Hlnterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 193. Freitag, den 10. Oktober. 1902 Nachdruck verboten. 41 Der Onkenteich. Roman von Gertrud Franke-Schievelbein. Der Frühling war im„Unkenreul" eingekehrt. Im jungen, grünleuchtenden Grase, unter dem zarten Schatten der blühenden Kirsch- und Pflaumenbäume wucherten die großen goldenen Sterne der Butterblumen und verhauchren ihren Duft. Unter den fast mannshohen Weißdornhecken, die die kleinen, in Obst- und Gemüsegärten eingebetteten Häuser unl- gaben, war alles blau von Veilchen. Es geschah nicht oft, daß sich Leute in den Reul verirrten, die nicht von Rechts wegen dahin gehörten. Dazu lag der schmale Weg zu abseits und weltverloren. Die Landstraße, die auf die zur Stadt gehörigen Wiesen und Felder führte, und von da aus weiter nach Roßberg, ging ein ganz Stück oberhalb des Reul ab. Hierher, in diesen Schlupftvinkel, hatte Richard Volkmar sein Glück gerettet. Hier durfte er's genießen, wie man so ein Glück genießt: mit Zittern und Bangen, in ewiger Sorge um einen neugierigen Blick, eine vorzeitige Entdeckung. So traurig das alte Häuschen mit seinem seltsam arm- seligen Portal, mit den wackeligen grünen Fensterläden und einer Art von Veranda im Schweizerstil sich auch ausnahm, Lene atmete doch auf, als sie's erreicht hatte. War's doch eine Stätte, wo sie ihr Haupt hinlegen konnte, wo sie vor Späher- blicken sicher war. Tie paar Leute, armes Volk, das im Reul einen Unterschlupf gesunden hatte, machten ihr nicht bange. Tie hatten genug mit sich selber zu thun. im harten Rackern und Sichabschinden ums tägliche bißchen Brot. Als die Reise überstanden und die jungen Eheleute in ihrem kleinen Heim angekommen waren, fanden sie die ganze Hausgenossenschaft im Flur versammelt. Im Vordergrund stand die Witwe Steigenberg, die glück- liche Besitzerin der Baracke•— ein athletisch gebautes Weib mit männlicher Stimme, breitschulterig, von Wind und Wetter gebräunt. Sie ernährte nach dem Tode ihres schwindsüchtigen Mannes sich und ihre beiden Söhne durch Gemüsebau und einen kleinen Grünkramhandel. Man sah ihr's an: die nahm den Kampf mit dem Leben auf wie ein Mann. Sie sollte in der jungen Wirtschaft die Aufwartung be° scrgen. „Ich mach Ihne alles, Frau Doktorn!" sagte sie, nachdem sie sich und ihre beiden verlegenen Rangen, den„Großen" und den„Otto", präsentiert hatte.„Ne Köchin kriege Se hier uaus doch nit. Und's Gemies solle Se och billig habe. Und nu crscht's Obst! Sehn Se mal de Baim— alles die feinste Sorte. Nu, wir wärn uns schon vertrage, gelle ja?" Lene reichte ihr herzlich die Hand. Sie war wirklich er- freut und gerührt.„Ja, Frau Steigenberg, wir werden schon gut miteinander fertig werden." Die Buben hatten sich schon wieder hinter dem breiten Rücken ihrer Mutter verkrochen. Aber diese schubste sie ohne Gnade zurück in den Vordergrund. „Ei, Du dummer Bursch, was schenierst denn Dich so! Gieb der gnädige Frau ne Hand! Un wenn Se mal'n Gang habe, Frau Doktorn— so derfe Ses bloß sage— da spring die schon. Gelle, Otto?" Lene versprach ihnen von dem Hochzeitskuchen, den sie mitgebracht hatte. Im Hintergrunde, als sie der mit einem blakenden Lämpchen erhellten Treppe zuschritten, regte sich noch etwas. Es war der Schuster, der die linke Hälfte des Erd- gcschosses bewohnte, ein kleines, kümmerliches, gebücktes Männchen mit großer Hakennase— eine Nase, die kriegerisch und unternehmend in die Welt hineinragte, während die sausten, klagenden Augen des schwächlichen.Kerlchens und sein schüchternes, unbeschreiblich steundliches Lächeln immer um Verzeihung zu bitten schienen für sein Vorhandensein. Dienernd und die Hände reibend, kam er ein wenig aus der Zimmerthür hervor. „Wollt auch den Herrschafte schön gute Abend wünsche! Gute Abend, meine Herrschafte! Wieschen—", ein zartes kleines Mädchen mit blonden Zöpfen, große, klare, scheue Augen zu den Fremden emporschlagend, klammerte sich an des Vaters Rock,„Wieschen— die Herrschafte werden ver- zeihen—- nu, so gieb doch!— ein kleines Veilchensträußchen wollte Wieschen sich erlaube, den Herrschafte--" Da hatte Lene sich schon zu dem Geschöpfchen hinabge- beugt, es umschlungen und geküßt. Ihr war das Herz so überquellend voll. Das Heimweh nach der Drosselburg saß noch drinnen und drückte. Alles so fremd■— und vor ihr so viel Schweres— und dies Haus, das ihre Heimat werden sollte— so gar trübselig, verwahrlost, klein, verwittert. Aber doch Menschen drin, die ihr freundlich entgegen- kamen. Und dies Kind, dies blasse, rührende Kind im ge- flickten, verblaßten Kleidchen, das war ihr wie ein Engel, der ihr Trost und fröhliche Verheißung brachte für ihr neues Leben. Es hatte die scheuen, unschuldigen, anklagenden Augen seines Vaters, des getretenen, durchs Leben gestoßenen, mit lümmerlicher Kraft in den wilden, niederreißenden Wirbel des Daseinskampfes geworfenen Menschen. Lene konnte es nicht genug ansehn. Sie sagte ihm gute Worte. Sie freute sich, daß es endlich lächelte, nur aus Ge- fälligkeit, und scheri mit dem Kopfe