Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 204. onntag, den 19. Oktober. 1902 Nachdruck Verbote». � Der Qnkentelch* Roman von Gertrud Franke-Schievelbein. Ucberall wurde emsig gearbeitet. Männer und Weiber waren gleich eifrig am schweren Werk. Erhitzte, glühende, schweißbedeckte Gesichter, stummes Schaffen— bloß nianchmal ein Fluch, ein derber Witz, ein rohes Antreiben. Zum Denken kamen sie nicht, diese menschlichen Lastthiere. Bloß der dumpfe Trieb, der sie wie mit Peitschenschlägen immer von neuem aufhetzte, wenn die Kräfte erlahmen wollten: den Taglohn crrackern, um satt zu werden, um die Kinder satt zu machen. Ucber den grasigen, ticfgefurchten Weg Holpertc der erste vollbeladene Wagen an ihnen vorüber. Sic wurden fast gestreift von den weit überhängenden Garben. Dann kamen die trockengelegten Moore, weite Strecken üppiger Wiesen, zwischen denen der feste, mit kurzer Gras- narbe bewachsene Weg sich in sanften Schlangenlinien hinzog. lieber allem der blaßblane, mit großen, weißen Wolken überflogene Julihimmel, ein Duft nach Blumen, Gras, Laub. Die Grillen zirpten. Graue Mäuse huschten wie Schatten vor ihren Fiißeu. Ein Habicht schwebte mit weit ausgespannten Schwingen ruhig und unbeweglich in der klaren Luft. Zu ihrer Rechten zog sich der Roßberger Landweg mit seiner dichten Schnur von Apfelbäumen hin, links begrenzte der Bahndamnt den Ausblick. Auf einmal blieb der Oberförster, der unaufhörlich erzählt hatte, lauschend stehen. Dann ging ein pfiffiges Lächeln über seine gelben, ledernen Züge. „Aha! Da sind wir ja!— Ich höre sie schon." Leise und melancholisch saugen die Unken. Es war nur wie ein Hauch in der Luft, ein Murmeln und Raunen und Klagen, geisterhaft unwirklich, daß man sich dieser Töne erst bewußt wurde, nachdem mau sie schon eine Weile im Ohr ge- habt hatte. Noch ein paar Schritte, dann lag hinter einem niedrigen Erdwall, bisher durch eine Wegbiegung versteckt, der Teich vor ihnen. Buschwerk hatte sich an seinem Ufer angesiedelt und eine verkrüppelte Weide hing ihre silbrigen Ziveige bis ins Wasser hinab. Der goldener werdende heitere Abcndhimmel spiegelte sich leuchtend in der glatten Fläche. Die Weißen Wolken färbten sich rosig und warfen rosige Reflexe über die Landschaft. Harmlos und lieblich, voni süßen Abendfrieden verklärt, lag das schimmernde Wasser zwischen den grünen Ufern. Der Oberförster war ganz nahe getreten. Er spähte mit seinen scharfen Augen bis auf den Grund. Auf einmal lachte er hell auf und packte Richard am Acrmel. „Da l Sehen Sic! Wic's wimmelt! Teufel nochmal! Da! Da I Guckt eins! Wahrhaftig— wie ein M en scheu- gesicht! Der runde Kopf, die blanken Augen!— Und da— noch eins!— Da— da! Ueberall! Ha! Ihr verfluchtes—! Das vcrgeß ich nie, wie ich zwischen euch steckte— das Eut setzen I Der Glibber I Das Gehuschc, das Geivirble, das Kalte, Glatte, Nasse! Teufel I"— Und mit seinem Stocke schlug er, tveit ausholend, hinein in die ruhige Fläche, daß ein Tropfenregen wild aufspritzte. Und nun sah man erst, wie daS Wasser lebte! Ein Gewimmel und Gewuscl, ein Rudern und Schwimmen, graue Rücken, feuergelbe Bäuche, zappelnde Beine— alles in toller Flucht durcheinander wirbelnd— hinab, aus der Wannen, durchfonnten Flut in den Moorgrund ihres Teiches! Bodenstein lachte überlaut, mit grimmigem Humor. „Gelt! Da Hab ich Euch in die Flucht gejagt, Ihr Krötenvolk!— Ja, ich wollt, daß ich alles Gelichter Eures Schlages so mit einem Hieb dahin schicken könnte, tvo's hingehört!" Er horchte wieder.„Still. Alles still hier auf unsrer Seite. Desto toller drüben, am andren Ende. Haha! Und lvenn wir dort sind, klingt's wieder, als wär's hier. Ueberall und nirgends! Nicht zu fassen, nicht beizukommen l Kröten- Volk! Teufelsspuk l Sumpfgelichter! Und macht sich mausig im hellen Sonnenschein, als gehörte ihm die Welt!" Und er hatte sein unbändiges, grimmiges Vergnügen an dieser Naturerscheinung. Auf dem Heimweg, den sie bald danach einschlugen, blieb er mit der Zähigkeit des Alters an dem einmal angeregten Gedankengang hängen. Als die Kirchtürme der kleinen Stadt vor ihn auftanchten, schüttelte er lachend die geballte Faust. „Da drin, da hockt auch alles voll I Da giebts auch welche. Alle Sorten. Zum Beispiel die politischen. Na, Sie wissen ja. Jede Partei unkt in ihrem Tümpel, daß sie allein das Vaterland retten könne. Und speit Gift und Galle auf den Nachbartümpcl, der anS lauter Verrätern besteht!" Er schlug sich auf die mageren Schenkel und bog sich vor Vergnügen.„Einen kannt ich, der dautte jeden Morgen Gott, daß er als Centrumsmann auf die Welt gekonimeu sei!" „Ja," sagte Richard— er stimmte in das ansteckende Lachen ein, aber der nachdenkliche Ernst blieb in seinen Augen—„überhaupt das Cliquenwesen. Das Festnageln auf irgend einen Buchstaben, einen Artikel, ein Bekenntnis—" „Das ist's I" schrie Vodenstein und streckte triumphierend den knochigen Zeigefinger in die Luft.„Sie suchen die Wahr- heit, Verehrtester? Sie stoßen sich den Schädel wund an den ewigen Rätseln? Haha, waS für ne überflüssige Mühe I Wir haben ja so eine Unmasse von Teichen, in denen die Wahrheit fix und fertig, blink und blank zu haben ist. Freilich sieht sie in dem einen Teiche weiß aus, in dem andren schwarz. Und jeder erklärt den andern für einen Stiukpfuhl der Hölle. Das macht aber nichts. Bloß glauben an seinen Teich, in den man zufällig geraten ist. Dann kann man selig leben und sterben!" Er hatte sein kurzes Pfeifchen angezündet und dampfte eiftig kleine, blaue Wölkchen in die Luft. Allerlei mußte ihm>vohl durch den Kopf gehen. Er schnitt seine humoristisch- grimmigen Grimassen und lachte manchmal kurz und trocken vor sich hin. „Die schlimmste Sorte aber," meinte er auf einmal, nach einem langen Zuge aus dem beinah schwarzgeräucherten Meerschaumpfeifchen,„die Schlimmsten sind— verzeihen Sic das harte Wort— die Moral Unken!" Er warf einen von Mitgefühl und Empörung glühenden Blick auf Richard Volkmar, der gesenkten Hauptes neben ihm schritt. Das klüftige Profil mit der niedrigen, breiten Stirn, den starken Kiefern, den: vollen Munde, in dessen geschweiften Linien eine ivilde trotzige Kraft steckte, reizte ihn, alles heraus- zusagen. Richard nickte. Seine mächtige Brust dehnte sich langsam. „Die Moral kluken, ja," murmelte er. Bodensteius Gesicht begann seltsam zu zucken. Mit kurzem Atem, abgerissen, bissig, stieß er zwischen dicken Dampfmolken heraus:„Denn in dem Punkte, wiesehr sie sich auch sonst be- fehdcn mögen— in dem sind sämtliche Unkentüinpel der Welt ein Herz und eine Seele. Und>vie ein Schrei der Entrüstung bricht's aus allen heraus, wenn eins sich gegen ihre heilige Pagode vergangen hat. Haha! Biester! Teufels- kröten! Selber sündigen und wüsten, daß eS aller Menschlichkeit ins Gesicht schlägt, daß die Natur sich empört und die Gerechtigkeit sich über ihre Binde noch extra eine Schlafmütze zieht— jawohl, das erlauben sie sich— selber und gegenseitig. Unter der einen kleinen Bedingung: hübsch heimlich, nur kein Acrgernis geben! Dafür aber fallen sie wie e i n Mann über den Bruder her, der sich beim ersten menschlichen Vergehen hat ertappen lassen, oder der nicht frech genug ist, es zu leugnen— oder gar ein solcher Idiot, es gutmachen zu wollen—" Er verlor alle Gewalt über die heisere, immer mehr der- sagende Stimme. „Volkmar," flüsterte er mühsam, plötzlich stehen bleibend und Richards Hand ergreifend,„Volkmar, einmal wollt ich's Ihnen doch sagen: ich bin ein alter Mann, aber— ich Hab' meine Freude an Ihnen. Ich verehre, ja, ich bewundere Siel" „Herr Oberförster!" Richard errötete vor freudigem Stolz. „Und tvenu Sie mal einen Freund nötig haben, oben auf der Drossclburg sitzt einer. Vergessen Sie's nicht!" Ende Sepien, der wurde der Geburtstag des Direktors mit einem großen Schulfeft gefeiert. Bei gutem Wetter war ein Ausflug nach einer Waldwiese geplant, die für Spiele im Freien, Wettläuse und allerlei Bollsbelustigungen wie geschaffen ,var. Ein primitives Wirtshaus sorgte für Speise und Trank. Rohe Tische und Bänke, im Walde aufgeschlagen, boten Platz kür Hundertc von Menschen. Und wer dort nicht mehr unter- kam, der lagerte sich auf dem glatten, moosigen Boden zwischen den hohen, schlanken Fichtcnslämnlen und fand sich aufs beste eingerichtet. Gewöhnlich wurde die Gelegenheit benutzt, die körperliche Gewandtheit der Schüler ins hellste Licht zu setzen. Es wurden Preise verteilt für die Sieger, und Korneliens Amt war's, sie ihnen feierlich zu übergeben. Richards Klasse hatte sich immer vor allen ausgezeichnet. Diesmal aber hatte er's als eine Lebensfrage auf- gefaßt, das Beste zu leisten. Er mußte betveisen, daß er ein sittlich starker Mensch, ein Erzieher sei, der seinen Jungen durch strengste Selbstzucht, Mut und Kraft ein fortreißendes Beispiel gäbe. Wenn sich dann einmal Stimmen gegen ihn erhöben, war dies nicht seine beste Verteidigung? Und so hatte er unablässig gearbeitet an sich und an den Knaben. Ihr ganzes junges, begeisterungsfähiges Herz hatte er sich gewonnen. Sie gehorchten ihm auf eilten Blick, einen Wink, und es war ihr höchster Ehrgeiz, ihnt keine Schande zu machen. Er konnte mit ruhiger Sicherheit dem Tag entgegensehen. Bei den Vorbereitungen zum Fest hatte er viel mit Kornelie zu thun. Sie hatte organisatorisches Talent und war den Herren in einigen Fragen durch ihre praktische Klug- Heft unschätzbar. Es war Richard Volkmar doch ein eigentüntlichcs Gefühl, mit ihr zu verkehren. Manchmal hatten sie stundenlange Besprechungen unter vier Augen oder mit einigen andren Kollegen zusammen. Bittrichs Bemerkungen kamen ihm dann oft ganz plötzlich in den Sinn. Er zweifelte, daß der schlechtbeobachtettde, urteilslose Mensch recht gesehen. Aber trotzdem schmeichelte ihtn der Gedanke, daß er dieser stattlichen, tadellosen und anspruchsvollen Frau vielleicht doch ein kleines Interesse ein- geflößt hätte. Sie verriet freilich nicht das geringste, das auf ein wärmeres Gefühl hätte schließen lassen. Immer war sie gleichmäßig ruhig und kühl fteundlich, von ausgesuchter. fornteller Höflichkeit und so vollkommen sachlich, daß er ganz vergaß, es mit einer Dame zu thun zu haben. Kurz vor dem Fest nahm ihn Rober eines Morgens nnt wichttger, aufgeregter Miene beisefte. „Kollege," ttischelte er, sein langes schlaffes Gesicht in noch längere Falten ziehend,„lieber Kollege, ich habe es immer herzlich gut mit Ihnen gemeint—" Richard trat einen schritt zurück und sah ihn befremdet an. Aber che er nur den Mtmd aufthun konnte, fuhr Rober in seinem gewohnten feierlichen Grabeston fort:„Und Sie werden mir's nicht übeldeuten, wenn ich mir herausnehme, Ihnen ein Wort im Vertrauen—" Richard fühlte, wie der kalte Schweiß ihm auf die Stirn trat. Die Glieder wurden ihm schwer, wie gelähmt von dem plötzlichen Schreck. Was redete der Mensch? Und diese unheil verkündende, tragische Miene, dieser herablassend wohlwollende Ton? „Was wollen Sie eigentlich?" fuhr er heftig auf. Rober reckte sich in die Höhe— ganz eingehüllt in ge kränkte Würde. Er zog sich einen Schtttt zurück, zuckte die Achseln und that, als wolle er ohne weitere Erklärung gehen. Aber Volkmar packte ihn so rücksichtslos ant Arm, daß Rober einen Enttüstungsruf ausstieß.„Was fällt Ihnen denn ein, Volkmar! Was ist Ihnen denn?" Richard nahni sich gewaltsam zusammen. Ruhe! sagte er sich. Jetzt kam's dranf an, kalt Blut zu zeigen. (Fonsetzung folgt.) Sonntagsplaudercu Ein Triumphzug der Besiegten— beginnt dennoch nicht in dieser blutenden Welt der Greuel und Grausamkeiten ein fühlend Herz zu schlagen? Ist die Zeit vorüber, da man den Slalpschwingcrn zujauchzte und die Skalpierten verachtete? Ging die Sonne des Rechts»md der Milde auf und verttcibt den Dunst der Not und Niederung? Wahrlich, sie ftagen nicht mehr nach Macht und Erfolg, sie treten kühn und barmherzig den Niedergeworfenen zur Seite, die Gekreuzigten lvnrden ihnen zu Helden, obzwar die amtlichen Kreise strengen Befehl erließen, keine Notiz von den ant Matterpfahl noch Trotzigen zu nehmen. Sie werfen thtre opfernde Liebe einem Orkan des Hasses entgegen. Und so ist in diesen klaren Herbsttagen. da die Erde voll ist des kühlenden zaristarken Hauchs der Weinbeere, nach zweitausendjährigen Wehen � endlich das Christentum geboren worden. Die Besiegten schreiten stolz dirrch die andächtig knieende Menschheit und die Sieger schmachten in der Einöde der Verachtung. Den Bettlern werden Triwnphthore errichtet, und die Könige werden auf die Folter ihres Erfolges gestreckt. Wehe den Siegern— Hosianna aber denen, die gebengt wurden! Die Völker haben die Menschen furcht vor der Gewalt und die sklavische Bewunderung des Erfolgs abgestreift, sie richten nur noch nach echtem Wert und ernster Gerechtigkeit. Niemals zuvor sah man solches auf Erden. Die-Heiligung der Wunden und die Krönung der Niederlagen ward zur tiefften Religion... Kurz, Herr Liebermann von Sonneitberg, Herr Stöcker, Graß Mirbach, Herbert Bismarck und Herr Dr. Arendt gar, die edelsten Träger strahlender Humanität, Taufende wohlgekleideter Männer� mid Frauen von 8 Mark Entree bis zum Stehplatz, von 1,50 Mark umschwärmen die Generale der besiegten Boeren und achten in ihrer Seelen im- ergründlichcr Tapferkeit nicht eiimtal des Monarchen, der jegliche Ehrung verpönte. Dreimal brachte mich ein Ungefähr in die Nähe der Boeren. und jedesmal ward meine Empfindung bitterer, bis zum Ekel bincr. Am Tage ihrer Ankunft ging ich gegen Mitternacht an ihrem Hotel vorüber; ein Haufen Menschen starrte zu den verhängten hellen Fenstern empor, von Zeit zu Zeit stieg ein mechanisches..Hoch die Boeren" empor, von einer nicht sonderlich gemäßigten Ulkstimmnng beflügelt. Im Pottal des Hotels Schutzleute zu Fuß, ringsum Schutzleute zu Pferde, ein wimmelndes Heerlager der Polizei. Schade, daß diese Wachtmanuschastcu nicht zwei Jahre früher zum boerischen«chutz ausgeboten worden find. Das zwecke Mal prallte ich im Reichstage mit den Generalen zusammen. Ich faß ziemlich allein nmew-iin Restanralioiiösaal. Auf einmal brachte der Kellner die Botschaft: die Boeren sind draußen. Ich trat aus den steiuernen Balkon des Saales. Draußen um die ungeheure Leere des Bismarck-Denkmals ballten sich plötzlich schwarze Mcnschenmassen zusammen, gleich slürinenden Wetterwolken. Zwei reitende Schntziente voraus, ein paar eilige Wagen. Howrnfe und Hütcschlveitken, eine kurze Pause, und auf der andern Seite des Denkmals sprengen abermals die beiden reitenden Schutzleute und die Wagen folgen ihnen. Kurz darauf bricht eine un- ruhige Prozession in die Stille des Stuck schen Distelgerank- Saales ein. In einem Schwärm von Boeren- Managern erscheinen die Generale. Herbett Bismarck, der ewige unbcgnadigte Ministeraitwättcr, geleitet sie mit der Würde eines Vor- tänzerö; seine Mienen— sein Kopf wird intmer mehr die schleckte stümperhafte Kopie des Baters— sind von der Genugthnung durchleuchtet. daß er thtin darf, was dem Biilow strengstens verboten ist. Einen Augenblick haftet in meinen Augen der summte, ermattete Ernst DelarehS. Ich sehe De Wets jungen, hochgewachsenen Verwandten, dem Krücken das zerschosfeuc Bein ersetzen müssen. Mit seinem steten Grinsen der Verlegenheit über seine Gebutt ttottet Herr Arendt, der Apostel des Mansfelder Bergwerksegens nebenher. Liebermann von Sonnenbcrgs grobes angcfettetcs Toastgesicht des allzu früh um die Ecke gebrachten vergnügten Lieutenants führt seine Wichtigkeit in dem welthistorischen Moment gravitätisch spazieren. Nur Herr Hasse, der von Leipzig aus die Welt unter die germanische Rasse verteil:, bleibt wie alle die Tage unsichtbar. Im Wartesaal erster Klasse, will sagen in dem für die Junker und ihre regierenden Vertreter reservierten Restmirativnsiaal, verschwindet der Zug, und nun wird es überall lebendig. Aus dem ganzen Hause strömt das Volk zusammen: Kellner, Diener. Journalisten, Abgeordnete; man erzählt, daß selbst die amtlichen Stenographen einen Augenblick daran gedacht haben, den Sitzungssaal und ihr Protokoll im Stich zu lassen. Feder lugt neugierig in den geweihten Ort. wo Herbert Bismarck den Generalen Kaffee tervicren läßt. Man ist sehr gespannt, sehr befriedigt, sehr vergnügt. Auch der„Woche"-Photograph er- scheint mit seiuent Kasten. Eintrittsgeld imtrde nicht erhöbe», auch der Ausrufer fehlte, der die Kuriositäten hätte erläutern sollen. Tie rettenden Schutzleute waren nicht mitgekommeii. Zmn drittenmale spürte ich in der Bernburgersttaße den Atem der Weltgeschichte. Es war nach zehn Uhr abends. Drinnen in der Philharmonie sprach Graf Mirbach, diesmal nicht über den T'/a Mark- Zoll. Draußen aber stand wieder der animierte Menschenhaufeu. Lange Reihen Droschken sperrten die Straße. Man hätte glauben können, daß Nikisch ein philharmonisches Konzert dirigierte, wenn nicht die ganze Gegend abermals mit Schutzleuten übersät gewesen wäre. In den dunklen Hausstuten der Nackbarhäuser hatte die Polizei Posten ausgestellt, offenbar bereit, eine Boerenschlacht zu schlagen, wenn es jemanden gelüstet, allzu hitzig zu demonstrieren. Aber es geschah nichts. Plan war sehr gespannt, sehr befriedigt, sehr ver- gnügt. Die Straße war kostenfrei. Ans einer nahen Kcllerkneipe gröhlte ein Heldensang.... � Graustger und unbarmherziger, so dünkt mich, als der fast dm- jährige Krieg gegen eine erdrückende Ueberrnncht- ist dieser Triumphzug um Almosen. Gciviß, es ist erfreulich aber in dem social- t:mü!rürif<6cn Berlin dock Mick feldstberständliK, daß hier nicht die Hunderttausende den Befehlen eines Einzelnen parieren, das; man die Boeren feiert, obwohl ihr Boykott höchstes Gesetz sein sollte. Auck das ist zlveifellos, dost die Proletarier innig und aufrichtig mit den Kühreni des Boerenvolks fühlen; die Boeren haben für die Freiheit und Nnabhängigkeir als Schwache und Wenige gegen die Starken und ssahllos-Biclen gekänrpft, diese eine Thalsache genügt, nin ihnen die Synipalhien derer zu gewinnen, deren ganzes Tasein ein einziges gewaltiges Ringen gegen die iibermächlige Ber- uichtung ist, mögen die Boeren nach Art und Wesen sonst proletarischen Idealen noch so fremd und feindlich sein. Aber nicht das Proletariat ist es, das die Boeren umringt. Tas ist vielmehr ein Ptemierenpublilmn der höheren Steuerklassen, das sich'elbst zur Schau stellen will, indem es sich an die Fersen der Botho und Delarey heftet. Ein gemeines Gasserstück für den frisierten Müstiggang und die eftle Hohlheit ist dieser Boeren- empfang. Nicht anders ist es gewesen, als wenn wilde Völkerschaften im Zoologischen Garten ausgestellt oder die dunkeln Gestalten be- gaiir werden, die der rasende Moni Pelöe offenbar nur deshalb verschont hat, damit ihre Merkwürdigkeit ein staunendes Eirkus- Publikum zu ergötzen vermöchte. Tas Abscheuliche ist nur, daß diese Generale, die also durch die Grostftädte Europas geschleift werden, leine Erfindungen, keine Puppen Biirurrns find, sondern die wirklichen Führer und Opfer eines unvergleichlich heroischen Kampfes. WaS mag in den Seelen der drei Männer vorgehen, wenn sie setzt nnc den Blumen und den Hurras emes glatien und platten Schaupöbcls beworfen werden? Fühlen sie das Würdelose und über- dies das völlig Nutzlose ihrer Enropasahrt, die schlechte Rargeber ihnen um ihres Volkes willen anrieten? Ich vermag nicht in ihren Herzen zu lesen. Tiefe Knegsleiite find zum mindesten sehr welmnknndig. weim sie sich von der gual- vollen Mission irgend welche Vorreilc versprechen. Die ganze deutsche Bocrcnsippschaft hat ein paar Pfennige für das unglückliche Volk zu- scunmeilgebracht; ein einziger von den reichen Gönnern hätte, ohne sich die geringste Selbstbeschränkung aufzuerlegen, das Zehnfache der Summe hergeben können, die fic alle zusammen um der groffen Sache Willen opferten. Und für dieses Nichrs die beschämende Bittreise der Armen! Bisweilen hat eS in den Reden der Generale, die sie in Brüssel, Paris imo Berlin gehalten, wie mühsam verhaltener Abicheu ge- grollr, so dast man glauben möchte, sie haben das volle Bewußtsein ihres Elends, das sie meinten, auf sich nehmen zu müssen, weil Thoren oder Böswillige ihnen eingeredet haben, daß es not- wendig sei. Haben sie aber diese klare Selditempsindung, daim miißte ihre Abschiedsrede an das Europa der kapitalistischen Hninani- Jät.etwa so lauten: "„Wir haben alle Städte Eures reichen Erdteils durchwandert. Eure Begeisterung in allen Spracken gläubig gehört. Die breitesten Straßen Eurer größten Städte wurden zu eng. uro die Massen der Amichzendert* zu fassen. Wir sahen die gedrängten Hunderttausend« und Millionen, die ihre Liebe in die Lust schrien und ihre Taschen- tücver enlsessetten. Eure vornehmsten Männer drängten sich, um uns von Angesicht zu sehen, imsre Freundschaft zu erhaschen. Da lernten wir die unermeßliche Menge unsrer Getreuen keimen, die ganze Welt, wahrlich, schwort zu unsrem armen Volk. '_„Dach Eines verwunderte uns. Von welchem Stern find uns diese Hilfstruppen plötzlich gefallen? Sind sie erst gestern geboren und wurden über Nacht zu. Jünglingen, Männern und Greisen? Denn vordem waren. sie doch nicht ans Erdenk Drei lange, gual- volle Fahre hindurch haben wir in unserm Jammer um Hilfe ge- schrien. Niemand hörte uns. Die Erde schien veröder. Die Diplomaten zuckten die Achseln, die Parlamente waren taub und die Völker hatten keine Zeit für uns. Dafür tiertauften sie um teures Geld Kanonen und Pferde an unsre Feinde. So gingen wir zu Grunde. Und mm da wir alles verloren, wachsen jäh aus der Erde ungezählte Scharen, die selbst die Gesundheit ihrer Kehlen opfern, um uns zujubeln zu können, wie sie uns lieben. O. warum waren nicht einige von diesen Ungezählten schon ftüher aus der Erde. sie wären gemig gewesen, um uns zu retten! „Wir aber sagen Euch, in dem wir Euch für die Heller danken, mit denen ihr die Blöße und den Hunger unfres Bolles verspoltet: Furchtbar war der Krieg, aber tausendmal eher wollen wir in Stürmen von Granaten ans kaltem Boden Tag und Stacht dem Tode harren, als nochmals Schaustücke werden Eurer Mildthätigkeit. Wie jeuer greise Künstler, von dem die Sage kündet, schleppen wft aus unserm Rücken die Kupserlast Eirrer Rettelpfemrige. zusammenbrechend. .„Schamlosigkeit mir fit Eure Liebe, die nach ruchlosem Verrat jetzt uns nmlärmt, statt'cheu in die ferne Nacht ihres Gewissens zu fliehen. Mit dem Ruhm der Besiegten mästet Ihr Eure Eitel- keit. und Eure Seelen find so stumpf, daß sie selbst an den Leichen ihrer Opfer Feste feiern."— Joe. kleines f euUleton* hm. Eine Nacht. Es ist fast jedesmal das alle Lied. Ich komme in der letzten Minute, gerade noch cechlzettig genug, um ein- stkigen zu können, oder ich komme, wenn die Schaffner ganz un- nachahmlich das Wort„Absahrl" rufen, stehe dann schweißtriefend am Durchgang und sehe wehmütigen Auges dem Enteilenden nach. Woher das kommt? Manchmal, weil ich viel Arbeit habe und manch- mal, weil ich der Bahuhosshallcnluft nun einmal nicht das nötige Fmcrcfie abgewinnen kann. Dicscsmal war ich glücklich da, che die Schüren zugeknallt wurden, sprang auf die Plattform und war drin. Ra, Gott sei Tank, es ging heule, ich konnte noch fitzen. Die Thüre fliegt zu.„Fertig. Abfahrt I" Ein Pfiff der Lokomotive, ein Stampfen und Stöhnen und der Zug setzt sich in Bewegung. Noch ein paar Miimtelt und Bahnhofshallen und Bogenlampen sind überwunden. Draußen ist es fast schon Nacht. Die Hänser erscheinen wie schwarze Ungeheuer und alle die bunten Lampen auf dem Bahngeleise wie Irrlichter, und durch alles das hindurch saust der Zug, schwarz, unheimlich, lebend mit seinen großen, glühenden Feueraugcn und die Nacht ist lau und lind, kein Luftzug, als ob es Hochsommer wäre. Das Ganze ein Johannisnachtspuk, und doch ist es Herbst. Trumen im Wagen brennen trübselige Lampen, es ist. als wollten sie einschlafen, müde, stumpf von dem ewigen Einerlei. Ihre Schwestern in den ersten'Abteilen haben es besieg sie sehen ein wcchsclvollcrcs. manchmal sogar recht sarbenprächligcs Bild; dürfen airf geistvolle und nicht geistvolle Reden lauschen. Darum brennen � sie auch heller und lustiger, ihnen ist das Leben dort angenehmer als den Schwestern hier, wo es neben lauter heller Fröhifflstcit, Lärm, lrindergeschrei. Haiunonikamusik, doch jeden Tag ganz hinten in der fernsten Ecke, wo bei dem trüben Lichtschein tiefe«chatte:» lagern, ein Stückchen tiefen, nackten Elends giebt. Meine Mitreisende sind während meiner kurzen Betrachtung fast alle nach und nach eingeschlummert. Zuerst die alle Frau da drüben mit dem lieben, gute» Gesicht, welches mich an meine Mutter erinnert. Ihr gegenüber nickt ihr Sohn, ein junger Mann von ungefähr 20 Jahren, welcher denselben gutmütigen, aber nicht den intelligenten Gesichtsausdruck der Mutter hat. Sie sind beide nur auf Besuch in der großen Stadt gewesen. Ihr gefiel es ganz gut in Berlin, aber dem Sohne nicht, er hatte schon Sehnsucht nach seinem kleinen westfälischen Torfe, wo er nun eine zeitlaug ein Held sein wird, weil er zwei Wochen in Berlin gewesen ist und darum ein ganz anderer Mensch sein muß, als die anderen Burschen. Auch die dicke Bauersfrau an meiner Seite ist verftumnit, nachdem sie durch offenherziges Fragen von mir erfahren hat. wohin mich das schwarze Ungeheuer diese Nacht bringen soll, und in welcher Stadrgcgend und wieviel Treppen hocb ineinc Wohnung in Berlin ist. Erstaunt schaue ich mich jetzt nach den, lebenden Fragezeichen um. auch ste ist sanft entschlummert und nickt so eifrig über ihre:» großen Henkelkorb hin, als ob sie mit der Frau Kantorin spräche. Ei» altes, liebernstes Ehepaar. Em Händler, der es sich bequem gemacht hat und der dem neben ihm sitzenden Türken in der hohen roten Mütze und dem dunklen, hübschen Gesicht aus seine Frage. ob er französisch sprechen könne, durch immer lauteres Sprechen die deutsche Sprache verständlich zu machen suchte, offenbar von dem Gedanken beseelt, daß der fremde Mann, mir dem er sich ganz gern unterhalten möchte, ihn verstände, wenn er langsam und laut Wort für Wort spricht. Ein paar junge Mädchen, in der Mitte des Wagens ein großer Rcifekorb und die bunten Decken des türkischen Mannes, der noch nicht vom Schlaf befallen fit, aber unverwandt auf seine Decken starrt. Und dann, ganz in die Ecke gedrückt, vor dem friedlichen, schlummernden Bilde zurückweichend, das Elend; das graue, zitternde. entblößte Elend. Ein bleiches, junges Poleuweib. auf deren Schoß sich ein kleines Wesen von Zeit zu Zeir wie iw' ampse windet. Aber eö stößt keinen Schrei aus und die junge" utter weint auch nicht; jetzt guckt sie auf, unsre Augen treffen fick and ich schaudere zusammen. So viel Elend, so viel herzzerreißenben Jammer habe ich iroch nie im Leben gesehen, Ivie aus den Augen dieses klaglosen Weibe« spricht, und doch habe ich schon so viel Elend geschaut. Leise trete ich herzu; ich verstehe kein Polnisch, sie kein Deutsch, aber rch seh« das Kindchen an und dann wieder die Mutter und dann streichle ich ihre harten verarbeiteten Hände, ich kann ja nicht anders trösten. ,ebc ihr ein paar Stückchen Obst und Kuchen für das Kind. Wie leises Leuchten gleitet es bei meiner Berührung über das verhärmte Gesicht, sie sieht mich wieder an und die Augen sprechen:„Haü' Dank für Dein Mitleid." Stunden sind verflosien, ich trete ans Fenster. Der Zug eilt noch immer durch die dunkle, leuchtende Herbstnacht. Der dicke Cnalui der Lokoinoliv« wälzt sstti schwer und erstickend über die Wageiueibe» hin, über alle Abteile, unheildrohcnd, finster, und er Iveicht nicht. Die Räder des Zuges sausen, von der Damvslrcut d-t vorne gezogen, vorwärts, immer fort, der Ursprungsqnelle des schwarzen Rauches nach; aber sie kommen nicht zum �,lcl, es ßl wie ein Spiel von Dämonen, welches den Zug in rasender Eile vor» wärts reißt. �..... v Bäume und Lträucher heben sich in dunklen umrissen von der Nacht ab, über ni>>. leuchten noch die Sterne, aber ganz fern unten am Horizonte ist sck on ein lichter, zarrrosigcr Schein; der Morgen graut. Ein kurzer Pfiff, ein Stampfen, Stöhnen da vorn, der Zug hält, zum so und so vielten Mate während der nächtlichen Fahrt. Das junge Weib da drüben ist mit ihrem Kindchen auch ein bischen eingeschlummert._ Ich bin am Ziele. Aufatmend verlasse� ich das Couvö, eme herbe, würzige Lust umfängt mich, die dumps« Schwere weicht von Leib nnd Seele. Und dann eine Fußwanderung durch taufrische. «rtwidficnbe Felder, ew herrlicher Gang hinein inS neue Leben. Jetzt steigt drüben die Sonne auf: goldig, sieghaft schön, kleine, rosige Wölkchen voraufschickend, in den Zweigen der alten Weiden und Espen flüstert es leise, und ich breite die Anne aus in jubelndem und doch wehem Glück. Nach einer solchen Nacht ein solcher Morgen; der Tag wird heiß werden, aber soimendurchglüht, lebend, schön. ce. Marmorgewinnung in Griechenland. Wenn man sich so ein gewöhnliches Stück Kalkstein ansieht, so sagt man sich nicht, daß auch das herrliche Gestein, das als Marmor schon so manchen genialen Künstlergedanken für alle Zeiten unsterblich machen half, zu derselben Gesteinsart gehört, denn Marmor ist ein krhstallinisch- körniger Kalkstein, der namentlich in den alten Schiefergebirgen aus- tritt, und gerade die berühmten Marmorarten, der penthelische, parische und der heute wohl am meisten verwendete carrarische ge- hören dem Trias- oder Kreidegcbirge an. In Griechenland wird auch heute noch ein großer Handel mit Marmor getrieben, den eine englische und eine griechische Gesellschaft in Händen haben. Am teuersten sind der feine weiße bis graublaue und der gelbliche parische Marmor, die 14(1— 100 Drachmen per Kubikmeter gelten; sie repräsentieren ungefähr ein Drittel der jährlichen Gesamtausbeute. Die andern zwei Drittel sind ein mehr graublaues Gestein, das zum Teil von Hmnettos kommt; davon gilt der Kubikmeter 120— 140 Drachmen. Es werden immer noch per Jahr 2500— 3000 Kubikmeter Marmor aus Griechenland ausgeführt, deren Gesamtwert sich auf ca. 400 000 Drachmen beläuft.— Psychologisches. — Alkohol und Beeinflußbar keit. Obgleich die geistige Beeinflussung, die Uebcrredung, gewöhnlich mit dem Fremd- wort Suggestion bezeichnet, während der letzten Jahrzehnte nach den verschiedensten Beziehungen eingehend studiert worden ist, vermißt Oberarzt Dr. Bresler in seiner Schrift„Alkohol auch in geringen Mengen Gift"(Halle. Karl Marhold.> genauere Untersuchungen darüber, in Ivelchem Grade der Alkohol die Ueberredung emer Person begünstigt, sozusagen einen suggestiven Zustand schafft, er sagt: in Ivelchem Grade— denn daß er überhaupt einen solchen schafft, das lehrt die tägliche Erfahrung, die Beobachtung des Lebens im Gast- Hause; die Verführung bedient sich sehr oft mit Erfolg der Ver- Mittelung der geistigen Getränke. In den Wirkungen des Alkohols haben wir drei' Faktoren, aus welchen sich der luggestive Einfluß erklären läßt. Ter eine ist die während des Alkoholgenusses vcntv sachte Ausschaltung der urteilenden, wählenden Gedankenthätigkeit, demzufolge den von außen zuge- führten Vorstellungen nicht genügend starke oder keine Gegen- erwägungcn entgegeiigesrellt werden; �— also die gewök-'liche Erscheinung geistiger Inferiorität, wie sie sich namentlich auch bei leicht hypnotisierbareii Personen findet, wird hier tänstlich durch einen chemischen Stoff erzeugt. Dazu kommt, daß infolge der durch Alkohol bedingten Verminderung der Merkfähigkeit der Alkohol:>:erte außer stände ist, eine längere Kette von Gedankenverbindungen so im Gedächtnis festzuhalten und zu übersehen, wie es zur Bildung eines richtigen Urteils über dieselbe erforderlich und beim nichtalkoholi- sterten Menschen auch möglich ist. Noch wichtiger erscheint aber der zweite Fatror, d. i. die A l k o b o l st i m in u n g. Schon die nor- male, d. h. nicht durch den Alkohol genannten Abfallstoff des Bier- oder Weinhefepilzes bedingte heitere Stimmung macht uns aus- uahmefähiger für Eindrücke und Wahrnehmungen im allgemeinen, aber die normale Heiterkeit schwächt nicht gleichzeitig unsre Urteils- kraft wie cZ der Alkohol thut. Ter Angeheiterte ist auch nicht im stände, alle Eindrücke zu verarbeiten. Ferner ist es eine psycho- logische Thatsache, daß in einer heiteren Stimmungslage vorwiegend Empfindungen und Vorstellungen erfreuliche» Inhalts anklingen und sich anknüpfen, in trauriger Gemütsverfassung solche traurigen Inhalts, ja daß von Dingen, die in sich freundliche und düstere Momente bergen, wir in heiteren Stunden mehr das Freundliche, in ernsteren Stunden das Düstere wahrnehmen. Was Wunder, wenn zu allem, was in Empfindungen und Gedanken uns in der fröhlichen Wein- und Bierlaune zugeführt wird, Uon_ selbst das sorglos Heitere an Erinnerungen, Schlüssen und Entschließungen sich einstellt. Als drittes kommt die durch kleine Mengen Alkohol bewirkte Erleichterung der Auslösung von Be- weg» n gen als suggcstionsfördernd in Betracht. Die Bewegungs- nerven werden durch?llkohol in einen Zustand abnorm leichter Er- rcgbarkeit versetzt; infolgedessen zeitigt ein schon geringer Impuls Handlungen, denen sonst hemmende Vorstellungen mit Erfolg im Wege standen.—. Wer einem andern etwas plausibel machen will, hat alw tm Alkohol den besten Helfer.>.,Die Umschau.") Medizinisches. 1e. Das alternde M e n s ch e n b e r z. Wenn es einem Menschen beschieden ist, sein Leben auszuleben und auf die Art zu sterben, die den Alten unrühmlich als„Strohtod" galt, so wird das Ende gewöhnlich durch das Versagen desjenigen Organs herbei- geführt, das verhältnismäßig das schivächste ist. In sehr vielen Fällen ist es das Herz, das im Greisenalter seine Aufgaben nicht mehr genügend zu erfüllen vermag, ohne daß eine eigentliche Herz- krankheil vorliegt, lieber diese Herzschwäche im Grciscnaltcr uiid ihre Pflege hat Erneste Guihal einen kurzen belehrenden Aufsatz in Verantwortlicher Redakteur:(5arl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: der von Professor Mendelsohn herausgegebenen Monatsschrift„Die Krankenpflege" veröffentlicht. Er weist darauf hi». daß er einen chronischen Herzfehler in solchen Fällen niemals beobachtet hat. sondern daß der Herzschwäche eine Bereinigung von krankhaften Zu- ständen zu Grunde liegt, die in Schädigungen der Lungen, der Arterien, des Hcrzfleischcs und der Nieren zusammenwirken. Diese verschiedenen Zustände sind bei den meisten alten Leuten gleichzeitig vorhanden, und es läßt sich daher auch nur selten sagen, welcher davon das Herz am ftärstcn beeinflußt. Allerdings wird es am häufigsten die Lunge sein, deren Blähung oder Erweiterung das Herz in Mitleidenschaft zieht. Jedoch bat auch der Zustand der Adern und der Nieren fast immer eine Bedeutung dabei. Eine Er- scheinung. die als eine Folge des gealterten Menschenhcrzcns aus- tritt, ist die Atemnot, die dem Grade nach wechseln kann, aber meist dock dauernd vorhanden ist. Es komnit dabei bis zu ziemlich langen Atempausen, die durch unregelmäßige schnelle Atemzüge unterbrochen sind, während derer das Sprechen sehr erschwert ist, obgleich ein Angstgefühl bei den Atempausen nicht einrriu. Ter Puls ist häufig ungleich, aber sonst stark und voll, auch nicht immer beschleunigt. In Verbindung mir diesen Erscheinungen tritr eine leichte Schwellung der unteren Ertremirüren auf, daneben noch andre Folgen, die recht verschieden sein können. Als Behandlung ist die Einführung von Milchernähriurg und Bettruhe von großer und schneller Wirksam- keit. Schon innerhalb eines Tages pflegt der Patient dann sein Wohlbefinden insoweit wiedererlangt zu haben, daß eine weirere Kur vorgenommen werden kann. Ueber die zu verschreibenden Arz- ncien zu sprechen, ist hier nicht der Plav. Allmählich kann an ore stelle der reinen Milchnahrung wieder die gewöhnliche Ernährungs- weise treten, wobei jedoch große Vorsicht zu beobachten ist; namenr- lich darf dem Verlangen des Kranken nach fester Nahrung nicht zu früh stattgegeben werden. Von andauerndem Erfolg kann die Be- Handlung selbstverständlich überhaupt nicht sein, da der Ursprung der Krankheit eben in dem hohen Aller und in den dadurch bedingten Veränderungen der Organe beruht. Das Leben läßt sich aber doch um eine beträchtliche Zeit verlängern, wenn solche Anfälle jedesmal sofort in der geeigneten Weise behandelt werden.— Humoristisches. — R a fff i n i e r t. Fremder:„Wer ist denn der Herr, der dort am Stammtisch fortwährend das große Wort führt?" Einheimischer:„Das ist ein früherer Afrika- reisender. Ter ist vom Wirt engagiert, daß er jeden Abend von seinen Stravazen und Entbehrungen in der Wüste erzählt, und da kriegen die Gäste dann einen wahrhaft tropischen DurftI"—> — Ans der Lebenspraxis.„Von d e in krieg' ich auch noch GcldI" sagt man gewöhnlich von einem, von dem man kein-) mehr kriegt.— — Ländliche Sparsamkeit. Städter:„Aber, Herr Wirt, Sie müssen doch Ihre Fenster'mal reinigen lasscnl Man kann ja gar nicht ins Freie sehen I" Landwirt:„Nee, die machen mer nich recne, sonst müssen mer ja doch— Vorhänge hab'n wegen der Sonne l"— („Fliegende Blätter.") Notizen. -— Von Dr. Wilhelm K i e n z l, dem Komponisten des „Evangelimann". lvird demnächst ein Band Ejsays er- scheinen.— — Das Schauspielhaus wird in diesem Winter noch folgende Novitäten bringen:„Das dunkle Thor" von Philippi,„See- tufl" von Stobitzcr.„Krieg im HanS" von Misch und„Gcrcchtig- keit" von Otto Ernst.— — Schall und Rauch hat sämtliche Bühnenwerke Oskar Wildes zur Aufführung erworben(„Der unerläßliche Ernst",„Eine gleichgültige Frau",„Ter ideale Ehemann" und„Der Fächer der Lady Windermere").— — Tic erste deutsche Aufführung von Björnsons neuem Schauspiel„Auf Storhove" findet am 6. November im Stuttgarter Hoftheater statt.— — Tie L e s s i n g- G c s c l l s ch a f t veranstaltet heute, abends 8 Uhr, in der Dorotheenstr. 13/14, einen Schumann- A b e n d. Ter Eintrittspreis, inklusive Programm und Garderobe, beträgt 50 Pf.— — Am Kaiser stuhl sehen nach der„Bad. Landesztg." die Winzer beim Herbsten in den Rebgeländen W c i n st ö ck e in voller Traubenblüte, daneben frische reife Erd- beeren und auf den Bäumen vollständig ausgereifte und glänzend schwarze Kirschen, lauter Früchte, die sich aus der zweiten Blüte cnt- wickelten/ nachdem die Waifröst« dw ersten Blüten vernichtet hatten.— — Demission einer Chorsängerin. Tie Direktion des Wiener Carl-Theaters erhielt folgendes Schreiben:„Löbliche Direktion! Ich erlaube mir, der Direktion bekannt zu geben, daß ich mit heurigem Tage nicht mehr Mitglied des Carl-Theaters bin, indem mir eine günstige Heirat bevorsteht, und mich mein Bräutigam momcnral von der Bühne weghaben will. Mit hoch- acktungsvolll I. R."—___ wrwärtS Buchdruckerei und Bcrlagsanjtalt Paul Singer& So., Berlin 3\V.