Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 211. Mittwoch, den 29. Oktober. 1902 n] Nachdruck verboten. Der ünkentclcb. Noman von Gertrud Franke-Schievelbein. So sacht kam Richard das Denken wieder. Der Wille, die Kraft stellte sich ein. Ja, seil, �eben hatte er nun glücklich verpfuscht. Zwei- nnddreißig Jahre! lind voll glühender Thatkraft! Ausgestattet mit allen Geisteswertzeugen, Großes zu erreichen, vom beste» Willen erfüllt! Was hatte er zu erwarten? Wenn's gut ging, fetzten sie ihn in irgend ein Provinz- nest, knöpften ihm einen Teil seines Gehaltes ab, stellten ihn rmter die strengste Kontrolle seiner Vorgesetzten. Keinen Schritt durfte er thun über die engen Grenzen seiner Vorschriften hinaus, keinen freien Gedanken aussprechen. Denn er blieb eben verdächtig, ein gefährlicher Patron, der gemaßregelt war wegen unsittlichen Lebenswandels. llnd das waren noch seine b e st e n Aussichten. Was dann, wenn sie ihn absetzten? ?Rit Stundengeben, mit Artikelschreiben eine Familie er- halten? llnd wer würde ihm seine Kinder anvertrauen? Es gab ja genug Leute mit fleckenlosem Namen, die sich dazu drängten. Das alles sagte er sich unumwunden. Zum erstenmal wagte er's, der Zukunft dreist ins Gesicht zu sehen. Und laut, mit einem harten Lächeln sagte er vor sich hin:„Bankrott!" Sein Wagnis war mißlungen. So klug er's anzufangen gemeint, indem er sich hier draußen im Neul vergrub nüt seinem Geheimnis— einmal kommt doch die Stunde, da es hinausgeht in die Welt und die schlummernden Furien weckt. Lene! durchfuhr es ihn auf einmal. Er wußte, sie wartete. Vielleicht schon in tausend ?lengsten. Denn er hatte sich fortgestohlen, ohne ihr Adieu zu sagen. Aber es trieb ihn nicht heim. Es trieb ihn fort von ihr, weiter in die Oede der Felder. Da schimmerte es tief am Horizont der flachen, ebenen Landschaft in stumpfem Vleiglanz. Wie ein gebrochenes Niesenauge starrte es empor zum grauen Himmel. Der Unkenteich. Und nun schwannn auf einmal ein dumpfes, verworrenes Tonen durch die schwere Luft. Dunkle, drohende, klagende, hoffnungslose Laute. Glockengeläut. Sie wogten auf und ab. Sie klangen bald von da, bald von dort. Ueberall waren sie. Von unsichtbaren, in Nebel gehüllten Türmen schwebten sie über das Land. Heil! Heil! bedeutete es für die Leute iu der Stadt— dem großen Unkentcich, wie Bodenstein gesagt hatte. Für ihn, den Ausgcstoßenen, hieß es: Wehe! Wehe! iVne victis! Ihm wars, als schlügen die schlammigen Fluten über ihm zusammen. Herrgott! So weit war's schon? Er fühlte, wie es ihn hinabzerren wollte in den zähen Morast des Bodens. Eine gewaltige Anstrengung: Schwimmen! Empor! Licht! Luft! Der Schweiß rann ihm in Strömen von der Stirn. Tie Kniee zitterten unter ihm. Heißhunger, Mattigkeit zum Umsinken. Er mußte nun doch nach Hause. Eine tiefe Sehnsucht, sich auszustrecken, alles zu verschlafen. Endlich hate er die Roßberger Chaussee erreicht. Er fühlte festen Boden unter den Füßen, schritt strammer aus. Seiiw Gedanken krochen vor ihm her zu Lene. Wie Fliegen im Herbst, matt, klein, schwarz, gleichgültig. Ja, gleichgültig— oder nein: schlinuncr. Das llilglück, das ihn getroffen hatte, machte ihn hart und ungerecht gegen fremdes Leid— selbst gegen das Leid des geliebten Weibes. Und er fühlte, das war das Furchtbarste daran: das Gefühl, das jahrelang sein heiligstes, tiefstes gewesen, war ihm besudelt imd zertreten. Was er jetzt fiir Lene einPfand, das war ein grauen- volles, wüstes Gemisch von Haß und Liebe, Verachtung und Newunderung, von widerwilliger Verehrung vor ihrem stillen, geduldigen Ertragen und dem wilden, rachsüchtigen Ver- laugen, die unschuldig-schuldige Ursache seines Unglücks zur Verantwortung zu ziehen, zu strafen. Wie war das möglich? War er denn eine Wetterfahne, daß er mit dem Winde ging? Konnte selbst e r seine Seele nicht verschließen vor dem giftigen Pesthauch der üblen Nachrede, die das Weib ver- dämmte, als die Verführerin, die Verworfene? Er wußte doch genau, daß sie sein Opfer war. Daß nur seine Leidenschaft, seine aus Trotz und Verzweiflung auf- flammende, alle Vernunft, verzehrende Sinnlichkeit sie nach langem Kampfe mit fortgerissen hatte. Und doch! Warum war sie so sündhaft schön gewesen! Er lachte vor sich hin.„Haha!" murmelte er.„Frei? Un- abhängig?