Mwierhaltttttgsblatt des vorwärts Nr. 210. Dienstag, den 23. Oktober. 1902 Nachdruck verboten. m Der Onkcnteicb» Roman von Gertrud Franke-Schievelbcin. Da lag das schöne junge Geschöpf in nackter Unschuld, den rechten Fusz m beiden Händen, sehr erstaunt über das seltsame Spielzeug, das es eben entdeckt hatte, und imnier weiter vor sich hinplaudernd. Als seine Allutter sich über den Wagen beugte, stieß es einen hellen Jauchzer aus. Seine schwarzen Augen, rund und blank und groß geöffnet, daß die seinen Lider ganz ver- schwanden, blitzten sie an wie ein paar Sterne. Die runde Brust reckte sich, das Köpfchen hob sich ihr entgegen, die Hände ließen den rosigen, hochgewölbten Fuß fahren, und alles bäumte sich und strampelte und wollte empor und seine jungen, schwellenden Kräfte bethätigen. Da nahm ihn Lene in ihre Arme und schwenkte ihn über ihreni Kopf, und er lachte, daß die beiden Unterzähnchen, die erst ein paar Tage da waren, in dem weitgeöffneten Mäulchen blitzten. Dann zog sie ihm das rote Schlafkittelchen aus und brachte es unter unsäglichen Mühen zu stände, das zappelnde Kerlchen in sein Kleid zu stecken. Als sie damit fertig war. wußte sie auf einmal nichts mehr von dem großen Lebensjammer. Wie könnte eine Welt zu ewigem Leiden verflucht sein, wo so ein uuernießliches Glück gedeiht? Rur die Verzweiflung sieht in grausamen und zwecklosen Qualen den Sinn des Lebens, sieht die Generationen kommen und untergehen und den Erdboden düngen mit ihrer Asche— um nichts! Nein, dachte Lene und drückte das Kind an ihre Brust, du lehrst mich, daß das Leben kein bloßes, blindes, grausames Drunter und Drüber ist von Zufälligkeiten. Du. die lachende, lebendige Folge unsrer Schuld, daS süße, geliebte Werkzeug unsrer Strafe! „Leben ist Leiden, Kind,— Leiden ist Erläuterung," sagte sie laut und nickte ihm zu. Und er griff jauchzend nach dem hellen Tropfen, der ihr über die Wange rann. Als Richard mittags kann konnte sie ihm die Nachricht so ruhig, gefaßt und zuredend mitteilen, daß auch er sie besser aufnahm, als sie gedacht hatte. 6r zuckte nur die Achseln. Na, dann hilft's nichts. Den Brief las er sehr langsam und nachdenklich und schien etwas wie Trost zu saugen aus dem herzlichen Ton der alten Frau. Dann beauftragte er Lene, seine Uniform, die wohl- verpackt lag, herauszunehmen, zu lüften und nachzusehen, ob alles blank und in Ordnung wäre. Sie sah ihn ganz erstaunt an. „Uebermorgen ist doch Königs Geburtstag," antwortete er auf die stumme Frage ungeduldig. „Ach so, und da bist Du eingeladen?" Er fuhr nervös auf. „Eingeladen? Dummes Zeug! Man geht eben zu der Feier. Keiner vom Gymnasium fehlt!" rief er erbittert. Sie sah ihn angstvoll an, wollte etwas sagen und wagte es nicht. Er merkte ihr Zaudern, ihr Bedenken, und in seiner stets gereizten, stets auf Beleidigung gefaßten Stimmung er- regte es ihn heftig. „Soll ich mich vielleicht ganz in dieser verfluchten Baracke vergraben? Niemals mehr unter meinesgleichen gehen? Ver- langst Du das vielleicht?" rief er, mit dröhnenden Schritten i'üi und her laufend. „Nein, nein— ach, lieber Mann— ich dachte nur—" Es lag ihr wie eine Last auf der Brust. Wenn ihn einer schief ansah, in seiner Verfassung! Sie hätte ihm so gern jede Demütigung erspart. „Was dachtest Du?" fragte er, hart vor ihr stehen bleibend. ..Daß ich mich feige verkriechen sollte, nicht wahr? Daß ich ihnen Gelegenheit geben sollte, mich zu verreißen? Nein, ich gehe! Alle» zum Trotz geh' ich! Und wer es wagen sollte— l" Mit düster glühenden Augen blickte er vor sich hin, als jähe er seinen Feinden ins Gesicht. Alle Muskeln seines kräftigen, sehnigen Körpers spannten sich wie zum Kampf. „Aber es ist ja noch nichts erfolgt," sagte er dann er- leichtert.„Noch bin ich in Amt und Würden." Ruhig ging er am nächsten Tage ins Gymnasium. Auf dem Flur hörte er Rober und Bittrich, die auch zur Reserve gehörten, von den: Fest sprechen. „Da geht wieder'n Batzen drauf für Sekt," prahlte Bittrich. Und Rober, der von aufdringlicher Liebenswürdig- keit gegen Volkmar war, seit er's ihm abgeschlagen hatte, bei seinem Sobn Gevatter zu stehen, rief ihn an:„Sie kommen doch morgen auch?" „Natürlich," meinte Richard ruhig. In der Pause ließ ihn der Direktor zu sich bitten. Was bedeutet das? dachte Richard. Ein nagendes bohrendes Gefühl in der Herzgegend. Eine Unruhe in allen Gliedern. „Sie wünschten mich zu sprechen, Herr Direktor!" Urban saß steif und zugeknöpft auf seinem Stuhl, der an einen Thronsessel erinnerte. Tie scharfen, grauen Augen streiften flüchtig den Eingetretenen. Dann gingen sie an den Wänden entlang. Er hatte die Fingerspitzen der kurzen. fleischigen Hand gegeneiiiandergestcmmt, die Ellbogen auf die Lehne gestützt. „Jawohl, Herr— äh— Doktor Volkmar. Ich wünschte Sie— äh— zu sprechen." Er tippte die Fingerspitzen gegeneinander und sah zu Boden. „Im Fall Sie nämlich beabsichtigen sollten, an der Ge- burtstagsfeier Seiner Majestät des Königs teilzunehmen—** Er machte eine Pause. „Das beabsichtige ich allerdings," sagte Richard fest. Urban blickte, den Kopf jäh erhebend, mit einer Miene der Ueberraschung auf. .„Das hätte ich in der That nicht erwartet.— Ich glaubte, es müsse Ihnen peinlich..." „Niemand kann es mir verwehren!" rief Richard auf- brausend. „Erlauben Sie," sagte der Direktor kühl.„Sie könnten sich doch in dem Punkt geirrt haben. Ich habe Sic extra zu dem Zweck kommen lassen, um Ihnen zu sagen, daß mir Ihre Be- tciligung an dem Fest— nicht augenehm wäre." Richard stand eine Weile, ohne ein Glied zu rühren, ohne einen Atemzug thun zu können. Er fühlte sein Herz still stehen. Ein giftiger Haß gegen den Machthaber, der ihm voll Seelen- ruhe eine tödliche Kränkung ins Gesicht schleuderte, kochte in ihm auf. O, die Wollust, herausschreien zu dürfen, was ihm die Brust sprengen wollte, diesem bornierten, von Hochmut ge- schwolleueu Autokraten seine ganze Verachtung zu zeigen! Urban sprach weiter, trocken, kalt, vernünftig. Schon in Volkmars eignem Interesse riet er ihm, von der Absicht ab- zustehen. Es konnten allerhand unliebsame Zwischenfälle.— Und auch im Interesse der Schule und der Kollegenschaft... Richard verbeugte sich schweigend und wandte sich zum Gehen. „In Ihrer Sache," meinte Urban dann,„ist leider noch nichts geschehen. Sie müssen sich gedulden." Er machte eine entlassende Handbewegung und schnitt da- mit eine Frage ab, die Richard auf den Lippen lag. Wie schlafwandelnd schritt er durch den langen Korridor, zwischen den Schülern hindurch, seiner Klasse zu.� Da trat Rober händereibend, mit bekniffenem Lächeln an ihn heran. „Ach, übrigens— verzeihen Sie, Kollege— wegen der Plätze— ich hatte mich schon mit Venkard und Bittrich ver- abredet—" Richard Volkmar ging vorüber, ohne zu antworten. „So eine Unvcrschärntheit," klagte Robcr nachher den Kollegen.„Statt dankbar zu sein, daß man ihn nicht fallen läßt, kommt er einem so!" 1- Der Festtag kam. Ein Novembertag, ganz in schmutzige Farben gehüllt. Am Morgen frostiger Nebel, der düster brütend über dem Reul lag und auch noch mittags ein trübeH Halbdunkel erzeugte. Durch bre dicke, wassergesaitigte Lust fand das Glocken- gelaut, das von allen Türmen schallte, fanden selbst die Kanoucnschlcige nur dumpf und halbverweht ihren Weg bis hier heraus. Richard hatte zu arbeiten versucht, aber er hatte keine Ruhe gehabt und war schließlich hmausgestiirnrt auf die öden Felder. Fort, so weit als möglich von der Stadt, wo sie alle seine Feinde waren, die Leute, die so geputzt, mit Orden und Bändern geschmückt, vom Gefühl der eignen Wichtigkeit imd Makellosigkeit aufgebläht, heruinftolzierten und sich breit- machten. Fort auch aus dem elenden, kleinen Hause, wo jedes armselige Stück Möbel ihm zurief: deklassiert! Ist das eine Umgebung, wie sie für eineil Mann deiner Stellung, einen Mann von deinen Fähigkeiten paßt? Und vor allem: dem jungen Weibe aus den Augen! Von dem Kinde fort! Nicht mehr das luftige Krähen des schönen, lebenstrotzeuden Geschöpfes hören, dessen Dasein der Fluch seiner Eltern wurde! Und wie ein Wahnsinniger lief er draußen auf den durch- weichten Wegen herum. Ticke Lehmballen klebten an seinen Stiefeln und erschwerten ihm jeden Schritt. Sein Bart war feucht._ Auf seinem Hutrand sammelte sich der Niederschlag der Luft und tropfte ihm ab und zu ins Gesicht. Er wurde heiß vom Lanfetl, und dann wieder fuhr ihm ein eiskalter Schauer von Kopf zu Füßen, wie Fieberfrost. Die Dumpfheit, das verworrene Verzweiflungsgefühl, das ihn den ganzen Tag beherrscht hatte, verflüchtigte sich allmählich in der Lust. In diesem Zustande hätte er morden können und wäre nicht schuldiger gewesen wie ein gehetztes Tier, das sich in Todesnot mif irgend einen feiner grausamen Verfolger stürzt. Alle Besinnung, jedes ruhige, vernünftige Ueberlegen war ihm gesckpmmden. Selbst hier in der Todeseinsamkeit der regennassen Felder war's ihm, als sei die Meute ihm auf den Fersen. Die Meute, die ihn herauskläffte und-jagte aus seinem bißchen Kleinbürgerglück, aus einem endlich er- rungenen, schlechtgelohnten und doch begeistert geliebten Beruf, und ihn um eines menschlichen Fehltritts willen in Acht und Bann that! Ja, wahrlich, es mußte schlecht stehen um seine Sache. Sie ließ sich wohl nicht mehr niederschlagen. Nun er mußte auch damit rechneil... (Fortsetzimg folgt.); Kleines f aillletom ck. Tie Entzifferung einer aztrkischrn Bilderhandscbrist. Tas älteste bekannte Werk ainerikanischer Litteratur, ein alter merikani- scher Kodex, ist zum erstenmale vollständig entziffert worden, und zwar von der amerikanischen Forfcherin Mrs. Zella Ii uliall. Das Werk wirft ein interessantes Licht auf die Geschichte des cwilisierten Mexiko furz vor und während des ersten Einfalls von Cortez. Es behtindelt die Zeit von 1486 bis 1619. Es waren viele derartige Codices vorhanden, die jedoch meist von den spanischen Eindring- lingen als Teuselswert zerstört wurden. Der erwähnte Kodex ge- langte vor mehreren hmtdert Jahren in die berühmte Bibliothek des Klosters San Marco in Florenz. Von dort kam er nach England, wo er jetzt entziffert wurde. Ter Kodex besteht aus Bilder»i und er- klärenden hieroglyphischen Zeichen. Er ist schön in Purpur, rot. braun und schwarz gemalt. Durch die liedersetz ung erfährt man viel über das Leben der alten Azteken, wie sie sich kleideten, lvie sie aßen, von ihren socialen Einrichtungen und Hochzeitsbräuchen. Es zeigt sich, daß unter diesen allen Amerikanern die Scheidung schon etwas ganz gewöhnliches war. Damen trugen zur Bezeichiumg ihrer vornehmen Geburt Türkisen in der Nase. Nachdem sie Mutter geworden waren, trogen sie Schals mit Muscheln. Sie trugen auch Federboas. Eine den türkischen Bädern ähnliche Einrichtung war bei den Azteken sehr beliebt. Die Braut wurde in das Haus des Bräutigams gebracht, indem sie auf dem Rücken eines Priesters ge- tragen wurde. Die Leute hatten Stein- und Ziegelhäuser mit farbigen Vorhängen. Der Kodex ist in der./Nahuatl"-Version der Aztekensprache geschrieben: man wird nach dieser llebertragnng viele andre Fragmente der Aztekenlitteratur lesen können. Der Kodex besteht aus 84 Seiten mit zahlreichen Bildern, Zeichen und Symbolen. Diese Zeichen und Bilder sind eine Art„Stenographie" und stellen eine Geschichte dar, an der sehr viele Individuen teilnehmen. Aus dem Inhalt sei in folgendem als Beispiel der Roman einer adligen Schönen des alten Mexiko wiedergegeben. Das Zusammen- treffen der Dame„Drei Kiesel" und des Herrn„Fünf Blumen" im Jahr Sieben Acatl(1499) wird in folgender Bilderreihe ge- Mildert: Im Rücken der Dame im Glockenrock und mit künstlicher Haarfrisur ist das ihren Namen zeigende Zeichen„Drei Kiesel". Die Türkisen in der Nase bezeichnen ihren Adel. Sie spricht mit„Fünf Blumen" in der Zeichensprache. Zwischen ihnen ist das Datum be- zeichnet. Die Linie der von„Fünf Blumen" hinterlassenea Fuß- spuren geht von einem Symbol zwischen Streifen aus. die den Sternenhimmel darstellen und so darauf hinweisen, daß er von göll- licher oder himmlischer Abkunft ist. Ueber beiden Figuren hangt ein dreieckiger Schal mit einer Muschel auf braunem Felde, dem Symbol der Mütterlichkeit. Diese dreieckigen„Quechqucmith" scheinen ein wichtiger und bedeutender Teil der weiblichen Kleidung gewesen zu fein; denn airch Frauen vom höchsten Range tragen sie. „Fünf Blumen" und„Drei Kiesel" erscheinen dann in einem höchst feierlichen Auszuge, und ihnen folgen zwei junge Leute und zwei hobllvangige Alte; alle tragen Gegenstände, die zu einer Ceremonie gehören. Die Dame bereitet augenscheinlich ihre Hochzeit mit„Fünf Blumen" vor, aber man findet sie zunächst im Wasser, auf dem Blumen schwümnen. Sie trägt eine Scblangenftisur, und der Körper einer gefiederten Schlange schwimmt hinter ihr. In einer Hand hält sie einen Zweig, in der andern einen Weihrauchbreimer. Eine alte sitzende Priesterin Namens„Em Adler" hält ein rundes Gefäß mit einem Maisschößlrng und scheint einen heiligen Ritus zu vollziehen. Dann sinden wir die mit dem Zeichen der Mütterlich-- keit bekleidete Dame mit„Fünf Blumen" vor dem heiliger» Scblangentempel von Schal co stehen. Sie verbrennt Weihrauch un!» er bringt ein Blntopfer dar indem er sich mit einem beinernen Ge- rät das Ohr durchbohrt. Die nächste Seite des Kodex ist doppelt und bildet den am sorgfältigsten gearbeiteten Teil. Die erste Ab- teilung eirthält eine merkwürdige Darstellung des blauen gestirnten Himmels, von dem Figuren hinabsteigen. Von der Mitte des Htm- mels steigt an einem Seil der Gort„Zwölf Winde" mit einem Haus auf dem Rücken hirrab. Der größere Teil dieser Seite wird vor» einem großen grauen Berg eingenommen, der den Hintergrund für eine Anzahl Bilder von Personen bildet, die bei dem Ceremoniell beschäftigt sind. Ueber den Berg kommt ein prächtiger Aufzug, der vom Tempel her den durch Fußspuren bezeichneten Pfad den Berg- abhang hinab verfolgt. Die wichtigste Figur dabei ist ein Priester» der auf dem Rücken eine Frau trägt. So wurde im alten Mexiko die Braut zum Hause des Bräutigams gebracht. Der ganze Aufzuz weichet sich einem mehrfarbig bemalten Bogen zu. Unter diesem knien die nackten Gestalten des Gottes„Zwölf Winde" und der Dame„Drei Kiesel", über die sich von oben Ströme von Wasser er- gießen. Die hohe Priesterin«Ein Adler" leitet diese Ceremonie. Ueber den Wasser gießenden Frauen ist ein Haus, in dessen teils durch farbige Vorhänge verdecktem Eingange Braut und Bräutigam ficht- bar sind. Dann sieht man den Gott„Zwölf Winde" und„Drei Kiesel" in lebhafter Unterhaltung, darauf erscheinen sie auf zwei verschiedenen Seiten, jeder mit zahlreichen andern Individuen und Zeichen, und zuletzt trägt jeder ein auf seinem Rücken befestigtes Haus. Ob das bedeutet, daß sie an einen andern Ort zogen, weiß man nicht. Damit endet jedoch der Roman von„Drei Kiesel" in dem Kodex.— — Ter Schafskopf. Ludwig Hevesi schildert im„Pester Lloyd" eine Reise nach Konstantinopel und berichtet von der Danipfer- fahrt n. a. wie folgt:„An einer asiatischen Stallon des Marniara» meeres kamen viele LebenSmittelvcrkäufer an Bord. Das Zwischen» deck verwandelte sieli alsbald in eine Markthalle. Das stärkste Geschäft machte ein Grieche mit gebratene» Schafsköpfen oder— drücken wir uns höflicher ans— mit Lammsköpfen. Der Mann halle eine ganze Schafherde geköpft, um mit diesem Vorrat auftreten zu können. Er machte auch Furore. Alles, was Fez oder Turban trug, versicherte sich geschwind eines Schafs- kopfeS. Der Verkäufer sagte dann mit Gretchens Bruder: „Nun soll es an ein Schädelspalten" und spaltete mit einem Axthieb oder mehreren jeden verkauften Schafskopf, um einen Blick in dessen Gehirn zu ermöglichen. Da war auch ein junger türkischer Offizier, der ebenfalls einen Kopf gekauft und sich mit ihm sofort in einen stillen Winkel zurückgezogen hatte. Bald aber erschien er wieder in großer Auftegung und überschüttete den Schaftchädel-Großhändler mit bitteren Vorwürfen, indem er ihm die Ware dicht unter die Nase hielt. Der Verkäufer hatte natürlich den bekannten Stockschnupfen und roch nichts. Nicht so viel! Der Offiznr rief alle Mitmenschen als Zeugen mrf. Jeder mußte seine Nase in das klaffende Schafshirn stecken und seine Empsin- düngen eingehend schildern. Es war kein Zweifel, der zahme Kopf spielte sich auf älteres Wildpret hinaus. Stur der Verkäufer wollte noch immer nichts riechen. Der Offizier war ganz hellgelb vor Wut, die ihm sogar die Rede verschlug, und plötzlich... klattch l klatsch! von rechts und links auf beide Backen des Christenhnndes. Der aber sagte kein Wort, die Umstehenden auch nicht, der Türke aber schlenderte den Schafskopf weithin ins Meer... in usvnn delphini, denn ein Delphin schnappte ihn sofort�... und ging trotzig von bannen. Das war ein kleiner magerer Türke in einem Haufen langer, strammer Montenegriner, Albanesen und Griechen. Em kleiner Lieutenant, ich weiß nicht, was für ein„Baschi", aber noch immer herrschende Rasse, und die übrigen... Rajah."— Litterarisches. — Die Helden des K unst sch w a tz e Z, In dem neu- gegründeten Wiener Tageblatt«Die Zeit" läßt sich Hermann Sudermann folgendermaßen vernehmen:„..Aber um die wenigen, die mit eignen Augeil zu sehen und aus erster Hand zu geben vermögen, lagert sich etne dichte Cchar von HM- und An- empfindrmgstalenten, von solchen, deren Schatz an eigen Geschautem und Erlebtem inm.itten des öde-geschästigen Äteratennrilieus, in dem sie Figur zu machen haben, längst verdorben und verschleudert ist, und die, statt schlvcigend und einsam zu schaffen, sich zu schreienden Rotten zusaminenthun. Und dann erst kommt die imabsehbare Masse der Knust- schmarotzer und Literaturfere, die nach etlichen mißratenen Versuchen in Lyrik oder Drama— der Roman ist ihnen meistens zu mühsam und zu gemein— die Welt mit„Nesthetil' beglücken und jedem Schaffenden ihre kritisch-moralischen Forderungen unter die Rase halten,„Forderungen", die er selbst mit seinem Herzblut einzulösen nicht im stände ist. .. Sie sind die Helden des Kunsff'chivatzes, der heutzutage die hauptstädtischen Salons, Foyers, Kaffeehäuser und Auditorien erfüllt; dem zuliebe alljährlich Dutzende von littcrarischen Revuen, Wochen-, Monats- und Viertsljahrsschristen in die Welt gesetzt werden und sich zu Grunde richten; der künstlerische und litterarische Schulen— gebiert und wieder verschlingt— oft noch ehe sie ein Lebenszeichen von sich gegeben haben; der jeden Floh snb specie aeterni betrachtet und jedem Könnenden das Fell über die Ohren zieht; der, einer dumpfen Modewittcrung folgend, den einen als Tabu erklärt und für den andren die saftigsten Blüten der Verachtung liebevoll zum Kranze windet, und der, wenn er irgend einem wahrhaft Großen notgedrungene Verehrung erweisen muff, dies Gefühl vornehmlich als Sockel des Größenwahns auszunutzen weiß."— Theater. Lessing-Theater.„Der Kram pus", Lustspiel in drei Aufzügen von Herrmann Bahr.— Das Lesfing-Theater hatte nur seine Räume und einige Schauspieler gestellt, veranstaltet war die Vorstellung von dem Verein„Moderne Bühne". Die Flagge, unter der so die Kmuödie segelte, paßte offenbar recht wenig. Das Stück ist nicht neu. auf ein paar deutschen Bühnen bereits auf- geführt, und vor allem seinem Gehatt mih seiner Scenenführung nach ohne jede Beziehung zu dem Zeitgeschmack, geschweige zu den Zeit- ideen. Die kleine Geschichte spielt nicht nur im 18. Jahrhundert, sie hätte auch, Patt anderhalb Jahrhunderte später, ganz ähnlich etwa zu jener Zeit für das Theater geschrieben sein können; weim nicht in Deutschland, so in Frankreich, wo die Traditionen der Moliereschen Charakterkomödie nachwirkten. Und doch, bei der im Drama jetzt herrscheirden Baisse. war die Aufführung des von den öffentlichen Berliner Bühnen uir- beachtet gelassenen Stückes schließlich kein übler Griff. Da Bahr jetzt durch seine„Wienerinnen", denen ein klingender Kassenerfolg beschieden zu sein scheint, hier in Berlin litterarisch so arg kompronrittiert wird, liegt in der Jnscenierung des „KrampuS", wenn man will, sogar ein Akt ausgleichender poetischer Gerechtigkeit. Bei aller Schlväche der Erfindung, bei allen Univahrscheinkichkeiten, Längen und Wiederholungen hat diese kleine Komödie doch immerhin etwas von Bahrschenr Geiste. Es ist mancherlei Amüsantes, Liebens- würdiges und ein gut Teil ironischer Menschenbeobachtung darin. Vor allem freilich war der Erfolg der wirklich ausgezeichneten, von Herrn Zickel arrangierten Darstellung zu danken. N u s ch a B u tz e machte aus der ziemlich farblos gezeichneten Generalin ein wahres Prachtstück ftöhlicher Natürlichkeit, und Vollmer vom Schauspiel- Haus lvar ein schlechthin unübertrefflicher Krampns. Die eigen- sinnigen alten Herren, die hinter laut polterndem Schelten, wie sich am Schluß zu zeigen Pflegt, ein„goldenes Herz" verbergen, korpulent, meist Väter oder reiche Onkels, gehören zum eisernen Bestand, mit dem das Lustspiel arbeitet. Der Krampus— der Ekel oder der Widerhaarige läßt sich der Wiener Ausdruck ettva, dem Sinne nach, verdeutschen— in der Bahrschen Komödie hat mit diesem altbekannten Schlage zum Glück nur wenig gemein. Die Parole von dem guten Kern m rauher Schale patzt hier nicht. Der Herr ist mager. Junggeselle und iaiser- licher Hofrat in Wien, ein alter Elegant und Aeschet, nicht mit biderb losplatzender Grobheit ausgestattet, sondern recht tückisch-verschlagen in seiner Graufiakeit, malitiös, spinös, versteckt, launischer als ein verwöhntes Weib und trotz der sentimentalen Aufwallung bei der Begegnung mit der Generalin, seiner Jugendliebe, gründlich im Herzen ausgetrocknet, ein hartgesottener Egoffr. Von einigen stark karikierenden Uebertteibungen abgesehen, wirkt die Figur im ganzen durchaus lebenswahr und originell. Nur schade, daß Bahr, um diesen merkloürdigen Kauz aktiv in Scene zu setzen, nicht eine wemgsiens etwas interessantere Handlung hat erfinden können. Aber die Spannung, die dem Stücke fehlt— es dreht sich einfach darum, dem alten Tyrannen, der aus seüiem Reichtum die venvittvete Schwester standesgemäß unterstützt, die Einwilligung zur Liebesheirat seiner Nichte recht simpel abzujagen— brachte das Spiel Vollmers hinein. Jede Bewegung, jede Nuance des Mienenspiels war eine heitere Ueberraschung. Noch ehe er den Mund geöffnet— wie er verdrossen, mit bitterböser Miene, in seinen seidenen Schlaftock eingewickelt, aus denr Schlaf- zimmer tritt, wie er kritisch die Anordnung auf seinem Frühstückstische mustert und, allmählich zu strahlendem Behagen übergehend, seine Lieblingsküchlein kostet,— hatte er schon stürmisches Gelächter entfesselt. Und mit gleicher Frische ging es durch alle weiteren Scenen fort, bis der Verhärtete vor der Generalin kapituliert, seinett angejahrten buckligen Freund, mit dein ex eben noch das Nichtchen kopulieren wollte, akS Heirat°kand!datsn aushöhnt, und, tyrannisch wie immer, im abendlichen Schlußquartett den Taktstock schwingt, bei aller Komik stets ein echter Grandseignenr, dem da» Rokokotostüm wie angegossen fitzt. Auch die Nebenrollen waren gut besetzt. Sehr lustig wirkte im ersten Akte besonders die Liebes- erklärung der beiden jungen Leute unter dem Zeichen des schwärmerisch verehrte» Klopstock.— dt. Musik. Sprechstluime und Singstimme: diese zwei menschlichen Fertig« leiten in eine richtige Beziehung zu einander zu setzen, ist eine Grundbedingung aller redenden Künste im weiteren Sinne des Wortes und ist seit langem ein Kreuz der musikalischen Praktiker und Theoretiker. Tie mehr als drei Jahrhunderte, seit denen die Oper besteht, haben sich mit diesem Kreuz zu schaffen gemacht, und die mehr als drei Jahrzehnte, seit denen Richard Wagners Musik» dramatik besteht, sehen in ihm eines der tiefsten und aktuellsten Pro» bleme der Kunst und ihrer Theorie. So künstlich sich im späten Mittelalter die Bokalkomposition entfaltet hatte, so naturgemäß wollte nun die Oper ihren Gesang als eine musikalische Deklamation gestalten. Wie ihr dies gelang und mißlang, mag uns die Geschichte der Oper lehren. Das moderne Musikdrama sucht ersichtlich in den, Tonfall und Accentgang des natürlichen Sprechens das Vorbild für die Gestaltung seines Gesanges. Unser Sprechen besteht nicht aus Klängen, sondern nur aus Geräuschen, die aber Spuren von be- stimmtcr Tonhöhe und hiermit von Intervallen sowie auch vor, Klangfarben in sich tragen, ohne doch schon wirklich Töne und Jntcr- volle zu geben. Diese Kenne bis zu festen Tonhöhen mit regel- mäßigen Abstände? von einander und zu satten Tonsärbungen zu entwickeln uird die im Sprechen nicht nur keiinhaft, fondern bereits gereifter liegenden Verschiedenheiten der Stärke und Schnelligkeit in idealisierter Gestalt herüberzunehmen, ist das Bestreben moderner Vokalkomposition. Nur daß es sich dabei immer nur um diese idealisierte Gestalt handelt: alles Sprechgeräusch soll in Klingen aufgelöst, und die freie Verwendung von Accenten und Zeitgrößeu soll in die Gemessenheit von Rythmus und Takt gebannt werden. Nie« mals dürfte der„Naturalismus" eines deklamatorischen Gesanges darin bestehen, daß das Klingen des Gesanges dem Rauschen der Sprechstimme wiche. Darum hat R. Wagner sich keineswegs etwa mit einem bloß ausdrucksvollen, sondern immer nur mit einem auch zugleich sinnlich schönen Gesang seiner Llunstler begnügt und ein Verlassen der Gesangssvrache zu Gunsten der Nedeiprache auch im höchsten dramatischen Affekt nicht gewollt— mag ihn auch einmal ein glückliches Gegenbeispiel überrascht haben. Darum war ihm auch. in merkwürdiger Uebereinstimmung mit der italienischen Oper, die Mischung von Gesang und Dialog in einem dramatischen Werke zu» wider, und er hals hie und da, Operndialoge in Rccitative der« wandeln. Diesen feinen, reinen Geschmack zweier artistischer Mächte, wie! verschieden sie auch sonst waren: der ualienischen Oper und der neu» deutschen Musikdramatik, können loir uns anscheinend noch immer nicht ganz zu eigen machen. Italienische Opern werden bei uns mit Dialogen statt mit dialogischen Recitativen aufgeführt, und fast alle leichtere musitdrainatische Komposition unsrer Zeit bleibt bei jener Mischung, die uns fortioährend aus der einen Aeußerungsweise in die andre wirft. Nur in einem wirtlichen Singspiel mögen wir uns mit diesem Wechsel befreunden: also in einem Schauspiel, das lediglich bei lyrischen Höhepunkten zu Gesang und sonstiger Musik greift. Die moderne Kleindramatik, um den liebergang voui Brettli zum Theater so zu nennen, war schon nahe daran, das Singspiel ii, seiner sachgemäßen Beschränkung wieder aufleben zu lassen; gelungen ist der Versuch nun einmal nicht. Die Halbheit einer Ivilllürlichei, Mengung von Sprachspiel und Sangspiel auf dem Theater ist jedoch geblieben; und speciell in der Form der Operette, die ja quantitalit» einen großen Raum in unsrer Thcatcrwelt einnimmt, haben wir Tag für Tag unter jener Zurückgebtiebenhett hinter dem gegenwärtigen Jdealstande der Musikdramatik zu leiden. Die andre Gefahr in dem Verhältnis zwischen Rede und Gesang: das Ausspringen aus dem klingenden Sington in das Sprechgeräusch, bedrängt uns weit weniger. Nur indirekt kommt sie da» durch in Betracht, daß unsre Operettcnsänger wenig von dem idealen Sington besitzen, den die Musik als entschiedenen Gegensatz gegen den Sprechwn braucht. Nur ganz ausnahmsweise überschreiten unsre Sänger diese Grenze wirklich. Einen solchen Fall bot ein uculiches Konzert dar. das im ganzen zu dem bemerkenswertesten im jetzigen Gange der musikalischen Abende gehörte. Fräulein Hedwig Kaufmann war uns schon einigemale in gelegent- lichen Mitwirkungen begegnet. Daß sie jetzt erst, nach längerem selbständigen Arbeiten, über die Lernzeit hinaus, vor ein größeres Publikum trat, ist von vornherein ein Zeichen künstlerischen Ernstes� Man hört auch ohne weiteres den Erfolg sorgfältiger Selbstschuluug, Ihre nicht eben große Stimme verfügt über ein mannigfaches Können. Ein etwas mühevoller Ansatz der Töne ist freilich unvcr- kennbar; und die Sängerin verrät ihn in dem Maße, als sie ihrer Stimme cin starkes Herausgehen zumutet. Ihre intcressantesto Eigenart jedoch ist eine selbständig ausdrucksvolle Verwendung deS Gesanges zu anschaulich eindringlicher Versinnlichung des Textest Dabei geht sie jedoch im Ausdruck so weit, daß sie bei erregteren Stelle» den Klang und die Festigkeit ihres Tones verliert und sich der bloßen Sprechstimme mehr nähert, als es im Wesen des Gc» sanges liegt. Möglich, daß ein leichterer Tonansatz und ein gleich» mäßigeres Spinnen des Tones sie etwas mehr vor diejex Us schweifung bchütcn würde. Wie sie jedoch die mannigfache», nicht nach Danlbarkeit. sondern eyer nach Schmierigkeit der Aufgabe aus- gewählten Lieder ihres Programms verschieden gestaltete, das würde eine ausführliche Vertiefung in Einzelheiten verlangen und jeden- falls zu einer lebhaften Anerkennung der darin bcthätigten Kunst führen. Zu jenem Gedanken über moderne Musikdramatik gab uns eine der„Premieren" Anlaß, wie sie für Theaterdirektoren anscheinend die liebsten sind: die Wiederaufnahme bewährter alter Waren. Richard Genee, der vielseitige Theater-Kapellmeister und Opcrcttcnkomponist(1823— 1895), wurde vorgestern(Sonntag) im Theater des Westens durch seine„ N a n o n" wieder zu den für ihn möglichen Ehren