Anterhaltungsvlatt des Horwärts Nr. 207. Donnerstag, den 23. Oktober. 1902 13Z Nachdruck verboten. Der ünkcntelcb. Roman von Gertrud Frankc-Schievelbein. Richard war ärgerlich� und erregt aufgesprungen und lief mit großen, dröhnenden Schritten umher. „Herrgott ja!" brummte er in einer gutmütigen An- wandlilng,„passieren kann's einem ja mal! fugend hat keine Tugend. Gott, manchem steckt das so im Blut! Weibert— Aber dann hält man's Maul. Man hängt doch nicht seinen Reinfall an die große Glocke! Man heiratet doch solche Person nicht, wenn man die geringste Achtung hat vor seinem Amt—" „Eben weil ich die habe, Herr Direktor, darum erfüllte ich meine sittliche, meine Menschenpflicht gegen die Frau, die mir vertraute—" „Sittliche Pflicht? Gegen eine Iran, die sich wegwarf. hat kein Mann—" „Das sind Ansichten—" „Na, dann müssen Aie sich auch gefallen lassen, daß nach der Vorschrift gegen Sie vorgegangen wird. So leid es mir thut, und so scheußlich peinlich die Sache ist. Erst kürzlich ist uns von oben her eiserne Strenge eingeschärft worden." Er blieb vor seinem mächtigen Schreibtisch stehen und schlug zornig auf ein Zeitschriftenheft. „Hatten ja immer so große Rosinen!" lachte er in grimmigem Hohn.„Hier, Ihr Artikel l Ziu Freiheit erziehen! Freie, starke Persönlichkeiten! Charatter! Selbstzucht! Haha! Sie sind wahrlich der Mann, solche Reformen zu predigen— Herr 1" Er redete sich immer mehr in Wut, lief durch das große. kahle, hallende Zimnier und bullerte allerlei Anklagen heraus. Aber je wilder er wurde, desto ruhiger und gefaßter blickte Richard Volkmar um sich. Jetzt war für ihn der Zeitpuntt oekonlmen, der angesichts einer großen Gefahr für jeden Menschen einmal eintritt. Er hatte den Standpunkt außer sich selbst gefunden, die Angst besiegt und sah jetzt seinem Schicksal mit der Kalt- blütigkeit zu, mit der wir die Entwicklung eines fremden Ge- schicks beoabachten. Von Menschenfurcht wußte er nichts mehr. Es ist ja doch alles eins, dachte er. Und hatte bloß noch den Wunsch, einmal offenherzig alles von der Leber herunter zureden. „Vielleicht bin ich doch gerade der rechte Mann dazu," sagte er fest, mit beinah überlegenem Lächeln. „Sie?" „Ja, ich. Herr Direktor, ich bin von Haus aus kein Schwächling. Wir Volkmars überhaupt— ein derber Schlag, hart gewöhnt, auch gegen uns selber. Aber die Schule— nein, wahrlich, d i e hat nichts gethan, uns gegen die jungen re- bcllischen Triebe unsrcs Blutes zu beschützen. In Angst und Sorge, in ewiger Hast und Ueberlast haben wir unsre beste Ärasl verpufft. Ochsen imd ochsen, bis in die halbe Nacht hinein, das. Gedächtnis vollstopfen wie einen Rucksack, in dem wie Kraut' und Rüben alles durchemanderliegt, was man in: Leben an Wissen braucht— das Notwendigste zu unterst und nie zu finden— das Ueberflüssigste immer und immer obenan—" „Herr Doktor Volkmar!" „Und wenn dann endlich die Freiheit kommt, die schrankenloseste Freiheit nach sklavischer Gängelung ans Schritt und Tritt— und mit ihr Versuchungen in tausenderlei Ge- stalt— und nun— Herrgott! man ist ja jung, so unreif, man dürstet so nach dem Leben—" „TaS ist nicht anders! Das muß jeder—" „Ich bin nie ein Durchgänger gewesen. Herr Direktor. — Meine Mutter— ich hätt' ja gedacht, daß ich ihr ins Ge- ficht schlüge, wenn ich eine ihres Geschlechts zum Gegenstand meiner Lust erniedrigte. Und als ich mich vergaß, geschah's in Trotz und Verzweiflung, weil mir das Weib, das mir seit Jahren mit jeder Seelensascr geborte, nicht mein werden durfte. Warum? Sie wissen's selber, Herr Direktor! Wär'S mit rechten Dingen zugegangen, ich säße ja längst warm und behaglich im Amt." „Ich habe keinen Einfluß gehabt aus die Besetzung der Stelle, Herr Doktor." „Ich will ja auch nur sagen: der Artikel da, Herr Direktor, der ist mit Herzblut geschrieben. Sagen Sie nicht: ich wär' nicht der Mann, in der Sache mitzureden. Ich weiß, was notthut. Und meine Jungens—" er schluckte eine Plötz- lich aufsteigende Rührung hinunter, als ihm die gläubigen Gesichter heut morgen einfielen—„Herr Direktor, das junge Volk hat einen feinen Instinkt. Einem schlechten Menschen—" „Gerade darum!" bullerte Urban von neuem los.„Sie Ratteufänger!" In seinem finsteren Gesicht glomm-�etwas Weiches aus.„Zum Teufel! Daß gerade Sie mir einen solche» Streich—"- „Vertrauen Sie mir, Herr Direktor! Lassen Sie mir Zeit, zu beweisen—" Und so, voll hinreißender Beredsamkeit, ohne falsche Scham, ohne Rechthaberei und-stolz, freimütig und bescheiden, sprach er für sich und sein armes Glück. Urban hatte sich in den schwerfälligen Sessel nieder- gelassen. Unaufhörlich strich er sich den kurzgehaltenen grauen Bart. Es mochte ihm allerlei durch den Kopf gehen. Ein Seufzer stieg aus dem umfangreichen Brustkasten hervor. Als Richard schwieg und sich die Schweißtropfen von der brennen- den Stirn wischte, sagte er trocken:„Ich bedaure. Wenn ich auch wollte— meine Pflicht—" Richard verneigte sich schweigend. Er machte Miene, zur Thür zu gehen. „Sic wissen, was Ihnen möglicherweise bevorsteht?" fragte Urban freundlicher. Richard zuckte die Achseln. „Die Geschichte hat hier zu großes Aufsehen gemacht," meinte Urban nachdenklich.„Und wenn Sie auch— da Sie ja immerhin— so gewissermaßen"— er räusperte sich— „entschuldbar sind Sie ja in keinem Fall. Aber, na, die un° verhältnismäßig lange Wartezeit—" „Es würde also das Disciplinarverfahren gegen niich ein- geleitet?" unterbrach ihn Richard. „Möglicherweise— ja." „Und dann— Strafversetzung? Nach irgend einem deutschen Sibirien?" lachte Volkmar, dem die Sache wie ein grotesker Spaß, so unmöglich, so gar nicht im Verhältnis zu seinem Vergehen erschien. Urbans Miene verfinsterte sich. Er stand auf, langsam, steif, schwerfällig, als hätte er Holzgelenke in seinen Gliedern. Wuchtig legte er die breite Hand auf Volkmars Schulter. „Lieber Freund," meinte er mit drohendem Lächeln. „nehmen Sie's nicht gar zu optimistisch. Es giebt noch andre Maßregeln, um Beamte, die nicht gutgethan haben, zu strafen." Tarauf ging er mit einem kurzen Kopfnicken hinaus. Richard Volkmar sah ihm nach. Jetzt war auch ihm die Lust zum Lachen vergangen. Sein Hut lag am Boden. Er hob ihn auf, fuhr säubernd mit dem Aermel darüber. Die Röte der Erregung war aus seinem Gesicht verschwunden. Es sah fahl aus, müde, niedergeschlagen. „ÄmtScntsetznng!" murmelte er.„Mit Frau und Kind — brotlos." Er ging langsam zur Thür, die auf den Korridor führte. Lene, dachte er. Wie wird sie getvartet haben! Da that die Thür sich auf, und Kornelie Urban erschien auf der Schwelle. Wie versteinert blieb sie stehen. Ihre frische, blühende Gesichtsfarbe wurde blasser, Schein um Schein. „Ich wollte— meinen Vater—•" murmelte sie abgebrochen. Deutlich suchte sie sich zu fassen, kalt und abweisend auszusehen. Aber es zitterte alles an ihr. „Eben ist det Herr Direktor fortgegangen— durchs Pedellenzimmcr," sagte er. „Ah so," murmelte sie wieder.„Dann will ich nur—" Sie machte ein paar Schritte zur Thür zurück. Daun aber blieb sie wie unschlüssig stehen, blickte kovfschüttelud, mit leise zuckenden Blicken zu Boden und hob endlich die blauen Augen voll zu ihm empor. .Herr Doktor, wie ist das nur möglich?" fragte sie uu» glänb??. anklagend, h-mtrig wie ein Mensch, dem alle seine Illusionen zerstört find. Er blieb stumm vor Erstaunen. Tie. die Tugendstolze? Tstlr die alles, was ins erotische Gebiet gehörte, ein»Rühr mich nicht an" war? Tie sich lieber die Zunge abgebissen hätte, als dast sie„unmoralische" Tinge mich nur mit einem Worte gestreift? Tie schien einen Augenblick auf seine Antwort zu warten. Als aber keine kam, �— er wußte wirklich nicht, was er ihr hätte sagen sollen—- legte sie die Hand auf die Klinke. „Mein Göll," murmelte sie.„ich faß es nicht! Wie können Sie nur leben mit dem Bewußtsein dieser Sünde?" Er mußte lächeln. Tie Situation>var doch gar zu ver- nickt. Eine junge Tame als Bußpredigerin, um sein Seelen- heil besorgt! Ta hob sie den Kopf und sah es. Ihr Gesicht bedeckte sich mit dunkler Glut..Ihre kaltblauen Augen flammten, und aus dein Grunde dieser Auggit stand etwas, das ihn erschreckte, ganz wirr und krafttos machte. Eine so wilde,* heiße, schmerzlich begehrende Leidenschaft:— eine Leidenschaft, die den Mann in ihm suchte—, die vielleicht gerade erst hervor- gebrochen ckvar und-AaHnuig gefunden hatte an der.Vor- slellung seiner Sünde. Einen Moment mir. Tann war Sie wieder die spröde, kühle, korrekte Sittenrichterin. „Sie können lachen?" rief sie vorwurfsvoll.„Bereuen Sie's denn nicht wenigstens?" „Bereuen?" wiederholte er langsam.„Gnädiges Frän- lein, ich bin genug gestraft." Sie atmete tief, stand eine Weile nachdenklich.„Herr Toktor, eine Frage. Sind Sie kirchlich getraut?" „Nein," sagte er mit einem Anflug von Sarkasiuus. „Und das Kind ist nicht gekauft?" Er schüttelte den Kopf. Es wurde so still, daß er sie atmen, mit sich ringen hörte. Auf einmal trat sie dicht an ihn heran, streckte ihm die Hand bin und sog sich mit ihren heißen, flehenden Augen, in denen es flackerte von sanattschcr Leidenschaft, förmlich fest an den seinen. „Sic müssen nür's versprechen," murmelte sie.„Tie Seele dieses Kindes wenigstens soll unserm heiligen Glauben nicht verloren gehen." � Er nickte. Tie Frage war ihm unter allen seinen Sorgen noch gar nicht in den Sinn gekommen. Aber warum nicht? Tie Unterlassung hätte ihm zum Vorwurf gemacht werden können. Er reichte ihr die Hand. „Gewiß, gnädiges Fräulein," sagte er fest.„Es war längst der heimliche Wimsch meiner Frau—" Sie zuckte zurück, als hätte er sie geschlagen. Ein eisiger Zug, voll Haß und Verachtung, löschte alle Wanne aus ihrem Gesicht.„Bitte— davon nichts," murmelte sie hochmütig. „Warum nicht?" fragte er heftig.„Glauben Sie etwa. mein Fräulein, daß meine Frau Ihrer Achtung nicht würdig ist?" Sic ivarf den Kopf zurück. Kalter Haß sprühte ihr ans den Augen.„Nein!" brachte sie mühsam hervor, stimmlos vor zitternder Erregung und doch voll unerbinlichcr Härte. „einem M a n 11 e könnt ich vielleicht verzeihen, einer Frau — nie." Und nun ging's bergab. In überstürzter Hast, als sei ihm die lange Reibe schöner Tage leid, kam der Herbst und räumte in ein paar Sttirmnächten mit allem Freundlichen, Warmen, Wohlthuendeu in der Welt auf. Ter Pfad zwischen den Hecken wurde unwegsam, und das hohe, dichte Gras wucherte so gittig-grün weiter in der Nässe, als stände es auf Sumpsbodeu. Statt der Sommer- blumen hatten sich strotzende, buntfarbige Pilze dazwischen an- gesiedelt, deren schwammiges Gewebe so schnell verfiel, wie es emporgeschossen war. Und statt des glänzenden Blätter- gestnipps, das eine undurchdringliche Schuywehr gegen neu- gierige Blicke gebildet hatte, ließen die nackten Weißdorn- zweige jetzt ungehindert alle Armseligkeit und alles die Per- borgenheit Suchende ans Licht treten. Aber damit hatte es für Richard Volkmar und sein« Familie nun keine Gefahr mehr. Das Geheimnis, das sie hatten hüten wolle», war hinausgesickert, tropfenweis, unmerk- lich und doch so nnanshaltsam, wie ein See sich durch den Spalt des geborstenen Dammes den Weg bahnt. Sie fragten nunmehr auch nicht mehr danach, wer es wisse oder nicht, wie viele es wußten. Sie nahmens und trngcns, so gut jich's tragen ließ. jJortschung folgt. � fNachdmck verbot«».) Das Postpaket. Von Emil R o s e n o lv. Tcis kleine, bedeutungslose Landsllidtchen war seit einigen Tagen durch ein Lokalerngnis in Aufregung verletzt worden. ES hatte sieb in dein Orte ein Buch- und Papierhändler niedergelassen. Nicht deswegen war das Ereignis so aiisrcgend, weil die Bewohnerschaft mit der Litteratur sich auf Kriegsfuß befunden hätte, sondern um der Begleitumstände willen, die mit der Sache verbunden waren. Die litteearischcn Neigungen der ehrbaren Bevölkerung waren nämlich bisher durch den Amts- und Kmsblalt- Verleger, der mit seiner Zeittmg einen Buch- und Papicrhandcl sowie eine Leihbibliothek verbunden hatte, ausreichend befriedigt worden. Der hatte sich bereits über die Konkurrenz bei der löblichen Behörde be- ichwert, aber es war nichts gegen den Eindringling zu machen. Alles was man thun konnte, war, daß der Schnllchrer den Kindern drohen mußte, jedes cvchnlbnch, jeden Bleistift, Feder oder Griffel zurückzuweisen, die nicht in der Kreisblatt-Buchhandllmg gekaiist seien, weil nur dies die allein richtigen Niitcrrichtsgcgenstände wären. Was den neuen Litterattni) erbreiter aber besonders gefährlich machte, war die Thatsachc, daß in seinem Schaukasten soeinkistische Broschüren aller Art anslagen. Einen solchen Menschen hatte man also im Ort! Wer konnte wissen, ob nicht eines Tages ein Bomben- attcntat, eine gefährliche Aufreizung der friedlichen Bevölkerung. destruktive Tendenzen... kurz, der Bürgermeister hatte Anordnung gegeben, ein scharfes Auge ans den Eindringling zu haben. Stand da der Stadtuokizist inmitten der Gasse und hatte Obacht ans den neuen Buch- und Papierladen, als plötzlich der neue Händler unter der niedrigen Thür hervorgeschossen kam. schnurgerade aus die beim Bahngebäude liegende Post zn. Aber wie es in kleinen Städten so Sitte, hatte die Post Mittagspause und wurde erst um zwei Uhr wieder geöffnet. Der aufgeregte Mann rüttelte an der verschlossenen Thüre und der Stadtpolizist verfolgte dieses Thun mit mißbilligenden Blicken. Der Mann war ein Umstürzler, denn ein ordiinngsliebender Bürger rüttelte nicht atso an einer verschlossenen deutschen Reichspoftanstaltsthüre, die doch sozusagen amtlich war. Ter Buchhändler schnauzte eine Weile vor der Postanstalt herum, da aber niemand geneigt schien, ihm zu öffnen, rannte er in den Bahnhof in dem eben der Mittagszug einlief. Fünf Minuten darauf. fuhr er mit den Zuge ab. Dies alles heute der Herr Stadtpolizist genau beobachtet und sich scnie eignen Gedanken darüber geinachl. Da ging cnvas vor I Mittlerweile ward es zwei Uhr. Die Post wurde geöffnet und nach einiger Zeit kam der Posthilfsbote mir einem Patet über die Straße. Der Postbote war des Polizisten Schwager. Er hatte ihn» eine abgelagerte Schwester als Frau aufgehängt und die verwandt- schaftlichen Beziehungen erleichterten beiden oft den Dienst. „Schon wieder stramm im Dienst, Schwager k" frng der Stadt- Polizist. „Muß ich nich''i" kam's zurück. Paket für den neuen Buch- laden." „Aha, schon wieder Umsturzbüchcr." „Nu nee", machte der Postbote.„Das sind keine Bücher. Ta riech''mal." Er hictl dem Schwager das Paket unter die Nase. Der schnupperte.„Hm. Das riecht ganz komisch. So'n scharfer Geruch. Bald wie von iicr Säure." „Ree, flüssig is''s nich'. Wenn man's schmeißt, so kollert'S.� Er schob das Palet bin i»id her und wirklich, drinnen kollerte es. Der Polizist zerbrach sich den Kopf.„Hm. Ans der Großstadt kmmnr'S. Bücher sind's nich,'S riecht scharf und»veim man's schmeißt, so kollert's... komisch, ganz komisch." Der Posibote ging in den Buchladen, um das Paket abzuliefern. Im gleichen Augenblick sah der Polizist den Stadt-Wachttneister um die Ecke biege». Ei verflucht! Der hatte ihm am Morgen ver- schicdcne Aufträge gegeben, von denen noch keiner ausgeführt war. Also mußte ein wichtiger Abhalttmgsgiimd entdeckt werden. Er nahm Stellung und meldete dem Wachtmeister: Leider durch-an- gestrengten Beobachtungsdienst verhindert gewesen.... Der neue Buchhändler sei aufgeregt zur Post gestürzt, dann mit der Bahn wcggesahre»! in seiner Abwesenheit sei ein Paket angekommen usw. Der Stadt-Wachtincistcr runzelte die Stirn, besah sich den Laden erst von links, dann von rechts, machte unschlüssig ei» paar Schritte aus die HanSthüre zu. wandte sich aber dann ab und ging im Sturmschritt auf die Bürgermeisterei. Dort meldete er dcni Polizei- sekrctär: Der neue Buchhändler ist in höchlichst aufgeregter Ver- fasstmg an der verschlossenen Postthüre rüttelnd gesehen worden, ist dann auf die Bahn gestürzt und mir dem Mittagszuge davongefahren. Derweilen ist ein Palet angekommen, welches nacki Säure riecht. leine Bücher enthält nnd bei Bewegung kollert. Die Sache ist durch die Begleitumstände verdächtig. Ter Polizeisekretär rannte sofort zum Bürgermeister und er- stattete eine Meldung des Inhalts: Der im scharfen Verdachte um- stiirzlerrscher Bestrebungen stehende neue Buchhändler ist heute mittag 1 tthr 25 Minuten polizeilich beobachtet worden, wie er in höchster Aufregung versucht hat, durch Rütteln die Postanstaltsrhür zu erbrechen. Er hat sich, als ihm dies mißlungen, eiligen Laufes zur Bahn begeben, hat sich im Zuge eines Platzes bemächtigt und sich nach der nahe gelegenen Großstadt entfernt. In seiner Abwesenheit ist eine umfängliche verdächtige Sendung ein* getroffen, welche einen scharfen Säuregeruch ausströmt c> d ei mechainscben Gegenstand enthält, der bei der geringsten Neigung oder Hebung m rotierende Bewegung gerät. Die verdächrige Sendung befindet sich bereits in, Hause des Buchhändlers, die Srraßenpolizei hält das Haus unrzingelt und erwartet weitere Befehle. Der Bürgermeister wurde erst blast dann rot. Er stand auf imd stampfte mit schweren Schritten durch seine Amtsstube. Nach längerer Zeit hatte er einen Eirtschlus; gefaßt. „Herr Sekretär, wir wollen nicht sofort zum äußersten greifen und etwa Mlitär requirieren lassen. Vermeiden wir alles Aufsehen. Ersuchen Sie sofort tclegraphisch das Landrarsamt um Gendarmcrie. Sie selbst machen sich bereit, sofort mitzugehen und die Sendung zu beschlagnahmen." ivill den, Spätnachmittagzuge kau, der„neue Buchhändler" wieder nach Hause. Er ging in seiner hastigen Art über die Straße hinüber, als er inmitten derselben noch genau so wie am Mittag den Stadlpolizisten stehen sah. „Nu aber... Sie da, Sic stehen doch noch immer da?" „Das wer' ich doch noch dürfen?" s--r„Das schon, aber nur!->''H lieber, wenn mir die Polizei ineiiie Bücher abkauft,'anstatt die Titel auswendig zu lernen." „Das geht Sie gar nichts an." „So sagen Sie mir wenigstens, ob. die Post'n Paket gc- bracht hat?" „Das hat se. Geh'n Tic nur'mal rein." ;- Der Bufiihiittdlrr tta t knarrend in feinen Laden. Aber noch war die Thüre nicht in, Schloß, als im Laden Besuch erschien. Ter Bürgermeister, der Polizeisekrerär, der Stadtwachtmeister und der Sladwolizist traten drohend ein. Mitten ans den, Ladentisch lag das ominöse Paket. Der Bürgermeister hatte es kaum erblickt, als sich alsobald seine beiden Hände darauf legten und seine Doimcrstinmie den Händler m, schrie:„Was ist daö?" Der kleine, ewig aufgeregte Mann war einen Augenblick der- dutzl. Dann kreischte er:„Das geht Sic gar nichts an!" „Oho! Das wollen ivir doch'mal sehen. Diese Sendung, so sind ivir bcnachrichngt. soll gefährlichen Inhalts sein, und ich vcr- lange ihre Eröffnimg in meiner Gegenwart." „Darauf laß ich mich nicht ein I" „Sie werden gar nicht gefragt. Stadtwachimcistcr öffnen Sie die Sendung." „Ach protestiere!" schrie der Buchhändler. „Sic haben den Mund zu halten!" donnerte der Bürgermeister. .„Pci der ersten Widerscplichkeit lasse ich isie fesseln!" Der Stadtwachtnicistcr hatte bereits mit den, Messer die Schniste zerschnitten und öffnete niit großer Borsicht den Umschlag. ".Eine Pappschächiel war darin. Aengstlich hob er den Deckel und .vor den Augen der Versammelten lagen— sechs Blutwürste. � Der Buchhändler brach in ein schallendes Gelächter aus. Der Bürgermeister aber, der..förmlich zurückgeprallt war, stotterte:„Ach denke �.. Sie befassen sich blos i»ii Lineratur?" „Ach wollte es'mal mit Biktualien versuchen." höhnte der Bnckshiindler.„Vielleicht nehmen Sie'ne Probe mit, für den Beamtenverein."— Kleines feuületon. ss. Aischc in Vulkanen. Gelegentlich der vulkanischen Ereignisse in West-Altdien kan, auch die sonderbare Meldung nach Europa, daß auf der Auscl St, Binccnt aus den, Krater zahlreiche tote Fische aus- gespieen worden wären, die auf der Leeseite des Bullaus uiedersielen. Auf Martinique wurde ähnliches„ich, beobachtet. Tic Sache llingt wenig glaublich, und doch ist sie gar nicht einmal neu. Die Forscher, die in den vulkanischen Gebieten der Erde gereist sind, haben schon vor langer Zeil dergleichen berichtet, namentlich Alexander von Humboldt und Agasfiz von den Vulkanen Südamerikas. Es scheint also crlvicscn zu sein, daß durch die. Erdbewegungen, die den Ausbrüchen der Vulkane vorausgehen und die ganzen Geb, rgsn, äffen erschüttern, unterirdische Schlünde aufbrechen und Wasser, Schlamm und daneben auch Fische ausspeien. Girardin hat für die sonderbare Thatsachc eine Erklärung geliefert. An der Frist zwischen zwei aufeinander folgenden Eruptionen, die oft über ein Jahrhundert währt, schließ, sich der .Krater, und sein Boden verwandelt sich bald in eine eigentliche Ebene, j Mit der Zeit sammelt sich darin ein See, namentlich wenn, wie es im Gegensatz zu den europäischen Vulkanen bei den südamerikanische» der Fall ist, die Krater nicht in einzelnen Bergen, sondern in großen Gebirge» gelegen sind, wo das Wasser von allen Seiten zusmnnicn- kömmt. Das Waffer kann dann nicht nur oberflächlich in den Kraler abfließen, sondern auch durch unterirdische Kanäle aus den höheren Teilen des Gebirges Herzuströmen. Durch solche Kanäle können auch Fische in den neuen Kratersee gelangen. Wird nun der Vulkan nach einer Reihe von Jahren wieder rhätig, so schleudert die Gewalt des Ausbruchs nicht nur das Waffer des Sees, sondern auch seine Bc- wohner ft, die Höhe. Die von den amerikanischen Vulkanen aus- gestoßenen Fische gehören denselben Arten an, wie sie sich in den Bächen an, Fuß der Berge finde». Im allgemeinen gehören die Fische der Familie der Welse an, aber einer kleinen Art. Sie kommen auch aus den artesischen Brunne,, herauf, wodurch chr Bor- kommen in unterirdischen Kanälen erwiesen ist. Daß die unter- irdischen Gcwäiser eine Fischbevölkerung haben können, weiß maw auch nach den Erfahrnngcn an den Brunnen in den Oasen Nord- Afrikas. Die„vulkanischen" Fische.Süd-AmeeikaS iverden von den Eingeborenen Prennadillas genannt. Aus frühexe» Zeiten sind mehrere Beispiele solcher Fischregen bekannt. Bei einem Ausbruch de� Garguarayo. eines südamerikanischen Vulkans von MOV Meter Höhe, wurde» die umgebenden Felder in einen Umkreis von zwei Meilen mit Schlamm und Fischen bedeckt. Auch der Cotopari bat ähnliches � verübt, ferner die Vulkane Jmbaburn, Tangurakua und Sangau. Die. Bevölkerung hat in einige» dieser Fälle versichert, daß die Fische noch lebend den Abhang des Berges herabgetoinmcu seien. Sicher isr jedenfalls, daß bei den Ausbrüchen des Cotopari die herausgcfchlcndcr- ten Fische nur wenig entstellt waren. Leider liegen genauere wiffen- schaftliche Beobachtungen nicht vor, weil ein heftiger Vulkanansbrucb die Bewohner der Gegend in eine zu heftige Aufregung zu versetzen pflegt, als daß sie sich viel um dies vulkanische Manna kümmern sollten.— Litterarisches. dg. M a„ii et Schnitzer:„De r L i c b e ö b r i c f«, ei»er Köchin, eine Geschichte aus enger W elt." Leipzig, Hermann Seemann Nachfolger.— Die bürgerliche Kritik hat gesprochen: Ein lustiges Buch, ein humoristisches Buck, ein Buch an- genehm zu lesen, wenn man nack, einen, guten Mittagessen mit einer guten Cigarre iu der Softwcko- sitzb Das Buch enthält aber dum noch mehr, viel mehr. Diese„Geschickitc aus enger Welt", ist die Geschichte einer ganzen Volksklasse, die Geschichte von dem„Auch-Menschentum" des armen in Unterdrückung und Unwissenheit dahin vegetierenden polnischen Dienstmädchens. Wie in dieser Stanislava Lieske, dieser Polin mit den. Kalmückengesicht und den, mürrischen muffligen Wesen, ein„Mcnscki" lebt, wie dieser Mensch dcutl und einp findet, wie er leidet und liebt, wie er aus stummen, Dahinvegetieren zu beinah' poetischer Empfindung heranwächst, das ist vom Dichter mit rührender Innigkeit und lachendem Humor geschildert. Wer Schnitzers Buch mit Verständnis liest, wird mehr darin finden als die Unterhaltung einer müßigen Stunde.— Theater. Neues Theater. Dvettc", Schauspiel in vier Akten von Pierre B e r t o n. Das Stück ist nach Maupasiants bc- rühmter Novelle gearbeitet, von, Standpunkt des Bühncnhandwerks bewachtet mit zweifellosen, Geschick, Freilich wie enge Herr Verton in das Seenrngcsolge und in den, Dialog sich an die Erzählung sich anschließt, der Maupassantsche Geist ist gründ- lich ausgetrieben. Nicht aus plumpem kln verstand, sondern>veil das Feinste, das Eigenartigste und Beste, gipfelnd in der über- raschcndcn Scblnßpointe. die allem andren erst die rechte Farbe und Sftininung giebt, bühnenmäßig überhaupt nicht zu reproduzieren war. Die leise Ironie, die sich bei Mailpassant durch die ganze Schilderung, durch all die rührenden und ergreisenden Scenci, hindurch zieht, ist in den, Bertonschen Stücke ausgelöscht: die Psychologie dieses so außerordentlich komplizierten Persönchens mit den seltsam springenden Launen ans eine vergleichsweise sinwle Formel reduziert. Die Dvettc des Schauspiels wird, nachdem sie, durch das brutale Wort ihres Verehrers ans den Illusionen gerissen, Schritt ftir Schritt die schmähliche Wahrheit über das Haus ihrer Mutter entdeckt, einfach zur sentimentalen Heroine Dumasschcn Stils. Sic will sterben, wie man eben ans dem Theater sterben zu wollen pflegt. All' die romantischen Grillen, die jugendlichen Eitelkeiten, die seinen Seelennüance», die bei Maiipaffnnt in ihren Selbstmord- gedankcn mit binein spielen, ihm eist dir individuelle Lcbcns- prägung verleihen, sind wie ein überflüssiges Beiwerk mit grober Schere abgeschnitten. Aber was hätte man auch auf den, Theater damit viel anfangen sollen. da die Hauptsache, der tragikomische Umschwung._ den diese Züge kunstvoll vorbereiten, der Bühne sich schlechthin_ entzog l Der selige Rausch, in den das eingeatmete Chloroform die richtige Dvctte versetzt, die Seelcnwandlmig bei den Traun, Visionen, das Erwachen der derb-gewiffenlosen Lebenslust, die listige Koketterie, als die Mutter und die Freunde geängstigt in ihr Zimmer dringen, all dies ganze Innerliche ist schlechterdings nur zu erzähle», nicht sinnlich im Theater darstellbar. Fällt dieses Mittelglied, dann kann aber auch die aus der Betäubung erwachende Dvelte nicht wie bei Mmchassant den eleganten Richtsnutz Servigny als ihren Liebhaber »marmen. Die physiologische Pointe der Novelle wäre nn- verständlich und verletzend. ES bleibt dann eben nur der stmiwfe Theaterfchluß, zu dem der Bearbeiter seine Zuflucht gc- nommen, daß Servigny, gerührt durch solche Tiefe des Gcsiibls, Ivettes Hand begehrt. Der Sinn der Novelle ist so in sein direktes Gegenteil verkehrt: die Krise, durch die das reine Mädchen in die Abentcnrcrbahnen ihrer Mutter einlenkt, wird zur„rettenden" Kata- strophc. Es ist denaturierter Manpasiant, als bloßes Theaterstück, wie schon gesagt, nicht übel, nur darf man an das Urbild nicht zurückdenken. Die Aufführung, die eine Reihe stinimungsvoller Bühnenbilder brachle,— vor allem gelangen die munteren Sonntaassccncn an der Fähre— wurde stark applaudiert. Die Vvette, selbstverständlich dieses Stückes, nicht die Maupassantsche, fand durch Fräulein W c„ d t eine sehr gelungene Darstellung. Gut wer auch der Servigny des Herrn Paul. Die andern Rollen blieben ziemlich scheu wichasr.— — dt. 828— Kunstgewerbe. h. Ausstellung einer Gesamtanlage müder- n e r Wohnräume bei W e r t h e i m. Die Hauptmängel der neuen kunstgewerblichen Bewegung lagen bisher weniger in den Leistungen, wie in der Ilnznlänglichkeit des Apparates; künstlerisch war ein Wettbewerb mir Früherem möglich nnd er fiel meist zu Gunsten des Neuen aus, aber auf dem Markte erlitt es Schlappe über Schlappe, Einzig darum, weil das Grost-Unternehmertum, das im alten Fahrwasser gut lavierte, sick fast ausnahmslos den Aufgaben fernhielt, und wo es sich mit ihnen betastte, es geschickt verstand, aus der Haut der Künstler, wie des Publikums, Riemen zu schneiden, Eine Reihe von Künstlern, Eckmann, Christiansen, Behrens, Leistikow, Theodora H nasch, Margarethe Brauchitsch, Pankok n. s, f, wurden z, B, zum Entwerfen von Tapeten herangezogen; und trotzdem die Künstler kaum vielmehr als die angestellten Zeichner für ihre Ent- würfe bekamen,