— Ist nicht jeder einzelne nur ein Atom, ein winziger Bruchteil des großen Ganzen, das Menschheit heißt?" Nun, so wenig ein Blutkörperchen, eine Zelle, allein sich frei halten kann von der Krankheit des Leibes, so wenig wider- steht der einzelne den Völkerkrankheiten, den von Hirn zu Hirn sich fortfressenden Massenbegriffen. Er hatte gegen den Stroin schwimmen, er hatte anders denken wollen wie die Masse. Zur Freiheit hatte er die Jugend erziehen wollen. Welche Thorheit! Ter Bodenstein, der seine Bäume pflanzte für die Menschen der Zukunft, der that recht. Das war etwas. Aber er? E i n Leben hatte er bloß. Und das hatte er verpfuscht durch eine Duniniheit. „Ich will den Glauben an meine Mission und an die Güte der Menschennatur nicht aufgeben, bis ich nicht wund und vernichtet am Boden liege," hatte er zu Lene gesagt. Die„Güte der Menschennatur" war für ihn ein Ammen» märche» geworden. ** * Da war's ihm, als hörte er Schritte. Die Straße machte einen starken Bogen. Das nächste Stück Weges war ihm von Gebüsch verdeckt. Auf einmal, keine zehn Schritte entfernt, stand ein Weib vor ihm: Lene. Sie hatte das Kind auf dem Arm. Beide waren ohne Mantel, ohne Hut. Nur ein großes, schwarzes Tuch hatte sie um den Kopf geschlungen und auch des Kleinen Kopf und Körperchen fest darin eingewickelt. So war sie fortgelaufen, die Küchenschürze noch über dem dunklen Hauskleide. Er erkannte sie iin ersten Augenblick kaum. Schwarz und düster wie eine Nonne stand sie vor ihm auf dem weißen Nebelgrunde, untc dem grauen Himmel. Die Schatten des Tuches ließen ihr Gesicht unheimlich starr erscheinen. In ihren Augen stand noch die wilde, verzweifelte Todesangst. die sie um ihn gelitten. Als sie ihn so plötzlich vor sich sah. schien es eineir Moment, als wolle sie init einem Jubelschrei auf ihn zu- stürzen. Aber sie blieb unbeweglich, stumm, in ihrer düsteren Entschlossenheit auf dem Flecke stehen und ließ ihn heran- kommen. „Was thust Du hier, Lene?" „Ich suchte Dich," murmelte sie kaum verständlich.„Wo warst Du?" „Am llnkentcich." Sie gingen schweigend weiter. Das Kind streckte seine Arme nach ihm aus, jauchzte und stammelte. Er zwang sich zu ein paar mechanischen Liebkosungen. Lene sah mit seltsamem Lächeln zu. Endlich wehrte sie dein Kinde. „Laß doch!" sagte er. „Es stört Dich ja bloß," meinte sie, und alle Bitterkeit verletzten Mutterstolzes lag in den Worten. Dann schlvicgeu sie wieder und gingen vorwärts. „Das Essen ist seit drei Stunden fertig," murmelte sie. „Ach was, Esscu!" „Seit drei Stunden warte ich. llnd male mir dos Furchtbarste aus—." Wie erstickt brach sie ab. „Ich konnte nicht nach Hans, Lene." „Hast Du denn gar kein Fünkchen Liebe mehr für mich?" stürzte es ihr von den Lippen. „Dummes Zeug!" „Ich will ja alles ertragen! Mir macht's ja nichts, wenn Du Dein Amt verlierst« wenn wir nur zusammen—" JSi macht Di? nichts?" fragte er rauh. »Wenn Tu's verwindest!— Können wir die Welt andern? Wir haben in ihren Augen ein schwere» Unrecht begangen." „Unrecht? Haben wir gemSrdet. betrogen? Irgend jemand auch nur ein Härchen gekrümmt?" „Schlimmeres," sagte sie ruhig. „Ja, freilich!" höhnte er.„Wir haben uns gegen ein Phantom vergangen, einen sckzeuhtichen, idiotenhaftcu Götzen! Und diesem verfluchten Götzen opfert die Menschheit ihr Kost- barstes! Tie Weiber ihre Kinder, die Männer ihre Freiheit, ihre Würde. Die Jugend wirft ihm ihre Liebe in den Naelzen, und das Alter seine Weisheit, seine Ersahrungen!" Sie nickte still vor sich hin. „Als gab's nicht genug Leiden, die von selber kommen. Krankheit, Hunger, Not. Als mühten sie sich künstliche Folter-werkzcuge schaffen, Halseisen und Streckbetten und Gott weiß was." Wieder gingen sie eine Weile stumm. Nur ihre Gedanken redeten und standen gegeneinander auf und befehdeten sich. „Und selbst Tu," sagte er nach einer Pause,„bist Tu nicht auch die Sklavin dieses Götzen? Unter einem Begriff— haha!— er hat ja viele Namen: Mode, Konvention. Kasten- geist, Vorurteil, Moral— unter einem verehren wir ihn alle." Sie sann.„Ich weiß nicht," murmelte sie zweifelnd. „Na. zum Beispiel: Ehre! Könntest Du einen Mann achten, dem's auf einen Schniutzfleck auf seiner Ehre nicht ankäme?" Sie sah ihm groß und voll ins Gesicht.„Ja," sagte sie fest. «O. ihr Weiber?" höhnte er. „Ich müßte nickst Vaters Tochter sein! Ich müßte nicht sieben Jahre beim alten Bodenstcin in die Schule gegangen sein! Ein Schmutzfleck? Lieber Gott, der fliegt einem leicht an. Das ist ganz was Aentzerliches." „Haha!" lachte er bitter,„wie sollt Ihr das auch be- greifen! Das kann nur ein Mann!" «Lie seufzte aus Herzensgründe. Er verstand sie nicht, stvollte sie nicht mehr verstehen. Das Fremde, das sich zwischen ihnen aufgerichtet hatte, wuchs und wuchs. „Und darum ahnst Du nichts von all den Qualen, die ich täglich und stündlich erleide." „Vielleicht doch!" hauchte sie vor sich hin „Und verlangst womöglich, daß ich ein vergnügtes Gesicht mache! Es mit Engelsgeduld hinnehme, wenn der Kleine sein Konzert anstimmt, vielleicht gerade, wenn ich mich so weit habe, arbeiten zu können. Es ist— es ist zum Verrückt- werden!" Er konnte nicht anders. Es mußte einmal heraus. Da er einmal den Niegel geöffnet hatte, konnte er den glühenden Strom nicht mehr hemmen. Und er sagte mehr, als er gewollt. Er berauschte sich mi seiner Verzweiflung. Voll Wollust riß er seine Wunde auf und wühlte darin, als wollte er sich verbluten. „Wir haben's klug angefangen!" schloß er mit einem wilden Lachen.