Ilnterhaltungsblatt des Horwörls Nr. 202. Donnerstag, den 16. Oktober. 1902 ichdvuck verboten. 81 Der önkenteieb, Roman von Gertrud Franke-Schievelbein. „Jung!" rief Richard, von Reue ergriffen,„Jung, eS thut mir leid! Es geht aber nicht. Nimm mir's nicht übel. Mach nicht solch Gesicht! Du weißt, ich bin Dir gut!" Und herzhaft, in seiner frischen, impulsiven Art riß er den schanihaft widerstrebenden Knaben an senie Brust und drückte ihm einen Knß auf die Stirn. Dann ging er schnell nach Hause. Kene inerkte eZ ihm den ganzen Tag an, daß er etwas mit sich herumtrug. Aber sie selber war so mit sich beschäftigt, daß sie nur zu thuit hatte, ihm ihre llitruhe zu verbergen. Ihr war's, als rücke das große Ereignis ihr nahe: von Stunde zu Stunde unentrinnbar näher. Eine jähe Angst überfiel sie in manchen Augenblicken, als stürze eine Flut heißen Wassers über sie her. Wer toeiß, ob du's überstehst, ob du morgen noch lebst, dachte sie. Als sie beide bei deni bescheidenen Abendbrot saßen, ge- wann es Richard über sich, ihr von Hans Martins Wünschen zu erzählen. Er zeigte ihr den Brief des Vormundes, eines reichen Hamburger Kaufmanns, der unter den Vorteilhastesten Bedingungen Richard ersuchte, sein Mündel in Pension zu nehmen. „Der Junge ist in einem gefährlichen Alter, und bei seinem zügellosen Temperament ist es eine Lebensfrage für ihn, daß er in die rechte Hand kommt. So herzensgut er ist, so unberechenbar ist er auch. S i e sind der einzige Mensch, der je Einfluß auf ihn gehabt hat. Ich bin zu jedem pekuniären Opfer bereit. Der Junge hat einmal ein großes Vermögen zu erwarten. Mit den Erziehungsgeldern braucht nicht gespart zu werden. Sie können also ohne Bedenken Ihre Bedingungen stellen." Richard ließ den Brief sinken und blickte zu Lene hinüber. Ihre Augen begegneten sich, und sie schlugen sie,>vie über dem gleichen Gedanken ertappt, im selben Moment nieder. Keiner wollte dein andern verraten, was in ihm vorging. Sie schwiegen. Leise summte das Wasser in der Thee- Maschine. Lene scheuchte eine Biene, die von dem blühenden Lindenbaum ins offene Fenster getaumelt war, mechanisch von dem Leokojenstrauß auf dem Tisch. „Schade," murmelte sie,„zwölfhundert Mark, die hätten wir brauchen können.— Und mir thut der arme Junge so leid," fügte sie nach einer Weile hinzu. Richard zerbröckelte sein Brot, dann fuhr er aus seinem Sinnen auf. Er seufzte tief.„Ja, siehst Du, Lene, an d e m hält' ich mein pädagogisches Meisterstück machen können!" „Freilich. So begabt. Und in Deiner Hand wie Thon. Aber wenn er auch nicht bei uns wohnt. Du kannst ihn auch so leiten." Richard schüttelte den Kopf.„Sobald das„Weib" an- fängt eine Rolle zu spielen... Und ich kenne die Bertha. Der ist jeder recht. Selbst so ein Junge, wenn gerade kein Besserer da ist."' Er stand auf und trat ans Fenster. In der Linde summten die Bienen. Süße Düfte flössen herein. Die Sonne versank eben in unbeschreiblicher Klarheit. Der ganze Himmel war in Rosenscheiu getaucht. Richard kehrte zil Lene zurück, die noch gedankenvoll am Tische saß. „Lene," sagte er mit schmerzlichem Ernst,„da versäum' ich was. Aber es hilft nichts. Das muß mit in den 5lattf genommen werden." Sie antwortete nicht. Wie ein Signal, daß der Ent- scheidungskanipf auf Tod und Leben begimie,— durchfuhr sie eben ein schneidendes Weh. Aber zugleich stand es in ihr fest: Richard darfs nicht wissen. Er muß morgen früh in der Schule sein. Du darfst ihm die Nachtruhe nicht verderben. Jetzt war sie gefaßt. Zeige, daß Du ihn lieb hast, sagte sie sich. Das war bei ihr ganz schlicht und selbstverständlich. Er konnte ihr doch nicht helfen. Sie mußte sich selber durchringen. Und so biß sie die Zähne zusammen, mit dem passiven Helden- mut, dem Leidensmut des Weibes, und schwieg. In der Nacht wars Richard ein Paarmal, als habe er Lene leise stöhnen hören. Aber er konnte sich nicht vollkommen er- muntern. Sie war auch am Morgen vor ihm auf und bereitete das Frühstück wie gewöhnlich, und als er sie fragte, behauptete sie, ganz gut geschlafen zu haben. Als sie beim Kaffee zusammensaßen, meinte sie:„Hellt' hast Du Deinen schwersten Tag.