nickte, als sie sagte, daß eS recht oft zu ihr hinaufkommen sollte. Ter Kutscher hatte inzwischen mit Frau Steigenbergs Hilfe Lenens schwere Wäschetruhe— ein Geschenk Boden- steins— vom Wagen hcrabgehoben. Nun gab's ein Poltern und Fluchen und Stampfen in dem engen Flur. Das Ungetüm wollte sich nicht regieren lassen. Und die schmale, wackelige Treppe hinauf, die auf halber Höhe eine jähe Biegung machte. schien sich's nun gar nicht tragen zu lassen. Mit Drehen und Passen, mit genauer Raumberechnung und Volkmars energischem Zupacken gelang es endlich, die gefährliche Klippe zu umschiffen. Keuchend, sich den Schweiß wischend, standen die beiden Träger endlich oben im Zimmer vor ihrer Last. „Sterbe derf hier obe aber keins," meinte der Kutscher, mit grimmigem Humor das Trinkgeld in die Westentasche schiebend.„Oder wenigstens ke Großes nit. De Sarg kriegt mer net um des verfluchtige Eck num." „Werd scho keens sterbe!" lachte die Steigenbergen. „Iessas ne! Junge Leit! De wolle erst anfange zu lebe!— Gelle ja, Frau Doktorn?" llnd damit streifte ihr Blick taxierend die Gestalt der jungen Frau. Sie hatte im ersten Augenblick Bescheid ge- wüßt. Darin kannte sie sich aus. Es stellte sich heraus, daß sie Ordnung gemacht hatte, so gilt es gehen wollte. Ein Feuer an jedem Herde, die Oefen geheizt, alle Lampen im stände. Sogar Thee, etwas Back- werk, ein paar Flaschen Bier waren besorgt. Lene verteilte den Hochzeitskuchcn, mit dem die alte Bodenstein ihr die Taschen vollgestopft hatte, unter die Haus- genossen. Dann kehrte sie in ihre Wohnung zurück und schloß die Thür ab. llnd nun ergriff sie Besitz von ihrem Heim. Es war ja noch wüst und kahl. Kein Vorhang, keine Decke, kein weicher Teppich, der die abgetretenen Dielen ver- hüllte. Alles eng und klein, die Decke so niedrig, daß Richard mit ausgestreckter Hand die durchtretenden Balken erreichen konnte.?lber die Wände frisch getüncht— und die neuen blanken Möbel! Das gab Arbeit für die Lene. Das llnwohnliche wohn- lich machen, leise, unaufhörlich, unmerklich die kahlen, ärm- lichen Räume in ein behagliches Nest verwandeln, in dem's ihrem Liebsten wohl sein sollte,— das getraute sie sich wohl. Das ergriff sie im ersten Augenblick als ihre Aufgabe. In ihrer schlichten, klaren Natur steckte das Gefühl der Ordnung, der Zweckmäßigkeit, des Ebenmaßes. Und ihr ganzes Schaffen ging unbewußt darauf hin, alles um sich her nach diesen inneren Gesetzen einzurichten. Sie hatte sich in Richards Arm gehängt, und er führte sie durch alle Räume und zeigte ihr die Möbel, die er ge» kaust hatte, und lobte sich ein wemg bei biesem ober jenem Stück, das er billig und nach vielem Suchen erstanden hatte, Ihre Freude war wann und echt. Sie war so von Herzen zufrieden. Die vornehme, altväterisch-prächtige Um- gebung, aus der sie kam. hatte sie nicht verwöhnt. Sie jubelte über jedes besonders hübsche Stück und brühte in der Küche unter seinen Augen den Thee auf und bereitete den Abend- imbiß mit all den neuen Geräten. Tann saßen sie zum erstenmal an ihrem Tisch und speisten. Das glänzende Gedeck hatte Lene aus der Truhe ge- uommen. Ein paar feine Reste von der Hochzeitstafel fanden sich auch vor. Das Salz fehlte zwar, und sie mußten mit blechernen Küchenlösfeln den Thee umrühren— aber Lenen wars doch so traumhaft glücklich zu Mute, als erlebe sie ein Märchen. Volkmar lehnte sich, während sie abräumte, in die Sofa- ecke zurück und blickte in die Lainpe. Als sie wieder eintrat, sah sie einen Schatten in seinen Augen. Ten ganzen Abend, während sie die Schätze ihres jungen Reiches gemustert hatten, war's ihr geweseil, als habe er wie unter einem leisen Druck geblickt, gesprochen, sich bewegt. Sie setzte sich zu ihm und schlang die Arme um seine Schulter. Leise wandte er deil Kopf und nickte ihr zu. Etwas Träumerisches, Zwiespältiges— Glück, das sich her- ausringen möchte aus de» Nebeln einer tiefeil Verstimmung. lag deutlich auf seniem Gesicht. „Richard!" sagte sie voll tiefer, leidenschaftlicher Liebe. So hatte er sie nie gesehen. Sie küßte ihn aus freiem Antrieb und streichelte ihm leise und zärtlich das Haar.„Richard — das ist nun unser Glück!— Ist's Dir nicht geilug?— Bist Tu nicht zufrieden?" (Fortschung folgt.) Maeterlincks jVlonna Vanna. (Deutsches Theater.) Hoch ist der Dichter in diesem letzten Werke gewachsen. Was wir bisher von ihm besaßen, das waren— wenn man die grän- lich verworrenen sogenannten„philosophischen" Werke mit ihrer prätentiös aufgebauschten kümmerlichen Mystik, wie billig, ausscheidet — kurze, lose gefugte Scenen ohne Charakteristik und Eutwickelung, märchenhaft phantastisch, aber hier und da auch zu einer reifen stimmungsvollen Phantasieinacht und einfachen, ergreifenden Symbolen sich erhebend. Was ihn im innersten Herzen bewegt, der Klang, der aus den stammelnden, geheimnisvollen Lauten dieser Dichtung immer wieder hcraustönt, das ist das schreckhaft Nu- bestinmue, die Ahnung unfaßbar rätselhafter, Schicksalsmächte, die den Reigen des Lebens führen, und das bange zitternde Grauen. Es