„Narren wir! Deine Ehre wollten wir retten, und darüber bin ich mich meine losgeworden!" Sie ging ruhig weiter. Kein Laut, kein Seufzer. Sie schrie nicht auf wie ein Tier, dem der Todesstreich oersetzt wird. Sie sank nicht in die Kniee, in den Schniutz des Bodens. Ihr Kind hielt sie nur fester au die Brust gepreßt, als müsse sie sich daran aufrecht halten. Einen Augenblick schien sich die Erde vor ihr aufzuthun, schien alles zu wanken, zu- sammmzubrechen. (Fortsetzung folgt.) (Nnchdnlck verboten.) Em fMscden gefällig? Das Tabakschnupfen soll in Europa älter sein, als das Tabak- ranchcn. Aus Portugal, wohin man lööS den ersten Tabaksamen gebracht hatte und wo man den Tabak als Arzneikraut züchtete, wurde es durch Johann Nicot, den Gesandten des französischen Königs Franz II. in Lissabon, nach Frankreich gebracht. Unter König Ludwig XIII.(1601 bis 1643) war die Sitte bereits eingebürgert; zu dieser Zeit bestand auch in Spanien, in Sevilla, eine Schnupf- tabak-Fabrik, die den berühmten Spaniol lieferte. Anfangs wurde der Tabak nur als Heilpflanze und Zierpflanze angebaut; dem „Königinwunderkraut", wie man, um der Katharina von Medici zu schmeicheln, die im botanischen Garten zu Paris kultivierte Pflanze «mute, wurdkN die mannigfachsten gcsundheitcrhaltenden Eigen- schaften und Heilwlrkimgen nachgerühmt. So sollte Johann Mcot mit dem Kraute den Rasenkrrbs eines Pagen geheilt haben; und aus einem Kräuterbuch von 1656 führt Hermann Pilz in seinen, ein reiches intercssaures kulturhistorisches Material zusammentragenden Buche über den„Tabak und das Rauchen" folgende Anpreisung des Tabaks an:„Dieses Kraut reinigt Gaumen und Hanvt, vertreibt die Schmerzen der Müdigkeit, stillet das Zahnweh und Dünste- aufsteigen, behütet den Menschen vor Pest, verjagt die Läuse, heilet den Grind, Brand, alte ßiestchlvüre, Sckaden und Wunden." Ter Sckinnpftabat wurde als Mittel gegen Kopfweh und andre Uebel empfohlen. Er sollte ein unfehlbares Reizmittel sein, um vom Schlagfluh betroffene oder in Lethargie versunkene Personen ins Leben zurückzurufen; er half gegen Krämpfe, Trübsinn, hysterische Beschwerden; schützte gegen die ansteckenden Krankheiten, selbst gegen die Pest; vertrieb die unreine Luft, sollte das Gedächtnis stärken, die Einbildungskraft anregen usw. Bald aber wurde das angebliche Heilmittel zu einem innner iveiteren Boden erobernden Genuhmittck, und nun begannen Kirche und Behörden einen heftigen Fcldzug gegen das ekelhaft und gefährlich gcbrandmarkte Kraut. Papst Urban VIII. erlieh gegen das�von spanischen Geistlichen um das Jahr 1636 in Rom eingeführte Schnupfen eine Bulle, die 1693 erneuert, aber 1724 wieder aufgehoben wurde. Aber der Stellvertreter Christi hatte mit seiner Bulle ebenso wenig Erfolg, wie der russische Zar Michael Feodorowitsch Romanow 1631 mit seinem Ukas gegen das Rauckien, das mit Nasenaufschlitzen und Nasenabschneiden geahndet werden sollte und das Zar Alexei 1641 auch mit Knuteustrafc und Vcr-> bannung nach Sibirien bekämpfte. Auch Gelehrte und insbesondere Geistliche eiferten gegen das „Teuselskraul"; doch geborten manche dieser Herren zu denjenigen, die„heimlich Wein winken und öffentlich Wasser predigen"; und hin und Ivieder wurde einer auf gar ergötzliche Weise denen überführt. So passierte es einem Pariser Professor, der in der Akademie gegen die das menschliche Leben verkürzende Unsitte des Rauchens und Schnupfens wetterte, dah er gedankenlos in die Dose griff, die ihm der hinterlistige Präsident der Akademie hinhielt, eine tüchtige Prise nahm und, indem er seine Strafpredigt niesend beschloh, einen durch- schlagenden Erfolg— aber freilich einen ganz andern als den be- absichtigten, nämlich einen kolossalen Hciterkeitscrfolg— erzielte. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war der Brauch bereits so allgemein geworden, dah selten jemand in den Salon? zu finden war ohne Tabaksdose und ohne die Tabaksraspel, die die- jcnigen, die stets frischen Tabak genichen wollten, brauchten, um von der stets mitgeführten ganzen Tabaksrolle oder„Karotte" nach Bedarf abraspeln zri können. Zwar am Hofe Ludwigs XlV. waren diese Requisiten oder doch deren öffentliche Benutzung verpönt. Aber der König, der den Tabak als Steucrobjekt schätzen gelernt hatte—• die von Richelieu 1674 eingeführte, auf je 166 Pfund 2 Frank be- tragende Steuer brachte schon in diesem Jahre eine Million Livres ein—, drückte ein Auge z«, wenn Beamte von Rang und Verdienst die Spuren ihrer Anwesenheit in Gestalt verstreuten Tabaks in den Galerien hinterlichen oder durch Flecken auf ihrer Kleidung ver- rieten, dah sie dem vom„roi soleil" verabscheuten Laster frönten. Dieses trar immer zuversichtlicher und unverhüllter auf; die Dose ward ein unentbehrliches Ausstattungsstück; und ihre Benutzung ward von der Etikette bis ins einzelne geregelt. Man gewöhnte sich, be- merkt Hottenroth in seinem Handbuch der deutschen Tracht, an eine Reihe feierlicher Formeln: wie man die Dose öffnete, wie man die Finger spitzte, die Prise mit einer gewissen gleichmütigen Miene er- fahte, die Dose zuklappte und noch einmal darauf tupfte, wie man die Prise eine Zeitlang zwischen den Fingern hielt, wie man sie an die Nasenlöcher brachte, sie mit dem richtigen Geräusch einschnupfte«c. Es kann uns danach nicht überraschen, wenn wir vernehmen, dah man besonderen Unterricht in der Kunst des Schnupfens, die zu einem so wichtigen Bestandteil der gesellschaftlichen Bildung geworden war, erteilte. So findet sich, wie jüngst die amerikanische Zeitschrift „Harpers Weekly" in einer kleinen Plauderei über das Tabak- schnupfen in England mitteilte, in der englischen Zeitschrift„The Spectator" vom 3. August 1711 folgende Ankündigung:„Der Ge- brauch der Schnupftabakdose gcmäh de» vornehmste» Manieren und Borschristen— als Gegenstück zu dem Gebrauch des Fächers— wird mit dem besten einfachen oder parfümierten Schnupftabak gelehrt bei Parfümeur Charles Lillie an der Ecke von Beaufort Buildings am Strande." Das Niesen wurde keineswegs als notwendige Folge oder als Ziel des Schnupfens betrachtet; es gehörte durchaus nicht dazu und galt als unschicklich. Die leiseste Annäherung des Niesens wurde als höchst peinlich empfunden, besonders bei Damen, die der Sitte dc3 Schnupfens im 18. Jahrhundert oft mit nicht geringerer Leidenschaft huldigten, als das starke Geschlecht, und eine Sammlung von Dosen als notwendigen Bestandteil einer modemähigcn Toilette betrach- teten. Addison, der geistreiche Mitarbeiter des„Spectator". hoch erfreut durch das Geschenk einer Schnupftabakdose von Mr. Bacher, schrieb:„Ich kann nicht mehr eine Prise nehmen', ohne Komplimcnre zurückzugeben, dah ich schnupfen kann, ohne danach zu niesen. Dies letztere ist, ich bekenne es Ihnen,, eine so grohe Abgeschmacktheit, dah ick mich schämen würde, sie einzugestehen, wenn ich nicht hoffte, sie sehr rasch abzulegen." An Protesten gegen die Annahme der Sitte durch die Damen fehlte es natürlich nicht. In einer englischen Zeitung machte ein in seinen ästhettschen Gefühlen beleidigter Gegner des Schnupfens gegen die„abscheuliche Mode", die bei den vornehmen Frauen Ein» xang gefunden, Front.„Bei den einen wird sie in solck koketter, bei den andern in solch männlicher Manier ausgeübt, dag man rucöt weiß, waS häßlicher ist." Nicht nur in den Salons, sondern auch in den Kirchen wurde die Schnupftabakdose bcnnyt. Von einer »Alavclla" genannren Lady, die auf ihre zierlichen Hände stolz war, wird erzählt, dah sie ihre Schnupftabakdose, gefüllt mit dem besten brasilischen Tabak, mit zur Kirche nahm,„Mitten in der Predigt," sagt der Berichterstatter,„bot sie die Dose mit der Kühnheit einer wohlerzogenen Frau sowohl den Männern wie den Frauen, die in ihrer Nähe saften, an; da aber seit dieser Zeit alle Welt weift, das; sie schöne Hände hat, gebe ich mich der Hoffnung hin. daß sie von nun an Ruhe haben wird". In England war der vorher nur von wenigen, zumeist Fremden oder von im Auslände gewesenen Engländern geübte Brauch— wie die oben bereits herangezogene ameritanische Zeitung, die sich auf die hinterlaycuen Papiere des schon erwähnten Londoner Parfümeurs Charles Lillie beruft, bemerkt— erst nach der Expedition Sir George Nookes gegen Cadiz im Jahre 1702 allgemein geworden. Es galt als patriotisch, eine Prise zu nehmen, weil die Offiziere grofte Fässer Schnupftabak in ihren Schissen mitgebracht hatten. Meine Röhren in der Gestalt und Größe von Federkielen sowie Dosen mit Federdeckeln wurden gebraucht; und bald wurde mit Schnupftabakdosen der Ausstattung und Zahl nach ein großer Luxus getrieben. Neben den aus einfachem Material wie Holz und Horn gefertigten gab es solche auS edlen Metallen, aus mit künstlerisch vollendeten Schnitzereien geziertem Elfenbein. Tic Kunst des Email- lierens, die im Anfange des 18. Fahrhunderts emf der Höhe stand, kam vorzugsweise kleinen Gebrauchsgegenständen, wie den Dosen für die Schönheitspflästerchen und den Schnupftabak zu gute. Häufig wurden diese mit kostbaren Steinen besetzt, und ein Künstler wie Watteau verschmähte es nicht, sein graziöses Talent in den Dienst der Schnupftabaksdose zu stellen; so manches Stück, das seine Meisterhand mit zierlichen Pastoralen und theatralischen Scencn gc- schmückt, kann man noch im Museum bewunder». Der englische Staatsmann Petersham bcfas; nach William Penn eine besondere Tose für jeden Tag des Jahres und war sehr ungehalten, wenn sein Kammerdiener ihm nicht jeden Tag die richtige brachte. Das erwähnte Pilzschc Werk zahlt nicht weniger als 3Z Schnupftabakssorten als die wichtigsten auf. Der sogenannte„Schnee- bcrger", der auch in Bockau fabriziert wird, wird aus aromatischen Kräutern hergestellt und ganz fein gemahlen. Tie echte Sorte, der grüne Schnupftabak, wird in der Apotheke zu Sch Neeberg selbst her- gestellt. Zu dem sogenannten Niespulver wird das Pulver der Scifcnwurzel und die zerriebene Blüte der Maiglöckchen verwandt; auch Kastanien werden zu Schnupftabak vermählen. Ter sogenannte Staubtabak wird erst durch Anfeuchten mit Wasser als Schnupftabak verwendbar.