Unterhaltungsblatt des Horivarts Nr. 203. Dienstag, den 21. Oktober. 1902 Nachdruck verboten. 111 Der Qnkenteicb* Ronian von Gertrud Franke-Schievelbein. Volkmar lachte auf.„Entschuldigen Sie, Rober. Wenn Sie so weit ausholen— 1 Ich Hab' keinen Augenblick Ieit. Was giebt's denn eigentlich?" „Ich will mich nicht aufdrängen," sagte Rober, noch immer beleidigt. Die schlaffe Gestalt war wie aufgeblasen von dem Gefühl, in seinen besten freundschaftlkchsten Absichten zurück- gewiesen zu sein.' Richard hielt ihäi fest.„Mein Gott, so schieben Sie doch endlich los, Rober l" sagte er mit gezwungener Jovialität. ..Was haben Sie denn Welterschütterndes? Jdf bin ja gespannt wie'n Luchs." Rober schüttelte halb entrüstet, halb besiegt den Kopf. Seine langgeschlitzten, innner thränenden Augen blickten vor- wurfsvoll aus den Kollegen. „Sie sollten die Sache nicht so von der spaßhaften Seite nehmen, Volkmar." „Die Sache?— Welche Sache?" „Sie lassen mich ja nicht zu Worte kommen. Es handelt sich um— Ihre Frau." „Meine Frau?" Richard fühlte, wie ihm alles Blut zum Herzen sttönite. Einen Augenblick war's ihm, als wirble die Welt in tollen Drehungen um ihn herum. Das lange, gelbe, salbungsvolle Gesicht vor ihm verzog sich zu einer scheußlichen, drohenden Fratze. Aber nur em paar Herzschläge lang. Dann hatte er sich gefaßt. Er lachte.„WaS geht Sie meine Frau an?" „Hm— mich ja nicht gerade. Wenn ich auch gestehen muß, daß es uns allem hier voni Gymnasiuni— schon aus Standesrücksichten— nicht gleichgültig sein kann—" „Rober 1" sagte Volkmar tonlos, aber so fest und drohend, daß der lange Mensch ängstlich einen Schritt zurückwich,„jetzt mal ohne Umschweife: was meinen«sie?" „Ich meine." stotterte Rober,„daß allerlei geredet wird über Ihre Frau. Meine Frau hat's gestern mif dem Markt von ihrer Grünkramhändlerin gehört—" „Eine lautere Quelle!" murmelte Volkmar, dem Schmier auf Schauer über den Rücken rann. Er versuchte mit zitternden Lippen zu lächeln.„Und solchen Klatsch erzählen Sie mir wieder? Und— glauben ihn vielleicht gar?" Lauernd hingen seine Blicke an dem Munde Robers. „Glauben?" sagte der. lviedermal aufquellend wie ein nasser Schwamm im Gefühl seiner Moralität—„glauben? Lieber Freund, wenn ich das hirnverbrannte, himmelschreiende Gewäsch nicht für eine Ausgeburt niederträchtiger Boshett hielte, würde ich ntich für zu gut halten, auch noch ein Wort an Sie zu verlieren. Dann wür's aus. Sie kennen mich ja." Er vergrub die Rechte in dön Ausschnitt seiner ab- getragenen— trotz ihres Alters noch nicht bezahlten Weste und hob den Kopf mit einem wunderbaren Gemisch von Wohl- wollen und Vonvurf. „Glauben? Dein. Aber daß ich Ihnen davon Mit- teilung mache— trotzdem es eine äußerst peinliche und undank- bare Aufgabe für mich ist— schien mir nicht blvß als Freundschafts-, nein, als sittliche Pflicht geboten." Richard zuckte die Achseln.„Ich— ich bin Ihnen ja sehr dankbar für den guten Willen— ja gewiß 1 Aber lassen Sie die Leute doch r->>>->". Was will man dagegen! machen? Man ist wehrlos gegen das Gift der Verleumdung." Rober legte ihm gewichtig die Hand auf die Schulter. „O nein, Kollege, erlauben Sie! Man kann schon dagegen. Und ivenn Sie inir eine Bemerkung nicht übeldeuten wollen: Sie haben den Klatsch ja förmlich'hermlsgefordert!" „Oho!" lachte Richard. Ihm wurde wieder ein wenig leichter ums Herz. Die Erklärung Robers, daß er das Geschwätz nicht glaube, hatte ihm Mut gemocht. Niemand traute ihm eine solche Handlung zu, ein so tollkühnes Wagnis, mit dem er seine ganze Existenz in Frage stellte. »Erstens," zählte Nober an seinen dürren Fingern pedan- tisch her,„durch Ihre überstürzte Heirat. Ohne Verlobung, ohne alles. Wir fielen ja förmlich aus den Wolken! Zweitens: Sie stellten Ihre Frau keinem Ihrer Kollegen, nicht einmal dem Direktor vor. Vielleicht waren wir Ihnen— oder unsre Damen— als Umgang nicht gut genug—" „O nein," lachte Richard.„Aber der Knüppel liegt beim Hund. Gesellschaften— dazu langts nicht—" „Drittens," zählte Rober unbeirrt weiter,„vergraben Sie sich da draußen im Unkenreul— wie aus der Welt I Sie vermeiden unsre gemütlichen Kneipabende, die Vereins- sitzuugen, die philosophischen Versammlungen— und viertens: Sie verstecken Ihre Frau. Kein Mensch hat sie jemals mit Augen gesehen. Beinah, als ob Sie Grund— na, fahren Sie nur uicht auf! Ich meine es freundschaftlich, wahrhaftig. Und da mächt ich Ihnen dringend raten— lassen Sie mich mal ganz offen sein— Herrgott, wenn die Dame vielleicht schon ein bißchen ältlich— ich weiß ja nicht — man mutmaßt so allerlei— oder vielleicht nicht den groß- städtischen Firnis hat— sie ist ja ivohl vom Lande?— das ist ja alles Nebensache. Sie dürfen sich nicht genieren, sich nüt ihr zu zeigen. Sie müssen heraus! Wenn Sie wüßten, was für Gerüchte, für Blasphemien in der Stadt umgehen — die Folge Ihrer unklugen Zurückgezogcnheit— Sic würden nicht einen Augenblick zögern, sie zu zerstreuen. Dadurch, daß Sie Ihre Frau in die Welt, die Gesellschaft einführen, daß Sie—" Es läutete, und Rober brach hastig ab.„Denken Sie dran!" mahnte er, Richard die lange, blutlose Haud hin- streckend.„Sie sind ein junger Hitzkopf. Aber ich kenne die Welt." Und nun sollte Richard fünf Sttmden lang unterrichten? Noch nie war ihm ein Vormittag so lang geworden. Die Jungen wunderten sich über seine Zerstteutheit, sein heftiges Aufbrausen— und dann wieder über die stumpfe Gleich- gültigkeit, mit der er die stümpernde Ovidübersetzung seines „schwarzen Schafes", des Siegfried Wolf, über sich er- gehen ließ. Eiits war ihm aber klar geworden während dieses qual- vollen Martyriums: Lene durfte nichts erfahren. Ihre Unbefangenheit sollte nicht gestört werden. Doch sah er ein, daß Rober nicht unrecht hatte. Er mußte sich mit ihr zeigen. Ihre ruhige, klare, feste Persönlichkeit, der echt weibliche Reiz ihrer Erscheinung würde die tollen Vorstellungen, die sich über sie gebildet hatten, leicht zerstreuen. Die beste Gelegenheit, sie zwanglos bei seinen Kollegen einzuführen, würde das nahe Schülerfest sein. Als er ihr davon sagte, war sie sehr erstaunt. Aber sie willigte nach einigen Bedenken ein. Der Kleine sollte so lange unter der Obhut der Steigenberg bleiben, die eine ganz ver- rückte Zärtlichkeit für das Lkerlchen gefaßt hatte. Der Festtag kam, so blau und golden, mit so rotlich wärmen Sonnenstrahlen, so bunter, leuchtender Laubpracht, niit einem so süßen, halb lachenden, halb wehmutsvollen Zauber, wie nur ein Septembertag haben kann. Richard Volkmars Herz klopfte in heftiger Beklemmung, als er mit Lene den Weg nach dem Festplatz einschlug. Von Zeit zu Zeit warf er verstohlen Prüfende Blicke auf ihr Gesicht, auf ihre ganze Gestalt. Wahrlich, er konnte Ehre einlegen mit seiner Frau? Sie verstand die weibliche Kunst, sich gut zu kleiden. Selbst in dem schlichtesten Hausanzug sah sie nett und zierlich ."is. Sie gab auch etwas auf ihre hübsche Erscheinung, schon aus Selbstachtung und Ordnungsliebe. Tie Harmonie, die stille, sichere Ruhe und Einfachheit, die ihr ganzes Wesen beherrschte, strömte wohlthuend von ihr aus. Und so fest und gelassen, ohne Bangen und Schüchternheit ging sie an seinem Arm. Unter dem kleinen kleidsamen Fralienhütchen war ihr brünettes Gesicht wohl blasser als sonst. Aber in ihren Augen stand ein stilles, tapferes Selbst- bewußtsein. Gottlob! dachte er, daß sie nichts ahnt von den verrückten Vorstellungen, die über sie umlaufen! lind dann wieder: Was werden sie alle für Augm machen! JSt genoß schon im stillen die Sßcrtmniiertmg der Kollegen Wie einen Triumph. Auf dem Festplatz war schon ein Gewimmel von großen und kleinen Leuten. Ein buntes Bild! Es war, als wollten die Menschen mit der Natur wetteifern im Pruilken mit leuchlenden, schreienden Farben. Und über allem heiteren Kunterbunt, GeWoge und Gc- spreize die dunkle, einfache, immer gleiche Majestät des Fichtenwaldes. Tie Jugend tummelte sich noch zwanglos auf dem weiten Rasenplatz. Eltern und Augehörige, auch viele Freunde der Anstalt waren erschienen. Es gab immer viel Hübsches zu scheu, und die Eitelkeit der Väter und Mütter, deren Buben Preise einheimsten, war ergötzlich und rührend zugleich. Volkmar drängte sich mit Lene durch die Menge, die sich einen guten Platz zum Zuschauen gesickert hatte und-einen dichten Kordon um das Turnierfeld bildete. Eben traten die Kleinsten zu einem Reigen an. Ta fühlte Lene auf einmal, wie ein leiser Ruck durch Richards Körper ging. Im nächsten Augenblick blieb er vor einer Tamengruppe stehen, verneigte sich und stellte seine Fratt vor. Lene sah in ein halb Dutzend Gesichter, die alle Grade des Erstaunens, der Ueberraschung. ja sogar der unverkenn- barsten Befremdung deutlich zur Schau trugen. Kühle, steife Verbeugungen, konventionell lächelnde Mienen, matte Händedrücke, ein�paar leere Höflichkeitsphrasen. „Freue mich ungemein!"—„«ehr angenehm!"—„Endlich haben wir das Vergnügen!" Kornelie Urban war die letzte, die ein Begrüßungswort fand. Ihr unbewegliches Gesicht zeigte ein starres Masken- lächeln, als sie glatt und zuvorkommend sagte:„Gnädige Frau haben uns aber lange auf die Freude warten lassen, Sie kennen zu lernen?" Lene sagte ganz einfach:„Ich will mich nicht ent- schuldigen. So ein junger Haushalt. Und ich lebe mich schwer�ein in neue Verhältnisse." Sie war so liebenswürdig und gewinnend, so gar nicht das, was man sich unter ihr vorgestellt hatte, daß die Damen unter sich erstaunte Blicke tauschten. „Und gefällt es Ihnen hier?" fragte Frau Bittrich, eine unschöne, kleine, kümmerliche Frau, der die Jllusionslosigken und die stumpfe Resignation auS den tiefliegenden, dunkel umrandeten Augen sab. Die auffallende, überladen kostbare Toilette, die sie ihrem Mann zuliebe trug, ließ die krankhafte Farbe und die Welkheit der Züge nur deutlicher hervortreten. Lene fühlte das warme Mitleiden der glücklichen, ge liebten Frau mit der ungeliebten, vernachlässigten, beinahe herzlich sagte sie deshalb, unwillkürlich voll Zärtlichkeit ihren Mann streifend:„Es ist ja so schön hier, gnädige Frau!" „Hatza!" lachte Frau Professor Schulz. di5 es als Groß- städterin für notwendig und vornehm hielt, alle Einrichtungen des Städtchens lächerlich zu machen.„Sie scheinen sehr an- spruchslos zu sein. Frau Doktor!" Lene sah sie ruhig lächelnd an.„Ich hoffe," sagte sie. Frau Rober hatte zu ihrem Bedauern nicht erscheinen tonnen, aus Gründen, die man sich mit vielsagendem Lächeln ins Ohr flüsterte. Richard hatte seinen Zweck erreicht. Seine innere Auf- rcgnng hatte sich ein wenig gelegt. Er konnte Leire jetzt ruhig in der Gesellschaft der Damen lassen. Deshalb empfahl er sich. Nur ein kurzer, kräftiger Händedruck, ein Blick, der ihr zurief: Nun halt Dich tapfer!— dann mar sie— � die Fremde — auf Gnade oder Ungnade den miteinander intim bekannten Damen überlassen. Sie fühlte, trotz der Höflichkeit, mit der man sie be- handelte, daß sie ein lästiger Eindringling in der Cligue war. Kornelie Urban verhielt sich so ablelznend. als es eben nur anging, ohne die gesellschaftlichen Formen zu verletzen. Und Frau Vittrich, deren Duzfreundin, obgleich von Natur gutmütig und durch ihr schweres Schicksal von Mitleid erfüllt für ihr ganzes Geschlecht, wagte nickst, ihre Sympathie für die hübsche, bescheidene Frau zu zeigen. Frau Professor Schulz mokierte sich mit Blicken und gelegentlich auch mit kleinen halblauten, pikanten Ausfällen über die„Landpomeranze". Eine Frau aus einem Harzort kam nach ihren Begriffen gleich hinter' einer Hoktcntottin. � Frau Horstmann allein, die älteste in deu» kleinen Kreise. eine feine, liebenswürdige, weißhaarige Frau, der man nach- sagte, daß sie noch in ihrer Ehe Latein gelernt habe, um ihres Mannes„rechte Hand" sein und ihm bei sestien Arbeiten helfen zu können— Frau Horstmanu unterhielt sich freundlich. mit der so plötzlich in die exklusive Gesellschaft hrneingeschneiten „Kollegin". Aber die Aufmerksamkeit aller war doch aus das hübsche Schauspiel vor ihnen gerichtet. Lene horchte auf. Die Damen kannten alle Personen. die mitwirkten, und kritisierten ganz sachgemäß, lobten und tadelten, wußten ganz genau Bescheid, und Lene kam sich so fremd und so überflüssig und trotz aller Höflichkeit so aus- gestoßen vor, daß sie nur immer wünschte, die Sache wäre zu Ende und sie könnte nach Hause geben zu ihrem Kinde. Eine unbezwingliche Sehnsucht überkam sie allmählich nach dem Kleinen. Und zugleich eine Unruhe und Angst, es könnte ihm etwas geschehen sein. Eine Ungeschicklichkeit der Steigenberg vielleicht, die es gewiß gut meinte und ganz auf- opfernd war, aber dabei so derb und barsch wie ein Mann. Und so halte sie wenig Freude und Aufmerksamkeit. Nur als ihr Mann kam und seine Klasse vorführke. selber wie ein Jüngling, so frisch, feurig und kraftvoll, und alles des Lobes voll war, selbst die kritischen Damen neben ihr—, da fuhste sie einen großen, freudigen Stolz auf ihn und tarn sich selber wie gehoben und wie zugehörig vor i» diesem Kreise. Sie hatte ihm versprochen, auf ihn zu warten und sich von ihm zu verabschieden, ehe sie nach Hanse ging. Aber allmählich begann ihr der Boden unter den Füßen zu brennen. Es nahm auch gar kein Ende. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Der 4. deutsche Hcetrlentacf. lieber den derzeitigen Stand der Acetylentechnik gaben die Ver- Handlungen der viertelt üanprversammlung des deutschen Acetylen- Vereins, die in dem elektrotechnischen Auditorium des Professors Slaby in der Technischen Hochschule zn Charlottenburg in den letzten Tagen stattfanden, ein übersichtliches Bild. Am ersten Berhandlungs-- tage wurden folgende Demonstrations-Porträge gehalten:„Ueder komprimiertes und gelöstes Acetylen" sprach Dr. Paul Wolfs- Berlin. wahrend Direktor A. Janet aus Paris einen neuen„Acetylen-Sauer- stoff-Brenuer und seine Verwendung zum Löten und Schlveißen" vorführte, dem ein Referat von Dr. Caro-Berlin„lieber Acetylen-- Glühlicht, carburiertes Acetylen und Luftgaö" folgte. Am zweiten Perhandluugstage wurden nach der Demonstration einer Gruben- Sicherheitslampe für Acetylen durch Ingenieur Manger auS Zwickmr folgende Themen behandelt: über„Außenbeleuchtung für Acetylen- anlagen" referierte Dr. A. Lndwig-Berlin. lvährend Professor Dr. Bogcl-Bcrlin die„Bcrlrenduug des Acetylens zur centralen Beleuchtung" zum Gegenstand eines Vorrrages machte: außerdem hielr F. Lieberanz eine Vorlesung über„Die Konkurrenzfähigkeit der Acetylenbeleuchtung nach den neuesten Fortschritten in der Licht- erzeugung". � Die Verhandlungen ergaben, daß, nachdem die Aeetylenindustri: in den letzten zwei fahren verhältnismäßig wenige Anlagen gegen- über der ersten schnellen Entwicklung zur Ausführung erhielt, jetzt wieder ein schnelleres Temvo beim Bau von Acetylenwerken Platz zu greifen beginnt. Das zur Herstellung von Acetvlengas notwendige Calciumcarbid wird hauptsächlich in Deutschland lelbst fabriziert, während einige noch für den deutschen Markt in Betracht kommende ausländische Calciumcarbid- Faurike» mit deutschem Kapital betrieben werden. Der jährliche Verbrauch an Carbid bcrrägr in Teutschland jetzt ungefähr 18 bis 20 000 Tonnen. Zur Zell wird in etwa 18 000 Häusern Acetylen gebrannt, worunter sich auch staatliche Ge- bände und Schulräume befinde». Am Ende dieses Jahres werden in fünfzig deutschen Stadien Acetylen-Centralen vorbanden sein, während im ganzen auf der Erde etwa 200 Acetylen-Centralen cristieren. von denen einige ui exotischen Ländern liegen. Auch zur Baynhofsbeleuchtung hat Acetylen schon vielfach Verwendung ge- funden: allein i» Baden sind in diesem Jghre 10 derartige neue Bahuhofs-BeleuchtungSanlagcn hinzugekommen. AuS kommunalpolttischen Gesichtspunkten läßt sich nicht ver- kennen, daß Acetylenbeleuchtung für viele kleine Ortschaften von großer Bedeutung ist. Allerdings empfiehlt es sich iricht, Acetylen- Eentralen in Orten unter 1S00 Einwohnern zu bauen, während natürlich die großen Gemeinden für Acetylenlverle, weil fast alle schon mit Gas- oder elektrischer Beleuchtung ausgerüstet, nicht mehr in Be- tracht kommen. Ta es nun in Deutschland eine ganz bedeutende An- zahl von Ortschafte» von 4 bis 5000 Einwohnern gicbt. die auch heute noch keinerlei öffentliche Beleuchtung besitzen, so ist es klar. daß für die Errichtung von Acetylen-Centralen noch ein weites Feld vorhanden ist. Wenn heutzutage eine Stadt von etwa 4000 Ein- wohncrn eine Centralbelenckstung einführen will, so muß sie für eine Steinkohlengasanlage mindestens 160 000 M. und für eine elektrische Centrale wenigstens 200 000 M. aufwenden; dagegen ist sie in der Lage, für nur 70 000 M. eine sehr solide Acetylenanlage mit einem Gasbehälter von 400 Kubikmeter Inhalt und einem Rohrnetz von 8 Kilometer Länge für die Versorgung von zunächst 100 Straßen- laternen und 1500 Anschlüssen zu errichten. Ter Betrieb einer Acctylen-Ccntrale gestaltet sich gegenüber dem von Gas- oder Elek- tricitätswerlen. die immer einen Bctricbs-Jngenicur und mehrere — 819— Arbeiter benötigen, verbalnismähig sehr einfach. Für die Be- dienung einer Acetylerr-Cenirale genügt ein Mann, der auch nicht einmal den ganzen Tag zu thun hat, sondern mit einer täglichen Arbei�aufwendung von einer Stunde die Anlage im Betrieb erhalten lann. Für die Sicherheit solcher Anlagen kommt in Betracht, datz man aus den bisherigen Erfahrungen genügend gelernt hat. um durch- aus zuverlässig arbeitende Anlagen garantieren zu können, zumal die vom deutschen Acetylcirvercin ausgestellten Norme» für den Bau und den Betrieb von Acetylen- Centralen eine wesentliche Verringerung der Gefahren mit sich gebracht haben. Es kommt ferner in Betracht, datz es jedenfalls den Bemühungen des Vereins gelingen dürfte, die gesetz- lichc Anordnung von regelurägigen Revisionen— ähnlich wie bei den Tampfkeffelmtlagen— zu erreichen. In wirtschaftlicher Hinsicht müssen jetzt überhaupt die Acechlenatrlagen besser arbeiten, da durch d!« Verbesserung des Carbids auch eine Erhöhung der Acechlcnaus- beute erreicht ist, so das; man selbst in Acctylen-Centralen aus einem Kilo Calciumcarbid 240 bis 250 Liter Gas gewinnen kann. Allerdings empfiehlt sich die Aufstellung eines Wassermessers in jeder Centrale, damit eine Kontrolle des verbrauchten Wassers möglich ist. Ta sich nämlich das Wasser, das pro Kubikmeter 1100 Liter Äcetyke« löst, zunächst selbst mit Gas sättigt, so mutz natürlich die Ausbeute des Carbids unter die auch in Centralen leicht mögliche Grenze sinken. sobald zuviel Wasser dem Entwlcklcr zugeführt wird und der auf diese Weise herbeigeführte Acethlenverlust mutz das wirtschaftliche Ergeb- nis beträchtlich verschlechtern. Ter Verkaus-Prcis von 1 Kubikmeter AeetyleitgaS stellt sich in Centralen auf 1,50 bis 2,50 M. Hierbei ist aber zu bedenken, dah Acetylcn eine ungefähr scchzchnmal so große Keuchttraft als Stcinkohlengas hat; in Bezug auf den Heizwert stellt sich das Verhältnis allerdings nicht so günstig, da AcetylengaS nur den 2V.fachen Heizeffckt des SteinkohlengaseS befitzt, wenngleich auch hier durch das Carburiert»tgs-Verfahren, das heitzt durch die Ecliwängerung deS Acctylcngafes mit leichtflüchtigen Stoffen, wie Benzin. Spiritus. Benzol usw. bessere Resultate zu erzielen sein dürften. Die angeblich so große Explosionsgefahr ist im Vergleich zu der des Steinlohlcngases recht gering. Wenn man m einem Steintohlengas Vergiftungen herbeiführt, sind derartige Er- schcinungen bei Acctylen noch nicht beobachtet worden. In hygienischer Hiustcht ist das Acetylenlicht beim Schreiben, Lesen w., nament- lich wenn es durch eme Milchgiasglcckc abgeblendet wird, einwands- frei. zumal es in Anbetracht seiner geringen Hitze-Entwicklung zu keiner Belästigung des Kopfes führt. Für phorographische Kopier- Prozesse haben sich die Strahlen des Acctylenlichtes als sehr wirksam erwiesen.. Große Bedeutung hat auch schon die Beleuchtung von Hauser- bloeks mit Acetylen in kleinen Städten erreicht, da sich immer leicht einer von den angeschlossenen Teilnehmern bereit findet, die ge- ringen Bedienungsarbcitcn der Anlage zn übernehmen. In wie schnellem Matze das Lichtbedürfnis wächst, lätzt fich Mis der vielfach gemachten Beobachtung erkennen, datz bei aus dem Lande errichteten Centralen die Bevölkerung immer sehr bald die zuerst verwendeten kleinen Acetylenbrenner durch grötzere zu er- setzen pflegt. Für die Metallindustrie dürste das Acetiilen zum Loten und Schweißen Bedeutung erlangen. Wenn man nämlich Sauerstoff mit Acetylen unter Verwendung eines geeigneten Brenners mischt. dann erhält man eine Flamme von so hoher Temperatur, dah man damit Eisen sowohl in sehr kurzer Zeit schntelzen, als auch zusammen- schweigen kann. Im Bergwerkswescn sncbt man seit langer Zeit nach einer handlichen Gruben- Sicherheit elampe, die bei möglichst geringem Gc- wicht eine recht große Lichtfülle liefern soll. Eine neue Acetylen- Sicherheilslampe ist nun in det Weise konstruiert worden, daß durch eine besondere Anordnung der Wasferzufuhr die denkbar weit- gchcndste Sicherheit gegen die Explosion einer solchen BelenchtungS- quelle erreicht ist. Man kann diese Lampe hinfallen lasten, ohne daß eine Störung ihrer Funktion eintritt. Diese Acetylen-Sicherheits- lampe, die gefüllt nur 3 Pfund wiegt, vermag dem Bergmann während 9 Stunden ein Licht von sieden Normalkerzen zu liefern. Acetylen ist au und jür sich nicht explosiv, doch erhält cS diese Eigenschaft, sobald man es komprimiert. Bringt man Acetylen unter Druck, so hat es bei 3'/- Atmosphären bereits eine Explosions- Wirkung von 13 Atmosphären, während bei einem Druck von 20 Atmosphären die Explosionswirkung auf 200 Atmosphären steigt. Nim werden allerdings die Stahlcylindcr für komprimiertes Acetylcn vor ihrer Verwendung mit einem wesentlich höheren Druck als 200 Atmosphären erprobt. Demnach könnte also die Explosion von Acetylen in einer Stahlbombe keine Bedenken haben, wenn nicht die Erhitzung tompriuüerten Acetylens die Explosionsgefahr wesent- lich vergrößern würde. Sehr gefährlich ist verflnsfigics Acetnlen, da bei seiner Entzündung, die allerdings durch Druck oder Stoß noch nicht beobachlet worden ist, sondern direkt erfolgen mutz, Drucke bis zu 5000 Atmosphären austreten. Eine Erhöhung der Erplosionssicherheit von komprimiertem Acetylcn hat man dadurch erreicht, daß man es in Aceton, welches etwa das 25fache seiner eignen Menge aufzunehmen vermag, löst. Aceton ist eine bei 5S Grad Celsius siedende Flüssigkeit, die bei der Essigfabrikation erzeugt werden kamt. Wenn nun auch auf diesem Wege eine Erhöhung der Explofionssicherheit erreicht werden tänn. so ist damit doch noch nicht dieses Problem gelöst. Preht man dagegen das Acetylen in gewisse poröse Massen, so ist jede Ex» plosionsgefahr ausgeschlossen. Diese aus der Explosionstcchnik bc» kannte Thatsache erklärt sich dadurch, daß die engen Kapillar- röhrchen die Explosion hintenanhalten, was man dadurch zeigen kann, daß es nicht möglich ist, in Röhren von 0,5 Millimeter Durchmesser Acetylenexplosionen herbeizuführen. Nachdem es gelungen ist, auch ein brauchbares und billiges Acetylen-Glühlicht� zu schaffe n, hofft man, auf dem Wege der Er» zeugung von Prctz-Acetylen auch große Jntenswlickttqucllen zu er- reichen.— P. M. G r e m p e. kleines feinUetcm. k. Fm K-nservatsrinm der„Mimi Pinion". In Paris hat die von Gustave Charpentier, dem Komponisten der„Louise". inS Leben gerufene Bewegung, die den Arbesterinnen-die Kunstgenüsse erfchkießen lvill, auch zu der Begründung eines„Konservatoriums der Mimi Pinson" geführt. Sie sollen hier Unterricht im Singen, Tanzen und Harfenspiek erhakten. Es herrscht ein frisches Leben in diesem Konservatorinm: cm Besucher entwirft davon folgendes an- ziehende Bild:„Es ist acht Ilhr abends. Unter den Fensterbogen der Maison Plchcl hört man Gelächter und freundschaftlich? Begrüßungen. ES ist eine Versammlung von Schülerinnen des Konservatoriums der „Mmii Pinson". Mit gcwisseuhafier Pünkttichkest ko.r-mt Gustave Charpentier, der Begründer des Konservatoriums, und-ein Gehilfe N. Lyon, der Dstektor der Maison Pleycl, der das Gebäude den stmqen ------------ CT«______�rL.TTx �_____. r- r e. Arbeitgebers. Wohnen wir zunächst einer Hebung der Gefangsklass«- bet. In der Mitte des Zimmers steht ein Klavier, vor dem M. Julien Torchet sitzt. Er spielt eine Tonleiter, die gleichzeitig von einem schüchternen Neuling gesungen wird. Tie Stimm« ist rein, aber sie kommt schlecht heraus. Daö Mädchen ist rot wie eine Mohnblume. Die Schülerinnen werden in zwei Abteilungen geteilt, von denen eine aus Tonleitern beschränkt ist, während die andere, obgleich sie noch weiter Tonleitern übt, fich an Chören erfreut wie„Hym ie an Victor Hugo",„Iphigenie ans Tauris",„Samson und Talila" nsw. M. Lantelme prüft die Stimmen. Im ganzen sind es dreißig Schülerinnen. Jede nimmt, wenn an sie die Reihe kommt, ihren Platz neben dem Klavier ein. mit flammenden Wangen und glänzen- den Augen. Und obgleich die Stimmen manchmal zittern und die Nertrn der Anfängerin sehr mitgenommen werden, herrscht, doch der Geist der Kollegialität. An dem Harsenunterricht neho-ri« zwölf teil. und die Saiten klingen in einem seltsamen Gemisch, wenn M. Heywang. der Lehrer, in die Hände klatscht, um den Rhythmus zu bezeichnen. Dies ist die dritte Stunde, die Fingerübungen bringt. Einige junge Mädchen können schon Klavier spielen, alle haben eine Idee von den Tonkestern. Einige Schülerinnen lassen sich beim Harfenspicl so gut an, daß sie bald selbst in den verschiedenen Pariser Siadwiertcln Unterricht geben werden.„Mimi Pinson" ist überall und arbeitet Überall. Man findet sie in den entlcgendsten Stadkvterieln. Bald wird jedes Stadtviertel feinen Mittelpunkt künstlerifmcr Erziehung für die Arbestcrinnen haben. Von den in diesem Kursus eilige» schriebenen 1500 Schülerinnen find schon 33 Pianistintien und vor- zügliche Musiterinnen. In dem Tanzkursus lernen sie nicht eigentlich tanzen. Charpcntiers Idee ist nicht, den Geist der Mädchen von ihrer Arbeit abzuwenden, indem er ihnen einen Geschmack an ibeatralische» Fertigkeiten giebt. Er wünscht eher, den Pariser Arbeiterinnen einen solchen Begriff von der Kunst zu geben, datz sie später eine Art Ge- sellscbaft bilden können, die große Schauspiele ausführt, an denen Ge- sang. Harfe und Tanz ihren Anteil haben. So lernen sie eine besondere Art Tanz, einen Tanz anmutiger Stellungen und geschmeidiger Bewegungen. Heut abend giebt Mlle. Souvlet vom Odeon den Ilnter- richt. Aber waS für Verrenkungen und welche Steifheit geht der Anmut und Geschmeidigkeit voraus! Die jungen Mädchen schreiten in Gruppen zu vieren vor. Mit einer Hand ergreifen sie lin gegcn�die Wand befestigtes Steck. Dann bocken sie nieder, die Füße einige 20 Ccntimeter getrennt und auch die 5knie weit auseinander. Diese häßliche Stellung ist sehr wichtig, um sie geschmeidig zn machen. Lustiges Gelächter begrüßt die linkischen Versuche der At.iängerfnmu. in das sie selbst mit einstimmen. Mlle. Sonplet geht die Reihen entlang und verbessert jede Pose.„In der Stellung bleiben. Nicht nachlassen," ruft sie. Und so üben die Schülerinnen, erheben sich und fallen in diese Stellung und versuchen dabei den Lbertorver völlig gerade zu halten. Nach einigen Monaten wird man sehen, ob CharpetstierS Traum sich Verivirflicht.. Theater. Lefsing-Theater.„Das Theaterdorf". Lustspiel in 3 Akten von Oskar Blnmenthal irnd G n st a v 8a de l» b n r g.— Die Rnsscnseer leben schlecht und recht lote ihre Bister. Alle fünf Tage nur kommt die Post in das entlegene RIvendörfcheu und im Sommer giebt es seit Jahren im Dorfkrug einen reget- mäßigen Kurgast. Da führt der Zufall eine Jnstizratssainilie und ans ihrer Sbür einen junge« thatendnrstigeu Schauspieler in die'eS friedliche Idyll. Alsbald gerät alles in wilde Bewegung. Ehr- geizige Träume, den einen Kurgast zu verhundertfachen, haben schon lange in den Häuptern der Nussenseer, wenn fie Venn Bier versammelt waren, gespukt. AVer dem hoch- fliegenden Gedanken hat die That gefehlt. Der junge Schau- spieler, der, da er in seinen Rollen bisher nicht gerade hin- reißend gewirkt hat, ein Regie-Genie in seiner Brust lpürt, weist ihnen den Weg. Er will der Feldherr und Organisator ihrer Siege sein. Groß ist die Macht der Natur, größer die der Kunst— wenn die Berge nicht ziehen, wird das Theater ziehen. Was die Schlier- seer, was die Tegemseer vermochten, mutz auch den Nussenseern möglich sein. Bauern und Erdgeruch giebt's hier nicht weniger wie dort. Also, nun da der richtige Führer, der Mann der Initiative sich gestinden, muß eine Nussenseer Heiinatkunst ge- schaffen werden können. Natlir und Kunst sei eines nur— und welche Kunst wäre mehr Natur, als die von Bauern selbst gespielte „Bauenifuincbic" und Volkssage I Eine Scheune wird die Geburts- statte des Neuen sein. Weit her aus der ganzen Umgebung werden die Kurgäste herbeiströmen, das Wunder anzustaunen. Der Name Nussensee erhält Klang und Berühmtheit! Die Preise steigen! Die Aussicht begeistert die Bauern. Der junge Mann erblickt, weitschauen- den Geistes, sich schon an der Spitze cineö Nussenseer Komödianten- truvps siegreich durch ganz Deutschland ziehen. Ein richtiger Schauspielereinfall! Und auch für das Voksstück ist gesorgt. Der greise ehrwürdig-liebenswürdige Herr Pfarrer hat im stillen Kämmerlein einige poetische Jugendsünden liegen, darunter auch ein Schauspiel, das eine richtige Nussenseer Volkssage behandelt. Die Güte und Bescheidenheit selbst, dachte er nie, die Menschheit damit zu beunruhigen. Doch wenn der Ruf des Schicksals erichallt, wer kann widerstehen? Ein bißchen Eitelkeit hat jede Dichterseele. So gelingt es dein enthusiastischen Akinien, das Manuskript ihni abzu- ringen und alsbald rücken die Bauern, jeder mit einer Rolle be- waffnct, zur ersten Probe ins Wirtshaus. Die Musterung, die der künstige Herr Theaterdirektor, von der kunstschwärmenden Frau Justizrätm assistiert, über seine Heer- scharen abhält, während der angestanimte Kurgast mit dem Jüstizrat zusammen grollend beiseite sitzt, vertäust, wie man sich denken kann. nicht gerad' ermutigend. Da ist der Wast'l, der seine paar Worte absolut nicht hat in den harten Kopf hereinbringen können, der Dorfhirt, der dumm lächelnd mit seinem Lorschuß abschiebt, das junge Bauernstauchen, das entrüstet darob, daß ihr Maim im Stück eine fremde Person abzubusseln hat, wirksam Protest einlegt usw. usw. Die Stimmung wird immer stürmischer. Und als der Herr seinem Volke endlich energisch Ruhe gebietet, rücken die erregten Scharen in offener Meuterei rauflustig näher, so daß der Jünger der Kunst schmählich die Flucht ergreifen muß. Rur der unentwegt hoffnungsvolle Herr Pfarrer, die Kathi, die dem Franzel böse ist. und der Franzel. der die Kathi gern hat, bleiben allein auf dem Schauplay zurück. Sehr niedlich ist es, wie Hochwürden, der jetzt, als neuentdeckter Autor, nur noch sein Stück im Kopf und im Herzen hat, die trotzige Kathi, die die Liebesscene mit dein Franzel absolut nicht proben will, mit Mühe dahin bringt und wie dann ans dem Spiel plötzlich Ernst wird. Als er das Feuer löschen will, ist'S schon zu spät, und schließlich hat der alte Herr, der sich sein Leben lang am Liebcsglück der andern still vergnügt hat, selbst seine Freude daran. Damit ist die paro- distische Komödie der ländlichen Theatersexerei sowie die kleine nrit- hineinverwobeue Liebesaffaire eigentlich zu Ende, Der dritte Akt ist nur ganz lose angestückelt. Der Justizrat zieht noch einmal kräftig die Moral des Ganzen, der Pfarrer sieht lreüherzig ein. daß ihm die liebe Eitelkeit den Streich gespielt hat, verschließt sein Manuskript, beruhigt die erregten Weiber und sucht hilfsbereit naiv den bauernschlauen alten Krcuzclhuber, der Kathis Wort hat und sie deni Franzel nicht überlassen will, zu seiner Philosophie des stillvergnügten Zusehens zu bekehren. Natürlich ohne Resultate. Um so schneller fiihrt die derbpstffige Methode, mit der die Kathi dann den Bauer in Arbeit nimmt, zum Ziele; der Schauspieler, der den Beruf verfehlt hat, wird dafür Bräutigam, und so ist alles in Ordnung. Trotz vieler Längen lourde der erste und vor allem der wirklich muntere zweite Akt mit großem Beifall aufgenonimeu. Der letzte hätte ohne das feine Spiel Adolf Kle ins als Pfarrer und vor allem HöferS, der den flachskizzierten Kreuzlhuber des Stückes in einen höchst unterhaltsamen Kauz verwandelte, leicht schlimm auslaufen können.' Auch so war der Applaus am Schluß bedeutend schwächer und mit merklicher Opposition gemifcht.—-dt. Freie Volksbühne sMetropol- Theater).„ W a S Ihr wollt", Komödie von Williant Shakespeare.— Im Bereiche der Wcltlittcrarur giebt es ein Zauberwort, keiner Nation, außer der englischen, so anheimelnd vertraut, als der deutschen: Shakespeare! Wollen wir erschüttert oder erhoben sein, sind wir ermüdet vom mikrokosmischen Kram unsrer Tagesdramatiker, so pilgern wir zu dem großen Briten. Als träte man aus einer engen dumpfen düsteren Stube in ein sonniges Gartenland, so mutet es uns an, Alle Fesseln fallen. Vom Gemüte entweicht die erdige Schwere, von, Auge die Trübigkeit, vom Universum verspüren lvir einen Hauch, das Leben umbraust uns in urechtestcr Gestaltung: die kleine Theaterbühne weitet sich zur Welt! Daß uns diese ewig alte, ewig junge Offenbarung nun abermals widerfuhr, verdanken wir der umsichtigen Leitung des Vereins, die einem großen Kreise seiner Mitglieder Shake- eares„Was Ihr wollt" am letzten Sonntage in brillanter Darstellung vorübcrfllhrte. Zwei gleichsam„in der Erscheinungen Verantwortlicher Nedakteur: ttarl Leid in Berlin.— Flucht" beruhende Pole find es, von denen in dieser Komödie alle Handlung ausgeht und zwischen die der Dichter die Kapriolen seiner sprudelnden Laune geworfen: Orsino, Herzog von Jllyrien, und Gräfin Olivia. Dennoch sind beide nicht die Hauptträger des Ganzen. Wenig günstig hinsichtlich der Maske und etwas zu konventionell- pathetisch gab Oskar B e r a u n den Herzog. Frau Dörmann-Von Littitz, deren Begabung doch vorwiegend in die Sphäre des Salon- und Wiener Dialektstücks zu neigen scheint, wurde der Gräfin gerecht. Nur hätte man noch etwas v erinnerlichtes Spiel und feinere runde Bewegungen gewünscht. Die Manier, für s Publikum zu sprechen und zu mimen, läßt sich ja leicht beseitigen. Die in der Bühnensprache verpönte Betonung in dem Worte„Ceremonien" aus der dritten, statt vierten Silbe ist wohl nur dem Kundigen aufgefallen. In Viola begegnen wir nicht nur der eigentlichen Heldin des Stückes, sondern auch einer der bedeutendsten und schwersten „Hosenrollen", deren Reiz nicht zuletzt durch die ihr innewohnende echt weibliche Decenz erhöht wird. Hilda Dittmar setzte all ihr reiches Können ein. Sie war ein liebreizender Page, eine beredte Sprecherin und vermochte in allem und jedem den tiefen wunder- vollen Gehalt der Rolle annähernd zu erschöpfen. Die Künstlerin spielte� auch die Partie des verschwundenen Sebastian bis an die letzte Scene und verstand es, beides charakteristisch von einander zu halten. Es fragt sich aber doch, ob diese Episodenrolle, der Deutlichkeit zu Liebe, nicht besser von einem zlveiten Darsteller. dessen ja so wie so am Schlüsse nicht zu entraten ist. durchgesührt wird. Den Gegenpol der voraufgenannlen Gestalten bildet nun das Völkchen der Thoren, Narren, Käuze und Schelme, welche im grotesk komischen Zusammenspiel und Widerpart Shakespeares genialen Humor verkörpern und dem ganzen Stücke zum unwiderstehlichen Siege verhelfen. Es sind die prachtvollsten Typen, die uns der „große William" so und nicht anders aus dem reichen Füllhorn seiner universalsten Menschenkenntnis und Dichterlaunc gleich einem Spiele bunter Karten über die Bühne tanzen lassen kann. Aber der prachtvollste Kerl ist doch Malvolio, Olivias verliebter und so arg ge- sopprer Hausmeister. Adolf Klein sen. schuf in Gestalt, Sprache und Geberde einfach ein fcstumrissenes Meisterstück! Kumpane ganz andrer An sind Malvolios wciuselige und schadenstohe Widersacher. Gustav K o b e r. der nnt Recht gerühmte Napoleon-Darstellcr, als Junker Tobias von Rülp, Adolf Klein jun. als Junker Christoph von Bleichcnwang, Martin Homburg(Fabio), Heinz G o r d o n als witzig-sarkastischer Narr stellten ein köstliches Vierblatt dar. Gleichsam als Seele aller beivähNe sich Frau Auguste P r a s ch- Grevenberg als Maria, das Kammennädchcn. Der leibhastige Schabernack, verführte sie die fröhlichen Schelme zu tollster Aus- gelasseuheit. Da war'S kein Wunder, wenn diese Fünt im Zuschauer- räum wahre Stürme von Lachlust und Heiterkeit entfesselten. Alles in allem: es gab eine auch hinsichtlich der Regie und Jnscenierung prächtige Vorstellung. Bei dieser Gelegenheit möchte ich das beigegebene Bühnenhest lobend erwähnen, welches außer Shakcspeareichen Sonetten drei vorzügliche Aufsätze über„Was Ihr wollt"(Conrad Schmidt) „Emile Zola"(Johannes Schlaf) und„Zola und das Theater"(Friedrich Stampfer) enthält und somit eine schätzenswerte Beigabe darbietet. Willkommen dürfte ferner auch die Mitteilung sein über die von der Vereinsleitung für den 29. Oktober geplante Zola-Feier, zu welcher der Münchener Schriftsteller M. G. Conrad, bekanntlich ein langjähriger persönlicher Freund des mm verewigten großen Romanziers, die Gedächtnisrede halten wird.— e. k. Humoristisches. — Erklärung. Angehende höhere Tochter „Mama, in dem Märchen Ivar von einer häßlichen Prinzessin die Rede. Gelt, das kann nur ein Socialdemolrat geschrieben haben?"— — Training. Jockey:„Ich thät mir gern meinen Zahn plonibicren lassen, aber da krieg ich wieder zuviel Gewicht."— („Simplicissimus.") Notizen. — DaS Neue Theater bringt als nächste Novität da" Schau- spiel„Die Herren der Schöpfung" von Alfred B r i n g e r.— — Die Aufführung einer Pantomime von Frank Wedekind ,. Die Kaiserin von Neufundland" wird im Bunte u Theater gegenwärtig vorbereitet.— — Josef Werk manns Bollsschanspiel„Der Kreuzweg» st ü r m e r" erzielte bei seiner Erstaufführung im Wiener Rai- mund-Theater einen großen Erfolg.— — In New Jork ist ein N e g e r- T h e a t e r eröffnet worden.— — Das K u n st g e w e r b e- M u s e u m wird, voraussichtlich vom November an, abends von 7'/, bis O'/s Uhr(außer Sonntag und Montag) g e ö f s n e t sein. Man beabsichtigt, ini Lichthofe Sonderausstellungen aus bestimmten größeren Gruppen des Museums zu veranstalten: begonnen wird mit der Kunst der Renaissauce.— — Peter Behrens ist zum Leiter der Düsseldorfer Kunstgewerbeschule berufen worden.—_ Druck und Verlag: Vorwärts Vuchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Verla: L W