giebt ein Bild von Sascha Schneider:„DaS Gefühl der Abhängig- keit." Ein nackter Mensch, die Arme gefesselt, schallt gesentten Hauptes in das finsterglimmende Auge eines Ungeheuers, das die langen, dürren Spinneuarme in engem Kreis um des Opfers Füße ver- schränkt hat. Kein Entrinnen ist möglich. Unabwendbar muß er in das feiitdliche Auge schauen. Es ist wie ein Symbol jener Maeterlinckschen Dichtung. Der Alpdruck des Gcspeustisch-Ungewisscn, vor dem alles, was Menschen thun und denken, zu jammervoller Ohnmacht zusammcnschruntpst, lastet auf seinen Gestalten, die das Schicksal tückisch belauert. Da ist die Schar der Blinden, die den Führer verloren, die bange entscclende Erwartung, die dem Tode voranschrcitet, da sind die Schlösser mit den endlosen, finsteren Galerien, Verließen, unterirdischen Seen, alles, was Märchen- Phantasie ersonnen, verwandelt zu einem Symbol des Dunkels, das uns alle spukhaft umfängt. Der Schicksalsglaube Maeterlincks lebt auch in seiner Wonna Vanna. Was geschieht, erscheint als die Vollziehung einer gehcimnis- voll, von fernher bestimmten Notwendigkeit. Aber das Spuk- und Gespensterhafte ist gewichen. Nicht von außen her vollzieht sich das Schicksal, sondern aus dem inneren Grunde wollender und handelnder Menschen wächst es organisch empor. Seine Notloendig- keit erfüllt uns nicht mit dem zagenden Bai, gen über die Ohnmacht menschlicher Natur, sondern zeugt von den verborgenen Wunder- krästen, die in ihr schlummern und zuweilen in strahlender Flammen- schönheit hervorbrechen. Das Drama ist ein Triumphgesang auf die Macht der großen Liebe, der, seltsam rührend, in die Tiefen der Herzen greift. Der Schauplatz, sagt uns der Dichter, sei Pisa am Ende des 15. Jahrhunderts. Aber natürlich, nichts lag ihm, ebenso wie Hebbel, dessen Judith in den Voraussetzungen der Handlung manche ver- wandte Züge aufweist, ferner, als der Gedanke, ein im engeren Sinne des Wortes historisches Stück zu schaffen. Die Worte, die der große Dithmarsche seinem Werke vorausschickt: es fei keine' von den Wachskerzen, angezündet, um irgend einen geschichtlichen Vorgang oder Charakter zu beleuchten, keine Gräbcrverzierung m,d Transfiguration des Gewesenen, um feiner selbst willen, sondern em Bild, in den, historische Hintergründe gc- wählt sind, nur als Mittel, um gewisse bedeutsame, dauernde Grund- ziige der menschlichen Natur in großartig gesteigerter Schnbolisti! dem Auge vorzuführen,— könnten auch vor den, Drama des Belgiers stehen. Da und dorn klingt ein Echo italienischer Renaissance in die Handlung hinein, aber nirgends wird auch mir der Anlauf zu einer breiter ausmalenden Milieuschilderung genommen. Pisa, Florenz, der Städtckrieg der beiden, die Zeitvcrhältniffe— alles ist nur da, um der Handlung jene wunderbare Einfachheit und Zuspitzung zu geben, die der Poet zu dem vollkommenen adäquaten Ausdruck der Idee bedurfte. Unermeßlich ist der Abgrund, den so der Dichter zwischen Monna Vanna und dem Florentiner Söldncrhäuptling sich auf- thun läßt: er mußte es seil,, wem, die höchste Kraft der Liebe ge- zeigt werden sollte, die das Umnögliche ermöglicht und selbst über diese gähnenden Klüfte ihre Zmiberbrücken schlägt. Je länger man dem Werke nachsinnt, um so mehr erstaunt man über die Kunst, mit der der Dichter das, was zu sagen ist, auf die einfachste und alles Wesentliche doch umschließende Formel reduciert hat. Pisa wird von dem Heer der Florentiner unter Principall, be- lagert. Von Tag zu Tag erwartet Guido Colonna, der Kommandant Pisas, den letzten Alffturm des Feindes, dem die durch Hunger ent- krästete Bevölkerung nichts n,ehr entgegenzusetzen hat. Da kehrt sein Vater, der alte Marco. mit einer unerhörten Botschaft von Principall, heim. Er weiß, die Borschaft wird sein Sohn nicht annchinen. Aber Pisa muß ge- rettet werden! Darum hat er, bevor er zun, Sohne ging, den Rat von Pisa und Monna Vanna die Kunde gebracht, Principalli, verdächtigt des Verrates und zerfallen mit dem Florentiner Regiment, wolle die Stadt vor dem Hungertode belvahrcn, er werde Hunderte von Wagen, beladen mit Lebens- mittel,,, sofort nach Pisa senden, wenn Guidos Gattin, Moima Vanna, ohne Geleit, den nackten Leib nur mit losem Mantel gekleidet, in sein Kriegszelt hinabkomme. Eine Nacht soll sie bei ihm verweilen, am Morgen darf sie frei von hinnen ziehen. Keiner denkt höher von Monna Vanna. als Marco, aber darum erwartet er, in dessen Brust die stürmischen Gefühle der Jugend längst erstorben sind, er, der philosophische Zweifelnde, der, allen Leiden zu Trotz, von der Kostbarkeit des Lebens im tiefsten Herzen überzeugt ist, daß sie, die keuscheste und reinste der Frauen, das Opfer auf sich nehmen werde. Als) er ihr davon gesprochen, kam kein Schreckensruf über ihre Lippen. Sie erbleichte und floh. Guido, wie er von dem Plane Prn'.cipallis hört, wallt in wilder Empörung ans. Eher will er sterben, als jene Schmach in dem, was ihm das Teuerste, erleiden. Der weite, duldsam abwägende Sinn des Vaters scheint ihm ein schmutziger Verrat an