahre Mensch muß fern von Menschen—" „Entschuldigen Sie, Herr von Bodensteiu, aber darüber bin ich— „Entgegengesetzter Ansicht. Natürlich. Jung und alt— haha! Werden Sie achtitndsechzig Jahr—" «Der wahre Mensch, nämlich dcr's Herz auf'm rechten Fleck hat und sieht, wo seine Brüder der Schuh drückt, der soll sich nicht einsam irgendwo auf nen Berggipfel setzen—" „Da hast Du's, Alter," lachte Frau von Bodenstein. „... Wcnn's nicht von Amts Ivcgen geschieht, wie bei Ihnen, Herr Oberförster. Sondern mitten unter den armen Kerlen sitzen bleiben und probieren, ihnen neues, derbes, bequemes Schuhwerk zu machen." „Haha, Doktor! Probieren Sie's nur!— Als wcnn's oencn nicht sauwohl wäre in den alten Drecktretcrn! Als wenn sie nicht die Resormschuster von jeher als ihre schlimmsten Feinde geköpft und verbrannt hätten. Ja, die Flickschuster, die nüt kleinen Mittelchen kommen, mit Riestern, Kappen, neuen Absätzen, die stehn bei ihnen in Ansehn I Wollen Sie so einer werden? Proftcniahlzeit! Ich hab's auch mal probiert, als ich noch jung und dumm genug war—" „Bodenstein," lachte das kleine Weibchen mit einer ent- waffnenden, streichelnden Handbewegung,„verstell Dich doch nicht, Du unverbesserlicher— Menschenfreund!" „Zum Teufel, Alte, Menschenfreund?— Das ist geschimpft, Der Freund der Borniertheit, des Egoismus, der nicht über die eigne Nase hinwegsehen kann?" „Ich glaube," warf Jochen mit der objektiven Nnhe einer Phthia ein,„die ganze Bagasch da unteil könnt'n Herrn Oberferschter gestohlen werden." „Da habt Jhr's!" schrie Bodenstein triumphierend, „der kennt mich. Hat's miterlebt, wie das Philisterpack gegen mich zu Felde gezogen ist, dreißig Jahre lang. Den„verrückten Bodenstein" nennen sie mich. Warum? Weil ich auch mal für was andres stimmte, als den nackten, blanken Nutzen! Weil ich nicht dulden wollte daß die sebastianskapelle. das wundervollste Bauwerk, das wir haben — eine Perle der Frühgotik— als Spritzenhaus benutzt und in Grund und Boden verdorben wurde! Weil ich eine Volts- bibliothek schaffen wollte und mal ein Weib, das aus Hunger gestohlen hatre, ihrer mörderischen Lynchjustiz entriß. Weil ich ihre blödsinnigen Zänkereien uicht mitmachte, sondern dar- über lachte. Weil— nun, kurz und gut: darum! Und so ist mirs Vessernwollen vergangen— an den Leuten da unten wenigstens. Hab' mich dafür mit allen Kräften auf meme Bäume geworfen. Sehn Sie, das lohnt, das ist dankbar! Nicht bloß auf heut und morgen arbeiten, sondern für andre Generationeil— eine neue veredelte Rasse. Geduld haben, bescheiden sein! Sehen Sie, Doktor, da lebt man schon gleich- sam voraus. Das bißchen Gegenwart schruinpft ein. Statt der Einzelheiten sieht man Gruppen, Massen— mit einein Wort: Unkenteiche!" schloß er und schlug auf den Tisch. Das alte heitere Frauchen neckte ihn:„Was hast Du bloß mit den harmlosen Biesterchen vor?" „Harmlos!" schrie er erbost.„Ja, eine allein, die trittst Du nlit dem Fuß zu Brei. Aber so ein gailzer Teich voll—" Er schüttelte sich.„Habs mal als Kind erlebt," murmelte er. wie von einem Schauder gepackt.„Kopfüber hinein. Alles über mich her. Das Zappeln! Die ekelhaften, gelbbäuchigen, warzigen 5kröten! Und bei jedem Versuch emporzukommen — immer tiefer hinein in das Krötenvolk! Das Entsetzen— der.Ekel— nie vergeh ich's!"«ein frischgefärbtes Gesicht war noch in der Erinnerung erblaßt. Richard lief ein leiser Schauder den Rücken entlang, als kröche ihm das ekle Sumpfvolk schon fiber den warmen Leib. Vielleicht bin ich auch schon mit estvem Fuß drin, dachte er. Die Dummen, deren Verstand nicht über ihre Nase reicht, sind vereint eine tödliche Macht. Die meine Richter? Er sprang auf, von Zorn und Empörung getrieben. Philisterpack! dachte er und blickte so wild um sich, daß Boden- stein lachte. „Ihnen thun sie nischt, Doktor. Sic werden sich ja hüten und Ihnen ins Gehege kommen. Und nun— ,"(w blickte nach der altertümlichen hohen Standuhr, die eben zum Schlagen an- setzte—„die Herrschaften werden mich entschuldigen,'s ist meine Zeit. Wenn ich's verpasse, lieg' ich die ganze Nacht wach." Er zündete ein Licht an und ging hinaus. Auch Frau von Bodenstein hatte draußen mit den Dienstleuten noch zu thun und wollte auf keinen Fall erlauben, daß Lene heut etwas anrühre. Sie waren allein. Vergessen alle Sorgen vor und hinter ihnen. Sie lebten, sie liebten sich, sie gehörten einander. Tie volle Seligkeit des sicheren Besitzes überkam' sie. Er umschlang sie und führte sie die atte dunkelgebräunte, mit Tannengewinden bekränzte Treppe empor, die leise knarrte unter der Last ihres bräutlichen Glücks. (Fortsetzung folgt.), (Nachdruck verboten.) Ein berliner Rltualmovdprozcfs der Vergangenheit» In dem gegenwärtig(icb hier von elftem?ag zum andern schleppenden gerichtlichen Nachspiel der Könitz«: Mordäffairc ist eigentlich über Mangel an Stoff für die Verhandlungen nicht zu klagen. Man darf sich aber doch den Tank wenigstens der beklagten Partei zu verdienen hoffen durch Anschleifen ganz neuen Materials: wenigstens ist davon bisher in den Verhandlungen nicht die Rede gewesen, ob- schon sie im übrigen aus dem hunderrsten ins tausendste gehen. Und do-h stelll der Berliner Ritualinordprozch, der im folgenden wieder ausgegraben werden soll, ein prächtiges Reisigbündel dar für jenen Scheiterhaufen, auf dem unsere Antisemiten das Judeutum so gerne verbrennen möchten. Denn hier haben wir eine Reihe gerichtlich er- wicsener und abgeurteilter Ritualmorde und Ritualmördcr, sind doch die Delinquenten auf Grund eigenen Eingeständnisses verdonnert und hingerichtet worden. Wer trotzdem aus angeborener Zwcisclsucht an die Wirtlichkeit der Blutmordgeschichte nicht glaube» will, der ivird sie immerhin als ein Bild märkischer Sitten und Meinungen vor vier Jahrhunderten zu inerten wissen. Dieser Berliner Ritualmordprozeß von löll) ist so eng mit einer anderen, nahe verwandten Affaire verknüpft, daß er nicht losgelöst von der letzteren betrachtet tvcrdcn kann. Bei dieser Sache, die mit dcni Blutmord in so nahem Znsmnmenhang steht, handelt cö sich um nnc andere Beschuldigung gegen die Juden, die seil den Feiten der ersten großen Judenverfolgungen im Zeitalter der Kreuzzüge gewöhnlich ge- ineinsam inir der des Schlachtens von Christenkindern ziu Verwendung des Bluts beim nächtlichen Gottesdienst des Passtriestes austritt: um das---- mit Heine ini„Rabbi von Bacharach" zu sprechen— „läppische, in Chroniken und Legenden bis zum Ekel oft wiederholte Märchen, daß die Jude» geweihte Hostien stählen, die sie init Messern durchstächen, bis das 9>.itt hcrausliefc." I» Berlin aber sind die Juden lötv, wie des Ritual,»ordes so auch der Hostitnentweihung durch ihr eignes Geständnis überführt worden: freilich wird, wer von modernen Ideen angekränkelt ist, möglicherweise an den prozessualen Mittel» Anstoß nehmen, deren jene romantische Zeit sich bediente. um ein Geständnis herbeizuführen. Ter Keim, aus dem sich die Sache nachher zu so stattliche» Dimensionen entwickelte, war recht unscheinbar. Am Mittwoch nach Lichtmeß—<>. Februar— 1510 geschah in der Kirche des Dorfes Knobloch bei Naueii ein Einbruch, bei dem eine kupferne, übersilberte Monstranz mit zwei geweihte» Hostien verschwand. Bei der sofort vom regierenden brandenburgischen Kurfürsten Joachim I. angcord- neten energischen Rachfvrschuns»ach dem Diebe lenkte sich der Ber- dacht alsbald auf einen christlichen Kesselflicker aus Bernau, Namens Paul Fromm. Sein Verschtmiide» aus Bernau nach der Thal Ivar ausgefallen, am Thatorte hatte sich ein