—_ Oskar W i l d a. Kklnca f eiiUUtcn. ei. Das Mittagessen.„Nun sagt mal Kinder, was kocht man demi morgen?" Die Frage platzte wie eine Bombe in die stille friedliche Tafel- rimde. Der Bater liest die Zeitung sinken, die Tochter legte die Handarbeit in den Schost, selbst die beiden Jimgcns sahen von ihren Schularbeiten auf; alles blickte die Mutter an. „Recht was Schönes," meinte Fritzchcn. „Blumenkohl und Karbonade," schlug Frida vor; aber der Vater meinte:„Das haben wir ja erst vor acht Tagen gegessen, koch doch nml wieder grüne Aale," „Die find jetzt aber teuer, Papa", sagte Frida. „Na Gott, beim gebt Ihr mal'ne Mark mehr für's Mittagbrot, das wird wohl nicht schlimm sein." „Aber nicht morgen," entschied die Mutter,„das mache ich mal, wenn wir allein sind, morgen haben wir die Ansbesserin." ,Na, denn istt die alte Mewcs mal mit." Der Mann hatte offenbar Appetit auf grüne Aale. Die Tochter war jedoch wirtschaftlich, sie schüttelte den Kopf:„Ree, Papa, aber nickt grüne Aale, man wird doch keine Delikatessen kochen, wenn die Ausbesserin im Hause ist." „Das sollte ich auch meinen," sagte die Mutter mit voller Hausfrauenwürde,„das koche ich doch, wenn wir allein sind, dann können wir doch mehr von essen. Wie wäre es denn aber mit Milchreis und Bratwurst?" „Ach, Milchreis, bloß nich, Bcutter"; die beiden Jungens schüttelten fich. „Dann könnt Ihr ja Bratwurst und Kartoffeln essen," schlug Frida vor. „Ich mach mir aber nichts aus Bratwurst," jammerte Fritz che», „Na, ich esse eigentlich auch keine," sagte Frida. „Herrgott, da weist man ja aber bald nicht mehr, was man kochen soll. Der eine istt dies nicht, der andre das nicht. Die Mutter war verzweifelt:„Dann koche ich Klöste mit Pflaumen," „Ei ja," jubelten die JungenS.„Was Sllstes, fein!" Der Vater wurde indessen grob:„Das schlägst Du wohl vor, weil Du weistt, ich mach mir nichts draus'S Wenn Du Klöste kochst, esse ich morgen im Wirtshaus." „Na sei doch nur nicht so," beruhigte die Frau,.dann können wir ja weiter überlegen." „Koch doch Maccaroni," sagte der Mann,«die haben wir auch wer weist wie lange nicht gehabt." „DaS alte Käsezeng? brr I" Jetzt war es die Mutter, die fich schüttelte:„Ich werde aber Sauerkohl mit Pökelfleisch machen, einverstanden?" „Einverstanden!" Der Mann schlug aus den Tisch.„Siehste, das ist meüi Leibgericht, iiiium aber für mich'n Eisbein zu," „Das kann ich ja für ans alle machen, und u halb Pfund Pökelfleisch für die Näherin und das Mädchen." „Aber Sauerkohl istt die alte Mewes nicht, Mama", sagte Frida.„Ich weist es iwch vom vorigen Wüiter her, der Doktor hat es ihr für den Magen verboten." „Na, soll ich mm vielleicht auch noch fragen, was meine Näherin istt oder nicht istt?" Die Mutter warf das Strickzeug empört auf den Tisch:„Die wird gefälligst essen, was die Kelle giebt, und wenn sie das nicht will, dmin kriegt sie gar nichts."— — Ucber Berliner Straßenschilder plairdert einer in der«Kölnischen Zeitung": Wer durch die Strasten der Grohstadt wandert und seine Ausinerksanikeit den Inschriften au Hänsern und Geschästsschildern zuwendet, wird sich oft genug verwundert ftagen, wie ist das möglich, heutzutage, in der„Stadt der Intelligenz"! Ich will gar nicht von der alten, neuen und allerncuestcn Rechtschreibung reden, nein, von dem offenbar Falschen, Unlogischen, ja Un- sinnigen, was sich da breit macht inid dem Auge aufdrängt. Die wohl- löblichen Behörden machen den Anfang.