gebracht. Tie Gegenüberstellung der leidlicherer und wenig leidlicher Gesangsleistungen ersparen, so Inhalt eines mnsikdramati scheu Kunstwerkes kein schlechter Griff sein. Als die übliche Affenkomödie einer Operette mit dem alten Rüstzeug einer solchen verdient sie nicht mehr, als derartigen unterhalt- lichcn und hie und da anmutigen Stücken gebührt. Wenn wir uns die stereotype Hervorsuchung hübscher Stellen und die Unterscheidung leidlicherer und weniger leidlicherer Gesangsleistungen ersparen, so mögen doch noch zwei Einzelheiten erwähnt werden. Erstens die merkwürdige Stimnie von Oskar Braun:£in heller schmetternder Tenorbariton mit draufgesetzten unechten Tenorrönen. Und zweitens die sorgsame Arbeit des Kapellmeisters Alfred S ch i n k, der aus der einförmigen Musik und aus dem guten Willen der Choristen machte, was da zu machen war.— sz. Kunst. -hl. Max Klingers.Beethoven", das vielumstrittene Hauptwerk des Künstlers, an dem er schon seit fünf Jahren arbeitete, ist jetzt bei Keller u. Reiner für einige Wochen ausgestellt. Der ganze Oberlichtsaal ist ihm eingeräumt, Klinger selbst hat die Auf- ftellnng und Anordnung der Beleuchtung geleitet, um das Muster für den Saal zu haben, der diesem Werke zu seiner endgültigen Aufstellung in Leipzig dienen soll: man darf also annehmen, dai; es sich so nach deni Urteil des Künstlers in der besten Art dem Auge darbietet. Schon der erste Eindruck giebt dem Besucher das Gefühl einer unbedingten Hochachtlmg vor dein tiefen künstlerischen Ernst, der hier nach den, Höchsten gestrebt hat. Die vielfachen Blitteilungen über die komplizierten technischen Prozesse, die Klinger versucht und gemeistert hat. mögen einen solchen Eindruck vorbereitet haben. Auch den Ideengehalt des Werkes, der in der Hauptfigur und iir dem reichen Beiwerk zum Ausdruck kommt, zieht weite Vorstellungs- kreise heran. Um so mehr wird man darauf dringen müssen, eine klare Antwort für sich auf die Frage zn finden: steht das Werk auf der Höhe, die es mit' einem so mitzerordentlichen Aufwand von Mitteln erstrebt? Es ist schwer, durch eine Beschreibung eine Borstellimg von den, an einzelnen Motiven so reichen Werke zit geben. Klinger selbst hat die kostbarsten Materialien vereinigt: auf einem schweren Bronzesessel hat er die weiße Marmormasse des nackten Oberkörpers Beethovens gesetzt, über seine Knie hat er ein schtveres Gewandstück in gestreiftem gelblich schimnrernden Onyx gelegt. Der Sessel steht auf einer dunklen Marmorplattc und auf dieser fitzt zn Beethovens Füßen ein Adler in schwarzgrünem, weiß geädertem Marmor. Nicht genug damit, sind die Oberseiten der Sessellehnen blank geputzt, so daß sie wie Gold aus der mit Patina überzogenen Bronze Heransleuchten, und unter dem Rande der Lehne läuft innen ein FrieS. aus den, Engelköpfche» in Elfenbein hervortreten und dessen Feld aus kostbaren Steinen grellblauen Opale!,, roten Achaten usw., ein Flügelinuster zeigt. Es scheint wichtig, diese Materialien aufzuzählen. Sie sind von unerhörter Pracht i aber für das Auge gehen fie nicht zusaminen. Schon die Skizze, die in der Secesfion zu sehen war. erschien in der ausgestrichenen Farbe grell, fast roh: die Ausführung scheint diesen Charakter noch stärker zu haben. Jedes dieser edleren Materialien hat seinen Stoffcharaftcr, der hier sein Eigenrecht geltend macht und mit dein daneben stehenden absolut nicht zusanimengeht. Der farbige Eindruck des Ganzen, der sich zuerst aufdrängt, ,ft bunt und kalt, und dies verschärft sich, je länger man sich ihm aussetzt. Die Eist- gegengesetztheit der einzelnen Stoffe wirkt so stark, daß es uninög- kich ist, das Werk auch nur einen Augenblick als Ganzes zu em- p finden; man sieht immer den Oberkörper fiir sich, den Mantel über den Beinen als besonderes Stück und man faßt auch den Sessel und das Postament mit dem Adler isoliert auf. Indessen könnte Klingers Beethoven, trotzdem dieser Versuch der polychromen Behandlung miß- lungen scheint, ein erhabenes Werk sein, die Verkörperuiig des Künstlers selbst könnte diese Dinge vergessen machen. Es ist aus de» ersten Blick eine bestechende Idee: Beethoven als der Zeus aus dem Throne, der gewaltige Herrscher im Reich der Töne, in, Augen- blick der Inspiration,— der Adler, der zum Auffliegen bereit zit seinen Füßen kauert, ein Symbol des Ringens in der Seele des Künstler?, die ihren hohen Flug nehmen will. Und an der Rückseite des Sessels werden in Reliefs in loser Anknüpfimg Tone aus den, lveitcn Reich der Empfindungen angeschlagen, die ,n Beethovens Schaffen ihren Ausdruck gefunden haben. Aber es war, wie es scheint, diese litterarische Idee, die den Ursprung des Werkes bildete, und Klinger hat die adäquate bildnerische Verkörperung, auf die es ankommt, nicht geben können. Wie auch das Beiwerk sein mag, das Werk steht und fällt doch mit der Gestaltung Beethovens. Klinger hat es gewagt, ihn nackt darzustellen. Ob es überhaupt möglich ist, den Verantwortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: tiefen Gegensah zwischen dem in jedem Zuge von tms als individuell beseelt enlpfuiidenen Gesicht und dem unindividuellen Körper zu überbrücken? DaS zu untersuchen, wurde hier zu weit führen. In diesen, Werke ist es jedenfalls nicht gelungen und es wirkt als Laune, daß der Künstler Beethoven so darstellt. Das ganze Motiv der Körperhaltung erscheint— nicht anders wie in dem Entwurf— zu klein für den Ausdruck erhabener Größe, der nostveitdig war. Beethoven sitzt mit übereinandergeschlageucn Beinen zus a», menge ftmkm da, die Brust ist eingefallen, der Kopf West vorgebeugt und die Rechte ruht, zur Faust geballt, auf den Knien, auch die Linke ist ge- ballt. Man sieht deutlich, ivas der Künstler gewollt hat: die völlige seelische Kotizentratioii verkörpern. Aber die Art, wie diese Spannung hervorgebracht ist, wirkt äußerlich, erklügelt und deshalb wohl über- trieben, gewaltsam. Und auch auf dem Geficht ist der Ausdruck höchster geistiger Anspainmng nicht unmittelbar zn spüren. Der Blick geht verloren in die Ferne, und die starke Betonung der Linieii der zusammengezogenen Augenbrauen, der herabgezogenen Mmidwilikel giebt dmijstesichr hvchsteus den Charakter eines finsteren Trotzes. aber der Strahl des Genius leuchtet nicht von ihm. Läßt man banit noch einmal das Ganze aus einiger Entferiumg auf sich wirken so. ist man überrascht, wie klein es erscheint, kleiner, als es in Wirklichkeit ist. Es fehlt dem Werke der große iiiomliueistale Zug, den diese Aufgabe vor allem andren erforderte.— Humoristisches. — Vereinfachung. Dichter:„Bei n, einem Trauerspiel hat alles gelacht. Ich schreibe jetzt einfach Lustspiele— weinen köuneii sie doch nicht so leicht."— — Z u a r g.(Monolog des Gerichtsvollziehers:)„Fünf erfolg. lose Pfändnitgeii! Na, alles was recht ist. aber jetzt werden die Zeiten schon ,o schlecht, daß nicht einmal der Gerichtsvollzieher mehr was verdient!" — Der Erbprinz(zum General):„Und— äh— Ercellenz. sind Sie gerne beim Militär?"—(„Simplicissimus".) Notizen. — Maxim G o r k i S neues Drama„Nachtasyl"(auch „In der Tiefe des Lebens" betitelt) wird eine der nächsten Novitäten des Kleinen Theaters(Schall und Rauch) sein.— — Die nächste Novität des Intimen Theaters ist der Schwank„Ledige Ehemänner" von Walter Stein und Arthur L i p p s ch i tz.— c. Im Pariser O d ö o n finden gegenwärtig die Proben zu einem fünfaktigei, Drama A n f c r ft c h» n g" statt, das von H. B a t a i l l e„ach T o l st o j s gleichnamigem Roman ge- schrieben ist.— —„Feuersnot" geht heute abend im Opernhause unter persönlicher Leitung des Konchouisten Richard Strauß erstmalig in Scene.— — Die Berliner Mozart-Gemeinde veranstaltet im November zwei gesellige Mnsikabende; der erste findet am 5. No- ventber statt.— — Richard Strauß wird im H. Modernen Konzert des Berliner Tonkünstler-Orchesters, das am 3. November bei Kroll stattfindet, seine s i n f o n i s ch e P h a n t a s i e „Ans Italien" erstmalig vorführe».— — H u m p e r d i n ck s neue Märchenoper„Dornrösche n* erlebt am 12. November im Frankfurter(Main) Stadt» Theater ihre Erstausführung.—• — Der Dresdener Kammersänger Anthes erklärt von Hamburg aus, er sei gar nicht nach Amerika gegangen und koiitniktbriichig geworden, sondern er habe nur seinen Urlaub an» getreten.— — Der Verein für deutsche? Kunstgewerbe der» anstaltet anläßlich seines fiinfniidzwanzigjährigen Bestehens im alten Akademiegebände eine A u s st e l l u n g, die am 11. November eröffnet wird.— — Preise für Zeit ungsdekorations» Entwürfe. Ein Preisansschreiben der„Maler-Zestnng" in Leipzig zur Erlangung von Entwürfen für einen Zeitungskopf und für die Dckorattons» motive und die einzelnen Rubrikköpfe dieser Zeitung hat eine selt» saine Konkurrenz gezeitigt. Es waren 134 Entwürfe eingegangen. Es fiel aber überhaupt nur ein zweiter Preis, und zwar verteilt auf die Borlage eines ZeittuigSlopfes, wobei die Arbeiien von Ad. Möller-Altona nnd Alfted Krug-Rastatt in Berückfichtigung kamen, während der erste Preis Fridolin Fenkcr-KarlSrnhe fiir eine Zeichnung zu dem Heftumschlag Dekorattousmottve zuerkannt tvurde. Den dritten Preis empfing Bruno Rkauder-Stuttgart.— — Wegen Mangels an Hörern wurde der Professor der Dkincralogie l»ld Geologie an der B r ü n n e r c z e ch i s ch e n Technik für das Wintersemester vom Abhalten dieser Vorlesungen beurlaubt.— — Die Versuche, durch Einführung von sibirischen Rehböcken den in einzelnen Gegenden Deutschlands degenerierten Rehwildbestand zu heben, haben einen günsttgen Erfolg gehabt. Der sibirische Rehbock erreicht ein Gelvicht von aufgebrochen 40 bis 50.Kilogramm und sein Gehör» weist eine Staugcnläuge bis zu 40 Centtmeter auf.—______ vorwärts Buchdtuckxrn und Verlagsaniialt Paul«inaer& Co., Öciliu SW.