allem Hohen. In den Kreis der Streitenden eilt Monna Vanna herbei. Ihr Herz blutet bei den Qualen des geliebte», dankbar verehrten Gatten, aber eine unabwendbare Notiveiidigkcit hat der Gedanke, daß sie gehen muß, um Pisa zu retten, sich in die stille, klare Seele hinab versenkt. Guido beschwört sie, er rast, er beschimpft sie, er will sie feffeln lassen. Umsonst, sie geht. Der Gedanke des Notwendigen verhüllt ihr alles andre. Ein- fach und schlicht tritt sie ins Zelt des Principalli. Wie sie, nur mit dem schwarze» Mantel bekleidet, dem Lager nahte, hat ein Streif- schuß ihre Schulter getroffen: sie achtet dessen nicht, so ivenig wie Principalli der Wunde achtet, die ihm, dem in Erwartung Fiebernden ein Abgesandter des Florentiner Rates eben geschlagen. Den Bor- hang seines Zeltes ziehl er zurück und sie sieht in langen Reihen den Zug der fnichtgefüllten Wagen nach der Festung Potas hinauf- bewegen. Er heißt sie niederfitzen auf dein Lager, sie thnt es ohne Widerrede. Und nun hebt jenes wunderbare Werden und sich Verwandeln an Der wilde Rausch, der Principallis Seele umnebelte, verfliegt, wie Nebel in der Sonne, vor der stillen, duldenden Hoheit dieser Frau, Die Liebe, die schwärmcrisch-hingebuncjsvolle, die, mir leicht ent- schlunnnert, immer in ihm lebte, schlägt die Augen auf. Er kniet am Fuße des Lagers nieder,„Giovanna" ruft er. Erstaunt blickt sie ihn an. Und nun in brausenden Wirbeln ergießt sich das Geständnis seiner Liebe. Er war im sonnigen Venedig ihr Jugcndgespiele, lind alle Sehnsucht seiner Jünglings- und Manncsjahrc hat ihr gegolten. Die Binde, die die blutende Stirn bedeckt, schiebt er beiseite und nun erkennt sie ihn an„dem Kinderlächeln", das ihm treu geblieben. Die fernen freundlichen Bilder erwachen im milden Scheine der Erinnerung, sorgend richtet sie an ihn die Bitte:„Laß mich die Binde fester knüpfen." Und was Principalli von der Liebe, die ihn ewig ruhelos umhergerrieben, erzählt, das weckt Gedanlen. die sie nie gedacht in ihrer Brust. Nicht an ihn und nicht an sich denkt sie im Augenblicke. nur, daß es etwas Großes sein muß um eiue Liebe, die das ganze Lebe» erfüllt. Aber eiue solche Liebe sollte nicht zaghast sein, sondern kühn.„Ich hätte zum Schicksal gesprochen:„Mach Platz, ich komme..." Es ist ein fernes Wetterleuchten des Kommenden. Principalli ergreift ihre Hand. Sie zieht sie zurück.„Meine Liebe zu Guido ist minder seltsam als die, welche Ihr zu empfinden meint, aber sie ist gleichmäßiger, treuer, beständiger.... Ich werde keine andre haben: und wenn sie einer bricht, ich werde es nicht sein.... Wenn ick Worte sprach, die Ihr nnßdenlet, so sprach ich sie nicht für Euch und nicht für uns, sondern im Namen einer Liebe, die das Herz im 'rühesten Dämmerschein zu sehen wähnt, die aber nicht die meine und nicht die Eure, demi Ihr thatct nicht, was eine solche Liebe thäte." Nur daß er alles, alles aufs Spiel setzen konnte, daß er Florenz verriet, mit seiner ganzen Vergangenheit brach, um eine Stunde mit ihr zu verleben, dünlt ihr ein Uebergroßes, Seltsames. „Nicht ein einziges Lächeln möchte ich von Euch durch eine Lüge erlaufen,' erwidert Prineipalli. und er erzählt, daf; er nichts mehr verlieren konnte, daß in Florenz ihn Kerker und Rad erwartet hätte, er mochte thnn was er wollte. Die schlichte Größe der Wahr- haftigkeit ist Vannas innerstes Wesen und diese jeden falschen Prunk der Liebe abweisenden Worte Prineipallis bewegen sie im Innersten. „Du brauchst die Hand, die Dich mied, nicht länger zu suchen, hier ist sie." In prächtiger Steigerung schließt diese Seene. Die Herzen fühlen die riefe Wahlverwandtschast der Natur. Aber Vannas schlichter Siim hält fest in lauterster Treue und Principalli beugt sich in schöner Ehrfurcht. Da stürmt der Wächter herein. Principalli muß fliehen, unerwartet ist der Aufruhr schon jetzt im Lager ausgebrochen. Und Monna Vanna bittet ihn, mit ihr zusammen in die gerettete, dank- bare Stadt zu gehen, dort könne er sich für die nächsten Tage bergen. So wandern sie beide hinaus. Und hier vollzieht sich das Geschick. Monna Vanna dentt groß von ihrem Mann. Wahrhasttg, wie sie bis in das geheimste Weben ihrer Seele ist. kann sie nicht ahnen, daß der, dem sie als Weib ver- Kunden, ihrem Worte den Glauben versagen wird. So tritt sie, von dem jauchzenden Volke gefolgt, den fremden Krieger an ihrer Seite. in edler Einfalt vor den Gatten.„Er hat mich gerettet, sag' ich Dir, verschont, geachtet... Niemand hat mich berührt... Er kommt in meinem Schutz hierher.... Ich gab mein Wort, Dein Wort und unser aller... Laß Deinen Zorn verrauchen." Aber die Wahr- heit ist größer, als daß Guidos verworren hitziger Geist sie fassen kann. Er stößt sie von sich, und als sie den Namen ihres Begleiters nennt, da blitzt die wahnsinnige Hoffnung in ihm auf. sie habe Principalli hergeführt, daß er seiner Rache verfalle. Er will ihn foltern und martern. Das ist die Stunde, in der das Schicksal ihrer Liebe sich entscheidet. Noch einmal in königlicher Würde sagt sie die lautere Wahrheit:„Höre mich an. Guido, und schaue mich auch an in dieser Sttinde, wenn Du mich bisher nicht gesehen hast; sie ist die erste und einzige, wo Du mich lieben kannst, wie ich geliebt sein will.... Sei fähig, das Unglaubliche zu glauben." Er glaubt ihr nicht. Der Fremdling soll zur Folterbank, die Wachen umringen ihn. Und dieser Augenblick zerreißt das Band, er spricht sie los von allen Pflichten, durch die sie sich in ihren« reinen Herzeil eben noch auf immerdar gebunden fühlte. Der Gatte ist der Fremde, der rohe Feind. Und das Licht, das in jener Nacht, da sie hineinsah in die Seele Prineipallis, sich in ihrer Seele entzündet hat, flammt zur loilden Flanwie cnchov. Mit lautem Rufe wirft sie sich den Kriegern entgegen. Kämpfen will sie bis zmn Untergänge. In der Angst, ihn zu verlieren, stammelt sie wahnsinnige Lügen. ES sei wahr, der Fremdling habe sie geschändet, nur der Schani sei ihr Leugnen entsprungen. Sie habe ihn hergelockt, aber um selbst die Rache zu nehmen, die sie keinem andern vergönne. Man führe ihn in das Verließ, aber keiner wage es, ihn zu berühren. Ihr, ihr allein sollen die Schlüssel des Gefängnisses übergeben werden. Und die Thoren, die der Wahrheit nicht geglaubt, sie glauben der Lüge. Rnr Marco, der Alte, weiß, was dieses Herz bewegt:„Es ist gerecht und höchst ungerecht, wie alles, was wir thun... Das Leben behält Recht." Er wird sorgen, daß dein Gefangenen kein andrer nahe. Vanna aber, aus der Ohmnacht er- wachend, grüßt steudigen Blickes und reuelos die Zukunft:„Ich will ihn für mich allein, damit ich weiß... damit kein andrer... Es war ein böser Traum... der schöne fängt jetzt an... der schöne fängt jetzt air..." Ter innere Ring des seelische» Ge- schehens, und nur um dieses ist es dem Dichter zu thun, hat sich geschlossen. Was werden sollte und was nimmer werden zu können schien, ist geworden. Vanna, die reinste und keuscheste, hat alle Schranken gebrochen. Der Gipfel, über den es keiir Hinaus giebt, ist erklommen, mag die Flucht gelingen, oder niag Tod und Ent- deckung das Los der Liebenden sein. Eine Ausführung kann das Wesen dieser buftig-zarten Dichtung kaum iviedergeben. Die des Deutschen Theaters war gewiß nicht schlecht, auch in der Hauptfigur nicht. Und doch, wie weit blieb Theresina Geßners Monna Banna hir.ter dem Bilde, das der Leser erträumt, zurück! Eindrucksvoll spielte Reinhardt den alten Marco, Sommerstorff den Prineipalli. Dagegen vermochte Basiermanns so ausgesprochen naturalistisches Darstellungsgenie sich in die Rolle Guidos nicht recht hineinzufinden. Sein Spiel war allzu hastig in der Sprache und hastig unschön auch in den Bewegungen. Der Beifall nach dem zlveiten und dem dritten, dein Schlußakte tlong stark und ehrlich. Direktor Brahm dankte im Namen des Dichters.— Conrad Schmidt. kleines feinUetcrn. ss. Unzerbrechliches Glas. Wenn man-den geschichtlichen Ueberlieferungen vertrauen kann, so ivar iin Altertum ein Verfahren bekannt, um ein unzerbrechliches hämmerbares Glas herzustellen. Die Entdeckung ist verloren gegangen und bis auf die neueste Zeit nicht von neuem gemacht worden, trotzdem sich viele tüchtige Leute daran versucht haben. Jetzt bringt der„Scientific American" die Nachricht, daß die Erfindung endlich gelungen sei, und, was mehr ist, auch eine ziemlich ausführliche Beschreibung über die Herstellung und die Eigenschaften des neuen Glases, das sich jedenfalls rasch über die Welt verbreiten wird, wenn seine thatsächliche Beschaffen- heit den jetzt gegebenen Berichten entspricht. Der glückliche Er- sindcr ist ein Mann Namens Louis Kauffeld in einer kleinen Stadt des Staates Indiana. Er hatte schon viele Jahre mit unermüdlichem Eifer an Versuchen gearbeitet, die nun endlich mit Erfolg gekrönt sein sollen. Die Ausgabe, die er sich stellte, war die Erzeugung einer Glasart, die einer äußerst rauhen Behandlung widerstände, ohne zu zerbrechen. Das Verfahren ist in seineu Einzelheiten begreiflicher- locije nicht bekannt gegeben worden, jedoch hat sich der Erfinder dahin geäußert, daß Kalk und Blei, die zur Herstellung des gewöhn- lieben Glases benutzt werden, an der Zusammensetzung des neuer Stoffes keinen Teil haben. Das Geheimnis liegt hauptsächlich in de» verwendeten Chemikalien und dem Verhältnis ihrer Mischung, aber auch die benutzten Oese» und Schmelztiegel spielen eine wichtige Nolle für das Verfahren. Wer von der Glasfabrikation etwas weiß, der kennt auch die großen Schwierigkeiten, die von den E-chmelz- tiegein verursacht werden. Sie können sowohl durch starke und au- haltende Hitze von außen her als auch durch die Einwirkung der in jl'nen geschmolzenen Maffe geschädigt werden. Es kommt oft genug vor, daß eine ganze Schmelze dadurch verloren geht, daß der Tiegel einen Riß bekommt oder auf der Innenseite derart angegrisfen wird, daß aus seiner Masse Stoffe in das Glas gelangen, die nicht hinein- gehören und die Mischung verderben. In letzterem Fall wird das Glas fleckig durch unschmelzbare Thonverbindungen. Die Einsicht in diese Gefahren hat Kanffeld veranlaßt, den Thon für die Schmelz- tiezel mit außerordentlicher Sorgfalt auszuwählen und zuzubereiten. Der feingesiebte rohe Thon wird in einem bestimmten Verhältnis mit gebranniem Thon gemischt, der erheblich gröber im Korn ist. Die gröberen Teilchen binden de» feinen rohen Thon und machen den daraus hergestellten Schmelztiegel widerstandsfähiger gegen Temperaturwechsel. Der Glasmacher, der verschiedentlich durch Springen des Tiegels wertvolle Glasmischuugen verloren hat, wird es danach zu schätzen wissen, wenn ihm ein Tiegel geliesert wird, der ihn dieser Gefahr nicht aussetzt. In seiner Werkstatt sührt Kauf- seid jedem Besucher die Eigenschaften seines WunderglaseS in ver- bluffenden Versuchen vor. Er nimmt z. B. einen daraus gefertigten Cyluider, bringt ihn in ein Gefäß mit Eiswasser und dann, nachdem er dort bis auf die Temperatur dcS eiskalten Wassers abgekühlt ist, setzt er ihn unmittelbar auf eine Lampe, deren Flamme so hoch wie möglich geschraubt ist. Die Prüfung wird dadurch noch erschwert, daß der Chlinder so aufgesetzt wird, daß die Flamme ihn geradezu trffst. Der Chlinder bleibt trotzdem völlig ganz, obgleich noch das Wasser an ihm herunterläuft und sich mit dem entstehenden Ruß verbindet. Ein andrer Chlinder wird über einen kleinen Gasofen aus stark erhitzten Thonziegelu niedergelegt.� Selbst bei einer solchen Steigerung der Temperatur, die einen Teil des Chlinder» zmn Schmelzen bringt, zeigt sich nicht der geringste Sprung im Glase. nicht einmal irgend eine Trübung oder sonst eine Veränderung. Noch eindrücklicher ist ein andrer Versuch, bei dem kaltes Wasser in de» Chlinder gebracht nnd dann durch Schmelzen des Glase» darin eingeschlossen wird. Wenn man nun das Wasser bis zum Sieden erhitzt, so vermag der entwickelte Dampf dennoch nicht das Glas zu sprengen. Ferner werden Chlinder aus dem Lager iinmiitelbar in kochendes Waffer gelvorfen. dann geschwind in kaltes Brunueutvaffer. ehue daß sie irgendwie beschädigt werde». Eine Kiste mit Glas- Walen Ivird derart zugenagelt, daß die Nägel mit einem Glas- thliuder eingeschlagen werden. Am meisten überraschend ist aber wohl der Versuch, einen Chlinder selbst al» Form für die Herstellung eines ziveiten zu benutzen, indem in den erstercn heißes GlaS hineingeblasen wird. Sowohl der neue Chlinder wie die Form gehen ans die'er Prüfung vollkommen ganz, ohne Sprung und ohne Fleck hervor. In der äußeren Erscheinung ist da» unzerbrechliche Glas dem gewöhnlichen durchaus gleich, höchstens ist e» noch etwas klarer als dieses und im geschmolzenen Zustande noch dehnbarer. Es kann in der Dicke eines Blattes Papier oder so stark wie nur irgend not- Iveudig hergestellt werde». In jedem Fall aber ist es zäh. Eine düvuc Glastafel kann ebenso rücksichtslos behandelt werden wie eine dicke Glasplatte, wie sie zur Eindeckung von Dächer» benutzt wird. Wenn sich diese Nachricht in ganzem Umfange als wahr heraus- stellt, so würde da» neue Glas ungeahnte Vorteile in der Auwendung für allerhand Geräie de? häuslichen, industriellen und wissenschaftlichen Gebrauchs schaffen.— Musik. Man glaubt, c» gar nicht mehr erleben zu können, daß Berlin die Aufführung einer guten neuen Oper sieht, die noch nicht sonst Überall bekannt ist. Vorgestern(Mittwoch) geschah dies wirklich. und zwar im Theater des Westens.?ln der Stelle, an der wir gewohnt sind, wenn es was Neue» giebt. von halb guten Operetten z« retten, Ivos noch zu retten ist, kam ein wahrhafte», annähernd volles Knnstwerk. In Budapest lebt Engen H u b e r, der sich Jenö Hub ah nennt, geboren kvö8. als bedeutender Biolinspieler an der Landes- M usik-Akademie wirkend, Komponist verschiedener Werke(namentlich für Violine) nnd einiger Opern. Die anscheinend jüngste unter diesen ist der„Dorflump", von 183». Den Nr- sprung ihres Texte» bildet ein ungarisches Volksstück von Eduard Töth, als Oper mit dem Untertitel„Eine ungarische Dorfgeschichte in drei Akten", bearbeitet von Dr. Anton Väradi und in gutes Deutsch gebracht von Ladislaus von Neugebaucr. Der Grund- gedanke ist der. daß ein liebcsleidenschastlicher und im übrigen sympathischer Bursche, Sändor, dem überdies die kokette Finum Rüszi sekundiert, ob seiner Ungeberdigkeit zum Strolch, eben zum Dorflumpen gemacht wird. Während er des Doffrichtcr» Adaptiv- tochter unerwidert liebt, liebt ihn hinwieder dessen wirkliche Tochter, Boriska. Sie sucht seine Nähe und wird nun von Röszi bloßgestellt. von ihrem Vater verstoßen und verflucht. Landslüchtig treffen' sich ©aniot und Vorissa. Da er sie nun doch nicht recht liebt, stürzt sie sich ins Wasser, Dem biS hierher zwar nicht tiefdramatisch, doch sonst gut geführten Stück wird nun die Pointe dadurch genommen, das; Boriskas Rettung durch Sändor so gelingt, als wäre nichts weiter dabei, und dast darauf alles sich in Wohlgefallen über das neue selige Paar auflöst. Von der Musik zu diesem Stück ist wohl das Beste die Hinein- arbeitung der Freuden und Leiden der einzelnen Personen in das Milieu des Landes, seines musikalischen Volkslebens, seiner Natur- stimmungen. Wie Boriskas Schmerzen zu Beginn des dritten Aktes zusammenklingen mit den Glocken und sonstigen Tönen der Um- gebung, das ist ganz einzigartig gemacht, Acusterlich noch stärker tritt jene Verbindung hervor im Zweiten Akt, da in einer Schenke Sändor seine Lebenslust inmitten von Liedern, Tänzen und Zigeuner- rnusik ausläßt. Ein Violinsolo, das ihm zu Herzen geht, ist eine Produktion hinter der Bühne und wurde vom Komponisten selber ge- spielt, mit einem tief vollen Ton, der nun auch den Hörern zu Herzen ging. Im, übrigen ist, sobald es nur irgend angeht, der Ge- fühlsausdruch der Personen in volksliedartige Weisen gekleidet. Die Formung der Musik sieht aber von eigentlichen„Nummern" ab. Die Recitative haben einen ausgesprochen melodischen Zug und sind an einigen wenigen Stellen durch Melodramatisches unterbrochen. Im Ganzen dominiert das Lyrische, nicht das Dramatische, Zwar zeigt der Komponist ganz wohl auch die Kraft mächtiger Affekte, stürmischer Wendungen und zum Teil auch persönlicher Charakterisierungen. Allein das einleuchtend notwendige Entwickeln aus Voraussetzungen heraus zu großen Wendepunkten, mit dem es schon im Text nicht besonders bestellt ist, fehlt in der Musik erst recht— in der es allerdings wohl die schwierigste Schaffensaufgabe ist. Mit ähnlichem oder noch größerem Recht als Tschaikowskhs ..Eugen Onegin" hätte dieses Werk den Operntitcl mit der Bezeich- nung„Lyrische Sccnen" od, dgl, vertauschen können, Stimmung. insbesondere durch Ausnutzung der Fähigkeit der Musik, verschiedenste Mächte gegen einander stürmen zu lassen, erhalten wir reichlich. Eine bescmdere Rolle spielen hierbei einige Erweiterungen des Orchesters, Abgesehen davon, daß das Theater des Westens diesmal einige Violinisten mehr als sonst einstellte, enthält die Partitur etliche Holz- bläser über die gewöhnlichste Zusammenstellung hinaus und ver- wendet besonders die für Tonbilder von Naturgefühlen hervorragend geeigneten Oboen und Klarinetten zu eindringlichen Wirkungen, Die markanteste Stelle aber spielt hier das Hackbrett(Cymbal), das oe- kannte Zigeuncrinstrument, Wie der Komponist es zur Chrakterisicrung der kecken Rüszi verwendet; wie er es nur selten vorherrschend herausklingen läßt, sondern seinen Klang mit feiner Instrumentierung gleichsam einbettet in Streicher- und Harsenklänge: das ist eine der interessantesten Seiten seines ohnehin von Anfang bis knapp vor das künstlerisch unglückliche Ende lebhaft fesselnden Schöpfung, Ouvertüre und Zwischenspiel sind übrigens allein schon eine Erquickung gegenüber dem Gestampfe, das sonst bei solchen Ge- legenheiten zu hören ist, Johann Strauß'„Zigeunerbaron" teilt mit diesem Werk immerhin die Feinheit mancher Einzelarbeit, zumal in der Instrumentation, kann sich aber mit ihm an künstlerischem Ernste weitaus nicht messen. Und mit einer Spielerei wie dem„Husaren" von Brüll wird hoffentlich den„Dorflumpcn" niemand verwechseln, Die Aufführung bedeutete, namentlich im Orchester unter Bertrand Sänger, eine Steigerung der dort vorhandenen Kräfte durch die Größe der gestellten Aufgabe, obschon im Tempera- ment des Ausdrucks noch mancher höhere Grad möglich gewesen wäre. Zwei Künstlerinnen waren uns neu: die Altistin Leonore Rellee und die jugendlich dramatische Aurel ie Revy; beide ihren Rollen(Tercsi und Röszi) gut entsprechend,— Der äußere Erfolg war gros; und wohl um so größer, als eö sich um lein Massenpublikum handelte, Noch mehr gilt dies von einer Konzertveranstaltung, die dieser Aufführung um zwei Tage vorherging, und bei der ebenso durch- aus echte Tonkunst dargeboten wurde. Wir meinen das erste der „M o d e r n e n Konzert e". wie jetzt die großen Abende des Berliner Tonkünstler-OrchesterS unter Richard E-rrauß Heisjen, Es sind dies keine„Philharmonischen" mit dem treffsicheren Erfolgsgeschäft und dem dieser Großindustrie ent- sprechenden Publikum; vielmehr bedeuten sie das schlicht sachliche Wagnis, eigenartigen Werken der Gegenwart und der jüngsten Ver- gangcnheit zu ihrem Recht zu verhelfen. Das geschieht schwerlich vor vollem Haus, schwerlich ohne Opfer, schwerlich auch mit durch- gehcndS vollendeten Vortragsleistungen, Was wir oben von der Fähigkeit der Musik gesagt, wurde uns hier bei der Wiederaufführung der ersten Symphonie A. Bruckners abermals klar. Die Virtuosität des Komponisten, aus der Welt die verschiedensten Stimmen herauszuhören und uns hören zu lassen, versöhnt mit seiner uner- quicklichen Ueberlastung des Hörers durch einen sich überstürzenden bunten Reichtum. Daß AlexanderRitter mit einem Monolog aus seiner Oper„Der faule Hans" zu Ehren kam, war eine lantere Freude, und der prächtige Tenor Enjar Forchhammer hatte davon sein gut Teil.„Fricdcnserzählung" aus R, Strauß „Guntram" und„Ein Zwiegespräch" von M. Schillings— erfolglos wie schon einmal in Berlin— würden eine genauere Würdigung verlangen, als sie hier möglich ist. wo wir zufrieden sein müssen, mit der kurzen Anerkennung zweier würdiger Abende.— _ sz._ Verantwortlichrr Redakteur: Earl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: Physiologisches. co. Das Blut des Menschen ist im Hochgebirge und beim Aufsteigen im Luftballon bestimmten Veränderungen aus» gesetzt, welche bereits häufig untersucht worden sind. Dr. van Voorn- feld in Davos-Platz veröffentlicht im neuen Heft des„Archivs ftir die gesamte Physiologie" eine genaue Zusammenstellung der bisher erhaltenen Resultate, die er durch eigne Untersuchungen vermehrt hat. Unter Berücksichtigung aller Umstände ergiebt sich, daß iveder die größere Trockenheit, noch die stärkere Beswahlung durch die Sonne, noch auch die größere Kälte es sind, welche verändernd ans das Blut einwirken, sondern wesent- lich der geringere Luftdruck in größerer Höhe ist es, auf welchen das Blut mit einer Abänderung seiner Substanz reagiert, wir sind eben thatsächlich„ein Spiel von jedem Druck der Luft"... Die Abänderungen selbst bewegen sich in dreifacher Richtung; die weißen Blutkörperchen, die sogenannten Leucocyten, bleiben, wie es scheint, ganz unverändert, dagegen zeigt sich bei den Erythrocyten, den roten Blutkörperchen, eine ziemlich bewächtliche Zunahme, Ferner weist auch derHämoglobingehaltdes Bluteseine Zunahme auf. allerdings vermehrt sich der Farbstoff langsamer als die roten Blutkörperchen, Und schließlich ist auch eine Erhöhung des spezifischen Gewichtes zu be- beobachten. Im Tiefland enthält das Blut eines normalen Mannes etwa r 000 000 Erythrocyten per Kubikmillimetcr, das einer Frau 4— i'/o Millionen, Beim Aufsteigen vermehrt sich die Zahl der Blutkörperchen sehr rasch, in Davos z. B. in einer Höhe von>500 Meter werden bei Frauen 5,8, bei Männern 6,5 Millionen roter Blut- körperchen gefunden. Zwar gilt noch heute das WortVirchows:„Die Geschichte der roten Blutkörperchen ist immer noch von einem geheimnisvollen Dunkel umgeben". Aber wir wissen doch, daß sie in engstem Zusaunnenhang mit der Sauerstoffaufnahme uusres Körpers stehen. In hohen Gegenden mit geringem Luftdruck ist Mangel an Sauerstoff vorhanden, wir suchen der eingeatmeten Lust verhältnismäßig mehr Sauerstoff zu entziehen, als es nn Tiefland der Fall ist, und zu diesem Zweck baut die Natur neue Blutkörperchen, zuerst mehr als eigentlich nötig sind, von denen dann ein Teil wieder zu Grunde geht. Wenn diese Hypothese auch nicht von allen For'chern an- genommen ist, so hat sie doch vieles für sich; so viel ist sicher, daß die Veränderungen des Blutes in erster Linie durch die Verringerung des Sauerstoffs in der Luft bedingt sind.— Humoristisches. — Bühncndeutsch. Der Regisseur:„Darf ich Sie ersuchen, gnädige Frau, etwas weiter zurück! Herr Hoffchauspieler, bitte treten Sie etwas zurück! Mein verehrtes, gnädiges Fräulein, weiter zurück! weiter zunick! Alles weiter zurück!— Und in dem Augenblick, wo ich rufe:„Die Pferde sind gesattelt," da kommt die ganze Schweinebande wieder nach vorn!"— — Wahlspruch. Ein reickgewordener Eisenwerksbesitzer wird geadelt und soll sich einen Wahlspruch wählen. Ein guter Freund, der genau die Art kannte, wie er sein Vermögen erworben hatte. schlug ihm folgendes vor: „Liebe das Eisen wie Dich selbst Und schmiede Deinen Nächsten— so lange er warm ist," („Jugend".) Notizen. — Eine Zola-Gedenkfeier veranstaltet am 17. Oktober der Dresdener„Socialde m akratische Berein Alt- st a d t" im Volkshause, Dr. Franz Diederich hält die Gedächtnisrede.—• — Auf Anregung des„Vereins für Volksunterhaltimg" werden in diesem Winter V o l k s v o r st e l l u n g e n im Schauspiel- hause stattfinden. In Aussicht sind genommen:„Wallensteins Tod", „Des Meeres und der Liebe Wellen" und„König Heinrich IV."(I.Teit.)— —„Don Juans Höllenqualen", von Freiherr v, Hornstein, wird in der ersten Sondervorstellung des Berliner Theaters in diesem Winter aufgeführt werden.~ — B l u m e n t h a l s und Kadelburgs neues Lustspiel „Das Theaterdorf" erlebt am 13. d. M. seine Premiere im Lessing-Theater.— — Im Kölner Alten Stadttheater erzielte die dramatische Skizze„ D e r W o ch e n m a r kt" von Hans S a u d o lo einen starken Erfolg,— — Klinger hat eint Monumentalbüste Friedrich Nietzsches vollendet.— — Bei Ausgrabungen am K'e p h i s o S lGricchcnland) wurde die Stelle aufgefunden, wo nach Plutarch die Macedonier ihre in der Schlachr bei Chaerouea Gefallenen begraben haben. Es wurden eine Reihe gut erhaltener Skelette zu Tage gefördert; bei einem derselben wurde auch eine Lanze gefunden.— cc. Das Alter des RamenS„Normannen". In der Gesellschaft der Wissenschaften in Christiania sprach Sophus Bugge über die Forschungen, oie man hierüber gemacht. Bei �der Ver- einigung des Reiches unter Harald Schönhaar im Jahre 372 wurde dieser Name schon gebraucht, doch gehen seine Spuren noch viel weiter zurück. Auf dem Röcksteine findet man Königsnamen, die bei Jordanes und in den Köuigsreihen des FlatobundeS wiederkehren und auf eine teilweise, wenn auch vielleicht nur vorübergehend« Vereinigung der norwegischen Stämme schließen lassen,— korwarw Buchdruckerei und VerlagsangaU Paul Singer& Eo., Berlin S\V