„Die Straste ist gespert!" schreibt die Bauverwaltung, auch„gespehrt" stand schon da, und niemand veranlastt eine Verbesserung; die blauen Schilder, welche die Swastemiamen angeben, weisen zahllose Fehler auf; man scheint an der betreffenden Stelle die einfache Regel nicht zu kennen:„Werden Strastennamen von Ortsnamen abgeleitet, so schreibt man zwei ge- trennte Hauptwörter." Denn wenn„Potsdamerstraste" geschrieben wird, so miist es mit demselben Recht auch heisten Leipzigerplatz, Köpnickerbriicke, Schwein f urtergrün usw. Und nun die Geschäfts- schilder! Hier einige der Hunderte von Inschriften, die ich bei meinen Strastenwanderungen abgeschrieben habe. Ein„Künstler- Magazin" und eine„Musik-Handlung", übrigens Geschäfte ersten Ranges, mag noch gehen, obgleich darin weder Künstler noch Musik käuflich sind; dann aber folgt ein. Achtzigjähriges Vermietungs- bureau", von dem übrigens versichert wird, dast es«um die Ecke" sei, ein„Kinderbnzar", der offenbar einein tiefgefühlten Bedürfnis abhelfen soll. Sehr nett sind die Zusamnrenstellimgen:.Bau- und Kimden-Tischlerei",„Milch für Kinder, separate Fütterung", „Tapezierer- und Bettfeder- Reinigungs- Anstalt",„Täglich frische lebende Seeflschhandlung zu Martthallenpreisen". Dort preist einer seine„Specialilät ans wunde Füste", hier wird»Drei Treppen hoch frisiert". Dann wieder werden offenbar Ladenhüter abzusetzen gesucht:.Porzellangeschäst vorgerückten Alters halber zu verkaufen". .Kleine und große Kuhren werden in und allster dem Hause gefahren"; „Dieser Stiefel ist aus dem besten Kalbleder mid für jeden Fust passend angefertigt";„Hier werden Knabennnziige und Paletots im Alter von 1 bis 1ö Jahren gemacht" uslv. Drollig sind oft die In- schrifte» auf Wirtshausschildern:„Zur gemütlichen Weißen" lockt einer,„Zur ftenndlichen Schwiegermutter" lügt ein andrer;„Durst- stillstation",„Zum musikalischen Wirt", sogar„Zunl Generalbast"; ob der Bknim dabei an das flötengehende Geld oder an den Brumm« schädel gedacht hat, den sein Gebräu erzeugt?— Theater. Schauspielhaus. SarahVernhardt alS.Fedor a".. — Wie Herr Coquelin im Vorjahr, so hat nun endlich auch die Sarah Benihardt den Weg nach Berlin gefunden. Der Andrang der Zahlungsfähigen, die aus Interesse, aus Neugier oder auch nur aus dem berufs,»ästigen Ehrgeiz keine kostspielig fashionable Mode aus- zulassen, mit dabei sein wollten, scheint bei der Bernhardt Gastspiel fast noch größer als bei dem Coqnelinschen. Aufs dreifache erhöhte Eintrittspreise und dabei alles lange im Voraus ausverkauft! Der Weizen der Zwischenhändler blühte. Schade, dast sie allster im „Hamlet", für den ihre Kraft, nach der„Fedora" zu urteilen, sicher nicht hinreicht, in kemcm einzigen Seelendrama von tieferer Psychologie austreten wird. Warum hier wie überall immer und immer wieder so arg verstaubten Sardou und Dumas; warum nicht einmal ein Jbsenschcs Werk? An Frau Alving oder gar an Nora wird niemand denken, aber die Hedda Gabler wäre eine Rolle, die, sollte man memen, die Künstlerin nach der Eigenart ihrer Begabung unwiderstehlich locken müßte. Da hätte mau einmal den Maßstab, was die selbstherrliche Virtuosin im Dienste wirklich moderner Dichtung leisten könnte. Auch die beste Fedora wird immer nur Theaterheldin sein. Es fehlt ganz das Bedeutsame; die Hintergründe mid Perspektiven, um über kalte Bewunderung hinaus eine lebendig nachhallende Wirkung zu erzeugen. Die einundsechzig Jahre der Bernhardt sind für sie gewist kein Hindernis, sich an solche neuen und größeren Aufgaben zu wagen. Es ist erstaunlich, wie diese Frau ihr Alter fortzuzaubern versteht. Auf der Bühne sieht sie mit dein schmalen interessanten Gesicht, dem blonden Haar, den großen roten Lippen wie eine Fünftuiddreistigjährige aus. Die Bewegungen haben eine hier und da etwas müde, aber immer reizvolle Schmiegsamkeit, und wenn das leise Lächeln ihre Züge erhellt, traut niau ihr jede Macht der Verfühnmg zu. Wie wir glauben, daß sie in dein Sardonschen Stücke Loris in Fesseln zwingt, so würden wir ihr als Hedda Gabler ohne weiteres glauben, daß sie den armen Lvbüerg verhängnisvoll berückt. Auch das Lauernde, Listig- verschlagene, das die Sardousche Schauspielerheldin mit der Ibsen- scheu Gestalt gemein hat, gelang ihr wunderbar. — 844— Sardou ist fem Dichter. Seine Heldin tritt nicht plastisch im inneren Zusanimenhange ihrer Nawr vor uns hin. Die äußerlich spannende Verwicklung must über die innere Leere hinweg- Helsen. Aber was er mit der Figur gewollt hat. das wenigstens ist ohne weiteres klar. Sie soll vor allem und zuerst ein Dämon mit wilden, zügellosen Leidenschaften sein, ganz erfüllt von dem einen Gedanken blutiger Vergeltung. Ihr Liebhaber, der Sohn des Petersburger Polizeichefs, ivird von einem Unbekannten erschossen. Man rät auf ein nihilistisches Attentat. Und nun ruht und rastet sie nicht, bis sie in Paris die Fährte auffindet. Um den Verdächtigen das Geständnis zu entreißen, ist ihr kein Mittels zu hinter- listig und schlecht. Sie heuchelt Liebe, wo sie rächen will. Sie lockt ihn in ihr Haus, will ihn gebunden der russischen Justiz zu Marter und Strafe ausliefern und denunciert auf eine vage Vermutung hin Unschuldige, die den Irrtum mit dem Tode büßen. Und ebenso gewaltsam ist der Umschlag in der Stimmung, als sie erfährt, das; der Ermordete sie hiittergangen, daß Loris ihn getötet, weil jener seine Gattenehre freventlich verletzt. Der rachsüchtige Hast wird Ivilde Liebe. Sie rettet den sie verderbe» wollte und greift verzweifelt über den Zorn