Anttthaltungsblatt des vorwärts Nr. 215. Dienstag, den 4. November. 1902 20 Nachdruck verboten. Oer HnKenteid). Noman don Gertrud Franke-Schievelbein. „Fräulein Kornelie!" rief Richard. Es erschütterte ihn fast. Sie war ihm also wirklich gut. Und er hatte sie verkannt, fteis und fremd neben ihr hingclebt, sie gekränkt, verschmäht! Wie mußte sie ihn lieben, daß selbst der Makel, der auf ihm lag, sein Gebundensein an eine Frau, die ihr im tiefsten Herzensgrunde verächtlich sein mußte, ihr Gefühl nicht ertötet hatte! Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Das Gäßchen erweiterte sich. Der Prächtige, freie, mit Gartenanlagen geschmückte Platz, an dessen Ende das Gym- iiasium lag, breitete sich vor ihnen aus. Er mußte rechts abbiegen, um zum Reul zu kommen. „Fräulein Kornelie," sagte er,„Sie ahnen's nicht, welche Wohlthat Sie mir erwiesen haben. An Freunden hat .ja ein Mensch in meiner Lage nicht gerade Ueberfluß. Nie vergess' ich's Ihnen." Damit ging er schnell hinweg. Die strengen� blauen Augen hatten sich gefeuchtet. Das that ihm . in der Seele weh. »* *■ •_ Langsam schlenderte er nach Hause. Es war ihm, als hätte er's schon halb überstanden. Er schloß die Wohnungslhür auf und ging ins Zimmer. Alles war sauber, der Tisch gedeckt, im Ofen brannte das Feuer. Nur Lene war nicht da. Sie hatte wohl noch in der Kammer mit dem Kleinen An thun. Oder das Essen war noch nicht fertig, obgleich sie sonst immer so pünktlich war. Er setzte sich in die Sofaecke, schloß die Augen und begann zu träumen, während er auf ihr Kommen wartete. Aber alles blieb still. Er hörte keinen Laut. Vielleicht hatte sie noch einen eiligen Gang gehabt. Er rief laut ihren Namen. Niemand antwortete. Jetzt wurde er unruhig. Er sprang auf und durchsuchte die kleine Wohnung. In der Küche auf dem Herde stand das fertige Essen, sorgfältig zugedeckt, noch heiß und appetitlich duftend. Von Lene, von dem Kinde keine Spur. Er ging wieder ins Wohnzimmer zurück, von einer Plötz- lichen Furcht, einem schnell aufspringenden Argwohn gepackt. Was bedeutete das? Mißtrauisch, mit wachsender Erregung blickte er umher nach irgend etwas, das über dies rätselhafteVerschwindenLenes Aufklärung geben könne. Und jetzt fiel ihm auf, daß nur ein Gedeck auf dem Tische stand. Auch fehlte auf ihrem Nähtisch die Handarbeit. Des Kindes Spielzeug, der Hund von Gummi und der wollene Hampelmann, lagen nicht auf ihrem Platz. Alles sah so aufgeräumt aus, so feiertäglich ernst und kalt— das warme Leben, die holde, traute Unordnung, die kleine, spielende Hände schaffen, war verschwunden. Sie war fort— ohne Zweifel. Wohin? Ausgegangen? Oder—? Er konnte es nicht ausdenken— nicht glauben. In wilder Hast begann er herumzusuchen. Irgend ein Zeichen mußte sie doch hinterlassen haben, sie, die so sorgsam an alles dachte. Und richtig— auf seinem Schreibtisch— als er die Mappe aufschlug— ein Brief von ihrer Hand:„An meinen lieben Mann." Er riß ihn auf, durchflog die ersten Zeilen— las ihn noch einmal langsamer— dann Wort für Wort mit ver- sagendem Verstände—, es blieb immer dasselbe: ein Ab- schied. Auf Nimmerwiedersehen! Die Kniee brachen unter dem starken Manne zusammen. Er tastete nach einem Stuhl und fiel darauf nieder. Alle Glieder waren ihm gelähmt, starr, leblos. Eine Weile saß er, vor sich hinstierend, mit halb offenem Munde, verglasten Augen. Das Haar hing ihm wild in die Stirn, die Lippen waren blau. In der Hand hielt er den Brief, festgekrampft, ohne es zu wissen. Wie ein Mensch, den ein Keulenschlag auf den Kopf betäubt hat, saß er minutenlang, kaum atmend, ohne Bewußt- sein. Und ganz sacht, dunkel, wie aus weiter Ferne, kroch endlich ein Gedanke heran, ein Gedankenbruchstück— eine wahnwitzige, unglaubliche, unfaßbare Vorstellung: Lene fort — seine Lene. Sein Weib.— Fort?— Aus dem Hause?— Sie hatte ihn verlassen? Er versuchte mit qualvoller Anstrengung den Gedanken zu Ende zu denken. Aber die Begriffe zerflatterten ihm nach allen Richtungen. Bei einer Bewegung, die er machte, raschelte das Papier in seinen Händen. Ach ja. der Brief! Darin stand es ja. Und wieder nahm er ihn vor die Augen und las: „Liebster Mann? Ich gehe fort und komme nicht wieder. Es muß sein. Es ist unsre einzige Rettung. Ich Hab' mir's lange überlegt und mit schwerem Herzen den bitteren Entschluß gefaßt. Wenn es noch einen andern Ausweg gegeben hätte, ich hätte ja alles lieber gethan. Ins Elend ivär' ich mit Dir gegangen, freudig wie zu einem Fest. Gedarbt und gehungert hätt' ich mit Dir, Schande getragen wie ein Ehrenkleid— für Dich— wenn Dir damit gedient gewesen wäre. Aber das könnt' ich nicht länger mit ansehen: daß meine Gegenwart Dich täglich und stiindlich an unser Vergehen er- innerte: ja, daß das Kind Dir ein steter Vorwurf war. Nenne es Stolz. Ja. Es ist wohl auch mein Frauenstolz, mein Mutterstolz dabei im Spiele. Wieviel mehr aber meine Liebe! Du hast es gut gemeint. Deine eigne Zukunft hast Du gewagt, um mir und dem Kinde einen geachteten Namen zu geben. Ich danke Dir's auf meinen Knieen. Deinen Namen tragen wir ja nun, der Kleine und ich. Das wird uns gut zu unserm