Lötkolben vorgefunden, der ihm gehörte, in der Nähe seiner Bernauer Wohnung, wohin er direkt nach dem Einbruch nock, einmal zurückgekehrt war, entdeckte man im Stadtgraben Teile der gestohlenen Monstranz, und was der belasten- den Momente mehr waren. Die Verfolgung des mutmaßücheu Sünders blieb ergebnislos, bis es ihn selber nach seiner Heimat zurückzog: den 2. Juni wurde er in Beriia» verhaster. Er machte auch weiter gar keine Sperenzien, sondern gestand den Einbruch ohne weiteres ein. Was die Hostien anging, so erklärte er, sie gegessen zu haben. Man könnte denken, dies Ergebnis der Voruntersuchung habe keinen erheblichen Punkt mehr im Dunkeln gelassen. Ties« voreiligen Meinung war aber nicht der gelahrte Herr, an den die Betreibung der Sache nun überging. Das Verbrechen war im Sprengel des Bischofs von Brandenburg geschehen, und dieser kirchliche Würden- träger Ivar daher für die Aburteilung des Falles zuständig. Er bc- traute mit seiner Vertretung den Stiftsherrn Heinrich von Bctzfchitz, der mit Eifer und Scharfsinn an sein- Aufgabe herantrar. Aus- gehend von der Erwägung, dag den Fromm doch nicht die kupferne Monstranz glockt haben könne, schloß er, daß die mitcntwendeten Hostien das eigentliche Objekt des Einbruchs gewesen sein müßten. Da die Hostien aber für Fromm selber keinen Wert hätten, so müsse er im Auftrag andrer gehandelt haben, natürlich der Juden, die ja all- gemeiner Uebcrzeugung zufolge gerne damit Hokuspokus trieben: noch vor achtzehn Jahren hatte diescrhalb im mecklenburgischen Sternbcrg ein Prozeß stattgefunden, der von nun ab das Vorbild in dem Ver- fahren von IS 10 abgab. Ilm Fromm zu einer demgemäßen Berichtigung und Bervoll- ständigung seines Bekenntnisses zu veranlassen, griff Herr von Bctzschitz dazu, ihn der Folter zu unterwerfen. Ter Erfolg war über- raschend. In der„Pein" räumte Fromm ein, daß er nur die eine Hostie zu sich genommen, auf freiem Felde bei dem Dorfe Stacken. da sei es stockfinster um ihn geworden, und er habe eine Stunde lang nicht von der Stelle gekonnt. Die andre Hoftie aber habe er für 0 märkische Groschen an den Juden Salonro in Spandau verkauft. Damit war der geistliche Herr auf dem graben Wege zur Enthüllung des vorausgesetzten Komplotts uitd meldete triumphierend das Er- gcbnis seiner Thätigkcit an den Kurfürsten nach Berlin. Der Kurfürst war in diesem Falle mit sich selbst im Widerstreit. Tie Stände, Junker wie Städre, hatten schon immer von ihm verlangt, die wegen ihrer Geldgeschäfte verhaßten Juden aus dem Lande zu vertreiben. Er aber hatte sicl, immer gesträubt, iveil er von den Juden erhebliche Schuygclder einheimste. Ucbcr das finanzielle Interesse gewann aber nun der katholische Eifer des Kurfürsten die Overhand; die durch Behschist eingeschlagene Richtung wurde energisch tvcirer ver- folgt._ Zunächst ließ Joachim den Fromm aus Bernau und den durch ihn beschuldigten Saloino aus Spandau nach Berlin bringen und hier beide konftonriercn. Da gestand dann Salomo auf der Folter, die Hostie gekauft und mit Messern gestochen zu habe», wobei sie in drei Stücke gesprungen sei. Eins davon habe er zu essen versucht, aber nicht vermocht. Da habe er es in einen Weizenteig mit klarem Wäger gedrückt. Obwohl dieser Teig zu seinem Schreck blutrot ge- worden sei, habe er eine Mazze daraus gebacken, wobei er im Ofen einen schönen Lichtglanz und über dem Kuchen zweimal ein säubcr- kichcs kleines Kind gesehen babc. Ten Kuchen mit dem einen Stück habe er in der Synagoge zu Spandau aufgehängt. Dte beiden andern habe er. das-ine an den Juden Jakob durch dessen Söhn Samuel nach Brandenburg, das andere durch Salomo Heller an den Juden Marcus nach Stendal geschickt. Aus diese sensationellen Enthüllungen hin griff der Kurfürst zu der radikalen Maßregel, die Festnahme sämtlicher Juden in feinem Lande zu befehlen, was freilich nicht von allen Magistraten so buch- stublich ausgeführt Jvurde. Tie Zahl der Verdächtigen wurde in- zwischen immer größer. In Brandenburg legte zunächst der durch Salomo verdächtigte Jakob ein umfassendes Geständnis ab. Er war augenscheinlich ein ganz feiger Mensch, der, um sein eignes Geschick möglichst zu mildern, nicht vor der Anschuldigung zahlreicher Glaubensgenossen zurückscheute. Wcs Geistes Kind er war, zeigte er schon vor der„peinlichen" Befragung. Nachdem er nämlich eine Nacht im Gefängnis gewesen, ließ er den Brandenburger Bürger- mcistcr Bellin zu sich rufen und erzählte eine Räubcrgeschichte, w'e ihm iit der Nacht die Jungfrau Aluria mit all ihrer Herrlichkeit er- schienen sei, er wolle deshalb zum Christentum übertreten. Das hals ihm aber nicht an der Folter vorbei. Er bekannte nun, das ihm übersandte Hosticnsrück zusammen mit einer Anzahl andrer namhaft gemachter Juden, worunter seine beiden Söhne und der Rabbi Sloinan, gestochen zu haben. Ten ncubcschuldig'rc» fünf Personen suggerierten wiederum die Folterwerizeuge das erforderliche Ge- ständnis, dem Rabbi Sloman sogar ein solches, das den Kreis der Angctlagten um nicht weniger als 24 Personen erweiterte. Er ge- stand nämlich, das Hostienstück von Brandenburg nach Osterburg gebracht zu haben, wo es bei cnicm jüdisckieu Hochzeirssest mit Messern und Pfriemen gestochen worden sei und„mildiglich" Blut von sich gegeben habe. Demgegenüber waren die in Stendal erzielten Re- sultatc mager. Hier kompromittierten«alonio Heller und Marcus „bloß" vier Personen. Auch hier sollte ans der Hostie„mildiglich" Blut geflossen sein. Somit waren schon im ganzen 36 Inden wegen eines todcs- würdigen Verbrechens so gut wie verurteilt; denn auf der Sakra- ments-Tchändung stand die Strafe des Scheiterhaufens. Der rosendc See der Volkswnt verlangte aber noch mehr Opfer. Mit der Hosticnentweihinig war nicht noch mehr zu erzielen; so mußte denn ihr alter Gefährte, der Ritualmord, herhalten. Es scheint beinahe, als wenn man in Berlin, wo die Hoftienschändung keine Opfer gefordert hatte, zuerst auf die Suche nach Blutmorden und Blutmördern gegangen lväre. Wenigstens Ivurde hier das erste der- artige Verbrechen entdeckt, oder wie Zweifler an der Richtigkeit und Gerechtigkeit des ganzen Verfahrens sagen werden, erfunden. Kinder wurden nänilich nirgends vermißt, und wie man keine Namen von Schlachtopfeni wußte, keine Belastungszeugen auftreiben konnte, so blieben auch über das Wie. Wann und Wo die Götter gänzlich stumm, bis man wieder die probate Ueberredungskunst der Folter- Werkzeuge in Arbeit treten ließ, um die Mörder der unbekannten Kinder zum Geständnis zu bringen. Da stellte sich denn z. B. her« aus, daß sieben Berliner Juden vor ungefähr neun oder zehn Jahren ein dreijähriges Christenknäblein von einem fremden Christen mit langem Barte für 10 Gulden gekauft, das Kind in einem Keller ans den Tisch gelegt, mit Nadeln nach den blutreichsten Adern gestochen und ihm zuletzt durch Schlächter Jakob abschneiden gelassen halten. Ein Nösel Blut wurde dabei abgezapft. Achnlich lind zu Werben und Osterburg Ritnalmord verübt worden, in Brandenburg gar zwei in kurzen Abständen. Tie Unbestimmtheit der Angaben war überall dieselbe. Auf die Frage nach dem Motiv der Morde erwiderten die Gefolterten, sie brauchten das Blut unschuldiger Christenkinder gegen ihre Krankheiten, namentlich Fluß. Der rote Lebenssaft sei für sie so notwendig, daß sie ihn mit Paradiesäpfeln, Ingwer und Honig einmachten, um ihn zu konservieren. Auch würden sie durch den Genuß des Blutes grimmiger gegen die Christen, die sie möglichst ausrotten wollten. Im ganzen wurden 37 Juden des