Anterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 203. Freitag, den 17. Oktober. 1902 Nachdruck verdotcu. 0} Der Qnkenteicb» Romcin von Gertrud Frankc-Schicvelbein. Gönz sacht und allmählich gings bergauf mit Lene Volkmar. Eine Zeitlang hatte Toktor Meinhold noch ein be- dcnkliches Gesicht gemacht. Sie hatte sich zu früh aus dem Bctr gewagt. Tie Sorge um ihre Wirtschaft, in der die Steigenberg mit gutem Willen, aber doch ein bischen vandalisch hauste— der Wunsch, Richard die gewohnte Behaglichkeit nicht zu lange entbehren zu. lassen, hatte sie über ihre Kräfte getäuscht. Nun mußte sie sich lange schonen. Tie Steigenberg wurde unentbehrlich. Und da sie das wußte— wer sollte die kranke Frau denn pflegen?— und überhaupt an Dreistigkeit nicht zu kurz gekommen war, wurde sie für Richard Volkmar allmählich eine Ursache steten, heimlichen Llcrgcrs. lind das schlimmste war: er durfte sich's nicht merken lassen, wie ihr lautes, lärmendes Wesen und ihre wichtig- thuerische Geschwätzigkeit ihm auf die Nerven fiel. Er mußte sie höflich behandeln. Sie w u ß t e zu viel. Ihr Wohlwollen war ihnen notwendig. Richard Volkmar knirschte manchmal mit den Zähnen. trenn er daran dachte, daß ihre ganze Zukunft wie an einem Haar an einein zufälligen Worte hing. Als es mit Lene besser stand, war die Sorge wieder in den Nordergrund getreten. Ein solches Ereignis zog seine Kreise. Fast ein Wunder wär's, wenn's nicht durchsickerte bis in die für ihn maßgebenden Gesellschaftsklassen. Zum Glück war Doktor Meiuhold ein junger Anfänger, dessen Praris sich einstweilen noch auf die Vorstadt beschränkte. Die bescheidenen Verhältnisse Volkmars hatten ihn wohl zuerst ein wenig in Erstaunen gesetzt. Aber da er ein etwas phlegmatischer Herr war,— für seine tilgend ungemein korpulent— und sich um Dixge, die ihn nichts angingen, nicht gern den Kops zerbrach, so sagte er sich: pah! Armer Schul- meister! Was geht's Dich an? Richard, der sich gern mit ihm unterhielt, hatte die Bitte oft auf der Zunge gehabt: Sprechen Sie nicht über uns! Wie beruhigend wäre das für ihn gewesen! Aber zugleich ein Eingeständnis der Unregelmäßigkeit seiner Lage. Das durfte nicht sein. Im Gegenteil: durch seine Ruhe und Sicherheit mußte er bei dem Arzte jeden etwa aufsteigenden Verdacht im Keime ersticken. Und doch waren sie, seit das Kind da war, einen guten Schritt weitergekommen. „Wir geben's für ein angenommenes aus, Lene," hatte er ihr gesagt,„wenn mal ein unberufener Fragcr kommen sollte." Da hatte sie ihn mit einem großen, vorwurfsvollen Blick angesehen.„Ich soll mein Kind verleugnen?" Und leidenschaftlich hatte sie's an ihre Brust gedrückt. Er hatte ihr zugeredet, daß es notwendig sei, und wie immer hatte sie genickt und geschwiegen. Was half's denn, in jedem einzelnen Falle klagen und sich empören! Sie hatten ja ihre Ehe auf einer Lüge aufgebaur. Nun mußten sie die Folgen tragen. Ach— und was fragte Lene im Grunde nach der ganzen Welt— jetzt, wo ihr Leben ausgefüllt war von dem einen un- ermeßlichen Glück! Sie hatte nie geahnt, daß sie solcher Liebe, solcher Selig- keit fähig sei. Stundenlang konnte sie an seinem Vettchen sitzen und seinen Schlaf belauschen. So zart und gebrechlich, sc nur zum Anschauen und Bewundern ibr geschenkt schien es ihr, daß bei dem geringsten Anlaß die tödlichste Angst sie über- fiel, das zarte Leben könne plötzlich erlöschen. Und doch war's ein strammes Bürschchen, von festem Fleisch und kräftigen Gliedern. Und zusebeuds, von Woche zu Woche, ja beinahe von Tag zu Tag, entwickelte sich's runder und rosiger. Die stumpfträumenden Augen gingen schon Lenens Gestalt nach, wenn sie sich im Zimmer bewegte. Und emes Tages hatte es sie angelacht. Lene wußte nichts und wünschte nichts, als daß sie so in alle Zeitm hin sich in Frieden ihres Kindes freuen dürfe. Die Ferien kamen. Die Stadt wurde leer. Alle Kollegen machten weite Reisen. Bloß Volkmars blieben in ihrem Reul sitzen. Aber sie gingen jetzt öfter gemeinsam spazieren, hinaus- auf die Felder, oder wagten einmal einen Weg in die Stadt. Es war doch schon besser so. lind sie dachten leichteren Herzens an die kommende Zeit. Im großen Obstgarten seitlich vom Hause, hinter der fast mannshohen Weißdornhecke versteckt, hatten sie sich ein Plätzchen eingerichtet, wo Lene mit dem Kinde sich im Freien aufhalten wnnte. Oft saß sie dort an den schönen, heißen Tagen, die der Juli brachte, mit einer Handarbeit, den Wagen mit dem Kleinen neben sich. Die Obstbäume gaben tiefen Schatten. In dem dichten Gezweig der Hecke zirpten die jungen Vögel in ihrem Nest, und die Alten flogen aus und ein, ohne sich vor Lene zu fürchten. Auch Richard hatte Gefallen gefunden an dein Platz. Grün alles ringsum. Und so still. So weltverlassen. Da trug er Bücher und Schreibzeug hinunter und arbeitete. Wer das Familienidyll gesehen hätte, das ein so voll- kommenes Glück in sich zu schließen, so sicher und wohl- berechtigt schien, der hätte wohl nicht gedacht, daß über diesem Menschenkleeblatt schon die drohenden Wolken heraufzogen, die mit Blitz und Donner, niit Sturm und Schloßen über sie herstürzen und sie ans ihrem Zufluchtsort verjagen wolltem Sie fühlten sich so sicher hinter der hohen Hecke im grünen Reul. Die Menschen waren zu zählen, die hier vorüberkamcn. Das Haus betrat nur, vocr hineingehörte. So war's immer gewesen. Sie kannten es nicht anders. Wieder waren sie eines schönen Nackmüttags zu dreien draußen. Schon ließ die Hitze nach. Die Sonnenstrahlen fielen schräger und goldener durch die Zweige. Sic spielten über das schlafende Kind und den dunkeln Kopf der Mutter, die sich darüber gebeugt hatte. Die Arbeit lag ihr im Schoß. Zie schaute und schaute,>uie eS so ernsthaft schlief, mit der kleinen Falte über den Augen und dem zugespitzten, winzigen Mündchen. Ein wenig Blässe hing ihr noch von dem Ueberstandenen an. Aber schon wurden die schncalen Linien der Wangen wieder runder. Sie hatte sich sehr verschönt. Ihre Züge waren durchgeistigt. In den dunkeln Augen lag so viel geheimnisvolle Tiefe, als wären ihr allerlei Rätsel des Lebens aufgegangen. Durch das weiche, hohe Gras schritt eine hagere Männer- gestalt, deren Fußwerk schon ein bißchen klapperig war. Aber desto jugendlicher blickten die blaßgranen, wcißbewimperteu Augen. Ilm den linken Unterarm trug er einen Florstreifen. Der alte Herr kam näher mit der Miene eines Menschen, der eine große, freudige Ueberraschtmg schon im voraus auskostet. Langsam, Schritt für Schritt, mit listigem Lächeln, schlängelte er sich heran. Ein paar Stachclbeerbüsche ver- deckten ihm die Gruppe noch halb und halb. Nur die Köpfe sahen drüber hinweg. Auf einmal hob sich der Männcrkopf, der über ein Buch geneigt gewesen, mit einem heftigen Ruck empor. Wie in tödlichem Schrecken sprang Richards breite Gestalt auf, maß die fremde Erscheinung beinahe entsetzt. Nun sah auch Lene auf— alles Blut wich aus ihren» Gesicht. „Ja, Kinder," sagte Bodcnstcin, sich an ihrer lieber- raschung ergötzend,„ich bin's. Bin's wirklich- Hab den alten Eberstcin in Dingsda begraben helfe«. War ganz in der Nähe, dachte--" Jetzt war er in den» grünen Winkel angekonunen. Mit einem Blick übersah er das Fanülienbild, das schlafende Kind, die beiden stummen Menschen. Die Ueberraschung war jetzt auf seiner Seite. „Ja, Kinder— was ist denn das?" Lene warf einen Blick auf Richard. Schon öffnet der die Lippen, um das Vorhandensein des jungen Geschöpfs irgend- wie zu erklären— vielleicht zu sagen, daß es jemand im Hans gehöre, ihnen nicht. Da kam auf einmal der große, heilige Mntterstolz über Lene. Ihr Kind verleugnen? Brauchte sie das? Ihr Kind, auf das sie so stolz war, das sie geboren hatte unter Einsetzung ihres Lebens? — 810— Nein! Sie fühlte, die Mutterliebe, der Muttcrstolz waren stärker als die Schamhaftigkeit des Weibes. Ihre Augen öffneten sich gros; und flammend in dem weißen Gesicht. Sie trat einen Schritt vor. „Es ist nnser Kind, Herr von Bodenstcin," sagte sie mit fester» wenn auch von Bewegung dnrchseclter Stimme. Und der alte, vonichm denkende Mensch nahm den Kopf des jungen Weibes in seine hageren alten Hände, hob ihn zu sich empor und sah ihr in die Äugen. „Meine Lene I Du ein Mütterchen? Gott segne Dich, mein Kind!" Er küßte sie ruhig auf die Stirn. Da konnte sie nicht anders. Sie schlug die Arme um seinen Hals und weinte an seiner Brust. „Gut, gut," murmelte er, ihre Hände sacht lösend.„Ei, ei, was ist denn das? Weinen? Die Ueberraschnug, natür- lich. Denkst: der Bodenstein sitzt ganz gemütlich in seinem Eulennest. Und da steht er auf einmal, wie ein Gespenst, im hellen Sonnenlicht vor Dir." Er schlug darauf kräftig in Richards Hand. Die beiden Männer blickten sich offen und freimütig ins Gesicht. „War brav, war brav, Volkmar, daß Sie uns die Lene so bald weggeholt haben. Damals war mirs freilich nicht recht. Wollte sie nicht so auf den Plutz hergeben. Aber Mutter hatte gleich eine Ahnung— Weiber! Mit ihren feinen Köpfen!— Ich hatt's aber längst wieder verschwitzt. Ihr schriebt ja gar nichts, Ihr Schwerenöter! Nu aber— wie gehts? Erzählt einmal!" Leicht plaudernd, innner in seiner sprühenden Lebendigkeit, half er ihnen über die Peinlichkeit des Augenblicks weg. Als Ivär's ganz selbstverständlich, daß der kleine Weltbürger sich so früh eingestellt hatte, als iväre sein Dasein eitel Glück, Ehre, Freude für die Eltern— so begegnete er ihnen. Ja, wenn er die Lene„Mütterchen" nannte, das war nnt solcher altmodisch zarten Galanterie, so echt edelmännisch ehr- crbiettg, daß ihr das Herz schiooll. Auch Richard war wie emporgehoben. Brav! hatte der alte Mann gesagt. Der e r st e Mensch, der von ihrem Vergehen erfuhr, vor dem sie sich dessen hätten schänicn niüssen. Und er demütigte sie nicht. Er hob sie enipor. Er nahm es, ans tiefem, menschlichein Verstehen, einfach menschlich I Sie dankten es ihm. Er sah wohl, wie sie sich bemühten, ihm den kurzen Aufenthalt angenehm zu machen. Mit dem Nachtznge wollte er wieder fort. Sie blieben im Garten, bis das Kind sich meldete und Lene es versorgen mußte. Bodenstcin, der's nicht lange auf eiiiem Fleck aushielt, wollte sich die Gegend ein bißchen ansehen, so lange Lene mit dem einfachen Abendbrot fertig war. Richard begleitete ihn. Aber von der Stadt ivollte Bodenstein nichts wissen. „Das Lanseuest? Was seh ich daran? Ist ja eins wies andre. EinS vielleicht ein bißchen enger, stickiger, dreckiger wies andre. In dem einen ist d i e Verrücktheit zu Hause, im andern jene. Unleidlich, unausstehlich alle miteinander. Nein! raus ins Freie! Hier unten bei Euch krieg ich ja so wie so gar keine Luft." Volkmar führte ihn den Weg durch die Felder, seinen gewöhnlichen Spaziergang. Die Ernte hatte begonnen. Das Korn lag gemäht oder stand in Garben gebündelt, zu langen, regelmäßigen Reihen geordnet. .(Fortsetzung folgt.), Vom Züricher ,tSocialckvnokrat" lind der Art und Weise, lvie das Blait Vertrieben wurde, erzählt Genosse£>. Stüter im Aciv Yorker„Pionier-Äalendcr" auf das Jahr 1003: „... TaZ Blatt hat während der elf Jahre seines Bestehens einen großen Einfluß auf die foeialiftifche Bewegung Deutschlands ausgeübt.„Ter Tocialdemokrat" war es, der nach dem ersten Jahre der Verwirrung, das dem Erlaß des SocialistengefetzeZ folgte, den deutschen Arbeitern wieder einen einheitlichen Zusammen- bang gab. Hier konnten sie sich aussprechen; hier Parteifragen diskutieren. Tie Bewegung hatte wieder crwaS Gemeinsames, das alle verband. Die Verbreitung des Blattes gab den Genaffen in allen Orten eine gewisse regelmäßige Thätigkeit und einen regcl- mäßigen Zusammenhang. Ter oder die Genossen, denen die Bcr- breitung des natürlich verbotenen Blattes direkt oder indirekt oblag, vermittelten naturgemäß die Verbindung innerhalb der Bewegung der einzelnen Cüe; sie bildeten häufig den Mittelpunkt der lokalen Bewegung, waren oft ihre eigentliche Sxele. Tic Bcdeulung ihres Blatte» für tyrs Bewegung wurde aber auch von den deutschen Arbeitern erkannt und— sie handelten danach. Kaum je ist wohl ein Blatt mit solcher Anhänglichkeil von den Arbeitern irgend eines Landes hochgehalten worden, karnn je ist in der Arbcitervewcgung irgend eines modernen Landes eine Zeittmg niit solchen Opfern aufrecht erhalten und verbreitet worden, wie der Züricher„Socialdcmokrat". Tie paar Leute, die in der Schweiz bei der Herausgabe des Blattes thätig waren, hätten dem revolutionären Organ keinerlei Bedeutung geben können, wenn nicht Taufende von Arbeitern im Reiche ihre Freiheit aufs Spiel gesetzt hätten, um dieses Organ allwöchentlich in Tausenden von Exem- plaren zu verbreiten. Diese unvclnnntcn und ungenannten Arbetler waren cS, die dem offiziellen Organ der Socialdemokratie Deutsch- lauds während des Socialiftengesetzes feine Bedeutung_gabcii. Ihnen ist nicht nur die Thatfache zu danken, daß der„Social- demokrat" die größte Verbreitung von allen bisherigen rcvolu- tionären und verbotenen Blättern erhielt, sondern besonders auch sein ungeheurer Einfluß auf seine Leser und damit auf die Bc- wcgung, ein Einfluß, der mehr als einmal die Bcschlüsie der socia- listischen RcichsragSfrattion jener Zeit über den Haufen gc- worfcn hat. Im ersten Jahre nach Erlaß des Socialistengcsctzcs waren die Geldmittel der Partei naturgemäß sehr geringe. Tie Organisation war zerstört und die bisherigen Einnahmequellen verschüttet. Tazn kam als Hauptsache, daß die Unterstützung der Ausgewiesenen und ihrer Fmmlien alle aufgebrachten Gelder verschluckte. Als es sich dann zeigte, daß ein Preßorgau im Auslande eine absolute Not- wcndigkcit für die Bewegung sei, und als A u g n st G e i b in Hamburg zuerst die Gründung eines solchen Blattes anregte, da fehlten der Partei die Mittel, dieses Blatt ins Leben rufen zu können. Da war es der Sohn eine» reichen Bankiers in Frankfurt a. M., Karl Höchberg, der die Mittel hergab, die nicht nur aus- reichten, ein revolutionäres Organ für die de...schc Socialdemokratie in der Schweiz zu gründen, sondern der auch dafür sorgte, daß es einige Zeit aufrecht erhalten werden konnte. Höchbergs Entgegen- kommen war irai so mehr anzuerkennen, als er mit der rcvolu- tionären Haltung, die das neue Blatt voraussichtlich einzuuchnicit batte, durchaus nicht einverstanden war, sondern daß er, obgleich Socialist, sich mehr einer friedlichen«--ocialreform zuneigte. Am 23. September 1373 erschien dann die Probenummcr des „Socialdemokrar" in Zürich unter der Redaktion von Georg V o l l m a r, der seinen Posten bis zum Jahre 1881 behielt, um ihn dann an Eduard Bernstein abzugeben, der das Blatt vis zum Schluß seines Erscheinens im Jahre 1880 redigierte. Regelmäßiger Mitarbeiter des Blattes für Deutschland war Wilhelm Liebknecht. Die Arbeiterschaft Deutschlands begrüßte ihr ncncs Kampf- organ mit ungeteilter Freude. Aber noch waren die nötigen Ver- öindlmgcn für Verbreitung desselben erst zu schaffen und die Ver- wirrung des ersten Jahres unter dem Ausnahmegesetz war noch durchaus nicht überwunden. Das erschwerte den Absatz des„Social- demokrat" natürlich gewaltig und so ist eS verständlich, daß die Auflage des Blattes 2000 nicht überschritt. Das besserte sich aber bald und mit der steigenden Neukräftigung der Bewegung im Reiche stieg auch die Verbreitung des Centralorgans derselben. Seinen höchsten Stand erreichte der„Socialdemoirat" im Jahre 1887 nach den Rcichstagswahlen. Die Auflage stieg damals bis zu Anfang lcs Jahres 1888 auf 12 000. Von diesen 12 000 Exemplaren des Blattes gingen 3000 über die deutsche Grenze ins Reich hinein, während der Rest im Auslände abgefetzt wurde. Es mag hier auch erlvähnt werden, daß zum Erfolg des„Social- demokrat" ein gut Teil beigetragen wurde durch die thatkräflige Hilfe, die die deutfchen Arbeiter int Auslande, besonders in der Schweiz, in Paris und in Amerika, ihm angcdcihen ließen. 1888 begann die Anflagc des Blattes etwas zu sinken, wenn auch nicht viel. Das war eine Folge der größeren Freiheit, die die deutsche Regierung nur diese Zeit den Arbeiierblättern im Reiche ließ, die zu einem Teil das Bestehen des Blattes im Auslaiide überflüssig machte. Es ist viel gefabelt worden über den Versand des„Social- demokrat" ins Reich hinein. Da hat man erzählt von Gipsbüsten, die, niit dieser Zeitung angefüllt, nach Teutschland importiert wurden; von Nap fluche n, die man, mit verbotenen Schriften gefüllt, über die Grenze brachte; fa, sogar von Schwcrzerkäse, der in seinem Innern eine Wagenladung des verbotenen Blattes barg. Alle diese Geschichten sind ins Reich der Märchen zu verweisen. Uebcrhaupr machte es keine besondere Beschwerde, die verbotenen Drucksachen — und es war nicht bloß der„Socialdemoirat". der zu befördern war, es waren auch ganze Ladungen verbotener Bücher und Broschüren, die ihren Weg ins 3!eich uahtnen— über die Grenze zn bringen. Tie Schwierigkeit und die Gefahr begann erst, wenn die Ladung„drüben" war und wen» es hieß, sie nun derart über das Reich zu verteilen, daß weder die Sendung der Polizei in die Hände fiel, noch daß der Empfänger oder der Absender bei ihrer untergrabenden Thätigkeit abgefaßt wurde____ ... Der Wege, auf dem der„Socialdemolrat" und die übrigen verbotenen Schriften ins Reich hineingebracht wurden, waren nicht einer, es ivaren viele, viele. Di- Genossen der GrcnzstSdie, die den Vertrieb einer Sendung übernommen hatten, banden sich die ent- sprechend zusammengepackten Pakete mit ihrem verbotenen Inhalt nm den Leib und gingen„spazieren", wobei sie die Grenze passierten. Eewerbsmäszige Schmuggler, die mit der Partei nichts Zu thun hatten, wurden des öfteren benutzt, uni die Sendung über die Grenze zu bringen. Bootlcutc und Fischer des Bodensecs, mit jedem Winkel des Grenzgebiets vertraut, nahmen gegen gute Be- zahlung die Säcke oder Kisten mit ihrem Schrifteninhalt über den See und legten sie drüben ans deutschem Gebiet an irgend einem vorher bestimmten Platze, z. B. in einem buschigen Walde, nieder, und dort stellten sich dann, wenn die Luft rein war, die Vertrauens- leute des betreffenden Ortes ein, nm die Sendung weiter zu be- fördern oder vorläufig zu verstecken. Lokomotivführer haben vcr- schiedentlich unter der Kohle ihrer Lokomotive eine Sendung des so gründlich gesuchten Blattes ins Land gebracht. Und da? war nicht bloß an der Schweizer Grenze der Fall. Auch von Belgien und Holland aus wurde die verbotene Ware ins Rheinland und von dort ins ganze Reich hinausgcschickt. Verviers— Aachen— Köln war eine vielbcmitzte Route und manchen schönen Sonntagnachmittag sind die Kölner Genossen nach Verviers gc- fahren, die auf ihrer Rückfahrt in der Eisenbahn jeder einige Hundert„Socialdemokrat" unter dem Hintern hatten. Dann gingen Sendungen von Schriften, deren Ablieferung nicht so an die Zeit gebunden war, über Amsterdam zur See nach Hamburg; dann, unter Zollverschluß direkt von der Schweiz nach Hamburg, wo die dortigen Genossen dann den Schmuggel ins Reichsgebiet, nach Ottensen, Wandsbeck usw. übernahmen. So standen den Züricher Vertrauensleuten nicht einer, sondern zehn Wege offen, um den„Socialdemokrat" und die verbotenen Schriften nach Deutschland hinein zu bekommen. Die Gefahren der Verbreitung begannen erst, wenn die Sachen im Reiche waren und weiter verschickt werden sollten. Tie Hauptschwierigkeit bestand darin,„drüben" Niederlagen zu finden, von Ivo aus die Sendungen weiter geschickt werden konnten. Man half sich damit, in vcr- schiedcnen geeigneten Städten zeitweise Leute anzustellen und zu be- zahlen, die die Pflicht hatten, für die Weitcrverschickung der Sachen von ihrem Orte aus zu sorgen und darauf zu sehen, daß jedes Paket, mit richtiger Adresse versehen, versandt wurde. Tie Verpackung der einzuschmuggelnden Zeitungen und Schriften war je nach dem Weg, der gewählt wurde, auch verschieden. Bei direktem Schmuggel an der Schweizer Grenze, bei der öfter die Zeitungen am Körper von Genossen versteckt, ins Reich hineingetragen wurden, pflegte man lange schmale Pakete zu machen, deren Um- fang mit einer Presse möglichst reduziert wurde, und die dann unter der Kleidung und an den Körper befestigt wurden. Die ver- schiedcnen Pakete enthielten keine Adressen, sondern Buchstaben,- deren Schlüssel der Empfänger in Händen hatte. ... Sehr oft hatte der eigentliche Adressat im Reiche, an den eine Sendung mit verbotenen Schriften ging, keine Ahnung von dem Inhalt derselben. Tie Genossen des betreffenden Ortes gingen zu ihrem Bäcker, Fleischer oder Kolonialwarenhändler und baten sie, doch eine Kiste für sie in Emvfang zu nehmen, wenn eine solche an- kommen sollte. Das wurde in der Regel ohne Anstand gcthan und die Sendungen waren in solchen Fällen um so sicherer, als die Polizei annehmen mutzte, daß derartige Geschäftsleute Warensendungen erhielten und sie daher keinen Verdacht schöpfen tonnte. In Dresden gingen die Kisten mit dem„Socialdemokrat" eine lauge Zeit an ein Speditionsgeschäft, in dem die Genossen ihre Sendung dann in Empfang nahmen. Oft genug haben„königliche" Hoflieferanten in dieser Weife ihre Hilfe zur„Untergrabung der bestehenden Ordnung" leisten müssen. Diente doch mich ein Züricher Minister eine Zeitlang als Deckadresse für eingehende Briefe nach der Schweiz... ... Es würde übrigens ein Buch füllen, wollte man alle Abeit- teuer erzählen, die bei der Verbreitung des verbotenen Blattes be- standen wurden. So passierte es einmal einem Genossen, der gerade eine größere Sendung des„Socialdemokrat" in Empfang genommen hatte und der sie ans seiner Schulter nach einem andern Ort schaffen wollte, daß er seine Last fallen ließ, daß die EinPackung sich löste und daß alle Pakete mit der verbotenen Zeitung auf die Straße sielen. Natürlich machte er sich sofort daran, die einzelnen Pakete anfzu- sammeln; aber schon sah er den Polizisten des Ortes hcrankonunen. Schnell gefaßt, fing unser Mann mit diesem ein Gespräch über seinen Unfall an, und der gutmütige Polizist half wacker, den Schaden gut- zumachen, indem er die einzelnen Palete in ein Bündel zusammen- binden und dieses dem Genossen auf die Schulter heben half... ... Der Zufall tvollte es mitunter, daß kurz nach Ankunft von Paketen verbotener Schriften an ihre Adresse auch die Polizei erschien und Haussuchung hielt, wobei ihr natürlich die Pakete in die Hände fielen. In Magdeburg wurde eines Tages der dortige Bertrancns- mann benachrichtigt, daß mehrere derartige Pakete, deren Inhalt durch Beschädigung der Umhüllung auf der Post schon erkannt worden war, bei einem Tischler ankommen sollten. Diese mußte» gerettet werden. Die Vertrauenöperson begab sich daher sofort an die ge- fährdete Stelle und richtig,— da stand schon ein behelmter Orb- nnngshüter vor der Hausthür und beobachtete die ein- und ans- gehende» Personen. Ruhig ging unser Genosse an ihm vorbei, erhielt die beiden Pakete und stellte sie einer gerade die Treppe herunter kommenden Grünkramfrau in die Kiepe. Ter Gemüsefrau traute niemand ein so ruchloses Beginnen, wie die Expedition des„Social- demokrat" zu, und ungehindert passierte sie die gefährliche Stelle. Beim Verlassen des Hauses war schon der zweite Beamte angelangt. Man schien nur noch mif den Kommissar zu warten, um die Hau?- suchung vorzunehmen und die gefährliche Sendung im Triumph nach der Polizei zu bringen. Während aber die beiden noch warteten, wurde die Kiepe der Grünkramfrau ihres Inhalts entledigt, und nicht wenig freuten sich die Parteigenossen darüber, daß es ihnen gelungen war, den Vielgesuchten zu retten..." kleines Feuilleton. os. Auf der Straße. In der Seitenstraße war es stiller. Der bunte Glanz der Schaufenster erlosch, die Menschcnreihen lichteten sich, man hatte Platz zu gemächlichem Ausschreiten, trotzdem lief Käthe immer noch. Sie lief wie gehetzt. Ihr hübsches Gesicktchen glühte. Mit einem angstvollen Blick sah sie hin und wieder über die Schulter rückwärts, jetzt war er nicht mehr zu sehen... Ja. doch, da drüben kam er über den Dann». Und sie tonnte nicht niehr weiter I... Atemlos vom raschen Lauf duckte sie sich hinter einen Mauervorsprung und preßte die Hand aus die Brust. Sie hatte Stiche. Wenn er sie bloß nicht sah, bloß nicht! Sie trat noch tiefer in den Schatte». Er halte sie aber doch gesehen, er kam gerade aus sie zu.„Er" sah sehr elegant ans: Langer gelber Ueberziepcr, Hut nach neuester Fa?on, Brillanten im Knopfloch und ein Stückchen mit silberner Klinge. Er schwenkte cS tänzelnd in der Rechten und betrachtete Käthe durch seinen goldene» Zwicker, ein häßliches Lachen spielte über sein volles Gesicht:„Na, Käthchen, vergünstig ge- worden? Das ist recht, daß Dn endlich gewartet hast I" „Aber ich... ich..." Sie konnte nicht reden vor Angst und Herzklopfen, dann schrie sie plötzlich doch auf:„Ich Hab' nich auf Ihnen gewartet! Lassen Se mir gehen." „Ach Käthchen, sei kein Frosch, konun doch! Da kommt auch gerade die Droschke." Er suchte ihre Hand zu ergreifen. „Sie soll'n mir gehen lassen, Herr Feßler. Ich hab's Ihnen doch schon so oft gesagt." Sie schluchzte fast. Mit einer raschen Bcwegimg huschte sie an ihin vorbei und ging iveiter. Er biieb aber dicht an ihrer Seite, er beschleunigte seine Schritte, ivie sie. In einem fort sprach er aus sie ein:„Sei doch nicht so dumm, Käthchen,!vir sahreu in den Wintergarten, und nachher kommst Dn zu mir, ich Hab' ein hübsches Armband für Dich zu Hause; alle Mädels im Geschäft Iverden neidisch, wenn Du's hast." „Ich will aber Ihr Armband gar nicht. O nein! Lassen Sie mich doch in Ruh!" Sie stieß die Hand fort, die wieder nach der ihren griff. „Na Kleine, nu zier Dich nur nich." Ihr langer Widerstand reizte ihn offenbar, er wurde grob.„Kommst ja schließlich doch recht gerne,'n Armband ist Dir>vvhl nicht genug?" „Wenn Se mir jetzt nich endlich zufrieden lassen, rufe ich um Hilfe." Küthe war stehen geblieben, ihre Geduld war zu Ende, ihre kleine zierliche Gestalt reckte sich, ihre Augen sprühten.„Und über- Haupt, daß Se mir„Du" nennen, des verbitte ich mir I" „Na soll ich vielleicht„Sie" sagen?" Er lachte unbändig, dann klopfte er sie gönnerhaft auf die Schulter:„Laß' man, Käthchen, Du sagst auch noch„Du" und—" „Und wenn Sie jetzt nicht augenblicklich das Mädel in Ruhe lasten, passiert Ihnen sonst was!" rief eine fremde Stimme. Wie ans der Erde gewachsen standen vier Männer da, Arbeiter mit Handwerkszeug. Der alte Graubart hielt dem Eleganten die Faust unter die Nase.„Machen Se, daß Se ivechkonmien! Verstanden?" „So'n Haderlump... will hier'n Mächen verführen! Warten Se man!" „Keile verdient er, aber nich von Pappe—" Drohendes Gemurmel. Es fanden sich auch noch andre Zu- schauer ein. Der Elegante hatte zuerst sprachlos gestanden, jetzt reckte er sich:„Hören Sie mal, das ist doch... Wollen Sie mal augenblicklich Platz machen! Das ist ja Ueberfall I Und um solch' Fabrikmädchen? Sic hat überhaupt aus mich gewartet und—" „Na solche Frechheit," Käthe schrie auf,„er iL aus der Bank bei der Fabrik nebenan und schon seit drei Tagen rennt er mir nach und"... sie schluchzte. „Laufen Se man Kleene," sagte der Grauhart,„wenn er noch ein Wort sagt, is er jelicfcrt." ,.'u Schntzmann holen!" rief einer aus der Menge.„So'n Esel, lvill's Mädel noch beschimpfen." „Holen Sie'n Schutzmann," höhnte der Elegant.„Droschke an- halten!" Mit einem Satz war er in dem Wagen. Der Kutscher hieb ans die Pferde. Der junge Arbeiter init der Schlosserbluse sah Käthe nach: „Diesmal war' se gerettet."„Ja, diesmal..." sagte der Granbarl und seufzte.— — Verfälschung der Krabben. Daß der Kaviar Fälschungen unterworfen wird, kann uns weniger befremden als die andre viel- leicht noch wenig bekannte Thatsache, daß auch Krabben von gewissen- losen Händlern gefälscht werden können. Mit diesem Unwesen wird sich nun weniger der Küstenbewohner als vielmehr der Bewohner des Binnenlandes abzufinden haben, und es ist darum gewiß wohl- gcthan, die Methode ein ipeng niedriger zu hängen. Bekanntlich gilt die sogenannte Ostscckrabbe mit Recht als wohlschmeckender als ihre nächste Verwandle, die Nordseetrabbe oder Garnecle. Dazu kommt, daß jene durchweg auch größer ist, mehr eßbaren Inhalt be» 812 sikt und be!m Kocden eme appetitlichere rötliche Färbung annimmt, . während die Garncclc ihr schmutzig-granrötliches Lrleid beibehält� Es hat speciell Kielern anfangs grohe Ueberwindung gekostet, die Nordscckrabbe auf den Frühstnckstisch zu stellen, und nicht zu aller- letzt bat sie diese Ehrung dem Umstände zuzuschreiben, dah die Lstscckrabbc infolge des von Jahr zu Jahr geringer sich stellenden Fangertrages einen so hohen Preis bedingt, daß sie thatsächlich nur noch als Delikatesse auf dem Tische eines Feinschmeckers zu finden ist. Wird doch zeitweilig das Kilo mit 4— 0 M. bezahlt, während die Nordscckrabbe nach wie vor für 80 Ps. pro Kilo zu kaufen ist. Dieser Preisunterschied läßt eine Verfälschung der letztgenannten?lrt als lohnend erscheinen, und diese wird neuerdings auch vielfach in der Weise ausgeführt, daß die Garneelen in Fuchsinwasser gekocht werden, um ihnen das Aussehen der Ostseekrabben zu geben. Der Kenner wird allerdings die gefärbten Krabben von den echten Ostsee- krabben unterscheiden, insofern die künstliche Rötung immer ein fleckiges Gepräge zeigt; abgebrochene.Körperenden sind total gefärbt, und die unter dem Hinterleibe, fälsckllicb Schwanz genannt, sitzenden Eier sind hochrot. Bei einigen Krabben ist der Farbstoff selbst in das Fleisch gedrungen. Tic künstliche Färbung läßr sich weircrhin durch das Aufkochen der Krabben in Alkohol nachweisen; bei küust- lich gefärbten Nordseekrabben wird der Alkohol trüb rosarot, bei den natürlich roten Ostscekrabben klar wcißgclb. Sicher ist die linker- sckcidung auf Grund anatomischer Kennzeichen. Tie Ostscekrabben besitzen nämlich einen stark hervortretenden Stirnstachel, langgestielte Augen, eine größere Anzahl von Fühlcrsäden, teilweise mit Scheren versehene Gangbeine und eine hcllrosa Schwanzflosse; dagegen ist der mittlere Randskachel der Gnrncele kurz, von den Fühlerfäden sind nur 4(statt 6) vorhanden, den Gangbcinen fehlen die Scheren und die Schwanzflosse ist dunkel pigmentiert.—(„Ncrthus.") — Unterirdische Flusiläufe in der Liincbnrger Heide. Im Landkreise Celle finden sich, wie den„Hamburger Nachrichten" ge- schrieben wird, mehrere kleine Bäche, die lange, che sie zu Tage treten, unterirdisch in raschem Lause dahingeflossen sind und oft, nachdem sie einige Zeit oberirdisch dahingezogen, wieder in einem dunklen Höhlenbett verschwinden. Hübsch ist es zur Zeit der Heide- blüte, träumend an der Heidebult zu liege», um dem geschäftigen Murmeln des nahe unter der Erde dahinstrcichenden Bächleins zu lauschen. Tie Ursache dieses Naturschauspicls eines unterirdischen Laufes, das mau im Walde bei Lutterloh, Kreis Celle, an zwei ganz nabe bei einander entspringenden Wasserläufen beobachten kann, liegt meistens in einer dünnen, aber ziemlich festen Torfdecke, die nach- träglich über die Flußläufe hingewachscn ist. Größere Beispiele dieser unterirdischen Flnßläufe sind bei den Quellen der Luhe zu finden und bei denen der Qcrze. Tie Luhcläufe unter der Erde hat Ende der 70er Jahre Dr. Engelhardt genau abgemessen, er fand sie 14, 18, 27, 14 und 40 Meter lang. Die Ocrze gar fließt auf einer etwas über vier Kilometer langen Strecke unter der Erde hin. Auch in den Kreisen Harburg. Fallingbostel, und Isenhagen kommen diese seltsamen Flußläufe vor.— Bergbau. — Anthracit im Erzgebirge. Die„Leipziger Zeitung" schreibt: Die Befürchtungen, daß die.Kohlcnflötze des Erzgebirges in nicht ferner Zeit erschöpft sein würden, schwinden, da neue Ans- schlüsse uns zeigen, daß der Kohlenreichtum desselben größer ist, als man bisher annahm. So zeigen die Untersuchungen in der Gegend von Olbernhau, daß das Erzgebirge sogar ein ansehnliches Lager von Anthracit birgt. ES gehört der Zeit der jüngeren Stein- kohle an. Wodurch die llmwanolimg der Stemkohle in Anthracit hervorgerufen worden ist, ivird noch festgestellt werden. Nur so viel soll vorläufig mitgeteilt werden, daß Porphyr in der Mulde und an einer Seite derselben Basalt emporgestiegen ist. Früher glaubte man, die südlich von Olbernbau gelegene Gebirgs- mulde einhalte nur unbedeutende Anthracitflötze, und dachte kam» daran, sie systematisch abzubauen. Vor 40 Jahren wurde ein Teil des Fliches südlich von der Hauptverwerfung, der eine verhältnismäßig ungestörte Lagerung hatte, mit einer Belegschaft von 80 Mann ab- gebaut und die gelvonnene Kohle mit Fuhrwerk nach Tcplitz zum Verkauf geschafft. In der Olbernhaucr Gegend lvird der ein- heimische Anthracit erst seit ztvölf Jahren in tlcinen Mengen vcr- wendet. Mit der regelrechten Ausbeutung des Anthracits ist aber erst vor fünf Jahren begonnen worden, und von dieser Zeit an ist nun eine steigende Produktion zu verzeichnen. Im Laufe der letzten Jahre ist man durch die gemachten Aufschlüsse der Carbon- ablagerungcn zu der Ilcberzeugung gekommen, daß fast die ganze Brandaner Mulde Anthracit führt. Würde man die Jahresproduktion auf 4 Millionen Centner steigern, so reichte der Vorrat nach den bisherigen Feststellungen vielleicht 100 Jahre aus. Die Untersuchungen der Heizkraft dieses AnthracitcS haben ergeben, daß er dem westfälischen und engliscken Anthracit gleichwertig ist; demi die Prüfungen haben bis zu 79öS Wärme-Einheiten festgestellt.— Technisches. SN. Eine alte W u n d c r II h r. Eine 170 Jahre alte Uhr von ungewöhnlich vorzüglicher Arbeit ist jüngst in London zum Vor- schein gekommen und wird in der Wochenschrift„English Mechanic" beschrieben. Sie stammt aus den Händen des berühmten Uhr- machers George Graham. Das Uhrwerk ist sehr ähnlich der gewöhnlichen Form der Regulatoren. Es besitzt eine Beranbvortlicher Redakteur Hemmung, die kontrollierst wird durch ein Konipensations- Pendel(Rostpendelj, bei dem die Ausdehnung der Stahl- staugen durch Messingstangen ausgeglichen wird. Die zwei Zeiger haben die gewöhnliche Bewegring. Die Tage des Monats iverdcn ebenfalls auf die übliche Art durch einen Schlitz im Zifferblatt augezeigt. Aber der Kalender ist so eingerichtet, daß er sich selbst für diejenigen Monate berichtigt, die nur 3V Tage haben. und auch für den Februar mit 28 Tagen. Graham>var aber auch mit diesem Erfolg der Kunstfertigkeit noch nicht zufrieden, sondern er wünschte, daß seine Uhr auch die Schaltjahre selbstthätig zu be- rücksichtigcn im stände wäre und in diesen Jahren fiir den Februar 29 Tage anzeigte. Der Mechanismus ist durchaus verschieden von dem eines modernen fortlaufenden Kalenderwerks. Das Kalenderrad besitzt 31 Zähne und wird in je 24 Stunden um einen Zahn iveiter bewegt. Ein Sternrad mit 12 Zähnen wird durch jenes Rad getrieben, das auf seiner Seitenfläche vor- stehende Stifte besitzt, die während der Monate mit 30 Tagen einen Hebel in Thätigkeit setzen. Dieser Hebel veranlaßt dann am Ende des Monats, daß das Rad sich um zwei Zähne dreht und infolge- dessen die Zahl 3l nicht erscheint. Während des Februars wird der Hebel für drei Zähne in Berührung gehalten, so daß die Zahlen 29 bis 31 nicht erscheinen. Ein kleines Sternrad mir vier Zähnen Ivird auf einem kleinen Stirnrad mit 13 Zähnen getrieben, aber nur um einen Zahn in jedem Jahr bewegt. Dieses Rad beeinflußt den Hebel einmal in vier Jahren derart, daß die Zahl 29 in den Schaltjahren am Ende des Monats Februar zugelassen wird.— Humoristisches. — I n der Fremde. Zwei Berliner Damen stehen am Garda-See und sehen eine Weile schweigend auf den von einem leisen Winde zart gekräuselten See hinaus. Endlich drückt die eine ihre Gefühle aus: „Ree, seh mal bloß, Aujusle, wie det so bibbert, ach, cS is doch reizend...." Worauf die andre fortfährt: „Ach ja. Riekcheu, un wie de Möven darauf'rumschwimmen— jrade wie Bouillon mit 5tlöße."— — Knappe F a s s» n g. Kutscher:„Die Pferde haben ge- fressen. Wenn Herr Baron auch fertig sind, können wir weiter- fahren."—(„Jugend.") Notizen. — Mm; Halbes„W a l p u r g i s t a g" erscheint als Buch bei Georg Boudi in Berlin.— — Der Verlag I. H a b b c l in Negensburg veranstaltet eine Lieferungsausgabe der Werke von Ida Gräfin Hahn- Hahn.— —„Ruhmlose Helden," vier dramatische Balladen mit einem Vorspiel, von Paul B u s s o n geht als nächste Premiere noch in diesem Monat im Berliner T h e a t e r in Sccnc.— — Richard Strauß' Oper„Feuersnot" wird am 28. d. M. im Opernhause erstmalig aufgeftihrt. Die Haupt- rollen singen Herr Berger und Frl. Dcstimi. Am selben Abend wird auch Saint-Saöns Ballett„Javotte" gegeben werden.— — DaS zweite Philharmonische Konzert(Dirigent: Arthur Nikisch), das am 27. Oktober stattfindet. bringt u. a. die erste. Berliner Aufführung der zweiten B r u ck n e r s ch e u Sinfonie in C-moU.— — Die D ü n g u n g der Beerenobststräucher wird noch immer von vielen Gartenbesitzern fiir überflüssig erachtet. That- sächlich haben aber zahlreiche prallische Versuche diese Ansicht wider- legt; es ist deshalb jedem Beerenobstzüchter anzuraten, den Ertrag der Sträucher durch eine angemessene Nahrungszufuhr zu erhöhen. Ein großer Beerenobststrauch braucht: 1. Kalk; man giebt davon im Herbst eine große Schaufel voll. Dieses Quantum reicht für vier bis fünf Jahre. 2. Jauche oder Latrincndünger; im Herbst oder ini Februar giebt man davon einen Eimer. Statt dieses Düngers kann man auch eine kleine Handvoll Chili- Salpeter nehmen. 3. Super- Phosphat oder Thomasmehl. Im Herbst oder im Februar eine kleine Handvoll. 4. 40prozcntiges Kalidüngesalz; es genügen im Herbst oder Februar zwei kleine Hände voll. Kleine Beerenobststräucher er- halten entsprechend weniger. Kali, Phosphorsäure und Chili dürfen nicht direkt au den Stamni sondern müssen eine Hand breit umher gestreut und untergegraben werden, weil die Sträuchcr sonst ver- brennen und absterben. Die vier genannten Düngstoffe niuß der Beerenstrauch zusammen haben, fehlt eine, so ist die Ausnutzung der übrigen nicht vollständig und der Ertrag kein vollkommener. — In Angath bei Wörgl a. Inn fing dieser Tage ein Fischer einen H u ch e n in der Länge von 1,02 Meter, einer Dicke von 0,75 Meter und einem Gewicht von 20 Kilogramm. Als der Fisch mit vieler Anstrengung an das Ufer gebracht war, umßten sechs kräftige Männer ihre ganze Kraft einsetzen, um ihn töten zu können.— Die nächste tlkummer des UntcrhaltungsblatteS erscheint am Sonntag, den 19. Oktober.__ Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und BerlagSanstaU Paul Singer& Co., Berlin 8W.