Fortkommen helfen. Denn ich will nun allein für uns beide sorgen und weiß auch schon einen Weg. Du sollst aber nicht fragen und forschen. Niemals, hörst Du, nie werde ich Dir antworten, oder zu Dir zurückkehren. Meine Spur soll für Dich verlöscht sein, als hätten wir uns nie gekannt. Du sollst frei werden, so frei, daß.Du Dein Leben von vorn anfangen kannst, ohne Rücksicht auf andre, ohne den Ballast der Vergangenheit. Und wenn ich Dir einen augenblicklichen Schmerz anthue, verzeihe mir! Ich kann, ich darf nicht anders handeln. Wir glaubten unsre Schuld tilgen zu können durch Ver- tuschen und Verdecken. Wir wollten glückliche, zufriedene Leute werden, wie andre— trotz alledem. Aber unsrer Ehe fehlte das Beste, das Heiligende: nicht der freie Wille führte uns zusammen, sondern die gemeinsame Schuld. Und darum trug sie ihren Todeskeim in sich von Anfang an. Für mich giebt's keine Sühne, als die schwerste, die ich beute auf mich nehme. Vielleicht bringt sie uns den ersehnten Frieden. Und nun lebe wohl! Denke meiner ohne Groll. Vertraue mir, daß ich unser Kind zu einem braven Manne erziehe. Deine Helene." Wie Richard Volkmar den Nachmittag hingebracht hat, die jener Entdeckung folgenden ersten Stunden— das ist ihm hinterher imnicr ein Rätsel geblieben. Den Brief hatte er in einem Anfall rasender Zerstörungs- Wut zerknittert und irgendwo hingesteckt. Was wußte er— — von sich— oder von der Welt? Es gab ja nichts weiter als das eine Furchtbare, alles Verschlingende: sein Weib — fort! Darüber schrumpfte alles, was ihm sonst noch geschehen war, was ihn monatelang geveinigt und bis an den Rand der Verzweiflung gebracht hatte— selbst die drohende Strafe — das schrumpfte jetzt alles zu blassen Schatten ein neben der furchtbaren Realität der Thatsache, die auf einmal mitten in seinem Leben stand. Wie ein.Felsblock herabgestürzt— aus Regionen, von denen er nie eine Gefahr erwartet hatte. Während er ganz hingenommen war von kleinen tag- lichen Lebenssorgen, vom Kampf mit äußeren Feinden, ja, mit den Schemen von Dingen, denen seine Einbildung allein erst ein furchtbares Leben gegeben hatte,— während dessen hatte sich sacht und unmerklich, unbeachtet und doch unaufhaltsam der Felsblock losgelöst, der ihm sein einziges Besitztum, sein bestes, wahres, wirkliches Glück zerschmettert hatte. Und jetzt stand er davor— ein Mensch, der mit einem Schlage zum Bettler geworden ist. Und wie er sich auch quält, wie er's immer von neuem versucht, sein Unglück zu fassen— es ist zu groß. Es ist viel größer als seine Kraft. Fortwälzen, aus dem Wege rücken kann er's nie. Nur nach 858— tttt?» nach, nur Brocfentoeifc kann er hoffen, eS zu bewältigen — hie und da ein Stück loszusprengen. Aber was war sein bißchen Leben dieser Ausgabe gegenüber!— Der graue Tag hatte Sturm gebracht. Novembersturm mit Regengüssen. Nachmittags, mit sinkender Dunkelheit brach er los. Als die Wassermassen Plötzlich gegen die kleinen Fenster prasselten, und der Sturm unablässig an den Scheiben rüttelte. wurde Richard Volkmar sich dunkel der Außenwelt bewußt. Cr erhob sich wie ein Erwachender aus der Sofaecke, in die er, zerschlagen von wildem Toben und Wüten, von ver- zweifeltem Umherrennen und Sichaufbäumen, endlich ge- funken war._(Fortsetzung folgt.) „Vie GerecKtigKeit." Tie fünfaktige Komödie»Die Gerechtigkeit" von Otto Ernst erlebte am Sonnabend bei der Erstaufführung im Dresdner k. Schauspielhaus einen unbestrittenen großen Erfolg. Es ist möglich. sogar wahrscheinlich, daß die Kritik der bürgerlichen Presse weniger günstig ausfallen wird; trotzdem dürfte sich diese jüngste Arbeit Otto Ernsts als ein Zug- und Kassenstück ersten Ranges erweisen. Man wird am ehesten der Bedeutung des Stückes gerecht, wenn man in diesem Falle scharf zwischen Milieuschilderung und Handlung unterscheidet. Erstere bietet ein köstliches Bild urwüchsigen Humors; letztere zeigt einige Schwächen, deren hauptsächlichste die Breite und Wiederholungen sind. Zuerst das Milieu. Der Dichter führt uns hinter die Redaktionskoulissen einer modernen großen parteilosen Zeitung. Wir lernen hier die eigentlichen Triebkräfte dieser Parasiten- gewächse der Presse kennen. Der Verleger ist als Bauernbursche in die Großstadt eingewandert, hat sich im Laufe der Jahre empor- gearbeitet und läßt jetzt sein Geld in einem Jnseratengeschäft, das ist in seinen Augen seine Zeitung, arbeiten. Bauernschlauheit und Bauerndummheit sind seine vornehmsten Eigenschaften. Er gicbt seinen Redakteuren die leitenden Gesichtspunkte: das ist seine Arbeit. Nach den leitenden Gesichtspunkten zu schreiben, d. h. die Redens- arten zu machen: das ist die Arbeit der Redakteure. Die leitenden Gesichtspunkte des Verlegers Löhmann— solche Löhmänner laufen in Deutschland schockweise herum— zielen einzig und allein darauf hin, die Auflage des Blattes zu erhöhen, und das Jnseratengeschäft zu vergrößern. Der Text des Blattes ist nur Mittel zu diesem Zwecke. Für unsern Löhmann handelt es sich nicht darum, der Wahr- heit zu dienen, für gewisse Ideen zu kämpfen, sondern nur verum, den Textteil des Blattes so abzufassen, wie