Kindermordcs beschuldigt, 21 davon gleichzeitig der Hoftienschändung. Nun eine stattliche Zahl von Sündenböckcn beisammen war, die zur vorläufigen Befriedigung des gegen die Juden aufgestachelten Hasses dienen konnten, ließ Kurfürst Joachim sämtliche Verdächtigen, im ganzen gegen hundert, nach Berlin bringen, Ivo sie summarisch abgeurteilt werden sollten. Die Justiz arbeitete damals schnell. Am 10. Juli 1S10 war man schon so weit, daß der Stab über den Schuldigen gebrochen werden konnte. Im ganzen wurden 41 Inden zum Feuertode verurteilt, was der Scharfrichter den Schaulustigen mit den Worten mitteilte:„Dieweyl die boßhasftigen schnöden ver- stockten juden ire boßhandlung auch zu mehrcmalcn außerhalb und voc gericht bekant, darumb soll man sy zu pulser verbornen, damit all andern ein beyspil sein, solche nbelthat furder mer nicht zu be- gynnen." Bei Paul Fromm trat die Verschärfung ein. daß er auf dl m Wege zur Richtstättc mit glühenden Zangen gezwickt werden sollte, bei zwei zum Christentum übergetretenen Inden die Milde- rung, daß sie zum Tode durch das Schwert begnadigt wurden. Der Urteilsverkündigung, die auf dem großen Platze vor der Marien- kirche stattfand, schloß sich die Hinrichtung alsbald an. Auf dem Hochgericht an der Stelle, wo heute die Große Frankfurter- und die Wcbcrstraße zusammentreffen, fand der Schloßakt des Dramas staik. Damals gab es noch Richter in Berlin, die den blindwütigen Fanatikern des Ritualmordglaubens Genüge leisten konnten. Die Geschichte freilich beurteilt das Berliner Urteil von 1510 als einen Justizmord, als den scheußlichsten Akt einer systematischen Juden- Verfolgung. Mit der Bcrbrcnnungsscene dcS 10. Juli war nämlich die Sache noch nicht erledigt. Noch falzen 60 Juden im Gefängnis, denen beim besten Willen nichts anzuhaben war. Man ließ sie. jetzt los, aber unter Konfiskation ihres Besitzes und Allsweisung aus dem Lande. Dasselbe Schicksal der Vertreibung ans der Mark widerfuhr gleichzeitig sämtlichen andren Inden. F» dem Prozeß war in der„Pein" eingestanden worden, daß sämtliche Inden eines Territoriums zum Ankauf von Christenkindern fürs Passahfest Geld zufanrmenschössen. Daher behandelte man sämtliche Juden als Mitschuldige an dem Verbrechen des Ritualmordes. Das war aber nur logisch, wenn man nun einmal über alle Bedenken sich mit dem Rczevt des Patriarchen in Lessings„Nathan" hinweghals:„Thut nichts, der Jude wird verbrannt."— x. y. Kleines Feuilleton. en.~a- Schmipsc» in wissenschaftlicher Beleuchtung. Die meisten Bezeichnungen für Krankheiten entsprechen einigermaße» abgegrenzten Begriffen. Eine Ausnahme davon aber macht gerade eins der ver- breitctften Leiden, das schon dadurch besonders tränkend wird, weil es nicht als Krankheit respektiert und gar oft dem Spott überliefert wird, nämlich der Schnupfen. Man kmm die Frage, was der Schnupfen eigentlich ist, jedem Beliebigen vorlegen, sogar jedem Arzte, man wird keine Antwort daraus erbalten. dic_ über ziemltch allgemeine Redensarten hinauskommt. Daß der Schmrpfen eine entzündliche Schwellung der Rasenschleimhaut in Verbindung mit einer daraus sich ergebenden Absonderung darstellt, ist allerdings sicher, giebr aber keine Definition des Leidens, von der man nach den Grundsätzen der heutigen Wissenschaft doch gleichzeitig eine Aufklärung über die Eittstehung der Krankheit verlnngr. Sehr verdienstvoll sind daher die Ausführungen von Dr. Löhnberg in Hamm, der in einem Auf- satz der„Wiener Klinischen Rundschau" einige Ordnung und richtige Beleuchtung in die verwirrten Ansichten über den Schnupfen zu bringen versucht. Wenn der Laie schlechthin vom Schnupfen spricht. so meint er damit jene schon näher bezeichneten Erscheinungen, die für den Arzt in den meisten Fällen nur als Synrptoine wichtig sind. Ob ein solcher Schnupfen von einer Verstopfung der Nase durch Polypen oder von einer Entzündung ihrer Schleimhaut etwa durch giftige Dämpfe oder von noch andren Ursachen herrührt, bleibt gegenüber der Thatsache des Schnupfens selbst meist nnbcachler. Auch der Unterschied zwischen dem akuten Schimpfen und deni durch Monate und Jahre anhalleuden Stockschnupsen ist ein uligreifbarer. Was die Entstehung betrifft, so begnügt man sich, ergeben in sein Schicksal, gewöhnlich mit der vermeintlichen Einsicht: Ich habe mich erkältet, imd fügt damit zu der ganz Ungewissen Benennung der Krankheit die Annahme einer ebenso unbestimmten EutstehungS- Ursache. Dr. Löhnberg sagt geradezu, daß der gewöhnliche Schnupfen überhaupt keine Krankheit an sich sei, sonder,» nur ein Sannnelname oder eine Art von Familienname für eine ganze Anzahl verschiedener KraMeiten und weist im besondren darauf hin, datz es eben aus diesem Grunde, wie der Heilkunde oft vorgeworfen wird, auch kein Heilmittel, noch eine erprobte BeHandlungsweise gegen den Schnupfen oder, wie man in Norddeutschland mit einem beinahe ebenso un- nützen Wort sagt, den„Katarrh" geben könne. Für die wissen- schaftliche Beurteilung des Schnupfens wird es am meisten darauf ankommen, ob es ein besonderes Schnupfengift giebt das heißt irgend eine Ansteckung von außen her, vielleicht durch einen eignen, noch nicht bekannten Bacillus, der für einen Ausbruch des Schnupfens verantwortlich zu machen wäre. So lange dafür der Nachweis noch nicht erbracht ist, wird man diese Vermutung auch von der Betrachtimg mts- schließen müssen. Durch schädliche Dämpfe, z. B. von Säuren oder auch durch Straßenstaub, ferner durch Blütenstaub von Pflanzet» (Heuschnupfen) kann das Leiden mit seinen gewöhnlichen Er- scheinungen zweifellos verursacht werden. Wahrscheinlich aber ist eine derartige Veranlassung des Schnupfens gar nickt so häufig und jedenfalls viel seltener, als gewöhnlich angenommen wird. Am öftesten wird ein Schnnpsenansall nur die Verschlimmerung eines chronischen entzündlichen Zustandest der Nasenschleiinhaut fem. Wo ein dauernder Katarrh vorhanden ist. kann und mag von Zeit zu Zeit ein Schnupfen eintreten, ohne daß eine Einwirkung von außen her wie eine Erkältung staltgestinden zu haben braucht. Von hervorragender Wichtigkeit nach den Erfahrungen von Dr. Löhnberg ist der Einfluß desRachcnraums und der zahlreichen Höhlen und Buchten in dessen Umgebung, namentlich auch der Mandeln. Es ist gar nicht anzunehmen, daß Kinder an sich häufiger zu Erkältungen neigen als Erwachsene, und wenn sie wiederholt den Schnupfen bekommen, so ist dadurch immer der Verdacht einer entzündlichen Erkrankung der Mandeln oder im Schlundkops gegeben. In Verkennung dieses Zu- sammenhangcs wird zweifellos überaus oft eine falsche Behandlung eingeleitet. Sodann kommen die Entzündungen der Höhlen in der Nachbarschaft der Nase in Betracht, namentlich der Ztieferhöhlen und der vorderen Zellen des Sieb- oder Riechbeins. Ein bekannter Arzt hat behauptet, daß Entzündungen in den Luftwegen fünfzchnmal häufiger an toten als an lebenden Personen gefunden lvurden, und dieses Mißverhältnis würde den Beweis liefern, daß diese Erkrankungen in der Mehrzahl der Fälle unenideckt bleiben. Alsdann kann mancher Schnupfen, der durch sie ver- anlaßt wird, auf unerklärliche Weise eintreten, dem Witterungseinfluß zugeschrieben und einer ganz falschen Behandlung unterworfen werden, weil eben die wahre Ursache nicht zu Tage tritt. Die Erklärung eines Schnupfenfalles kann also niemals auf andrem Wege als durch eine möglichst genaue Untersuchung der Rasenhöhle und ihrer Nachbarschaft gegeben werden, und man muß sich vor allem hüten, allzuviel Gewicht auf die äußere Ansteckung und auf die Bedeutung der sogenannten Erkältungen zu legen, womit ja nicht gesagt werden soll, daß man sich vor diesen beiden Einflüssen nickt auch in Acht zu nehmen hat. Die Schnupfernnittel, die vielleicht in dieseni und jenem Falle sehr gut helfen, werden aus dem gleichen Grunde niemals eine Abhilfe in alle» Fällen bringen, weil es eben aus die Beseitigung verschiedener Ursachen ankommt, die nicht alle derselben Behandlung weichen. Ein Universalmittel gegen den Schnupfen finden zu ivollcn, ist ebenso unsinnig, wie die Suche nach einem allgemein ivirksamen Mittel gegen Kopfschmerzen.— Archäologisches. k. Wichtige archäologische Funde in P a l ä st i n a. Ucbcr die bisherigen Ergebnisse der Ausgrabungen, die an der Stätte des alten Gezer vom„Palcstine Exploration Fund" unternommen werden und die reiches Material zur ältesten Kulturgeschichte Palästinas zu Tage fördern, berichtet der Leiter derselben, Stewart Macalister, im„Äthenaeum" folgendes:„Die ersten drei Monate der Ausgrabungen in Gezer sind jetzt zu Ende. Der Erdwall ist ein niedriger Hügel von etwa einem Kilometer Länge, mit einer größten Erdanhänfung von 18 Fuß. Sein moderner Name ist Tell-ej-Jezari; Professor Elennont Canneau hat festgestellt, daß die Stätte mit dem biblischen„Gezer" identisch ist. Die Ausgrabungen haben die aufeinander liegenden Ueberrestc von vier Besitznahmen, die erste wahrscheinlich neolithisch, die andern drei aus der Bronzezeit, offenbart. Die Stadtmauern der drei oberen sind festgestellt worden: jede folgende Mauer liegt außerhalb der vorher- gehenden. Die älteste ist ein kunstloser Erbwall, innen mit einer vertikalen, etwa 2 Fuß dicken Steinmauer und außen mit einer flachen Abdachung i die späteste ist ein prächtiger. 14 Fuß dicker Bau mit massiven, vorspringenden Türmen. Wiederherstellungen und Aendcrnngen haben die architektonische Geschichte dieser Mauer ziem- lick verwickelt gemacht, und sie ist noch nicht ganz ausgearbeitet. Unter den wichtigsten Ergebnissen müssen zwei Bestattungshöhlen er- wähnt werden, die ein Licht auf die Beisetzung der Toten im alten Palästina werfen. Die erste war ursprünglich wahrscheinlich von den neolithischen Bewohnern als Krematorium ausgehöhlt worden i man fand große Mengen verbrannter menschlicher Knochen darin Die Höhle war dann in der Folge von Leuten, die keine Leichenverbrennung übten, zum Begräbnisplatz umgewandelt, und die Reste ihrer Toten fand man über den verbrannten Knochen liegend. Eine wisienschastliche Prüfung der Knochen hat ergeben, daß diese Leichen von einem semitischen Volke stammen, während die ver- brannten präsemitisch sind. Die Leichen wurden ohne Rücksicht auf Haltung oder Lage nach dem Osten zu hingelegt oder vielmehr ge- Velanlivorllichee Redakteur: Earl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: warfen, wobei im ganzen die zusammengezogene Stellimg die ge- wöhnlichere war. Einige Leichen, wahrscheinlich solche von bedeutenden Personen, waren an die Seite der Höhle gelegt und durch Stein- einfriedigungen von den übrigen getrennt. Bei den Leichen fand man viele wertvolle Geschirre und andre Töpferwaren. Die zweite Höhle war ursprünglich eine Cisterne gewesen und zur Auftmhme von 15 Leichen umgewandelt worden, die(wie in dem vorigen Fall) achtlos auf den Fußboden gelegt waren. Alle Leichen waren von Männern, ausgenommen die eines etwa vierzehnjährigen Mädchens, die unterhalb der Rippen entzwei ge- schnitten war; die untere Hälfte befand sich nicht in der Höhle. Bei diesen Ueberresten lag die schönste Sammlung von Bronzewaflen, die man bis jetzt in Palästina gefunden hat. Ein großes rechteckiges Bad, das wahrscheinlich zur Reinigung bestimmt war, ist auf der vierten Schicht gefunden worden; roh geputzte Treppenstufen führen zu ihm. Gegenwärtig konzentriert sich die Thätigkeit auf einen prächtigen nregalithischen Bau, der zum Teil bloßgelegt ist. Es sind drei imposante Monolithcir. etwa 14 Fuß hoch und 3 zu 2 Fuß breit, die auf einer steinernen Plattform stehen, und kleinere Monolithen dazwischen bloßgelegt. Das Vorkommen von Kriigen mit Kinder- knochen(einige verkohlt), die unter einem unmittelbar daran stoßenden Pflaster beerdigt sind, weist daraus hin, daß wir es mit einem Tempel zu thun haben, in dem Rkenschenopfer üblich waren. Bis jetzt sind keine daticrbarcn Gegenstände gefunden worden, mit Aus- »ahme von Skarabäen und Krughenkeln, die Eindrücke der Skarabäen- muster tragen. Diese gehören alle dem Mittelkönigrcich an, der Zeit 2000 v. Chr. Sie sind fast alle mit der Epoche der dritten Besitznahme verbunden. Der Erdwall ist sehr reich an Thon- und Bronze-Arbciten und wird sicher höchst wertvolles Material für die Kulturgeschichte Palästinas liefern."— Humoristisches. — Ucb ernatürlich. Radfahrer(welcher Gnmntiwadcn kaufen will, zum Verkäufer):„Hauptsache ist größte Natur- ähnlichkcit." Verkäufer:„O, die sind ganz natürlich, kürzlich hat ein Herr, welcher die gleiche Sorte fährt, nach einer größeren Tour sogar Wadcnkräinpfc darin bekommen!"— — Des Meeres u n d der Liebe Wellen. A.:„Wer ist denn dort jene Dame mit dcir üppigen Formen?" B.:„Das ist die Frau Tempsky, eine gefährliche Schwimmerin. die hat ihren Mann auf die Weise bekommen, daß sie ihn auf den Rücken nahm, mit ihm weit hinaus in die See schwamm und dann sagte:„Entweder— o d e r I...— — A u f dem Wege z u r T u r n st u n d e. Onkel:„Nu, nrei Reeschen, wo willste denn hingehen?" Röschen:„In de D o r n st u n d e, Onkel." Onkel:„Ei Herrjeses, da bist de ja e D o r n r e e s ch e n!"— („Lustige Blätter.") Notizen. — Di« Freie Volksbühne bringt als dritte Vorstellung Shakespeares Lustspiel„Was ihr lv o l l t".— Die Premiere von S t r i n d b e r g s„Rausch" im K l e i n e n Theater ist auf den 13. Oktober verschoben worden. Bereits gelöste Eintrittskarten werden an der Kasse täglich von 10 bis 2 Uhr umgetauscht.— — H e r m a n n Vahrs Lustspiel„Die Wienerinnen", das Mitte Oktober im Berliner Theater in Scene geht, wird in den Hauptrollen mit Arthur Wchrlin, Jenny Rauch, Hilda Hofer und Fräulein Talianski besetzt sein.— — S n d e r m a n n s„Reiher federn" erzielten bei ihrer ersten Aufführung am Wiener Burgthcater nur einen äußer- liehen Erfolg.— — G u st a v Falke hat ein fünfaktiges Märchenspiel„ P u tz i" geschrieben, das zur Weihnachtszeit im Meininger Hof- Theater in Scene gehen soll.— e. Das n ö r d l i ch st e Theater d e r W e l t ist kürzlich in Dawson City(Klondike) eröffnet worden. Es werden Schauspiele und Opern aufgeftihrt. Der Eintrittspreis(Stehplatz) beträgt nur — 40 M.- — Fritz Stein bach, der Dirigent der Meininger Hof- kapelle, ist von der städtffchen Kommission für musikalische An- gelegenheiten in Köln an Stelle des verstorbenen Franz WüllnerS zum Kapell meist er des Konservatoriums und zum Leiter der Gürzenich-Konzerte vorgeschlagen worden. Die Wahl muß noch von der Stadtverordneten-Versammlung be- stättgt werden.— — Die Brunsviksche Galerie wird Ende November im k. k. Versteigerungsamte in Wien verauktioniert werden; die Sammlung enthält Gemälde französischer, holländischer und deuffcher Künstler aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert.— — Ein Seismograph wird dieser Tage in einer Tiefe von 1100 Metern in einem Stollen des böhmischen Bergamts Przibram aufgestellt werden. ES wird hierdurch zum erstenmal ermöglicht sein. korrespondierende Beobachtungen über die Wirkung von Erdbeben unter und über der Erde anzustellen.—_ livrwärtS Buchdruckerei und VaiagsamtaU Paul Singer& Co., Berlin SW