— Nur eine Stunde Mittags- pause, lind es ist so heiß..." „Ja— man kanns kaum schaffeil. Der Weg ist so weit." „Richard," sagte Lene,„Du bleibst heut' in der Stadt. Mittags tisch giebt's ja tiberall. Und Dll rennst Dich nicht so ab." Er überlegte.„Ich Hab' ja heut' abend Lawn Tennis mit den Jungens. Ilud vorher ein Wettschwimmen. ES kann acht Uhr werden.— Dann seh' ich Dich den ganzen Tag nicht." Sie lächelte, aber ihre Lippen verzerrten sich leise.„Desto besser." scherzte sie. Dann sah sie nach der Uhr.„Aber nun geh'!" „Kamist Du mich nicht früh gemig los werden?" „Nein. Lauf, lauf! Ich muß an die Arbeit." Als er ging, begleitete sie ihn bis an die Thür.„Led' wohl," sagte sie mit seltsamer Betoiiuug. Er küßte sie.„Du bist so blaß," meinte er besorgt. Aber sie schob ihn hinaus.„Willst Du zu spät kommen?" Kaum war er die Treppe hinab— sie lauschte, die Thür in der Hand, auf seine verhallenden Schritte—, da tastete sie, einen Halt suchend, nach dem Pfosten und sank in die Kniee.— Richard Volkmar hatte den ganzen Tag über wenig Zeit, ail etwas Andres zu denken als an den Dienst. Eine Aufgabe jagte die andre. Als der Nachmittagsunterricht geschlossen war, kamen die Leibesübungen heran. 5törperlich müde, aber heiter und voll Befriedigung über die stramme Selbstzucht, den feurigen Eifer der Schüler, im Geiste weiterarbeitend an seinem Erziehungswerk, betrat er sein Haus. Aber betroffen blieb er einen Augenblick auf denr Treppenabsatz stehen. Da oben die seltsame Unruhe, das hastige Laufen. Und nun ein Ton, der ihm das Herz erstarrte. Mit ein Paar Schritten war er oben, riß die Thür auf. Eine frenldc Frau, jung und üppig, mit weißer Schlirze lind blendendem Kragen kam ihm entgegen.„Gott sei Dank!" sagte sie.„Ich kann's nicht länger verantworten. Der Arzt nuiß geholt werden." Er hörte kaum, stürzte an ihr vorüber in die Kainmcr „Lene!" schrie er,„Lene!" Sie sah wie eine Sterbende aus. Mit geschlossenen Augen, griinlich-blaß, schinerzverzerrt, lag sie in den 5-Is". ebenfalls Wolfsmensch bedeutet. Auch bei den Hellenen war also, wie bei Germanen, Kelten, Slaven und Italienern, jener Aberglaube im Schwange. Man mutz daher annehmen, daß die indogermanischen Völker Europas ihn schon aus ihren ursprünglichen Wohnsitzen mit in die neue Heimat gebracht haben, daß er zu ihrem urältestcn Vorstellungskreis gehört hat.— Theater. Berliner Theater.„Wienerinnen." Lustspiel in drei Akte» von Hermann Bahr.— So viel Wandlungen Hermann Bahr seit jener Zeit, als er in der neugegründeten, von Brahm redigierten„Freien Bühne" seine amüsanten Globe-trotter-Feuillctons schrieb, durchgemacht, immer hat er. was ihm zu sagen je am Herzen lag, mit ganz originaler, geistvoll feiner Plauderkunst erzählt; man hörte ihn gern. Die glitzernde Form, in die sich, unwillkürlich beinahe, seine Einfälle und Gedanken kleideten, gab ihnen, wie es um ihre Wahrheit auch stehen mochte, eine fröhlich anregende Kraft. Wie ist es möglich, ftagt sich. tver die„Wienerinnen" mit erlebt hat, daß dieses glänzende Konversaftonstalenl, vielleicht das stärkste in der ganzen deutschen Journalistik, solche Komödien auf die Bühne wirft? Daß einem Schriftsteller von feinstem Geist die tiefer humoristisch- individualisierende Gestaltungskraft, daß ihm der Sinn für den spannenden sceuischen Aufbau, für die gefälligen Verwickelungen und Lösungen des Knotens, kurz für das, lvas eines guten Lustspiels Wesen ausmacht, abgeht, ist gewiß nicht wunderbar; es ist auch nicht schlimm, denn niemand wird von ihm Komödien verlangen. Aber schließlich ein Lustspiel, das