des Neugelicbten, als der böse Anschlag ihm später offenbar wird, zum Gift. Sie soll in der Pariser Umgebung als Fremdling aus einer fernen Welt voll nngebändigtcr Instinkte erscheinen. In ihren Adern fließt lange slavisches und griechisches und obendrein man denke! — Kaiserblut I Sie ist, wie Loris im schönsten Theaterstil verkündet, als echte Slavin— das Ideal des Weibes, das wahre Weib mit all seinen plötzlichen Sprüngen und Gegensätzen, mit seinen Schwingen und Tatzen— Augen abgrundtief, bei denen einem ein Schwindel erfaßt— eine Stimme, deren zanberhafter und lieblich zitternder Klang Unbekanntes in uns auf- wiihlt usw. Doch weder die Augen noch die Stimme der Bernhardt besaßen diese vorgeschriebene Rätselhafttgkeit. Sie hatte in den späteren Akten glänzende Scencn. Wie sie aus dem abnungs- losen Loris das Geständnis herausholt, wie sie im Innersten er- schüttert bei der Kunde von dem schnöden Verrat des Gemordeten zusammenbricht, wie sie in fiebernder Angst den eben noch Gehaßten zurückhält und die Arme um seine Schultern schlingt, vor allem aber das demütig scheue Flehen im Schlußakt— das war außerordentlich fein abgetönte, diskrete Kunst. Aber über all' dein Diskreten kam das eigentliche, das Elementare, die katzenhaste Wildheit zu kurz. Es fehlte der markerschütternde Schrei der Leidenschaft, als sie sich über die Leiche des Ermordeten wirst, man spürte nicht den stürmischen alles verzehrenden Feuerbrand in ihrem Innern. So sehr man überzeugt ist, daß sie ihrem Opfer den Kopf verdreht, so wenig glaubt man ihr die Furchtbarkeit der Rache. Kein Hauch des Fernen, Fremden. des Dämonischen umzittert die schlanke Gestalt. Die Pariser Salons, in denen sie dem Mörder nachspürt, scheinen ihre Heimat und ihr natürliches Milieu zu sein. Sie spielte fein, oft sehr fein, aber im Grunde immer ihre eigne Fedora, ein etwas falsches, aber liebenswürdiges Geschöpf, das leis in die sanft sentt- mentalen Farben der Kameliendame hiuüberschillert. Der Beifall war warm, doch, wie eS dieser Art, dieser Kunst entsprach, an keiner Stelle enthusiastisch.— ckt. Völkerkunde. — D i e Polarvölker schildert Fr. Riedel als eine durch naturbediugte Züge charakterisierte Völkergruppe. Sie haben sich in so volltommeuer Weise an das Leben in großer Kälte unter dürf- ttgen Lebensbedingungen angepaßt, daß es in ihrem Leben Ivenige Dinge giebt, die nicht dazu iu Beziehung ständen; weder Lebens- weise noch ihre Geräte sind zu verändern. Jeder der Forscher, die längere Zeit mit arktischen Menschen gelebt haben, ist darüber belehrt worden, daß es das Beste sei, sich ganz nach ihnen zu richten. Triebmäßig tteffen sie stets das Richtige und jeder Ver- such. bessernd einzugreifen, endet mit einem Fiasko des Europäers, den dann gewöhnlich die Gutmütigkeit der Eingeborenen aus der schlimmen Lage oefreien niuß, iu die ihn sein vermeintliches Besserwissen gebracht hat. So erkennt man beispielsweise den Einfluß der Eingeborenen daran, daß der russisch-sibirische Geschmack selbst in der gesellschaftlichen Zuchtwahl mehr oder weniger mit dem der Eingeborenen überein- stimmt und häufig sich für das Ideal der eingeborenen Schönheit entflammt. Nicht allein der Mangel an Mädchen führt zum Umgang und zur Heirat mit Eskimomädchen, sondern ebenfalls eine völltge Uebereinstimmung des Schönheitsideals. Von allen Völkern des polaren Raumes besitzt das der Jakuten eine besondere Macht im Entnationalisieren andrer Völker, und übt auf Russen wie Tungnsen dieselbe in gleicher Weise aus. Bei der Festlegung der Grenzen der als polare Völker zu bezeichnenden Gruppen ist vor allem der Unterschied asiatischer und amerikanischer Ve- fledelung des hohen Nordens zu berücksichtigen. In dem anierika- uischen Anteil am polaren Gebiet scheidet Wald- und Tundrengrenze Wald- und Polargrenze so scharf, daß an keiner Stelle wesentliche Ueberschreitnngen bemerkbar sind. In Asien ist das polare Leben an andre Bedingungen geknüpft. Im Sommer zieht es bis in die Tundra hinein, im Winter bewohnt es den Wald allein. Jedoch dürfen wir das ganze Gebiet des Renn als Kultur- oder Jagdtier nicht als das polarer Lebensweise bettachten, es würde damit die Getteidegrenze viel zu weit nach Süden überschritten. Die brauch- barste Abgrenzimg de? polaren Gebietes scheint Verfasser durch diejenige Zone gegeben zu sein, in welcher in Asien der Schlittenhund seine südlichste, Pferd und Rind die nördlichste Grenze der Verbreitung aufweisen. Es kann zwar, wie das Vorkommen in Amerika lehrt, der Schlittenhund viel weiter nach Süden vordringen, er ist aber in Asien durch die Zucht des Pferdes, des Rindes und des Renntiers auf das polare Gebiet beschränkt, denn Pferd und Rind sind in Asien thatsächlich an die Nordgrenze ihrer Verbreitung gebracht worden, im Westen durch Europäer, un Osten auch durch die umsichtigen Jakuten. Durch diese Zone werden die Lappen im Nordosten Skandinaviens und Kolas, die Samojeden, die Ost-Jaken zum Teil, Jakuten und Tungusen in ihren nördlichen Stämmen, Tschuktschen und Korjaken, Jtelinen zum Teil und Aleuten nicht willkürlich, sondern nach polaren Lebensbedingungen von den südlicheren Stämmen gesondert. Der Beginn des Raumes polarer Lebensweise liegt eben dort, wo neben dem Renn bereits der Hund als Zugtier für den Schlitten wesentliche Dienste leistet. Die Lappen find ihrem Leben nach ganz wesentlich von der Nähe der Kultur beeinflußt. Sie bewohnen mit den West-Eskimos das klimattsch am meisten begünstigte Gebiet des Polarraumes, sie geben daher nicht das vollständige Bild eines Polarvolkes. Von den Sibiriern, außer denen des Nordostens, gilt, daß sie im Walde wurzeln. Jedenfalls erzeugte die Gleichartigkeit der polaren Lebensbedingungen Aehnlichkeiten in der Anpassung bei verschiedenen Völkern, so daß diese den Namen Polarvölker mit Recht in dein Sinne einer wohlcharakttrisiertcn Gruppe und nicht nur im topographischen Sinne führen.—(„Globus.") Technisches. eo. G l ü h st r ii IN p f e, deren Helligkeit z u n i m m t. E? ist ein oft beklagter Mangel des GaSglühlichtes, daß die schöne Helligkeit, die von den Glühkörpern ausstrahlt, zu einem sehr großen Teil recht bald wieder verschwindet. Nach einer Lebensdauer von llXX> Breunstunden ist kaum niehr die Hälfte der ursprünglichen Leuchtkraft vorhanden. Als einen großen Fortschritt würde man daher solche Glühkörper begrüßen, ivelche ihre ursprüngliche Leucht- kraft beibehalten: mit fteudigem Erstaunen aber lesen wir in der �Zeitschrift für Belenchtnngswescn", daß jetzt sogar Glühkörper her- gestellt sind, bei denen die Leuchtkraft mit derLänge der Zeit sogar noch zu- nimmt. Schon im Jahre 1899 find Versuche in dieser Richtung an- gestellt worden; bei einem Glühkörper stieg im Verlauf von Ivv Breunstunden die Leuchtkraft von 78 auf 99 Hefner-Einheiten, dann trat während 159 Stunden ein fortwährendes Sinken der Kerzenstärke bis auf 75 ein, um jedoch in den nächsten 159 Stunden wieder bis auf 99 anzusteigen. Nochmals folgte mährend 59 Stunden ein Sinken bis zu 84 Kerzen, worauf ein ebenso rasches Steigen b:s auf Ol Kerzen folgte. Dieses Maximum der Leuchtkraft wurde nach im ganzen 599 Breimstunden erreicht. Dann allerdings trat ein dauerndes Sinken ein, das nur von kurzen Perioden geringen Ansteigens unterbrochen wurde. Dieses Resultat ist typisch für eine ganze Reihe der vor drei Jahren angestellten Versuche: wenn sie auch den Nieder- gang der Leuchtkraft in 899—1999 Stunden nicht aufhalten konnten, so bewiesen sie doch ganz unzweifelhaft, daß die zur Herstellung der Lcnchtkörpcr benutzten Cer-Oxyde die Fähigkeit haben, sich nach einiger Zeit ivieber zu erholen. Nun ist es auch noch gelungen, Glühkörper zu erhalten, die nach kurzem Sinken sogar eine bedeutende Steige- rung der Leuchtkraft zeigen. Bei einem in der Physikalisch- Technischen Reichsanstalt untersuchte» Glühkörper stieg die Leuchtkraft iu den ersten 199 Stunden von 85— 96 Kerzen und in den inichstcn 199 Stunden um noch eine Kerze. Dann trat aller- dings 299 Stunden lang ein geringes Fallen, um 6 Kerzen, also bis aus 99, ein; jedoch wuchs die Leuchtkraft in den nächsten 299 Stunden ganz regelmäßig, so baß sie am Ende derselben, in« ganzen also nach 699 Brcnnstunden, auf 193 angekommen lvar. Bei einem andern Versuch stieg die Brenndauer ebenfalls ivährend 699 Stunden von 86 Kerzen andauernd bis auf 191; doch ttaten auch hier eine Reihe kurzer Senkungspcrioden ein, allerdings stets nur um 1— 1 V2, einmal um 4 Kerzenstärken, so daß das Ansteigen der Leuchtkraft ein sehr beständiges genannt werden mußte. Die allgemeine Einführung dieser Glühkörper wird das Gas in seiner Konkurrenz gegen das elektrische Licht außerordentlich unterstützen.— Hnmoristisches. — Erinnerung. Sie(zärtlich):„Wissen Sie noch, wie wir früher unter diesem Baum immer gemeinsam unser Abendbrot verzehrt haben, und wie die Nachtigall so schön dazu geflötet hat?" Er:„Ach ja, jedesmal, wenn ich jetzt noch eine Nachtigall höre... kriege ich Hunger!"— — Individuell. Frau:„Da lest ich gerade, wenn bei den Jndieru der König stirbt, müssen ihm alle seine Frauen ins Jenseits folgen— so eine schreckliche Grausamkeit!" M a u n:„Na und ob, im Jenseits könnt' mau ihm wirklich seine Ruh' lassen."— — Die Herren Buben. Mutter:„Um Himmels willen, was geht hier vor: ivarum schreit Fritzchen so?" Junge:„Ach Mama, wir spielen Menagerie, und da ziehen wir ihm nur de» Hals etwas länger, weil uns noch eine Giraffe fehlt I"—(„Mcggendorfer Blätter.") Verantwortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckern und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin