Ur. 243. Abomitment«-Dtdingungen: Vbonnementi- Preis Pränumerando: vierteljährl. 3L0 Ml., monall. 1,10 Ml., ivöchentltlh 28 Pfg. frei ins Hau». Einzelne Nummer K Pfg. Sonntags: Nummer mit illuslricrier Eonnlags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: ZM Marl pro Quartal. Eingetragen in der Post-Zeitung»- Preisliste für ISSS unter Dr. 7020. Unier Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrig« Ausland S Marl pro Monat. Erschein! täglich außer Monlag«. Devlinev Volksblatt. 16» Jahrg. Dir Insertions- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel« zeile oder deren Raum»0 Pfg., für politischl und gewerkschaftliche Bereins- und Bersammiungs- Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Knfeigen" jedes Wort V Pfg. (nur das erste Wort fett). Inserats für die nächste Nummer muffen biS s Uhr nachmittags in derExpedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochentagen bis 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen bis 3Uhr vormittags geöffnet. Fernsprecher: Am! I, Er. 1508. Tslegramm-Adreffs: „Sorialdemokrat Berlin" Centraiorgan der soriatdemokratischen Partei Deutschlands. Kedaliiimi: SV. IS. Rrullj-Straffr 2. Expedition: 19. Ventlz-Stra�e 3. Nach Hannover. Nicht der Groll der bedrückten Massen reicht hin, die Mächte der Gewalt(jit überwinden; die Aufgabe der Socialdemokratie ist es, in der Erkenntnis der wirtschaftlichen und politischen Wirklichkeit dem Proletariat das befreiende Schwert in die Hand zu geben. Dies Schwert mutz stets wieder neu geschliffen werden, auf datz es nicht roste, und immer wieder mutz das Proletariat seinen Gebrauch üben und vervollkommnen, auf datz es ihn nicht verlerne. Eine Partei, die also im Doppclkampf— im Kampf gegen den Gegner und im Ringen um die Wahrheit— steht, sie benötigt all- jährlicher Musterung ihres Bestandes, ihrer Aufgaben, ihrer Ziele, damit der Schlachtplan in Einigkeit festgestellt und die feste Ge- schlossenheit der Marschkolonnen erhalten werde. Beiden Aufgaben war auch dieser Parteitag in Hannover gc- widmet.� In beiden Richtungen hat er viel gcthan und als sein Er- gebniL stellt sich heraus ein bedeutender Fortschritt iin grotzen Kultur- kämpf unseres Zeitalters, den das Proletariat kämpft. Insonderheit war die Parteitagswoche„inneren Fragen" gewidmet. Die grotze Grundfrage: Wohin wollen wir? war auf- geworfen und damit im engsten Zusammenhange die strategische Frage: Wie und auf welchen Wegen wollen wir das Ziel erreichen? Je mehr unsere Partei an Zahl der Anhänger wächst, je mehr sie zum Fürsprech aller Bedrückten lvird, je grötzer ihre politische Bedeutung und Verantivortlichkeit wird, um so mehr sieht sie sich vor die Aufgabe gestellt, ihre Ideale in der Praxis des Lebens, ihr grotzes Wollen in den Problemen, die der Tag stellt, zu bewähren. Die kleine Gruppe verkündet ihr Ideal der erwartungsvollen Menge, aber die grotze Partei soll das Ideal in den Einzelheiten der wirklichen Lebens- kämpfe vertreten und verwirklichen. Da gilt cS. in der Mannigfaltigkeit der Einzelfragcn das g c i st i g c Band nicht verlieren. Und darum mutz die Partei stets von neuem in harter Denkarbeit sich mühen, datz sie durch Wahrheitserforschuug gewachsen bleibe allen neuen Ansprüchen der fortschreitenden Eni- Wicklung der lebendigen Wirklichkeit. Kein Parteitag der deutschen Socialdemokratie, auf dem nicht ein Stück dieser Wahrheit gesucht und gefunden wäre, aber kaum ein Parteitag, Ivo so heitz um die Wahrheit gerungen wurde, als auf dem soeben beendeten in der einstigen Welfenhauptstadt, und wo, wie wir meinen und hoffen, so viel des hohen Gutes gefunden wurde. Jeder unserer Parteitage bcfatzte sich mit wichtigen Entzeisragen und löste sie. Dieser Partei- tag bcfatztc sich mit der Frage der Fragen, mit der Grundfrage unseres Parteiwesens, die alle Einzelfragen umschlietzt. Wenn wir unter dem Eindruck dieses Parteitages an die ihm voraufgegangcncn zurückdenken, so erscheint es uns nun überraschend, datz das, was in Hannover geschah, nicht schon früher geschehen ist. Wir gestehen, es ist das erste Mal seit dem Gothacr Eiuigungskongretz von 1875, daß die Grundlage unseres Programms unter der Anteil- nähme der gesamten Partei umfassend und gründlich besprochen worden ist. Als in Halle nach dem Fall des SocialistcngesetzcS die Aufstellung eines neuen Programms beschlossen ward und als dieser Beschluß in Erfurt 1391 zur Ausführung gelangte, da waren nur wenige Köpfe der Theorie an dem Werke beteiligt, das ohne jede grötzcrc öffentliche Diskussion aus einer schnellen Kommissionsberatung her- vorging. Jetzt aber erlebten wir eine wahrhaft grotze Debatte durch vier Tage unter eifrigster Beteiligung der ganzen Partei. So ist noch in keiner Partei je über wissenschaftliche Fragen diskutiert worden. So ist auch in unserer Partei noch nie über die Grund- lagen unseres Denkens und unserer gesamten Stellungnahme im öffent- liehen Leben diskutiert worden. Schon diese Thatsache, datz ein solches Parlament des ernstesten Ringens um wissenschaftliche Wahrheit aus der Tiefe der gedrückten Menschheit erwachsen ist, mutz, so dürfen lvir frei von Selbstüberhebung sagen, als ein erhebender Beiveis gelten, datz eS ein Aufwärts giebt in der menschlichen Kultur- eutwicklung! Vor dem Parteitage in Hannover schien es manch einem fast, als seien so tiefe Gegensätze in der deutschen Socialdemokratie ausgebrochen, datz cS vielleicht keine Ucberbrückung geben könne. W i r haben dies n i e geglaubt. Der Parteitag hat unsere Auffassung zu unserer Freude bestätigt. Was ist die Quintessenz auS der grotzen Debatte in Hannover? Wobt giebt eS Gegensätze allerlei Art. Meinungsverschiedenheiten über viele Einzelsragen, die oft grötzer scheinen als sie wirklich sind, wenn die Lebhaftigkeit deS Temperaments die eigene Meinung zu« spitzt und die Meinung des anderen nicht mit ruhiger Objektivität zu betrachten weiß. Da waren manche, welche nicht genug der „radikalen Phrase" entgegentreten konnten und schon glaubten, jene „Radikalen" dächten nur an den„einen grotzen Tag" und seien widerwillig, die Aufgaben der Tagespolitik recht zu würdigen. Da waren andere, die einen verderblichen„Opportunismus" hereinbrechen sahen und fürchteten, es gäbe eine Richtung in der Partei, welche eine zaghafte Anlehnung an die bürgerliche Scheindemokratie suche, welche im Klcindienst der Tagesarbeit aufgehen wolle und die Ideale vergesse, die die Herzen entflammen und allein die zur Fortführung des schweren Kampfes bis zum Siegcsfest nötige Kraft geben. Wenn wir recht urteilen, so sind die Schwarzseher auf beiden Seiten enttäuscht worden und mindestens sind ihre Befürchtungen am Ausgange des Kongresses viel, viel geringer geworden als sie zuvor gewesen. Wir wollen damit keineswegs einen Tadel gegen diejenigen erheben, die solche Befürchtungen hatten. Mißtrauen ist in diesem Falle eine Tugend, denn es ist das Mißtrauen, datz niemand strauchle und datz die Sache der Gesamtheit keinen Schaden nehme. Freilich, es wäre thöricht anzunehmen, datz der Parteitag all' diesen Erörterungen ein absolutes Ende gesteckt hätte. Im Gegen. teil, viele Probleme sind nun erst aufgeworfen worden und unsere besten Männer werden fortdauernd an ihrer Lösung arbeiten. Die Wissenschaft steht nicht still und unser Bemühen um sie darf niemals rasten. Wohl aber hat der Parteitag die Thatsache er- geben, datz es ein Ideal ist, das in uns allen glüht und das unsere Gemeinschaft gegen jeden Ziveifel im eigenen Lager und gegen jeden äntzercn Feind sicher stellt. Das ideale Ziel der Beseitigung jeglicher Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, der Herstellung einer klassenlosen Gesellschaft, deren Grlmdlage die sociale Gleichberechtigung aller und deren Princip die höchstmögliche Entfaltung aller menschlichen Fähigkeiten und Talente ist— dieses Ziel, dieser freiheitliche SocialismuS ist uns allen daS Leitmotiv unseres Wirkens, ivie es zugleich die Quelle ist, aus der uns stets von neuem die Kraft des Kämpfens zu strömt. Berechtigt war die Lebhaftigkeit, mit der gegen Bernstein zu Felde gezogen ivard, Ivenn die Meinung begründet war, Bernstein wolle an jenem Ideal rütteln. Aber alle Genossen, die auf dem Partei tage Bernsteins Ansichten mehr oder minder vertraten, bekannten sich uneingeschränkt und unzweideutig zur Idee der Demokratie und deS Socialisnuis, zur Taktik einer rciii-proletarischen Klassenkampf Politik. Mag nun auch manche Einzelheit innerhalb jener all- umfassenden Grundaitschaunngen fürdcr streitig bleiben, die Einheit der deutschen Socialdemokratie ist, wie wir nicht anders erwartet hatten, von neuem gesichert und gestärkt ans dem Parteitag hervor- gegangen. Ja niag selbst jemand die Befürchtung noch hegen, datz immerhin die Mittel und Wege des anderen, ivenn auch wider seinen Willen, ans dem Rahmen jener Grundaitschaunngen hiiiausdrängen. so lvird doch die Diskussion hierüber in einer sachlichen Art und der Würde der Wissenschaft entsprechend geführt werden, nachdem die Uebereinstimmuug im Empfinden jedem uitzwcifelhaft ge worden ist. DaS gleiche Empfinden der Partei und das übereinstimmende Bekennen der gleichen Grundanschauung hat sich glänzend bc. kündet in der Annahme der B e b e l s ch e n R e s o I n t i o n. Diese Resolution ist der Boden, auf dem wir alle gemeinsam stehen. Mag auch der eine diesem Satz der Resolution mehr, jenem weniger Acdentung beilegen- als der andere— darin erblicken wir keines- Wegs eine Schädigung oder Schwächung des Arbeiterkampfes. In dieser Millionenpartci kann nicht eine Schablone herrschen, ja es ist vielmehr ein Glück für die Belvegung, datz sie nicht vorhanden ist. ES ist erfreulich, datz bei aller Einheit doch Mannig faltigkcit waltet. Ist es nicht ein Zeichen lebendiger Kraft in der Partei, datz nicht einer alles nach seiner Auffassung leitet, datz mancherlei selbständige Denkiveisc hervortritt, da schließlich alle doch dem gleichen großen Ziele zustreben? Wir sehen allenthalben den politischen, intellektuellen, sittlichen Aufstieg der grotzen Volksmassen ans dunklen Tiefen empor zum Licht. Auf allen Lebensgebieten wollen sie sich versuchen. Mag da nun der eine den Versuch, durch k o n s u m g e n o s s e n s ch a f t l i ch e B e t h ä t i g u n g die Arbeiter- klaffe zu fördern, höher anschlagen als der andere, mag lviederum das Gelverkschafts wesen dem einen als Vorschule deS politischen Kampfes, dem andern als gleichwertig mit der politischen Be wegung, dem dritten als sogar höheren Ranges gelten— das sind Verschiedenheiten der Auffassung, über die noch oft gestritten werden lvird, aber Verschiedenheiten, die doch insgesamt sich unter d r höheren Ordnung dessen, waS allen gemeinsam ist, zusamnienfassen und niemals ein genössischeS Zusammenstehen ivider den allgemeinsamen Feind unmöglich macheit. Vor dem Parteitag erschienen diese Verschiedenheiten manchem von unS grötzer als sie sich nun, da die Genossen Auge in Auge einander Rede standen, herausgestellt haben. Was als eine Ab« weich nn g vom Princip erschien, erscheint nun als eine Abweichung über das tanglichste Mittel, das Princip zu erfüllen. Und hatte die Befürchtung, es wolle jemand bröckeln am Princip der Partei, vor Hannover zu mancher, oft auch unnötigen Heftigkeit der Polemik geführt, so sollte dies unheilvolle Mißtrauen von nun an beseitigt sein und die Bemühung sollte Platz greifen, unsere Diskussionen fortan frei von Rechthabereien und Verdächtigungen als lautere Sucher der Wahrheit zu führen. Auch in dieser Hinsicht, des sind wir überzeugt, hat die lebhafte Aussprache auf dem Parteitage ihr gutes geschaffen. Der Parteitag hat aber über die Sicherung der programmatischen Einigkeit hinaus, wie sie nicht nur durch die Resolution Bebel, sondern auch durch die erneute Festlegung unserer unversöhn- lichen Gegnerschaft gegen den Militarismus zum Ausdruck gelangt ist, noch ein positives Resultat von großer Bedeutung gebracht. In derselben Bebeischen Resolution, welche unsere Grund- anschauungen in gedrängter Kürze feststellt, ist auch eine wichtige taktischeFrage entschieden worden, die Frage derWahlbünd- nisse. Mit einer unerlvarteten, fast an Einmütigkeit reichen- den Majorität hat die Partei den allgemeinen Satz auf- gestellt, datz ein Zusammenoperieren unserer Partei mit andern Parteien unter Umständen statthaft sei. Die wenigen Partei- genossen, welche diesem Beschlutz nicht zustimmten, werden jedenfalls erkannt haben, datz den mehr als 200 Delegierten, die für diesen Absatz der Bebeischen Resolution stimmten, nichts ferner gelegen haben kann, als die Selbständigkeit und principielle Reinheit der Partei zu mindern. Also auch in dieser taktischen Angelegenheit, deren Erledigung grotze Schwierigkeiten im Wege zu stehen schienen, ist fast spielend eine weitgehende Uebereinstimmung der Partei er- zielt worden. Und weil diese einige Geschlossenheit auf unserem Parteitage wiederum sichergestellt worden ist. darum schwere» AergerniS in den Reihen unserer Gegner. Mehr denn je hatten diese ihre Hoffnungen auf den Parteitag in Hannover gesetzt, mehr denn je hatten sie auf Spaltung unserer Partei oder doch auf die Fest- stellung so iveitgehcnder Differenzen gehofft, datz der bisherige feste Zusammenhalt gelockert werden könnte. Wie stets so auch dieses Mal war ihr Hoffen trügerisch und daher jetzt ihre Unzufriedenheit. Unzufrieden sind die Scharfmacherblätter, da der Partei- tag ihnen so ganz und gar keine Gelegenheit gab, das rote Ge- spcnst der Ungesetzlichkeit und Gewaltthätigkeit den Urteilslosen neu ausstaffiert vorzuführen. Unzufrieden sind insbesondere die liberalen und demokratischen Blätter, die in gründlichem Mißverständnis unserer Parteientwicklung schon wähnten, die social« demokratische Partei iverde die Einheitlichkeit ihrer Weltanschauung preisgeben und sich in eine Politik der Grundsatzlosigkeit, Zerfahren- hcit, Kleinlichkeit, Ideenlosigkeit verflachen. Sie alle, unsere Gegner, sind die Getäuschten, und nur das deutsche kämpfende Proletariat darf freudig auf die Tage von Hannover schauen, welche von neuem die Einheit und damit die Kampfesfähigkeit der Partei sicher gestellt haben. Denn wirklich gab es in Hannover auch nicht einen geringsten Mitzklang, eine mindeste Abweichung, als die Fragen der Organisation des Parteiheeres und seines Aufmarsches be- handelt wurden. Es bekundete sich da allenthalben eine vollständige Harmonie. Noch auf keinem Parteitage fand die V e r w a l t u u g der Parteigeschäfte durch den gewählten Vorstand sowie die Thätigkeit der parlamentarischen Fraktion so uneingeschränkte Z u st i m m u n g Ivie in diesem Jahre. Die altbewährten Männer, die seit langen Jahren an der Spitze der Partei stehen, sie sind durch daS Vertrauen der Partei wieder auf ihren Posten gestellt worden, obschon gerade auch in ihnen die mannigfachen Abweichungen in den Ansichten über Einzelfragen zum Ausdruck gelangen. Auch eine Reihe anderer Frage» des Parteilebens wurden in Hanuvver ohne jede Schwierigkeit geordnet. Der P rote st gegen die Zuchthausvorlage, die Maifeier, die Be- schickung des nächsten i n t e rn a t i o n a I e n K o n g r e s s e S, die Erledigung einiger Beschwerden— das alles konnte schnell und glatt erledigt werden. So hat sich denn der Wunsch, der am Vornbend des Kongresses ausgesprochen wurde, daß er zum Heile der Partei wirken möge, voll erfüllt. Der Parteitag hat sich als eine centripetale, zusammen- führende Macht bewiesen. Die Delegierten der Partei haben ein wertvolles Werk vollbracht. Die deutsche Arbeiterklasse darf ihnen Dank sagen für ihre Mühewaltung. Geeint und gekräftigt geht die Socialdemokratie ans den Debatten in Hannover hervor. Mit neuer Begeisterung und hellen Auges führt sie ihren Kampf gegen die Feinde des Volkes und der Kultur. Rastlos an sich selbst arbeitend und den Feind von Schanze zu Schanze treibend— so schreitet das Proletariat zum Siege, in eine neue Zeit!_ politische Mebevficht. Berlin, den 14. Oktober. Der Krieg. Wie vorauszusehen war, befinden sich die Boeren zunächst auf allen Punkten in der Offensiv e. Sehr gestärkt fühlen sie sich durch die Vereinigung ihrer Truppen mit denen des Oranje-Frei- staates, die. wie der Vorsteher der von den Boeren eingenommenen Station Albertina erklärt, bereits stattgefunden haben soll. Die Boeren beabsichtigen, gleichzeitig alle schwachen Pimkte anzugreifen. Was den ö st li ch e n Ltricgsschauplatz betrifft, so meldet der Kriegsberichterstatter des„Daily Telegraph" aus Ladysmith, datz Freitag vor Tagesanbruch eine starke mobile Kolonne, zusammengesetzt aus Truppen aller Waffengattungen, unter dem Befehl des Generals White auszog, um zu rekognoszieren. Dabei scheint die Kolonne auf den Feind gestoßen zusein. DasKriegsministcrium erhielt die Bestätigung des Vorstotzes von Ladysmith.— Eine Drahtung der „Daily News" aus Ladysmith besagt, die Boeren hätten die Natal- grenze an mehreren Punkten überschritte»! ihr augenscheinlicher Ziveck sei, Dundee, Glencoe und Ladysmith gleichzeitig anzugreifen.— Eine„Times"-Drahtnng aus Ladysmith schätzt die Zahl der in Natal eingedrungenen Oranje-Boeren auf 12 000 Mann. Sie rücken rasch in der Richtung auf Ladysmith vor. Die Vorposten stehen einander gegenüber; ein großes Treffen steht bevor, wenn es nicht schon stattgesiinden hat. Die Be- wegung scheint eine Umgehung der britischen Stellung zu be- zwecketr.— Auch auf dem w e st l i ch e n Kriegsschauplatze, wo die Boeren gestern einen nach Mafeking bestimmten gepanzerten Eisenbahnzug bombardiert und genommen haben, sind sie bereits zum Angriff auf Mafeking selbst vorgegangen. Nach einem Telegramm der„Daily Mail" aus Kapstadt von. gestern liegt dort die Meldung vor, die Boeren seien zum Angriff auf Mafeking geschritten und hätten bereits mehrere Niederlagen erlitten. Diese Nachricht ist aber wohl nur mit Vorsicht aufzunehmen. Dagegen veröffentlichen die Londoner Abendblätter eine Depesche aus Kapstadt vom 14. d. M. mit der Meldung, datz die Boeren einen aus Mafeking kommenden gepanzerten Eisenbahnzug, in welchem sich Tele- graphisten befanden, in die Luft sprengten. Die Blätter be- merken, datz es sich anscheinend um einen neuen Zug handelt. Der Angriff der Boeren auf Mafeking selbst steht unter dem Oberbefehl C r o nj e S, der über eine stärkere Artillerie verfügt, als der englische Befehlshaber Baden-Powell. In den letzten Tagen haben aus beiden Seiten mannigfache Verschiebungen stattgefunden. Nachdem von den indischen Truppen 3200 Mann Infanterie, 1500 Mann Kavallerie und 18 Geschütze in Durban gelandet und nach Pietermaritzburg und Ladysmith vorgeschoben worden sind, dürsten die englischen'Streitkräfte in Natal jetzt 12000 Mann betragen, von denen 8 Bataillone Infanterie, 4 Negi- menter Kavallerie und 6 Feldbatterien in der Gegend von Glencoe- Dundee aufgestellt sind. Allem Anschein nach sind die Streitkräfte der Boeren denen der Engländer in dieser Gegend nicht mehr be- i eutenb iiicrlcgcn, beim mau nimmt an, das; General Joubcrt über böchstrnS 1 6 OCO Mann verfügt, während die Oranjeboeren HOOtj Man» zählen. Genaue Berichte z» erlangen, ist jetzt nicht benOiar, beim die militärische englische Censnr waltet niit' großer Strenge ihres Amtes. Von wenig militärischem Geiste zeugt die Meldung, baß alle nach der Front abgegangenen britischen Truppen ihre Fahnen im Regicrungsgebände zn Pietcrmaritzburg zurück- gelassen haben. Eine sehr prattische Einrichtnng, jetzt brauchen sie im Kampfs ihre Fahnen nicht zu vertcibigc». Man sieht: bie Engländer sind auch hier wieber alle» voraus in dem Erfassen der Sache selbst: die „Ehre" steht bei ihnen nicht im Kurse, sie wollen nur das. wa§ dahinter steckt, den Vorteil. Durn-Durn-Geschosse nehmen sie mit, die Fahnen sind überflüssige Bagage. Daß ein s ch n e l l e r Sieg der Engländer nicht zu erwarten steht, ist an dieser Stelle wiederholt ausgeführt worden, ebenso, daß die bisherigen englischen Rüstungen durchaus noch nicht genügen. Dieselbe Ansicht vertritt das„Militär» Wochenblatt", das in einem längeren, den kriegführenden Mächten getvidmeten Artikel die den beiden Freistaaten schon jetzt zur Verfügung stehenden Streitkräfte auf rund 60 000 Mann schätzt, die wohlbewaffnet und bereit sind, für ihre Unabhängigkeit ihr Bestes einzusetzen. Das Blatt kommt zu dem Schlüsse, daß die britische Heeresleitung sich darauf werde einrichten müssen, mit mindestens löv 000 Mann in Südafrika aufzutreten. Da die Gesamtstärke der von England für einen Feldzug im Auslände planmäßig vorbereiteten Armee nur etwa 77 000 Mann mit 214 Geschützen beträgt, so würde» ganz außerordentliche Anstrengungen erforderlich sein, um die völlige Niederwerfung der beiden Freistaaten zu bewirken. Während unten weit in Afrika die Völler aufeinanderschlagen, hat am Freitag Graf Nigra im Namen Italien» sämtliche Konventionen und Deklarationen der Friedenskonferenz in Haag unterzeichnet. Väterchen giebt nämlich sehr viel auf das Dekorum und hat den Wunsch ausgedrückt, daß alle Staaten in feierlicher Prozession nach dem Haag den definitiv ausgebrochenen ewigen Frieden bestätigen. Schade, daß England momentan anderweitig beschäftigt ist. Sowie sie ein wenig niehr Zeit hat, wird die eng- tische Regierung es sich sicher nicht nehmen lassen, dieser Pflicht der Courtoisie gentlemanlike nachzukommen.— *» Pretoria. 14. Oktober. sMcldung des„Reutcrschen Bureaus".) Amtliche Meldungen von der Westgrenze besagen, eine Truppen- abtcilung der Bocren unter General Cronje habe in der Nähe von Namathlabama die Grenze überschritten. Mau habe sehr starke Detonationen gehört und glaube, die Boeren hätten die Eisenbahn- linie gesprengt und die Telegraphcnleitnngen abgeschnitten.— Der Bocren-Gencral Jan Kock telegraphiert, seine Abteilung habe das Defilö am Bothapasse besetzt, während die Truppenabteilung von Volksrust Laingsnet besetzt habe und den Vormarsch in Natal fortsetze. »» m Deutsches Weich. ... Tas königliche Herz des Herrn v. Miqu el, das nach ge- wissen Zwischenträgereien in dem Kanalhandel eine doppelte Buch- führung sich zugelegt haben soll, liegt nun wieder in strahlender Reinheit allen lohalen Blicken offen. Die Festmahl-Rede von dem Segen, den die Hohenzollern über Hannover gebracht, hat an maßgeben- der Stelle den bösen Zweifel zerstört. Die Krisis hat also wieder einmal gar nicht existiert. In der. Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" wird offiziös versichert, daß nach ihren„zuverlässigen Informationen über die schwebenden Fragen unserer inneren Politik Meinungsverschiedenheiten im Schöße des Staatömini st eriums überhaupt nicht bestehen". Herr v. Miquel kann also wieder unentwegt für den Kanal kämpfen.— Miquel freigesprochen! Ein Berichterstatter, der vorzugsweise aus konservativen Quellen schöpft, schreibt der„Voss. Ztg." unter der ausdrücklichen Mitteilung, daß seine Angaben„offiziös" seien. die Re g i e run g S krisis sei erst in diesen Tagen entschieden worden. Er fährt fort: Der Kaiser hat sich nach seiner Rückkehr über die Zusammen« setzung des Staatsministeriums schlüssig gemacht und vor allem daS eingereichte Entlassungsgesuch des Vicepräsidcnten des Staatsministeriums Dr. v. Miquel abschläglich beschicden. Die Verdienste, die sich dieser Staatsmann namentlich um die Rege- lung der preußischen Finanzen erworben hat, werden zu diesem Entschlüsse beigetragen haben. Die Angelegenheit Z e d li tz konnte Dr. v. Miquel nicht zur Last gelegt werden, weil erweis- lich Frhr. v. Zedlitz wiederholt in Gegnerschaft zu Dr. v. Miquel gc- standen hat und durchaus nicht fich dessen Beeinflussung immer gebeugt hat." Na, dann wäre ja alles wieder in Ordnung. Sein Name ist Miquel, er weiß von nichts I Einzig und allein die infame Hetzpresse ist an allem schuld l Freiherr von Zedlitz, besten offizieller Rücktritt als Präsident der Seehandlung erst am 1. Januar erfolgt, hat bis zu diesem Termin Urlaub erhalten.— Das kommunale Programm unserer Berliner Parteigenossen hat die Wut der»Konservativen Korrespondenz" erregt. Sie ist schon ganz besinnungslos, denn sie lobt bereits die„Freisinnige Zeitung". Besonders empört sie die Forderung der nnentgelllichcn Beköfti- gung aller Schulkinder auf Kosten der Steuerzahler, und 'zwar deshalb, weil sie gegen die Rechnung, die die Durchführbarkeit dieser Korderung beweist, nichts einwenden kann. So legt sie sich denn auf die Gefühlsscite und läßt die Moral gegen das „Stück Zuknnflsstaai" aufmarschieren, das die Socialdemokratcn da in Berlin einrichten wollen. Den Herren Elteru, die ohnedies schon kein Schulgeld zu bezahlen haben, soll die Sorge für ihre Kinder abgenommen werden. Wir ziveifeln daran, daß ordent- l i ch e Mütter damit einverstanden sein könnten; solchen Eltern aber. denen Verantwortlichkeits- und Familiensinn über- Haupt abgeht, die ihnen lästige Fürsorge für die eigenen Kiirder abzunehmen, liegt nicht der geringste Anlaß vor. Ein recht großer Teil der solchen Eltern ersparten Aus- gaben, die für den Stadtsäckel 9 Millionen repräsentieren würden, würde ja doch nur indieKneipen wandern. Will die„Konservative Korrespondenz" sich im Ernst so naiv stellen und so thun, als wüßte sie nicht, daß auch die„ordentlichste" Mutter an die„Fürsorge für die eigenen Kinder" nicht denken kann, wenn sie den Tag über im Dienste des Unternehmers frohnden muß? Wenn schon die eigene sociale Kenntnis der wohllöblichen „Korresponbenz" nicht so weit reicht, so sollte sie doch wissen, daß augenblicklich im Reichsamt des Innern eine rcichsgesctzliche Regelung der Erwerbsarbeit verheirateter Frauen vorbereitet wird. Bei Arbeiterfamilien, wo beide Eltern schlver um das tägliche Brot zu kämpfen haben, ironisch von„Herren Eltern" zu sprechen— das kennzeichnet die vornehme Denkart der„Konservativen Korre- spondenz".— Die Friedenskonferenz in Verlin V. will man auf etwa? absonderliche Art ungeschehen machen. Man sucht nämlich die „Germania" aufs Glatteis zu locken. Freitagabend brachte die „Norddeutsche Allgemeine Zettung" eine hochoffiziöse Notiz, die nach Mitteilung eines in politischen Kreisen als gut unterrichtet geltenden Berichterstatters anscheinend auf Wunsch des Vicepräsidcnten des Staatsministeriums und im Einverständnisse mit dem Fürsten Hohenlohe verfaßt worden ist. Die in Form eines Dementis ge- kleidete offiziöse Notiz lautet: „Wir haben bisher von der Zeitungsfehde, welche sich zwischen politischen Blättern der verschiedensten Richtungen über eine angeb- liche Krisis innerhalb des Staatsmiiiistcriums entsponnen hat, keine Notiz genommen aus dem einfachen Grunde, weil nach unseren zu- verlässigen Jnsormanonen über die schwebenden Fragen unserer inneren Politik Meinungsverschiedenheiten im Schöße des Staats- Ministeriums überhaupt nicht bestehen. sNatürlich!> Wenn einzelne Zeitungen aber so weit gehen, zn behaupten, der Direktor des Litterarischen Bureaus des Staatsministeriums. Geheimer Regicrungsrat Dr. von Falck, habe im Auftrage des Vieepräsi'denien des Staat» min ist eriums" allein oder in Gemeinschaft mit einem andern die Redaktion der„Neuen Preußischen Zeitung" aufgesucht und daselbst irgend welche Er- Ilärungen abgegeben, so erscheint es doch geboten, weiterer Legenden- bildung entgegenzutreten. An der g a n z e n. N a ch r i ch t, deren tendenziöse Unwahrheit übrigens von einigermaßen urteilsfähigen Blättern leicht hätte erkannt werden können, ist selbstverständlich kein wahres Wort." Dazu bemerkt nun die„Germania": Der zweite Teil des Dementis ist nnt dem ersten Teil in auf- fälliger Weise verbunden worden, obschon ein innerer Zusammen- hang gar nicht oder nur ganz leise besteht. Derselbe bezieht sich auf die„Friedenskonferenz in Berlin W" und dementiert die zuerst von der„Frankfurter Zeitung" angedeutete, dann von der„Frei- sinnigen Zeitung" mit positiver Bestimmtheit gebrachte Meldung, daß einer der„Abgesandten" des Herrn v. Miquel zu dieser „Friedenskonferenz" der Direktor des Litterarischen Bureaus des Staats- Ministeriums, Geheimer Regierungsrat Dr. v. Falck gewesen sei. Das offiziöse Dementi der„Nordd. Allg. Ztg." entspricht allerdings, wie wir bestimmt wissen, insoweit den Thatsachen. daß Herr v. Falck nicht einer der Delegierten zur Friedens- konferenz war. Vielleicht sind„Freisinnige Zeitung" und „Frankfurter Zeitung" bei der Nennung dieses Namens einer Mystifikation zum Opfer gefallen, die man auch bei der„Ger- mania" versucht hat. Diese Mystifikation, die mit Hilfe eines anonymen Briefes und eines anonymen Rohrpostbriefes insceniert wurde, ist aber bei der „Germania" nicht gelungen und damit ist der„Krcuz-Zeilung" sowohl wie dem offiziösen Dementi in der„Nordd. Allg. Ztg." der „Triumph" versagt geblieben, die„Germania" als Urheberin einer falschen Nachricht an den Pranger zu stellen und von der unrichtigen Angabe eines Namens der. Delegierten" Schlüsse auf die Unrichtig- keir der ganzen Nachricht über die„Friedenskonferenz" in der „Kreuz-Zeitnngs"-Redaktio» zu ziehen. Man scheint also bei uns in Preußen etwas von der Dreyfns- Affaire profitiert zu haben. Die Taktik der Generalstäbler macht Schule. Eine„Petit bleu"-Gcschichte babe» wir schon. Wann kommen die verschleierten Damen und die falschen Bärte?— Unser Tag. IV. Hannover, 13. Oktober. Die denkwürdige Bernsteindebatte ist am Freitagvormittag zu Ende gegangen. Bebels Resolution, die um eine Hinzufügung ver- schärft worden war, welche die Ablehnung de» Vorschlags enthält, sich eine demokratifch-focialistische Reformpartei zu nennen, wurde in namentlicher Abstimmung mit 213 gegen 21 Stimmen angenommen. Gegen die Resolution stimmten Berliner und Leipziger Genossen, weil sie im Absatz 3 die Kompromißsrage im bejahende» Sinne entschieden hatte, femer Hamburger Genossen wegen de» Satzes zu Gunsten der Genossenschaften. Einzelne Berliner hatten fich bei der Schlußabstimmung für die Resolution entschieden, legten aber in einer Protokollerklamng ihren Gegensatz zur Landtagswahl. Frage nieder. Ueber den Absatz 3 selbst war auch namentlich ab« gestimmt worden, und hier war da« Verhältnis 205 gegen 34. Das Ergebnis hat die grundsätzliche Einheit der Gesammtpartei, allen Gegnern, die mit gespitzten Mäulem lauerten, zum Verdruß, unwiderleglich festgestellt. Ja selbst in den taktischen Fragen hat sich eine weit größere Einmütigkeit herausgestellt, als vielfach in Partei« kreisen geglaubt wurde. Hat Bemstein aus London seine Ueber- einstimmung mit der Resolution erklären lassen, so stimmte auf der anderen Seite Rosa Luxemburg sowohl für die ganze Resolutton wie für den dritten Absatz, den übrigens Bebel in seinem Schluß« wort dahin erläutert hatte, daß damit die Taktik bei den Landtags« wählen endgültig festgelegt werden sollte. Die Socialdemokratie ist. bei aller Elasticität der Kanipfesmittel, nach wie vor von allen bürgerlichen Parteien schroff und streng geschieden, die Grenzstein« sind nicht um Haaresbrette verschoben. Die Entscheidung kam zu stände, nachdem am Donnerstag eine der bewegtesten Verhandlungen vorausgegangen war, welche unser« Parteigeschichte kennt, und über die es schwer, wenn nicht unmöglich ist. ruhig und objektiv zu berichten, weil der innerlich Beteiligte sich semer individuellen Neigungen und Abneigungen nicht ganz zu ent« äußern vermag. Der Donnerstag begann mit einer scharfen theoretischen Ab« Weisung der sog. Bernsteinschen Richtung durch unser« Genossin Zetkin. ES traten dann in der weiteren Debatte immer mehr die bisher ver» nachlässtgten praktischen Fragen in den Vordergrund, und endlich entfaltete sich am Nachmittag eine erregende persönliche AuS einandersetzung, die doch den sachlichen Wert einer Läutemng gewisser bei uns eingerissener Gepflogenheiten hatte oder doch haben sollte. Die dumpfe Lust des überfüllten Saales, über dessen hoch oben an der Decke befindliche Gallerien durch lückenartige Fenster am Tage spärliche Sonnenstreifen in den elekttisch erleuchteten Raum fallen, die durch die Anstrengungen der unermüdlichen Arbeit erhöhte Reiz- barkeit der Nerven, bie innerliche Anhäufung von mancher Bitternis, die keine Aussprache gefunden hatte— alles dies trug dazu bei, jene leidenschaftlichen Sceneu herbeizuführen, bie der trockene Verhandlungsbericht in Stimmung und Wirkung nicht wiederzugeben vermag. ES ist daS allgemeine, durch keine Humanisienmg gemilderte Kriegsrccht im Kampf der Meinungen, den Gegner so umzumodeln, wie man ihn braucht, um ihn aufS Haupt schlagen zu können. Unterscheiden sich die Meinungen nur durch unwesentliche Nuancen, so läßt sich natürlich nicht allzu energisch polemisieren. Man er- weitert also, in der Regel unbewußt, die Kluft, und nun läßt sich herrlich nachweisen, was für ein Jämmerling der Gegner sei, um so herrlicher und leichter, als die Worte selten eindeutig im Begriffe sind. Diese Eigentümlichkeit wirfte auch in den Erörterungen über die Bernsteinfrage bedeutsam und bedenklich mit. Dazu kam die Neigung, sich gegenseitig durch Citate zu beweisen, entweder welche Thorheiten der Gegner gesagt habe oder daß die eigenen ange- griffenen Anschauungen gerade von den Angreifern genau in der« selben Weise geäußert worden seien.„Ich habe gesagt",„ich habe geschrieben",„ich habe gemeint"— so hieß cS jeden Augenblick. Kleine Umdeutungen und gelegentlich größere Rückzüge wurden voll« führt, wenn frühere Momentäußerungen unbequem wurden:„Das habe ich nicht gesagt",„daS habe ich nicht geschrieben",„daS habe ich nicht gemeint". Schließlich läuft dann alles auf Mißverstand- nisse hinaus, und die Gegensätze schrumpfen für den aufmerksamen Beobachter zusammen. Allein dieses Verfahren ist nicht ungefährlich. Wenn das künstlich erregte Bewußtsein der Gegensätze größer ist als die Gegensätze selbst, so wirkt die sachlich zwar un- begründete Stimmung de» Gegensatzes unvorteilhaft auf das Gefühl unserer Zusammengehörigkeit und verschärft dann schließlich die Gegensätze selbst. Eharakteristisch für die Verhandlungen war, daß die lautesten Rufer im Bernstein-Streit sehr milde und versöhnlich gesprochen hatten. Von den furchtbaren Drohungen und«ukündigungen Tie Niedermetzelung der deutsche» Expedition in Kamerun. von der wir gestern berichtet, wird auch durch das„Bureau Reuter" gemeldet. In der betreffenden Mitteilung heißt cs: Die Eingeborene» griffen nach der Vernichtung der 100 Köpfe starken Expedition, die den Bezirksamtmann von Rio del Reh, Giese, begleitete und aus Eingeborenen, und zwar zumeist aus Trägern, bestand, eine benachbarte englische Faktorei an und plünderten sie: zwei dort weilende Weiße entkamen und trafen am 16. September in Rio del Rcy ein, wohin sie die Nachricht von dem Gemetzel brachten,. die sie von den Eingeborenen gehört hatte». Sie ver- nahmen im Augenblick ihrer Flucht, daß die Eingeborenen auch die anderen dortige» Faktoreien angriffen. Der Dampfer„Niger" berichtet weiter, in Rio del Rcy habe große Erregung geherrscht, da sich dort nur ein weißer deutscher Beamter mit etwa sechs einge- bereuen Soldaten befand. Als der„Niger" von dort wegfuhr, traf ein deutscher Dampfer ein, auf den im Falle eines Angriffs der Eingeborenen auf die Faktoreien von Rio del Ney sich die Weißen hätten flüchten können, doch hielt der„Niger" diesen Fall für un- wahrscheinlich, da die geplünderten Faktoreien von Rio del Ney weit ablägen. In dieser Form lautet die Nachricht noch bestimmter. Amtlich ist von der ganzen Sache immer noch nichts bekannt. Doch wird dergleichen amtlich immer erst sehr spät bekannt.— Eine ostasrikanische Eentralbahn soll auf Kosten des Deutschen Reiches gebaut werden. Der Kolonialrat ist eifrig dabei, den Plan durchzuberaten.— Die„gelbe Gefahr". In der„Köln. Ztg." erschien vor einiger Zeit ein Artikel, in welchem die Tugenden der Knlis über das Bohnenlicd gelobt und die Einführung von chinesischen Dienstboten empfohlen wurde. Die Anregung des würdigen Nnternchmeroraans, das sonst nicht genug die„nationale Idee" feiern kann, hat bereits Früchte getragen; im„Deutschen Blatt" findet fich nachstehendes Inserat: „Chinesische Dienstboten. Ein Großindustrieller, welcher geneigt ist, den in der„Köln. Zeitung" vom 1. Oktober Nr. 771 besprochenen Versuch zn machen, und selbst 5—6 junge Chinesen gebrauchen könnte, sucht Standes- genossen, welche sich an diesem Versuch beteiligen wollen, so daß eine größere Anzahl junger Chinesen importiert werden kann." Mit den Dienstboten wird der Anfang gemacht j natürlich Iverden sich diese bewähren, sind viel arbeitssunier. zufriedener, billiger und williger, als die Deutschen. Manche Kalamität wäre im Handumdrehen gelöst: die Dieiistdotcnfragc. die Leutenot. Die Kulis würden weder eine Dienstboten-Bewegung machen noch je die Erringung des Koalitionsrechts oder die Beseitigung der Gesinde- Ordnung anstreben. Das. was deutsche Kraut- und Schlotbarone sich als das Ideal eines Arbciiers vorstellen, wäre erreicht— ein Arbeitstier. Die Sackic ist in der That sehr ernst zu nehmen und es gilt, — solange solcher Kuli-Import zwecks Lohndruck und Kultur« eniiedrigung benutzt werden soll— dem erste» Versuch energisch cutgegciizntretcu. Die Regierung hat die Pflicht, im Interesse der deutschen Arbeiterschaft, im Interesse der Kultur, dem Eindringen jener asiatischen billigen Arbeitskraft zu lvchren. Wenn je, so ist hier der„Schutz der nationalen Arbeit" am Platze.— Ausland. Spanien. Als Protest gegen die Vestcuerung haben, wie bereit» gestern gemeldet, die Händler in Barcelona beschlossen, ihre Laden zu schließen. Sic haben diesen Beschluß auch wirklich durch- geführt. Die neuen Steuern haben in der Bevölkerung Unruhen ' ervorgerufeu. Volkshaufeu durchzogen die Slraßen. Die Main- fcstam'cu schleuderten Steine gegen die Universität und die Bureaus des Blattes„Noiicicrio". Die Gendarmerie trieb eine Anzahl Personen auseinander, welche Hochrufe auf das freie Katalonien ausbrachte». Später zogen die Manifestanten vor das Rathaus und verlangten die Demission der Mitglieder des Stadtrates. Der Bürgernieistcr wurde gezwungen, die Sitzung aufzuheben. Erst um 11 Uhr abends war die Ruhe wieder hergestellt. Amerika. Philadelphia. 14. Oktober. Unter den Rednern auf dem Internationalen Handelskongretz befanden sich der Direktor der C c n t raistelle zur Vorbereitung von H a n d e l s v e r t r ä"g e n Dr. Vosberg-Rekow und Kommerzienrat Arnbold aus Berlin. Letzterer hielt als Vertreter der Aeltesten der Berliner Kaiifniaiinschaft eine Rede, in welcher er sagte, es gebe manche Berührungspunkte zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten und eS würde nicht schwer fallen können, für beide Länder ein System gegenseitiger Hilfeleistung ausfindig zu machen. Ja, wenn dt Agrarier nicht wären l— gransamer Strafen, wo sie hier und da in Preffe und Versamm« lungen laut geworden waren, war nichts zu hören. Unser bayrischer Genosse Ehrhart fühlte sich geradezu verletzt, daß man die an« gclnndigte Abschlachtung der Bayern wegen ihres Kuhhandels an niemandem versucht hat, und nun ging er mit urwüchsigem Humor und wirksamen Argumenten kräftiglich vor. um die Zweck- Mäßigkeit der bayrischen Tattik zu belveisen. Aber die Mäßigung und Enthaltsamkeit der— man verzeihe daS Scherzwort— Unentwegten— hatte auch ihre Ausnahmen. Wenn ein Redner die Feigheit der Bernsteiner verhöhnte, die sich jetzt nicht hervorwagten, wenn ein anderer die phantastische Entdeckung aus- sprach, es gäbe zwei Richtungen in der Partei, die einen,, die sich um die Aufklärung der Massen mühten, die anderen, die sich begnügten, ein paar Gebildete zu gewinnen, so müsse daS erbittern. Bedenkt man weiter, daß es seit einiger Zeit bei uns fast Gewohnheit geworden ist, zwischen zweierlei Parteigenossen zn unterscheiden, den guten Revolutionären und den bösen Oppor- tunisten, daß jeder, der eine abweichende Meinung äußert. Gefahr läuft, von einigen, erfreulicherweise nur vereinzelten Genossen, zum mindesten als Parteiverräter angeklagt zu werden; erwägt man endlich daß die alten Freunde und Kampfgenossen Bernstein» die moralische Pflicht üben mußten, den Abwesenden gegen ungerechte Angriffe zu ver- leidigen— so begreift man den gewaltigen Ausbruch der Erregung, in dem Auer, der sich nebenbei als Gegner der Bernsteinschen An- schauungen bekannte, Abrechnung hielt mit all' den„Füisteruden und Wispernden", die namentlich ihn selbst in den Ruf der Abtrünnigkeit zu bringen suchten. Gewiß wird die Schroffheit der Anerschen Rede manche» verletzt haben, aber dennoch war solch eine Aussprache ein- mal nötig. Niemals hatte Auer mit so erschütternder Wucht, ans der innersten Tiefe eine» in der Parteiarbeit aufgeriebenen Manne» gesprochen, und als er durch allerlei AbschwächungS- versuche gereizt wurde, da steigerte sich seine Anklage, indem er die versagende Stimme bis zur Erschöpftmg antrieb, zu unvergeßlicher Kraft und Höhe. Kein Zweifel, daß die Persönlichkeit deS TonS namentlich die Fernerstehenden befremden mußte— aber die Explosion könnte wohlthättg wirken, wenn man in Zukunft es unterlassen möchte, in den sachlichen in Wahrhaftigkeit und Ehrlich- keit geführten Streit der Meinungen die persönliche Anzweiflung der Partcigesinnung hineinzutragen. DaS Gewitter— auch Bollmar sprach gegen die Tendenzen zur Ketzerrichterei— tobte sich in einer Unzahl persönlicher Bemerkungen pavfcitmj der deutschen Socialdemokratie. iSchlus; ails der 2. Beilage.) Denn auch auf dieicin Parteitag hat es sich ja gezeigt, dah trotz aller leidenschaftlichen Diskussion und trotz der vorhandenen persön- lichen Differenzen zwischen einzelnen unserer Mitglieder, trotz der verschiedenen Anschauungen über einzelne Fragen,' doch die Partei als solche, wie sie hier in ihren Delegierten vertreten ist, in fast allen F r a g e il eine einheitliche Stellung ge- nonunen bat. Parteigenossen! Wir haben diskutiert über unsere Theorie, über unser praktisches Progrannn. Trotz scharfer Gegensätze und trotz mancher Auffassungen, die in ihrer Konsequenz allerdings zu einer Acuderuug unseres Programms hätten führen können, haben sich doch auch die Vertreter dieser Auffassung zu den Grund- sätzcn bekannt, welche die Gcsamtpnrrei vertritt, als über- zeugte, ehrliche Socialdemokraten,(Lebhafter Beifall.) Mit diesem Resultat dürfen wir, meine ich. zufrieden sein, zerstreut xs doch von vornherein schon die Legende. die unsere Gegner sonst zweifellos verbreiten würden, wir seien gespalten und gingen auseinander. Nein, Parteigenossen, das wollen wir doch vor aller Welt konstatieren: Mögen einzelne Parteigenossen Differenzen haben, scharfe Differenzen, die Partei als solche ist gebunden durch ihre Beschlüsse; durch die Entscheidungen, die sie getroffen, hat sie er- klärte wir sind, was wir waren, und wir bleiben, was wir sind! (Lebhafter Beifall.) Parteigenossen! Die Fragen der Taktik sind in der viel bis- kutierten Schrift unter dent Moito behandelt:„Was die Partei ist, das wage sie zu scheinen 1" Jawohl, wir wollen scheinen, was wir sind, wir wollen scheinen, datz wir sind die alte Socialdcniokratie, die in der Be- seitignng der bürgerlichen Gesellschaft, in der Beseitigung der Ausbeuter- geselljchaft ihr Ziel erblickt; das; wir sind die alte Socialdcmokratie, die auf dem Wege zu ihrem Ziel alles, was sie der bürgerlichen Gesellschaft abtrotzen kann, ihr nur deshalb abtrotzt, um sich kampffähiger, stärker zu machen. Und wer jetzt noch behauptet, daß die socialdemotratiichc Partei geneigt ist, auch nur um ein Jota von ihren Grundiätzen abzugehen, wer behauptet, daß sie geneigt ist, mit bürgerlichen Parteien insofern in Beziehung zu treten, als wir anerkennen, daß die bürgerlichen Parteien und Kreise, sie mögen einen Namen haben, welchen sie wollen, durch ihre Ueberzeuguiigen, durch ihre Politik geeignet seien, uns in ihre Reihen hinüberzuziehen, wer das bc- hauptct, kennt unsere Verhandlungen nicht, kennt vor allem nicht den Geist, in dem sie geführt sind.(Bravo!) Parteigenossen! Es giebt ein Wort, das heißt: Durch Emir zum Sieg! Ich ändere es ein wenig und sage: Durch Einigkeit zui.*jjiel und zwar zum Endziel! (Bravo I) Und das Ergebnis der verflossenen Woche kann uns nur zufrieden stellen. Denn wenn wir jetzt zurückgehen in unsere hei- mischen Kreise, wenn wir über uns ergehen lasse» müssen die Flulh der Aeuherungen in der gegnerischen Presse, wenn der und jener in der Partei vielleicht nicht so felsenfest überzeugt sein wird, daß die Beschlüsse so aufzufassen sind, wie ich es eben vorgetragen habe, dann iverden wir unsere Einigkeit beweisen nach wie vor, unsere Geschlossenheit gegen den Feind, gegen die heutige Gesellschaft. In dieser Ueberzengnng und im Gefühl des Stolzes auf dies Ergebnis sage ich: Die Banner hoch! Nach wie vor zum Kanipf, zum Kampf für das Endziel, zum Kampf auch für die Forderungen der Gegen- Ivart, zum Kanipf mit einem Wort in der alten siegreichen Weise. (Bravo.) Das sollen wir thun, das wollen wir thun. Und ich schließe nicht einen einzigen in diesem Saale aus, von dem ich das nicht annehmen möchte. lBravo 1) Wir wollen uns träftigen in diesem Bestreben, indem wir all das, was wir fühlen, all das, was wir wollen, zusammenfassen in unseren alten guten Schlachtruf:„Die Socialdemokratie, sie lebe hoch, hoch, hoch!" Die Delegierten haben sich von ihren Plätzen erhoben, stimmen begeistert in diesen Ruf ein und singen den ersten Vers der Arbeiter- Marseillaise. Singer: Der Parteitag ist geschloffen. Schluß 23/4 Uhr. Vavkei Kidjf en. Totcnlistc der Partei. Die Genossen des Plauenschen Grundes haben den Verlust eines braven Kampfgenossen durcki den Tod des Cigarrenarbeiters Max G r ü n e r t zu beklagen. Obwohl in den letzten Jahren an der Schwindsucht leidend, hat Grünert doch bis zuletzt seine Schuldigkeit als Parteigenosse vollauf gcthan, wie er von Jugend auf der Sache des Proletariats gedient hat. Volizeiliches, Gerichtliche» ustv. Ter K 193, Wahrung berechtigter Interessen, wird Rcdacteurcn nach der Spruchpraxis des Reichsgerichts bekanntlich in der Regel versagt. Dem Gen. Müller, Redacleur der„Münchener Post", ist dieser Tage der Z 193 vom Schöffengericht München in sehr ver- ständiger Weise zugebilligt worden. Müller sollte den Augsburger Fabrikbesitzer Dickel beleidigt haben. Die f. Z. über die Ursachen der ans. Am Freitag aber sprach Bebel in seinem Schlußwort, so ent- schieden er auch manche Angriffe Auers und anderer Redner zurück- wies, mild und versöhnlich. *•* Die Erörterungen über den Militarismus, die am Freitag- nachmittag begannen, führten, nach manchen scharfen, auch unerquick« lich persönlichen Auseinandersetzungen, zu der Feststellung, daß eS in unserer Anschauung über den Militarismus keine Meinungsvcr- schiedenheiten giebt. Dem Genossen Schippe! ivnrde ivcgcn seines Jsegrim-ArtikelS die Mißbilligung des Parteitags ausgesprochen. In der Sonnabendsitzung wurde noch knapp und kräftig gegen die Zuchthausvorlage demonstriert. Alsdann ging eS an die übrigen Anträge verschiedener Art. Bedeutsam war die große Mehrheit und die große Entschiedenheit, womit der Parteitag den DiSciplinbruch der Leipziger Genossen rügte. An- genommen wurde der Antrag der Berliner, der in de» Angelegenheiten des„Vorwärts" Vorstand und Preß- kom miss ton gleiche Rechte einräumt und bei Meinungs- Verschiedenheiten die Controleure hinzuzieht. Dagegen wurde der Ant'.'g abgelehnt, der den»„Vorwärts" eine einheitliche red. onelle Stellungnahine vorschreiben wollte. Auf die Tagesordnung des nächsten Parteitags sollen die Ver- kehrSfragen gesetzt»verde». Bei dem Antrag Luxem burg-Liebknecht, die Taktik bei den Landtagswahlen auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages zu setzen, flackert noch für einen Augenblick die Bernsteindebatte auf. Heine- Berlin sprach dagegen,»veil durch die Annahme deS Absatzes 3 der Resolution Bebel die Frage ent- schieden sei. Liebknecht erklärte, daß eS doch notivendig sei, über diese taktischen Meinungsverschiedenheiten ins Steine zu gelangen. Der Parteitag beschloß mit geringer Mehrheit— die Feststellung des Bureau? »vurde von einein Teil der Delegierten hinsichtlich ihrer Richtigkeit angezweifelt— die Taktikfrage im nächsten Jahr zu behandeln. Als Ort des Parteitages wurde Mainz ausersehen; Lübeck und Nürn- berg unterlagen in der Konkurrenz. Nachdem Vorstand und Controleure gelvählt, gab Singer eine Uebersicht über die Verhandlungen, als deren Ergebnis er die Ein- mütigkeit der Partei feststellte. Durch Einigkeit zum Ziel — das ist nach wie vor ui»sere Lostmg, von der sich niemand aus- schließt. Mit einem Hoch auf die Socialdemokratie und dem macht- voll einporkltngenden Gesaitg der«rbeitermarseillaise schloß der Parteitag. Augsbilrger Kraballe in bürgerlichen- Blätter» gebrachten Nachrichten waren so tendenziös entstellt, daß die„Münch. Post" einen eigenen Berichterstatter nach Augsburg sandte, um an Ort und Stelle die Ursachen zn erforschen. In einen» Bericht schilderte der Berichterstatter die Verhältnisse objektiv und übte an den unverständlichen polizeilichen Maßnahmen und der Haltung des Stadtmagistrats eine scharfe Kritik. In den» Bericht»vor»veiter wörtlich behauptet,„daß die italienischen Streikbrecher am Neubau der Senkelbach-Spinnerei »viederholt die Arbeit niederlegen»vollten, daran aber von dem Fabrikdircktor geivaltstm» gehindert»vurden. Das Gericht erkannte auf Freisprechung; die Kosten»vurden dem Privatkläger auferlegt. Interessant ist die Begründung,»velche in Bezug auf die Zubilligung des§ 193 vom Gerichtsvorsitzenden gegeben»vurde. Es ist allerdings richtig, so führte er aus, daß allgemeine politische Richtungen und deren Tendenzen noch »»icht zu Ehrverletzungen anderer berechtigen. Im gegebenen Falle handelte es sich aber mn besondere Beziehungen der Interessen des Beklagten zu jenen,»velche er in den» Artikel schützen will. Der ganze Artikel verfolgte die Absicht, die Angriffe zurückzutveisen, welche gegen die socialistische Partei als solche, ins- besondere gegen die str'eikenden Maurer in Augsburg von anderen Zeitungen gcnracht wurden, nämlich, daß gewisserinaßcn die Social- demokraten' die Arrangeure der Unruhen und Kraivalle in Augsburg geivescn seien. Wein» man»»»in in Erivägung zieht, daß der Beklagte Müller Redacteur einer hauptsächlich in Süddeutschland vertretenen socialdemowatischen Zeitung ist, daß er selbst hervorragender Anhänger dieser Partei ist, so war er mit Rücksicht auf diese besondere» Beziehungen allerdings berechtigt zu sage», daß»icht die Social» deniokraten, sondern andere Elemente diese Unruhe» veranlaßt haben. Hierfür führte er in dem Artikel einige Thatsachcn an und schließlich auch den Passus, der den Grund der Klage bildet. Er hat also in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt und eine Verurteilung »väre nur dann nivglich,»venu die Absicht der Beleidigung»ach- zuivcisen»väre. Diese Absicht bestand aber bei Müller nicht, denn c§»vurde konstatiert, daß alle etwa beleidigenden Stellen in dein Artikel von Müller gestrichen worden sind. GemovkschAf tl iches. Pcrlin»nid Ilmgcgcnd. Die Lohlibewrgttiig der Perliner Töpfer. Der Geist unter den streikenden Töpfern ist ein solcher,»vie er bei allen frühere» Bcivcgungcn nicht vorhanden»var. Dies erklärt sich drirch die jähre- lange nnivürdige Behandlung seitens der Unternehmer und die»uirklich trau» igen Verhältnisse in dem Berufe. Es habe» sich bis jetzt ca. 1 009 Töpfer in die Sireiklisten eintragen lassen; die Zahl dürfte aber»veit höher sein, »veil ein Teil auf Nnterjlütznng verzichtet. Von diesen 1000 Mann sind 800 central und 200 lokal organisiert. Die materielle Uiiterstützimg ist gesichert. Eine Anzahl Unternehmer haben z>var bereits unter- schrieb e», trotzdem wird aber der Generalstreik aufrecht erhalle»», da »acb de»» früheren Erfahrungen die Streikenden auf der Be- »villigung seitens der Gesamlhcit der Meister bestehen müssen. A>n 13. Oktober haben die Jnnluigsineifter eine er- »veiterte anßer'-cdentliche Generalversammlung abgehalten, in»velcher sie sich mit dein Streik der Gesellenschast befaßten. Interessant»varcii die Ausführungen der einzelnen Redner, die sich zum Teil diametral gegenüber standen. Einer der Herren erklärte den Streik als„Mode- ariikel", der nur dazu beitrage, die Gehilfen zm»„Müssiggangc" und zun»„Sauren" zn erziehe»». Im allgemeinen»var man aber der Ansicht, daß, nachdem die Gehilfenschaft cinigemale in friedlicher Absicht um Unterhandlung ersuchte und immer»vieder nbgetvicsen»vurde, man selbst den Streik hernusbeschivoren habe. Einige einsichtige Unternehnier forderten denn auch auf, eine Kommission zu»vählen,»velche mit den Gehilfen unterhandeln und für die Zukunft ein besseres Verhältnis schassen solle. Nach längerer Debatte»vurde diese auch geiväblt, bestehend aus fünf Jnnnngsmit- gliedern, drei der freien Vereinigung angehörend und einer außer« halb beider Organisationen stehend. Diese Kommission soll aber erst in 14 Tagen verhandeln, da man sich der angenehnicn Täuschung hingab, die Streikenden haben bis dahin keine Mittel nichr und eS lasse sich dann besser unterhandeln. Bezüglich des Eimvurfcs, die Gehilfen seien nicht einig und haben zivei Organi- salioncii, erklärte ei» Vertreter, man solle sich nicht täuichcn, bei ihm haben Gehilfen die Arbeit niedergelegt, die 20— 2ö Jahre da gearbeitet haben; dies zeige denn doch, daß in» Punkte des Streiks Einigkeit herrsche. Freimütig führte ein Redner an, daß auch die Töpfergesellen ein Recht haben, ihre Lage zu verbessern und einen entsprechenden Verdienst haben sollen. Hoffentlich fallen die Thatcn den Reden entsprechend aus. Unerklärlich ist die Scheu der Herren vor dem Einigungsamt. daS dock» inimerhin eine Einrichtung ist� bei der auch Vertreter des Unternehmertums mitivirken. Sie cutspringt wohl aus den» Wunsche, selbst zu bestimmen und sich niemand zu fügen, und bei Gelegenheit den Tarif»vieder zu brechen. Die Streikenden sehe» dem»nit Ruhe entgegen und»verde»» nicht eher ruhen, bis andere Zustände geschaffen sind. Die Herren Unternehmer»vollen Arbeits- willige von außerhalb heranziehen,»vir fordern auf, den Znziig streng feruzuhnltcn. An» Dicnslagvormittag halten die Streikenden Ver- sannnlung ab. Siehe Annonce. Die L o h n k o m m i j s i o n. Alle Arbeiterblättcr»verde» um Abdruck gebeten. Die Tiffcrcuzcn in der vormals Bobelschcn Vrotsabrik sind dadurch beigelegt, daß die neue Firma(F. T b i e m) erklärte, daß sie»vohl Lohn- A e n d e ru n g e n, aber keine Lohn-Rcduktionen beabsichtigt habe; ebenso liege es dem Inhaber fern, Arbeiter»vegen ihrer politischen Gesinnung zu maßregeln. Die Kündigungsfrist bleibt ebenfalls dieselbe. Bei allen Aenderunge», die»»: Arbeits- verbältuiß vorgenommen»verde»», soll der Ausschuß der Arbeiter vorher zu Rate gezogen»verde». Die L o h n- K o m n» i s s i o n. An die Putzer Berlins! K o l l e g e n I Da der Streik der Putzer als beendet zu betrachten ist.»vir aber alle Ursache haben. ein wachsames Auge auf diejenigen Arbeitgeber zu haben, die noch immer versuchen, an unseren Forderungen zn rütteln, so ist es Pflicht aller Kollegen, daß, bevor der Revers nicht unterschrieben ist, die Arbeit nicht anfgenonimen»vird. Denn»venu»vir in diesem Punkt nachsichtig sind, bringen»vir uns um die Früchte unseres dies« jährigen Kamps. s. Ferner niüfse» die Kollegen bestrebt sein, die Organisation immer mehr auszubauen und zu festige», damit»vir, falls die Unternehmer versuchen sollten, uns die Errungenschaften wieder zu entreißen, gerüstet dastehen. Jeder sei nuf seinem Posten. Den Kollegen, die ihre Streikunterstützung bisher noch nicht ab- gehoben haben zur Kenntnis, daß dieselbe bis spätestens Montag- abend abgehoben sein muß; später Kommende»verden nicht mehr berücksichtigt. Die Lohnkommission. Achtung, Ciseleure k Bei nachfolgenden Firmen befinden sich die Kollegen»vegen Richtbeivilligung des Neunstundentages iin Streit: Spim, u. Sohn. Akt.-Ges., Bronzeivarenfabrik, Wasserthor- straßc 9; P H. Lövy. Bronzeivarenfabrik. Gartenstr. 158; Vollgold Sohn. Silbcrivarcnsabrik. Köpnickerstr. 72; Frister(Inhaber Engel u. Hcgeivald), Bronzeivarenfabrik, Lindenstr. 23; Speck, Bronze- »varenfabrik, Dresdenerstr. 30; Gerike, Sebastiaiistr. 20, und Brodrecht, Stallschreiverslr. 0. Streikarbeit»vird angefertigt bei den Ciseleuren: Fischer, Wienerstr. 29; Greulich, Adalbcrtstr. 7S; Siebmann. Prinzenstr. 98; Retzlaf. Neandcrnr. 15. und Georg Raßmuffen, Adalbertstr. 08.— Bon all' diesen Werkstätten ist deshalb Zuz,lg strengstens fernzuhalten. Die Kommission. Deutsche» Reich. Die Lohubeiveguiig der oberschlesischeu Bergleute scheint »veiter um sich zu greifen. Die„Peaca", das Organ oberschlesischer christlicher Arbeiter zur gegenseitigen Hilfe, veröffentlicht einen Auf« ruf.>u welchem die Bergleute uin Zaborze aufgefordert werden, dem Beispiele ihrer Kameraden anderer schlestscher Gebiete zu folgen und mit Forderungen an die Direktionen heran zu treten. Zu Sonntag sind Versammlungen geplant. Der Streik der Porzellanarbeitcr in Tiefe nfurt ist be- endet. Die Forderungen der Arbeiter sind im»vesentlichen bclvilligt »vordei». Die Kolberger Maurer»vurden seitens der Unternehmer am Montag, den 2. Oktober d. I., ausgesperrt. Die Aussperrung endigte an» Mittlvoch, den 12. Oktober, mit vollständiger Anerkennung der Organisation der Maurer. Gleichzeitig»vurde der Stundenlohn um 2 Pf. erhöht. Die getroffenen Vereinbarungen,»vorüber eine sechs- gliederige, je zur Hälfte aus Arbeitnehmern und Arbeitgebern, geivählte Kommission zu»vachen hat, gelten bis zum 1. April 1901. Den Grund zu dieser Aussperrung,»velche sämtliche am Orte beschäftigten Maurer betraf, suchten die Unternehmer in der Arbeitsniederlegung von 24. Maurern,»velche am Kaserncnbau arbeiteten, und am Freitag, den 29. September d. I. eine Lohnerhöhung gemäß den jetzt getroffenen Vereinbarungen verlangten. Bemerkt sei noch, daß die hiesigen Maurer in diese»»' Frühjahr den Arbeitgebern einen Lohntarif, in»velchen als Höchstlohn 40 Pfennig gefordert »vurden, unterbreitet haben, eine Antlvort auf denselben erfolgte seitens der Arbeitgeber nicht. Wenn jetzt ein Höchstlohn von 42 Pf. erzielt»vurde, so ist es der strammen Organisation der Maurer einerseits, und dem unverantwortlichen Auftreten der Unter- »ehmer anderseits zu verdanken. Den im Osten des Deutschen Reichs leider zum großen Teil noch indifferenten Maurern mutz für die Zukunft die Errungenschaft der Kolberger Kollegen ein Ansporn zum»veitcren Ausbau der beruflichen Orgaiiisatiou ein. Zun» Leipziger Foriuerstreik. Wieder sind in einer Reihe von Orten Streiks auegebrochen,»veil den Formern die Anfertigung Leipziger Arbeit zugeinutct»vurde. Im Stahllverk Krautheiin in A l t e n d o r f bei Cheinnitz ist am 10. Oktober ein Streik aus- gebrochen. Die Veranlassung hierzu war, daß man einem Gießer Leipziger Streikarbeit anbot.' Dieser»veigerte sich, diese Avdeit anzu- fertigen. Die Mitarbeiter, 102 Mann, erklärten sich solidarisch,»veigerte» sich ebenfalls, derartige Arbeit zu machen und stellten auf Grund dessen die Arbeit ein. Bei der Firma Stockeh u. Schmitz in Milve haben 54 Former wegen Leipziger Arbeit gekündigt. Nur ein Former hat nicht mit gekündigt. Bei der Firma Kottenhoff u. Wehdeking in Gevelsberg haben 18 Former gekündigt. Als die Former bei Disgnaim, Wessel u. Ko. in Milspe die Kündigung»vegen Leipziger Arbeit einreichten, sandte die Firma die Modelle sofort zurück. Es hatten sünitliche 27 Former geiimdigt. Nmmmumlus. Die städtische Verkehrödcpittatiou hat gestern beschlossen, die neuen Straßenbahnlinie», die schon vor Jahr und Tag ausgeschrieben Ivaren, zum großen Teil der Straßenbohngesellschaft zun» Ausbau binnen Jahresfrist zu überlassen,»iir soll tue Linie Schillingsbrücke— Engelufer— Mänteuffelstraße durch die Marianncnstraße geführt und bei der Anlage der Linie Gesimdbrunnen— Plötzensee der Stadtgemeinde das Mitbenutzungsrecht gcivährleistet»verde». Zivei Linien, nämlich die geplante Verlängerung des OslringeS über das Friedrich Karl-Ufer nach Alt-Moabit(Lehrter Bahnhof) und die Verbindungsstrecke Blücher- slraße— Watcrlvv-Nfcr— Alexandrinen-— DrcsdenerStraße»vurden ab- gelehnt.- Voraussichtlich sollen diese in das von der Stadtgemeinde ausznbancnde Netz einbezogen»verde». Endlich soll die Linie Hansa- platz, Altonacr, Levetzoiv-, Gotzkoivskifftraßc. Alt-Moabit, Bensselstraße nochmals zur öffentlichen Ausschreibung gelangen. Die Verkehrs- depntation beschloß ferner, den» Magistrat zu empfehlen, daß der mit der Charlolienblirger Straßenvahngesellschaft abgeschlossene Ver- trag bis zum Jahre 1919 verlängert»verde. Dahin lauten be- kanntlich auch die mit anderen Straßenbahngcsellschasten geschlossenen Verträge, lieber diese Beschlüsse dürfte»vohl auch in der Stadt- verordneten-Versaunnlung noch eine entsprechende Erörterung er- folgen. Ju der Belwaltilngsstrcitsache des Magistrats wider die Stndlverordneten-Verjainmlnng, betreffend die Entziehung des Wahl- rechts der Schlafburschen steht beim Bezirksausschuß der Termin am 7. November er., 10 Uhr vormittags, und in der Klagesache bezüglich des Wahlrechts der durch Autnahme in ein Krankenhaus Unterstützten am selben Tage in» lOVs Uhr vormittags an. Der Vertreter der Stadtverordneten- Versaminlung ist der J»lstizrat Dr. Friedemann._ UoliLlles. Nin DicnStag, 24. Oktober finden in den sechs Berliner Wahlkreisen die Parteiversammlungen statt, in»velchen die VertrauenSpersonen, solvie die Lokalkommission, die Preßkommission und die Agitationskouiinifsion über ihre Thätigkeit im verflossenen Jahre Bericht erstatten. In diesen Versammlungen erfolgen eben- falls die Neuwahlen der genannten Körperschaften; ferner»vird dort über die Parteikonferenz der Provinz, solvie über den Parteitag in Hannover Bericht erstattet. Die Vertrauenspersonen. Tie Parteigcuosseu, welche bei der Flugblatt- Verbreitung im 30. Konimunal- Wahlbezirk helfen tvollen, »verde» ersucht, sich Dienstagabend 71/a Uhr bei Gustav Hermann, Pulbuserstr. 45, zu melde»». Die Parteigenossen werden nochmals darauf hingetviesen, daß Anfnahmen in die Arbeiter-Bildungsschule soivohl»m Schilllokale, Roßstr. 3, Hof parterre als auch in folgenden Zahlstellen stattfinden: Gottfried Schulz, Admiralstr. 40»; Reul, Barnnn- straße 42; Schiller, Rosenthalerstr. 57. und bei Krause, Müller- straße 7 a. Freie BolkSbiihue. Heute nachmittag, punktlich 2�/« Uhr. finder für die vierte Abteilimg in» Ostcnd-Tbeatcr die„Faust"-Auf- führnng statt. Pünktliches Erscheine» der Mitglieder ist unbedingt erforderlich. Nachzügler erhalten nur, soiveit Raun» vorhanden, die ausrangierten Stehplätze. Die Generalversammlung sinder am Donnerstag, den 20. Oktober,»n Cohn's Festsälcn, Beuthstraße, statt. Tagesorduimg: Geschäfts- und Kassenbericht, Bericht der Revisoren. (Siehe heutiges Inserat.) Der Vorstand. I. A.: G. Winkler. Freisinn und Stadtverordueteuwahl. Zu de,,» Magistrats» befchluß, der die Vornahme der Stadiverordneteiiwahl dritter Ab« teilung an einen Sonntag verhindert, bemerkt die„Volks-Ztg.":„Der Magistrat kann dem Vor>v»irf»icht entgehen, daß er eine außer« ordentlich günstige Gelegenheit, sich des VoltsreckteS, und»icht etlva seiner Enveiterung, nein, niir seiner Anwendung anzunehmen, hat entgehen lassen. Solche Beschlüsse sind dein Charakter mlserer Zeit ganz angepaßt I Sie zeigen, daß unser Magistrat, der um das 'Friedhofsportal kämpft, weil er nicht anders kann und weil er doch nichts erreicht, dort, wo er etwas erreichen konnte, derReaktion dient." Andere Blätter schweigen. Zum liberal-reaktionärcn Kartell be- merkt die„Berk. Ztg.":„WaS die Wahlen der 3. Abteilung anlangt, so können wir unseren Freunden nur raten, sich nicht auf Kandidaturen einfangen zu lassen, die nicht alS entschieden frei- sinnige zu bezeichnen sind. Die Wahl eines Socialdemo- traten in die Stadtverordneten-Versammlung ist unter allen Un, ständen der eines Halb-, Viertel« oder Achtel-Liberalen vorzu- ziehen." Uns soll verlangen, ob die„entschieden Freisinnigen", wenn es auf die Probe aiikommt, diesen Rat befolgen werden. Die Aerztekammer für Berlin und die Provinz Branden- bürg trat gestern im hiesigen Provinzial-Ständehause, Matlhäikirch- straße 20/21, zu einer ordenttichen Sitzung zusanimen. Bezüglich de? unglaublichen Antrages der Aerztekammer vom 19. Januar 1898, welcher zum Zweck hatte, den im Ausland» approbierten A« r z t e n die Führung des Titels„Arzt" zu e n t z i e h e n. hat der Oberpräsident unterm 20. April er. geantlvortet, daß nach dem Urteil de» Ober-LerwaltungSgertchtS vom b. November 1890 dies Sur Zcit nicht oiifläuflifl ist. Oberprasident boti Bethinann- Holllvc� fiigtc noch hinzu, bah trotz der Sympathien des Obcrpräsidilnns mit dicscni Antrage die Gesetzgebung zur Zeit eine solche Mastnahnie nicht gestatte. Nachdem der Vorsitzende dann einen kurzen Geschäftsbericht der per- flosiencn Session gegeben hat, tvelcher auch die erfolgte Beratung der Unfall-, Jnvalidenvcrsicherungs- Gesetzgebung berührt, wird in die Beratung des Ministerialerlasses über die Vermeidung von F r e in d tv ö r t e ru in Gutachten eingetreten. Der Vorsitzende be- tont, daß es für die � Krankenkassen-Vorstände und die Ver- trauensleute der Unfallversicherung dringend wichtig ist. Gutachten in deutschen Ausdrücken zu erhalten. Dies betontauch der Oberpräsident, worauf die Kammer dies billigt. Die Aufforderung der Aerzte- rammer an die Aerzte Deutschlands, eine Schrift über die Kur- Pf u s ch e r ei zum Wettbewerb einzureichen, welche entsprechend ihrer populären Fassung unter den Behörden und dem Publikum verbreitet werden könne, hat die Einsendung von 60 Schriften zur Folge gehabt, unter denen die Schrift des Dr. Alexander- Breslau mit dem Preise bedacht wurde. lieber die Kurpfuscherei ist ferner eine Enquete veranstaltet worden, deren Material dem Minister unterbreitet iverden wird. Auch soll der Minister erneut auf die bereits in der Sitzung vom 21. Juni 1897 gefaßten Beschlüsse, welche die Gemcingefährlichkeit der Kurpfuscherei betonen und Mittel zu deren Bekämpfung an die Hand geben, hingewiesen werden. Es folgt dann die wichtige Beratung über den Entwurf einer S tandesordnung, welche durch das Gesetz über die ärztlichen Ehrengerichte notwendig geworden ist. Nach lauger Debatte wurde die Beratung hierüber vertagt. Ein Rcdncrmcinte. die vorliegende Standesordnung sei in derAusdruckSwcise verschwommen und würde, wenn der Wortlaut eingehender sei, der Lächerlichkeit verfallen. Zum Schluß wurde ein Antrag der dermatologischcn Gesellschaft, eine Eingabe an den Kultusminister bezüglich der An zeigcpflicht bei Geschlechtskrankheiten seitens der Acrztckammcr zu unterstützen, von der Kammer angenommen. lieber die Grostthat cineö modcrncllMajestätöbclcidignngs Denunzianten berichtet die„Deutsche Tages- Zeitung": Wegen Majestätsbeleidigung verhaftet zu werden, diese Ilcbcrraschung wäre gestern abend bald einem Kaufinann T. in Moabit zu teil geivordnr Auf dem Nachhauseweg begriffen, traf er ani Kriminalgcricht einen Freund, der ihn zu einem Glase Bier in seinem Stammlokal einlud. Ilnterwegs unterhielten sich beide über Tagesfragen, welches Thema sie auch noch am Biertisch fortsetzten. Da erschien ein junger Mann in der Gaststube und nahm am Nebentische Platz um wieder gleich darauf das Lokal zu verlassen, ohne irgend etwas bestellt zu haben. Nach einigen Minuten erschien er tviedcr, diesmal indessen in Begleitung eines Schutzmannes. Ohne sich um- zusehen, steuerte er mit dem Gesetzcshütcr auf den Tisch der beiden Freunde los und sagte, auf T. zeigend, zu dem Schutzmann:„Das ist der Mann, der über deii Kaiser geschimpft hat. Der dieser That Beschuldigte sprang blitzschnell in die Höhe und erklärte die Aussage für ganz gemeinen Schwindel. Der Denunziant ließ sich aber nicht beirren und bekräftigte seine Angabe mit der schwerwiegenden Behauptung:„Herr Wacht rneistcr, was ich sage, ist wahr. Ich habe genau gehört. daß. dieser Mann zu dein Herrn da sagte:„Dieser Kaiser ist ein ganz geriebener Junge, ein ganz raffiniertes L.... r." Dieter Erklärung folgte von feiten der beiden Freunde trotz der kritischen Situation ein homerisches Ge lächter, und T. sagte zu dem Schutzmann:„Ganz recht, Herr Wacht- Meister, das habe ich wörtlich gejagt. Ich meinte aber nicht unfern Kaiser Wilhelm, sondern den Herrn von Kayscr vom„Klub der Harmlosen". Wir hatten nämlich gerade von der Gerichts- Verhandlung gegen die Spieler-Gefellschaft gesprochen und die von dem jungen Bengel da ausgezeichnet verstandenen Worte bezogen sich auf den Angeklagten v. Kayser." Der Wirt und auch die übrigen in der Nähe des Büffets sitzenden Gäste pflichteten den Aus- führungen bei, worauf sich der Schutzmann wieder empfahl. Als man sich dann nach dem Denunzianleu umsah, um ihm wegen seiner Handlung zu„danken", war er nirgends zu finden; er hatte sich schleunigst entfernt. Seit Beginn dieser Woche hat ein Aufschlag auf Petroleum stattgefunden. Während noch iin vorigen Monat ein Liter Petroleum für 10 und Salouöl für 18 Pfennige zu haben war, kostet erstercs jetzt 20 bis 21 Pf. und Salouöl 22 bis 23 Pf. Für die weniger bemittelte Bevölkerung, die gezwungen ist, während der langen Winterabende beim Lampenlicht zu arbeiten, bedeutet diese Preiserhöhung eine große Einbuße an dem kärglichen Verdienst. Man ist über diese neue Preissteigerung um so mehr ergrimmt, als sie, wie die„Berk. Ztg." schreibt, durch nichts niotivicrt iverden kann. sondern nur als die Folge der Ringbildung der Petrolcnmqncllen- besitzcr betrachtet wird. Da auch die Preise für Kohlen und Holz in die Höhe gehen, sehen gar viele dem kommenden Winter mit Bangen entgegen. Die Monatskarten für die Stadt- und Ringbahn zum Preise von 4,60 M. für die 3. Klasse und 7 M. für die zweite berechtigen jetzt auch zur Fahrt auf der Vorortstrccke Stettiner Bahnhof-Gesund brunnen. Der Nachtdienst im Fcrnfprech- Betrieb soll. wie eine Korrespondenz wissen ivill, in den nächsten Wochen eingeführt»Verden. Ein Gespräch soll 20 Pf. kosten; Verbindungen mit den Vororten oder nach auswärts werden nicht hergestellt.' Bös angeführt wurden am Frcitagvormittag Weiuhändler, Restaurateure und andere Leute, die für ivcnig Geld einen guten Wein zu kaufen gedachten. Der Gerichtsvollzieher Hantsch hatte an- gezeigt, daß er am Freitagvorniittag um 11 Uhr in dein Auktions- lokale in der Neuen Schönhauserstr.» 10, Weiß- und Rotiveine, Malaga, Sherry und Cognac zivangslveise öffentlich versteigern »verde. Jni ganzen kamen 433 Flaschen nuter den Hammer. Es »varen die seinsten Marke»», alle Flaschen gut verkorkt und schön ge- kapselt noch in der Originalstrohverpackni?g in Kisten. Außer den Weinhändlcrn und Rcstauratenren' boten auch die Stammhändlcr der Vcrsteigcrnngshallen, und ein Teil des Weines wurde an Ort' und Stelle sofort»veitcr ver- kauft. Jeder glaubte, ein gutes Geschäft gemacht zu haben, und begab sich zufrieden auf den Heimlveg. Als inan aber zu Hause an die Probe ging, da gab's eine arge Enttäuschung. Die schönen Etiketts mit dem stolzen Naincn und die Originalverpackung »varen nur trügerischer Schein. Der feurige Weißivein»var klares, medizinischer Rotlvein gefärbtes Wasser, desgleichen der Portivein, Malaga und Sherry, der Kapivein gar denaturierter Spiritus mit gefärbtem Wasser. Ob dieser Entdeckung gab es iiun gestern in dem Auktionslokal eine bedeutende Aufreglmg. Die Geprellten kainen, um zu erfahren,»ver sie hineingelegt hatte, da aber der Gerichts- Vollzieher nicht zu treffen war. so konnte noch nicht festgestellt werden, »ver die Schwindelversteigerung veranlaßt hat. Das Polizeipräsidimu teilt mit: Ein überaus frecher Raub ist an einer Amerikanerin verübt worden. Die Dame trug ihr »vohlgesülltes Portemonnaie in der Hand. Ein Mann verfolgte sie durch»nehrere Straßen und betrat gleich nach ihr den Flur eines Hauses der Potsdamerstraße, in welchem die Dame Besorgungen machen»vollte. Zunächst machte er den Versuch, sich das Portemonnaie mit eincin Griff anzueignen; als ihm dies nicht gelang, entwandt er dasselbe der umschließenden Hand, nachdem er der Dame einen heftigen Faustschlag ins Gesicht versetzt hatte. Der Thätcr wird von mehreren Personen übereinstimmend als ein ca. 23 Jahr alter, 1,70 Meter großer blonder Mensch ohne Bart geschildert, der schlvarzen Anzug und Hut und hellen Sommerüberzieher trug. Eiubruchsdiebstahl. Im Hause Kaiserstr. 29 wurde gestern vormittag zwischen 11 und 12 Uhr ein Einbruchsdiebstahl ausgeführt. Diebe drangen in die im Hinterhause, I. Etage, belegene Wohnuiig der städtischen Lehrerin Frl. Worrmann ein und stahlen 10 000 M. in Wertpapieren sowie Silbergerät und Schmucksachen im Werte von 3000 M. Die Sauimelliste für den Parteitag Nr. 2830, auf welcher 4,60 M. gezeichnet sind, ist verloren gegangen. ES wird gebeten, sie bei Mars, Kastanien-Allce 90, abzugeben.' Schtvcr bernnglückt ist gestern nachmittag der 69 Jahre alte Heilgchilse Josef Kranich aus der Turmstr. 36. In derPalmkernöl- Fabrik von Zimlnermann in der Kaiserin Augusta-Allee, in der er eine Bestellung gemacht hatte, öffnete er eine Thür, an der eine Treppe entfernt ist, stürzte kopfüber mehrere Meter tief hinab und zog sich schlvcre innere und Kopsverletzungen zu. Ein Koppschcr Rettungslvagen brachte den Verunglückten nach Berlin in ein Krankenhaus. Großes Unheil hat gestern vormittag in der Dragonerstraße ein Radfahrer angerichtet. Eine unbekannte, anscheinend schon über 00 Jahre alte Handelsfrau, die Scheuerlappen verkauft, schob einen Kinderwagen, in den sie ihre Waren gepackt hat, durch die Dragoner- straße vor sich her. Vor dein Hanse Nr. 2 rannte ein Radfahrer, der von der Münzstraße hergefahren kam, sie um. Unglücklicher lveise kam zu derselben Zcit ein Mörtclivagen aus der entgegen- gesetzten Richtung, von der Linicnstraße her. Die alte Frau fiel unter die Pferde und den schivercn Lnstlvagcn, deren Räder ihr über die Brust hiniveggingen. Schon nach fünf Minuten starb die Unglückliche. Die Leiche»vurde auf den Flur des Hauses Dragoner- straße Nr. 2 geborgen, bis der Polizcilvagen sie nach dem Schau- hause abholte. Der Radfahrer und der Mörtelkutscher wurden zur Feststellung ihrer Persönlichkeit auf die Wache des 18. Reviers in der alten Schönhauserstraße gebracht. Wer die getötete Frau ist ließ sich»och nicht erinitteln. Die»vcgc» Verlegung dcS Ober- Vcrwalt»»gögcrichtö nach Schöncberg zivischen dein Justizministerium und der Stadt schivebenden Verhandlungen haben einen so günstigen Verlauf ge nominell, daß sie noch vor Ablauf dieses Jahres zum Abschluß kommen werden. In der Hauptsache handelt es sich dabei nur noch um die Lage des von der Stadt dem Justizfiskus zur kostenfreien Uebercignung angebotenen Baugrundstücks. Infolge eines Wasferrohrbruchs»vurde gestern früh um 5 Uhr das Cafö Bauer, Unter den Linden, theibveise überschwemmt. Da man befürchte, das Cafs könnte noch vollständig unter Wasser- gesetzt werde»», rief man die Feucrlvehr herbei. Diese stellte das Hnuptrohr ab und benachrichtigte die Wasserwerke. Das Wasser »vurde dann von» Personal des Cafvs ausgcpl»nipt. Vermißt»vird seit acht Tagen die 62 Jahre alte Frau Auguste des Glasermeisters Schüler aus'dcr Lindenstr. 79. Die Frau ist seit einem Jahre nervcnleidend. Straßensperrung. Das Tempelhofcr Ufer zivischen der Trcbdincr- und der Luckcnwaldcrstraße»vird behufs Herstellung einer Zu- und Abflußlcitung für das Kraftivcrk der elektrischen Hochbahn bis auf»veiteres für Fnhriverke und Reiter gesperrt. Im Turnverein Fichte sind einige Aciideruiigen zu verzeichnen. Die 4. Männcr-Abtcilung, früher Stcphanstr. 7, turnt jetzt Siemens- straße 20. Auf dem Wedding hält die neueröffnete 9. Mäniler- Abteilung in der Schul-Tuniballe Müllerstr. 158 ihre Turnübungen ab. Die Turnstunden sind für beide Abteilungen Dieiistags und Freitags von 8— 10 Uhr. Im CirkuS Busch finden auck an» heutigen Sonntag zwei Vorstellungen statt, deren erste mu vier Uhr nachmittags beginnt. Bekanntlich hat jeder Erwachsene das Recht, bei dieser Nachmitragsvorstellung auf sein Billet ein tiind unter zehn Jahren frei mit ciiiziisühren, während für weitere jtiilder auf allen Plätzen halbe Preise zu zahlen sind. Ter CirknS A. Schumann»vird vermutlich binnen einer Woche seinen Einzug in Berlin halten, um im allen Reiizschen Cirkus seine Vorstellungen zu eröffnen. Fcncrbericht. In der Ztvischenzeit erfolgte»» mehrfache Alarmicrungcn. die aber meistens auf blinden Lärm zurückzuführen waren. Nach dein Cafs Bauer, Unter deii Linde»»,»vurde die Wehr Sonnabend früh 6'/!! Uhr gerufen, weil hier durch den Bruch eines Wasserrohres verschiedene Räume überschlvemmt»varen. Durch Abstellung des Hauptrohrcs konnte die Kalamität beseitigt»Verden. C h a u s s e e st r a ß e 39»var in einer Bergolderwerkstatt ein kleiner Brand abzulöschen. Möbel und Bettei» gingen Feldzcug» »» c i st e r st r a ß c 4 in Flammen auf. Markgrafen st raße 1 »var ein kleiner Zinnncrbrand entstanden, der aber noch im Entstehen erstickt werden konnte._ Lehrers Fischer stamme»» sie aus der Ucbergangspcriode zwischen der Bronce- und der Eilenzeit. Unter der fachmännischen Leitung des Herren Geheimrat Friedcl und Lehrer Fischer soll demnächst eine größere Nachgrabung vorgenoimnen»verde»». Die kaufmännische und gewerbliche Fortbil- d u n g s s ch u l e für Mädchen u n d F r a u e n ist jetzt ins Leben getreten. Mehr als 120 Schülerinnen haben sich geincldet. Der Unterricht begann am Freitagabend mit Wäschezuschneiden und Putz. Gevilhks-Teilung- In Kiistrin wurde gestern ein Prozeß verhandelt, der auf das Pensionsivesen. das an höheren Lehranstalten zuin Teil üblich ist, ein grelles Licht»virft. Zivei frühere Schüler des Gymnasiuins zu Königsberg in der Neumark hatten an das Provinzial-Schul- kollegiunr ein Schreiben gesandt,»vorii» sie gegen den Direktor der Lehranstalt und gegen einige Lehrer schwere Beschuldigungen rich- tetei». Minder befähigte junge Leute, die andersivo nicht hätten »veiter kominen können, seien von ihren ivohlhabenden Eltern liach Königsberg bei einem der Professoren gegen sehr schweres Geld in Pension gegeben worden und hätten es daim leicht zu Versetzungen gebracht. Die Anschuldigungen Ivurdcn in der Verhandlung von den vorgeladenen Zeugen zum großen Teil bestätigt. Trotzdem verurteilte das Gericht die beiden Angeklagten wegen einiger bc- leidigendcr Ausdrücke zu je 60 M. Geldstrafe. Alkoholkonsum cincö Schankwirtes. Die böse Suppe, die sich,»vie»vir derzeit berichteten, der Schanklvirt I ä n i ck c aus Moabit eingebracht hatte, beschäftigte gestern das Schivurgericht des Landgerichts I. Jänicke stand iin August er. vor der dritten Straf- kninmer des Landgerichts 1 unter der Anklage des fahrlässigen Meineids. Er hatte in einer Privatbcleidigungsklage eine Aeußcrnng abgeschlvoren, die er nach der Bekundung einwandsfreier Zeugen unbedingt gethan hatte. Die Strafkaminer kam zu der Ansicht, daß nicht fahrlässiger, sondern»visjentlicher Meineid vorliege. Jänicke wurde sofort verhastet und die Sache dein Schivur- gericht überiviesen. Der Verteidiger, Rcchtsanivalt Leopold Meyer. bot einen umfangreichen Entlastungsbelveis dafür an, daß der Angeklagte geistes- und gcdächtnioschtvach sei. Ter Angeklagte habe vor Jahren einen so heftigen Schlag auf den Kopf mit einen» Bierseidel erhalten, daß seine Geistesthätigkeit seitden» stark gelitten habe. Starker Alkoholgenuß habe dies Leiden in hohe»»» Maße ver- stärkt. Der Angeklagte räumte ein, daß er durchschnittlich täglich 40 kleine Glas Bier und 16— 20 Cognacs zu sich genoinmen habe. Eine Reihe von Knuden bestätigte, daß der Angeklagte oft»virres Zeug zusamincnsprcche, daß er allen Ernstes zuiveilcn behaupte, vom Kaiser zu Gaste geladen und von ihm begrüßt»vorden zn sei»», daß er bei anderen Gelegenheiten mit deinselben Ernste � sich rühme, mit dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe freundschaftlich zu korrespondieren, kurz, daß er in seinen Erzählungen»»»itunter den Eindruck eines Unzurechnungsfähigen niache. Nachdem hierauf auch der medizinische Sachverständige den Angeklagten für geistesschwach erklärt hatte, verneinten die Gcschivorcnen die beiden Schuldfragen des wissentlichen und fahrlässigen Meineids,»vorauf die Frei- prechung des Angeklagten erfolgte. Vernnsrizke-s- Aus Breslau»vird berichtet: Der„Schlesischcn Zeitung" zufolge »vurde zivischen den» Provinzialausschutz und den Vertretern der StaatSregicrung ein grundsätzliches Einverständnis über die Frage des H o ch w a s s e r s ch u tz e s erzielt. Danach wendet der Staat 30 Millionen Mark auf,- die Provinzen Schlesien und zum kleinsten Teil Brandenburg zusanimen 7>.'z Millionen. Die erste Rate der Staatsleistnng»vird in den nächstjährigen Etat eingestellt. Mit den Regulicrungsarbeiten wird im nächsten Frühjahr bestimmt begonnen iverden. Ans den Nachbarorte»». Schöncberg. Die Versammlung des Arbeiter-Bildnngsvereins indct erst am 0, November statt. Tie Genossen, die ihre Wohnung geivcchsclt haben, iverden ersucht, dies dem Kassierer E. Schul z_, Frankenstraße 7, mitzuteilen. Jeden Sonnabend, abends 8 Uhr, ist bei E. Obst, Gruneivaldstraße 110, Kassenabend, an dem Beiträge oivie Anmeldungen zur Aufnahme i>i die politische Organisation entgcgengenoinmen»verde»». Alle Mitglieder, die das vorher- gegangene Vierteljahr voll bezahlt haben, sind zum unentgeltlichen Einpfang der Broschüre„Das Protokoll des Hannoverschen Partei- tags" berechtigt. Der Vorstand. Pankotv- Nieder- Schönhanse». Der hiesige Arbeiterverein hält am Dienstagabend 81/, Uhr bei S t v r r, Mühlenstr. 24, eine außerordentliche Generalversammlung ab. Reinickendorf. Heute, nachmittags 3'/, Uhr, findet bei Strecken- buch, Weidmannslust, eine Volksversammlung statt, in der Genosse K o tz k e über den Parteitag in Hannover spricht. Fcnier tcht die Gründung eines Wahlvereins auf der Tagesordnung. Zahlreicher Besuch»vird erivartet. Die Gcncralvcrsamllilnng des socialbemokratischen Wahl- Vereins für Lichtenberg- Friedrichs bcrg findet am Dienstagabend 9 Uhr bei Panten, Frankfurter Allee 174, statt. Es »vird über„die Fortschritte der»noderncn Krankenpflege und das Proletariat" von Genossen Dr. med. Paul Bernstein gesprochen. Der Vorstand. Schmargendorf. Hiermit»vird auf die am Dienstag statt- findende G e n e r a l v e r s a m n» I n n g des Arbeiter-Bildungsvereins m Wirtshaus Schmargendorf hingelviesen und um rege Beteiligung ersucht. Köpenick. Im Socialdemokratischen Arbeiter- Verein hält Dienstagabend 8 Uhr im Lokal von Stippekohl, Schönerlindcrstr. 6, Genosse Paatz einen Vortrag. Gäste sind willkommen. Nixdorf. Auch in unserem Orte herrscht eine»vcit- gehende Verstimmung über das selbstherrliche Ver- -ahren der Großen Berliner Straßenbahn- Gesellschaft. Was sich die Gesellschaft leistet, verdient that- achlick die schärfste Kritik. So beachtet sie vielfach gar nicht den mit der Stadtgcmeinde abgcscbloffenen Vertrags In, Vertrage ist der Sechsininuten-Verkehr zugesagt»vordei». Dieser»vird aber that- ächlich nur von 9 Uhr srüh bis 9 Uhr abends dtirchgeführt. Zum Schluß fahren die Wagen nur noch in Abständen von 12, ja 15 Minuten. Die uin 12 Uhr 41 und 12 Uhr 63 Minuten von Moabit abgehenden Wagen fahren statt bis zun» Canner Wege nur bis zum Rathause; es inuß aber der volle Fahrpreis bezahlt»Verden. Besonderes Aergernis hat es erregt, daß die Gesellschaft seit dem 1. Oktober die letzten sieben Wagen der Linie Schönhauser Allee- Britz, Rudoiverstraße, nur noch bis zu der mitten in der Stadt be- legenen Erkstraße, wo die Gesellschaft ihren Bahnhof hat, ver- kehren läßt. Mit den Vorarbeiten für dreAnleg'ung der neuen Straßen in der Gegend des Kottbuser Dammes»vird in nächster 'eit begonnen werden. Der Magistrat»vill die Pflasterima dieser Straßen möglichst bis zum nächsten Herbst fertigstellen lassen, zu »velcher Zeit auch die Brücke über den Schiffahrtskanal im Zuge der Grünauer- und Friedelstraße fertig Iverden dürste. Auf dem Körnerschen Terrain sind schon wieder zwei Urnen gefunden worden. Die eine enthielt verbrannte menschliche Gebeinreste, die andere eiserne Schmucksachen. Nach den» Urteile de? TyphuS bei»» Miliii»»'. Der„BreSlauer General-Anzeiger" »neidet auf Grund authentischer Erkundigungen zu den Typhus- crkrankungen beim 61. Jnsanterie-Regiment folgendes: Anfangs dieser ichc sind bei der 10. Kompagnie des genannten Regiments sechs Leute»»ntcr typhusverdächtigen Erscheinungen erkrankt. Der Krankhcitsverlauf ist jedoch ein normaler. Sterbefälle sind nicht vorgekommen, so daß man mit Bestimmtheit annehmen darf, daß nach den getroffenen Vorsichtsmaßregeln der Verbreitung der Seuche vorgebeugt ist. Die eben eingetroffenen Rekruten sind, »im eine Ansteckung zn verineiden, teilweise in Bürgermassenquartieren oder in einer entfernten Kaserne untergebracht; die alten Leute der Kompagnie sind vollständig isoliert und kommen im Dienst mit den anderen Mannschaften nicht in Berührung. Man ninimt an, daß sich die erkrankten Leute bei den Herbstübungen angesteckt haben. Ein Dcfraudaut. Die„Kölnische Zeitung" meldet au? Elber« fcld: Der Notariatsgehilfc Fischer, welcher dem Notar Rueter 17 000 Mark cntlvcndete und flüchtig»vurde, hatte sich in Batavia den» deutschen Konsul gestellt, nachdem ihin bei einer Ruderpartie eine Brieftasche mit 10 000 Mark ins Meer gefallen war. Gestern abend»vurde Fischer hier»vieder eingeliefert. München, 14. Oktober. Heute nachmittag stürzte infolge fuß- starker Untergrabungen das Hintergebäude eines Hauses an der Gabelsbergerstraßc ein. Hierbei wurden einem Baumeister beide Füße abgeschlagen. Ein Arbeiter ist schivcr, zlvei sind leicht verletzt »vorde»». Nach Angabe des Poliers sollen noch ztvei Arbeiter unter den Trümmern begraben liegen. Aus dem Leben eines Groff-Tchlächtcrmeisters. Der Groß- schlächter Schubert in Budapest ist verschlvunden und hat vcrinutiich Selbstmord begangen. Man fand in seiner Wohnung Onittungeir über bezahlte Bör'scndifferenzen in der Höhe von 180 000 Gulden. Madrid, 14. Oktober. Ein schreckliches Unwetter»vütete m der Provinz Orense. Sieben Dörfer sind beinahe»veggefegt, die Ernten sind zerstört, Tansciide von Menschen befinden sich im größtem Elend. Landsniauuschaft der SchleStvig-.Holstciuer. Heute abend S Uhr i>n oberen Saal von G. Feuersteins Festsäle», Alte Jakobstraste-6: Kaffee- Kränzchen, Vorträge, Verlosung. Landölcute sind willkouimen. Verein für sociales Geiiofienschaftstvescn. Dienstag, 17. Oktober, abends 8»/z Uhr, bei Protz, Annciistr. 9. Tagesordnung: Die nächsten Aufgaben des Vereins zur gegeinvärtigen Lage der Genossenschasts- beivegung. Freie Kranke, i-»ind Bcgräbiiiskasse der Schuhmacher und Berufsgenofic» Verlins.(E. H. 27.) Montag, den 16. Oktober, abends 8 Uhr, Alte Jakobstr. 7ö: Gcnerawcrsaminlung.,. Gewerkschaftskartell Weifteusee. Dienstag, den 17. Oktober, abends 8»/, Uhr, im Prälaten, Lehderstraste, Künigöchaussee-Eckc: JahreSverfainmlnng. Vortrag von Klara Haase-Berlin. Jahresbericht und Abrechnung des Ver« trauensnianncs und Neuwahl desselben. Wetier-Proguose für Sonntag, den 16. Oktober 1899. Nachts sehr kühl, am Tage ctivas ivärmer, vielfach heiter, zeitweise wollig bei mästigen westlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterdureau. Zfchke Llalszvrrlztett und Londo»», 14. Oktober. �ann au<$ unumschränkte Redezeit haben Heiue-Berlin: Ich bitte Sie, den Antrag Zubeil abzulehnen, den Wunsch von Schippe! zu erfüllen.(Bebel: Selbstverständlich!) Es wäre eine Ungerechtigkeit sonder gleichen, wenn wir dem, der hier gewissermaßen der Angeklagte ist, das unbeschränkte und freie Recht zuni Reden nicht geben wollte. Hier handelt es sich um eine feit vielen Monaten in der gesamten Partciprcsse geschürte und rege gehaltene Aufregung gegen Schippe!. Es ist eiiic ttapital-Auklagc gegen ihn erhoben worden, und es geht einfach nicht, daß man ihm das Wort abschneidet. Jedem anderen, dem Ankläger, fam man eher das Wort abschneiden, aber es ist mit allen Grundlätzen einer geordneten Rechtspflege»»vereinbar, daß man es dem Angeklagten verkürzt.(Sehr richtig!) Was mich betrifft, so kani,' Zubeil ganz ruhig sein, ich werde nicht die 30 Minuten ausnutzen, ich bin mit 10 Minuten völlig zu- frieden. Unter Ablehmmg des Antrags Zubeil beschließt der Parteitag, Schippe! unbeschränkte Redefreiheit zu gewähren. Schippe!: Parteigenossen! Sie müssen es mir schon verzeihen, daß ich noch den Mut habe, Hierüberhaupt noch vor Ihnen zu reden. Genosse Geyer hat allerdings gesagt, er wolle nicht Äetzcrrichter sei». Der Form nach hat er das auch erfüllt, er hat aber eine Ausdrucksweise gewählt, � ähnlich wie die der Genossin Zetkin. Auch sie hat sich ja darauf berufen, daß sie uns nicht aus der Partei hinauswerfen und auch keine andern dazu auffordern wollen, es aber unserm Takt überlassen, ob wir nicht selbst freiwillig gehen wollen. Das ist ungefähr der gleiche Unterschied, als ob man jemandem wirklich den Strick dreht, mit dem man ihn hängen will, oder ob man so gnädig ist, ihm die seidene Schnur zu schicken, damit er davon Gebrauch macht.(Heiterkeit.) Ich habe nicht die Absicht, davon Gebrauch zu machen. Wäre ich innerlich mit der Partei fertig, verlassen Sie sich darauf, ich würde nicht fünf Minuten länger dann bleiben I_ Aber bisher hat man es nicht für das Zeiche» eines schlechten Parteigenossen angesehen, daß er den Mut hat, gewisse Fragen immer wieder anzuregen, auch wen» er sicher ist, auf Widerspruch in der Partei zu stoßen. Wenn ich an der Partei nur äußerlich hinge, dann könnte ich ja irgendwo in aller Ruhe einen Platz einnehmen, dann brauchte ich nicht hinauszugehen und den Widerspruch der Genossen herauszufordern. Wer so handelt, ist innerlich mit der Partei nicht fertig. Also vcr- zeihen Sie mir, wenn ich heute als Parteigenosse weiter zu Ihnen spreche l Nun hat Geher gesagt, ich hätte einen Ton angeschlagen, so hochfahrend, wie man ihn in parteigenvssischcn Diskussionen nicht an- schlagen sollte. Nun, wenn ich heute den Artikel schriebe, würde ich »hn im Ton gewiß anders schreiben. Legen Sie Wert darauf, daß ich den Ton zurücknehme, so bin jeder Zeit gern dazu bereit. Aber spielen Sie doch nicht die Ketzerrichter über den Ton in der Partei. Ich glaube, ich bm ganz den Traditionen der Partei gefolgt, was kräftige Aeußerungen anbelangt.(Bebel: Aber Schmähungen und Belei- digungen l) Ich habe nicht die Partei geschmäht. Gewiß, ich habe eine» Schriftsteller derPartei gemeint, er hat sich getroffen gefühlt, aber diePartei ist damit nicht beleidigt.(Bebel bittet ums Wort.) Sehen Sie sich doch den Ton an, den Kautsky gegen mich angeschlagen hat. Da bin ich ein Feind der Demokratie, ein Feind des Proletariats, ein Biedermann mit allerlei sauberen Zwecken, da habe ich unterschlagen und gefälscht. Wie könnte es auch anders sein? Ich bin ein„Fuchs in der Wolfshaut"(Bebel: Sehr richtig!), ein„Esel in der Löwen- haut".(Bebel: Das weniger I) Allerdings. Kautsky hat nur die Löwenhaut ausgeschrieben, das was darunter versteckt war, hat er mir angedeutet mit der ganzen Zartfühligkeit, die wir an ihm schätzen gelernt haben seit der Bernstein-Dislnssion. Noch eins. In einer Versammlung in Eimsbüttel hat Genosse Stubbe nach dem Bericht des„Hamburger Echo" gesagt, ich hätte erst lange Artikel gegen die Miliz geschrieben und dann anonym in einer anderen Zeitschrift wieder eine andere Stellung ein- genommen. Er könne das nur als Feigheit bezeichnen. Und Zubeil hat in einer Berliner Versammlung nach dem Bericht des„Vor- ivärts" gesagt:„Es muß die Frage gestellt werden, ob jemand solche Artikel in gegnerischen Blättern unter einem Pseudonym ablegen darf. Warum hat er nicht den Mut gehabt, Schippe! darunter zu setzen?"(Sehr richtig I) Also zunächst: Wo ist das gegnerische Blatt, für das ich geschrieben habe? Das Blatt heiß„Socialistische Monatshefte", schon der Name klingt nicht»ach Gegnern. Es wird redigiert von Parteigenossen, und zu seinen Mitarbeitern gehören u. a. Wilhelm Liebknecht, Lcßner, Äampfmeher, Äonrad Schmidt, Wolfgang Heine, Rosa Luxemburg, Ledebonr, Ed. David, Gertnid David, v. Elm, Legien, Molkenbubr, Katzenstein, Eichhorn, Schröer-Spandan. Dr. Winter. Das ist also das gegnerische Blatt, für welches ich geschrieben habe! Nun wird mir vorgeworfen, ich habe Pseudonym geschrieben. Wie kommt denn daS? Ich hatte vorher eine 3!eihe leicht hin- geworfener Skizzen geschrieben, die ich mit Isegrim gezeichnet hatte. Als mich nun die Redaktion drängte, eine neue Skizze zu schreiben, kam der Artikel„War Engels miiizgläubisch?" Ich glaubte, daß alle Leute wissen konnten, wer Isegrim ist, ebenso wie sie wiffen, wer Parvus ist.(Widerspruch.) Genosse Dietz sagte mirganz offen, von der ersten Skizze an, habe jeder Mensch gewußt, daß niemand anders dahinter stecken könne, als Schippe! und den Fraktionsmitglicdern, die mich fragten, sagte ich ganz ruhig: Ja. wißt Ihr denn nicht, wer Isegrim ist? Das bin ich. Also, wer es erfahren wollte, hat es erfahren, irgend eine GeheimniSthuerei, eine Feigheit war nicht dahinter ver- borgen. Ich habe, wie ich bereits in der„Neuen Zeit" schrieb, nie- mals auch nur das geringste Verlangen verspürt, meine Identität mit dem Verfasser der anspruchslosen Skizzen in den„Socialistische» Monatsheften" irgendwie zu verschleiern. Daß die Dinge so liegen, können Sie auch daranjehen, daß die„Socialistischen Monatshefte" bei Babing gedruckt werden, wo jeder Setzer meine Handschrift kennt. Hätte ich meinen Namen verheimlichen wollen, so hätte ich doch das_ Manuskript nicht in diese Druckerei geschickt. Man beweise also, daß ich mich verheimlichen wollte, oder aber man lasse solche Verdächtigungen! Wir sind ja eine sehr revolutionäre Partei, aber in solchen Dingen sind wir doch nur ein großes Kaffeekränzchen von zahllosen alten Tanten, aus der Mücke wird ein Elcfaut ge- macht, mit Wispern und Flüstern fängt es an, und schließlich komnit eich so braver und überzeugter Genosie wie Zubeil in Volks- Versammlungen und schreit in alle Welt hinaus, was für eine Feigheit es ist, was für einen Parteiverrat ich geübt habe. Aber über das. was in Volksversanmstungen geredet wird, wo ja vieles geredet wird, darüber rege ich mich nicht auf. mich verblüfft hat, ist, daß sofort einzelne Partei- schriftsteller ähnlich wie im Falle Bernstein sich auf das gefundene Fressen gestürzt haben, ohne daß sie vorher erst studiert und sich die technischen Ausdrücke angeschen hätten. Nein, dem denunziatorischen Eifer ist in diesem Falle auch die Unwissenheit vollständig gleichgekommen. Ich habe hier specicll Kautsky im Auge. Ich muß sagen: wenn ein Schriftsteller, der sich nicht ge- müßigt fühlt, sich erst mal über die Grundbegriffe dieser militärischen Fragen klar zu werden, erst mal das ABC dieser Fragen zu lernen, sofort über einen herfällt und„Feind der Demokratie",„Anhänger des Berufsheeres" in die Welt hinaus schreit, so hat mich das doch schon mehr in Wallung gebracht. Volksversammlungen! Ach Gott, der Mann, der hinaus und reden muß, der kann eben nicht anders.(Unruhe. Zuruf: Ist der etwa weniger?) Nein, ich meine, der kann sich nicht so vorbereiten. Aber ein Schrift- steller, ein Redactenr einer wissenschaftlichen Revue, braucht sich doch nicht sofort mit dcnunziatorischem Eifer auf diese Frage» zu stürzen. Erst hat Kausky mich als Anhänger der Berufs Heere hingestellt. Dann machte ich ihm klar, daß' wir Berufsheere schon seit 100 Jahren, seitdem wir keine Werbcsoldatcn besitzen, nicht mehr haben. Nun kam er mit den Berufs s o l d a t c n angewackelt. Da habe ich ihn gefragt: Wo ist denn die Masse der Soldaten heute noch Berufssoldaten? Nun ist er auch davon abgekommen, und so bin ich denn auf die Frage losgegangen: worum sich überhaupt der Streit dreht. Was ist denn der Unterschied zwischen Miliz und st e h e» d e m Heer? Ich verlange, daß man mich kritisiert, daß man mir dann nicht irgend eine allgemeine Rederei unterstellt, sondern daß man voraussetzt, daß ich die Benennung so gewühlt habe, wie sie allgemein in der ganzen wisseuschaftiichcn Militärlittcratur gang und gäbe ist. Wir haben heute kein Berufs- Heer mehr, wir haben die allgemeine Wehrpflicht, wir haben das Volk, das zeitweise in die Armee eintritt und nach zwei Jahren wieder austritt. Wir haben aber bei den stehenden Heeren— und darum nennt man sie stehende Heere— noch immer stehende Kadres einen festen Stamm von Offizieren und Unteroffizieren, durch deren Schule, durch deren Drill der einzelne Soldat hindurchgeht. In der ganzen Litterntur versteht man unter stehendem Heere das Heer mit stehenden Kadres, ob nun die Dienstzeit drei, zwei ein Jahr oder sechs Monate dauert. Kautsky hat noch nicht einmal verstanden, daß man bei stehenden Kadres auch unter ein Jahr hinuntergehen kann. Ich konnte nur das erst gar nicht erklären, erst das Elberfeldcr Parteiorgan belehrte mich, daß sich Kautsky die Sache so vorstelle, daß man bei einer neunmonatlichen Dienstzeit einen ganzen Jahrgang aushebt und wenn diese neun Monate um sind, drei Monate lang keine Soldaten mehr hat. Wer die Sache kennt, der Iveiß, daß das einfach bedeutet, daß dann neun Zwölftel eines Jahrganges fortwährend unter der Fahne ist. Also stehende Heere haben ständige Bernfskadres, durch deren Schule die Volksmassen hindurchgehen. Bei der Miliz aber gicbt eS gar keinen Berufssoldaten, auch keine Berufsoffiziere oder-Unteroffiziere. So- bald die Uebung vorbei ist, geht der Offizier, geht der Soldat nach Hause. Damit Sic mich nicht der Silbcnstecherei zeihen, will ich Ihnen nur ein paar Urteile vorlesen, um Ihnen zu belvciscn. daß diese Terminologie überall da, wo man die Kriegswissenschaft ernst be- handelt, durchgeführt ist. Nüstoiv sagt:„Angenommen, die Bürger seien im Waffendienst geübt, man könne sich darauf verlassen, daß sie auf den ersten Ruf zusammenkommen, die bürgerliche Einteilung in Provinze», Kreise, Gemeinden, Quartiere sei außerdem derart, daß aus ihnen ohne Iveiteres entsprechende Truppenkörper hervor- gehen, Divisionen, Brigaden, Bataillone, Kompagnien, und die bürgerlichen Magistrate, die Friedensbcaniten, seien im stände, im Kriegsfall zugleich als Kriegsbcfehlshabcr. als Kriegs beamtc auszutreten, so kann man im Frieden eines als solches äußerlich sichtbaren Heeres offenbar ganz entbehren. Bei dem ersten Kriegsruf formiert sich das Heer ohne weiteres. Das ist das Miliz- systenr." In allen Militärlexika s, die ich durchgesehen habe, heißt es wörtlich übereinstimmend„Miliz ist eine Truppe, die keine Friedens stämme hat". Bei R e tz e n h o f c r ist das Wesen der stehenden Heere die allgemeine Wehrpflicht und Berufskadres, der Gegensatz dazu ist bei ihm Miliz. Bei Boguslaivski heißt es.„das stehende Heer, d. h. die notwendigen KadreS von Berufssoldaten und die unter Waffen stehenden Wehrpflichtigen. Oberst Wille, der be kannte Führer des schweizerischen Miliztvescns, spricht von„kurzer Ausbildungszeit und dem gänzlichen Fehlen permanenter beruflicher ausgebildeter Kadres bei jeder Milizarmee."...„In den stehenden Herren ist Offiziersein Beruf, der Milizoffizier ist dies nur nebenbei, neben seinem eigentlichen Lebensberuf und vielfach neben der ander weitigcn ausgedehnten Inanspruchnahme durch das öffentliche Leben. 1 Das ist die Definition, die man überall findet und die ich selbst verständlich meinen Ausführungen zu Grunde gelegt habe, lind dem entspricht auch die Praxis. Warum haben wir' denn in England den Unterschied zwischen Miliz und stehendem Herr? Gicbt es bei de» einen Stockprügcl, bei den anderen Zuckerbrot? Nein, der Unterschied ist so, ivie ich ihn eben gekennzeichnet habe. Auch die Schweizer Miliz hat keine festen Friedensformationen, und wo man sie noch hat, nennt nian sie mit Recht einen Ansatz zum stehenden Heer. Die Leute werden auf Tage und Wochen ein- berufen, bilden Eadrcs. und dann Iverden diese Cadres wieder ans gelöst. Es ist eigentlich etwas kindisch, daß man diese Dinge hier noch betonen muß, sie könnten jedem geläufig sein, der sich mit diesen Gegensätzen beschäftigt hat. Wenn KaütLky, nachdem er ein- gesehen hat, daß auch' die Milizarmee Berufsoffiziere und Unteroffiziere haben muß, inich ganz erstaunt fragt: Ja wer hat denn jemals behauptet. daß bei der Miliz keine stehenden Eadrcs sein müssen?— so konnte er mich ebenso gut fragen, wie ich dazu komme, ein Säuge ticr ein Lebewesen zu nennen, das lebendige Junge zur Welt bringt, und einen Bogel ein Lebewesen, das Eier legt und sie selber ans- brütet. Er hat eben nicht gewußt, um lvas es sich handelt. Aber dann muß ich»uir doch verbitten, daß man mich als Feind des Pro- letariats hinstellt. Auf die Frage, wie weit Engels für die Gcgcnwart nicht Anhänger des Milizsystcms Ivar, null ich hier nicht ivcitcr eingehen. Ich wende mich nun zn dem Vorwurfe des Genossen Geyer, ich hätte Engels falsch c i t i e r t. Er muß den Artikel in den Socialistischen Monatsheften" gar nicht weiter gelesen haben. Er lese nur einige Zeilen weiter:„Hier sind es also wieder die alten zwei Jahre, die als das zunächst Erreichbare ins Auge gefaßt werden. Weitere Herabsetzungen sind vorbehalten, sobald„man" sich von der Möglichkeit überzeugt haben Ivird. Das„M i I i z s y st c m" wird hier zwar als Endziel flüchtig daneben ge- nannt."(Zuruf:„„üchtig l") Wie kann man das„falsch citieren und unterschlagen" nennen. Das mag der liebe Himmel und Freund Geyer wissen.(Heiterkeit.) Auf die Milizfrage will ich selber nicht eingehen, ich will nur noch erwähnen: Engels erkennt ganz offen die Vorzüge des stehen- den Heeres vor jeder anderen Heeresformation für die auswärtige Politik an. Er sagt, daß die stehenden Cadres einen festen Zu- ammenhang, eine operationsfähige Armee lieferten, und das sei für einen Staat, der eingekeilt ist zwischen Frankreich im Westen und Rußland im Osten eine Notwendigkeit. In der That war das 'ich ende Heer eine Waffe für die äußere Politik, für die Eroberungen des preußischen Staates, die auch wir eine Revolution nennen müssen.(Unruhe.) Viele der Gründe Engels' gelten auch noch heute._ Sind wir nicht noch immer eingekeilt zwischen Frankreich im Westen und Rußland im Osten? Haben wir nicht von führenden Parteigenossen gehört, daß der Gegensatz seit dem deutsch-franzöfischen Kriege nur immer gefähr- licher geworden ist. Die Bedeutung des stehenden Heeres als Waffe der äußern Politik kann nicht bestritten tverden. Wenn wir die Miliz einführten, das heißt nur die vorhandene ansässige Bevölkerung mit Waffen versehen wollten, so müßten wir geradezu die Landflucht vom Osten nicht nur eindämmen, sondern den ganzen Osten mit einer dichteren Bevölkerung ans Kosten unserer Jndustriebezirke be- siedeln, ähnlich ivie wir heute beim stehenden Heer im Osten überall stärker besetzte Bataillone und Formationen haben. Entweder wir glauben an keine jemals hervorbrechenden Gegensätze zwischen den Staaten, dann müßte nicht die Miliz, sondern die voll- ständige Aufhebung jedes Heeres unsere Forderung sein. Oder wir glauben an mögliche Konflikte, dann haben wir als Vertreter der deutschen Arbeiterklasse die Pflicht, auch dafür zu sorgen, daß die deutschen Arbeiter obenauf bleiben.(Unruhe.) Und auch das müssen wir anerkennen, baß wir zwar in erster Linie den Frieden erstreben, politisch uns nur verteidigen wollen, im anderen Falle aber den Krieg über die Grenzen hinaus- zutragen, militärisch offensiv vorzugehen haben.(Hört! hört!) Unsere Verteidigung kann doch nicht darin bestehen, daß wir uns wie mit einer chinesischen Malier umgeben und von oben herab dem Feinde Esel bohren und lange Nasen ziehen. Doch das sind Fn�n der auswärtigen Politik, die wir auf ab- schbare Zeit nicht zu lenken und zu leiten haben, der wir vielmehr, wenn auch nicht als unbeteiligte, so doch als kühle Zuschauer gegen- überstehen. Darum will ich auch auf diesem Gebiet nicht weiter dilcttiercn, sondern mich der Frage zuwenden, ob die Miliz uns nir die Kiilturanfgaben so unendlich viel tlebcrschüsse liefern würde, daß sie schon deshalb gefordert werden muß, daß wir sie schon fordern müssen, um die oppositionelle Masse zn stärken. Heißt doch die Miliz in dem Schreiben der Sektion Zürich 1869 an den Baieler Kongreß„das bewaffnete Stimmrecht". Durch die Miliz sollen ivir also das bewaffnete Stimmrecht erhalten und Millionen frei haben für die Kultnraufgaben. Ich frage zunächst: Ist dann die Miliz ein so billige? Sysieiil. Bebel hat in seiner Broschüre„Nicht stehendes Heer— Volkswehr berechnet, daß die Schweiz pro 1879 nicht ganz 23,2 Millionen Frank für ihre Miliz ausgegeben hätte, und er schließt nun: Deutschland hat eine 17'/smal größere Bevölkerung, also würde die deutsche Miliz W/2 X 23,2 Millionen Frank— 405,75 Millionen Frank= 324,6 Will. M.! kosten. Dazu rechnet er jährlich 20 Mill. Mark für daS Jifftrnktionspersonal und 40 Mill. M. für die niili- tärische Jugenderziehung. Das crgiebt 385,2 Mill. M. für eine halbwegs leistungsfähige Miliz. Ich null aii den Bcbclschen Zahlen keine Kritik üben, sondern nur darauf hinweisen, daß die Kantone 1897 noch 1,6 Millionen Frank für die Miliz verwandt haben. In anderen Jahren haben sie aber bis 5 Millionen Frank verausgabt. Auch diese Sinnmen müssen mit 17V., multipliziert werden, das ergicbt ein Plus von 23— 70 Millionen Frank, so daß für Deutich- laiid 405—455 Millionen Mark hcrauskonnnen würden, während die deutschen Hccresausgaben 591 Millionen Mark betrugen. Aber die Ersparnis, die hier vorhanden ivärc, schrumpft auch zusammen, wenn man andere Jahre des schweizerischen Milizbudgets heranzieht, die nicht mit 23,2 Millionen Frank abschlössen wie 1397. 1893 gab die Schweiz 32 Millionen Frank, 30 Proz. mehr als 1897 aus. 1892 der Ncubewaffnungcn und Festungsbauten wegen 36,15 Millionen Frank, also 40 Proz. mehr aus. Nehmen wir diese Zahlen 17Vs mal, so kommen wir auf Ziffern, die praeter proxter den deutschen Ausgaben vollständig gleichkommen. Da sieht eS auch bei der Miliz mit den Kultur- aufgaben windig ans. Ein billiges System ist das Milizsysiem nicht, und unendliche Summen werden für Kiilturanfgaben dadurch nicht frei. Das Schlagwort: die Miliz ist billig, wird man daher lallen lassen müssen. Thatsachcn soll man sehen, und nicht die Augen davor verschließen. Das kommt auch in der Partei immer mehr zum Durchbruch. Auch Kautsky erkennt das an. So heißt eS in seiner„Agrarfrage":„Von der Durchführung der Volkswchr darf man eine außerordentliche direkte ökonomische Entlastung der Bevölkerung kaum erwarten. In dieser Beziehung ist ihr die Idee des ewigen Friedens entschieden überlegen. Die Idee der Volkswehr bedeutet ja keineswegs eine Verminderung der Bewehrung des Volkes, eher eine Vergrößerung, da sie jeden Wehrfähigen auch zur Wehrhaftigkeit heranziehen will. Welche Kosten das verursacht, das ist eine Sache der technischen Entwicklung, die sich nicht absehen läßt, und die gerade auf dem militärischen Gebiet so lange ihre größten und verhängnisvollsten Triumphe feiern ivird, so lange die Gegensätze unter den kapita- listischen Nationen unter einander fortdauern." Wenn also Genossin Zetkin in einer Berliner Volksversammlung im Februar dieses Jahres nach einem Bericht des„Vorwärts" meinte: „Es ist für Unterrichts- und Bildungszwccke kein Geld vorhanden, weil der Militarismus Millionen und wieder Millionen verschlingt. Die Frau muß den Fordeningen für den Militarismus die Forde- rung entgegensetzen: her mit den Millionen für die Volksbildung. Nicht das Land, welches über die meisten Gewehre und Kanonen verfügt, sondern das Land, dessen Einwohner den höchsten Bildungsgrad aufweisen, steht an der Spitze der Kultur"— so ist das zwar von prineipiellein Standpunkt aus unanfechtbar, aber bei einigem Kopfrechnen hätte sie sich sagen müssen, daß die Miliz hier recht wenig aus der Misere heraushilft, weil sie eben auch recht heißhungrig Millionen verschlingt. Beim stehenden Heere ist eine bestimmte Fliedenspräsenz vorhanden und es brauchen nicht alle ausgehoben zu werden. Bei der Miliz aber müssen alle Waffen- fähigen verwandt, Kanonen und Flinten für sie beschafft, Festungen und strategische Eisenbahnen für so viel mehr angelegt werden. Ob wir die Jugendwehr nicht jahrgangsweise gruppieren und kasernieren müssen, will ich beiseite lassen. Aber wir dürsten dann die Dienstzeit niemals aufhören lassen, wenn ivir das bewaffnete Stimmrecht gelten lassen wollen. Sollen die Greise nicht auch das bewaffnete Stimmrecht haben? Und vergessen Sie eins nicht: Wir verlangen ja auch das Stimmrecht für die Frauen.(Bebel: Die sollen auch Soldaten werden!— Heiterkeit.) Gewiß I Das ist nicht eine Einbildung von mir; die Revolutionäre in der„Sächsischen Arbeitcr-Zeiiung" fordern das ja.(Ledebonr: Wo?) Die„Sächsische Arbeitcr-Zeitnng" vom 23. Februar 1898 sagt im Leitartikel: Warum sollten neben den Jünglingen nicht auch die Mädchen voNi 15. und 16. Lebensjahre ab sich in den Waffen üben?(Lcdebour: Da bin ich nicht dagewesen!— Große Heiterkeit.) Ledebour scheint nie verantwortlich zu sein, wenn eine richtige Dummheit in der„Süchs. Arb.-Ztg." steht; es war also Parvus oder mein ver- ehrtcs Gegenüber, Frau Dr. Slosa Lnxeniburg.(Heiterkeit.) Ich ivill nur noch aus die berühmte Eutlastungsthcorie mit einem Wort eingehen. Sie sehen auch hier ivieder, mit welcher Rebulistik fort- während Parteidiskussionen geführt iverden. Ich habe gesagt, daß wir heute unproduktive Ausgaben nicht mehr so einschätzen köinien, wie in früheren Gescllschaftsperiodc». da die Gesellschaft nicht genug schaffen konnte, daß in der Zeit der Ueberproduktton selbstverständlich mehr unproduktive Ausgaben, Verschwendung, Luxus eine ganz andere Rolle spielten. Ich habe in der„Neuen Zeit" gesagt:„Die großen Aufwendungen in allen modernen Gesellschaften zu un- produktiven, vor allem auch seitens des Staates zu militärischen Zwecken, sind keine Verstärkung, sondern eine Erleichterung des all- gemeinen ökonomischen Drucks. Jede Gesellschaft der„Ueberproduktton" wird nicht b e lastet, sondern e n t lastet, wenn die Produktion relativ geschwächt, die Konsumtion relativ vermehrt wird. Nur hat der kapitalistische„Staat" an sich die Mittel der kapitalistischen Gesellschaft nicht zur Verfügung; sie aus ihren Tiefen durch Steuern heraufzupumpcn, mag schließlich über seine„finanzielle" Kraft und auch über die Geduld der Staatsbürger hinausgehen. Aber in dem Keuchen und Aechzen dieses Steuerpumpwerks erschöpfen sich nicht die allgemeinen ökonomischen Wirkungen dieser riesenhaften uii- m-odukttven Ausgaben, die geradezu eine Lebensbedingung, rein ökonomisch, für die moderne Gesellschaft geworden sind. Natürlich macht uns das den Militarismus nicht angenehmer, sondern um so unangenehmer. Nun kann ich von diesem Standpunkt aus auch nicht fci das ireiiilnu'flcrlrdjsfrciiinuiflc Geschrei über den lvirtschaftlichen Rm» durch die iniproduktiven Äiilttäransgabeii einstimmeil." Parteigenossen, was ist da für ein Ssnik in der Presse entstanden och habe ja nicht gesagt, dag wir die Verschwendung unterstützen sollen, sondern ich Halle die Tharsachen nur zu würdigen versucht. Aber derjenige, der mich deswegen am heftigsten angriff, war Rautslh. Er hat meiner Intelligenz die in einer demokratischen Gesellschaft denkbar niedrigste Einschätzung gegeben, ich stände nämlich in meiner Intelligenz noch unter dem russischen Zaren.£a finde ich aller in dem alten Erfurter Pro- gramm ZtautskyS ans Seite 101 eine Ausführung, die sich vollkommen mit der mcinigen decki: da heisch es, ganz ivie bei nur:.Jnuner mehr Produktivlräftc müssen brach liege», immer mehr Produkte nutzlos verschwendet werden, soll sie nicht außer Rand und Band geraten."(Bebel: Da nmß mau eine stehende Armee dafür haben Ij Nun, ich habe schon erklärt, daß mir niemals ein so ein- faltiger Gedanke eingefallen ist. Ich habe immer gesagt, wenn man Geld für die Arbeiter haben kann, dann soll es geschehen: das ver- steht sich bei mir, wenn ich auch von einigen nicht mehr als Vertreter der Arbcitcrinteressen angesehen werde, denn doch noch von selbst. Was ist es nun, was mich scheidet von dem, was Geyer aus geführt hat? Ich habe gesagt, die Miliz ist für mich innner das Endziel der Entwicklung. Aber sie ist kein System, das man bei den heutigen Staatcngcgcnsätzcn auS dem Boden stampfen kau» und den Gegnern, die über stehende Heere verfügen, als überlegen entgegenstellen kann, sondern sie ist etwas, was sich auS den heutigen Armeen recht wohl entfalten kann, ivcnn wir im Staate eine kräftigere Ver- tretung unserer Interessen haben; und da habe ich ausgeführt, daß auch Engels diese Entsaltung als möglich ansah und vertrat. Weiter habe ich nichts betont, gefordert habe ich überhaupt nichts. Wird die allgemeine Dienstzeit verkürzt, die allgemeine Wehrpflicht weiter durchgeführt, so demokratisiert sich' die Armee ganz von allein, so hört sie ans, in dem scharfen Sinne wie heute Klassen Werkzeug zu sein, so wird die Armee in unsere Hände allgemach hinübcrglcitcn. Wer will die Rekruten liefern, wer die Arbeiter für die militärischen Fabriken und für die Kanouenfabrikation? Der ganze Militarismus ivird nicht mehr leben können ohne uns. Die heutige Armee wird, wenn sie sich so weiter entwickelt, eine Arbeiterarmec ganz von selbst, oder sie wird eine Armee, die man nicht mehr gegen Arbeiter verwenden kann, nicht mehr verwenden kann zu auswärtigen Kriegen, die die Arbeiterklasse nicht billigt. Und man mag über den «inneren" Kampf denken wie man will: wenn ein Krieg kommt, ist die Armee doch das Volk in Waffen, und dann üben wir die Macht und den Einfluß aus, die u»S in der heutigen Gesellschaft überhaupt möglich sind. Und ist das etwas Neues? Deswegen hat mich Geyer angegriffen I Ich bin erstanut, daß man diese von autoritativer Seite oftmals wiederholte Acußcrnug mir als Verrat des Partei- standpunltes anrechnet in der Weise, daß man niir nahe legt, ob ich nicht meinen Austritt aus der Partei überlegen wolle. Da heißt es in dem bayrischen Landtagshandbuch:«Wir ver- langen eine andere Organisation des HecriveseuS, durch welche die Verteidigung ebenso, ja in erhöhtem Maße gesichert wird, ohne das Volk derart zu belasten. Wir fordern dann» die Umgestaltung des heutigen Kaserncnhccres in ein Volkshccr, die vor allem durch stufenweise, wesentliche Herabsetzung der Dienstzeit anzubahnen jst.... Trotz aller Aeußcrlichkeitcn, die anderes zu beweisen scheinen, ist das Heer im Zuge, sich innerlich unaufhaltsam zu demokratisieren." Das ist im Auftrage der bayrischen Genossen geschrieben worden. Aber noch ganz andere Leute haben sich ganz ebenso erklärt. So schreibt Friedrich Engels iu der„Neuen Zeit" 1892/93, 1. Band. Seite 583: „Die Hauptstärke der deutschen Socialdcmokratic liegt keineswegs in der Zahl ihrer Wähler. Bei uns wird man Wahler erst mit 25 Jahren, aber schon mit 20 Soldat. Und da gerade die junge Gc- neration es ist, die unserer Partei ihre zahlreichsten Rekruten liefert, so folgt daraus, daß die deutsche Arniee mehr und mehr voni SocialismnS angesteckt wird. Gegen 1900 wird die Armee in ihrer Majorität socialislisch sein. Das rückt heran unaufhaltsam wie ein Schicksalsschluß. Die Berliner Regierung sieht eS kommen, ebenso gut wie wir. aber sie ist ohnmächtig. Die Arniee cutschlüpft ihr." Ich verweise noch auf eine andere Aeußerung, die deshalb sehr interessant ist, weil sie mit der vorliegenden Ncfolutiou in direktem Widerspruch steht. Bebel äußert sich im„Mouvcment socialiftc" vom 15. Mai 1899 folgendermaßen: „Der Militarismus soll die Klassenherrschaft aufrecht erhalten. Aber man kann die Zeit schon voraussehen, er wird dazu ganz ungeei g n e t. Die Zahl der Armeen hat zur Voraus- setzung die allgemeine Wehrpflicht, die man kaum mehr aufheben kann. Die Stadt- und Landarbeiter, welche die erdrückende Mehrheit der Soldaten ausmachen, sind indes mehr und mehr der socialistischen Idee verfallen. Die Armee kann also immer weniger zur Aufrcchterhaltung der Klassenherrschaft dienen und eines Tages überhaupt nicht mehr. Sie wird den Befehl, auf Vater und Mutter zu schießen, nicht mehr ausführen, sie wird kein Machtinittel in der Hand eines Klassen- rcgimentS mehr sein(eile ne sera des lors un instrurnent dans la rnain d'un gouvernement de classe)". Genau so wie in der Resolution— aber umgekehrt!(Hört! hört I) Und, Parteigenossen, ich bitte Sie um alles in der Welt, sind Ihnen denn Ihre eigenen Beschlüsse auf Ihre» eigenen Parteitagen unbekannt? Früher hat man gesagt: Kürzere Dienstzeit ist ein Ver- brechen gegen das Volk. In dem Protokoll des Gothaer Kon- gresses 1877 heißt es:„Das Parteiprogramm wollte Abschaffung des Militarismus überhaupt, und wenn man also nicht für die Volksivehr eintrete, sondern nur fiir Einschränkung der Wehrpflicht unter dem heutigen System auf ein Jahr, so verstoße man gegen das' Programm". Und was haben wir voriges Jahr in Stuttgart beschlossen? El lag ein Antrag vor, die Miliz zu verlangen; dieser Antrag ist nicht einmal so unterstützt worden, daß er zur Beratung kam. Dagegen ein zweiter Antrag. der der Mainzer, wurde von David folgender- maßen begründet:„Parteigenossen, lehnen Sie den Antrag nicht etwa deswegen ab, weil er kein Milizantrag ist. Wir müssen an die gegebenen Verhältnisse des heutige» Militarismus anknüpfen, durch Verkürzung der Dienstzeit, die Miliz wird dann später schon folgen." Da erhob sich als Berichterstatter der Fraktion ein parlamentarisch so erfahrener Genosse wie Wurm imd lehnte die Mainzer Zurückstellung des Milizshstenis folgendem, aßen radikal ab: „Darum halte ich es für nicht richtig, wenn Genosse Dr. David gesagt hat: Wie schön ist es, wenn wir den Bauern sagen können. wir wollen die Verkürzung der Dienstzeit auf ein Jahr. Das soll leichter begreiflich sein, als die Forderung des Milizsystems. Ich bin entgegengesetzter Ansicht. Das ist keine grundsätzliche Agitation, wenn wir nur die Erleichterung des Militarismus fordern." Und der Parteitag hat gemäß der Anschauung beschlossen, die ich in meinen Artikeln vertreten habe(hört l hört!) Und, Partei- genossen, ich habe keine Furcht: deswegen, weil ich den Beschluß des vorigen JabreS vertreten habe, werden Sie mich aus der Partei nicht hinausbefördern. Ja, Partei- genossen, es gehe noch viel iveiter. Diese gaiiz rabulistische Kritik, diese rabulistische Quertreiberei ist meines Erachtens doch wohl auch mitunter wider besseres Wissen geschehen.(Unruhe.) Äautsky, der jetzt sagt, wir müssen grundsätzlich vorgehen, hat iu der Begründung seines Programmentwurfs sich ähnlich geäußert wie ich. Und darum dieser Bann, diese Ausregung über Principien- verrat, obwohl ich doch nur vielleicht konsequenter, vielleicht de- wußter und klarer das vertreten habe, was in der Partei immer rind immer vertreten ist I Damit bin ich am Schluß. Ich wende mich nicht an Ihr Herz, nicht an Ihre Stimmung, ich verlange nicht, daß Sie über den Ton. wenn Sie damit nicht ein- verstanden sind, schweigen und irgendwie diese Anzüglichleiten als kompensiert erachten durch die entgegenstehenden Anzüglichkeiten von KautSky. Aber, wenn die Anschauungen, die ich vertreten habe, «nmer und immer wieder verfochten sind, zum Teil von den hervor- .«gcndsten Vertretern unserer Partei, selbst von denen, die geglaubt �haden, sie müßten die Feder gegen nnch ergreifen, dann sind das «ben Anschamingcn, über die man ruhig diskutieren darf, durch bewir Vertretung man sich nicht außerhalb der Partei stellt. ändern es sind ernste Fragen, die man ernst erörtern ich Sie: Uebcn Sie Toleranz! Lasseiz] Militarismus ist. em Hebcl des persönlichen Regiments der herrschenden m,.,- m-mUm nfi„f isi» Klassen gegen dir mödcrnc Entwicklung, gegen den Fortschritt der Arbeiterklasse, hie großen Tendenzen der Völkerverbrüderung, die ivir vertreten. Wir haben umso mehr Grund, den Militarismus mit aller Energie wie bisher zu belänipsen und uns nicht durch schöne Worte bcthören zu lassen, weil e§ keinejbürgerlichc Partei mehr giebt, die den Militarismus grundsätzlich bekämpft. Die Socialdemokratie ist die einzige Partei, die mit dem Schlagwort in den 5lan,pf geht: Kampf gegen den Militarismus vom Scheitel bis zur Zehe! Wenn wir warten wollen, bis der Militarismus in die Volkswehr hinein- wächst, dann können wir alt wie Methusalem werden und dann wird noch immer die herrschende Klasse das Heer nicht für das Volk, sondern gegen das Volk verwenden.(Sehr richtig!) Wir' wollen festhalten am Proarammpunkt 3, aber auch daran, daß es nicht angeht, solche theoretstche Spielereien zu machen, die bloß de» Gegnern eine Freude, der Bourgeoisie ein Entzücken sind. (Beifall.) Wenn es in irgend einer Zeit unangebracht ist, sei e», daß man nun als tzsondonymer Jsegrimm oder als Schippe! kommt, dann ist es diele, wo die Klasienkämpfe eine solche Schärfe an- genommen haben, wo die Annahme der Zuchthausvorlage nicht mehr etwas Univnhrscheinliches ist. wo neue große Ausgaben für Militär und Flotte kommen. Da heißt es, mit der alten Entschlosieicheit und Festigkeit auf der Schanze stehen. Fangen wir erst an, in solchen Dingel» theoretische Erörternngen zu machen, dann kontmt das dicke Ende nach: mit Erörterungen fängt man an und da? andere folgt dann, das ein Hemmschuh»verde» wird fiir die siegreiche Ent- wicklmtg deS Proletariats.(Widerspruch uitd Beifall.) Auer: Nach und nach scheine ich zum schwarzen Mann für eine gewisse Richtung in der Partei zu»verde». Es kann gar nichts mehr vor- kommen, wobei mein Name nicht genannt»vird. So werde ich auch in diese Angelegenheit hineingezogen unter der Beschuldigung, daß ich die socialdeniokratische Partei, der bisher anzugehören ich selbst die Ehre habe,»velche Zugehörigkeit aber, wie eS scheint, ein großer Teil nicht mehr anerkennen»vill, von ihrem bisherigen Widerivillen sollte. Und deshalb bitte Sie die Freiheit der 5kritik hier ivalten, aber üben Sie kein Ketzer� gcricht.(Lebhafter Beifall und Zischen.) Frau Dr. Luxemburg Die Siede Schippels, besonders im ersten Teil,»vor eine Be- gründung des Militarismus,»vie sie ein Kriegsminister ganz gut einer Militärvorlage beilegen könnte.(Heiterkeit.) Mir»vnrde hier mehrfach vorgelvorfen, ich innre in einer so unerwartet milden Weise aufgetreten, ick» hätte mit einer so herzgclviuncndcn Milde gesprochen. Das kommt daher, weil ich den allgemeinen theoretischen Auseinander sctzungen in Bezug auf den Opportnnismns nicht allzuviel praktische Bedeutung beimesse. Praktisch ist für mich die Bekämpfung der koiikreten Ausflüsse des Opportunismus, und als solchen betrachte ich vor allem die Stellung SchipvclS zum Militarismus. Für mich heißt es: Hie ßhodus, hie salta! Hier soll Schippel Rede und Antivort stehen. Genosse Geher hat gesagt. lue»» wir auf unsere bisherige principiclle Gegnerschaft gegen de» Militarismus verzichte», so würde das unser» Kampf sehr»» die Länge ziehen. Nein, ich glaube, wenn»vir auf den Kampf gegen de» Militarismus in der bis herigen Form verzichten, da»» können wir überhaupt ein- packen, dann hören wir überhaupt auf, eine socialdcmokratischc Partei zu sein.(Sehr wahr!) Der Militarismus ist der konkreteste und»vichtigste Ausdruck deS kapitalistischen Klasienstaates, und wenn »vir den Militarismus nicht bekämpfen, dann ist unser Kampf gegen den kapitalistischen Staat nichts als eine leere Phrase.(Beifall.) Ich»vill hier nicht auf den Ton der Schippclschcn Artikel und auch nicht auf das Pseudonym eingehen. Ich glaube, er ist dafür schon genügend durch den malitiösen Druckfehlerteufel getroffen, denn wie Sie bereits bemerkt haben»verde», heißt es in dem Antrag Mergner, der seinen Ausschluß verlangt, er habe sich gegen die Er- ziehmig zur allgemeinen Wahrhaftigkeit schlver vergangen.(Heiter- kcit.), Es soll' natürlich„Wehrhaftigkeit" heißen. Ich»vill auch nicht ans die technische Seite der Milizfrage eingehen. Schippel sagt, Kantsky verstehe in diesen Dingen nicht eiiimal das Abc. Als ich das hörte, erschrak ich furchtbar, denn»vie muß es um eine Partei bestellt sein, deren theoretischer Vertreter von einer der»vichtigstcn »'rattischen und theoretischen Frage nicht einmal das Abc versteht! (Sehr gut!) Wenn eine»o hohe Bildung nötig ist, um die Miliz- fordernng zu begreifen, daß nicht einmal ein Ka»»tsky sich dazu emporschivingen kann,»vie soll dann die Masse der Proletarier dies Postulat verteidigen! Wir brauchen uns auf technische Einzel- heitcn deshalb nicht einzulassen, weil uns keine konkrete Bor- läge zur Einführung der Miliz beschäftigt. Wenn wir eine 'olche Vorlage habe»,»viirden ivir eine Neuner- Kommission »vählen, die darüber zu beraten hätte.(Heiterkeit.) Heute gilt es für »ms, das Postulat in seiner allgemeinen Form aufzustellen und be- onderS auf feine politische Seite Nachdruck zu legen. Mit dem Argument, daß wir nur Verteidigungskriege zn führen brauchen, hat Schippel nur die Notivendigkcit der Beibehaltung des Militarismus betont, denn bekanntlich weist jeder Staat die Verantlvortung für einen Krieg von sich ab und behauptet immer, daß der Gegner angefangen hat. Sw'ippcl hat in feinen Artikeln ausdrücklich hervorgehoben, daß der Militarismus eine»virtichnstliche Entlastung für»ms fei, und heute hat er nachzuweisen gesucht, daß die Miliz jedenfalls keine »virffchaftliche Entlastung»väre. Ich überlasse es anderen, die diese Dinge näher keimen, zu antworten, aber selbst»venu die Miliz uns ebenso viel kosten würde»vie der Militarismus, so könnten wir doch ruhig mit beiden Händen für die Miliz stimmen, denn dann geben »vir»venigstenS unsere Groschen aus, uns zu verteidigen nicht nur gegen den äußeren Feind, sondern auch gegen die inländischen .lnterdrücker. Bei dem MilitarisnmS dagegen»verde» wir erwürgt und unterdrückt.(Sehr gut!) Schippel ist ja nicht der einzige» ich vertveise nur ans die Auersche Aeußerung in Hainburg, auf Heine»ud auf Wollmars letzte Rede in München. Ich begreife nicht,»vie jcn»a»d. der den Milu tarismus technisch für unentbehrlich und»virtschaftlich für eine Ent- lastung hält, so unlogisch ist, gegen die Militärausgaben zu stiminen. Da bleibt doch nur übrig, daß jene Genossen ennveder früher oder später die Militärfordermigen bewilligen, oder aber, daß sie ihre» Standpunkt verlassen und für unsere Miliz stimmen»verde». Jetzt allerdings lehnen sie die Militärfordcnmgen noch ab, aber wenn ihre Auffassungen erst mehr an Boden gewonnen haben, da»»»»»verde» sie schließlich auch für die Militärvorlagen stimmen.(Unruhe, Widerspruch und ZilstinMniug.) Einige Genossen haben gefragt, ja, wo ist der Opportunismus, von dem Ihr so viel gesprochen habt? Nun Genossen, schaut nur auf Schippel hin. Dort ist der. Opportunismus in der krassesten Form zmn Ausdruck gekommen. Dagegen müssen»vir vorgehen. Wir autivorten Schippel mit denselben Worte», die er uns zu- gerufen hat:„Fort mit dem Brei— Ich brauch' ihn nicht! Aus Bappe schniied' ich kein Schwert 1� (Beifall. Unruhe.) ivaudert- Apolda: Ich hätte das Wort nicht ergriffen,»venu Geher nicht in seiner Einleitung meinen Antrag von vorhin erwähnt hätte. Ich habe diese» Antrag durchaus nicht als Schildknappe Scknppels gestellt. Ich bin nur der Ansicht, daß diese Debatte angesichts der sehr kurzen Zeit, die uns noch dafür zur Verfügung steht, nicht grund- sätzlich zu Ende geführt»verde» kann. WaS Geyer ausgeführt hat, ist niedergelegt in den Ausführungen KantskyS und SchoenlankS zum Erfurter Programm. Am intereffantestcn waren mir die Ans- führungcn Schippels. Ich bin ein geschworener Feind des heutigen Systems des Militarismus. Mir ist es aber vollständig gleich, »vie einmal ein anderes System sich gestaltet, wenn e» »inr nicht Volks- und kulturfeindlich wie das heutige, sondern volkS- freundlich ist und die Freiheit des Volkes schützt. Folgender Antrag ist eingelaufen." „Der Parteitag iveist die vom Genossen Schippel in seinen Aufsätze» über den' Militarismus geäußerte Auffassung mit aller Entschiedenheit zurück, da er in ihr einen Verstoß gegen die Grund- sätze der socialdemokratische» Partei erblickt." Rosa Luxemburg, Klara Zetkin, Adolf Hoffinann, Ledebour. Dr. Schoenlanl: Es fällt mir nicht ein, mich i» militär- technische Einzelheiten einzulassen. ES handelt sich bei der Frage: Miliz oder stehendes Heer einfach darum,»vas gelten soll, der Absolutismus oder daS Volk. Der Militarismus ist das Mittel gewesen, durch daS der Absolutismus zur Herrschaft gelangt ist; ohne Militarismus kein Absolutismus. Wo das Bürgertum Energie gehabt hat, Ivo es reif gelvorden ist in der politischen Entivicklung, hat es den Kanchf gegen den Absolutismus geführt durch den Kampf gegen den Militarismus; sehen Sie nach England. Brauchen wir den» den Absolutismus gegen einen äußern Feind, zur Vertretung vaterländischer Interessen? Halten Sie dos Volk dazu für unreif und unmündig?(Lebhafter Beifall.) Glauben Sie, daß es nichtjaus eigener Kraft, ohne Absolutismus und'stehcudcS Heer sich rüsten kann zur Rettung des Vaterlandes? Seiviß ist die Miliz in einen schlechten Ruf gekommen in der MilitärkonflsttSzeit.»veil die Fortschrittspartei sich darauf ver- steifte, die Schiveizer Miliz einzuführen. In unserem Programm steht ja„Vollswehr". Was ist denn„Miliz"? Die allgemeine Volksbewaffnung durch den Willen des Volkes, nach den Beschlüssen des Volkes, unter Kontrolle des Volkes. Und hier sehen wir, daß diejenige», die den MilitarisnmS vertreten, nicht in der Absicht, aber im Effekt als die Agenten der Kapitalisteullasse auftreten, die den Militarismus braucht zur Erhaltung ihrer Macht und zum Kampfe gegen das Proletariat. Da kommt die von Schippel, der eine Art Entlastungstheorie aufgestellt hat, so eingehend behandelte Kostenfraae weit weniger in Frage, als die Frage bei Prlncips, des System». und wir haben nichts anderes, wenn wir die Partei bet Proletariat» bleiben wollen, al» eine den Militarismus absolut ablehnende Haltung ohne jede« Zu- geständni». auch nur w dem gertugsten Punkt», denn der gegen den Militarismus, von ihrer absoluten Feindschaft gegen diese Institution abbringen»vill. Ich»miß gestehe», sie ist mir sehr neu, diese meine ncue Schlechtigkeit, aber ich tröste mich da mit jenem oberbayrische» Bauern, der, als er das L. S. unter einer amtlichen Bekanntmachung las. sich das übersetzte: Laß schivatzen l(Heiterkeit.) Geyer vcrivies zum BeiveiS meiner nrrcaksionären Entivicklung auf eine Rede, die»ch am 8. Febniar 1898 in diesem Saale gehalten habe, also nach dem Hamburger Parteitage. Ich sprach über den bevorstehenden Wahlkampf und kam bei dieser Gelegenheit u. a. auch auf die Kolonialpolitik und die damit verknüpfte Flottenverniehning. Nach dem ausführliche» Bericht des hiesigen Parteiorgans sagte ich: Hier kommen»vir auf einen Eimvurf unserer Gegner, welche unS sage», daß die Socialdemokraten eigentlich fiir die Flottmvorlage stimmen müßten,»veil Taufende von Arbeitern dabei beschäftigt »verde»» könnten; aber wäre es da nicht vernünftiger, wenn schon Geld und zwar Millionen verwendet»verde» sollen, angeblich um die Arbeiter zn beschäftigen, dann solche Arbeiten zu verrichten, die dem gesamten Volke zu gute kominen? Wie viel Schulhäuscr könnten nicht beispiclsiveise für die 300—400 Mllionen gebaut werden, die kür de» Neubau für Schiffe verlangt»verde»? I Kommen doch in Deutsch- land durchschnittlich«0 Kinder auf«inen Lehrer— in Preußen noch bedeutend uichr— aber nur 8 Soldaten auf einen Unteroffizier und 25 auf eineu Offizier I Wenn das deutsche Volk so reich wäre, Hunderte von Millionen fiir Schiffe übrig zu haben, wie schön wäre es nicht, wenn dafür in Ostclbie» nicht mit Stroh gedeckte Schul- Häuser gebaut oder Lllngenheilanstalten errichtet würden, wie es von den Acrzten dringend gefordert wird." In dieser Art polemisierte ich»vetter gegen die Flottenvermehrung und sagte dmm:„In Anbetracht dieser Wichtigkeit können wir nicht vo>» unserem ablehnenden Standpunkt abgehen. Es kann Regierungen geben, denen wir überhaupt nichts bewilligen können"— da» Wort „kann" ist offenbar ein Jrrtim» des Berichterstatters. Ich habe im Reichstage stets das Budget verlveigert und werde ei nie be» willigen, so lange wir uns in der Opposition befinden. Also, ich babc nach dein Bericht gesagt:„In Anbetracht dieser Wichtigkeit können wir nicht von unserem ablehnenden Stand- puntt abgehen. ES tain» Regierungen geben, denen wir überhaupt nichts beivilligen können, so lange»vir nicht alS gleichberechtigter Faktor iin öffentlichen und parlamentarischen Leben anerkannt werden. Wird die Arbeiterklasse als gleichberechtigt an- erkannt, fo wachsen damit die Aufgaben dieser Klasse und die Ver- antwortnng, nnd es ist sehr»vohl möglich, daß wir von dem Tage an.»vo man die Arbeiter als gleichberechtigten Fattor ansieht, auch mit uns reden lassen über Flotteiifragen. Zur Zeit müffer wir principiell jeden Mann und jeden Groschen ablehnen." Der Bericht giebt natürlich nicht alle» wieder. Ich habe aus« geführt, daß«enderungen eintreten und daß wir gar nicht voraus« iehen können, ob»vir nicht einmal im Laufe der Zeit zur herrschenden Partei werden. Ich habe weiter gesagt, daß»vir nicht auf dem Standpunkt stehe», daß überhaupt keine Schiffe»»ötig find. Rein, ich führte ans, daß wir sie dem heutige» Systein, der heutigen Re- gierung nicht beivilligen können. Jeder von uns wird doch die Post und die Eisenbahnen für absolut uotivendige, unentbehrliche Institute halten, und doch vcriveigeri»»vir die Mittel dafür, eben weil wir der Regierung, z»» der»vir kein Vertrauen haben, die Mittel zum Regiment verweigern»vollen.(Sehr richtig!) Dieser unser grundsätzlicher Standpunkt müßte doch endlich einmal auch in die Köpfe derjenigen hineingehen, die als Vertreter der alten Richtung jeden ans Kreliz zu nageln suchen, der einmal eine«»ficht ausspricht, die sie zu kapieren nicht in der Lage sind. Der Bericht verzeichnet am Schluß lang anhaltende»», stürmijckieii Beifall. Run. ivenn ich Dinge gesagt hätte, deren sich die Partei zu ,'chänieu hätte, so»väre eS doch eine Beleidigung für die Hamioverschen Genossen, wenn sie eine derartige Dummheit so belohnt hätten. Eö muß doch um das Material zur Bcartindmig der Geyerscheu Angriffe sehr schlecht stehen, daß man zu solchen Hilf»- mittel», greifen muß.(Beifall.) Auf' meine Hamburger.Steckenrede" will ich nicht eingehen. Wer sich darüber informieren»vill. lese im Hamburger Protokoll »ach; er»vird finden, daß alle Augriffe gegen mich resultierr» köniie», aus maikgelndeni Verständnis oder aus mangelndem Willen, mir Gerechtigkeit angedeihen zu lagen. Ich bin genötigt, auck» bei dieser Gelegenheit wieder aus da» Blatt der Frau Zetkin einzugehen. Liebknecht hat in Hamburg folgende Erklärung abgegeben:„Eö scheint ja wirtlich aber hier eine Stiniimmg unter vielen Gettosse» zu sein, als ob sich Schippel für die Betvilligung der Kanonen ausgesprochen hätte, als hätte er gesagt, daß er oder die Fraktton dafür zu stinimen bereit geivesen sei. Das ist nicht der Fall." So spricht Liebknecht sofort im Anschluß an die Verhandlungen. Unter dem srischcn Eindruck derselben tonstatiert er, den, doch ganz gewiß eine besondere Freundschaft für Schippel nicht nachgesagt werden kann:„Schippel hat nicht für Bewilligung der Kanonen gesprochen." llnd was lesen wir nun in dem bereits von mir er- wähnten Artikel der„Gleichheit":„In Hamburg befürworteten Schippel»md Auer die Bewilligung von Kanonen im Namen der„iiattonalen Jnteresieu".(Hört! hörtl) WaS soll man gegenüber dieser Art der Poleniik, gegenüber diesen fortgesetzten Verdächtigungen eigentlich noch thiin? Es ist hier wiederholt von zwei Richtungen gesprochen worden. Nun Geiiosienl Ich weiß nicht, ob da« wahr ist. Wenn man aber bei der aftai Richtung nur mehr gut angeschrieben ist, wenn inan in solcher Weile mit der Wahrheit um- geht, dann gehöre ich mit Stolz zur neuen Richtung!(Lebhafter Beifall!> Die Debatte wird hierauf auf morgen vertagt, nachdem»in von Stolten- Hamburg begründeter, von Adolf Hossmann- Berlin bekämpfter Schlußantrag abgelehnt worden ist. Rosa Luxemburg bemerkt persönlich, daß sie von dem von Schippel eitierten Artikel der„Säcks. Arbeiterzeikmg" heute zum erstemnale gehört habe: unter ihrer Redaltton sei er rncht erschienen. Heine giebt zu Protokoll, daß er an der namentlichen Schluß- abstimmung über die Bebelscke Resolution infolge einer dringenden Lbhaltting nicht habe tetlnehn,en können; er würde sonst für dieselbe gestimmt haben. Schluß V/* USr.(Schluß in der L.«eilag».) Nur tri, Inhalt der Inserate uberiiiiiiuit die Ncdaktiou dri» Publikuni ftegenüber keinerlei Vernniiiiortniih. Tlzr�kev. Sonntag, 15. O k t o b e r. Freie Volksbühne. Ost e» d- Theater. 4. Abteilung(braune Karten): Faust. Anfang 2'/« Uhr. Opernhaus. Der Wildschütz, oder: Die Stimme der Natur. An- fang 7Vj Uhr. Montag: Die Meistersinger von Nürnberg. Echanspiclhans. Splitter und Balsen. Ansang'Vs Uhr. Montag: König Lear.' Kcnes Opern-Theater(Kroll). Madame SanS- SiZne. Anfang 7V- Uhr. Montag: Geschlossen. Ternsches. Das FricdenSfest. An- fang?>/. Utir. Nachm. 2 V- Uhr: Die versunkene Glocke. Montag: Das Friedensfest. Lessing. Als ich wiederkam... Anfang 7V, Uhr. Nachm. 3 Uhr: Im weihen Röhl. Montag: Als ich wiederkam... Berliner. Baumeister Solneh. An- fang 7V, Uhr. Nachm. 2V, Uhr: Der Pfarrer von Kirchfeld. Montag: Götz von Berlichiugen. Schiller. Die Haubenlerche. An- fang 8 Nbr. Nachm. 3 Uhr: Romeo und Julia. Montag: Die Grohstadtlust. Neues. Colinette. Anfang 7>/- Uhr. Nachm. 3 Uhr: Kiwito. Montag: Colinette. BMic». Zar und Zimmermann. Anfang 7>/i Uhr. Nachm. 3 Uhr: Der Waffenschmied. Montag: Linda von Chamounix. Thalia. Der Platzmajor. Anfang 7>- Uhr. Montag: Dieselbe Borstellung. Residenz. Jagdfrcuden. Vorher: Familien-Souper. Ans. 7V, Uhr. Nachm. 3 Uhr: Der Schlaswagen- Contrvleur. Montag: Jagdfrendcn. Familien- Souper. Luisen. Molltz Carre. Anfang ö Nbr. Nachm. 3 Uhr: Kean,«der: Genie und Leidenschaft. Montag: Molly Carlo. Central. Die Geisha. Anfang 7Vt Uhr. Nachm. 3 Uhr: Der Vogelhlindler. Montag: Die Geisha. Ostend. Weltuntergang. Ansang «tzUhr. Montag: Dieselbe Vorstellung. Victoria. Die weihe Henne. An- fang 7Vz Uhr. Montag: Dieselbe Borstellung. Nrlcdrich- WilheluiftüdtischeS. Der Klub der Hannlosen. An- fang 8 Uhr. Nachm. 4 Uhr: Der Trompeter von Säkkingen. Montag: Der Klub der Harmlosen. Belle-Allianec. Kean, oder: Genie und Leidenschast. Ansang 7'/, Uhr. ivtetropol. Rund um Berlin. Im Reiche der Secessionl Ansang 7 Vz Uhr. Nachm. 3 Uhr: Berlin lacht I Montag: Rnnd um Berlin. Apollo. Frau Luna. Specialitäten- Borstellung. Ansang 7'/, Uhr. Rclchohallcn. Stettiner Sänger. Ansang 7 Uhr. Palast. Spreelottchen. Speciali- täten-Borstellung.«nf. 8'/, Uhr. V"si»,>r- P">< oft ft NM. Speclalt- tälcn Borstellung. llrniiia. Juvalidenstr. 57/02. täglich abends von b— lv Uhr: Sternwarte. Taubenstr. 48/49. Im Theater: Der Sieg des Menschen über die 'Natur. Anfang 8 Uhr. Tchilltr-Thkilter (Kvallner-Theater). So nntag, nachmittags 3 Uhr: Romeo nnd Jnlla. Trauerspiel in 5 Aufzügen v. William Shakespeare. Sonntag, abend» 8 Uhr: Dt« I>»»,>l>,«nl«»-vd«. Schauspiel in 4 Alten von Ernst v. Wildenbruch Montag, abends 8 Uhr: Vlv Groaantadtlnft, Dienstag, abends 8 Uhr: As«»-». Tlzrntev Direktion: Jois Ferenciy, Nachm 3 Uhr. zu halbe» Preisen: Ter Vogelhiindlcr. Operette i» 3 Allen»on Karl Zeller. Abends 7>/, Uhr. Dir C6vizöl»a oder: tline japanische Theehaus- «cschichte. Operette in 3 Akten von SIdney JoncS. Morgen und folgende Tage: Die- selbe Borstelliuig�_ Friedrich-Mhtl«ß.Thtsttt Chaueaeeatr. 35/26. Heute, nachmittags 4 Uhr(II. Preise). Auf allgemeines Berlangen: Der Trompeter von Eäkktngrn. Romant. Schauspiel in 3 Alten von E. Hildebrandt und I Keller. Abend» 8 Uhr: Abends 8 Uhr: Zum 2. Male: Der Klub der Hlirullosen. Grobes Berliner Sensationsstuck in 5 Akten von Verden. 1. Bild:«erspielt. 2. Bild: Anf dem Metropol-«all.». Bild: Falscher verdacht. 4.«tld: Im Klub der Harmlose». 5. vttd: I» Moabit. Morgen, abends 3 Uhr: Ter Klub der Harmlose«. Wld-lk! Weil!-Theater. Gr. Fraiikfnricrst raste llllö. Nachm. 2'/« Uhr: Freie BolkSbühne: fyauff. Abends TV, Uhr: Der Meltuntergaug. Grobes AuSstattnilgsstlick mit Gelang in 3 Alten(14 Bildern) vom Dir. Carl Weib». Jos. Dill. Musik von M. Fall. Im Tumicl: Frei-Äonzert. Ans. 7 Uhr. Morgen: Dieselbe Borstellung. Metropol-Theater. Behrenatr. 58 57. Direktion: Iticliard Schnls. Sonntag, den 15. Oktober er., nachmittags Ii Uhr, bei halben Kassenprcisen: Berlin lacht! und das gesamle Specialltäten- Programm. Abends 7� Nhr; DM- Sensationeller Erfolg!'MG Rund ntn Nrrlin. Berliner Lokalrcvue in 2 Alten von Julins Freund. Mussk voll Julius EinädSboser. 1. Bild: An der Chansoncttenecke. 2. Bild: Im Anspellungsparl. StünuischeS Lachen! Jubeln! Beifall! -- erregen: S«°Uhr:Die BcrscknoSrung der Ber- liner Thcater-Direltoren. 9«„ DaS ist Berlin, die Stadt der Lieder:„Am schbne» giüneli Strand der Spree'. 10„ Berliner Landpartien. lO10„„Deri„ Die lex Hetnze. 10»„ Die Koiirpcnsationen und die Kanatvorlage! 10»„ DaS letzte Pferd. 10». Das und lauter Puppen fürs Paiioptikum. 10». Die Friedens-Konferenz im Haag. 10»°„ 10«° Uhr: Sensationell! Urkomisch. Sensaiiouell! Die Harmlose» i» Moabit! 10»° Uhr: Zum Schlub: Mit feenhafter Ausstattung: Im Reiche der Tecessto«. Großes Ballett. l'dalia-l'deAtkr. loi.smtlVa 8440.»eoallaneratr. 73/73 Zum»0. Male: Der Platzmajor. Thomaa, Tielacher, Helmerding, Junkermann. Jl» 2 Akt: Gr. Mutosiop-Terzett. Anfang 7'/, Uhr. Morgen: Dieselbe Borsiellung. �losZLai'-l'dkster V»»-leite- I. R»NU0« dteeckeneretr. 53-83. Xnnenetr. 43-43. Allstttttil lion absolut erßklassigeu ZMalitiiteu Ausaug: Wochentags 8 Uhr Sonntagt S Uhr. Entrce: Wochentags 20 Pf. SonntagS 30 Pf. 23K8L'I Die Direktion- Richard Winkler. Palast-Theater SM- früher Mfi Feen-l'alant, Burgstraste 22. Das riesengrcße erstklassige Sonntag». Programm. Um 8'/, Uhr: Grober Lachersolg: Richard Winkler und Wilhelm Frübeliit der urlomischen Ausstattungs-Burlesle Susanne im Ade. Um 10 Uhr: Die»nerreichbaren Meisterturner am sechsfachen Luftreck. AM- Iti-.-l Vamileae». MM Dazu das gesamte ersolgreiche Schauaplel- und lillnetler-Fereonal. Nach der Vorstellung um 11 Uhr: GrosterTanz. Anf. des Konzerts« Uhr, Vorstellung 7 Uhr, Kassenerössnung 5 Uhr. Entree 50 Pf. Billei-Vorverlauf vorm. v. 11—1 Uhr. Neichshallen. Täglich: Stettiner Sänger (Mevlel. Pietro. Britton. Gteidl. Krone, « t r ch»> a y e r. Schneider n»d Schräder). Zum Schlub: Stuckes Pfingstfahrt. Ensemble von Meysel. Ansang wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. TageSiass« 11—1 Uhr. W. Noacks Theater, Brunnenstrabe 16. Die schöne Ungarin. Posse mit Gesang u. Tanz in 4 Akte» von Weller und Mannstädt. Musik von Stessens. Jeden Sonntag. Dienstag und Tonnrrstag nach der Vorstellung: Tanzkränzchen. Montag: WM- Tilly.«M Lustspiel in i Alten s Franc. Srahl. Urania Tanbcnsti-aasc 48/41». — Im Theater abends 8 Uhr:— „Der Sieg des Menschen über die Natur". Montag im Theater dasselbe. Hörsaal: Herr 0. Witt: Moderne Sternwarten und Teleskope. InvalldenKtr. 57/0«: Tägi. Sternwarte. Nachmittags 5—10 Uhr. Berliner Aquarium Unter den Linden 08 n, Eineans Schadowatr. 14. Heute Sonntae Elntrittaprela EMT 50 Pf.-W Heichhaltigste Ausstellung der Welt an lebenden Seetieren, _ Reptilien eto. 98/15 ■■ CASTANS M PANOPTICUM 165. Friedrichatraaa. 168. II.,, I vle heulenden lioiil lillu. und tarnenden null! Derwische ! an« Ober-Aegypten! Ohm Kruger» Dreyfus Mercier* Zola. Passage-Theater." Anfang des Konzerts «i Uhr. der > Vorstellung 7 Uhr. Passage- P anoptik um. Xcn! Anatomisch. Museum. Victoria-Theater C. Alexanderatr. 40. Fernfp. VII 1711. Direkt.: V. Bausen wein u.C Emmerich. Anfang Vz8 Uhr. Zum 30. Mal mit vellftändig neuer Ausstattung: Novität! vle weisse Henne. Novität! (Ua poule blanche). Bandeville in 3 Akten von Hennequin mid Mar». Deutsch v. Bolten-BäckerS. Musik v. B Nvger. In Paris mit sensat. Erfolge über 500 mal gegeben. Apollo-Uor. Abends O Uhr: FranLuna mit dem seneatlonellen Luftballett: „Carigolatis". Otto Reutter The Barras Cbavita Yumata Tlero Blossoms Francis Gerard eto. eto. eto. Kasseneröffnung 8Vj Uhr. Anfang der Vorstellung 7'/! Uhr. Vorverkauf tlgllch Im Theater und beim„KUnstlerdsnk", Unter den Linden 69. Maehrs Theater Oranlcnntr.«4. Rosen ans htm Silheit. Ausstaltungs-BürleSI». Das groftartige Oktober- Programm. Elsa Hesssr, Kostüm- Soubrette. Mstr. Pauly, Conlorfionist. Mstr. Döbbrick, Champion-Handftandlitustl. Franziska Held, Soubrette. Gustav Eulenburg. Humorist. Ausang 8 Uhr. Sonntags 6 Uhr. Borzugökarten an Wochenlagen gültig. O1»-Iiiisi Niiavb. Sonntag, den 15. Oktober: Zwei grosse Borstellnngen.-Nachmittags 4 Uhr und abend«?>/, Uhr. Nachm. 4 Uhr hat jeder Erwachsene ein Kind unter 10 Jahren sret, weiter« Kinder unter 10 Jahren zahlen halbe Preise aus allen Plätzen mit Ausnahme der Galerie, abends jedoch volle Preise, Nachm. 4 Uhr: Die Srelöwen. Bicyle-Wettfahren. Dressurspielereien: 9 Hengste und 2 Elefanten aus dem Apielplatz. Elown Mitko mit seinem singenden Pony und s. ballspiel. Dogge. Olympische Spiele. Unsere Marine. SportS-Ukt. Morgen, abend» 7Vs Uhr:»xtra- Abend. Sensationell. 2750V Sensationell. Dohrlehs Festsäle, HebOnbunaer Allee 101. Reu eröffnet mit glanzvoller Ausstattung. Vereinszimmer und Kegelbahn find noch für einige Tag« zu vergeben. Ztijtlt Sonntig großer Ball. jeden Mittwoch g» Tanxunterrlcht Halteetelle de» ttrassenbahnen. Achtung:-WS HF Achtung! «ocialdemokratischer Wahlverein fiir den 4. Berliner Reichstags-Wahlkreis (Glt-u). Arn Soillltag, seil lg. Oktober 1839, in Louis Kellers Festsäleu, Kouvenftraße Rr. L9: S. SttflttKgs-Iest bestehend in VolLeil-- und Instrum entalrKonzert Auftreten der Gesellschaft Strzelewicz. Anfang 4 Ahr."WI HT" Von 6 Ahv an T A II Z. Turnverein„Fichte"- (Mitglied des Arbeiter Turuerbundes.) Sonnabend» den 4. Ulmtembev Grosses Kttnstler-Konzert zum Besten eines Fonds für vernngliilkte Turner des Vereins im grossen Festsaale äer Aktienbrauerei Friedrichsbaio, fr. Lipps. Miiwirlende: DaS Reue Berliner Sinfonie-Orchester unter Leitung des Musikdirektors Herrn Karl Zimmer. Orgel: Herr Musikdireltor Kurz. Harfe: Frl. Majdlce. sowie das Berliner Männer-Doppel- Ouartett..Harmonie--. EnU-ee 50 Pf. Tan« 50 Pf. Anfang peäeife 8�- Mhv. Utllet« sind in allen mit Plakaten belegten Handlungen, sowie bei allen Turngenossen und aus allen Turnsälen zu haben. 239/13 Offene Kasse findet nicht statt. Zu recht zahlreichem Besuch ladet ergebenst ein 0»» Komitee. Sanssouci Kotibnaci-atr. 4». Täglich auher Sonnabends Hoffoianns Morddeutsche Sänger. Anfang wochentags 8 Uhr. Sonntags O'/j Uhr. Donnerstag und Sonntag nach der Soiree: Tann-Ki-Knnebe». In Vorbereitung: IMe Ahnnngaloscn._ Alhambra Wallncr- Theater-Str. 15. Jeden Sonntag und Donnerstag: Gr. Ertra-Ball, bei doppelt besetztem Orchester. Anfang 5 Uhr. -s80» A. Zumcltilt. Kriegers Festsäle Waiierthorslraste«8(» empfiehlt seine Säle sllr Privatsestlich- leite», Kränzchen Vereinen»nd zu Versammlungen.— Jeden Sonntag, Dienstag u. Donnerstag: Gr. Ball. Achtung! Bereine! englischer Karlen Alexiiaderutr. 27 c. Neu renoviert! 3 grosse Parkettsäle sind noch einige Sonnabende und Sonntage im Ol- tober und November zu vergeben. 23008» C. Iloffiiiann. Kösllner Hof KUBltnertttr. 8. Empfehle meine Säle an Vereine, Sonnabends u. Sonntags.[24H5S» H. Grupes Tanz-Institut, Annenstr.16(früher KlubhanS). Sonntage-KurfuS per Monat 3 M., DienStagabend-KnrsuS p. Monat 4M. Säle und Vereinszimmer für Ver- sannnlungen». Festlichkeiten.[ 2604Ö* Gesellschastshans Sivtuemlinderstr. 12. 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Für den Inseratenteil verantwortlich: Tb.«locke in v-rlm. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. »r.2t2. i6. mnm. 2. Killlge des„Mmillts" Kellner KlkslllM. s°Mks. l5.«kl°btt t8ss. Vsvteikeig der deutschen Soeialdeulokratie. Sechster Berhaudlungstag. Hannover, den 14. Oktober. Vormittagssitzung. SV« Uhr. Den Vorsitz fuhrt Blum e. Die Diskussion über Punkt 6 der TaIesordmmg wird fortgesetzt. Ein von Adolf Hoff mann- Berlin und Frau Zetkin« Stuttgart gestellter Antrag, der Parteitag möge Schippe! die Miß- billignng aussprechen, weil er durch seinen Jscgrim-Artikcl die Partei schwer beleidigt und in ihrem Ansehen geschädigt habe, findet nicht genügende U n t e r st ü tz u n g. Zubeil-Berlin: Parteigenossen! Schippe! sagte gestern, es sei jedem, der Lust dazu gehabt habe, ein Leichtes gewesen, zu erfahren, wer hinter dein Pseudonym Isegrim zu suchen wäre. Nun, nach meiner KcnutuiS haben selbst ein paar Dutzend meiner engsten Fraktions- kollegcn nicht gewußt, daß der lammfromme Schippel sich bis zu einem solchen„isegriuischcn" Menschen durchmausern konnte. (Heiterkeit.) Keiner von uns hat gewußt, daß hinter diesem Pseudonym unser Kollege Sckippcl steht. Da ist doch Heine ganz anders ver- fahren; er ist öffentlich aufgetreten und hat das. was er aussprach. mit seinem Namen gedeckt.(Sehr richtig!) Aber daß ein Genosse, der eine Vertrauensstellung in der Partei einnimmt, anderen Genossen Pseudonym in' den Rücken fällt, das habe ich in unserer Partei glücklicherweise noch nicht erlebt, und ich habe doch auch schon lange Jahre in unseren Reihe» gekämpft. Dein Genossen Heine ist ja in Stuttgart der Text gelesen worden, über ihn will ich mich also nicht mehr aufhalten. Was aber Schippel betrifft, so kann ich nur sagen:. Ich habe im vorigen Jahre, als uns die Flottenvorlage unterbreitet wurde, mir den bekannten Pastor Naumann angehört, und dieser hat alles daS, was Schippel gestern ausgeführt hat. noch weit besser ansgeführt. (Sehr gut!) So gut, so gründlich ivic Pastor Naumann, hat Schippe! gar nicht gesprochen. Ich behaupte: Wenn Schippel nicht unter einem Pseudonym geschrieben hätte, so hätte er überhaupt nicht schreiben können.(Sehr richtig!) Und kommt denn bei der Frage„Miliz oder stehendes Heer" nur der Geldpunkt in Betracht? Weiß Schippel denn nicht, daß das Geld erst in letzter Linie hier für uns bestinimend ist? Wer als junger Mann ins Heer eintritt, hinter wen sich einmal die Kasernenthore geschlossen haben, der findet mit eisernem Griffel eingeschrieben: Du hast jeden Befehl auf der Stelle ohne Widerrede, ohne eine Miene zu verziehen, zu erfüllen. (Sehr richtig I) Wir müssen die Blüte der Nation schützen, sie muß der Produktion erhalten bleiben. Wir haben stets» zur Genüge bc- wiesen, daß wir nicht ausschließlich nach den Kosten fragen. Ist Bebel nicht stets für die Beseitigung der Auswüchse des Militarismus eingetreten?(Sehr richtig.) Hat er nicht das warme Abendbrot stets für die Soldaten gefordert, das doch auch Geld kostet? Es ist Pflicht eines Socialdemokraten, dafür zu sorgen, daß die jungen Leute, die ins Heer treten, dagegen geschützt werden, daß sie nicht zuviel Schaden an Leib und Seele leiden. �(Beifall.) Wir können nicht begreifen, wie Schippel dazu kommen konnte, einen derartigen Artikel zu schreiben. Wir haben ja den Genossen Schippel kennen gelernt. Einst war er, der Radikale, unsere Hoffnung(Heiterkeit), dann war er der geistige Inspirator der Be- wegung der Unabhängigen.(Sehr richtig!)' Parteigenossen l Wer sich soweit durchgemauiert hat, der mausert sich noch weiter. Nau- mann und Konsorten haben denn auch schon ihre hellste Freude an ihrem Zukunftsgenossen Schippel I(Heiterkeit.) Wolfgang Heine: Parteigenossen l Ich will Ihnen nicht einen langen Vortrag über das Milizwesen halten, denn ich selber verstehe von der Sache nichts. Ich habe ja meine Militärzeit gedient, bin aber in meiner unteren Charge mcht in der Lage gewesen, so tief in die Geheimnisse der Kriegswissenschaft und der Heeresleitung einzudringen, um mir auS eigener Erfahrung ein praktisches Urteil zu bilden. Ich habe zweitens auch diesen Sommer nicht Gelegenheit gehabt, die Schriften unserer Kriegstheoretiker Schippel und Kautsky zu lesen; diese müssen also die Sache unter sich ausmachen. Gestern habe ich mich mit Erstaunen auch auf dem Armensünder- bänkchen gefunden; beinahe wäre ich schon vorher abgereist gewesen. Nun könnte ich mich ja vielleicht auf den Standpunkt stellen, die ganze Sache ist vorige? Jahr in Stuttgart schon abgehandelt und abgeurteilt worden nach allen Regeln der Kunst. Als Rachegöttinnen sind mir ja da die Damen Luxemburg und Zetkin entgegen- getreten und haben daS Schwert der Justiz geschwungen und, wie wenigstens Frau Zetkin in der„Gleichheit" behauptet hat, haben sie auch einen vollen unbestrittenen Sieg errungen.(Heiterkeit.) Ich glaube, diese Diskussion in Stuttgart, der ich mit den Dame» ausgesetzt war, wäre doch Strafe genug für mich gewesen.(Heiterkeit.) Aber wie lange soll die Geschichte weiter gehen?(Sehr wahr I) Schließlich kann ich ja dem Referenten dankbar sein, daß ich Gelegenheit erhalten habe, noch einmal der Legendenbildung entgegen zu treten, gegen die ich mich schon in Stuttgart verwahren mußte. Trotz aller Er- klärrmgen ist man in gewissen Organen und Versammlungen dabei geblieben: Der Heine hat Kanonen gegen Volksrechte geben wollen!� Das ist richtig, aber eS ist verschwiegen worden, daß ich habe: �Dieier Regierung und unter den heutigen Um ständen nie einen Mann und einen Groschen und daß wahrscheinlich auch für die nächsten Generationen nicht diese Lage eintreten werde. Und da dieS verschwiegen wurde, da war natürlich in der Partei der kleinste DachS klug genug, über dieses dumme Luder von einem ReichStagS-Abgeordneten seine Witze zu machen, dernicht einmal weiß, daß man Kanonen auch gegen das Volk gebrauchen könne. Da haben wir immer diese Roulade gehabt: Heine-Schippel, Schippel-Auer, Bernsteiu-Heine usw.,(Heiterkeit.) mit Varianten, die niich an das Lied erinnerten: Wenn der Mops mit der Wurst über den Rinn- stein springt!(Heiterkeit.) Nur bin ich ja als Jüngster und Un- erfahrenster in gute Gesellschaft geraten. Der Referent ist durch loyale Verlesung dessen, was ich gesagt habe, der Legenbildung entgegen getreten. Bei der Stelle: Kanonen gegen Volksrechte, rief jemand: Hört! hört! Warum hat denn dieler Herr mit dem großen Stimmorgan nicht hört I hört I gerufen, als ich dann die Zusätze machte, auf die eS ankommt, daß man nichts bewilligen dürfe, was unserem Ziele, der Fortbildung des heutigen ArmeesystemS zur Volksbewaffuuua und zur Miliz entgegenwirken würde, und alle meine weiteren AuSfichrungen, die, ich denke, deutlich genug waren, so z. B., daß ich nur»ine solche Kompensationspolitik für zulässig erklärte, bei der es ausgeschlossen ist, daß sie zum Verrat der Principien und Ideale wird. Da war er still, da hat er nicht hört! hört! gerufen(hört! hörtl) und in dieser einseitigen Betonung der einen Stelle sehe ich wieder den Versuch dieses guten Freundes, die Legendenbildung fortzusetzen. Auf die Frage der Kompcnsationspolittk gehe ich nicht ein, die hat mit der heutigen Debatte gar nichts zu thun. Kompensations- Politik können wir auf allen Gebieten treiben, thun es auch; wir haben gestern«ine Resolutton angenommen, die das sanktioniert. (Sehr gut.) Nun hat Frau Rosa Luxemburg gesagt-» ach, ich will diesen Punkt streichen; es lohnt sich nicht I Es ist die Frage aufgeworfen: wenn die Frage akademisch ist, weshalb hast Du sie erörtert?(Sehr richtig!) Ich gebe durchaus zu, es war eine völlig unnötige Erörterung in jener Versammlung (hört, hört!), und ich selber würde ein TadclSvotum gegen mich beantragen, wenn ich sie mutwillig oder auch nur aus' Ungeschick an- geregt hätte. Aber auch darüber giebt nwine Rede Auskunft:„Ich habe mich nur dagegen wenden wollen, daß man grundsätzlich eine solche Politik für unzulässig erklärt und bei jeder Andeutung einer solchen Möglichkeit über Priucipicnverrat schreit." Und da muß ich Ihnen erzählen, wie ich zu der Sache gekoumien bin. Man bot mir die Kandidatur im dritte» Berliner Reichstags- Wahlkreise an; es kamen einige Delegierte der Genossen und schlugen sie nur vor. Ich hatte zwei Tage' vorher in den Zeitungen die Rede gelesen, die in einer Versammlung dieses Wahlkreises aus Anlaß der Hamburger Diskussion in einer höchst unangemessenen Form Auer angriff. Ich kannte die Verhältnisse im dritten Wahlkreise nicht und glaubte, der betreffende Herr drückte die Stimmung der Genossen ans; und als die Genossen zn mir kamen, da sagte ich:.Nein, ich bin nicht Euer Mann. Das und da-Z hat in den Zeitungen gestanden, und ich muß Euch sagen, daß ich voll- ständig Auer zustimme. Außerdem ist dieser persönlich gehässige Ton mir so zmvider, daß ich glaube, wir werden uns nicht mit- einander vertragen." Ich habe' ihnen aber auch gesagt, waaun ich dem Auerschen Standpunkt nahe stehe. Und' Vertrauen gegen Vertrauen, habe ich ihnen unter vier Augen meine Meinung über einige Punkte gesagt, damit wir uns gegenseitig kennen lernen. Desivegcn wird mich kein Mensch tadeln.' Es ver- gingen Monate, ich erfuhr, daß man von nicincr Kandidatur absehe, und keiner war froher als ich; denn ich hasse solche Erörterungen, die zu gar nichts führen. Dann wurde mir mitgeteilt, daß ich kandidieren solle. Kein Mensch hatte mir gesagt, daß plötzlich der Versuch gemacht worden sei, einen Geivisscnsschä'rfer der Partei mir entgegenzustellen und meiner Kandidatur ein Bein zu stelle». Hätte ich das gewußt, dann hätte ich gesagt: bitte, wenn ihr nicht einig seid, dann danke ich dafür! Nun wurde die Frage an mich gerichtet, wie ich zum Mili tariSmus stehe. Was hatte diese Frage für einen Zweck? Der Fraktionsgcnosse, der sie stellte, kannte nieine Stellung. Er fragte also nicht' aus Wißbegier, sondern um mir ein Bein zu stellen(Zu- ruf: und selbst geivählt zu werden!>— nein, bitte, es war nicht mein Gegenkandidat Lcdebour, und ich weiß auch nicht, ob er die Hand mit im Spiele hatte. Nun will ich den Genossen— und darauf bitte ich ganz genau zu achten— durchaus nicht das Recht bestreiten, solche Fragen an die Kandidaten zu stellen; Ivo kämen wir hin, wenn wir sie nicht auf Herz und Nieren prüfen wollten. Aber das muß ich doch sagen: wer die Frage unter solchen Umständen und an solchem Orte stellte, übernimmt dann auch die Verantwortung für die Folgen.(Sehr richtig!) Denn daß, tvenn gefragt wird, auch geantwortet iverden muß, ist selbstverständlich. Also, wenn diese durchaus unnütze Diskussion in die Wege geleitet ist, trage nicht ich die Schuld. Der Fragesteller hat sein Recht ausgeübt; aber Ivcnn daS für die Partei schädlich ist, weshalb schwieg er nicht? Ich hätte ja allerdings erklären können: auf eine solche Frage antworte ich nicht, die Diskussion ist schädlich, deshalb ziehe ich die Kandidatur zurück! Das wäre rücksichtslos gegen die Mehrheit der Genossen des Wahlkreises gewesen, die mich aufgestellt hatten, und dann, in Ivelches Licht wäre ich gckonimen! Da mußten doch die Leute sagen: was mutz der Heine für Ansichten haben, daß er es nicht wagt, sie laut werden zn lassen I(Sehr richtig!) Und darüber brauche ich nicht erst zn reden: Lügen oder Vertuschen oder Verschleiern ist bei mir vollkommen anSgeschlossen, ivas ich gesagt habe, habe ich gesagt und dazu bekenne ich mich I(Beifall.) Und wenn in der Zeitung von mir gestanden hat: Das ist immer die Manier, hinterher zu rufen, man sei mißverstanden worden— nein, ich bin nicht mißverstanden worden; Ivogegen ich mich venvahrt habe, sind geflissentliche Verdrehungen und Unterstellungen, wie sie von gewisser Seite erfolgt sind, und dagegen verwahre ich mich auch heute. Ich habe also meine Meinung gesagt, und die Genossen dcS dritten Wahlkreises haben mich nicht' mißverstanden; mit ungeheurer Majorität ivurde meine Kandidatur beschlossen. Mir wäre eS ganz lieb gewesen, wenn es nicht der Fall gelvesen wäre. Ich hatte noch an dem Abend Lcdebour versprochen: wenn Sie aufgestellt werden, bin ich der eifrigste, der für Ihre Kandidatur wirkt; er versprach es mir auch.(Große Heiterkeit.) Ich rekapituliere folgendes: Entstanden ist diese ganze Erörterung dadurch, daß ich unter vier Augen zn de» Genossen, die mir ihr Vertrauen schenkten, vertrauliche Acußerungen gethan habe, die e»t- sprunaen sind dem Grimm über die Intoleranz und die Hetze, die hier m der Partei bei jeder Gelegenheit getrieben wird, wenn einer einmal ctivas sagt, was ihn« wider die Schnur ist, in«xocio der Empörung über die Hetze gegen Auer. Als dann die Erklärung kam, da wußte ich, daß ich sofort eine ebensolche Hetze gegen mich entfesselte. Aber ich habe mir gesagt: eS giebt Leute, die bedürfen der Entriiftnng als einer notwendige» Motion für ihre Verdauung und ihr persönliches Wohlbefinden. (Heiterkeit.) Aber von den Vertretern der Gesamtpartei verlange und erivarte ich, daß sie dafür sorgen, daß diese Hetze jetzt endlich zur Ruhe kommt(Lebhaste Zustimmung) und daß sie mich beurteilen nach»leinen Leistungen für die Partei, zu denen ich ja bisher wenig Gelegenheit gehabt' habe. Ich verlange ja keine Resolution; aber geben Sie dem endlich einmal Ausdruck, daß diese Art und Weise, wie diese geist- und gedankenlose Hetze immer Iveiter geht, rein auS Freude am Skandal, ein Ende nimmt; sagen Sie es mit der nötigen Deutlichkeit. Es ist Sache der Gcsamtpnrtei, denen, die es angeht, die Wege zu weisen.(Lebhafter Beifall.) Ledebour: Parteigenossen! Zu meinem großen Bedauern hat Genosse Heine genau so wie vorher diejenigen, die mit ihm sind, abermals de» Ton der persönlichen Insinuation und Beleidigung angeschlagen. (Unruhe.) Ich konstatiere zunächst, daß er mn das Doppelte die Redezeit überschritten hat. Ich bin gleichfalls zu längeren Aus- führungen genötigt. Heine hat den Eindruck hervorzurufen � ver« landen, als hätte ich ihm einen schönen Streich gespielt und Knüppel zwischen die Beine gelvorfen. Ich habe in jener Versammlung des dritten Wahlkreises erklärt, daß ich jeden Kandidaten unterstützen würde, der hier aufgestellt werde. Es war noch ein dritter Kandidat, Börner, vorhanden.' Und ein Anhänger Börners, nicht ein Freund von mir, hat die betr. Frage an Heine gestellt. Heine aber auch hier wieder die versteckte Insinuation ausgesprochen und so geredet, daß es hcrausklang, als ob ich die Hand im Spiel hätte. Ich habe mein Versprechen gehalten. Ich habe in der ersten Wählerversammluug daS Referat übernommen, und der Vertrauensmann des dritten Wahlkreises hat mir selber erklärt, er hätte nicht geglaubt, daß ich das Referat übcrnchnien würde. Ich habe in diesem Referat jedwede Berührung der Frage vermieden und nicht im geringste» irgend eine Meinungsdifiercuz zwischen uns betont. Heine selber hat in der Diskussion ausdrücklich erklärt, er sei mit allem einverstanden. waS ich gesagt habe.(Hört! hört 1) Hier aber sagt er in einer ironischen Wendung, ich hätte mein Versprechen nicht gehalten. Es ist schlimm genug, daß man sich gegen solche versteckten Insinuationen wenden muß.'(Oh! Oh!) Wenn jener Parteigenosse im dritten Wahlkreise die Frage an Heine gerichtet hat, so war es sein gutes Recht. Unruhe. Rufe: Zur Sache! Zur Sache!) Heine hat das hier vorgebracht: soll es mir da unterbunden werden, darauf einzugehen? Die Parteigenossen müssen wissen, wie der Kandidat über alle wichtigen Fragen denkt.(Sehr richtig!) Es ist eine direkte Ver« kennung des Verhältnisses, in dem der Kandidat den Wählern gegenüber steht, wenn Heine sich beschwert fühlt, daß solche Fragen an ihn gestellt worden sind. Ich muß das Urteil darüber der Versammlung überlassen.(Unruhe.) Eine solche niedrige Art und Weise, wie Heine hier polemisiert hat, wie er von„Mops" und„Spucknapf" geredet hat. hat noch niemand auf einem Parteitage vorgebracht.(Große Unruhe.) Schippel hat gestern hier die „Sächsische Arbeiter-Zeitung" und einen Artikel daraus erwähnt. Ich mutz mich schuldig bekeime». daß ich mich auch einen Augenblick habe täuschen lassen und geglaubt habe, Schippel habe wirklich den Beweis geliefert, den er liefern wollte. Er hatte darauf hingewiesen, daß das allgemeine Stimmrecht als Korrelat die allgemeine Wehr- Pflicht fordere. Daraus schließt er dann, daß auch die Frauen zur Landesverteidigung verpflichtet sein müßten. Dann erregte er damit die Heiterkeit, daß er zum Beweise dafür, daß solche Schlußfolgerung.» wirklich gezogen sind, aus der„Sächsischen Arbeiter-Zeitung" er sprach von unserem revolutionären Organ— eine Stelle anführte, die angeblich das beweisen sollte. Da dieses Citat aus einer Zeit stamnit, wo ich noch nicht Redacteur der Zeitung war, und ich des- halb die Stelle nicht kannte, ließ ich mich dazu verleiten,„« glauben, daß sie wirklich das beweise, ivaS Schippel damit beweise» wollte, daß nämlich darin die Anregung enthalten sei, auch die Frauen zur Landesverteidigung zu verpflichten. Das wäre natürlich ein Unsinn und ich verwahrte mich durch einen Zwischenruf dagegen, solche Ansichten zu teilen. Nach Einsicht in daS Citat sah ich, daß eS ganz etwas anderes sagte, nämlich iveiter nichts, als daß sich auch junge Mädchen in den Waffen üben könnten. DaS ist ganz etwas anderes als ihnen die Landesvertcidigungs-Pflicht aufzuerlegen.(Sehr richtig!) Ich komme nun zu anderen Ausführungen SchippelS. Seine ganze Taktik war, den Glauben zu erwecken, daß das, IvaS er ausgeführt hatte, thatsächlich den augenblicklichen Anschauungen der Partei entspreche. Nichts ist unrichtiger als gerade das.(Sehr richtig!) Er hat in seiner Rede vielmehr den Beweis geliefert, wie vollständig er abgewichen ist von den Anschauungen und Empfindungen der Partei.(Sehr richtjg.) Als er von Angriffskriegen sprach, da geriet er bei der Schilderung der Gefahren, die dem deutschen Volke drohen, in eine so warme Begeisterung, daß ich unwillkürch erinnert wurde an die Septemberflugb'lätter. Es fehlte nur noch der Kosai., der die letzte Kuh aus dem Stall herausgeführt, und d.r Zuave der das Kind aufspießt.(Sehr richtig. Unruhe.) Das war die Stimmung, die die Schippelsche Rede beherrscht. Als Beweis dafür, wie es mit Angriffskriegen steht, weise ich auf Transvaal hin. Niemand wird im Ziveifel sein, daß es seit Menschengedenken reinen brutaleren und empörenderen AngriffSkrigkricg gegeben hat, als dieser Krieg der Engländer gegen die Boeren. (Sehr richtig!) Taktisch genommen, handelt es sich aber um einen Angriffskrieg der Boeren gegen die Engländer; die Boeren gaben auch den Krieg erklärt, während sie in Wirklichkeit die Angegriffenen sind. Weiter aber wird dort uuten der Beweis geliefert, daß auch ein Milizheer zum Angriffskriege übergehen kann. Und im Boeren- kriege wird sich ja auch zeigen, wie sich Miliztruppen schlagen verstehen. Schippel suchte zu betveisen, daß seine Anschauungen immer schon in der Partei vertreten worden seien. Da kann ich ihm einen Gegenzeugen aufweisen, Richard Fischer, der inr zweiten Wahlkreise gesagt hat: Jawohl, ivas Schippel gesagt hat, sind neue Ideen, woran sich die Partei ebenso gewöhnen toird, wie an die Beteiligung bei den preußischen LandtagSwahlen. Bebel: In seiner Rede hat Geyer Schippel dahin apostrophiert, daß er sagte: Wenn ich— Geyer— in einer so beleidigenden und herab- setzenden Weife mich über die Gcsamtpartei ausgesprochen hält�, ivie Sie es in Ihrem Artikel in den„Soc. Mon." gethan, so würde ich — Geyer— mich fragen, ob ich»och ferner einer solchen Partei angehören könne. Darauf hat Schippel erklärt, es sei unwahr, daß er die Partei angegriffen habe, er habe nur einen Schriftsteller der Partei angegriffen. Insoweit Schippel behauptet, er habe die Partei nicht angegriffen, ist diese Erklärung eine Unwahrheit. Ich er« laude mir, Ihnen kurz den betreffenden Satz vorzulesen, ivcil auch das charakteristisch ist für die Kampfesw�ise SchippelS in einem Moment, wo er wahrhaftig alles andere, thun sollt?, als mit eherner Stirn hier aufzutreten. Es heißt in dem Artikel: „In ihrer allgemeinen Auffassung des Militarismus"— ich spreche nicht von parlamentarischer und agitatorischer Bekämpfung konkreter militärischer Forderungen— hat die Socialdemokratie noch immer sehr viel Achnlichkeit init jenen sonderbaren Schwärmern, die mit einem Male entdeckt haben, daß an Stelle des wild.a, verrohende» Flcischgennsscs der Vergangenheit in Zukunft die zahme vegetabilische Breinahrung den Menschen nicht bloß körperlich erhalten, sondem auch in jeder Beziehung veredeln müsse— oder die alle medizinischen Greuel und Scheucl in endlos riefelndem Wasser zn ersäufen trachten, die im Impfzwang den Ruin der Völker �sehe«, und denen selbst Bacchus und GambrinuS nur giftniischcrischc Scheu- sale sind. Hier wie dort dieselbe verblüffende Kritiklosigkeit, aber auch derselbe heilige Eifer, halbwnhre und halbvcrdaute Schlag- Worte sofort zu einem System aufzubauen, das alle Wahrheit umschließt und alles Heil bringt, und gegen das mir unverbesserliche Barbaren und Schivachköp'se ankämpfen können." So lange ich denken kann, ist niemals von einem innerhalb einer Partei stehenden Manne eine solche Schmähung und Beleidigung gegen die Gesamt- Partei in einer bestimmten Frage ausgesprochen.(Sehr wahr!) Allerdings, wie die Partei darüber denkt, was sie thun ivill, das ist ihre Sache. Weiter hat Schippel auch gegen einen Parteischriftstellcr einen Angriff gerichtet. Er schreibt:„Hier Ivic dort derselbe Glaube au die gravierenden„Fälle", mit denen alles Wissen und Können der Gegner ein für allemal vor dem höchsten Richterstuhl der Vernunft und der Geschichte zermalmend verurteilt ist. Selbst der Ton, in dem die neue Auflage des alten Bürgcrgardisten-Jdeals vom militärischen Fachmann spricht, könne gewöhnlich kaum überboten werden durch die Mischung von gnädiger moralischer Herab- lassnng und vernichtender geistiger Ueberlegenheit, nnt der der rosig verklärte Wasscrapostel das finstere Scheusal von ärztlichem Fachmann in die Wolfsschlncht hinabschleudert." Dieser Artikel ist Pseudonym erschienen, Schippel hat nicht gewagt, seinen Namen darunter zu setze», und Zubeil hat mit Recht betont, daß er unter seinem Namen den Artikel garnicht hätte schreiben können, weil er gewiß war, daß derselbe einen Sturm der Entrüstung hervorrufen würde. Die Sache ist in der Fraktion zur Sprache gekommen, Schippel hat zugegeben, daß ich mit dem Parteischriftstellcr gemeint war, aber er hat in der Oesientlichkeit kein Wort der Entschuldigung gehabt, um diese schmählichen und erbärmlichen Beleidigungen gegen mich zurückzunehmen. Mehr noch! Gestern, al»> ihn Geyer auf diese Art der gemeinen AuSdrnckswcise ,-est- nagelte, da ist er— was er doch thun müßte, wenn er auch nur einen Funken Moral im Leib hätte— nicht dazu übergegangen. sich wegen der Form zu entschuldige», sondern er hat gesagt: Es ist wahr, daß ich in diesem Ton geschrieben habe, aber da" gehört ja bei u»S zum täglichen Brot, das ist bei unS Gewohnheit. Eine solche Behauptung, die abermals wieder eine schlvere Beleidc- gung der Partei ist, ist mir noch niemals vorgekommen. Nachdem ch Ihnen gesagt haben werde, was das für ei» Mann ist, der mich in so herabwürdigender Weise angreift, werden Sie es verständlich inden, daß ich für einen solchen Menschen nichts als die tiefste Ler> achtnng empfinde.(Unruhe.) Schippel sagt, jeder Fraktionskollegc habe gewußt, wer hinter der Pseudonymität stecke. Znbeil hat chon nachgewiesen, daß daS unrichtig ist. Ich selbst hatte einen anderen Berliner Fraltionskollcgcn, der ebenfalls hier in die Debatte gezogen ist, in Verdachst der Attentäter zu sein. Ich habe Kautsky gegenüber einen Verdacht geäußert. Der aber sagte: da' ist der ganzen Form des Artikels nach völlig uusgcschloffcn. Am nächsten' Tage kam dann Kautsky und sagte: Jetzt weiß ichs, Mehring hat mich darauf aufmerksam gemacht, daß es Schippel ist. Selbst die„Sociale Praxis" hat erklärt, dies sei der schwerste und im- crhörteste Angriff, der jemals innerhalb der Partei gegen die Parter laut geworden sei. Nun, die moralische Beurteilung eines solchen Mannes, der so verfährt wie Schippel, überlasse ich ruhig der Oeffentlichkcit. Cchippcl rjnt, wie Geyer nachIcwicsen, insofern eine Fälschung uegmigeii, als er die entscheidende» Stellen von Eiigcl-Z unterschlug. Jeder andere, dem ein so schwerer Vorwurf gemacht luird, hätte nach- Knivciscfi versucht, das; man ihm unrecht thut. Schippe! hat im Gegenteil »ach der Natur des Tintenfisches cS vorgezogen, möglichst viel trübes Wasser darum zu machen. Ilm um die Sache herumzukommen, hat er uns erzählt, was siir tiefe Studien er gemacht habe, den Vorwurf der Fälschung aber hat er nicht zuriickoeivicscn. Kautsky hat in der „Neuen Zeit" so konkludent nachgewiesen, dasj Schippe! auch au anderer Stelle den toten Engels zn dessen Schade» mißbraucht habe, daß ich überhaupt nicht begreife, Ivie Schippe! noch.tiautsky gegenüber- treten kann. ohne rot zu werden,(llnnihe.) In diesem Jahre ist Schippe! dreimal nachgewiesen, daß er tendenzivserweisc falsch citicrt. In Stuttgart hat er uns erzählt, daß Engels Anhänger des Schutzzolls war. KautSky hat ihm nachgeiviescu, daß das gerade Gegenteil der Fall ist. Die zweite Fälschung beging er in der Milizfrage, und die dritte Mehring gegenüber� in der Frage de-S Koalitionsrechts. Er führte, Uni Mehrung zu wicdcrlegcn, Eitatc aus dessen Partcigcschichtc auf, und Mehring bewies, daß die Citatc gefälscht waren. Es war nötig, dies einmal zur Charaktcristerung der Kampfesweise von Schipp elanzuführen. Und die 13jährige Zugehörigkeit Schippels zur Partei giebt noch inebr als ein Beispiel dafür. � Nun zu den sächlichen Ausführungen. Nachdem Heine heute wiederholt in der nachdrücklichsten Weise erklärt hat. daß er auf dem Boden unseres Programms steht, daß er die Miliz für notwendig die Jugcndcrzichnng zur Wehrpflicht für vortrefflich hält und daß im übrigen die seiner Zeit gepflogenen Erörterungen mehr auf Ungeschicklichkeit als auf böser Absicht bestanden haben, da wäre es doch im höchsten Grade illoyal, wollte man auch nur noch ein Wort gegen Heine in Bezug auf seine priiieipielle Haltung zur Militärfrage sagen. jSchr richtig!) Selbst bei den verbissensten Gegnern herrscht heute kein Zweifel mehr darüber, daß er auf dem Boden unseres Programm« steht. Anders mit Schippel. Er hat ja gestern in einer mich überraschenden Deutlichkeit selbst erklärt, daß er nicht auf dem Boden von Punkt 3 des Programms steht, er hat das Milizshstem als eine Art Bogel- scheuche dargestellt, als etivaS Unausführbares. Er hat nachzuweisen gesucht, daß Milizheere zur Verteidigung des Vaterlandes nicht aus- reichen: da wir aber auch das Vaterland verteidigen wollen, so hätte er ganz logisch folgern niüssen: Wenn von unserem Standpunkt ans die Verteidigung des Vaterlandes nur noch in der Form der stehenden Heere stattstnden kann, so müssen wir logisch für alle Militär- sordermige» stimmen, die mit dem Hinweis darauf begründet werden, daß die Verteidigung des Vaterlandes es möglich, nacht. Das ist doch so logisch wie etwas. - Ic'bcr bei der Kürze der Zeit außerstande, auf die fast che Darstcllimg Schippels über das Milizsystem einzugehen. Nieniand in der Partei hat doch bisher die Absicht gehabt, daS schweizerische Milizsystem zu acceptieren. Aber das Wesen der Miliz haben wir anerkannt. Wir fordern das Milizsystcm von, Klassen- kampfstandpunkt, vom demokratischen Standpunkt aus.(Sehr richtig!) Es wäre, wenn wir ein wirklich demokratisches Heerwesen hätten, in Deutschland ganz unmöglich, daß eine Umsturzvorlage, eine Zuchthausvorlage, Wahlentrechtungen, Staatsstreichdrohnngeu kamen.(Sehr richtig!) Das Volk mit der Waffe in der Hand wäre sein eigener Herr, und wollte man es tvagen, ihni seine angeborenen Rechte zu nehmen, so wurde es mit der in seiner Hand bcfindlichcii Waffe die Antwort geben. Daun wäre es nicht möglich, daß, wie es in der Resolution heißt,„das stehende Heerwesen nach seiner ganzen Eutwicklung und Organisation daS vornehmste Machtmittel zur Aufrcchterhaltung und Befestigung der Klassenherrschaft ist; eine Hauptstütze siir alle Volks- und arbeiter- femdkichen Bestrebungei,; eine Einrichtung, die nur durch die schiverc», stets wachsenden und ungerecht verteilten Opfer an Gut und Blut möglich ist. welche die herrschende Gesellschaft besonders den arbeitenden Klassen auferlegt." Dieser einzig richtige demokratisch-socialistische Standpunkt, den wir als Älasscnpartei dem Milizsystcm gegenüber cinnchmen iiiüsse», Hot in den ganzen Ausführungen und in der Rede Schippels keine Rolle gespielt, und er hat ihn mit vollem Recht beiseite gelassen, Iveil er nur mit Beiscitesctzung dieses Gesichtspunktes dafür eintreten tonnte, daß einzig und allein auf dem Boden der bestehenden Heeres Verfassung die Durchführung der Verteidigung des Vaterlandes möglich ist. Wir sollen an unsere Feinde die»nsiuuige Zumutimg stellen, die Armee in dem Sinne zu reformieren, daß sie aus einem Werkzeug für sie ein Werkzeug gegen sie werden soll!(Glocke des Präsidenten. Die Redezeit ist abgelaufen.) Also nach diesen Ausführungen ist in Bezug aus Schippels Stellung zu Punkt 3 deS Programms kein Ziveisel mehr möglich.(Beifall.) Es liegen sechs Anträge auf Schluß der Debatte vor. Adolf Soffmaiin-Bcrlin bittet, den Schluß der Debatte abzu lehnen, damit noch Kautsky zu Worte komme. Er selbst habe Kautsky feinen Platz in der Rednerliste eingeräumt. Die Debatte wird geschlossen. Es folgen persönliche Bemerkungen. Wurm-Berlin: Iveiß also nicht, daß daS in der Schweiz schon längst durch- geführt ist, und zwar in einer Weise, deren Wirksamkeit von nicniaiidcm mehr bestritten ivird. Schippel hat also hier etwas behauptet, was geradezu lächerlich ist. Ich gebe zu, daß ich nicht das Recht gehabt hätte, in einer kriegslviffciischaftlichcu Frage das Wort zu ergreifen. Aber handelte es sich denn in jenem Artikel von I Schippel um eine kricgswissenschaftliche Frage? Nein, der Artikel handelte davon, ob Engels milizgläubisch war, und darüber zu urteilen bin ich mindestens so kompetent wie Schippel. Wenn den noch Schippel behauptet, ich sei so leichtfertig, über Dinge zusprechen, von denen ich nichts verstehe, so gehört dazu eine geradezu eiserne Stirn. Ich habe in meinen Artikeln die schärfsten Tone angeschlagen, aber ich halte alles vollkommen aufrecht. Stubbe-Eimsbiittel: Schippel ist auf meine Rede in Eimsbüttel zu sprechen ge kommen und hat dieselbe entstellt wiedergegeben. Ich habe da nichts von eineni„gegnerischen Blatt" gesagt.(Schippel: Habe ich auch nicht behauptet.) David: Sowohl die Darstellung Schippels als die Wurms über das Schicksal meines Antrages sind unrichtig. Der Antrag ist der Fraktion zur Erwägung überwiesen. Damit hat der Parteitag an- erkannt, daß ein berechtigter Kem darin liegt. Daß ihn der Vov stand auch erivogen hat,' geht ja aus dem Bericht des Vorstandes hervor. Frau Zetkin: So energisch ich neulich den Vorwurf zurückgelviesen habe, als hätte ich den Ausschluß von Genoffcn befiirivortet, so bereit bin ich. einzugestehen, daß ich in dem Satz, den Auer gegen mich citiert hat, unrecht gehabt habe. In der Fassung sind meine Gedanken nicht richtig iviedergegeben. Ich war infolge eines Augenleidens ge zwungen, zu diktiere», daran bin ich nicht gewöhnt, und so ist mir der Lapsus unterlaufen. Hätte Auer in der ihm eigenen Art mir geschrieben:„Du hast da eine Eselei oder eine Perfidie geübt", so wäre ich die erste gewesen, die die Behauptung zurückgenommen hätte, da ich keincstvegs das feige, hinterlistige Frauenzimmer bin. Meine Auffassung war die, daß der von Schippel' und Auer in Hamburg eingenommene Standpunkt die Konsequenz»ach sich ziehen müßte, für die Be- willigung von Kanonen cinzutrcteu. Das wollte ich sagen. Schippel hat mir weiter vorgeworfen, ich solle doch endlich lernen, ernste Fragen ernst zu behandeln. Nun, meiner Ansicht nach ist Schippel die ungeeignetste Persönlichkeit, so etwas auszusprechen. Ich erinnere nur an seine Schwenkung in der Agrarfrage in Breslau, die ich nichl ernst genommen habe.(Beifall.) Auer: Nach der Erklärung der Genossin Zetkin haben meine Angriffe ihren Ilutergnlnd verloren. Ich kann nur bedauern, daß es auch in diesem Jahre durch die bekannten„Mißverständnisse" wieder zu solchen Auseinandersetzungen gekommen ist. Schippcl-Berlin: Parteigenossen I Da sind wir ja nun wieder glücklich bei de» Lünimeln und Buben angelangt: es liegt mir aber fern, den Spuren Kautskhs darin auch nur errötend zu folgen. Ich Ivill mich lieber auf einige möglichst kurze, thatsächliche Bemerkungen be- schränken. Fälschungen, Entstellungen und Lugen sind mir aufgc tischt worden. Wie das so kommt, dafür ist Genosse Stnbbe ein klassisches Beispiel. Ich habe nur vorgelesen, was er nach dem Be richt des„Hamburger Echo" gesagt hat. Trotzdem bezieht er Be merkungen, die ich Zubeil gegenüber gethan habe, auf sich und klagt mich der Fälschung an. Auch Genosse Kautsky hat behauptet, ich Hütte gefälscht. Es handelt sich um folgendes Citat aus Engels:„Internationale zweijährige Dienst zeit... allniähliche weitere Herabsetznng— sage zunächst auf acht' zehn Monate, zwei Sommer und ein Winter— dann ein Jahr dann...? Hier fängt der Zukunflsstaat an. das unverfälschte Milizsystem, und davon wollen wir iveiter reden, wenn die Sache erst wirklich in Gang gebracht ist." Zivische» den einzelnen Teilen dieses Satzes sind Punkte. Dadurch wird in der Mathematik eine Periode angegeben, die sich fortsetzt. Demgemäß habe ich die Stelle aufgefaßt. Ich gebe zu, daß diese Aiiffassung strittig sein kann, aber man darf mir doch nicht unterstellen, daß ich fälsche, daß ich etivas sage, was ich nicht meinen»»d glauben kann. Auch Wunn hat die Andentung einer .Neuen Zeit" citiert, daß Schippel hat gesagt, ich hätte auf dem vorigen Parteitag als Referent mit meinen Ausführungen Unglück gehabt, insofern, als ich für daS Milizsystem eintrat und der' Antrag David i», Gegensatz dazu zur Annahme gelangte. Das ist unrichtig. Der Antrag ist nicht angenommen, sondern der Fraktion als Material überwiesen worden. Sie wissen ja, was für ein bedeutender Unterschied da- zwischen ist, ob ein Antrag angenommen oder der Fraktion als Material überlviesen wird. Kautsky: Schippel hat gestern die Miene deS gekränkten BiedcrniannS angenommen, der von mir in der abscheulichsten Weise angegriffen ist. Er hat sich über meinen Ton ihm gegenüber und anch' darüber beschivert, daß ich, der Ignorant, in einer Frage, von der ich gar nichts verstehe, gegen ihn, der die Sachen gründlich studiert hat, das Wort ergriffen habe. Bebel hat ja bereits darauf hingewiesen, wie recht ich hatte, in der Polemik gegen Schippel die schärfsten Töne anzutvenden, die überhaupt anzmvenden sind. Schippel hat sich über den Ton beschwert. Aber wenn ich friedlich meines Weges gehe und ein Lüniniel attackiert mich und ich erwidere den Schlag, ist dann mein Schlag ebenso zu betrachten, ivie der des Angreifers? Nein, der Schlag des An- greifers ist ei» Bubenstreich,' und mein Schlag ist eine notwendige und gerechte Abivehr.(Sehr richtig!) Daß Schippel ohne jede Vcr- anlassung uns attackiert, daß er die Genossen als einen Haufen von Rarren hingestellt, sie diskreditiert hat, daß er dahinter nur hinter- listige versteckte Angriffe verborgen hat gegen den Genossen, der im Reichstage bei allen Kämpfen gegen den Militarismus im Vordergründe steht, und daß er dabei zu Fälschungen griff, das hat schon Bebel linchge- wiesen. Wenn ich das Wort in dieser Frage ergriff, so konnte ich»ur die Töne wählen, die ich gewählt habe. Aber hatte ich denn überhaupt das Recht, zu antworten? Schippel sagt ja, ich verstehe nichts da- von, ich kann nicht einmal das Abc. Nun, ich muß allerdings z» meiner' Schande gestehen, daß ich nicht aus einer Kadettenanstalt oder Offiziersschule stamme und daß ich noch nicht einen systemati- schen Militärkursus absolviert habe. Aber ich habe das Glück ge» habt, jahrelang im intimsten Verkehr mit Friedrich Engels zu stehen, von dem ja gerade Schippel behauptet, daß er eine Autorität in kriegswissenschaftlichen Fragen gewesen ist. Engels hat wenig über diese Frage geschrieben, aber in Privatgesprächen liebte er es, gerade darüber zu sprechen. Ich habe seine Ansichten über diesen Punkt gründlich kennen gelenit. Wenn es also notwendig ist, daß man einen kriegswissenschaftlichen Kursus absolviert hat, so kann ich auf den Kursus verweisen, den ich bei Engels durchgemacht habe. Schippel hat auch durch ein Citat nachzuweisen gesucht, was für ein Ignorant ich sei. Er sagt, ich hätte erklärt, die Miliz fange bei der einjährigen Dienstzeit an. Das habe nicht ich erklärt, sondern Friedrich Engels. Wenn also der, der das behauptet hat, ein Ignorant ist, so ivar Friedrich Engels ein Ignorant. Derselbe Schippel, der mich der Ignoranz beschuldigt hat, hat das„Volksversammlungs-Schlagwort":„Jeder Mann behält seine Waffe" alö Lächerlichkeit hingestellt. Dieser groß« Kriegsgelehrte älschung gemacht. Ich habe aber nach der der Mainzer Antrag in Stuttgart der Fraktion überwiesen worden sei. Thatsächlich hat sich der Parteitag auf den Staudpunkt des Antrages gestellt. Nun zu Bebel. Ich kann»ur bedauern, daß wir wieder 10 iveit gekommen sind. Diesmal hat er nicht mit der materialistischen Geschichtsaliffasjung gegen mich gearbeitet, sondern mit der Ethik und Moral. Es handelt sich bei uns beiden um Leistung und Gegenleistmig. Ich will ihm darauf nur erlvidern, daß die Stelle in meinem Artikel, die sich auf ihn bezog, nicht von dem Gefühl besonderer Achtung eingegeben war.(Unruhe.) Ich habe das nicht auf seine Person bezogen, sondern auf seine Aeußerungen. Er sagt dann weiter, ich hätte die Ansicht Engels über den Schutzzoll gefälscht. Ich weiß wirtlich nicht, was daran falsch ist, ich habe die Stelle ja von Anfang bis zu Ende in Stuttgart verlesen. Daß Engel? heute noch für Amerika den Schutzzoll predigen würde, habe ich nie gesagt, sondern nur, daß sich derselbe Standpunkt auf Deutschland anwenden lasse. Tann soll ich Mehring gefälscht haben. Worauf sich das bezieht, weiß ich überhaupt nicht, zwischen Fälschung und anderer Auffassung besteht doch ein Unterschied. Mehring hat übrigens selbst zugegeben', daß ich loyal verfahren bin. Es wär zu einem Streit in dieser Schärfe überhaupt»/....ommen, wenn wir uns nicht all- mählich daran gewöhnt halten, die Bebelsche Auffassung über Militärfragen als Auffassung der Partei zu betrachten. Bebels Schrift„Volkstvehr oder stehendes Heer" wird ja überall als Parteischrift aufgefaßt, es findet sich in der ganzen Schrift keine Stelle, die darauf schließen läßt, daß es sich nur um eine persönliche Ansicht handelt. Die Schrift ist als Parteischrist hinausgegangen, und da habe ich allerdings das Bedürfnis gehabt,'zu sagen: es giebt auch noch andere Anschauungen m der Partei. Wenn Bebel schließlich sagt, ich hätte nichts zurück- genonmien, so stimmt das nicht, denn ich habe ja, wie Sie sich er- inncrn werden, zugegeben, daß ich im Ton über die Stränge ge- schlagen bin. Aber wenn man mir nun noch in einenr ganz andern Ton' erwidert, so möchte ich fast bedauern, daß ich meinen Ton zrirückgenommen habe. Kautsky: Ich will nur Schippel gegenüber bemerken, daß mein Vorwurf der Fälschung sich nicht auf jene Stelle bezog, die er vor- gelesen hat. Ich habe nur sagen wollen, daß ich das nicht gesagt habe, sondern Engels. Bebel: Uff Ich habe geglaubt, daß Schippel sich verpflichtet fühlen würde, wenigstens noch in letzter Stunde einen Versuch zu machen, sich wegen der Beleidigungen zu entschuldigen, die er gegen mich ge- schleudert hat. ohne daß er dazu gereizt war. Er aber häuft auf eine Beleidigung eine andere. In England sagt man zu Leuten, die eS fertig bringen, in dieser Weise öffentlich auf- zutreten, sie leiden an>loraI insanity. Ich bin der gleichen Anschauung jetzt in Bezug auf Schippel. und damit ist für jeden, der die Bedeutung des Wortes kennt, das Urteil ge- sprochen. Schippel sagt, der Angriff wäre dadurch erfolgt, daß ich es liebe, meine persönlichen Anschauungen über Militärfragen als die der Partei hinzustellen und daß in meinen Schriften mit keinem Wort gesagt ist, daß es sich da um meine persön- liche Meinung handelt. Nun, Schippel ist doch selbst Schrift- steller, er muß wissen, daß man garnicht nötig hat, zu sagen, daß das, was man schreibt, seine eigenen Anschauungen sind, weil sich das von selbst versteht. Stur wenn man sagen ivill, die Ansicht ist Parteiansicht, muß das ausgesprochen werden. Und das steht in meiner Schrift nicht. Ist Schippel, wozu er das Recht hat, mit den Anschauungen nicht einverstanden, die ich bisher im Reichstage als offizieller Vertreter der Partei über Militarismus geäußert habe, so steht ihm das Recht zu, seine abweichend« Meinung zum Ausdruck zu bringen, sei eS, daß er uns in objektiver Form eines Besseren belehrt, sei es, daß er in der Fraktionssitzung fordert, daß ein anderer zum Redner bestimmt wird. Das iväro korrekt, das wäre loyal gehandelt. Aber unter dem Teckmantel der Pseudonymität in der feigsten, gemeinsten Weise einen Ehrenmann anzugreifen, ist eine Schniach, ist eine Schande für den, der es thut. (Beifall und Unruhe.) Hicriuit sind die persönlichen Bemerkungen erledigt. Das Schlußwort hat Geyer: Auer weiß so gut wie ich, daß, wenn ich seine Aeußmuigen nicht angeführt hätte, man mich wahrscheinlich der Feigheit geziehen mid gesagt hätte: An Auer Ivagt er sich nicht heran! Es ivar Pflicht der Objektivität, auch von ihm zu sprechen. Und wenn er sagt: Latz schwatzen I so sage ich, dies Gefühl der Wurstigkeit ist bei Auer nicht echt, sonst hätte er sich nicht mit solcher Schärfe gegen einen Referenten gewandt, der nur loyal seine Pflicht gethan hat. Wenn er sagt, lolche Dummheiten habe er nicht geredet,' gut. dann sage ich: laß es korrigieren, dami hast Du leine Ursache, Dich zu beschweren. Schippel eine seidene Schnur zu senden, auf den Gedanken bin ich nicht gekommen; ich würde mir sagen müssen, daß er davon doch keinen Gebrauch machen wurde(Heiter- keit). Die Aeutzernngen, um die es sich bei Heine usiv. handelte, sind thatsächlich gefallen. Es steht fest,_ Sie haben gesagt: dieser Ncgicnmg keine» Mann und keinen Groschen! Wir aber sagen: diesem System keinen Mann und keiiieu Groschenl (Beifall. Heine: Sage ich ja auch!) Dann sind wir ja einig; eS kommt immer mid immer auf Mißverständnisse hinaus I Daß Schippel Engels falsch citicrt hat, dabei bleibe ich. Für den ein- fachsten Menschenverstand steht fest, daß insbesondere� ein wissen- schaftlich gebildeter Mann nicht so citicren darf, daß er an der Stelle, wo die sechs entscheideiiden Worte konimen, abschneidet. Wenn ich ehrlich bin, citiere ich vollständig.(Lebhafte Zustimmung. Schippel: Es ist auch vollständig cittert!) In der„Neuen Zeit" erklärt er. an keiner ander» Stelle als in der Vorrede habe Engels von der Miliz gesprochen. Das ist nicht wahr; auf Seite 7 thnt das Engels auch, und Schippel citiert auch diese Stelle, läßt aber die Worte von der Miliz weg I (Hört! hört!) Es ist nicht wahr, daß Schippel nickst gegen die Partei sich gewandt hat; im ersten Absatz hat er eS gethan; und in dem Augenblicke, wo ich frage, wie es möglich ist, daß einer, der die Partei so beleidigt hat, in der Partei noch bleiben kann, da redet er hier von einem Kaffeekränzchen I Darum habe ich ihn augcgriffen und nicht aus persönlichen Gründen; jedermann weiß, daß ich das nicht thue, und ich frage, ob ich gestern gegen jemand anders persönlich geworden bin. Es steht fest: Es sind Leußenuigen gefallen, die in der Partei Mißbehagen hervorgenifen habe». Dem stellen wir jetzt klipp und klar und fest entgegen: Wir bleiben bei unserem allen Programm« pmikt I Nehnien'Sie meine Resolution einstinunig an l(Lebhafter Beifall.) Ülner(persönlich): Mir ist auch nicht im Traum eingefallen, zu sagen, der Referent habe die von ihm citierte Stelle meiner Rede falsch wiedergegeben. Ich habe ausdrücklich gesagt: Der Bericht ist, abgesehen von einigen stilistischen Acnderungen, durchaus korrekt. Ich siehe auch heute' zu nieiner Rede und habe nur aus» geführt, daß die Schlußfolgerungen des Referenten durchaus falsche sind, daß er nicht verstanden hat. was ich gesagt habe. Schippel: Auch Geyer hat eS nicht verschmäht, mir eine Fälschung vorzu- werfen. Umgekehrt. Geyer hat falsch citiert. Er behauptet, ich hätte die Worte:„"mit dem Milizsystem als Endziel" unterschlaoen. Aber wenige Zeilen dahinter sage ich im Text:„Das Milizsystem wird hier als Endziel daneben genaiiiit.(Bebel: Daneben!) Die Resolutton Geher wird«iiigenvnimen, der Antrag 41 wird gegen 4 Stimmen, der Antrag 42 mit Mehrheit abgelehnt. Angenommen wird die von Luxemburg, Hoffmann, Ledebour und Zetkin beantragte Resolutton. 44» # Singer macht Mitteilung von einer Anregung, ohne Mittags« panse die Bcrhandlungen des Parteitags zu Ende zu führen. Er empfiehlt die Ablehiinng dieses Borschlages, da es im Interesse der Partei liegt, ohne Hast und Treiberei' auch den Rest der Tages« ordiiuiig zu erledigen. ES ivird entsprechend dem Vorschlage SingerS beschloffen, mit 1l/,st>i>ldiger Mittagspause zu tagen. Singer: Der Genosse Vl'iegen au» Holland wünscht fich zu verabschieden. Vliegen: Genossen, Sie brauchen nicht zu fürchten, daß ich den vielen guten und wenigen schlechten Reden, die ich gehört habe, noch eine hin- zufügen will. Nur einige Abschiedsworte. Ich habe Ihren Ver« Handlungen aufmerksaiii beigewohnt, ich habe hier viel Herzlichkeit und Freundlichkeit erfahren, und ich will nur hoffen, daß fich das nicht auf meine Person beschränkt, sondern auch den Genoffen in Holland gilt. Dann werden wir bei all' unseren Kämpfen stet» gern daran denken, daß wir an Ihnen Kanipfgenossen haben, die bereit sind, mit»Iis einzlitreten für das Wohl der Gocialdemokratie, für das Wohl der Arbeiterschaft aller Länder.(Beifall.) » 4» Eß folgt das Referat von S e g i tz- Nürnberg über die Zuchthausvorlage. Hierzu liegt außer der von ihm beantragten Resolution der Antrag 71 vor. Segitz: Die Zuchthausvorlage bietet keine Veranlaffnng zu theoretischen Anseinandersetzimgen über die Taktik. Gegenüber der Zuchthaus- vorläge dürfte keine MelnmigSverschiedcnheit bestehen.(Sehr nchtig l) Unsere grundsätzliche Stellung zu diesem Gesetzentwurf haben wir auf dem Stuttgarter Parteitag festgelegt. Die Auftiahnie, welche der Gesetzentwurf im Reichstag gefunden hat. ist durch die Verhandlungen des Reichstags den breitesten VolkSmaffcn bekannt geworden. AuS diesen Gründen und in Rücksicht auf die Arbeiten, die der Parteitag noch zu erledigen hat. handle ich Wohl imEinverständniS mit den Parteigenossen, wenn ich auf Meinen Vortrag verzichte. Der Reichstag hat das Gesetz entgegen unserem Antrage in der vertagten Session nicht definitiv verabschiedet. Die bürgerlichen Parteien hatten nicht den Mut, sofort in die zweite und dritte Lesung einzutreten. Da- durch ist in weiten Arbcitcrkeisen eine Vcrtraucnsseltgkcit erweckt worden, die in den Verbältiiisscn nicht begründet liegt. Die Zuchthaus- vorläge ist keineswegs beseitigt, die Situatton hat sich so gestaltet, daß viel mehr zu bcfiirchtcii ist, daß. wenn auch der Gesetzentwurf nicht in der vorliegenden Faffuiig zür Annahme gelangt, doch soviel verbleibt, waS hinreicht, die gewerkschaftliche Organisation schwer zu schädigen. Deshalb müssen alle Arbeiter ohne Unterschied der Parteistelliing ihre ganze Kraft einsetzen, um den bürgerlichen Parteien den Nacken zu steifen und diese zur Ablehnung des Gesetzentwurfs zu vcraulaffen. Der Kampf gegen die Zuchthaus- Vorlage scheint mir in der nächsten Zeit die wichtigste Ausgabe der Partei zu sein. Wen» in den Auseinander- fetzimgen auf dem Parteitag aus einzelnen Aeußeruiigeii geschloffen iverden kömite, daß wir nicht mitvollerSympathieder gewerk- schastlichen Organisation der Arbeiter gegenüberstehen, so wird der Kampf gegen dieZuchthansvorlage dasGegen« teil beweisen.(Bravo.) Deshalb wollen wir unsere ganze Kraft einsetzen, um den Kampf gegen die Zuchthausvorlage weiter zu führen. Dazu verpflichtet Sie die vorgelegte Resolutton.(Leb- hafter Beifall.) Den Antrag 71(abgedruckt in Nr. 240 bei„Vorwärts") be, gründet Ltly Braun-Berlin: Parteigenoffen I Wir haben hier eine ganze Reihe theorettscher Erörleruilgeil gehört, die nicht nur den Beweis dafür lieferten, daß die socialdemokratiscke Partei wie keine andere auf einem wiffen» schaftlichc» Boden steht und die wissenschaftlichen Erörterungen zu führen weiß. Wir haben aber auch manchmal den Eindruck gewonnen, als wären wir mehr auf«wem wissenschaftlichen Konzil als dem Parteitag einer Kampfpartci. Ich möchte es beinahe bedauern, dafj dieser Punkt unserer Tas>esord»i»ig so lvcit in den Hintergrund gerückt ist! denn ich meine, dasz wir gerade in diesem Punkte die allgemeine Einigung finden, die uns notthut und die wir nach außen hin immer zu beweisen haben. Gegenüber gewisse» Acnßernngen über die Geringschätzung der gcivcrkschastlichen Beivegnng, die vielfach Platz gegriffen Habensoll, wäre auch sofort der Beweis geliefert worden, daß dem nicht so ist. Unser Protest gegen die Zuchthaus- Vorlage wird hauptsächlich darauf begründet, daß sie die gewert« schaftirchcn Organisationen, diese Klassenkampf- Organisationen der Arbeiter, unterbindet und vielleicht sogar unmög« lich zu machen im stände sein würde. Wir sind aber, so scheint es inir, nicht in der Lage, uns in die Stndicrstnbe zurückzuziehen. Gegenüber der KriegSerkljirnng der biirgcr- lichci» Gesellschaft und als solche sehe ich die Zuchthansvorlage an (lebhafte Zustimmung)— müssen wir geeint aufstehen, denn sie ruft uns zu den Waffen. alle, ohne Unterschied des Geschlechts, ohne Unterschied in Bezug auf einzelne theoretische Ausfassuiigen. Wenn ich hier init besonderer Energie gegen die Zuchthausvorlage Protest einlege, so geschieht es nicht nur als Partei- genossiii, sondern auch als Frau. Tic Zuchthansvorlage würde, wenn sie in irgend einer Weise zur Annahme gelangen kvnnte, der Frauen-, der Arbeiterinimibrwegung vollständig die Hände biirdrn. Ich brauche Ihnen hier nicht ouscinanderznjetzen, wie benachteiligt die deutschen Frauen sind, und wie sie es gar_ erst sein würden, wenn man ihnen auch die gewerkschaftliche Organisation unmöglich machte. Schippe! hat den ziemlich verbrauchten Witz der Gegner der Fraueneinanzipation wiederholt, das Wahlrecht schließe auch die Dienstpsttcht ein.-Ich erkläre, daß wir socialdemokratischen Frauen die Psltcht, Dienst zu thnn, anerkennen(Beifall), und zwar auf einem Gebiete. wo es viel nötiger und allerdings auch viel schwerer ist, iin Kampfe zu stehe», als draußen aus dem Schlachtfeld, Ivo man die Brüder totschießt: Wir wollen stehen zu denselben Fahnen, und wir alle, Gciiofscil, und besonders mich wir Frauen sind bereit, einzustehen für unsere Sache und vor allem gegen die Zucht hnnsvorlngc zu protestieren.(Beifall.) Nach der letzten Bcrnfszählung hat die ivciblichc Arbeit um 35 Proz. zugenommen, die männliche Arbeit nur um 28 Proz. Hier ersteht eine Reserve- Arniee. die uns sehr gefährlich werden könnte, wenn wir nicht dafür sorge», daß sie aufgeklärt und organi- sicrt wird, daß sie mitkämpft den allgemeinen Kampf der Arbeiter. Ich kann mir sehr wohl vorstellen, daß eine Zeit kommen könnte, wo die bürgerliche Gesellschaft zn dem AuS- weg greift, den Frauen das Wahlrecht zn geben, weil sie für die bürgerliche Gesellschaft eintreten sollen. Wenn dieser Augen- blick eintritt, würden ivir es sein, die es auf das tiefste bedauern müßten, wenn wir nicht energisch für die Aufklärung der Frauen ein- getreten sind. Ich bin eine entschiedene Gegnerin jener sogenannteis gesonderten Franeiibeivegung innerhalb der Partei. Wir ge- hören alle zusammen und wir sollten uns hüten, irgend einen Unterschied des Geschlechts unter uns gelten zu lassen, wo es sich um den gemeinsamen Kampf handelt.(Beifall.) Um diesen Kanips gegen die Znchthausvorlagc zu unterstützen, haben wir unseren Antrag eiiigebracht, der nur ein kleines Mittel sein soll, die Frauen aufzn- klären für den Kampf. Ich erwarte seine einstimmige Annahme. In der Richtung ist es vielleicht auch gut, daß dieser Punkt der Tagesordnung am Schlüsse unserer Verhandlungen steht. Soviel auch in der bürgerlichen Presse darüber geredet wird, daß Uneinigkeit, Zänkereien bei uns entstanden seien— wo es sich um Thnten handelt, wo es sich um den Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft handelt, sind wir alle einig und vergessen alle abweichenden Meinungen. Das ist das Wichtigste und darum sollen wir, wen» wir auseinander gehen, alles vergessen, was uns trennt, und nur an das denken, was uns einigt: der Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft, der gemeinsame Kampf der Arbeiter und Arbeiterinnen, die zusammcnsteheu, Hand in Hand, damit wir daS Endziel erreichen, über das unter uns, scheint mir, keinerlei Zweifel bestehen kann.(Lebhafter Beifall.) Ewald-Berlin beantragt Schluß der Debatte. Im Kampf gegen die Zuchthausvorlage sind wir alle einig, da bedarf es keiner Er- örterung.(Beifall). Einstimmig wird die Debatte geschlossen, und einstimmig sowohl die Resolution wie der Antrag 71 angenommen. Wolfgang Heine: Wir brauchen zur Vorbereitung des Kampfes gegen die Zucht- hauSvorlage noch etliches Material. Wir sind von den Genossen nicht so reichlich mit der Einsendung von Material bedacht worden, wie wir es eigentlich erivartet hätten. Wir wissen, daß die Materialien existieren, und in welchem Maße, geht auS deni Legienschen Buche und den täglichen Zeitungsberichten hervor. ES liegt uns aber daran, auch die Sachen, die noch nicht an uns gelangt sind, zu erhalten. Vor allem sind in den letzten Wochen wieder eine ganze Reihe von Anklagen auf Grund des Z 153 der Gewerbe-Ordnung wegen Erpressung erhoben und zum Teil verhandelt worden. Es ist für uns von großer Wichtigkeit, diese Sachen, und zwar di e kompletten Prozeß- alten auch jetzt zu erhalten und sobald etwas Neues kommt. Darum bitte ich die Genossen am Orte, die Vertrauensmänner und Führer, das nicht aus dem Auge zu lassen; sowie ein Prozeß stattfindet, uns Anklage und Urteil selbst zu schicken oder durch den Rechts- anwalt zuschicken zu lassen, und zwar entweder an das Arbeiter- sekretariat in Nürnberg zu Händen von Segitz, oder an den Partei- vorstand oder an mich. Punkt 10 der Tagesordnung nnifaßt die „Anträge zum Programm und zur Organisation". Es sind dies die Anträge 5, 8, 11 und 9, der inzwiichcn durch den Antrag 72 ersetzt ivorden ist. Davon findet nur der Antrag 72(s. Nr. 240 des„Vorw.") genügende Uulerstützling. Ewald-Berlin begründet den Antrag. Bisher lautete 8 17a des Organisations- statuls. daß bei allen Anstcllnngen. überhaupt bei allen Vorkomm- nisscn beim Centralorgan der Pretzkommission Mitteilung zu machen sei, der Parteivorsland aber selbständig zu verfügen habe. Nun liegt die Sacke so, daß unser Centralorgan 53 000 Abonnenten hat, von denen sich 50 000 in Berlin»nd Umgegend und nur 3000 außerhalb bc- finden. Sie werden mir zugeben, daß ivir da auch ein geivisscS Recht auf Mitwirkung beim Centralorgan haben. Daher brauchen ivir. glaube ich, nicht viel Worte zn machen, uni Ihnen die Aniiahnic dieses Antrages zn empfehlen. Ich erwarte von Ihrem Gerechtigkeits- gcfühl, daß Sie ihn, wie er vorliegt, annehmen.(Beifall.) Badcr-Magdeburg: Ich ersuche um Ablehnung des Antrages, da er überflüssig ist. Tic Klagen über den„Bmwärts', die auf frühere» Parteitagen erhoben wurden, sind jetzt verstummt, die Berliner Genossen haben bereits einen genügenden Einfluß auf die internen Verhältnisse dcS „Vorwärts" und§ 17a bedeutet schon jetzt nichts anderes. Knappe-Stettin: Tie Berliner haben ebenso ein Recht darauf, Einfluß auf ihr Blatt zu gewinnen, wie jeder Ort in der Provinz. Nehme» Sie ohne weiteres den Antrag an. Das Mißtraue» gegen die Berliner, sie könnten ihren Einfluß gegen das Interesse der Partei geltend machen, wird durch ihre ganze bisherige Haltung widerlegt.(Beifall.) Antrag 72 wird angenommen. � Der letzte Punkt der Tagesordnung betrifft die sonstigen Anträge. Zur Beratung gelangt der Antrag ö''), wozu noch folgende Resolution vorliegt: *) 6. Parteigenossen deS 6. sächsischen Reichstags- Wahlkreises:„Der Parteitag wolle zu dem disciplinwidngen Verhalten verschiedener Wahlkreise gegenüber den Beschlüssen der letzten sächsischen Landeskonferenz, Beteiligung an den Landtags- Wahlen betreffend, Stellung nehmen." Resolution. Ohne zu der Frage der Beteiligung an den Landtagswahlcn in Sachsen selbst Stellung zu nehmen, spricht der Parteitag den- jenigen Genossen in Sachsen, die wiederholt den auf Beteiligung lautenden Beschlüssen der Landcsversammliing der sächsischen Parteigenossen entgegenhandelten, scharfe Mißbilligring aus. Der Parteitag erivartet, daß sich die Genossen in Zukunft den Beschlüssen der seldstgcgebcnen Organisation auch fügen. Eichhorn, Lorenz. FIcißner. Krause. O. Fröhlich. Sinder- manu. Baudcrt. Eniglein. Käppler. KleciS. Seifert. Braune. Breslaucr. Schumann. Findciscn. Messing. Aug. Fleischer. M. Rauschcnbach. B. Aünschmann. F. Hofniann. P. Reißhans. Stolle. Geyer. Stein. R. Wittrisch. Eichhoru-Dresden begründet die Resolution. Wir verlangen nichts weiter, als daß Be- schlüsse der Landesversaniniluugen auch von alle» Genosse» befolgt werden. Wohin das Verhalten führt, das Hatzum Janimer der Partei »ud zum Gaudium der Gegner die letzte Wahl gezeigt.(Sehr wahr!) Es ist vorgekommen, daß in demselben Kreise einige Städte sich beteiligt haben, andere»icht.f DaS verderbliche Beispiel Leipzigs bat in Zwickau Nachahmung gefunden, wo man mit einer Stimme Mehrheit die Wahlbeteiligung ablehnte. Das sind die Folge» des disciplinividrigcn Verfahrens der Leipziger Parteigenossen.(Hört I hört!) Selbst wenn die Wahlbeteiligung ein' Fehler ist, so hat, wenn die Partei sie bcschlosien hat, die Partei den Fehler geniacht und die Genoffen haben sich zu fügen. Ein Jammerbild war die Wahlbeteiligung von 18 bis 30 Prozent. Schaffen Sie Remendur, Parteigenosstn, sorgen Sie, daß in Sachsen wieder Ordnung wird.(Lebhafter Beifall.) Greuz-Leipzig: Ich stehe auf der Anklagebauk. Sie können uns verurteilen, aber mir nach gründlicher Information, und die kann in kurzer Weise nicht erfolgen. Wir drehen de» Spieß um; ich erhebe die Gegenklage, daß die sächsische Landtaassraktio» und das damalige Ceiitral-Agitationstoinitee den nicht schönen Instand verschuldet haben. Die jämmerliche Wahlbeteiligung war ja auch in Kreise», in denen nach Kräften für die Wahlbeteiligung agitiert wurde. Wir sind daran nicht schuld(Lebhafter Widerspruch), wir haben niemand gehindert, sich zu beteiligen. Mau konnte ebe» den Beschluß nicht durchführen; bei den gegeniuärtigen Zuständen gehen die Arbeiter eben nicht zur Wahl, in einem Umfange, daß dabei etwas herauskommt. Die Massciivcrsanimlnng in Stötteritz, in der Liebknecht sprach, hat in der nachdrücklichsten Form den Protest gegen das Verhalten der Landtagssraktion beschlossen. Mit dieser Resolution würden Sie nicht beilegen, sondern verschärfen. (Die Redezeit ist abgelaufen.) Wenn ich nicht weiter reden darf, dann werden wir verurteilt, ohne gehört zu werden.(Lebhafter Widerspruch.) Singer: Zu dieser Behauptung hat der Genosse kein Recht. Er hört zu reden auf, weil die von ihm selbst mitbeschloffene Geschäfts- orduung ihm keine weitere Redezeit gewährt. Lorenz- Chemnitz: Wir beantragen die Resolulio» nicbt ans Freude, den Leipzigern einen Denkzettel zu verabfolgen. Die Töne haben wir schon mehrfach bei den LandeSversammluiigen gehört, und einmal sind wir auch darauf hineingefallen. Tie Leipziger Gcnoffcn haben die Beschlüsse derselben jedes Jahr bewußt durchbrochen; das ist ei» Verstoß gegen die ciufachsten Grundsätze der Demokratie.(Sehr wahr!) Unsere Partei ist dockt auch eine demokratische Partei; wer zu ihr gehöre» will, muß sich selbstverständlich den Beschlüssen ihrer offiziellen Organe fügen.(Beifall.) Der Landtagssraktion haben die Leipziger den genialen Rat gegeben, ihre Mandate niederzulegen; dann wäre untcr dem neuen Wahlgesetz gewählt worden und wir wären 15 Mandate zur Freude unserer Gegner quitr gewesen. Wiiuschmann-Döbeln: Die Leipziger haben allerdings die Genossen der anderen Kreise nicht aufgefordert, sich der Wahl zu enthalten; aber böse Beispiele verderbe» gute Sitte. Dieter Demoralisierung muß ge- steuert werden.(Beifall.) In einer Leipziger Versammlung ist ja das geflügelte Wort von den zurückgebliebencn Wahlkreise» geprägt worden; nnn von diese» könnten die„fortgeschrittenen" Wahlkreise etwas lernen, nämlich Wahrung des demokratischen Princips.(Leb- haftcr Beifall.) Die Debatte wird gegen den Widerspruch von Lipinski-Leipzig geschloffen und die iHesolulion Eichhorn mit großer Mehrheit augcuomme». Dadurch ist Antrag 0 erledigt. Antrag 7 hal bereits durch die gestrige Resolution Bebel seine Erledigung gesunden. Es folgen die Anträge betreffend die Presse. Es sind dies die Anträge 12.bis 28. von denen 14. 17 und 23 zurückgezogen werden und 1b, 10, 13, 20, 24, 26, 27 nicht ausreichende Unter- stützuiig finden. Schubert-Schöneberg spricht zu Antrag 12.") Man beklagt sich sehr darüber, baß der „Vorwärts" im Gegensatz zu den übrige» Parlciblättenr zu de» einzelne» Fragen zu wenig Stellmig nimmt, so in Bezug auf die bayrischen Landtagswahlen und auch in Bezug aus das Verhalten der französischen Socialdcmokrarcn. Er beschränkt sich auf die refcnerende Wiedergabe der Aeußerungen der andern Organe. Auch eine Polemik, die zivischcn Auer und Liebknecht gespielt hat, bat der„Vorwärts" mit keinem Wort erwähnt. Der Antrag soll dem für die Zukunft ein Ende machen. Liebknecht: Wenn Sie den VerhaiiMimgen auf dem Parteitag aufmerksam gefolgt sind, dann finden Sie, daß in Bezug ans taktische Fragen Meinnngsverichiedenhciten bestehen. Diese Mciniingsverslbiedenhcircn sind auch in der Redaktion des„Vorwärts" vorhanden. Wenn nian vom„Vorwärts" verlangt, daß er redaktionell Stelliing nebmen soll, so verlangt man bei der jetzigen Organisation Unmögliches. An- fangs haben die Meinnngsverscbiedenhcitcn zu kleinen Reibniigcn ge- führt, aber nach und nach kam es zu einer Verständigiiiig dahin, daß die verschiedenen Ansichten, die in der Redaktion vorhanden sind. zu Worte kommen,»nd zwar nach der fraiizösiichni Praxis in der Art, daß mit Namen dafür eingetreten wird. Ich habe nicht wie Sckiociilaiik. der die Voltmackit hat, seine Redactenre und Mitarbeiter bediiigiingslos tind unkontrollierbar zu wählen, die Möglichkeit, eine ein- heitliche Redaktion zu bewerkstelligen. Da der„Vorwärts" kein Lokal- blatt, sondern ei» Centralorgan ist, müssen in seiner Redaktion auch die verschiedenen Strömungen, die in der Partei vorhanden sind, ver- trete» sein.(Beifall.) Der Streit zwischen Auer und mir war eine rein persönliche Meinungsverschiedenheit und brauchte deshalb nicht im„Vorwärts" gebracht zu werden, ebenso wie Dutzende anderer solcher Sachen. Es handelte sich nm die Behauptung, ich hätte Bernstein vernnglimpft; ich habe es in einem süddeutschen Blatte sachlich richtig gestellt. Der Antrag 12 wird abgelehnt. Privatdepesche d e S„Vorwärts". Singer: EL sind inzwischen noch zivei Anträge eingegangen. Der erste bezieht sich ebenfalls auf die Buchhandlung Vorwärts, er lautet: „Die Buchhandlung Vorwärts ist anzuweisen, bei der Auswahl deS Inhalts der„Freien Stunden" vorsichtiger zu verfahren. damir eS nicht wieder vorkommt, daß Romane, wie„Die Töchter des Südens" Aufnahme finden." *) 18. Parteigenossen des Wahlkreises Teltow-BeeSkow- Storkow:„Der„Vorwärts" als Centralorgan der social« demokratischen Partei hat zu allen aktuellen politischen Tagesftagen, sowie zu allen die eigene Partei betreffenden Angelegenheiten Stellung zu nehmen." Ich kann das Gefühl der Verwunderung nicht unterdrücken, daß ein Antrag, der schon in der Vorlage steht, nochmals ein- gereicht wird.(Sehr wahr!) Der Antrag erübrigt sich also. Der zweite Antrag lautet: „Der Parteivorstand wird beauftragt, die Herausgabe einer Broschüre vorzubereiten, die zu einem billigen Preise abgegeben, den Titel:„Wer ist der Staat'i" zu führen hat.. In derselben soll klargelegt werden, daß das gesamte Volk und nicht eine einzelne Klaffe den Staat bildet. Des weiteren soll in derselben die Legende, daß die Soldaten und Beamten des Königs Rock tragen, auf ihren wahren Wert zurückgeführt werden." Dieser Antrag wird nicht unterstützt, ist also hinfällig. Zum Antrag 13"> bemerkt Grunwald-Jena: Ich habe diesen Antrag nicht gestellt, sondern den Antrag 14"), den ich infolgedessen zuriickgczogeil habe; ich glaube, daß man diesen Antrag nicht unter- stützen kann, wenn man nicht zugleich die andere sehr wichtige Frage in Rücksicht zieht, wie der„Vorwärts" finanziell fundamentiert ist; damit komme ich zu der Frage, die mich zu meinem eigenen Antrage veranlaßt hat, der leider nicht unterstützt wurde; ich kann diesen An- trag min nicht mehr begründen und auch nicht alle Argumente, die ich für ihn in petto hatte, vorbringen. Singer: Ich bitte, nicht nur nicht alle Argumente, sondern überhaupt keine Argumente dafür vorzubringen.(Heiterkeit.) Grnnwald: Ich habe ausdrücklich erklärt, die Frage des zwei- maligen Erscheinens des„Vorwärts" könne nur diskutiert werden, ivenn man zugleich die finanzielle Frage in Betracht zieht. Ich niöchte Ihnen empfehlen, da der Antrag zurückgezogen ist. ivenigstens die Frage einer eigenen Druckerei in Erwägung zu nehmen, Singer: Ich bitte, nicht auf diesen Antrag zurückzukommen. Gruuwald: weil dadurch erst, so fahre ich fort.... Singer: Wenn Sie die Absicht haben, meinen Anordnungen nicht zu folgen, iverde ich Ihnen das Wort entziehen. GrunUiald: Nein, das liegt mir absolut fern. Singer: Sie kommen also ans den Antrag nicht zurück. Gruuwald: Ich komme nicht darauf zurück(Heiterkeit) und er- kläre nur. daß man an ein ziveimaligcs Erscheinen des„Vorwärts" nicht denken kann, ivenn man nicht den Ucberschuß, den Babing heute einheinist, der Partei zuführt. Tätcrow-Berlin: Der Antrag ist in Berlin in einer öffentlichen Versanimlnng angenommen. Die Antragsteller sind sich vollständig darüber klar, daß er nicht so mir nichts dir nichts angenommen iverden kann, ohne daß vorher genaue rechnerische Unterlagen vor- Händen sind. Diese Grundlagen sind nicht vorhanden, so betrachten wir denn den Antrag nur als eine Anregung, und ich bin überzeugt, es werden sich Mittel und Wege finden lassen, die Anregung in eine praktische Gestalt zu bringen. Ich ziehe deshalb den Antrag zurück. (Beifall.) Die Anträge 21 und 88") werden gemeinsam behandelt. Schubert-Schöneberg: In dem Bericht des Parteivorstandes ist in B zng auf„In freien Stunden" gesagt:„Auch der Versuch, mit einem ansgcsprocken den Charakter eines Kolportage-Romans tragenden Werke' die Kolportage-Buchhandlungen mehr zn interessieren, erbrachte von neuem den Beweis, wie schwer und langsam nur unsere Partcigeschäfte den gegen sie geichlosscuen Wall von Vor- urteilen und Parteigegcnsätzcn durchbrechen können." Nun, ivenn ei» Roman, ivie die„Töchter des Südens" kolportiert wird, dann kann die Zeitschrift unmöglich eine bessere Verbreitung finden. Ein Roma» in deni auf jeder dritten und vierten Seite von Gift und Zuchthaus gesprochen ivird. kann die Arbeiter nicht sittlich und ethisch erziehen. Wollen ivir Erfolg haben, wollen wir, daß die Zeitschrift prosperiert, so muß in der ÄnSivahl der Romane mit größerer Vor- ficht vorgegangen werden.(Zustimmung.) Fischcr-Bcrlin: Es kann mir natürlich nicht einfallen, den Roman„Töchter des Südens" besonders loben zn wollen. Ich muß aber dotti darauf hinweisen, daß der Vorredner Kolportagcroman mit Schmidroman identifiziert hat. was nicht angängig ist. Ich will über die Sache ganz kurz hinweggehen, indem ich erkläre: wenn ein Mißgriff vorgekommen ist, so ist ja der nächste Roman schon der Beweis dafür, daß der Mißgriff nach Möglichkeit wieder am-- geglichen ist. Sindermaim- Dresden: Auch ich wundere mich, daß ein Roman wie„Töchter des Südens" aufgenommen werden konnte; er erinnert nichr an Indianer- und Räubergeschichten, als an einen Roman zur Hebung der Bildimg des Proletariats. ES freut mich, daß Fischer seinen Fehler eingesehen hat. Die Anträge 21 und 22 werden augenommen. Zur Begründung des Antrages 83") bemerkt Ostkamp-Essen: Der Zweck der Jügendlitleratur soll darin bestehen, daß dem Pastorenkultus entgegengearbeitet wird. So ist unser Antrag zu verftchcii. Psannkuch: Ich bitte, den Antrag abzulehnen. Die Partei- Icitung ist dieser Frage wiederholt näher getreten, und wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte, das Projekt durchzuführen, so wäre es längst geschehen. Der Antrag wird abgelehnt. Antrag 83") begründet Roscnow-Dortmuiid: Der Antrag ist nicht neu, er ist ichtrn wicderbolt gestellt und entspringt einem drin- gendcn Bedürfnis. Es gicbt Wadlkreise, deren Vertreter, weil keine Lokale vorhanden sind, keine Versammlung abhalten können. So ist es z. B. im 20. sächsischen Wahlkreise der Fall. In diesen Kreisen empfiehlt sich die Agitation durch Fingblätter, die billiger ist als die Kosten iiir Versammlungen unter freiem Himmel. Ob ein einheit- lichcs Flugblatt für ganz Deutschland oder verschiedene für die ver- schiedenen Landesteile angebracht sind, kann dem Parteivorstand überlassen bleiben. Die Kosten werden nicht allzu große sein. Psannkuch: Ich glaube, es liegt dem Vorredner im wesent- lichcn daran, daß die Flugblätter unentgeltlich abgegeben iverden, das ivird aber auch schon durch die bisherige Praxis erreicht. Die Verhältnisse in den verschiedenen Wahlkreisen sind verschieden, es kann nicht jschablomsicrt iverden. Haben die Kreise keine Mittel zur Herausgabe von Flugblättern, so können sie sich an die Partei- Icilmig wenden. Wir haben bisher noch keinen Autrag unberück- sichtigr gelassen, der sich auf die Förderung der Agitation bezieht. Lehnen Sie den Antrag ab. Der Autrag wird abgelehnt. ') 13. Parteigenossen des ersten Berliner Reichstags- W a b I k r e i s e S:„Das Centralorgan, der„Vorwärts", soll zwei- mal täglich, niorgens und abends, erscheinen." *) 14. Parteigenosse Max Grunwald in Jena:„Mit der Drucklegung des„VortvärtS" in einer eigenen Druckerei wird zugleich die Emrichtung eines täglich zweimaligen(morgens und abends) Erscheinens des„Vorwärts" verbunden; die hierdurch not- wendig werdende Abonnenlents- Erhöhung soll möglichst 4 M. pro Quartal nicht übersteigen." 81. Parteigenoffen deS Wahlkreises Teltow-Beeskow- Storkow ustv.:„Die Unterhaltungsschrift„Freie Stunden' ist in Text und Illustration einer allgemeinen Verbesserung zu unter« werfen." 88. Parteigenossen im 6. sächsischen Wahlkreise, Dresden- Altstadt:„Der Verlag der„Freien Stunden" ist anzuweisen, in der Wahl der darin aufzunehmenden Romane mehr Vorsicht walten zu lassen, damit in Zukunft Romane von so zweifelhaftem Wert, wie der kürzlich erschienene:„Die Töchter deS Südens" vermieden werden." ") 83. Parteigenossen in Esssen:„Der Parteivorstand wird beauftragt, möglichst bald die Herausgabe einer zweckentsprechenden Jugendlitteratur zu bewerkstelligen." ') 83. Die Parteigenossen dcS 20. sächsischen Reichstags Wahlkreises beantragen:„Der Parteivorstand hat nach Schluß einer jeden Legislaturperiode des Reichstages einen Bericht über die parlamentarische Thätigkeit der socialdemokratischen F:a!tiou im Reichstage in Flugblattform zur uuerUgelttiche« Butttitiwg herauszugeben." Auf die Agitation beziehen sich die Anträge 29, 30. 31, 32. 33, 53, 74 und 75*), davon werden die Anträge 29, 33 und 53 nicht unterstützt. Die Anträge 39, 31 und 32 werden in der Diskussion mit einander verbunden. Zur Begründung der Anträge ZV und 3 t erhält Katzenstei»-Mannheim daS Wort. Den Antrag 32 vertrete ich nicht! er fordert absolute Abstimmung und daS verlange ich nicht. Wir find eine Arbeiterschutz- und eine Kampfpartei. Wollen wir die Lage der Arbeiter verbessern, dann müssen wir auch ihre Einsicht und die Bedingungen ihrer Gc- sundheit haben. Das ist unsere Aufgabe als Arbeitcrschutz-Partci. Als Kampfpartei aber müssen wir klare und bewutzte Kämpfer heran- zubilden trachten. Die Parteipresse beschäftigt sich soviel mit gemein- nützigen Dingen, da kann sie auch die Alkohol-Frag'e mehr behandeln. Wir geben zu. daß die ungünstigen socialen Verhältnisse den Alkoholismus begünstigen. Das ökonomische Moment ist aber nicht das einzige. Die Corpsstudenten werden doch wahrlich nicht durch elende Wohnung und mangelhafte Nahrung zum Saufen veranlaßt. � sSehr richtig I) Das gilt aber doch auch bei uns. Es sind Arbeiterschichten in besserer Lebenshaltung wie die Bauarbeiter, die Hafenarbeiter, die dem Alkoholisinus nicht genügend widerstehen. Redner erinnert an die Gefabren des Alkoholismus für die Jugend. Dem Kinde auch nur einen Tropfen Alkohol zu geben, ist geradezu ein Verbrechen.(Sehr richtig.) Der Arbeiter soll das Geld, das er durch Einschränkung des Alkoholgenusjcs erspart, für bessere Nahrung ausgeben, für Bücher und sRedner nimmt einen Schluck Wasser, Zurufe: Prost I Große Heiterkeit), na, es wird mir ja auch nach- gesagt, daß ich bei der Begründung eines Antrages einmal fünf Maaß Bier getrunken habe. sHeiterkeit.) Neben der Freßlegende haben wir also auch eine Sauflcgeude. sGroße Heiterkeit.) Die Sache selber ist ernst genug, so daß wir sie nicht von der komischen Seite betrachten sollten. Dieser ernsten Sache haben wir unsere'ernsteste Aufmerksamkeit zu widmen.(Lebhafter Beifall.) Keil- Stuttgart: Es wird Sie vielleicht wundern, daß ich als Vertreter des Stuttgarter Vorortes Degerloch(große Heiterkeit), wo wir im vorigen Jahre bei dem von den Stuttgarter Genossen veranstalteten Winzer- feste den Zukunftsstaat etabliert hatten(große Heiterkeit), den Auf- trag erhalten habe, den Anti-Alkoholnntrag zu begründen. Der Antrag 3l ist durchaus vorsichtig formuliert, so daß ihm wohl zu- gestimmt werden darf. Redner erinnert au das Beispiel der belgi- scheu Genossen und an einen Artikel des Dr. Grotjahn in der „Neuen Zeit". Sie brauchen nicht deshalb gegen den Antrag zu stimmen, weil Sie befürchten könnten, daß dann künftighin eine so schöne Feier, wie die in Degerloch, unmöglich wäre. Eine so edle Verwendung kann nicht unter den Alkoholmißbrauch fallen.(Heiter- keit und Beifall.) Bakcr-Hamburg bittet, die Anträge 39 und 32 abzulehnen, wohl aber Antrag 31 anzunehmen. Wiirde der Parteitag heute keine Stellung nehmen, so würden die Guttempler einfach erklären: Seht Ihr, die Social- deniokraten können trinken, wie sie wollen. Bebel: Ich bitte Sie, alle drei Anträge abzulehnen. Ich fürchte durch diesen Vorschlag nicht in den Verdackit zu geraten, die Unmäßigkcit zu empfehlen. Wenn die Parteigenossen in Bezug auf den Alkohol- verbrauch nieinem persönlichen Beispiel folgen wollten, dann würden die Wirte sehr schlechte Geschäfte machen.(Sehr richtig). Aber nach meiner Ansicht haben wir als Partei die Alkoholfrage nicht zu er- örter».(Lebhafte Zustimmung.) Was die Guttcmpler dazu sagen, kann uns sehr gleichgültig sein. Wir dürfen die Parteithätigkcit nicht in Kleinkram verzetteln.(Lebhafter Beifall.) Die drei Anträge werden hierauf abgelehnt; bei Antrag 31 ist die Minorität am stärksten. Auf Anregung von Keil- Degerloch wird beschlossen, ohne Mittagspause weiter zu tagen. Antrag 74 begründet Frau Ziel;- Hamburg: ES hieße Wasser in die Leine nach Hannover tragen, wollte ich viele Worte machen. Wiirde es in unserem lieben deutschen Vaterlande uns Frauen möglich sein, uns den Organisationen der Männer anzuschließen, so würde es nicht nötig sein, diesen in Gotha an- genommenen Antrag aufs neue in Erinnerung zu bringen; da daS aber leider noch nicht der Fall ist, selbst nicht in unseren Republiken Hamburg, Bremen und Lübeck, so bitte ich Sic, dem Antrag zu- zustimmen, aber auch thatsächlich dafür einzutreten und dafür zu iorgen, daß er nicht wieder in Vergessenheit gerät.(Beifall.) Der Antrag ivird angenommen. Antrag 75 begründet Fran Zetkin: Der Autrag fordert nur, daß wir energisch für diejenigen Ne- formen zu Gunsten der Arbeiterinnen eintreten, die schon lange in unserem Programm stehen, und das in nächster Zeit. Wie Ihnen bekannt sein wird, veranstaltet die Rcichsregicrung gegenwärtig eine Enquete über die Fabrikarbeit verheirateter Frauen. Veranlaßt ist dieselbe hauptsächlich durch die vom Ccntrum wiederholt erhobene Forderung, die verheirateten Frauen durch gesetzliches Verbot von der Fabrikarbeit auszuschließen. Wir haben nun die Pflicht, dieser Forderung gegenüber das zu verlangen, was wir im Interesse der Arbeiterinnen für notwendig halten. Die Agitation, die»vir cnt- falten wollen, liegt wesentlich im Interesse der Gesamtpartei, denn nur erreichen dadurch, daß wir die Arbeiterschutz- Heuchelei des Centrunis auf einem bestimmten Gebiete ack ad->ur<1um führen. Jetzt kann das Centrum zeigen, ob es ihm mit dem Arbeiter- schütz auch Ivirklich ernst ist. Wir müsse» die Massen darüber aufklären, daß die Forderung des Verbots der Fabrik- arbeit verheirateter Frauen vom Centrum gestellt ist, obgleich diese Forderung nicht auf Verwirklichung rechnen kann. Nicht um Sonder- bcstrebuugen zu fördern, stellen wir den Antrag, sondern um auch bezüglich einer kleinen Forderung eine Bresche zu legen in die Masse der Hindernisse und Schwierigkeiten, die sich unserem Kampfe entgegenstellen. Die Verwirklichung eines anscheinend kleinen Teils unseres Programms wird wesentlich dazu beitragen, die Arbeite- rinnen zu besseren Kämpferinnen zu machen für unser Endziel. (Beifall.) Der Antrag wird angenommen. 29. Parteigenosse Harris-Himbach:„Der Parteitag möge geeignete Genossen zur Herausgabc einer Broschüre veran- lassen, welche dazu bestimmt ist, den auf dem Lande wohnenden Parteigenossen als Führer zur Agitation von Mund zn Mund zu dienen. Die Broschüre soll, an die nächstliegenden Verhältnisse des Kleinbauerntums anknüpfend, rein theoretisch-socialistischen Inhalts, dabei weniger werbend als aufklärend sein." 39. Parteigenossen in Heidelberg:„Die Parteileitung zu veranlassen, daß von einem Parteiverlag eine billige Broschüre herausgegeben wird, welche in populärer Weise die Schädlichkeit des übermäßigen Genusses von Alkohol darlegt und auf die schädlichen Wirkungen desselben für die moderne Arbeiterbewegung hinweist." 31. Parteigenossen in S tu tt a a rt:„Die Parteipresse möge mehr als seither das Proletariat auf die Schäden des übermäßigen Alkoholgennsses aufmerksam machen." 32. Parteigenosse Jacob Meyer«Berlin:„Mit aller der Partei zu Gebote stehenden Kraft dafür einzutreten, den Alkohol zu bekämpfen." 33. Parteigenossen in B a r b y:„Die Referenten zur Agi- tation hat der Parteivorstand resp. die Vertranensperson des Kreises zu besorgen: das vereinnahmte Geld, nach Abzug der Kosten am Orte, an sich zu nehmen, um eine gleichmäßige Ägitation in den kleinen Orten wie in den großen Städten zu erzielen." 33. Parteigenossen in Halle:«Der Parteitag beschließt die Errichtung eines litterarischen Bureaus, dem die Aufgabe zufällt, Agitationsbroschüren und Flugblätter zu verfassen und eine Kor- respondenz für die Parteipresse herauszugeben." Die Anträge 74 und 75 sind abgedruckt in Nr. 241 des„Vorwärts." Verantwortlicher Redacteur: Heinrich Wepler in tz Bei Antrag 49(Aufstellung leitender Gesichtspunkte für die Gemeindepolitik) reicht die Unterstützung nicht aus. Antrag 36 begründet Katzenstein. Der Antrag dient einem rein praktischen Zwecke. Die social- politischen Praktiker haben in ihrer Konferenz am Dienstag be- schlössen, den Parteitag zu ersuchen, diesen Antrag dem Vorstände zur Berücksichtigung zu überweisen. Es muß für alle die verschiedenen Organe, die im Antrag genannt sind, ein Mittelpunkt zur Sichtung und zum Austausch des Materials geschaffen werden, Ein Gebiet nur scheidet aus, das geiberbegerichtliche. Hier haben die Arbeiter- beisitzer sich bereits ein Centrälorgan geschaffen. Als Ccntralstclle habe ich die von Genossen Heimann gegründete Volksbibliothek, die einen Archivar erhalten wird, empfohlen. Andere denken an den Anschluß dieser Centralstclle an den„Vorwärts". Die Entscheidung mag dem Vorstände überlassen bleiben. Die Personenfrage ist gewiß wichtig, aber Personen, wie Quarck oder Calwer wären sehr dazu geeignet.(Beifall.) Pfannkuch: Ich bin nicht gegen den Antrag, aber seiner Verwirklichung stellen sich doch große Schwierigkeiten entgegen. Ueberweisen Sie den Antrag einfach dem Parteivorstande. Der Antrag 56 wird dem Vorstände überwiesen. Antrag 47(Genossenschaftswesen) ist durch Annahme der Bebel« scheu Resolution erledigt. Verhandelt wird nunmehr über die letzte Gruppe der Anträge, die sich mit dem nächsten Parteitage beschästigen, sie betreffen die Tagesordnung, den Ort und die Berichterstattung über de» Parteitag. Mit der Tagesordnung des nächsten Parteitages beschäftigen sich die Anträge 59*) und 66. Antrag 59 begründet Keil-Degerloch mit dem Hinloeise, daß es der Partei der V e r k e h r S p o I i t i k gegenüber an einer festen Grundlinie fehlt. In Znsammenhang mit der Verkehrspolitik steht die Handelspolitik. Der Ablauf der Handelsverträge im Jahre 1993 zwingt uns, Stellung zu nehmen. Wir sind eine Partei des Fort- schritts und müssen den Verkehr fördern, dessen Hebung eine Kultur- forderung erste» Ranges ist.-> Der Antrag 59 wird angenommen. Antrag 66 begründet Frau Rosa Luxemburg: Die Ver- Handlungen haben den Bclveis geliefert, daß die Taktik der Ge- nosscn in den einzelnen Ländern keine gleichgültige Sache für die Gesamtpartei ist. Was den preußischen Genossen recht ist, ist auch den bayrischen und badischen Genossen billig.(Sehr richtig.) Auch die Frage der preußischen L a n d t a g s iv a h l c'n hätte bei weitem nicht soviel Staub auf- gewirbelt, wenn man die Frage von der Art und Weise der Be- teiligung überhaupt geschieden hätte. Die Genossen befürchteten eben eine ganz bestimmte Art der Beteiligung. Praktisch geworden ist die Frage durch das Verhalten der bayrischen Gcnoffen. Die Bebclschc Resolution ist in ihren Angaben über unser Verhalten zu den bürgerlichen Parteien so allgemein, daß für mich kein Grund war, gegen diesen Absatz zu stimmen. Jeder deutet sie so. wie er will. (Sehr' richtig.) Ein praktischer Fingerzeig für unser Verhalten den bürgerlichen Parteien gegenüber ist umsowenigcr darin vorhanden, als der Begriff Kompromiß in letzter Zeit schwankend geworden ist. Nicht darum handelt es sich, die Genossen der einzelnen Länder zu bevormunden und zu schulmeistern, sondern die allgemeinen Grund- lagen sollen hervorgehoben werden, um die Sache einheitlich zu regulieren. Hctne-Bcrlin beantragt die Ablehnung des Antrages; durch die Resolution Bebel ist der Streit beigelegt und definitiv entschieden. (Widerspruch.) Soll er von neuem wieder angefacht werden? Sollen wir wieder ein Jahr für die praktische Arbeit*verlieren? Wir haben Ivirklich angesichts der großen praktischen Aufgaben wichtigeres zu thun.(Sehr richtig.) Die Parteipressc hat die so wichtige Nobclle zur Alters- und Invalidenversicherung noch nicht zu ihrem vollen Rechte gelangen lassen können, iveil ihr Raum beschlagnahmt war durch Erörterungen allgemeiner Natur. Sich theoretisch über die Taktik zu unterhalten, ist ein ganz fruchtloses Beginnen.(Sehr richtig!> Die Taktik läßt sich nicht voir vornherein bestimmen. sie richtet sich nach den jeweiligen Machtmitteln. Es ist nicht notwendig, heute wieder ein Feuer anzuzünden.(Beifall.) Ltebtnccht: Die Argumente des Vorredners sind durchaus falsch. die Streitfragen in der Partei sind durch die Annahme der Resolution Bebel nicht erledigt worden. In theoretischen Dingen mag Ein- mütigkcit sein, aber diese lassen sich in der Praxis verschieden an- wenden, und darauf kommt es an. In Bezug auf die Landtags- Wahlbeteiligung muß Klarheit geschaffen werden, während eS sich jetzt nur um ein Vertuschen handelt. Ich hoffe, daß binnen einem Jahre der Eindruck. den die Verhältnisse in Sachsen hervorgerufen haben, nicht verlöscht sein wird. Wenn man mich auf die große Mehrheit verweist, mit der der dritte Absatz der Resolution Bebel zur Annahme gelangt ist. so halte ich es für um so notwendiger, die Frage auf dem Parteitage wieder zur Sprache zu bringen. Wenn wir auch in der Minorität blieben, die Beschlüsse des Parteitages werden wir schon respektieren: es giebt aber Dinge, die durch die Praxis geklärt werden müssen. Sic werden sich die Finger ganz hcrrlicki verbrennen und gebranntes Kind scheut das Feuer. Die Diskussion wird geschlossen, der Antrag 69 wird angc- nomnie»! gegen diese Feststellung wird Widerspruch laut. Mit der Zeit für die Abhaltung des Parteitages beschäftigen sich die Anträge 49*) und 67, wovon der erstere nicht genügend unterstützt wird. Den Antrag 67**) begründet Wicmcr-Nürnberg: Der Parteitag fällt gegenwärtig mit den Verhandlungen der zweiten bayrischen Kammer zusammen, was die parlamentarische Aktion der bayrischen Genossen außerordentlich schädigt. So hat jetzt ein Antrag auf Einführung des ollgemeinen, gleichen, direkten Wahlrechts und eine Interpellation wegen der Stellung der bayrischen Bundcsratsmitglicdcr zur ZuchthauSvorlage zurückgestellt werden müssen. Für die Abhaltung des Parteitages im September spricht auch der Umstand, daß dä noch der Sommerfahrplan in Geltung ist. Adlcr-Harburg wünscht die eventuelle Verlegung in den September, damit die Landwirte an den Verhandlungen des Parteitages teilnehmen können. Vollmar ergänzt die Ausführungen Wiemers durch die Mitteilung, daß der Zusammentritt des bayerischen Landtags auf einer VerfaffungS« bestimmung beruht. Diesmal habe es sich noch ermöglichen lnffen, daß einige bayerische Landtagsinitglieder zum Parteitag kamen; in Zukunft wiirde das vielleicht unmöglich sein. Mit der Verlegung auf den November sei den Bayern nicht gedient. Landwirte seien in der Partei leider so wenige, daß eine Rücksichtnahme darauf nicht zu erfolgen brauche. Gerisch verweist nur darauf, daß die Verlegung deS Parteitag? auf den September eine abennalige Aenderung des Geschäftsjahrs notwendig mache. Der Antrag wird angenommen. Zum Ort deS nächsten Parteitages wünscht der Antrag 48 Lübeck, 61 Mainz, 63 Nürnberg. Singer verliest eine Depesche aus Nürnberg, worin gebeten wird, im Falle der Wahl von Niimberg einen Ersatzort zn bestimmen, da die Verhältnisse in Bezug ans die Beteiligung von Frauen an dem Parteitage noch nicht geklärt sei. *) 39. Parteigenossen in Stuttgart<„Auf die Tages- ordmmg des nächstjährigen Parteitages die Frage der Verkehrs- Politik zu stellen und dazn einen geeigneten Referenten bestellen." Antrag 66 ist abgedruckt im„Vorwärts" Nr. 239. ') 49. Parteigenossen in Grabow a. O.:„Den nächsten Parteitag zwischen Weihnachten und Neujahr tagen zu lassen." *) Antrag 67 ist abgedruckt im„Vorwärts" Nr. 239. roh-Lichterfelde. Mr den Iiüeratcnieil veranNvortlick: Tb. Glocke in Verl Kasch-Lübeck vertritt den Antrag 43 und führt für ihn das Recht der Erstgeburt an. David-Mainz führt für die Wahl von Mainz an, daß jetzt der Süden eine Auwartschast auf die Abhaltung des Parteitags habe. Wicmer-Nürnberg bemerkt gegenüber der Depesche, daß da? neue bayrische Vereinsgesctz jede Schwierigkeit bezüglich der Frauen beseitigt habe, ohne jede Störung durch die Behörde seien in der letzten Zeit mehr als hundert Versammlungen gegen die Zuchthaus- vorläge abgehalten worden unter Beteiligung von Frauen; man solle Nürnberg wühlen und Mainz als Ersatzort bestimmen. Lily Brauns ersucht um Ablehnung der Nürnberger Einladung. Bisher haben wir keine Erfahrungen, die uns das Recht geben, die Abhaltung des Parteitags in Nürnberg zu riskieren. Ein bayrischer Genosse, mit dem wir Rücksprache genommen haben, hat uns ans- drücklich gesagt, daß die Verhältnisse wegen der Zulassung von Frauen mindestens zweifelhaft seien. Ein Antrag der Berliner Genossinnen, in dem Organisationsstatut den Passus von der Wahl voix Dele- gicrtinnen in besonderen Frauenversammlungen zu streichen, ist ans- schließlich mit Rücksicht darauf nicht aufrecht erhalten worden, weil uns gesagt war, daß bayrische Genossinnen dann am Parteitag nicht werden teilnehmen können. Lcitzinger: Nehmen Sie die Einladung von Nürnberg an,>vir wollen die Sache einmal zur Klärung bringen. Wir wissen selbst nicht, wie wir mit unserem Vcrcinsgesetz daran sind. Wählen Sie also als zweiten Ort Mainz und zwingen Sie unsere Regierung zu einer Entscheidung. Der Parteitag entscheidet sich für die Einladung von Mainz. Es folgt die Beratung des Antrages 77: „Der Parteitag beschließt, daß für den nächsten Parteitag ein unparteiisches Stenographenbureau mit der Berichterstattung be- traut wird." Frau Zetkin: Glauben Sie nicht, daß ich durch den Autrag bezweckt habe, eine Berichterstattung herbeizuführen, die jedes einzelne hier� ge- sprochcne Wort verewigt! Ich bin mir auch durchaus der praktischen Schwierigkeiten bewußt, welche der Ausführung des Antrags im Wege stehen. Den Schwerpunkt möchte ich auf das Wort„parteiisch" ge« legt sehen, eS fällt mir nicht ein, die offizielle Berichterstattung für unser Protokoll oder für den„Vorwärts" zu bemängeln. Dagegen weist die Berichterstattung für unsere Provinzpresse eine entschieden tendenziöse Färbung auf.(Sehr wahr.) Manche Reden sind entstellt und in Unsinn verkehrt. Ich habe deshalb einen der hier anwesenden Herren zur Rede gestellt und wissen Sie, was er mir zur Antwort gab?„Ja wohl, es ist vielleicht tendenziös, aber wir stehen auf dem Boden der anderen Anschauung. Wir können nicht aus unserer Haut"(Hört, hört I). Wenn die Herren ihre Ansichten als Genossen zum Ausdruck bringen wollen, so müssen sie das auf andere Weise thun. Ich möchte bei dieser Gelegenheit auch darauf hinweisen, daß die parlamentarische Korrespondenz für unsere kleine Presse tendenziös gefärbt ist. Das muß einmal zur Sprache gebracht werden. Singer: Wenn Fran Zetkin nur die Absicht hatte, die Sache zur Sprache zn bringen, so hat sie ja ihren Zweck erreicht und könnte den An- trag zurückziehen. So aber zwingt sie mich zu einigen Bemerkungen. So sehr ich(mit Frau Zetkin eine tendenziöse�Berichterstattung ver- urteile, so wenig fühle ich mich veranlaßt, ihrem Antrag zuzustimmen. Kommen in der That solche tendenziösen Berichte m die Proviuzpresse, so mögen die betreffenden Delegierten die Redaktionen der Zeitungen darauf auffnerksam machen, daß sie sich nach einem anderen Berichterstatter umsehen. Es ist doch Sache der Redaktionen, für eine objektive Berichterstattung zu sorgen. Aber was Fran Zetkin mit ihrem Antrag bezwecken will, das erreicht sie nicht, sie soll mir ein Blatt unserer Provinzpresse nennen, welches im stände wäre, die stenographischen Berichte zu bringen. Das würde ja Wochen und Monate dauern, ehe die Berichte gebracht sind. Aber ganz abgesehen davon, bedarf es zur Anfertigung stenographischer Berichte'eincs großen Bureaus, denn sie können doch nicht erwarten, daß jemand hier täglich acht Stunden stenographiert. Im übrigen hatten wir ja früher eine solche Einrichtung, die Folge da- von war, daß sich die Herausgabe deS Protokolls verzögerte, daß es erst erschien, wenn das Interesse an den Verhandlungen bereits er- lahmt war. Ich bitte Sie deshalb, den Antrag abzulehnen. Und nun noch ein Wort, ein Wort des Dankes an unsere Berichterstatter ür den„Vorwärts" und das Protokoll. Wir alle haben diese Woche hindurch eifrig gearbeitet, aber mehr als wir alle haben unsere Be- richterstnttcr gearbeitet.(Allseitige Zustimmung.) Wer mit angesehen hat, wie die Genossen bis nachts um 12 Uhr saßen, um die Berichte fertig zu stellen, der muß von Dank erfüllt sein für diese Arbeit. Daß einmal kleine Unrichtigkeiten vorkommen, daß einmal eine Rede ausführlicher behandelt wird als eine andere, das bestreite ich nicht. Wogegen ich aber au? langjährigen Kenntnissen der Berichte im Namen der Betreffenden, die ja hier nicht das Wort ergreifen können. protestiere, ist, als ob man aus ihren Berichten auf eine Tendenz schließen darf. Das hat ja auch Frau Zetkin nicht gethan, aber ich halte es doch für nötig, das ausdrücklich zu betonen.(Beifall.) Fran Zetkin erklärt, daß sie ihren Antrag bereits während der Singerschen Rede zurückgezogen habe. Damit ist diese Angelegenheit erledigt. Singer macht nunmehr Mitteilung von dem Ergebnis der Wahlen zur Parteileitung. Es sind abgegeben worden 231 Stimmzettel, von denen 3 ungültig sind, weil auf 5 derselben mehr Namen als 7 für die Controleure und auf 2«lehr Namen als 5 für die Vorstandsmitglieder sich fanden; 1 Stimmzettel ist aus anderen Gründen für ungültig er- kläet worden. ES haben erhalten für die Vorsitzenden Bebel 222 Stimmen, Singer 222, Luxemburg 2, Zetkin 2, Heine 1, Schippe! 1 Stimme. Demnach sind zn Vorsitzenden Bebel und Singer gewählt worden. Als Kassierer ist(öerisch mit sämtlichen 223 gültigen Stimmen wiedergewählt worden. Als Sekretäre wurden wiedergewählt Pfannkuch mit 222 und Auer mit 133 Stimnien. Außerdem habe» erhalten Schwartz-Lübeck 81 und Molken- buhr 1 Stimme. Für die Controleure erhielten Meister 293, Briihne 154, Kaden 154, Kocncn 122, Zetkin 116, Ehrhart 119 und Mctzncr 92 Stimmen. Diese sind sämtlich gewählt. Außerdem erhielten Geyer 78 Stimmen, Blume 77, Koblenzer 75, Oertel 66, Herbert 46, Dubber 43, Ewald 39, Lipinski 39. Hofffnann 29. Baerer 28, Eitziuger 25, Lorenz 29, Geiß 12. Zictz 3, David 2, Grenz 1, Gerlach 1, Braun 1, Luxemburg 1, Sindermann 1, Adler 1 Stimme. Singer: Damit wären wir am Schluß unserer Arbeiten. Ich habe namens des Parteitages herzlichen Dank unseren hannoverschen Genossen auszusprechen, die uns nicht nur ein so schönes Fest zum Empfang bereitet haben, sondern auch während der ganzen Woche keine Mühe und Opfer gescheut haben, uns dieses Parteilokal so wohnlich als möglich zu machen.(Beifall). Ebenso habe ich einer Dankespflicht zn genügen gegenüber den Genossen, die wir in die Mandatsprüfuugskommissiön gewählt haben, und denen, die andere umfangreiche Arbeiten für den Parteitag geleistet haben! sie haben zwar einem Teil unserer Verhandlungen nicht beiwohnen können, aber doch im Dienste der Partei fleißig gearbeitet.(Bravo I) Wenn ich nun einen kurzen Rückblick auf unsere Verhandlungen werfe, so liegt mir nichts serner, als irgend etwas vertuschen oder verschleiern zu wollen, um etwa nach außen hin künstlich einen be- friedigenden Erfolg zu konstruieren. Aus vollster Ilebcrzeugung spreche ich es aus: Wir dürfen zufrieden sei» mit den Ergcb- nisscn dieses Parteitages. Wenn auch zu manchen Stunden in diesem Saale gleich einem Gewittersturme die Leidenschaften ent- fesselt waren, ivobei nicht immer die zartesten Worte gewählt wurden, so meine ich, ist das, was vielleicht die Gegner als unsere Schwäche bezeichnen, doch auch in gewissem Sinne die Stärke unserer Partei. Wenn eben nicht der Eifer und die Energie, mit der chei uns die Ansichten vertreten werden, auch äußerlich in einer gewissen leidenschaftlichen Weise zum Ausdruck kommen würden, so würde unseren Diskussionen und Beschlüssen ein Teil ihres Wertes abgehen(Zustimmung), _(Schluß im Hauptblatt.)_ i. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. Jlt.242. 16. ZKeilm des Jomtle" Mim DcksdlM Solültllg. 15. Okiobtt 1899. Die„Harmlosen" vor Gericht. Elfter Tag. Nach Eröffnung der Sitzung durch Landgerichts-Direktor Deuso teilt Rechtsanwalt Dr. Schachtel mit, daß Justizrat Kleinholz ein Schreiben des Herrn Maximilian v. Zedlitz aus Paris erhalten habe. v. Zedlitz spricht darin seine Verwunderung darüber ans, daß man sich nicht ans sein Zeugnis berufen habe. Er sei bereit, auf eigene Kosten nach Berlin zu kommen und sich vernehmen zu lassen; er fümte nur sagen, dah er seit 1834 häufig mit v. Kahser am Spiel' tisch gesessen und� nie unfair gespielt' habe.— Oberstaats a n w a I t Dr. Jsenbiel hält eine Vernehmung des Herrn v. Zedlitz nicht für notwendig, da ja schon durch verschiedene Zeugen bekundet worden, daß V.Kayser nicht unfair gespielt hat. Interessant sei m dem Briefe nur, daß schon im Jahre 1894 gespielt wurde während bisher immer erst das Jahr 1899 als Anfangstermin galt Wie man augcschoffeu wird. Einen breiten Raum in der Beweisaufnahme nimmt die Ver- tuchimmg des Lieutenants v. Neimert in Anspruch, der vor 2 Jahren einmal mit v. Kahser eine Nacht hindurch bei Albrecht gespielt hat. Als die beiden Spieler endlich am hellen Morgen das Albrechtsche Lokal verlassen mutzten, war v. Kahser der„Angeschossene". Beide Herren gingen dann in die Wohnung des Zeugen im Hotel Bristol und das Jeu wurde dort fortgesetzt mit dem Schlutzeffekt. daß v. Kahser 1� 40t) M. verloren hatte. Mit der Regulierung dieser Schuld hat es dann gehapert, v. Kahser hat dem Zeugen, wie sich aus verlesenen Briefen ergiebt, m recht dringlicher Weise um Nachsicht ersucht. In dem einen Briefe schreibt er, daß er in jener Nacht sinnlos betrunken ge- wc,cn sei und zu sehr„angeschossen" worden sei. Er befinde sich' in dringender Verlegenheit, habe in zehn Tagen seine erste schriftliche Arbeit zum Assessorexamen abzuliefern, werde selbst von seinen Schuldnern im Stich gelassen und bitte, seine Verzweiflung nicht zu vcrmchrcii. Nach der Erinnerung des Zeugen soll v. Kahser sogar gegigt haben, er sei elternlos und habe kein Vermögen. Von der Schuld sind erst 24tX) M. reguliert. der Rest von 10000 3». steht noch offen. � v. Kahser erklärt dies damit, daß infolge der Artikel im„Berl. �.ageblatt" damals auch seine Spielschuldner nicht an ihn bezahlt haben und er deshalb nicht habe einsehen können, warum er allein bezahlen solle. Der Angeklagte bleibt dabei, daß er in jener Nacht stark animiert gewesen sein müsse, da er sich sonst auf ein Spiel nicht eingelassen haben würde, bei dem die Chancen für ihn von vornherein sehr schlecht standen. Der Zeuge erwidert, datz er von si>iiilo)er Trnnkenheit des Angeklagten nichts gemerkt habe, andern» falls würde er mit dem Aiigcklagten selbstverständlich nicht gespielt haben.— Justizrat Dr. S e I l o stellt fest, datz v. Kahser zu der Zeit, als er dem Zeugen das Geld schuldig wurde, von anderen Herren über 1ö 000 M. zu fordern hatte. StuatSauwalt und Verteidigung. Nach einigen vom Staatsanwalt an den Zeugen gerichteten »ragen stellt Rechtsanwalt Dr. Schachtel den prozefsualen Antrag, datz in Gcmätzhcit des§ 250 der Straf-Prozctz-Ordnnng die Zeugen er>t im Zusanimenhange sich äußern sollen, dann den Angeklagte» Gelegenheit gegeben werde, sich zu äußern und hierauf erst dem Slaaisanivalt zu gestatten. Fragen zu stellen, damit nicht durch das jetzige Ehstem der vorherigen Befragung durch den Oberstaatsamvalt der Zeuge emseitig beeinflußt werde.— Vors.: Ist es dem Verteidiger nicht bekannt, daß nach den Grundsätze» des Acichsgerichts der§ 256 der Straf-Prozetz-Ordnung nur instruktiver Natur ist und ein Revifionsgrund daraus nicht hergeleitet werde» — Dr. Schachtel: Es handelt sich gar nicht um einen Revisionsgnind, sondern um eine prozessuale Hcindhabling nach den Grundsätzen, die der Gesetzgeber festgeftellt hat. Oberstaatsanwalt Dr. Jsenbiel legt aufs entschiedenste Ver- Wahrung gegen den Vorwurf der„einseitigen Bceinflussnng" ein. Eine solche habe ihm in seinem ganzen amtlichen Leben stets fern gelegen und er müsse die Protokolliernng der Aeutzerung des Ver- leidigers beantragen.— Dr. Schachtel: Ich habe nur eine sachliche Beeinflnssung im Auge gehabt, die der Gesetzgeber vermelden wollte.— Justizrat Dr. S e l l o tritt seinerseits der prozc, malen Auffassung des Rechtsanwalts Dr. Schachtel entgegen. Ersitzender: Ich dächte, den Angeklagten Ivird im ausreichendsten -'mize Gelegenheit zu ihrer Verteidigung gewährt. Kaum in irgend einem anderen Prozesse � dürsten die Angeklagten Gelegenheit haben, so viel zu reden, wie hier.— v. Kayfer: Ick habe mich ja auch noch gar nicht über die Beschränkung des Fragerechts beklagt.— Die Rechtsanwälte Dr. Schwindt und Pincns I. geben Namens ihrer Klienten dieselbe Erklärung ab.— Die vom Staatsanwalt beantragte Protokollierung wird vorgenommen. Herr v. Kayser als Kavalier. Auf Antrag des Staatsanwaltes wird das Protokoll über oie Vernehmung des Zeugen vor dem Untersuchungsrichter ver- leicn. Die damaligen Aussagen des Zeugen klangen recht nn- gunstig für die Aiigcklagten. Danach soll v. Kahser,'als er an Be- gleichinig der Spielschulden erinnert wurde, n. a. gesagt haben: „Sie sind aktiver Offizier und ich Civilist, Sie bekommen überhaupt nichts von mir, ich würde mich eventuell an ohren Rcgimentskommandeur wenden." d. Kahser besteitet, eine Drohung in dieser Form ausgesprochen zu haben. Er habe nur gesagt, datz, wenn ihm der Zeuge Unannehmlichkeiten bereiten würde, er dasselbe ihm gegenüber thnn würde. Der Zeuge erklärt auf dringendes Befragen des Justiz» rat? Dr. Sello, daß er nicht sagen könne, datz der Angeklagte von Kahser mit dem Regimeiits-Komnmndeur gedroht habe, und nur eine ähnliche Aeutzerung, wie sie jetzt v. Kahser gemacht habe, in Erinnerung habe. Der Zeuge bestätigt auch dem Angeklagten, daß dieser ihn wegen seiner Aeutzerung um Entschuldigung gebeten und gesagt habe, dieselbe sei nur in der Bezechtheit erfolgt. Weiter erklärt Zeuge auf einen Vorhalt des Dr. Sello, daß er nicht fagen könne, ob von Kahser gesagt habe, er habe„keine Elter»" oder nur er habe„keinen Vater". Er, Zeuge, selbst fei nicht auf Zu- schlitz angewiesen, sondern habe sein Vermögen, und habe seinen Spielanfwand stets aus seinen Einkünften bestreiten können. Der Prozeß wird zur Seeschlaugc. Justizrat Dr. Sello: Da hier nun wieder ein Protokoll ver- lesen worden ist, mit der Motivierung, datz festgestellt werden soll, was der Zeuge früher ausgesagt hat, so mutz— selbst ivenn die Verhandlung sich ins Unermeßliche ausdehnen sollte, die Ver- teidigung beantragen, sämtliche Protokolle über die Vorvernehmung aller Zeugen in Gegenivart der wieder herbei zu citierenden Zeugen zu verlesen, gleichfalls um festzustellen, was diese aus- gesagt haben und unter welchen Umständen dies geschah.— Oberstaatsanwalt Dr. Jsenbiel: Ich kann der Verlesung nicht widersprechen, selbst wenn die Verhau dl nng 0 Wochen danern sollte.— Justizrat Dr. Sello: Die Berhandlnng würde wohl ein Vierteljahr dauern, denn sämtliche Zeugen müßten wieder hierher kommen.— Oberstaatsanwalt: Der Antrag nnitzte doch mindestens genauer fubstantiiert werden. Soweit die Zeugen bereits entlassen und nicht mehr zur Stelle sind. ist der Gerichtshof jedenfalls Herr seines Willens.— Justizrat Dr. Sello: Wir haben ein sehr lebhaftes Interesse daran, event. an anderer Stelle eine Entscheidung darüber herbeizuführen, ob eine derartige Substituieruiig der Hauptvcrhandlung durch die Voruntersuchung statthast ist oder nicht. Einer einseitigen Auswahl der Zeugen,' deren Ver- nehmung vor dem Untersuchungsrichter verlesen werden soll, würden wir nicht zustimmen: dann wollen wir doch lieber in �jähriger gemeinsamer Arbeit alle Zeugenaussagen rekonstruieren.— Ober» staatSanwalt: Ich habe gar nichts dagegen und bitte nur um genaue Formulierung des Antrages.— Justizrat Sello: Wir haben auf die Protokolle nicht zurückgegriffen, weil nach den darüber gepflogenen Verhandlungen eigentlich ein stillschweigendes Abkommen darüber vorzuliegen schien. Da aber der Staatsanwalt von diesem Verfahren wieder abgewichen ist, so müssen wir aus unserer Reserve auch heraustreten. Verlesen oder nicht verlesen. Rechtsanwalt Dr. Schwindt: Namens meines Klienten soll ich erklären, datz dieser eine Verlesung der sämtlichen Protokolle nicht für nötig hält, da nach seiner Meinung trotz aller Protokolle für die Entscheidung doch nur matzgebend sein kann, was die Haupt- Verhandlung erbringt und Ivos die Zeugen hier aussagen.— Vors.: Ich habe schon wiederholt betont, datz für den Gerichtshof nichts anderes maßgebend sein kann, als was hier ausgesagt Ivird. Wenn Protokolle verlesen worden sind, so geschah dies nur, um das Gedächtnis der Zeugen zu stärken.— Der Vor- sitzende fragt den Angeklagten von Kahser, ob er selbst dem Autrage des Verteidigers beitritt und die Verlesnng der sämtliche» Protokolle ivnnscht. Der Angeklagte erklärt, daß er zu diesem Zweck zunächst sich eingehend mit sciiiein Verteidiger be- raten müsse. Dazu soll die am Montag stattfindende Unterbrechung der Verhandlung benutzt werden. Der Zuchthans-Gentlema». Hierauf wird Rechtsanwalt Wronker als Zeuge aufgerufen, der die Verteidigung des Wolff in dieser Anklagcsache übernommen hatte. Auch er' bestätigt, das Wolff ans jeden Unbefangenen einen vorzüglichen Eindruck ,' den Eindruck eines vollkommenen Gentleman machen müsse. Er habe ihn für einen wohlhabenden Mann gehalten. Nach Wolffs glaubwürdig erscheinenden Angaben sei er mir sechs bis acht Mal in! Centralho'tel gewesen und mit den Angeklagten nicht in intimen Verkehr getreten. Rechtsanwalt Dr. Schachtel: Weiß der Herr Zeuge vielleicht, warum. Wolff, wenn er das Bewußtsein hatte, nichts Böses begangen zu haben, entflohen ist?— Rechtsanwalt Wronker: Aus einem an feine Ehefrau gerichteten Briefe ist folgendes zu ersehen: Er hatte wohl die Befürchtung, daß nach dem„Tagcblatt"-Artikcl ganz kolossale Sache» sich entwickeln und er selbst wegen seiner Vergangenheit verhaftet werden würde. Eine längere Haft glaubte er bei seiner zerriitteten Gesundheit nicht aushalten zu können.— Oberstaatsanwalt: Woher kam dieser Brief?— Zeuge: Das kann ich Ihnen nicht sagen, das weiß ich nicht. Ich erhielt ihn aus den Händen seiner in Charlottenburg wohnenden Frau. Der Brief ist vorsichtigerwcise nur datiert:„30. 12. 98".(Heiterkeit.) Der Zeuge verliest luiteb Hinweis auf seine Pflicht der Amtsverschwiegenheit ans dem Briefe Nur einzelne Stelle», in welchen es u. a. heißt: Man habe ans der Mücke einen Elefanten gemacht, er sei so gemein verleumdet worden, daß er nicht mehr wagen dürfe, auf die Straße zu gehen. Neue Friktiouc». Es werden mehrere Zeugen vernommen, die nicht wesentlich anders aussagen, als die übrigen Zeugen: sie haben nichts Ver- dächtiges beim Spiel bemerkt, die Angeklagten haben gewonnen und verloren, man kann nicht behaupten, daß sie unfair gespielt haben. Dem Augeklagten v. Kayser wird sogar von einem Zeugen das Zeugnis ausgestellt, daß er ein sehr'nobler Spieler gewesen sei. Auch über die hohen Verluste einzelner Personen werden noch Mit- teilungen gemacht. Insoweit daraus belastende Folgerungen gezogen werden sollen, wird ihnen seitens der Verteidigung mit der Be- merkung begegnet, daß große Verluste auch in anderen Kreisen vor- kommen und G r a f Z e ch im„T u r f k l u b" b e i s p i e l s w e i s e über 100 000 M. verloren haben soll.— Bei der Vernehmung eines dieser Zeugen kommt es wieder zu einer lebhaften Scene. Rechtsanwalt Dr. Schachtel tritt lebhaft einer Nnffassnng des Vorsitzenden über eine Stelle dieser Zeugenaussage entgegen. Der Vorsitzende erklärt energisch, daß er sich diese Art und'Weise ernstlich verbitten müsse und im Wiederholungsfälle den Gerichts- Hof wegen Vcrhängnng einer Ordnungsstrafe befragen werde. Er wisse, wie die Mitglieder des Kollegiums über das Verhalten des Verteidigers denken.— Rechtsanwalt Dr. Schachtel erklärt, datz er keineswegs persönlich sich gegen den Vorsitzenden gerichtet habe, sondern nur sachlich die Interesse» seines Klienten wahrnehmen wollte.— Nack der Pause macht der Vorsitzende be- kannt, datz er zu seinem Bedauern gezwungen sei, die Ver- Handlung abzubrechen, da durch den Gerichtshof geschäft- liche Angelegenheiten von unaufschiebbarer Wichtigkeit zu erledigen seien.(Es handelt sich dem Vernehnicn nach um eine durch die lange Dauer dieses Prozesses not'.vcndig gewordene anderweitige' Verteilung der laufenden Geschäfte). Dann erbittet sich Rechtsanwalt Dr. Schachtel noch einmal das Wort: Der Herr Vorsitzende hat vorhin der Androhung einer Ordnungs- 'träfe die Bemerkung hinzugefügt, daß er wisse, wie die übrigen Mitglieder des Richterkollegiums über mich dächten. Ich möchte fragen, ob sich dies auf meine Person beziehen soll, und im Falle einer nicht zufriedenstellenden Erklärung die Bitte aussprechen, den Vorgang zu Protokoll zu nehmen.— Der Präs. erklärt, datz weder er noch ein Mitglied des Kollegiums gegen die Person des Verteidigers das ge- ringste einzuwenden haben, daß aber die Anträge des Verteidigers nach Ansicht des Gerichts mitunter lästig fallen.— Rechtsanwalt Dr. Schachtel: Es handelt sich also'nur um einen sachlichen Zwiespalt?— Vors.: Ganz gewiß.— Dr. Schachtel: Dann bin ich zufrieden. Die Sitzung tvird hierauf geschlossen und die Fortsetzung der Verhandlung aus Dienstag, den 17. d. M., vormittags 9 Uhr, anberaumt._ mimH und UMWenfihaft. Baumeister Solueß.(Berliner Theater.) Die Leute sind ja nachgerade ausgestorben, die Ibsen für ein unsittliches Jndividium hielten. Wenn Dichter sich einmal durchgesetzt haben, kann die Welt nur schwer begreifen, wie man einst mit leidenschaftlichem Haß gegen 'ie vorging. Um vollends Ibsen der Unsittlichkeit zu zeihen, müßte man— wie uns heute, scheint— über einen Mut ver- ügen, der nicht eben zu bewundern wäre. In Wirklichkeit nid es gerade sittliche Probleme, die ihn am tiefsten bewegen. Er ist nie scharfsinniger, nie unerbittlicher, nie strenger, als wenn er Fragen des Gewissens behandelt. Die Stellen, die von sittlichen Dingen handeln, gehören in ihrer dunklen Schönheit vielleicht zum Besten und Wertvollsten, das in seinen Dichtungen überhaupt zu finden ist. Danach fragten aber die Leute nicht, die ihn als unsittlich zum Scheiterhaufen verdammt wissen wollten. Sie handelten einfach, wie auch die Leute handelten, die vor ihnen Hebbels„Julia"' ein„unsittliches Produkt" nannten. Sic saßen in einein sogenannten„traulichen Verein", wo die Poesie von Julius Wolf vertreten wurde, und kreischten entrüstet ans, als Ibsen den Schleier fortritz und die Fäulnis zeigte, die unter der„Tranlich- keit" lag. Sie saßen an einer üppigen Tafel, wo die Moral durch das Strafgesetzbuch und die Lebensfrende durch Blnmenthal vertreten wurde. Was Wunder, datz sie peinlich berührt wurden, als Ibsen ihnen den Toteuschädel auf den leckeren Tisch setzte. Da mm in Deutschland der Vorwurf der Unsittlichkeit immer am sichersten tötet, riefen die erschreckten Schwelger„unsittlich, unsittlich" und Blumenthal murmelte in seiner Verwirrung überdies noch etwas wie„Lebensfreude". Möglich wird der Vorwurf der Unsittlichkeit Dichtern wie Ibsen, Hebbel, Kleist gegenüber immer durch den Um- stand, daß sie die Verwesung und'Verwilderung der Lust nicht zeigen können, ohne uns erst die Lust vor die Augen zu bringen. „B a u in e i st e r S o I ii e ß", mit deni uns das„Berliner Theater" erfreute, ist die ergreifende Tragödie eines Künstlers, der schließlich— ach, die Unsittlichkeit!— daran zu Grunde geht, daß er ein zu feines Gewissen besitzt. In dieser ergreifenden Symbolik zeigt Ibsen, wie er den„Dämon Künstler", der in seiner Brust haust, immer wieder und immer wieder nnt niciischlichem Leben und Glück gefüttert hat. Er hat es aber nicht naiv gethan. Baumeister Solnctz that mit schlechtem Gewissen, was er that. Nun, da graue Fäden sich durch sein Haar zu ziehen beginnen, peinigt ihn das Ge- wissen immer stärker. Es ist eine Furcht über ihn ge- kommen: die Furcht vor der Wiedervergeltung. Die Jugend wird an ihm die Rache vollziehen. Sie wird seine Kllnstlerhcrrschaft brechen und als verachteter, überwundener Mann muß er dann den Ruhm büßen, den er mit Menschenopfern erkaufte. Er fühlt die Kraft nicht mehr, mit der Jugend zu ringen und gerade in dem Augenblick tritt ihm ein junges Weib entgegen, die ihm in einem letzten Rausch die letzte entscheidende Kraft geben kann. Hilde Wangel ist ein wildes, ungebrochenes Weib, die das Königreich seiner Liebe von ihm verlangt. � Er jubelt ans in jungem Glück. Er will nicht mehr Kirchen bauen, nicht mehr Heimstätten für Menschen, sondern nur noch Schlösser, die von irdischer Macht und Herrlichkeit reden. Aber der Rausch verfliegt: er kann nicht mehr. Rücksichten hier und Rücksichten dort und Rücksichten an allen Enden. Baumeister Solnetz ist nicht schwindelfrei. Wie er die Höhe erklimmen will, stürzt er herab und zerschmettert sich den Schädel. Er hatte kein Vikingcrgcwisscn. In der Darstellung erfreute Stahl durch seines und kluges Spiel. Frau P r a s'ch- G r e v e n b c r g zerriß sehr häufig die Jbsen-Strmmung durch einen groben Provinzton, der über das Ge- sprach hinausschrie und Herr Bassermann endlich charakterisierte eine episodische Figur mit so krassen Mitteln, daß einem voni bloßen Hiuschen die Augen weh thnn konnten. E. S. Mnrkkprrisc von Berlin am II. Oktober 1.899 nach Erinittelinigen des kgl. Polizeipräsidiums. "Meizen D.-Ctr. »)Roggcii Futter-Gersle„ Hofer gut „ mittel„ .. gering Nichistroh He» h) Erbsen„ hsSpeisebohiien ,, -f)Linscn Kortoffel«, neue Rindfleisch, Kenle 1 bg do. Bauch„ ) Eriuiiielt pro 1kg 60 Stück 1 kg per Schock 1,60 1,60 1,60 2,80 4,50 2,20 2,80 2,60 2,- 1,80 2,80 1,40 12,— 1,10 ],- 1,- 2,- 2,80 1,20 1,20 1,20 h- 0,80 1,40 0,80 2— 15,30 14,70 Schweinefleisch 15,30 14- Kolbsleisck 14,40 12,80 Hammelfleisch 15,20 14,50 Butter 14,40 13,70 Eier 13,60 13,-- Karpfen 4,50 4,16 Aale 0,90 4,20 Zander 40,— 25,— Hechte 50,— 25,— Bariwe 70,— 30,— Schleie 7,- 4,- Bleie 1,60 1,20 Krebse 1,20 1,- Töinie«oh der Ceniralslelle der Preiiß, Landwirt- schasiSkammcrii— Nolierniigsstelle— und umgerechnet vom Polizeipräsidiiini für de» Doppel-Ceiitner., ,,, t) Kleinhandelspreise. Prodnkteninarkt vom 14. Oktober. Nachrichten ans den östlichen Provinzen über unbcfriedigcudeii Ausfall der KartossclcriUe kamen den Getreideprcisen zn gute. Weizen und Roggen waren je 50 Pf. höher ge- halten. Das Geschäft war sehr klein, nur für Roggen zeigte sich einige Frage aus dem Osten, Hafer lag vernachlässigt, konnte jedoch seine letzten Preise nomiiiell behaupten. Am Rübölmarkte trat nach der letzttägtgen Haiifsevewcgmlg ein leichter Rückschlag ein.— Am Spiritus markt blieb sowohl Termin- als auch Locoware ohne Notiz und Handel, Städtischer Schlachtvieh markt. Berlin, 14. Oktober 1890. Amtlicher Bericht der Direktion. Zum Berkauf standen: 4149 Rinder, 970 Kälber, 10 637 Schafe, 9975 Schweine. Bezahlt wurden für 100 Psund oder 50 Kilogramm Schlachtgewicht in Mark sbezichungowcise für 1 Psund ln Pf.): Für Rinder: Ochsen: a) voNfleischigc, aiisgciiiästete, höchsten Schlachtwertes, höchstens 7 Jahre alt 62—66, b) junge fleischige, nicht ausgemästete und ältere ausgemästete 57—61; c) inätzig genährte junge und gut genährte ältere 53—55; d) gering genährte jeden Alters 50—52.— Bullen: a) voll fleischige höchsten Schlachtwertes 61—64; b) mätzig genährte jüngere und gut genährte ältere bö— 59; c) gering genährte 50—53.— Färsen und Kühe: a) vollfleischige, ausgemästete Färsen höchsten Schlachtwerts 00—00; b) vollfleischige, ausgemästete Kühe höchsten Schlachtwertes bis zu 7 Jahren 54—55; c) ältere ausgemästete Kühe und wenig gut entwickelte jünger« Kühe und Färsen 52— 53; d) in äst ig genährte Kühe und Färsen 50—52; s) gering genährte Kühe und Färsen 46—49.— Kälber: a) feinste Mastkälber(ffiollmUchrnnst) und beste Saugkälber 77—80, b) mittlere Mastkälber und gute Saugkälber 74—76, o) geringe Saugkälber 69—71, d) ältere, gering genährte Fresser 43—50.— Schafe: a) Mastlämmer und jüngere Maschannnel 63—66, b) ältere Masthannnel 55—60, o) mästig genährt« Hammel und Schafe(Mcrzschafe) 47—53, d) Holstemcr Niedernngö- fchafe(Lebendgewicht) 26—32.— Schweine: für 100 Psund mit 20 Proz. Tara, a) vollfleischige der feineren Rassen und deren Kreuzungen im Alter bis zu l'/t Jahren 49—00, b) Käser 49, o) fleischige 47—48, d) gering eutwickeltc 44—46, e) Sauen 43—44. Verlauf und Tendenz. Das Rindergcschäft wickelte sich rege ab, es bleibt nur ein kleiner Ucbcrstand, Der Kälberhandel gestaltete sich glatt. Bei den Schafen war der Geschäftsgang glatt; es bleibt nur wenig magere Ware unverkauft. Der Schweineiiiartt verlief ruhig und matt, wird auch nicht ganz gcräuuit.. Ständiges Repertoire. Neues Theater. Bis Donnerstag: Colinettc. von Freitag ab: Ein unbeschriebenes Blatt. Neues kgl. Opern- Theater. Diesen Sonntagabend: Madame Sans-Gsnc. Nächsten Sonntagabend: Torquato Tasso. Lessing-Theater. Als ich wiederkam. Residenz- Theater. Jagdfreudcn und Familiensouper. Central-Theater. Die Geisha. Thalia-Thcater. Der Platzmajor. Bictoria-Theater. Die weist« Henne. Ostend-Earl Wrih-Theater. Der Weltuntergang. Fricdrich-Wilhelmstädtisches Theater. Der Klub der Harmlosen. Soniitags-Nachinittags- Borstellungen: Sonntag.>15. Oktober. Deutsches Theater: Versunkene Glocke. Berliner Theater: Pfarrer von Kirchfeld. Lessing- Theater: Im weisten Röhl. Residenz-Theater: Schlafwagen- Controleur. Neues Theater: Kiwito. Theater des Westens. Wast'enschmied. Schiller- Theater: Romeo; und Julia. Central- Theater. Bogelhändler. Victoria- Theater: Dorf und Stadt. Lnisen-Theater: Kcan. Fricdrich-Wilhelmstädtisches Theater: Der Trompeter von Säkkingen. Ostend-Carl Weist-Theater: Faust.(Frei« Volksbühne.) Metropol-Theater: Berlin lacht. SoniUtmiioliMtifdKt Jüaljluftfi« fiit sei 4. Verl. ReichstaM-Mhllnns iTid-Li» Dicnötng. de» 17 CEtubcr,»bcuds 8 im LuktUe des Herrn«»-aui»»»«, Nnuuhnstr. S7i General-Persaminlttttg. T a g c S-- O r d» u ii l,: I. Bericht deS Vorstandes. 2 Bericht dcö Kassierers Z. Wahl dsS ffesniiiteii Vorstandes. 4. Vortrag des Genossen Huit* Mnpkwalel tider:»Das Problem der Krauenfrage«. S. Tiökussio». 6. Vereins- Llngelcffcnhcitcn. 243/11 Nur Mitglieder haben Zutritt. Mitgliedsbuch legitimiert. Die Ver- saminlnng loird pünktlich erössnct. Zahlreichen Besuch erwartet Vop Vorstand. Kglllildmokratischer Wahlvereln für den 5. Berliner Reichstags-Wahlkreis. Freitag, de» 20. Oktober, abends 8'/- Uhr. im„Nosenthaler Hof«, Nosenthnlerstr. U-12: General- Versammlung. TageS-Ordnung: 24o/14 1. Bericht des Vorsitzenden, deS Kassierers und der Revisoren. 2. Dis- iussion. 3. Neuwahlen des Aesamtvorstandeö und der Revisoren. 4. Vereins- angelegenheiten. Um zahlreichen Besuch der Mitglieder ersucht ver Vorstand. ßeiitniliifriiiiii! der Äiittckure. Mliale Berlin. Montag, den Ili. Oktober, abends 8 Uhr, bei Itnsko. Grcundierstr. ZZ: Geueral-Versammlung. Tagesordnung: i. Abrechnung vom 3. Quartal. 2. Unsere gc- schastliche Lage. L. Stellungnahme zu den in der Kunststein-Fabrik Hydro, Stralau, beschäftigteu Stuccatcuren. 4. Verschiedene Anträge in Sachen Steinarbeiter. 188/5 Erschetnen aller Mitglieder notwendig. Mitgliedsbuch legitimiert. ______ Per Vorstand, Deutscher Holzarbeiter-Verband Vmliche WiikModtiiiegtt. A! v» t a g, den IL. Oktober, abends 8 Uhr: V in in I iRii g"HW in den„Tpreehallen" an der Moabiter Brittte. Tagesordnung: Abrechnung vom Fonds: Bericht der Kommission', Ersatzwahl zur Centraltommisston und Verschiedenes. 122/19 Um zahlreichen Besuch ersucht vre Kommission. Montag, den 16. Oktober 1899, abends Punkt S1/» Uhr s Bezirks-Versammlung siir Westeil itiiii Tiid-Westen im Lokale der Brauerei von Habel. Bcrgmauuftr. 5—7. Tageö-Ordnung: Wie stelle» wir uns zu den PreiScrhöhnngen der Herren .Holzbearbeititugö-Fabrikguten? Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung ist es besondere Pflicht der Kollegen, zu dieser Versammlung zu erscheinen. Iii«; Bc/.irkslcltan{jk Verein der Arbeiter der Zlrbeiterinnen der Wäsche- und Kravattenbranche. Dienstag, den 17. Oktober 1899, abends 8V- llhr, bei Bnsk«, Grenadierstr. 3S: VersaMimluiig."Wf Tages- Ordnung: t. Vortrag des Genossen Wit» über: Religion und Wissenschaft. 2. Diskussion. 3. ViertcljahrcSbericht. 4. Vorlage des Borstandes Über Eillführiing einer Kranrenniiterstützuiig. 5. Verschiedenes(Angelegenheit der Kollegen Rose und Stern). 251/6 Zahlreichen Besuch erwartet Der Borftand. üttitönil Ufr ironpiirf, Cistleurk »»d berw. Bcrufsgen. Deutschlands. Filiale Berlin. Dienstag, 17. Oktober, abends 8'/s Uhr, im Dresdener Garte», DreSdcncrstr. 45: Generalrersammlima der Filiale fierlin. Tages-Ordnung: l. Geschäftliches. 2. Bericht des Vorstandes. 3. Bericht über die Be- Wegung der Ciseleure. 4. Verschiedenes. 128/1 J08F* Sonntag, den 29. Oktober, findet im„Dresdener Garten" ein Vortrag mit Damen statt über:„Das Problem der Franeufrage." Referent Genosse M a r ck w a l d. Nach dem Vortrag: Cemütllche» Bal- samm ensein und Tanz. Zahlreiche Beteiligung erwartet______ Der Vorstand._ Tapezierer! Am Dienstag, de» 17, Oktober, abends SVa Uhr, Ouartais-Versaululsung beider Nlialeil. Filiale Nord: Bi-nnnrnst»-. 188. Filiale Güd: Bai'kxparoa- strass« 83, vis-a-vis der Junlerstrahe bei Lorenz. Tages-Ordnung beider Filialen: 1. Vortrag. 2. Bericht des Vorstandes und des Kassierers. 3. Ver- schiedcues.— Mitgliedsbuch legitimiert. 173/9 Achtung! Töpfer« Achtung! Dienstag, den 17. t. M.. vormittags 10 Uhr. bei»toedoi*, Zludreasstr. 21 Oesfenkl. Verfamiitlnng der TOpfer Berlins und Umgegend. Der Aland uns««S Attkirs* 0 r 0 n' 193/18 BK- Jeder Kollege ist verpflichtet in dieser Versammlung zu erscheinen. mr�-Die Lohnkomnnftion. AWssil! Wedding. Großer Frauen-Bortrag im„Neue» Naturheilverein" Charlottenbura» Berli« in,„CUsHnor Hof", Berlin V., CUslinerstr. 8. Montag, den 16. Olltoder. abends 81- Uhr spricht Wvl. H. Kube, Natttrheilkundige übet; (12861 Die LebeMeise linieret Männer, ihr Ninflnß uns hie Gtsnnhheit der Kran und der Familie. Nur für Frauen und Mädchen reifere« Alters. Entree 15 Pf, für Gäste.(1236) v«» Vormtuna. Heute naehmlttag 21/, Uhr im Ostend-Theater IV. ALteilnng: Goethes Faust. d Die nächste 3. Serie der Vorstellungen findet gleichfalls im q Ostend-Theater statt. Zur Aufführung gelangt äM. Dreyers Drama-„Winterscmar".— Die Generalversammlung ist am Donnerstag, den 26. Oktober er., abends 8 Uhr, in Cohns Festsälen, Beuthstrasse. Tages-Ordnung: Verwaltungs- und Kassen- Sbericht; Bericht der Revisoren. Um zahlreichen Besuch bittet 231/8 Der Vorstand. I. A.: G. Winkler. Achtung!"WU EMT Achtung! Kliinnilliililivlililrr des 38.. 40. unH 47. Willis. Am Dienstag, den 17* Oktober 1899, abends Uhr: Oeffentliche Kolill>«lil«öhItr-fItlslilglgI»Stg in folgende» Lokalen: Für den 38. Bezirk: Hnniboldtsäle, Hussitcnstrabe 40. Referent Herr Stadtv. Bruns. Für den 40. Bezirk: Milbrodt, Müllerstr. 7. Referent Herr Dr.(£. Frendenberg. Für den 47. Bezirk: Glcinert. Schulstrabe 29. Referent Herr R. Augustin. TageS-Ordnung: I. Der Freisinn Im Roten Hanse. 2. Diskussion. 220/5 Um zahlreiche» Besuch und rege Agitation für diese Versaiiimluiigeii ersuchen Die Wahlkomitees. Achlung! MAURER. MIuiib! _ Dienstag, den 17. ds. Mts., abends 8 Uhr: Kl Milglieder-Vensammlung A der Zahlstelle Berlin» des Central-Berdnndes deutscher Mnnrer in„Cohns Festsälen", Beuthftr. 20—21, Tages-Ordnung:„Das Recht auf Arbeit-. Referent: Kollege B. Wlnaler. gäbe der letzten Baukontrolle und Gewerkschaftliches. Ilm gnteii Besuch bittet_ Die Berbandsleitung. i A.: 2. Bekannt- 137/13* Karl Panscr._ Achtung, Sattler! Dienstag, den 17. Oktober, abends SV, Uhr» bei«plegelberg, Sebastiaustr. 89: Oeffentliche Versammlung aller in der Militäreffekten-Branche beschäftigten Personen Tagesordnung: 1. Vortrag:„Wert der Specialisiernng der Organisation im Verbände". 2. Gründen wir eine Filiale der Militär- effetten-Satller? 6. Diskussion. 4. Verschiedenes. 157/13 Kollegen! Es ist Ehrenpflicht eines jeden, dafür zu sorgen, daß kein Militäreffektcn-Sattier in dieser Versammlung fehlt. Agitiere jeder für den Besuch der Bersaniinluiig. Die Agitationskommiffton für die Provinz Brandenburg, Achtung: Achtang! A.Vlll.Uiaj£» �m-V-MS.aasa�* W ünbihpntzev nnd Vlattennnfsteller. Mittwoch, den 18. Oktober, abends 8 Uhr, im Lokal von Fener.teln Alte Fakobstraße 75 Tages- Ordnung: 1. Situationsbericht und Abschluß unserer Bewegung. 2. Verschiedenes. 264/4 Die örtliche Berwaltung. Verein dentscher Schuhmacher Montag, abends SVoUhr, bei Cohn, Beuthstrah« Nr. 80/81: Bezirks-Bersammlung des Westens. Tagesordnung: 1. Dortrag. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes.(170/11 Zahlreiches und pünktliches Erscheinen erwartet Bio OrtsverwaUnng. Arbeiter- Bildnngs- Schule Heu eröffnet! Bad Kord- Ost, Pintschstr. 16, unweit der Pctcröbmuerstraße nnd Landberger Allee, Pservebahn-Ver- büldung, empsiehlt säintl. medizinische Bäder(wie russilch-römisch, Sool-, Schwefel- u. Heißluft-, mit gewissen- hafter Massage, zu soliden Preisen. Für Damen und Herren zu jeder Tageszeit.) 147b R. Tchmidt, Besitzer der Bade-Anstalt Pintschstr. 16. Zahn-Klinik Vr. iSK «tau Olga Jacobson, J„»alidenstr. 145 �5/19*] Unserem alten Parleigenossen, dem Holelbesitzer Carl Caede, Fenn- siraße 17, genannt..Raupenfraft", zu seinem heutigen Geburtstage ein dreinial donnerndes Lebehoch, daß die ganzen Eognacpullen Polka tanzen. 182b Seine alten Bezlrksgenossen. Todes-Auzeige. 'Am II. d. M. verschied nach langen Leiden unser lieber Sohn, der Kauf- mann Gustav Huppke. Um stilles Beileid bitten 190b ssr. Huppke, Fliesenleger, nebst Frau und Geschwister, Am Friedrichshain 32. Die Beerdigung findet Sonntag, den 15. d. M, nachm. 3 Uhr, von der Leichenballe deS Freireligiösen Friedhofes(Pappel-Allee) aus stall. Deulscher Metallarbeiter- Verband (Verwaltungsstelle Bertin). Todes- Anzeige. Am Donnerstag früh 2 Uhr starb unser Mitglied, der Schlosser tfelurlcii Kossmaon. Die Beerdigung findet heute Sonn- tag, den 15. d. M., nachm. 4 Uhr, von der Leichenhalle des St. Pauls- Kirchhafes aus statt. 114/16 Dle Ortsverwaltnng. Turner. Der teilt„Fichte� (Mitglied des Arbeiier-TunierbuiideS) hat seine 9. Männer- Zlbteilnug eröffnet. Dieselbe turnt jeden Diens- tag- und Freitagabend von 8 bis 10 Nhr Wiiüi'rflrnfie 158(Ecke Trieftstraße). Zahlreicher Zuspruch sehr erwünscht. 269/17 AmtenbrillllZ ce.tsaie, Frankfurterstruße 58. Empfehle meinen Saal mit Theater- Bühne für 250 Personen zu allen Festlichkeiten und Versamiiiluiigen, sowie große und kleine Vereinszimmer. äuck sind noch Sonnabende xu vergeben. Jeden Mittwoch und Sonn- tag Tanzunterricht, nachdem Ge- fellschaftsstunde. 2755L* Sotiaidemokrattscher Wahiverein Dienstag, de» 17. Oktober, abend? 9 Uhr. im Lokal des Herrn Pantrn. Frankfurter Allee Nr. 174: Oictiefol- Dortnininlung Tages-Ordnung: 1. Vortrag über:„Die Forischritte der modernen Krankenpflege und daS Proletariat". Referent Br. med. Panl Bernstein. 2. Diskussion. 3. Kassenbericht. 4. Verschiedenes. 14/13 Um zahlreichen Besuch ersucht Ber Vorstand. llliiiiiipfmii„Mehr Licht!" Heute Sonntag, den 15. Oktober, in HolTmanns Festsälen, Sklexanderstrahe 37c: 120/«« Wmj dcs(ämftn 5t. Mth«ber: Me best Nachher: Gemlttllehes Beisammensein und Tnns. l .■4 Gäste willkommen. Elektrotechnik. = Neuer Abendkursus der„Elektra" I Mittwoch, den 18. Oktober 1890, abend» 8 Uhr, für Elettromonlage, Jnstallatioii u. Maschinensach, Zeichnen u. Algebra. Aelteste u. einzige Lehranstalt auf wlssenachattl.- prallt. Crundlage. Keine Vorlenntnisse— glänzende Resultate. Praktische Abendlurse im elektrotechniichcn Laboratorium. , Diplomzengnis— StellnngsnachweiS. I Anmelbnngen schleuniglt persönlich, auch Sonntag» bi» 1 Uhr. Prlnsenstrasse Wo. 66.— Prospekte gratis und sranco. Der Üuterricht beginnt in 8»»�,»..��......___ 16. Oktober; STatlonal- Oekonomle Donnerstag, den 19. Oktober; Gesohlcbte Freitag, den 20. Oktober.— Jeder Kursus erstreckt sich auf 10 Abende und beginnt pünktlich um O Chr nnd endet pünktlich um ViH Chr. Die reichhaltige Bibliothek ist an diesen Abenden von 8—9 Uhr geöffnet. r«—-- �r0 Monat 25 Pf; d»s Unterriehts- _ LKJ XU.MSXi»>-— V~.------- »----.-------- pro Kursus 1 M. und ist spätestens am sweiton Abend zu zahlen, Der erste Abend jedes Kursus steht jedermann zum unentgeltlichen Besuch frei, 6/4 Die Aufnahme neuer Mitglieder und Schüler erfolgt— am besten bei Beginn jedes Kursus— im Schullokal Bossstr. 3 und in nachstehenden Zahlstellen: Bottflr. Mohulz, Admiral- strasse 40a; Benl, Barnimstrasse 42; Bcblller, Bosenthaler- strasse 57- Krause, Müllerstr. 7 a. Alle Zuschriften sind an den Vorsitzenden Hermann I.ainnie, Berlin S. 59, Blasenhaide 72, Hofl. 4Tr., Goldsendungen an den Kassierer H. Ktfnlgs, Berlin S. 59, Dieffenbachstrasse 75, ~— r,r------ J— Ber Vorstund. Querg. IV, zu senden.__________ Berliner BrotFabrik H. Bobel jr., Müllerstr. 11. Hiermit die Erklärung, daß wir nicht, wie im Versammlung»- bericht vom 12. Oktober gesagt, organisierte Arbeiter ihrer Besinnung wegen entlassen, noch auch Lohnreduktionen eintreten lassen. Diese Gerüchte, welche unseren Arbeitern htnterbracht find, erklären wir al» Völlig unwahr. I. F.: I».»odnl Jr* *Hngarmin med. Vi Ausbruch aL. M.2, 6 Liter-Korbflasche M. 8,76. Rum Ko. 3. Fatzon ca. 6V V« stark a Liter Mk. 1,—. 5 Ltr. M. 4,50, 10 Ltr. M. 9,-,«1 Jamaica-Rum. echt U. echt VsnehBttt a Ltrfl. Mk. 1,60, 2,10, 3.10. Glühwein- Extrakt, aoioezeichaet in Gnsehmaok nnd Aroma. a Liter M. 1,30, 5 Liter M. 6,60, 10 Liter M. 10,-.. Eugen Neumann& Co. Berlin SW, 13, Amt 4, 9676. Verkaufsläden; Belle- Allianoeplatz 6 a, Amt IV, 3679. Wilsnackerstrasse 25. Amt U, 2632. Neue Friedhohstr. 81.— Orauionstr. 190.— Genthinerstr. 29. Kommandantenstr. 07.— Grüner Weg 66.— Elsasserstr. 19. Schöneberg, Hauptstr. 129. Oharlottenburg, Kaiser Fnednchstr. 48 1 Auflösung 1 W meines seit 25 Jahren bestehenden Geschäftes. W Ausverkauf des gesamten Warenlagers von Teppichen, Möbelstolfen, Gardinen, Portieren, Steppdecken«e einschliesslich der noch abzunehmenden Waren. Verkaufszeit; Vorm. 9—1, Nachm. 3—8 Uhr enorm billigen, streng festen Preisen. Oranien-Strasse 48, Eckhaus der Luokauaratr. ku«ruuaiu"'»' S. l iigser. Raufen Sie keine Herreu- und Kuabeu« Garderoben ehe Sit nicht meine Läger in fertigen Sache» und billige« Preisen gesehen haben.— Meine Mah-Sachen errege« Bewunderung, svwohl hinsichtlich de» Sitze» wie der Billigkeit. Siro«, reell« Bedienung. 27466» n. Gross, verlin, Aaftanien-Allee 43. Chausseestr. 62. HeriT1?,:J*®icktots von 9 Mark bis 45 Marhi Chausseestr. 62. von 12 Mark bis 50 Mark. Chausseestr. 62. von 2l/2 Mark bis 20 Mark. Chausseestr. 62. Anfertigung nach Mass von 30 bis 65 Mark. ßotaüaknder 19 OO i«cd. CO tlfg.- Porto: 10 ffg. Au-Z dem AnHall heben wir hervor: Zuiii«iirgerlichen«rlrhdnch iWcrlverlrag, Miethivertrag. AiechtKftellung der Ehefrau und Sherechr. uneheliche Kinder, Erb- recht).— Die pelchitsgilvahlen von 1SHS mit Angabe der in jedem Wahl- kreise ans jede Partei abgegebe- neu Stimmen, unter Beifügung der soiialdcmorralilchen Siiimueu und Prazeutsütze von i«9Z.— Portrait» uud Liograyhlm der nmaldenioirralischen ürickstags■ Zidgrordnrteit. — Die soiiaidrwoltratifchc» raiidtageabgrordartcn in den rinirlnen Lnudesbaaten.— Adrelfen und Amlsdeiirde der kaüriiiilifpektorril, der beul- scheu«ZrwerkschaN�Nrganil'». tiaurn»nd Ardeiterseiiretariate, tSediihrentarise für Telegramme, Porlalaren, Einnahme» und AnSgabetabellen ec. Wie die früheren Jahrgänge dürfte auch der für lgoo ferne Freund« be- friedigen. Ter B-rlag war tn«b-lon> der« destredt, auch den die« fahrigen Kalender zu einem prshtlzchen Itachzchiagediich für Gcwerhsdjaften ch SU gestalten. jb Buchhaudlunz Borwärt» Seil!« SV,,§cutl)ftr. 2. 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Unser Kommunal-Progrannn enthält folgende, hierauf bezügliche Forderungen: _„Einrichtung und Unterhaltung einer geregelten Kranken- und Gesundheitspflege unter Beachtung aller vorbeugenden Mittel szum Beispiel öffentliche Bade- Slnstalten, Schulbäder, durch ansteckende Krankheiten notwendig werdende unentgeltliche Desinfektion, Spielplätze. Unterstützung des freiwilligen Tunrwescns, Schaffung von BerusS-Fenerwehren, Wohnungs- und Straszenhygicne usw.) Ein Teil der hier aufgezählten Wünsche ist in Berlin bereits mehr oder minder vollständig erfüllt und muffte nur erwähnt werden, weil ja das Progranim nicht für Berlin allein, sondern für alle Branden- durger Gemeinden gelten soll. Andrerseits macht selbstverständlich die Aufzählung der Einzelfordcningcn auf Vollständigkeit keinen Anspruch. Gerade die öffentliche Gesundheitspflege bietet noch ein weites Arbeitsgebiet für eine ersprieffliche Gemeindcthätigkcit. Denn auch wenn die Fürsorge deS Staates in dieser Hinsicht nichtso mangelhaft ist, wie bei uns in Preußen, nnissen notwendigerweise der Gemeinde eine Reihe von Aufgaben überlassen bleiben, weil deren Lösung keine einheitliche sein kann, sondern überall den örtlichen Verhältnissen an- gepaßt werden muff. So� wird die Gemeinde die Wasserversorgung und Entwässerung, die Sorge für gesunde Nahrun gs- mittel und d i e R e g e l u n g d e r W o h n u n g s f r a g e zu über- nehmen haben; ihr wird auch vielfach da, Ivo von Staats wegen allgemeine Maßregeln im Interesse der Gesundheitspflege angeordnet sind— z. B. zur Verhütung an st ecken der Krankheiten— die Ausführung derselben zu übertragen sein. Nun, die Frage der Wasserversorgung und Entwässerung ist von der Stadt Berlin in befriedigender Weise gelöst; auch die Pflicht, für die Beschaffung gesunder Nahrungsmittel zu sorgen, ist durch Einführung des Viehhofs und der Fleischschan wenigstens teilweise erfüllt. Das liberale Bürgertum ist darum ans diesen Teil der städtischen Einrichtungen nicht wenig stolz. Dieser Stolz ist aber deshalb nicht so sehr berechtigt, weil thatsächlich die Schaffung dieser Einrichtungen den Stadtsäckel keineswegs sonderlich belastet hat. Die Ueberschüsse der Wasserwerke und deS Viehhofs decken fast vollständig die Zuschüsse, welche die Kanalisations- Verwaltung erfordert. Und weiter verdient hervorgehoben zu werden, daß Wasserleitung und Kanalisation— also gerade auch daL einzige derartige Unternehmen der Stadt, welches'mit Deficit arbeitet— neben ihrer hygienischen noch eine andere weniger an- genehme Wirkung gehabt haben: die Hausbesitzer hatten von diesen Reformen unmittelbaren baren Gewinn, indem sie durch Anziehen der MictSschranbe ihre.Hochschätzung" solcher Maßnahmen bekundeten Der Stadt die Kosten, den Hausbesitzern der Gewinn, so gehört es sich in der kapitalistischen Gesellschaft. Und diese Ivniiderschöne Verteilung von Nutzen und Lasten darf nicht etwa dadurch gestört werden, daß die Stadt ihrerseits sich der Wohnungsfrage annimmt und durch Herstellung gesunder und billiger Wohnungen eine Answuchernng des Prole- tariats durch die Hausbesitzer verhindert. Es haben im Gegenteil selbst die dürftigen Beschränkungen, welche im Interesse der Wohnungs- chygieNe von der Baupolizei den Hans- und Grundbesitzern auferlegt wurden, bei unseren städtischen Behörden lebhaftes tvtiffvergnügen erregt. Bei der Stadtverordnetcn-Versammlnng kann dies nicht einmal überraschen, da sie nach der Städte-Ordnnng zur Hälfte ans Hausbesitzern besteht und daher stets den Hausbefitzer-Interefsen warme Fürsorge ge- w i d m e t h a t. Eine andere hygienische Maßregel, die allerdings einer solchen finanziellen Nebenwirkung entbehrt, wurde denn auch von den städli- scheu Behörden nicht mit so großherzigem Liberalismus behandelt. Der Antrag unserer Genossen, die Desinfektion dortunentg eltlich vornehmen zu lassen, wo sie durch ansteckende Krankheiten notwendig geworden ist, fand in der Stadtverordnetcn-Versammlung keine Mehrheit, obwohl eine Reihe angesehener ärztlicher Vereine sich im gleichen Sinne ansgesprochcn hatten. Die Summe, welche hierbei in Bc- tracht kam, war überaus gering und kann daher für diesen ablehnenden Beschluß nicht maßgebend gewesen sein, sondern es war wiederum aus- schließlich die Furcht vor dem Socialismus. Ihm will man lein neues Zngcständniß machen, und da scheut man auch vor der Ungcrechtig- tcit nicht zurück, von Personen, denen man im Interesse der All- gemeinhcit die Desinfektion aufgenötigt hat, dafür noch die Zahlung einer Abgabe zu verlangen. Dem Interesse der Allgemeinheit dient der Desinfektionszwang im wesentlichen, weit weniger dem der ein- zelnen Person, deren Wohnung und Mobiliar'der Desinfektion unterworfen wird; es sind ja die Fälle nicht selten, wo gerade für den Einzelnen die Seuche, welche die Desinfektion erforderlich macht, bereits alle ihre Schrecken verloren hat, weil in der ganzen Familie niemand mehr für die Krankheit empfänglich ist. Immerhin stellt auch die Begründung der Desinfektionsanstalt noch eine positive Maßregel im Interesse der Gesundheitspflege dar. Aber das ist gerade charakteristisch für den Stillstand in unserer städtischen Verwaltung, daß seitdem— also seit dem Jahre 1886— man allenfalls das Bestehende soweit ausgebaut hat, als c« das Wachstum der städtischen Bevölkerung erforderte, aber nach keiner Richtung versucht hat, neue Einrichtungen, neue Waffen für den Kampf gegen Krankheit und Siechtum zu schaffen. Und doch hätte sich wahrhaftig mehr als eine Handhabe für eine erfolgreiche Thäligkcit im Dienste der KrankheitSverhülung geboten. Denn unsere socialen Einrichtungen sind ja gerade in dieser Richtung so mangelhafte, daß, wo nur der gute Wille zur That vorhanden ist. auch ein Weg leicht zu finden ist. Es fehlt uns z. B. so gut wie ganz an einer Fürsorge für die unbemittelten Frauen, welchen durch Schivangerschnft ihr bisheriger Erwerb genommen ist. Trotzdem in diesen Fällen die Notwendigkeit einer doppelt guten Pflege nicht zweifelhaft sein kann, thut die Gesellschaft nichts, um der hieraus sich ergebenden Verpflichtung zu genügen. Nur ganz vereinzelt finden die Frauen schon während der Schwangerschaft Unterkunst in den staatlichen Entbindungsanstalten i alle übrigen mögen sehen, wie sie durch- konimen. Würde die Gemeinde hier durch Schaffung von Unterkunsts- anstaltcil eingreifen, so würde sie dadurch der Gesundheit der Mutter ebenso, wie der der Kinder dienen. Sie würde außerdem das ihrige thun, um einer weiteren Zunahme der Verbrechen gegen das keimende Leben zu steuern. Alle Sachverständigen sind sich darüber einig, daß gerade in den großen Städten diese Verbrechen stetig sich nehmen, und daß, der Kampf, welchen die Polizei dagegen führt, im wesentlichen er- solg/os ist. Wo auf der einen Seite der Hunger droht, da schwindet die Furcht vor dem Gefängnis auf der andern Seite. Und so können guch gegen diese sociale' Krankheitserscheinung nur sociale Heilmittel helfen, und eins von diesen wäre die Schaffung von Unterkunsts- anstellten für schwangere Frauen. Nicht weniger mangelhaft als die Fürsorge für die Frauen ist die für die Kinder des Proletariats. Berlin hat, wie die meisten Großstädte, eine sehr hohe Kindersterblichkeit, die zum größten Teil ans Rechnung der Kinder unter einem Jahre, also der Säuglinge entfällt. Es starben z. B. im Jahre 1896 in Berlin insgesamt 32 319 Personen— 18 pro Tausend der Bevölkerung—, davon waren 11 783, also mehr als ein Drittel, Kinder unter einem Jahre. In demselben Jahre wurden 50 094 Kinder geboren. eS gingen also mehr als Vs aller Kinder im ersten Lcbcnsjahre'zu Grunde. Diese ungeheure Sterblichkeit ist nun zu einem sehr beträchtlichen Teile die einfache Folge wirtschastlichcr Verhältnisse, wie dies ohne weiteres schon eine Verglcichung verschiedener Stadtgcgcndcn zeigt. In dem Arbeiterviertel Wedding erreichte die Säuglingssterblichkeit mit über elf pro Tausend den höchsten Stand, während sie am niedrigsten— 2 bis 3 pro Tausend— in den„vornehmen" Teilen: Berliü-Kölln, Friedrichstadt und Schönebergcr Vorstadt war. Grade weil dieser uubezwcifclbare und auch thatsächlich im- bezweifelte Zusammenhang von S ä n g l i n g s st e r b l i ch- k c i t und wirtschaftlichen Verhältnissen besteht, hätte die Gemeinde Abhilscvcrsuchc nicht unterlassen dürfen. Und auch hier war der einzuschlagende Weg vorgezeichnet. Ebenso sicher, wie der Zusammenhang zwischen Armut und Kindersterblich- keit, ist die Thatsache festgestellt, daß die Sterblichkeit der mit Muttermilch ernährten Kinder— der sogenannten Brustkinder— eine ganz wesentlich niedrigere ist, als die der mit Kuhmilch— also mit der Flasche— ernährten Kinder. In allererster Linie mußten also Einrichtungen getroffen werden, d i e allen Müttern,>v e I ch e körperlich fähig sind, ihre Kinder zu st i l l e n, die wirtschaftliche Möglichkeit dazu geben. Einrichtungen solcher Art bestehen schon und es haben sich die Kosten keineswegs als übermäßig hohe herausgestellt; in Breslau z. B. entfielen in einer Anstalt dieser Art auf den Kopf und Tag 58 Pfennig an Kosten. Sind es auch nach ärztlicher Schätzung nur 5 Proz. der Fälle von künstlicher Ernährung, in welchen die wirtschaftlichen Verhältnisse das Sängen des Kindes verhinderten, so wäre doch immerhin ein Gewinn zu er- zielen. Weiter müßte aber auch den proletarische» Müttern, welche gezwungen sind, Kuhmilch zur Säuglingscrnährung zu verwenden, hierbei jede mögliche Erleichterung geboten werden. Sie müßten eine Anleitung erhalten, wie sie da- bei vorzugehen haben, eS müßte ihnen Milch von bester Beschaffenheit zu möglichst billigem Preise geboten werden, es müßten endlich städtische Anstalten geschaffen werden, denen die Kinder anvertraut werden können, wenn die Mütter dem Erwerb nachgehen müssen. Daß Einrichtungen der letztgenannten Art auch für die älteren nicht noch schulpflichtigen Kinder geschaffen werden müßten, daß die Ferienkolonien für die schulpflichtigen Kinder in städtische Regie übergehen sollten usw., braucht nach dem Gesagten hier nur noch angedeutet zu werden. V o'n alledem thut die Gemeinde Berlin nicht das geringste. Sie beschränkt sich darauf, private Wohlthälig- keitsvercine mit unvcrhälinismäßig geringen Summen zu unter- stützen, trotzdem bekannt ist, daß das von diesen Wohlthätigkeits- vcreinen Gebotene weder dem Umfange nach, noch auch nach seiner Beschaffenheit dem vorhandenen Bedürfniffe entspricht. Die Gründe dafür haben wir schon auScinandergesetzt. Es verdient dem gegenüber noch das eine hervorgehoben zu werden, daß die liberale Stadtverorduetenmehrheit nicht behaupten darf, sie hätte die Thätigkcit dieser privaten Wohlthätigkeitsvercine für genügend halten können. Denn schon vor mehr als 56 Jahren, als der Minister Milde einen Aufruf für die Notleidenden in Schlesien erließ, that ein jetziges Mitglied dieser Mehrheit, Rudolf V i r ch o w, den Ausspruch:„O, es ist viel zu spät, so viel T h r ä n e n durch„kleine Gaben" zu trocknen... Das Schicksal der freiwilligen Anleihe hätte ihm sdcm Minister) zeigen können, daß die englische Ksntrz? v i»>i von 13 M i k l i o n e». Dnö hat die Apotheker aber keineSivegS veraulabt, den Kasse» besonders entgegeiiznkoinuien; Ivo es gelang, ihnen einen Rabatt ab- «dränge», bewegte sich dieser in niedrigen Grenzen, Dann aber dehnten sie den Preis der Rezeptur auch auf de» Handverkauf ans. weil ein ärztlicher Schein zu Grunde liege! In Lübeck war die Grenze der Rezeptur genau gezogen und standen sich die dortige» Kassen fast um die Hälfte besser als in den übrigen deutschen Städte»; in letzteren betrug dse Rezeptur für die Kassen ebenfalls fast das Doppelte gegenüber der Privat- kmidschaft. Die Berhältniffe in Berlin werden von Dr. Kgndinann als besonders ungünstig bezeichnet, Ei» Rabatt wirdhier überhaupt nicht gewährt. Dann spiele» hier die sog. Magistralformeln.ei»e üble Rolle, d. h. besonders gangbare Medikamente, die aber alle zur Rezeptur gerechnet werde». Der Arzneikonsinn in Berlin betrug im letzten Jahre durchschnittlich 3,07 M., im übrige» Reiche nur 2,48 Ri., Wobei allerdings die gröffere Begiiemlichteit der Grohstadt in Betracht zu ziehen ist. Jedenfalls ist aber an Abhilfe zu denken. Dr. Landmann bezeichnet die Berufung a» den Staat als aiiSsichtSloS; er empfiehlt die Selbsthilfe durch iiatiir« liche Heilmethoden; Beschräuluug der Arzneiverschreibmia durch die Aerzte tind»amentlich die Schaffung eigener Anstalten zur Verausgabung von Medikameiiteu. Eine frühere GerichtSenlscheidnug rst letzterem günstig. Jedenfalls wird die Schrift LandmaiinS' eine Handhabe bieten, i» neue Verhandlungen mit den Apotheken einzn« tictcn, einen Rabatt zu erzwingen, die Grenzen des Haudber- kausS festzustellen und die Magistralformeln zmnckzndrängeii, SIIS letztes Mittel bliebe der � u s a m m e n f ch l» st aller Ä äs t e n zu einein Verband übrig. Hierfür würde eine besondere Kommission sich empfehlen, die es wohl erreicheil wird, Zngeständniffe von den Apoihekern zn erzwinge»,(Beifall.) Letzte� Gegenstand war die Heransgabe eines Berichts über den n» Berlin stattgefniidenen Tuberkulose-Ko n a r e st. Derselbe bietet grostes Interesse und soll in einer arösteren Auflage zu einem Uledrigen Preise heranSgegebe» werde». Ueber die Höhe der Auflage solle!» zunächst Erhebmige» noch erfolgen. I» der Versammlung waren geniast Feststellung deS Vorsitzende» 63 Krankenkassen vertrete». Der Wahldcrciu für de« dritte« Berliner Reichstags- Wahlkreis hielt am Mittivoch feine Geueralversainmlüug ab, Bon dem angekündigten Bortrag des Herrn Dr. Z a d e k über„Äom- munal-SoeialisiimS" ivnrde des schivachen Besuches halber Abstand genommen. Dieser Vortrag soll dasiir, gelegentlich der bevor- stehenden S t a d t v e r v r d n e t e n- W a h l e n, in einer demnächst stattsiiideiiden öffentlichen Bersaminlmig gehalten iverden. Laut Bericht des Vorstandes haben im verflossenen Onartal 3 Versamm- lungen des Wahlvereins stattgefunden. Der von H a r n d t erstattete Kassenbericht ergiebt für das letzte Quartal mit einem Bestand von 243,02 M. eine Einnahme von 433,02 M., bei einer An s- gäbe von 327,10 M,, sodah ein Bestand von 100,04 M. ver- bleibt. Nachdem die Nichtigkeit der Abrechnung von den Revisoren bekundet, wird dem Kassierer Entlastung erteilt. Einem Abtrag P o h l enisprechend, Iverden dem Lorstand 150 M. zur Agitation überwiesen.— Der Bor-sitzende R i ck e r t macht noch bekannt, das; a m S o n ii t a g, den 22. O k t o b e r ein F a m i l i e n a b e n d 1? �.e.st a« r a n t F e n e r st e i n stattfindet. Hierauf erfolgte der stühzeitige Schlnst der Versammlung. Eine grostc Protestdersamiiilnng gegen die überhandnehmende Konkurrenz der Militär» und Veauiteii-Mnsikcr veranstaltete der Verein Berliner Musiker am Montagiiachmittag im Saale deS HandwerkerverciiiS in der Sophienstrastc. Der Referent Kapell« nicistcc©nn manu fetzte in längeren Ansfuhrinigen auseinander. dast stch die Lage der Eivilberufsiiiiifiker infolge des milanteren Wettbewerbs der Militärkapellen, sowie der die Musik alS Neben- beschäftignng betreibenden Beamten, von Jahr zu Jahr trauriger gestalte. ES müßten zur Abwehr dieser Konkurrenz energische Schritte«ntemonimen werden. Zunächst sei ein besonderes Agitalions- komitee für diesen Zweck zu wählen, das eine Denkschrift»der die Zustände im Mnsitergeiverbe, unter Hinznzielning eines Rechts- kundigen» ausarbeiten und diese Denischrist in Form einer Petition dem Gesamtministerimn, dem Kriegöininister und den Korpskommandanten, ferner dem Reichstage und dem prenstischen AbgeoidiietenhanS übersenden solle. Hinsichtlich der gewerbsmäßig musizierenden Beamte» müff« inan sich an alle in Frage kommenden Behörden, insbesondere an den Berliner Magistrat und die Stadtverordneien wenden mit dem Er- suchen, Beamte», die über 1500 M. Gehalt haben, daS Spielen gegen Entgelt überhaupt zn verbieten. Diejenigen Beamten, ivelche nebenbei als Musiker fungieren, sollten ermähnt werden, sich streng an den ortsüblichen Tarif zn halten, um die BernfSmnsiker nicht durch Unterbieten zn schädigen. Bezüglich der Militärkapellen seien folgende Forderungen zu stellen: 1. Verbot deS Spieleiis in Uniform außerhalb deS Dienstes, 2. Verbot der Streichinnsik, 3. Strikte Jimehaltnng des Tarifs, 4. Verbot des Spielens nicht vollständiger Militär-MnsileorpS bei privaten Gelegenheiten. Außerdem solle in der Denkschrift auch eine Regelung der Lehrlings- frage, sowie eine Aeuderung deS jetzt den Lokalinhabern znstehenden, vielfach mitzbianchten Rechtes der„Abbestellung" angeregt werden. Das AgilntionSkoniitee habe endlich den gesamten Mnsikeiftand und die öffentliche Melninig durch Flugblätter, Versammlungen nsw. für sein Vorgehen zu gewinnen. Nach mehrstündiger, zum Teil recht stürmischer Debatte wurden die Dorschläge des Referenten im ivesenllichen genehmigt. Geklagt ivnrde, daß Staat und Stadt (Berlin) durch kärgliche Bejoldnng ihr« Unterbeamten zu Neben- beschäftigung zwinge», daß Post und Polizei, welche früher ihren Beamten daö Musizieren untersagten, jetzt davon Abstand nehmen. Ter Staat dürfte nicht durch seine Soldaten, die von den Steuerzahlern erhalten werden, diesen KonkilNmz mache». Angeregt wurde auch, beim Kaiser eine Audienz nachzusuchen, doeh wurde der Plan falle» gelassen, da behauptet wurde, daß der Kaiser, seit sich die Bergarbeiter- Deputation als aus S o e i a l d e m o k r a t e n bestehend erwies, keine gewerbliche Deputation mehr empfange. I» einer Versaminliiiig der Mechaniker» Optiker, Nhr- machcr«nd verwandter Gclverbe, die am Mittwoch bei Feuer- stein tagte, referierte A. K ö r st e n über die gegenwärtigen Streiks und Lohnbewegmigen in der Metallindustrie. Der Referent sowie alle Diskussionsredner plaidierten mit dem Hinweis auf die Be- denliing der gegenwärtigen Bewegung für thatlräftige moralische und materielle Unterstützung der AnSstäildigen. Die Versammlung wählte sodann den Kollegen M ö h r i» g alS Branchenvertreter. Eine öffentliche Versammlung der Buchdrnckcrct> HilfS- arbcttcr und-Arbeiterinnen, die namentlich stark von den letztere» besucht war, tagte am Miltwochabend in den„Arminhallen". Dieselbe beschäftigte sich mit den Streitigkeiten, welche zwischen der Zahlstelle Berlin I und dein Vorstände des Verbandes der Buch- drnckerei- Hilfsarbeiter»nd-Arbeiterinnen entstanden sind. K n o l l schlägt im Auftrage des Schiedsgerichts folgende Beschlüsse desselben alS Grnndlage zur Einigung vor: 1. Der Arbeitsnachweis untersteht der Anfsicht der örtlichen Berwaltimg. 2. Ter Verband hat die Pflicht, die örtlichen Verwaltmigen zn unterstützen. Von den Verbandsbeiträgen der Filialen verbleiben 10 Proz. den Filialen, die anderen 30 Proz. sind an den Verband abziiliefem. 3. Daß Obligatorium der„Solidarität" ist durch eine all« gemeine Urabstimmung herbeigeführt. Die beabsichtigte obliga- torische Einsührimg der„Solidarität" der Berliner Zahlstelle ist dadurch hinfällig.' 4. Ilm in Zlikiinft ähnliche Differenzen zn vermeiden, wie sie gegenwärtig vorliegen, wird der Organisation der Bnchdrnckerei- Hilfsarbeiter nnd HilfSarbeiterinlien empfohlen, einen Verbands- ausschnst alS Beschwerde-Jiistaiiz gegen den Verbandsvorstand zu schaffen. Frau Kunz beklagt sich namentlich über die Art und Weise. ivie von feiten deS Verbandsvorstandes gegen die Filiale I vor- gegangen sei. Man babe den Arbeitsnachweis derselven ausmieten nnd de» Wirt veranlassen wollen, dein Arbeitsnachweis den Gebrauch des Telephons abzuschneiden. Frau Thiele als Vorsitzende weist demgegenüber darauf hin, das; das Material der Filiale Eigentum des Verbandes ivar, der seine ZuriickerstatNmg zn fordern hatte. Die Rednerin wendet sich dann gegen die Angriffe,. welche in eiiiein Flngblalte gegen den VerbmidSvorstand geschlendert worden sind. In demselben ivird dem Vorstand sogar der Vorwurf gemacht, daß er an Stelle der Agitativnstonren Vergnügungsfahrten auf Kosten des Verbandes unternommen habe und somit seine Pflicht verfäiimt habe. Die Kollegin Heidemann vertritt den Inhalt des Flugblattes nnd erklärt die Abneigung der Mitglieder der Filiale I gegen eine BeitragZerhöhmig lediglich daraus, dag die Miiglieder von einer richtigen Verwendung des Geldes nicht über- zeugt seien. Von den 400 Mitglieder» der Filiale 1 haben sich be- reits 250 für die Abtreinning vom Verbände erklärt. Buchbinder Vi- tomSki hält die jetzige Orgaiiiintion für eine verfehlte. Eine Treininng der Berliner Mitgliedschaft nach Geschlechtern in Filiale I»nd II ist unnütz und schädlich. Geradezu imsiiinig sei auch die Beibehaltnng gesonderter Arbeitsnachweise. Kollegin Bien erklärt dies aus der liiüctständigkeit der mäunlichen Hilfsarbeiter, deren Verhalten(ins Unendliche fortgesetzte Uebersluiiden Ze.) einen Rückgang deS Arbeitsnachweises der weiblichen Mitglieder zur Folge haben miitzte. wenn man eine Vereinigung vornehmen ivollle. Die Genossin A l t m a n n, die numnehr daS Wort ergreift, viltet alles Trennende zu beseitigen. Stehen die männlichen Hilfsarbeiter zurück, so ist das kein Grund zur Abschliestung von denselben, sondern zur Agitation und Gewinnung derselben.— Im nllgeineinen gehr aus der Disknssio» hervor, das; wohl in dein einen oder andern Falle Ursache zn sachlichen Beschwerden vorhanden ist, auf der andern Seite wird betont, das; eine Strömung, die naiiielitlich stark in der Filiale I ist, die sachlichen Differenzen im lokalorganisatorischen Sinne anSbenten will. Frau Thiele erklärt, daß der Vorstand sich dem Schiedsspruch unterwerfen will. und schließlich wird in einer Resolution der Schiedsspruch in der oben mitgeteilten Form gutgeheißen. Wegen der vorgeschrittenen Tageszeit werden die noch vorliegenden Punkte der Tagesordnung abgesetzt und beschränkt sich der Vorsitzende darauf, der Versannu- Inug einige Mitteilungen zu machen, worauf die Versammlung mit einem Hoch auf den Verband geschloffen wird. Deutscher Holzarbcltcr-Vcrband. Der Bezirk Wedding und Gesundbrunnen hielt am g. Oktober seine regelmäßige Bezirlsversammlung im Kolberger Salon ab. Genosse Krempe hielt einen sehr lehrreichen nnd mit Beifall mifgenommenen Vortrag über: Technische Fortschritte. Eine Diskussion fand nicht statt. Zum Bezirksleiter wird Döhling, als BeilragSsammler Schella gewählt. I« einer öffentlichen Versammlung der Rvhrer Berlins am 8. Oktober hielt Genosse Fr. Wille einen mit Beifall aus- genommenen Vortrag, durch Ivelche» er die Notwendigkeit der Ge- werkschaftsorganisatiön»achivies. Die Ansicht der Versaimneltei» wurde dadurch kundgegeben, daß sich 20 Kollegen in eine Liste ein- zeichneten, um Mitglieder deS zu gründenden Vereins zu werden. W. Wernau, H. V a I l« u t i n, O. W e r n i ck e und W. B o t h wurden als provisorischer Vorstand gewählt, mit dem Auftrage, in kurzer Zeit ein Statut zu entwerten, sowie die nötige» Vor- arbeiten zur Grinidimg deS Vereins zu vollziehen. Mit dem Wunsche, daß in der nächsten Versammlung alle Kollegen, welche in unserem Berns arbeiten, erscheinen, um durch.Teilnahme zu beweisen, daß eS den sämtlichen Rohrern Berlin? ernstlich darum zu thuu ist, ihre wirtschastliche Lage zu ver- besser», wurde die Versammlung geschlossen. Die Marmorartcitcr hielte» am Mittwoch in den Cohnschen Sälen(Benthsiraße) eine Versannnlnng ab. in der jüngst Über die Nichliiniehnlüliig des Tarifs seitens zweier Unternehmer verhandelt ivnrde. Es wurde die Entsendung eines Delegierten beschlossen, um in tili«,»! der Fälle mündlich eine Feststellung vorzimehmen. Ancki hatte' die willkürliche Anwcildnng des Tarifs ans gewisse neuere Steinsorten zu Beschwerden geführt. Infolge dessen fand auch ein Antrag Amiahme dahingehend, daß dieKosteii der Schiedskommiision in solchen Fällen dem schuldigen Teil anfziicrlegcn seien. Es wuröe noch beschloffen, die infolge der Lohnbewegung Gcmaßregeltcn irwitcrhin zu miterstiitzen,' da die Konjunktur gegenwärtig eine schlechte ist. Als Mindestbeitrag sollen hierzu pro Woche 60 Pf. von jetzt ab erhoben iverden. Tie Ttoikarbeiter hielten am 11. d. M. ihre gut besuchte Generalversammlung im„Englischen Garten", Alcxanderstraße, ab. Zunächst erstattete der Vorsitzende den Jahresbericht des Vorstandes. JmAiischliiß hieran verlas der Kassierer den Kasienbcricht voinjl. Okt. 1833 bis 30. Sept. 1833. An Eiunahinen waren zn verzeichnen 5053,03 M. Strciknntcrsiiitznng wurde gezahlt 3330,05 M.. nach Abzug der übrig,» Ausgaben verbleibt ei» Bestand von 103,03 M. Dem Kassierer wurde auf Antrag der Revisoren Dccharge erteilt. Der neu gewählte Vorstailo wurde aus folgende» Kollegen zusammengesetzt: Popig erster, S ch c n s ch zweiter Vorsitzender, Liebe Kassierer, Ran Schriftführer, Richert, Sasse, H e i n r o t h alS Beisitzer, Fräß« dors. KloS, Schulz Revisoren. Unter Werkstattangelegen- Helten berichteten die Kallegen von Auerbach den Versammelten de« näheren über die Abzüge, die Heia: Auerbach bei einzelnen Gegen- standen vorzmichmen gedenkt. Diese Angelegenheit wurde zur weiteren liiitersiichimg der Agitationskommission überwiesen. Sodann giebt Zobel als Mitglied de? GcsellenaiisschiisieS der Innung bekannt, daß die JminngSmeistex versuchen, den Beschluß. die Jninnigs-Kraiikenkaffe aufzüheben, illusorisch zu machen. Sie enidechten nämlich einen„Formfehler", der darin bestehen soll, daß zn der betreffende» Versammlung nicht alle Meister geladen gewesen wie n. Zu dieser Anaclegenhcit wird schließlich folgende Resolution angeilomnic»:„Die Versammlung ist der Meinung, daß das Bestehen der JniiiingS-Kraitkeiikasse neben de: Orts- Krankenkasse nur als eine Schädigung für alle Kollegen aiiziischen sei; die Kollegen erkennen eS als ernste Pflicht, mit allen Kräften dahin zn wirken, daß die Auflösung der JinnmgZ-Krailken- lasse baldigst erfolgen wird." Im weiteren wurden die Kollegen. besonders die VertranenSmäinler dex einzelnen Werkstütten, vom Vorsitzenden ersucht, vom nächsten Soimabend an die Beitragsmarken in der Zeit von 0 bis 8 llbr abends in der Zahlstelle zu entnehmen. Zum Sclilnß wurden die Kollegen zu regem Besuch der� Arbeiter- BildnngSschnlc ermuntert und das nächste StistnngSfest in Erinnerung gebracht. Gkne öffentliche Versammlung der Kistenmacher tagte am 9. d. Mtö. in den Arnniihallen mit der Tagesordnung„Austritt aus der GeiverkschastSkonmiission". S P l i n l e r geht auf den Ab- stimmiingSmodilS ein, verliest sodann das Regulativ des GeWerk- sciinftS-KlirteNS nnd ersucht, sich diesem anzuschließen. T s ch e r» i g führte aus, erst dann Stellung dazu zu nehmen, bis der neue AbstinnnungSmodns endgültig abgeschlossen ist. Im übrigen sprechen alle Dtedner für den liebertritt in die Geschäflskonnnission. und wird auch ein Antrag hierzu einstimmig augenomnien, worauf Splinter, nnd als Stellvertreter Schwanherz als Delegierte gewählt werden. Hierauf wird ein Antrag angenomnien, welcher besagt, den wöchentlichen Beitrag zum Streikfonds von 50 Pf. auf 15 Pf. zu ermäßigen, jedoch daß die restierenden Kollegen die 50 Pfennig« Marken nachznkleben haben. Sodann wird der Versammlung durch den Obmann der Lobnkomniission mitgeteilt daß in der Kistenfabrik von Liebrecht, Kronenstr. 71, wegen Differenzen ein Streik ausgebrochen sei. Damit ist die Tagesordnung erschöpft. FriedrichSsclde. Am 8. d. M. fand Hierselbst im Lokal von Schulz die Geueralversammlung des soeialdemokratischen Wahlvereins statt. Aus dem Bericht des' Vorstandes ist hervorzuheben: Im ersten Quartal fanden fünf Versaniinlungen mit Referenten statt, zivei polilischen, drei wissenschaftlichen Inhalts, außerdem zwei außer- ordentliche nnd vier Borstandssitziingen. Nach dem Kaffeubericht des Kassierers Dehnicke war eine Einnahnie von 70.52 M.. Ausgave 23 M. verzeichnet. Die Revisoren, ivelche die Kasse geprüft hatten, stellten den Antrag, dem Kassierer Decharge zu erteilen, ivelche auch erfolgte. Die Neuwahl des Vorstandes ergab folgendes Resultat: erster Vor- sttzender K. Wolf; zweiter Vorsitzender F. W e d e m e h e r; erster Kassierer I a g u s ch; zweiter Kassierer K. Schulz; erster Schrist- »ihrer G. Wedemeh er; ziveiter Schriftführer G l a iv e; zu Bei- sitzern Schröder und H e V o l d; Revisoren: Werner und Schilling: Spediteur: g?riink; Bibliothekar Kaul nnd K. S ch u lz. Alsdann wurden noch einzelne Vereinsangelegenheiten geregelt und zu Gunsten der Landagitatioii 10 M. bewilligt. Zum Schluß wurde der Beschluß gefaßt, daß jeden Donnerstag nach dein 15.Z die Disknterabende. und jeden Sonntag nach� dem 1. eines jeden Monats die regelmäßigen Versammlungen stattfinden nnd zwar abwechselnd in den Lolnlcn von Bube und Schulz. Dies gilt mir für das Winterhalbjahr. Der nächste Diskutierabeud findet am Donnerstag, den 13. d. M. im Lokal von Bube statt. Ter Zlrbeitcr- BildnngSvcrei» für Mariendorf und Um- gcgcnd hielt am 10. d. ivk. seine Gcneralversamiulnng ab. Der Verein zählt zur Zeit 125 Mitglieder; in den Vorstand wurden ge- wählt: M. Müller als Vorsitzender, als Schriftführer Joh. Kersten und E. Ottmann znni Kassierer. Ferner wurden für Tempelhof F. Müller, Cr. Wende, M. Ottmann und Rich. Brauer; für Manen« darf Schüttekopp und Lehmann, und für Marienfelde Berger als Bei- irogösannnler gewählt. Zu Revisoren wurden Coloßer, Greulich und Schüttekopp ernannt. Am 31. d. M. beginnt der Verein einen Eykln-Z über das„Bürgerliche Gcscübuch". Referent ist Genosse Rechts- anwalt Viktor Fränkl.- Spandau. In der öffentlichen Gewerkschafts- Versammlung v. 0. d. M. sprach Genosse Kotzke-Berlin unter großem Beifall der Anwesenden über die ZnchthauSvorlage. Sodann erstattete Kunkel Bericht über die Thätigkeit dos Svandaner Gewerkschaftskartells. S ch r ö e r gab einen Bericht der Bibliothek nnd cmpfiehlt fleißigere Benützung derselben. Pieper brachte die nächsten GeivcrbegerichtS« Wahlen in Anregung. aaa Anthracitwerke Gustav Schulze IIS/IS» G. m. d. H. offerieren iure als beste anerkannte Anthracite zu folgenden nicht erhöhten Preisen: ll». Sourls© Antliraelt„Big Veiu"......... Mk. 1,90 «efen Jia. Owauii-Cae-Crnrweii Anthracit„Big"Veln" Salon„ 2,00 do. do. Cade„ 1,75 nar fflr t. < nI. M., gestickt f Ol tlvi vll, 6,00 Mark an. Qtniindcipif on Wollatlas 3,50 M. JivppUvbhvU.Handarb K.2ä an. 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