ihn die Menge zu lesen liebt. Er spekuliert auch auf die bösen Instinkte, die Schadenfreude, das Bedürfnis nach Klatsch, die in der großen indifferenten, politisch ungeschulten Masse wohnen. Und deshalb haben die Redakteure die Weisung erhalten, auch Artikel dieser Art zu schreiben. Die Opfer der Artikel dürfen natürlich beileibe keine Inserenten sein. Die An- gegriffenen brauchen bloß einen Jnseratcnauftrag zu erteilen, und das Löhmannsche Blatt,„Die Gerechtigkeit", stellt sofort seine An- griffe ein. In der Wahl des Stoffes hat, wie man sieht, Otto Ernst wieder einmal eine sehr glückliche Hand gehabt. Diese Verhältnisse schrieen ge- radezu nach einer Dramatisierung. Die Freytagschen Journalisten sind veraltet; sie geben ein Bild, das für unsrc modernen bürger- lichen Preßverhältnisse schon längst nicht mehr zutrifft. Man denke nur an die Frehtagsche Zeichnung des Verlegers, der gewisser- maßen als fünftes Rad am Wagen eine lächerliche Rolle spielt. Aus dieser Null ist aber im Laufe der Jahre die Haupiziffer ge- worden. Die Doppelaufgabe der bürgerlichen Presse: dem Geld- erwerb zu dienen und die öffentliche Meinung zu beraten— vereinfacht sich bei der parteilosen Presse durch die Rudimenticrung der letzteren Aufgabe ungemein. Diesen letzten Entwicklungssproß der bürgerlichen Presse an den Pranger gestellt zu haben, ist das un- bestreitbare Verdienst Otto Ernsts. Dem Revolverblatt stellt der Dichter ein anständiges bürgerliches Blatt gegenüber. Dieses siecht aber am Leserschwund dahin. Die Handlung des Stückes ist rasch erzählt. Von der Erlaubnis des Verlegers, dann und wann Personen anzurempeln, um das Blatt pikant zu gestalten, macht der Chefrcdacteur Gebrauch. Seine Frau ist nämlich mit einem aufstrebenden Tondichter verfeindet. Der ge- fällige Gatte läßt nun durch seine Redaktion den Künstler mörderisch herunterreißen. Der junge Mann gerät in Wut und Verzweiflung über die ungerechten Angriffe. Als er in der Presse Erwiderungen veröffentlicht, ergreift sogar die anständige Presse gegen ihn Partei und erklärt ihn für einen rechthaberischen Krakehler. Bei der Erst- aufführung seiner Oper entscheidet sich aber das Publikum für den Künstler. Sofort schwenkt die„Gerechtigkeit" ein und bittet den erfolgreichen Tondichter sogar um sein Bild für einen Ver- hcrrlichungsartikel, den er sich selbst schreiben soll. Die Lehre, die die Komödie erteilt, ist ganz verständig. Der von der Kritik heruntergemachte Künstler soll sich nicht auf Preß- Polemiken einlassen, vielmehr durch bessere und vollkommenere Kunst- werke seine Gegner zu entwaffnen suchen. Otto Ernst hat Er- fahrungen auf diesem Gebiete. Gespielt wurde vortrefflich. Vor allem verdienen Herr Wiecks, Stahl. Froböse und Naumann(Löhmann), lobend genannt zu werden,—... ri. Kleines feullletorn — Tie Frau mit den Stöckelschuhen. Am Sonntag war iH draußen, hinter Hohen- Schönhausen. Sehr viel Gegend giebt es da, Sonst nichts. Außer„verbotenen" Wegen. Die müssen das Privilegium oder das Patent darauf haben. Ich meine, sie lassen keine Krähe über die Saat fliegen, außer sie läßt etwas fallen. Tann haben sie ja den Nutzen davon. Als ich müde war, stieg ich auf die Elettrische. Die ist die schnellste in Berlin, auch jetzt noch, da es mit Schuckert rückwärts geht. Auf einmal ein Ruck. Die ganze Straße schwarz von Menschen. Ein Kirchhof... Muß ein katholischer fein. Aber natürlich, heut' ist ja Allerseelenl... Geschrei, Ge- lächter, Trubel. Wie nach einem Begräbnis, nachdem die ver- ehrten Leidtragenden das Leichenbier im Magen haben... Sturm auf den Wagen... Hallelujahl Ich höre die Engel singend Zweihundert Pfund Lebendgewicht in Gestalt einer Frau trampeln auf meinem rechten Fuße herum. Wie wenn man Sauerkraut ein- Witt. Aber jetzt ging mir der Knoten auf. Kinder, was da heraus kam! Die Frau muckste nicht. Sah mich an mit gradem Blick, und auch die andern. Dann machte einer eine ttppende Bewegung nach der Stirn. Jetzt erst kam ich dahinter, daß ich auf U n g r i s ch ge- flucht hatte, weil es in der Sprache am besten geht. Dinge kann man da sagen, Dingel... Na, ich sage nichts... Ich mußte lachen, und die Geschichte war aus... Als ich am Abend den Schaden besah—: Eine Zehe war breit gequetscht und sah aus wie eine Klattnetten-Klappe, von der andern fehlte der Nagel. Hundertmal sah ich, wie an Sonntagen Berliner rauften. Gegen Abend, in der Nacht, wenn alles, was da ausgeflogen war, mit ein- mal nach Hause wollte. Um einen Sitz in der Elektrischen oder Eisen- bahn. Schirme schwirrten, Frauenkleider rissen, einer ttat den andern nieder. Und die Göhren!... Häßlich!... Unlängst fuhr ich auf der Eisenbahn, nach München zu. Es saßen lauter ruhige Leute im Abteil: Ein russischer Student, ein Maler aus Dänemark— er hatte seit vierundzwanzig Stunden kein Auge Schlaf erwischt—, ein Berliner Redakteur, der zur alljährlichen Kopfwaschung fuhr, und ein Bayrischer Bierbrauer. Kaum waren wir zum Anhalter Bahnhof hinaus, ttat eine Sonnenfinsternis ein: Aus dem benachbarten Abteil, in dem nur Frauen saßen, kam ein junges Frauenzimmer— es sprach Berlin'sch— an