nicht gut ist, braucht darum noch nicht schlecht zu sein. Es kann sich von der Schablone, den abgebrauchten Theatermätzchen und Geschmacklosigkeiten frei halten, die Mängel in Charakteriftik und Entwicklung durch spielenden Witz des Dialogs verdecken. Anmutig geistreiche Konversation, etwa in Donnays Art, das war das mindeste, was man auf dem Theater von einem Kopf wie Bahr erwarten durste. Statt dessen werden wir mit gutem alten Moser- Geist beköstigt. Hier und da in der gutmütigen wienerischen Selbstironie Ullrichs, blitzt eine muntere Wendung auf, aber die flüchtige Freude wird einem durch die Umgebung kalter, an den Haaren her- ocigezogener Späße rasch vergällt. Ein bißchen harmlose Stichelei auf die Seccssion, auf die großen Männer des Kaffeehauses und ein paar Busch-Citate. im übrigen hat ganz nach alter Tradition ein nasetveiser Backfisch für den Witz zu sorgen. Durch Uebertreibung und krasse Effekthascherei verliert die Satire auch ihr letztes Salz. Die„Wienerinnen",. d. h. die reichen, verwöhnten Bourgcoisdamen in Wien, werden gewiß mit ganz so leeren Köpfen wie ihre Kolleginnen andersivo einherlaufen, aber die absurden Taktlosigkeiten, »fit denen Marie Fischl ihren Bräutigam und späteren Mann vor den Auge» aller Welt reguliert, kann man ihnen beim besten Willen doch nicht wohl zutrauen. Ullrich, der Mann der Busch-Citate. ist der Raisonucur des Stückes. Nachdem er im ersten Aufzug den« Fräulein Daisy einen närrischen Verlobungsanirag, der sich wie ein Scherz aus seinem Lieblingsdichter anhört, gemacht, hat er— das ist die peinlich- unwahrste von all' den unwahren Sccncn. der„Schlager" und„Effekt" des zweiten Aktes— urplötzlich mit donnernder Moralpauke im Namen der ehrlichen Arbeit vor den Gästen seiner Frau zu erscheinen. Ein Dr. Mohn, Geistesverwandter des Professor Bcllac in dem Pailleronschen Lnsffpicl, geölter Schönschwätzer, Nichtsthner und Nichts- könncr, malt den entzückten Damen die Mission aus. die ihnen in dem Kunstleben zufallen soll, und spöttelt zwischendurch über die neuen Fassaden eines Architekten, eines Kollegen und Freundes deS Hausherren. Das ist das Signal zum Sturm. Ullrich, der harm- lose Mensch, der diese Art impotent nörgelnder Kritif doch hundert und hundertmal rings um sich herum gehört hat, legt ivie ein Uit- gewitter los: Tod der Impotenz, Tod dem heimtückischen Witzeln im Salon und Kaffeehaus, hoch die ehrliche Arbeit aller Niugcnden, wie auch ihr Streben manchmal irren niag usw. Beifall des moralisch ergriffenen Publikums im Theater, Konsternation auf der Bühne, die Gäste schieben langsam ab. Daisy, die Ullrich schon lauge fiir einen schlimmen Tyrannen hielt, weil er>nit Blicken dies und das an ihr zu tadeln wagte, lebt nun zwei volle Wochen, vom zweiten bis zun, dritten Akt, in offenem z Kriegszustand. Endlos zieht fich dieser Schlußatt hin. Frau Billitzer geborene Marie Fischl hat zu großem Diner in ihrem Hause eingeladen. Da erhält die angenehme Dame den Brief eines früheren, von ihr abgewiesenen Verehrers, in dem er seine Verlobung anzeigt. Sie hatte es sich so schön gedacht, daß er sein Leben lang um das verlorene Glück trauern würde. Im Anfang ist ihre naive Entrüstung über den durch eine solche Verlobung dokumentierten Mangel an Jdealis- mus wirklich komisch, aber die Situatton wird zu Tode gehetzt. Erst stellt sie Bkarl, den in Furcht erzogenen Gatten, zur Rede, ob vielleicht auch er so schnöden Verrates jemals fähig geweien wäre, und schließt sich dann laut heulend in ihr Zimmer ein. Dieselbe Um- ständlichkeit in dem Schmvllkonzerte, das die beiden Ullrichs, die einzigen der Gäste, die nicht mehr telephonisch abbestellt werden konnren, an der leeren Tafel aufführen. Zum Schluß natürlich Ver- söhnnng und Sieg des lvackeren Ullrich. Maxl hat vergebens auf- begehrt. In fchlvarzer Witwenttacht erscheint die Dame am Anne ihres Gatten und macht den Freunden Mitteilung von dem er- schütternden Verluste. Erfreulich war das flotte, muntere Spiel, lveniger schön der begeisterte Beifall nach jedem der drei Akte. Immer wieder mußte der„Dichter" heraus.— dt, Bergbau. — Steinkohlen in A n a t o l i e n. In der von Professor Dr. G. Kranse-Köthen herausgegebenen„Chenfikerzeitung" wird aus der Fachzeitschrift„Glückauf" berichtet:„Am anatolischen Gestade des Schwarzen Meeres zieht sich östlich von Heraclea bis nach Amastra ein ungeheures Steinkohlenfeld hin, das an Größe und Mächtigkeit sowohl als auch an Zahl und Stärke der Flötze in Europa nicht seinesgleichen hat. Das Kohlcngebirge tritt von Kiösse-Agzi bis fast nach Tefflcnli, dann bei Kiretchlik und Tchaou- Agzi auf mehrere Kilometer. bei Jlli- Sou bis Kilimli, bei Kozlou und Zongouldak, bei Amastra und an andren Stellen im Innern des Landes in reinen Kohlenausbissen zu Tage. Die Längenerstreckung des Lagers beträgt etwa 180 Kilometer, die Breite ca. 60 Kilometer; es ist überlagert von konglomerattsch ausgebildetem Sandstein,.Kalk und Thon, die wahr- scheinlich der Triasformation angehören. Die Mächttgkeit der zahl- reichen Flötze beträgt 2—6 Meter, das Hauptflötz hat sogar 10 Meter und ist ohne Zwischenmittel. Man glaubt annehmen zu dürfen, daß bis zu einer Teufe von 000 Meter 100 Millionen Tonnen, weiter bis zu 1000 Meter noch 60 Millionen Tonnen anstehen. Die Qualität der Kohle ist eine vorzügliche; Asche 1,75— 5 Proz., flüchtige Bestandteile 37 Proz., Cooks 60—06 Proz. Die Kohle ähnelt nach ihrem Habitus der Coakskohle von Westfalen. Der geologische Aufbau des Gebirges ist sehr regelmäßig, größere Verwerfungen sind selten. Leider eignet sich die Küste nicht zur Verladung großer Kohlenmassen, der einzige Hafen für den Großbettieb ist Heraclea.— Humoristisches. — Boshaft. Alte Kokette:„Diese Nacht auf dem Ball habe ich wieder fünf Liebeserklärungen anhören müssen I" Freundin:„Da hast Du wohl in irgend einer verborgenen Ecke gesessen... und gehorcht?"— — Sehr verlockend. Theaterdirektor(zum Dichter. dessen Stück gerade aufgeführt wird):„Sie müssen unbedingt auf die Bühne. Herr Schmiert, das Publikum verlangt ungestüm nach Ihnen, man schreit schon„Feigling"— („Meggcndorfer Blätter.") Notizen. — Eine volkstümliche Jubiläumsausgabe von Goethes sämtlichen Werken<40 Bände) wird bei Cotta noch vor Anbruch des Jahres 1S06 erscheinen.— — Dem dänischen Folkething ist von der Regierung ein Gesetz» entwurf, Dänemarks Anschluß un die Bern er Litte ratwrkonvention betreffend, zugegangen. Die Annahme ist so gut wie sicher.— — W o l f g a n g K i r ch b a ch beginnt am Freitag, abends 9 Uhr. einen Vorttagscyklus„Allgemeine Ä u n st» c n t w i ck l u n g" in der Charlottenschule(Steglitzcrsttaße). Am Montag, abends 3 Uhr, spricht derselbe Redner über „Journalismus und d i e K u n st f o r m e n des j o u r» n a l i st i s ch e n Stils"(Rathaus, Zimmer 109).— — Die„Neue Freie Volksbühne" feiert ihr dies» jähriges Herbstfest am 13. Ottober, abends 3 Uhr, in der Brauerei Friedrichshain. Das Berliner Tonkünstler- Orchester(Dirigent Franz v. Blon), Hertha Geipelt(Sopran), H. Arcnson(Violine) und Fritz Hempel(Klavier) wirken mit.— — Koczalskis Oper„ R y m o n d" fand bei ihrer Erst- auffiihrung im Elberfclder Stadt-Theater eine geteilte Aufnahme.— — Ein Versuch, mittels drahtloser Telegraphie eine Verbindung mit einem fahrenden Eisenbahnzuge herzustellen, ist in Montreal(Kanada) gelungen. Der Zug fuhr 60 englische Meilen in der Stunde; die Verbindung wurde auf eine Entfernung von 3 englischen Meilen eröffnet und während der ganzen Fahrt ohne jede Stockung auftechterhalten. Berantwortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck mid Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und VerlagSanstait Paul Singer& Co., Berlin 3W.