unser Fenster und beschattete uns. Stundenlang geschah nicksts. Der Russe las in Tolstojs„Auferstehung", der Maler schlief, ein andrer rauchte wie verrückt und der Brauer probierte eine Rotweinsorte. Vor Leipzig ging das Sticheln an. Das Fräulein— nach ihren Ausrufen mußte man auf eine höhere Tochter schließen— schien aber am Tage vorher Erbsen gegessen zu haben und hörte absolut nichts. Um das Gehänsck wurde gröber; die Berlinerin hörte noch immer nichts. So gings das Vogtland hinauf. Da, auf einmal mußte der Bayer Heimatluft ge- rochen haben. Er brach los. Sofort war die Finsternis zu Ende, freilich nicht, ohne daß das Fräulein sich in ihrer Manier bedankt hätte. Ich sah zum Fenster hinaus. Vor Hof war es. Fichtenwald über Höhen und Hängen. Und neben der Bahn, der schmalen Chaussee entlang, filberfarbene Birken mit hellem, spielendem Laub... Um wieder auf die Stöckelschuh zu kommen: Wenn es eine Auf- erstehung giebt— und auch ich bin katholisch getauft— Schwesteo Hundertkilo, dann wirst Du etwas erleben. Ich kenne Dir! Und wenn ich das ganze Thal Josaphat von unten bis oben durchsuchen muß, finden werde ich Dich! Und dann mußt Tu mit zum Petrus. Und ich werde ihm sagen: Ich habe so manche Dummheit angestellt da drunten und nianchen groben Unfug verübt, aber. Du weißt ja. Pettus. daß ich jahrelang politische Leitartikel geschrieben habe, und daß ich so lange Mitglied der Bruderschaft des heiligen Vorwärts gewesen— weiß d', wo's die vielen Thüren. die schmalen, langen Korridore gegeben hat und die Zellen, die Schlüsseln mit Nummern dran— und da mein ich, wir sind quitt. Siehst, hörst, und nur um das Eine bitt' ich Dich: Thu' mir den einzigen Gefallen und laß der dicken Schwester da bis fünftausend Jahr nach der Ewigkeit auf ihren Füßen herumtrampeln, daß sie's auch weiß, wie's thut." Und was meint Ihr, wird der Pettus sagen? Ich Hab' keine Angst. Er gehört ja so quisi quasi zum Bau: Von wegen des Ableugnens. Und dann wird ja selbst ein Partei- kassierer mürb wie ein alter Has. der drei Tage in der scharfen Beiz gelegen hat— wenn man ihn ordentlich angeht.—' k. Die Jagd in den arktische» Regionen. Kapitän Otto Sverdrup erzählt in dem Bericht über seine Expedition nach den Inseln des nördlichen Eismeeres, daß er nördlich von Grinnelland mit seinem Gefähtten 28 Moschusochsen und viele Hasen erlegt hat. die ihre Vorräte in sehr schätzbarer Weise ergänzten. Ueberdies sahen sie während des Winters 1900—1901 viele weiße Polarwölfe Z einige töteten sie. und einige Exemplare haben sie lebend mitgebracht. Die arktische Gegend hat ihre Fauna und Flora, obgleich das Thermo» meter im Winter häufig zwischen 40 Grad und 60 Grad unter dem Nullpunkt steht. Besonders das Leben im Meere entwickelt sich in» folge der verhältnismäßigen Wärme des Eismeeres, das unter seiner Eisdecke eine Temperatur von V» Grad unter und 1 Grad über 0! hat. Bis zum 84. Breitengrad sind einzelne Thäler im Sommer, wenn der Schnee geschmolzen ist, mit Gras, Moos, Flechten und arktischen Planzen bedeckt. Auf diesen Weiden finden der Moschus« ochse und der Polarhase ihre Nahrung. Hier findet man auch den Eisbär, das Nenntier, den Wolf, den Fuchs, den Fischotter, die Robben und die Wnlrosse, die an den ttfem des Meeres wohnen. Unter diesen Tieren ist der Moschusochse(ovidos maschatus) am interessantesten, weil man seinen Pelz und seine Haut verwerten tann, und außerdem auch sein Fleisch, das genügend genießbar ist, um von den Bewohnern der Polargegend gesucht zu werden, und das den Forschern in diesen ungastlichen Breiten eine kostbare Hilfs- quelle ist; sie sind immer sehr glücklich, wenn sie unterwegs Moschus- ochsen finden. Das Tier verdankt seinen Namen dem sehr wenig angenehmen Moschusgeschmack, den sein Fleisch manchmal annimmt. Der ausgewachsene Moschusochse ist kleiner als der Bison, erscheint wegen seines langen, dichten Pelzes aber größer; er mißt etwa zwei Meter in der Länge, und seine großen, fast 60 Centimeter langen Hörner geben ihm das Aussehen eines großen Widders. Man trifft ihn auf den Inseln des Eismeeres, an den nördlichen Küsten Grön- lands, im Osten wie im Westen, und auf den beiden Abdachungen deS Smithsundes. Man hat sein Vorkommen vom 60. bis zum L0. Grad nördlicher Breite festgestellt. Dieses Huftier lebt mit Vorliebe in den Bergen; es ist trotz seines schweren Aussehens flink und klettert wie eine Ziege. Die Moschusochsen leben truppweise, teils um besser den eisigen Winden zu trotzen, gegen die sie sich zum Schutze auseinanderdrängen, teils um vereint gegen ihre Feinde zu kämpfen, unter denen der Wolf obenan steht. Obgleich die Eskimos hauptsächlich von dem Fett der Fischottern und Walfische leben und die Haut des Renntieres benutzen, suchen sie auch den„Ooming- meing"(so nennen sie den Moschusochsen) nicht nur wegen seines warmen Fells, sondern auch wegen seines Fleisches zu erlegen. Manche Tiere wiegen bis zu 350 Kilogramm; durchschnittlich liefern sie 180 Kilogramm Fleisch. Die Eskimos jagen den Moschusochsen auf eine ziemlich merkwürdige Art. Zuerst errichten sie im Gebiet des Moschusochsen Schneehütten, in denen sie sich niederlassen. Dann gehen sie allein oder paarweise fort, um die Umgebung zu erforschen. Wenn sie die Spuren des Wildes bemerken, so erkennen sie auch das Alter, was für sie sehr wichtig ist. Haben sie die Spuren festgestellt, so organisieren sie die Jagd für den folgenden Tag. Dann herrscht großes Leben in den weißen Hütten. Schon am Abend vorher sind die Hunde mit Riemen aus Fischotterfell angelegt; man will so der- hindern, daß sie durch ihr Gebell die Ochsen, die sich nachts dem Lager nähern, verscheuchen. Die Hunde zur Verfolgung des Wildes werden an die Schlitten mit Riemen festgebunden, die andren werden angespannt. Bei Tagesanbruch brechen die Eskimos auf und spornen die Hunde an; aber sie vermeiden Schläge mit der Peitsche, da sie die Ruhe stören und das Wild stutzig machen würden. An dem bezeichneten Ort machen sie Halt, überlasten die Schlitten den Frauen und jungen Leuten, machen die Hunde los und befestigen die langen Riemen an ihrem Gürtel. Jeder trägt in der Linken ein Gewehr und führt mit der Rechten einen oder mehrere Hunde. Dann lassen sie sich von den Tieren pfeilgeschwind fortziehen. Sobald die Jäger die Moschusochsen bemerken, die einen Kreis zur Verteidigung bilden, lassen sie die auf diese Jagd dressierten Hunde los und schließen die Tiere ein, die bald unter den mörderischen Kugeln der geschickten Schützen fallen. Früher, als die Eskimos noch keine Flinten hatten, griffen sie trotz der großen Gefahr die Moschus- ochsen mit dem Messer an. Die Polarforscher sagen, daß das Fleisch der männlichen Tiere einen schrecklichen Moschusgeschmack hat, der bei den weiblichen und jungen Tieren fehlt; aber die Eskimos machen keinen Unterschied und regalieren sich an dem einen wie an dem andern. Das tierische Leben hört mit dem 84. Grad auf. Je mehr man sich dem Pol nähert, um so seltener trifft man einen Vierfüßer, und die große Schwierigkeit, den Nordpol zu erreichen, liegt zum Teil auch an dem AufhZven jeden animalischen Lebens.—» Theater. Deutsches Theater..D' Mali", Schauspiel in 4 Akten von Max Bern st ein.— Der Vater der Mali ist ein kleiner Schuh- machermeister in München und hat die gute Stube an einen eleganten Zimmerherrn vermietet. Man kann sich denken, wie es kommt. Der reiche junge Mann, der eine flüchtige Liebschaft sucht, das arme gute, liebe Mädchen, das, von den» Schein geblendet, dem Fremden, der die graue Monotonie ihres Arbcitslebens kreuzt, sich rückhaltlos bewundernd und liebend mit überquellender Seele hingiebt, um nach kurzem Glücke zu furchtbarer Enttäuschung zu erwachen— wie oft sind wir ihnen auf der Bühne, in der Novelle, im Roman begegnet I Das Gretchenschicksal verliert dadurch, daß die Verfiihrer keine Fauste, sondern„moderne" jämmerlich triviale Gesellen sind, denen nur die Phantasie der Verführten auf Augenblicke ein höheres Wesen andichtet, gewiß nicht seine erschütternde Tragik. Es ist ein Konflikt, den in hundert verschiedenen Kombinationen und Mischungen das Leben immer erneut, und der, so lange das Leben ihn wiederholt, auch stets die das Leben nachschaffende Kraft der Dichter reizen wird. Ein altes Thema, doch das ist kein Vorwurf, wenn es dem Künstler gelingt, das alte, durch eigne Formung neu und bedeutsam, so daß es wie ein frisches Erlebnis uns in seinen Bann zieht, zu gestalten. Das Schauipiel Bernsteins, des Münchener Rechtsanwaltes, war gewiß nicht Schablone, aber zwingend war es ebenso wenig. Eine Reihe fein beobachteter und stimmungsvoller Einzelzüge, die sich doch nicht zu einem geschlossenen in seiner Geschlossenheit überzeugendem Bilde aneinander fügen l Das Drama steht an innerer Fülle und Bewegtheit hinter Schnitzlers„Liebelei", an die es in manchen Wendungen leb- hast erinnert, und auch weit hinter Hirschfelds„Mütter" zurück. Und die scharfe Satire gegen die offizielle Heuchelmoral der Gesell- schaft, die es vor diesen beiden Stücken voran? hak, kann sich mit dem funkelnden Spott in der„Erziehung zur Ehe", dem besten noch immer'o wenig bekannten Drama HartlebenS, das den Zufalls- rühm des„Rosenmontag" in Wahrheit verdiente, keinesivegs der- gleichen. Der Landesgerichts-Direktor Wiedemann predigt seinem Sohne ganz dieselben Erbaulichkeiten wie Hartlebens Frau Günther dem ihrigen: Liebe jene Mädchen wie Du Lust hast— nur nicht ehrlich. Soweit darf es niemals kommen, daß über derlei Ber- Hältnissen ernsthaste gesellschaftliche Pflichten vernachlässigt werden Da ist die Grenze.... Der gefährliche Wendepunkt, wo sich ein junger Mann zu entscheiden hat, ob er mit der Gesellschaft oder ab- feits von ihr leben will I Aber wie viel schärfer, wie viel lebendiger ist dort die Zuspitzung I Bei dem Landesgerichts-Direktor muß man unaufhörlich an die Rolle denken, die die Absicht des Dichters ihm zuerteilt, bei Hartleben quillt das alles mit absichtslosester Natürlichkeit hervor. Darum wirkt es dort auch so ganz anders. Sehr hübsch sind Scenen der Liebenden im ersten und zweiten Akt, und die Darstellung that alles, um den Eindruck zu erhöhen. Irene Driesch war eine prächtige Mali. Wie sie mütterlich um den Alten besorgt ist, wie sie im Gespräch mit dem Znnmerherrn(Herr K.a h ß l e r) so einfach, so verständig daherredet, wie fie die Schmeicheleien schlicht zurückweist, und unerschrocken den Katechismus eitert und wie dann endlich doch die Walzerllänge sie zur Redoute locken, das alles kam frisch, reizend und lebendig heraus. Und gleich vortrefflich war sie in der großen Scene mit dem Vater, der bewegtesten und besten des Stückes. Reinhardt spielte den Alten mit dem weichen, arglosen Kinder- herzen wunderbar ergreifend. Der Schuhmachernreister ahnt nicht, was vor seinen Augen fich abspielt. Felsenfest glaubt er an seine Tochter. Allen Menschen traut er das Beste zu: Der Znmner- Herr, ein lieber, junger Mann und der Herr Vater, der Direttor, muß erst recht ganz ausgezeichnet sein, hat er doch in einer Rede öffentlich erklärt, daß alle Menschen Arbeiter und alle guten Arbeiter gleich wert sind I Da läßt Malis Bruder, der schon lange Verdacht hat, ein Wörtchen fallen. Der Alte versteht erst nicht und als er versteht, da hält er es für giftige Verleumdung. Nur daß sie den Verleumder Lügen strafe, dringt er mit Fragen in das Mädchen. Wie sie ihm auslveicht, packt ihn die Bangigkeit und dann, als er die Wahrheit erfährt, ein jäher furchtbarer Zorn. Mit Gewalt zwingt er ihn nieder. Er will helfen und retten. So darf ihm sein Kind nun und nimmer geraubt werden. Wir leben doch nicht unter Wilden, es giebt Recht und Gesetz im Lande, und Recht soll ihr werden, der wackere Mann, der Direktor, wird es gewiß nicht vorenthalten I Wenn der erfahren, lvas sein Sohn ge- than, wird er ihn selbst den Fehltritt durch die Ehe gut zu machen heißen. Der dritte Akt bringt die Auseinandersetzung der Väter. Hilflos steht der Arme vor dem korrekten, kalten Herrn, der ihm lächelnd mit Juristenweisheit Stück für Stück seine wunder- samen Gerechtigkeitsgedanken zerbrochen bor die Füße wirft. Wie mit dem Alten so wird der swebsame Carrieremensch, die in politischen und Majestätsbeleidigungs- Prozessen erprobte Säule der Gesellschaft fHerr Sauer war vorzüglich in der Rolle), auch mit dem rebellisch aufmuckenden Sohn schnell fertig. Scharf geraten die beiden aneinander. Der Sohn— die Figur ist unklar und präsentiert sich in jedem Akte anders— will von dem Mädchen nicht lassen; die heuchlerischen Sittlichkeitsphrascn empören ihn. Doch der Alte kennt sein Blut. Er stellt das Ultimatum: Unter- wcrfuug unter seinen Willen oder Bruch. Leider verpufft nach dieser Steigerung der Schlußakt wirkungslos. Die Linien verwischen sich hier. Der junge Mann ist zu den Lcchners zurückgekehrt, er erklärt dem Mädchen, daß er die Treue halten werde, aber im geheimen nagt die Furcht in ihm und der Zorn über das Opfer. Was in Wochen und Monaten hätte geschehen können, daß die Mali, um seinem Stolze die Beschämung zu ersparen, selbst zu der Trennung drängt, erscheint, wie es fich hier in wenigen Augenblicken abspielt, ganz unvernüttelt und willkürlich. Und ebenso ist auch bei ihm die Wandlung viel zu jäh, um glaubhaft zu wirken. Sein Hinausstürmen, als ihn die Worte Mali's die Brücke zur Flucht gebaut, ist unwillkürlich possenhaft. Schluchzend bricht das Mädchen zusammen. Der alte Lechner beugt fich, selbst zerschmettert, tröstend über sie. Possenhaft, und zwar vom Anfang bis zu Ende, ist der Sohn des Alten, eine gehässige und fade Karrikatur eines Socialdemokraten. Ursprünglich hat Herrn Bernstein vielleicht nur der Gedanke vorgeschwebt, durch die Kontrast- figur des Sohnes die vertrauensselige Weltzufriedenheit des Alten noch schärfer hervortreten zu lassen, aber wie die Ausführimg ge» raten ist, hat es geradezu den Anschein, als sei dabei auf die aller- dümmsten Vorurteil- eines Bourgeois-Theaterpublikunrs spekuliert. Die ersten drei Akte wurden mit starkem, der letzte mit geteiltem Beifall aufgenommen.— llt. Musik. Man glaube nicht, daß wir einen gut stilisierten Unsinn oder Unwirklichkeitssimr oder Unmöglichkeitssinn von dem Range der Kunst ausschließen und nicht auch als Basis einer musikall, chcn Aufschüttung anerkennen wollten. Zumal wenn man sich wirklich nur amüsieren will, oder gar, weim die musikansche Auffchllttung nicht aus Schutt von der Straße besteht. Viel mehr als einen solchen hat Hugo Felix, der uns bcretts von einer der allzu vielen Operetten der letzten Jahre(„Rhodope") her bekannt ist, in seiner ,M adame Sherry" nicht geliefert; doch er hat ihn so geschickt, mit so hübschen Kniffen ausgeschüttet, daß man auch damit zufrieden sein kann. Ihm stand nicht etwa ein Tert zur Verfügung, der um einer Herrschaft der Musik willen etwas Eigenartiges preisgeben mußte. Nein: es ist der ganz selbständige Situationsichwank, dein sich umgekehrt die Musik so weit dienend angeschmiegt hat, als es auf solchem Niveau gelingen konnte. Nicht, daß sie sich Mühe gegeben hätte, einen dramatischen Faden musikalisch auszuspinnen; mit den modernen Anläufen zu einem musikalischen Lustspiel hat dieses Werk nichts zu thun. Die Musik füllt nur eben einiges von dem aus, was vor und nach den Knoten der Handlung übrig bleibt. Und diese Handlung ist auch gar nicht auf Vertonung an- gelegt, duldet sie vielmehr gerade nur. Wenn wir erzählen, daß ein schottischer Onkel aus Kanada seinen Pariser Neffen verheiratet glaubt, ihn nach 20 Jahren überrascht und in die Zwangslage bringt, aus verschiedenen Paaren sich schnell eine Familie zusammen- zukonstruieren, deren Verwickeltheiten den Alten zur Ver- zweiflung bringen, bis sich endlich durch Aufgebot der verschiedensten Weiblichkeiten alles in das Wohlgefallen des dritten Aktes auflöst, so haben wir genug erzählt. Die ganze Tollheit der Verwechslungen und Mißverständnisse ist nicht im entferntesten in unsre Zeilen zu bannen. Selbst die Musik besitzt immerhin mehr hübsche Einzel- heiten, als sich hier beschreiben lassen. Ueber die sentimentale Melodie ist sie hinaus: sie will Ulkmelodie und Ulk-Enscmble geben. Im Bordergrunde steht, wie heute gebräuchlich, ein Tanz- duett:„Voup-la, youp-la, Eatan"; daneben ist wiederum ein Duett zu erwähnen, eine verliebte Musikstunde charakterisierend sI/4); dann ein.Lied vom Pfeifer von Dundee"(1/8); ein Terzett mit herumwandelnden Liebespaaren(11/13): ein bewegtes Durchein- ander im zweiten Finale; und endlich ein achtstimmiges Nacht- stück(111/16). Das sind lauter feingemachte.Numinern", nirgends bloße Theaterware und doch nirgends neue Wege legend— stets dankbar und reich an Anregungen einer Vorttagskunft, wie sie im C e n t r a l t h e a t e r sorgfältiger als an manchen andern Stellen gepflegt wird, von denen man derarttges noch mehr erwarten könnte. Die(zweite, vorgesttige) Aufführung zeigte wieder, daß dort sorgfältig studiert wird— wenigstens was die Solisten bettifft— und daß Künstler da sind, die als Schauspieler gerade derartige typische Operettenrollen von vorn herein zu eigen haben. Selbst die UnVollkommenheiten des Gesanges, die dort nach Operettenprincip üblich sind, fügen sich diesmal den Ansprüchen des Werkes nicht ganz übel ein. Die rabiate Spanierin und die sorglose Pariser Tänzerin, zwei der Geliebten des goldenen Neffen, werden durch die spitze Stimme jener und durch die flackernde Stimme dieser— H. Wildner und J.V e ttori— nicht nnnder glaubhaft; und der kleine gutbehandelte Tenor S. Kunstadts paßt für die Verlegenheiten einer erotischen Hoheit ebenfalls gut. Der umfangreiche Tenorbaryton von C. S ch u l z entschädigt eimgennaßen für sein umfangarmes Spiel; als eine rasch zur Madame Sherry gemachten Wirtschafterin Wiener Schlages bewährte sich P. August in<.a. G."> sowohl in Stimme wie in Spiel so gut, daß diese Künstlerin bereits als eine Hauptkraft des dorttgen Personals gelten kann; R. Ander, Mia Werber, Emil Albes und andre sind in ihren interessanten Eigenarten bekannt. Der lebhafte Ausdnlck, mit dem die meisten Personen der Bühne arbeiten, und die Ausdrucks- losigkeit des Orchesters deuten ans die Wirksamkeit eines Vorttags- meifters, der eben nur dort, nicht hier im stände ist, sein Verständnis und seine Führung zu bethättgen, Es herrscht auf jenen Brettern ein Leben, welches man manchem Theater- und Konzertbrett wünschen möchte, vor das man gewöhnlich nur mit stillen Seufzern tritt. Wir ersparen uns ja grundsätzlich so viel wie nur möglich von diesen Seufzern und lassen uns nur ab und zu von den Seufzern derer erzählen, die sich uns als Konsu- menten von Konzcrtbillets geopfert haben. Da hieß es z. B. von der Sängerin Adele Otto-Morano:ein ganz schönes Material, das mcui noch an einigen Mitteltönen erkennt, jedoch eine so unverant- wortlich schlechte Atmung, daß sie die Stimme in kürzester Zeit ruinieren muß, wenn sie's nicht schon gethan hat, und eine geschmack- lose Gewohnheit, alle unbequemen Töne mit einem unschönen „Portainento" zu erreichen! Usw. Sänger Gerhard Fischer: sorgfältige Tonbildung, ernstes musikalisches Streben, Ausdruck nach der Technik zum Opfer ge- bracht, ohne Empfindung dessen, was wir empfinden sollen. Usw. Keineswegs haben wir es bereut, den Liederabend von Anton D r e ß l e r wenigstens zum Teil gehört zu haben. Hier fesselten uns und wohl auch das Publikum, das den ihm fremden Mann bald als Vertrauten behandelte, sofort eine sorg- fältige Schulung und eine künstlerisch würdige Auffassung. Der Sänger hat es nicht leicht: sein Baßbaryton ist für gewöhnlich etwas rauh, also der Klang nicht frei von Geräusch, zuntal im Piano und in den Hvhelagen, so viel Kunst da auch immer verwendet ist; dagegen entfaltet sich in seilten tieferen Fortetönett ein ganz mächtiger metallischer Klang von packender dunkler Färbung. Die Stimme ist ziemlich einfönnig; dem eifrigen Sweben nach Ausdruck stellt das Material nicht viel Reichtum der Klangfarbe zur Verfügung. Die ominöse Schulterathnuuig fehlt auch hier nicht, und dazu stören noch Aeußerlich- leiten, wie ein nicht eben durch den Vorttag bedingtes Schwanken des Körpers. Das sind aber Ausstellungen, wie sie der Kritiker Verantivorllichcr Redattcur: Carl Leid in Berlin.— sich gerne.wcgschreibt', mn dann rasch desto fteudiger die Gesamt- bedeutung eines so künstlerischen Sängers anerkennen zu können. Herr Dretzler ist Gesangslehrer an der Münchener kgl. Akademie der Tonkunst. Wie es dort im übrigen hergeht, berührt uns nicht dirett. Um so näher kümmert uns, mie es an der hiesigen Akademischen Hochschule für Mttsik zugeht. Sie feierte in diesen Tagen den Einzug in ein neues kost« spieliges Haus; ob auch �in einen neuen Geist, wissen wir nicht. Wir wissen hier nur so viel, daß in den paar Jahrzehnten ihres Bestehens so gut wie alles an musikalischen Er- rungenschasten, zuntal pädagogischer Art, ohne sie geschehen ist, und daß man von ihrem toten Gang als von einem öffentlichen Ge- heimitis spricht. Dabei verfügt sie von Staat und Stadt über Tausende an jährlichem Zuschuß. Warum gerade sie? Vielleicht weil sie von den eintretenden Schülem behördliche Papiere verlangt, was sich die privaten Konservatorien sparen?— sz. Aus dem Pflanzenleben. — Blühende Blumen im Winter. Eine Leserin schreibt der„Täglichen Rundschau": Mitten im Hcrbstswrm und Winterftost, wenn draußen alles tot und erstorben ist. im behaglich durch- wärntten Zinimer frischen Blumendust atmen zu können oder vor den Fenstern und auf dem Blumentisch sprießende Blumen zu sehen, hat für Herz und Geinüt etwas Anheimelndes. Solche winterliche Blumenzucht läßt sich im Zimmer mit wenig Geld und fast ohne Sonnen« schein betteiben. Seit einer Reihe von Jahren hatte ich zu Weihnachten und zu Neujahr ftische Kastanien-, Kirschen- und Apfelblüten neben unserm Tannenbaum. Ende November, spätestens Anfang Dezember, hole ich mir kleine Beste- von Kirsch- und Apfelbäumen und einen oder auch zwei etwas größere von einem Kastanienbaum. Diese Aeste werden unten schräg durchgeschnitten, dantit sie mehr Wasser austtehinen können, und so stelle ich sie in eine große Vase oder irgend einen sonstigen Behälter mit lauem Wasser, das zweckmäßig mit etwas chlorsaurem Kali versetzt werden kann. Das Wasser mutz ab und zu erneuert werden. Um das Knospen und Blühen ein wenig zu beschleunigen, empfiehlt es sich, von Zeit zu Zeit die Aeste lauwarm mit einer Gießkanne zu über- rieseln. Bald schwellen und springen die Knospen und die Blüten kommen zum Vorschein. Bis Weihnachten, und da die Blüten nicht alle auf einmal hervorbrechen, auch bis Neujahr steht mitten im Winter die herrlichste Baumblüte vor uns. Auch Maiglöckchen kann man aus ihrem Winterschlaf erwecken und zum Blühen bringen, wenn man ihre Knollen vorsichtig aus dein geftorenen Boden aus- hebt und sie in einen Behälter setzt, der schmal und klein genug ist. um hinter dem Ofen zu stehen; eine Cigarrenkiste, in die man vorher schon gut durchwärmte und angefeuchtete Gartenerde gethan hat, eignet sich schon dazu. Auch hier mutz von Zeit zu Zeit lauwarm, aber immer nur sehr wenig, begossen werden. Es dauert gar nicht lange, dann stecken die ersten grünen Blätter ihre Spreiten hervor, und einige Zeit darauf haben wir die schönsten und herrlichsten Maiglöckchen. Sehr hübsch macht sich im Winter vor dem Fenster oder auf dem Blumentisch auch Triumphhafer und feine Gräser in weißen Blumentöpfen. Der weiße Blumentopf und das zarte Grün bieten in ihrer Zusammenstellung einen sehr hübschen Gegensatz. Einen sehr eigenartigen Schmuck stellt man noch folgendennaßen her. Ueber eine Flasche zieht man einen alten weißen baumwollenen Swumpfschaft, in den man einen Puppenkopf befestigt, und an den man ein paar Arnte näht. Um Hals und Taille, letztere aus Watte oder Garn geformt, bindet man farbige Bänder zu zierlichen Schleifen und stellt dann die kleine Dame, nachdem sie selbst eine tüchtige Douche bekommen hat, in einen mit Wasser gefüllten Unter« sah, bestreut sie mit Grassamen und setzt sie ans Fenster der Sonnenseite. Man muß stets für Füllung deS Untersatzes mit lau- warmem Wasser sorgen, da die Baumwolle sehr viel Wasser auf- saugt. Bald fängt es an zu grünen und zu sprießen, und das ganze Püppchen bedeckt sich mit einem frischen Grün, aus dem nur das Köpfchen herausschaut. Auch gewöhnliche rote Rüben und Kohl- und Steckrüben, die während der Winterntonate im Sande im Keller ge» lagert haben, geben im Frühjahr mit ihren prächtigen roteit Blättern einen hübschen Zimmerschmuck. Man schneidet die mit den im Keller gewiebcnen Blättern versehene obere Hälfte ab, setzt sie auf einen nnt Wasser gefüllten flachen Behälter oder auch einen Teller und putzt sie mit Moos oder trockener bemooster Baumrinde aus.— Humoristisches. — Instruktion. Oberkellner:„Was thust Du, Piccolo, wenn Dir beim Servieren ein Messer oder eine Gabel auf den Boden fällt?" Piccolo:„Ich heb's geschwind auf, trag's an's Büffett und bring's sogleich wieder."— — Letztes Mittel.(Soldat zum andern):„Wie ick jemtich mehr wußte, wie ick vom Ollen Feld raus kriegen sollte, hab� ick ihm jeschrieben, ick muß mir die ne u e n K r i e g s a r t i k e l koofen."— — Undank. Frau Müller:„Nun. wird denn der Assessor Deine Else heiraten?" Frau Schulze:„Der? Zwei Monate kommt er täglich ins Haus, und wie ich ihn gestern frage: Nun, Herr Assessor, werden Sie nicht auch bald heiraten?— fitzt der Kerl da, mit meinem Schnitzel im Maul und sagt: Gnädige Frau, ich heirate überhaupt nicht."—]_(„SimplicissimuS.") Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW.