Ilnttthaltungsblatt des Horwärts Nr. 217. Donnerstag, den 6. November. 190t Nachdruck verboten. 231 Der Gnhentclcb. Roman von Gertrud Franke-Schievclbcin. Draußen standen die drei Nnglücksgenossen. Auch ihnen sah die Todesangst aus den fahlen Gesichtern. „Herr Doktor," murmelte der Primaner, seine grüne Mütze verzweifelt zwischen den Händen drehend, wir—" wir hatten einen Spaziergang— und wollten hier ein bißchen kegeln—. aber da kam das furchtbare Wetter— und mein neuer Anzug—" Richard hatte Hans Martin sein Taschentuch um die Stirn gebunden und, so gut es gehen wollte, die Mütze darüber gestülpt. „Gut, gut." sagte er hastig,„ich bin ja nicht als Lehrer hier. Und wenn Sic niir versprechen wollen—" Sie stammelten Beteuerungen, streckten ihm die Hände entgegen, dankten, waren wie erlöst von höllischen Qualen. „Wir wollen sehen," sagte Richard Volkmar ruhig. „Der Erste, der rückfällig wird—." Seine scharfen Augen drangen ihnen in Herz und Nieren. Sie wußten, er spaßte nicht. Ein paar Minuten später setzte sich der kleine Zug in Bewegung. Martin wankte zwischen Richard und deni Prinmner Böhm. Er hielt sich kaum auf den Füßen. Die Folgen dcS Alkoholgemisses stellten sich ein, quälende Ucbelkcit, wahnsinniges Kopfweh. Der Weg war abgetrocknet. Am schwarzen Himmel traten ein paar Sterne hervor. Der Nordwind packte die Heimkehrenden draußen auf freiem Felde, drang durch die.Kleider hindurch bis auf die.Haut und kältete sie durch von 5lopf bis zu Fuß. Er schnitt ihnen wie mit Messern ins Gesicht, stemmte sich gegen sie und machte ihnen jeden Schritt zur Qual. Sie merkteus bald, daß eS zu viel war für den halb- erstarrten, fast bewußtlosen Hans Marttn. Auf einmal fiel er platt auf den Boden, schwer wie ein.Klotz, ohnmächttg. Sie waren nicht mehr weit vom Unkenrcul. Mit schnellem Entschluß bog Richard von der Landstraße ab, auf sein Haus zu. Sie hatten Hans Marttn an Kops und Füßen gepackt und brachten ihn so glücklich die Treppe hinaus und ins Bett. Das Nachtlicht, das deS Kleinen wegen stets hatte brennen müssen, hatte er angezündet, und es warf seinen füllen, gelben Schein auf all die wohlverttautcn Gegenstände. Richard hatte sich auf LcnenS Bett geworfen, sein eignes nahm der leise stöhnende Kranke ein. Gottlob, dachte Richard immer wieder, daß Du nicht allein bist! Aus den.Kissen, auf denen Lcncns Kopf die letzte Nacht geruht, drang der feine Duft ihres üppigen Haares. Er preßte das weiche Daunenbett an sich, als sei's ein lebendes, geliebtes Wesen. „Lene," murmelte er,„Leite, das konntest D u mir an- thun's"' Aber er war zu müde, zu erschöpft. Es that ihm gut, zu fühlen, wie das Vergessen so sacht heranzog und sich über ihn breitete wie ein Nebelschleier, der immer dichter und dichter wurde. Der süße Duft aus den Kissen stahl sich in seine Träume. Lene war wieder da. Es war wie in der ersten Ehezeit: innigstes, vollstes, reichstes Glück. * r Ruhig und fest hatte er geschlafen. Auf einmal schreckte er empor, sah um sich, begriff nichts. Die Nachtlampe brannte noch. In der Küche hörte er das Knistern des Feuers, ein leises Tassenklirren, Hausieren mit allerlei Gerät. Lene ist schon auf, dachte er schlaftrunken. Er suchte nach seiner Uhr an der Wand. Wo war die? Alles stand ja verquer— Und drüben der schwarze Kopf mit der blutbefleckten weißen Binde? Jetzt war er wach. Der Körper ausgeruht, die Nerven krisch empfänglich: neugestimmte Saiten, auf denen der Schmerz sein Furioso herunterrasen konnte. Und es packte ihn an. Wie in ein eisiges, unergründliches Meer warf es ihn Der Atem verging ihm. Er biß die Zähne zusammen, krampste die Muskeln, stemmte, bäumte sich. Wie einen Spielball schleuderte es ihn hin und her zwischen grausigen Wogen. bergehoch, abgrundttef. Bis zur völligen Erschöpfung kämpfte er, bis endlich seine Leidensfähigkeit versagte und eine stumpfe Ermattung über ihn kam. Und doch— es war etwas Großes, Heiliges in dicsent Kamps gewesen. Er fühlte, dies war reiner, echter Schmerz, um ein wirkliches, verlorenes Menscheuglück. Kein eitles, trotziges, selbstsüchtiges Pochen auf äußere Dinge, das die Seele klein und hart macht und verbittert und ungerecht. Seine Selbst- gercchtigkcit, die sich als das Opfer der Gesellschaft ansah, hatte einen Stoß bekommen. Allerlei neue, tastende, schaueritdc Gedanken tauchten in ihm auf. Etwas erwachte in ihm— eine duntpfe Ahnung der Verantwortlichkeit des Einzelnen gegen die Gcsaintheit— sein sociales Gewissen. Da drüben der Schlafende, der sich leise stöhnend herum- warf— an dem hatte er vieles gutzumachen. Leise stand er auf und ging in die Küche, wo die Steigen- bcrg eben den 5laffee aufbrühte. Sic begrüßte ihn redselig. Jesscs, der arme Herr Dottor! Du liebe Zeit! Daß die Frau auch so auf den Plutz wegmußte I „Nu,'s soll Ihne aber an nischtttich fehle, Herr Doktor," ttösiete sie.„Die Frau hat mcr haarklein Bescheid gegebe, wie Sc alles gewehnt sind. Den Schüssel Hab ich auch, daß ich Ihne niemalcn zu stere brauch. Uf de Seel gebundc hat se mersch noch, wie ich ihr die Tasch zum Bahnhof gettage Hab, daß Herr Dottor sei Ordnung habbe sollt." Richard ertrug es kaum, von Lene reden zu hören. „Und dabei hat sie ausgeschn I So weiß wie des Kaffee- kändel do. Und is es gar nit mol gewahr gcworde, deß ihr's Wasser immer so de Backe langgeloffe is. Un mit'n Mittagbrote— ob ichs ausn Dcitschcn Hause oder von Stövcsandten—" Da fuhr er sie verzweifelt an. Das hätte alles noch Zeit. Nur schnell Kaffee. Da drin wäre ein junger, kranker Mensch. Sic spitzte die Ohren, zum Bersten voll von neugierigen Fragen, aber beleidigt maulend. Und als er mit dem Früh- stück abzog, murrte sie giftig hinter ihm her:„Jesses! So Mannslcit! Der sollt der meinige sein I Den wollte mer bald gczogc habbe. Gelle ja?" Als Richard in die Kammer trat, saß Hans Marsin im Bett, mit großen, verstörten Augen um sich schauend. Bei dem Anblick seines Lehrers sank er mit dumpfem Stöhnen zurück. Richard setzte sich auf den Rand des Bettes und hielt ihm die Tasse an die Lippen. „Trink, Jung. Das thut Dir gut." Mechanisch gehorchend, schlürfte Hans ein wenig. Dann schüttelte er den Kopf:„Ich kann nicht." „Du mußt." Vor der füllen Energie dieses Wortes kroch Hans Martins Widerstand in sich zusammen. Er ttank. „Willst Du mehr?" Stummes, heftiges Kopfschüttcln. „Ist Dir heute besser?" „Ganz gut." Er hob sich halb aus dcu Kissen. „Was willst Du?" „Aufsteheu! Fort!" gurgelte Hans Martin verzweifelt. „Bleib nur noch liegen," sagte Richard güsig. Er hielt den trotzig cinporstrcbenden Körper mit sanftem Druck nieder, bis der Widerstand des Knaben nachließ und er mit ge- schlosscnen Augen regungslos liegen blieb. Richard Volkmar blickte auf das junge, verwüstete Gesicht, das verzerrt war von Korperschmerzen und Seelenqual. Eine trotzige Falte der Abwehr lag zwischen den feinen Brauen. Noch jetzt im Halbschlummer schien er zu rebellieren gegen die aufgedrungenen Wohlthatcn. Sein Verttaucn wiedergewinnen! dachte Volkmar. Ihn herausreißen aus seiner Umgebung> Er sah die blanken Augen der üppigen Bertha. Ihn schändete. Zu i h nr hatte der junge Mensch sich retten wollen, aus Angst vor seinem heißen Blut. Und er harte ihn von iich gestoßen, von sich stoßen müssen. Aber jetzt halte er'ein Ge- heimms mehr gu schützen. Jetzt hatte er Platz in scu leere» Hause. Nriu-vollte er ringen um die verlorene etzeie, bis er sie wiedergcwomien hatte. Ter Tag— ein Sonntag— kroch so hin. Hans Martin regte sich nicht. Allmählich begann sein blasses Gesicht zu glühen. Richard lüT-Iic seine Hände; sie waren trollen, brennend. Ter Puls zagte fieberhaft. Richard erschrak heftig. Er hat sich was geholt! slein SSnüba. Ter eisige, schneidende Nordstiirm, der weite Weg, das schleppende Vorwärtskommen. HruL Martin hüstelte und begann sich ninherzuwersen. itz.'ch toller als in der Nacht rüttelte der Wind an den Fenstern. Kleine feine Eisstülle klapperten gegen die Scheiben. Tos Thermometer sank plötzlich tief herab. Richard schrieb ein paar Zeilen an den Rektor Kersten, Haus Martins Pensionsvater, und schickte die Steigenbergen zu Doktor Meinhold. Tie Verantworwiig wollte er nicht allein übernehmen. Aber der joviale juilge Arzt fühlte sich gerade äußerst behaglich auf einem Diner bei Professor Schulz, wo er der hübschen, eleganten Hausfrau gegenübersaß. Alle seine groß- städtischen Reminiscenzen erwachten. Der Mokka war sehr siork, die Importen erster Güte. Erst gegen Abend riß er sich los, halb wehmutsvoll, halb seinem Schicksal grollend, das ein so schweres Amt auf seine breiten Schultern gepackt hatte. Als er endlich im Neul ankam, tönte ihm schon im Flur ein hohles, rauhes Husten entgegen. Er untersuchte Hans Marlin, noch ganz erfüllt pon dem Optimismus der Weiu- lanne, und fand nichts Bedenkliches. „Ein paar Tage Bettruhe, eine Woche Stubenarrest, dann ist's wieder gut!" „Er ist also nicht transportabel, der Junge?" „Hm— na, wissen Sic— so'n trockener Sperling— und so hochgespillert— ist doch besser, Sie behalten ihn hier— wenn, notabene, Ihre Frau Gemahlin— übrigens, wo ist sie denn?" „Verreist!" stieß Richard kurz und abweisend hcrauS. Doktor Meinhold hatte kein Arg gehabt bei der Frage. Er stutzte nun doch über den Ton. Frau Schulz hatte sonder- bare Andeutungen gemacht über Volkmars. Da mutzte was nicht stimmen. „Aber Sie können die Pflege doch nicht allein über- nehmen." meinte er, seinen Kneifer putzend. „DaS hilft nun nichts, lind ich mach's schon!" Richard ging zu seinem Patienten zurück.„Wir müssen uns auf ein Weilchen miteinander einrichten, mein Jung', bis Du gesund bist." Hans Martin blieb stumm. Aber seine großen Augen hingen mit seltsamem Ausdruck an Richards Gesicht. Dann drehte er den Kopf zur Seite. Schon wollte ein heftiges Wort über die Lippen Volk- mars. Dann dachte er: Dir geschieht recht. Habe Geduld. ßs kommt schon. Er begann im Nebenzimmer zu arbeiten. Ter furcht- � barste Tag seines Lebens sickerte langsam so ct. Tropfen um Tropfen. Sein Leben erschien ihm so leer, so ausgelangt, eine hohle Hülse, keinen Pfifferling wert. Bloß eine Aufgabe noch: der fiebernde, hustende Mensch nebenan. Gotllob, daß er den hatte. Sonst— wer weiß! (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die Gefebiebte des kleinen Laufimdelo* Von Irma Goer inger. Ein wenig mißmutig trat Frau Erna in das Arbeitszinuner ihres alten Freundes und Lehrers. „Fch komme zu Ihnen," sagte sie.„weil ich sehr schlechter Laune bin. Seit Tagen quäle ich mich mit einem Problem herum und Nvrde nicht damit fertig. ES ist ein komplizierter Seelenzustand, zu dessen genauer Motivierung mir noch einiges fehlt. Ich grüble und grüble und finde nicht was ich brauche. O, über diese elende Schreiberei!" Herr Heinrich Kraft sah lächelnd in das erregte Gesicht der jungen Frau. Auf seinen charaktervoll gemeißelten Zügen lag ein angenehmer Ausdruck von Lebhaftigkeit und Ruhe, jener Lebhaftigkeit, die durch Intelligenz hervorgerufen wird, und jener Ruhe/die. nicht Temperamrntssache, sondern erkämpftes Eigentum ist. An seinen Augenwinkeln hatten sich kleine Fäktchcn eingegraben, die sich urPlötz- lich vertiefen konnten und von denen anS es dann wie Wetterleuchten über das kluge Gesicht guckte— das untrügliche Borzeichen eines treffenden Wortes: „Wissen«-ie. Frau Erna." sagte Heinrich Kraft,„lassen Sie eine Zeitlang Ihr wertes Romanproblcm schlafen. Sie haben zu ausschließlich daran gearbeitet, da vertoirren sich schließlich die Be- griffe. Schreiben Tie wieder mal eine einfache, tleine Geschichte aus dem Leven. Tas wird Ihnen gut rimn." Frau Erna lachte.„Aber gewiß, mit den» größten Vergnügen. ES fehlt nur eine Kleinigkeit: ich habe keinen«toff. Mir fällt jetzt gae nichts ein, aber auch rein gar nichrs." »Toll ich Ihnen einen t-iosf schenken? Es ist nur ein nnbe- deutendes Erlebnis, aber es hat den Borzug, wahr zu sein. Wollen Tie?" Tie junge Frau nickte:„Ich würde Ihnen sehr dankbar sein. Können Tie eS mir gleich erzählen?" Heinrich Kraft sah auf seine Uhr.„Ich habe noch ein halbes Ttündchen Zeit. Ich bin selbst froh, darüber zu sprechen, denn die Tache beschäftigt»sich schon mehr, als für meine Arbeit gut ist und darum ist es mir recht, wenn ich sie mir vom Herzen herunter rede. Kannten Tie das kleine Lanfmädcl, das wir vor drei Jahre» auf dem Bureau hatten? Nein? Nun, es ihut nichts zur Sache, ich kann sie Ihnen auch beschreiben. Es war ein großes schlankes Mädchen von sechzehn, siebzehn Jahren. Mir siel sie am ersten Tag ans, ihr aufgewecktes rotbackiges Gesicht, die munteren braunen Augen, ihre geschmeidigen Bewegungen, kurz die ganze gesunde Kraft eines jungen, prächtigen Geschöpfes. Es lag so etwas über ihr wie Frühlingsfrische nnd Blütensege». „Einmal, nach Tchluß der Bureansi mden, HLrie ich sie weinen. Als ich sie nach der Ursache ihrer Thräaen fragte, erzählte sie mir. daß sie eine Wasserflasche zerbrochen inS vom Geschäftsführer deswegen Tchelte bekommen hätte. Nun sollte ihr auch iwch der Preis dee Flasche von ihrem owwhin knappen Lohn abgezogen werden. Ich gab ihr zwei Mark und hatte mir damit den nicht allzuhäufige» Anblick eines strahlend dankbaren Gesichtchens verschafft. „Bald darauf fand sie eine besser bezahlte Stelle, aber schon nach einigelt Wochen stand sie wieder in meinem Bureau und klagte, daß sie auf jenen' Platz nicht habe bleiben rönnen. Nun sei sie zu Hans, sollte aber doch schnell wieder Geld verdiene», da ihr« sehr arme Familie es dringend brauchte. Ich ftagte dm Geschäftsführer nach seiner Meinung über das Mädchen. Er erklärte, sie sei„sonst" fleißig und brav, und auf meine Vermittlung stellte er sie wieder an. „Ich hatte nun von nettem Gelegenheit, das junge Ding zu bc- obachtcn. Tie war noch hübscher und anmutiger geworden. Es war eine Freude, ihr zuzusehen, wie sie arbeitete, wie sie sprang und wie sie lachte. Tie erinnerte mich manchmal an ein edles junges Tier, dem noch kein Peitschenhieb und kein Drafsurverfuch die rutbefangeue Schönheit seiner zutraulichen Munterkeit gestört hat. „Ta kam sie eines Tages zu mir und erzählte mir halb weinend, halb lachend, daß sie mir jetzt Lebewohl sagen müsse, da sie eine gute Stelle in der französischen Schweiz bekommen könnte. Ihre Eltern hätten ihr zugeredet, denn dort könne sie die fremde Sprache lernen und später in Tcurschland wieder einen besser bezahlten Platz erhalten. „Ich sprach ihr auch meinerseits zu nnd fügte iwch ein paar Worte bei, die mir plötzlich einfielen, als ich sie in all ihrem Liebreiz vor mir stehen sah. „Sehen Tie. Frau Erna, ich halte nicht viel davon, wenn man den jungen Mädchen immer von der Tugend predigt. Tas erste aufflackernde Liebcsflämmchen ist mächtiger als alle schönen Worte. Man soll beim Weibe den Egoismus, die Selbstachtung ausbilden, das würde nützlicher fein. Taruin sagte ich ihr:„Bon Deiner Mutter wirst Du gehört haben. Du sollst allezeit brav sein und rechtschaffen bleiben. Ich sage Dir: denk immer daran, daß Du sehr viel wert bist, ver- schenk Dich nicht an den ersten besten. Je mehr Du von Dir hältst. desto mehr halten auch die andern von Dir. Tu bist jung und hübsch und arbeitstüchtig. Du hast viel zu geben mit Deiner Person. darum sieh drauf, daß Du selber auch was rechtes dafür wieder- bekommst. Glaub' nicht alles, was man Dir sagt, sondern niach' Deine Augen auf mid urteile selber." „Mir schien, daß die Kleine gut begriffen habe, was ich meinte. Tie sah mich aufmerksam und verständnisvoll an, und die Danrbar- lcit, für die sie keine Worte fand, glänzte aus ihren Augen. „Es war damals Sommer. Ein heißer Iulitag. Die Sonne glühte vom Morgen bis zum Abend, kein Windhauch brachte die gc- ringste Kühlung. Meine Frau und ich saßen ans der Veranda und schwiegen uns aus, es war zu heiß zum Reden. Da meldete unser Mädchen, es sei jemand da, der mir etwas bringen wollte, ob er aus die Veranda kommen sollte. Ich bejahte und in der nächsten Minute trat unser Laufmädcl auf die Schwelle. Welch' ein ent- zückendes BildI Schlank aufgerichtet stand sie da. noch atemlos vorn schnellen Laufen. Mit beiden Armen umspannte sie einen groß- mächtigen Strauß herrlicher roter, weißer und gelber Rosen. Und über diesem wundervollen Blumenreichtum leuchtete ihr glühendes, glückseliges Gesichtchen in der kindlich-jubelnden Freude, das Beste» was ihre Anmut besaß, mir schenken zn dürfen. „W!r 6eibf, meine Krau und ich, sahen wortlos das liebe Ge- schöpf cm. Durch die Gluthitze war es den weiten Weg von seinem entlegenen Vorftädtchcn bis zn mir getrabt, um in seiner Tankbar- tcit für ein wenig Alciischlich'eit die ganze Roscncmte seines kleinen Gartens in mein Haus zu tragen. „Als wir ihr endlich die Blumen abnahmen, wollte sie gleich lvieder fort. Erst nach langem Zureden meiner Frau entschloß sie sich, eine Erfrischung anzunehmen. Meine Freude über die Rosen, die ich ihr unverhohlen zeigte, schien sie sehr zu beglücken, und als sie uns Lebewohl sagte, lag noch immer jener rührende, leuchtende Ausdruck einer großen Gcbefrcudigkcit auf ihrem reizenden Gesicht. „Inzwischen sind drei Jahre vergangen. Ich habe nichts mehr von dem Mädel gehört und die Erinnerung an sie war mit mancher andren versunken. Ta, vor einigen Tagen, gehe ich gegen Abend in die Stadt, um einen Bekannten aufzusuchen. Als ich an dem Wertherfchen Warenhaus vorbeikomme, sehe ich vor der Eingangs- thür einen Kinderwagen stehen, über den sich dne Frauengcstalt beugt. Etwas in der Haltung des Weibes kam mir bekannt vor. Ich schaue schärfer zu und erkenne— unser Lanfmädcl. Aber wie sah sie ausl Ilm ihren einst schlanken, aber kräftigen Körper hingen die Kleider in schlaffen Falten nieder, ihr Gesicht hatte eine eckige Form bekommen, die sie viel älter erscheinen ließ als sie war. Häßliche Linien, wie sie Kummer und Entbehrungen riagraben, verzogen ihre Züge, und ein müder, stumpfer Ausdruck erschreckte mich am tiefsten. Was leoendig und jung und schön gewesen war in diesem Mädchen, das war zerstört worden; ein abgequältes, müseliges Wesen war übrig geblieben. „Ach stand wie angewurzelt und starrte auf das arme Geschöpf. .Sie stand uoch immer und wühlte in dem Wagen. Tann faßte sie mit beiden Händen fester zu und hob etwas herar-S. Dabei richtete sie sich ein wenig auf und ich sah auf ihren Armen ans schlechten Lappen heraus ein rosiges Köpfchen leuchten. Und wie sie jetzt das Haupt fentie und das Kind, das wie eine frische rote Rose an ihrer Brust lag, anlächelte, da stand mit einem Male wieder jenes frohe, junge Tiug vor mir, das mir lachend die herrlichen Rosen bot. Da kam es über mich wir Erlösung. So Ivel) mir der Anblick des Weibes gelhan� hatte, dessen Blüte vielleicht durch eine allzu frühe Erfüllung ihrer Fmnenbesrimmung vernichtet war, hier fand sich doch auch ein lvcnig Trost. „Ich weiß nicht, ob das Mädel verheiratet ist oder ob sie ver- führt, Verlane» wurde. Ich weiß nur, daß aus ihrem Leben ein neues Leben erwuchs, daß ihre Kraft nicht nutzlos vergeudet ivurde, daß cS nicht bloß Vernichtung war, die ich da sah, sondern auch eine Fortentwicklung, ein Stück Zukunft. „?ch habe sie nicht angeredet, das hätte ich nicht gekonnt. Ich entfernte«ich rasch, ehe sie mich erkannt hatte. Freilich mußte ich dann doch noch einen langen Spaziergang machen, che ich in vollem Einilang mit mir selbst nach Hanse gehen konnte." Heinrich Kraft schwieg. Auch Frau Erna sah nachdenklich vor sich hin. Sic fühlte, daß ihr mit dieser Erzählung etwa» geschenkt worden liwr. für das sich rickrt danken läßt. „Run," sagte Heinrich Kraft und jetzt war wieder das heiter- freundliche Lächeln auf seinem Gesicht,„wollen Sie die Geschichte schreiben?" Frau Erna erhob sich:„Ach würde sehr froh sein, wenn ich es könnte, aber ich fürchte, meine Feder ist nicht gut genug dafürl" Da stand auch Heinrich Kraft auf, trat zu der jungen Fra», sah ihr mit einem guten Blick in die Augen und sagte mit ferner schönen, ernsten Stimme: „Sie sollen sie auch nicht mit Ihrer spitzen Feder schreiben, Frau Erna. Tie sollen sie mit Ihrem Herzen fchrdbenl" Und an einem stillen Abend, an dem die Sommernacht mit weichen, zarten Winden ihre Stirue streichelte, und der Duft von vollvlüheiidcn Rosen und jungem£bst durch die geöffneten Fenster in ihr Stübchcn drang, setzte sich Frau Erna an ihren Schreibtisch und schrieb die„Geschichte des kleinen LauftnädelS".— Kleines feuilleton. — Am Schöffengericht. Ort der Handlung: TaS Schöffen- gericht am Amtsgericht München l. Zeit: Ei» Tag in der letzten Oktobcrwoche, morgens g Uhr. Personen: Der Amtsrichter, ein Schöffe, die Parteien, ein RechtSprattikant, der tstcrichtsdiener. einige Rechtsanwälte, das Publikum. Ter Amtsrichter:„Unerhört, wo bleibt denn der Herr Schöffe?(Zum Gerichtsdiener): Tclcphonicren Sie doch den Herrn Fabrikanten an, das Gericht kann nicht warten." Pause. Unruhe im Publikum. Ter Amtsrichter:„Immer noch nicht da? Da hört sich doch alles auf.(Zum Gerichtsdiener): Telephonicren Sie nochmal, der Mann muß kommen." Pause. Heiterkeit sin Publikum. Ter Nechtspraktikant tritt ein und setzt sich in den für den GenchtSfchreiber bereiten Armsessel. Der Amtsrichter zum Rechtspraktikantcn:„Na, endlich, .das hat lange gedauert. Herr Schöffe. Treten Sie hierher. Sie haben einen Eid zu leisten." Der Rechtspraktikant:„Aber, Herr Amtsrichter.. Ter Amtsrichter:„Schweigen Sic und schwören Sie." Der Nechtspraktikant:„?lber, Herr Amtsrichter...� Der Amtsrichter:„Schweigen Sie und schwören Sie den Schöffcncid. Sprechen Sie nachl" Ter Rechtspraktikant schüttelt den Kopf und schwört. Nach dieser Vorverhandlung beginnt die Sitzung. Zum Ans- ruf kommt eine Bclcidigungstlage. Tie Parteien sind nicht er- schienen. Ter Amtsrichter neigt sich nach rechts zum Schössen, nach links zum vermeintlichen Schöffen, dem Rechtöprakiikantcn, und ver- kündet dann den Einsiellun.gsbeschluß des Gerichts. Ter Amtsrichter ruft den zweiten Fall auf. wieder eine Ve- leidigungsklage. Nach der Beweisaufnahme zieht sich der Amts- richte r mit dem Schöffen zurück. Der RechtSpraklikant bleibt zögernd stehen. Ter Am t s r i ch t e r( an 3 der Thüre des BeratungSzimmcrS): „Kommen<-ie doch, Herr Schöffe!" Der Rechtspraktikant geht kopfschüttelnd inS Be- ratungszipnner ab. Pause. Ter Gerichtshof erscheint wieder im Sitzungssaal. Ter Amts- richter verkündet das Urteil:„Im Namen Sr. Majestät des Königs usw. usw." Ter dritte Fall wird aufgerufen. Der Gerichtsdiener dem Amtsrichter ins Ohr:„Herr Amtsrichter, der zlvcite Schöffe ist jetzt da." Der A m t s r i ch t e r:„Was? Unsinn, der ist doch schon da, hier sitzt er ja!(Zum Rcchtspvaktikanteu): Oder wer sind denn nachher Tie?" Der Rechtspraktikant(errötend und schüchtern):„Er- lauben Herr Amtsrichter, ich bin zum fuuktionierrndeu Gerichts- schrnber bestimmt, RechtSpraktikant N." Amts r i ch t e r(erregt):„Ja, zum.... warum haben Sie das nicht gleich gesagt?" RechtSprattikant:„Entschuldigen, Herr Amtsrichter haben mich ja gar nicht reden lasse nl" Große Heiterkeit im Publikum und bei den Parteien. Die An- walte zischeln untereinander. Amtsrichter:„Ruhig da hinten, oder ich lasse den Saal räumen." Die Verhandlung beginnt bon neuem.— („Müncheuer Post".) 5p. Anatomische Schaustcknngeu im Mittelalter. Daß bor drei oder vier Jahrhunderten die Stellung der ärztlichen Kunst zum Publikum und umgekehrt eiue andre war. als wir sie heute auch nur für möglich halten würden, geht aus einer Schilderung hervor, die ein Mitarbeiter des..Brirish Medical Journal unter der lieber- schrift„Öffentliche Sektionen im Mittelalter" beröstenilicht. C>? scheint Änno dazumal zu den besondere» Höslichkeitsakten cstics Arztes gegen seine Mitbürger gehört zu haben, von Zeit_ z» Zeit eine Einladung zur Besichtigung einer Sektion zu erlassen. Erhalten ist ei» solches merkwürdiges Schriftstück von dem Profesior der Anatomie Bartholinus, der im 17. Jahrhundert an der Nniversität Kopenhagen lehrte. Es wird darin angclündigt, daß der Professor„mit der Hilfe des Höchsten Wesens, auf Befehl mrsres allergnädigstcu Königs, unter Genehmigimg des erlauchteil Kanzlers. endlich unter Zustimmung des hohen Rektors und der medizimscha» Fakultät" am folgenden Tage die Sektion eines Leichnamö beginnen und an den nächsten Tagen fortgesetzt werde,„wenn Gott und meine Gesundheit es gestalten." Der Anatom ladet Hörer und Leute jeden Standes ein, zu kommen, zu hören und zu sehen, überhcmvl alle. die wissen, daß sie sterblich sind, gerne lernen, eiue Verehrung für da? vornehme Studim» der Anatomie besitzen lurd sich selbst und ibre eigne natürliche Würde lieb haben. Alle diese werden mit dem Ausdruck des größtmöglichen Reipelts und mit unparteiischer Höflichkeit in dao Tbcater der Anatomie eingeladen. Solche aiiatouüschen Schaustellungen wurden am Ausgang dc-Z Mittelalters als besonders vornehme Vcranstal- tungeil betrachtet. Von Felix Platter, einem Studenten in Moni- pellier, ist die Aufzeichnung erhalten, daß am l t. November löö2 der Leichnam eines Burschen im alte» Anwhilheater in der Stadl seciert würde. Da es damals unter der Würde eines Arztes ge- hatten wiirde, öffeurlich Handleistungen. zu verrichten, so wurde die Vornahme der Sektion einem Barbier übergeben. Unter der großen Menge von Zuschauern befanden sich viele Mitglieder der Aristokratie und des Bürgertums,»ach der Angabe Platter« auch junge Damen und sogar Mönche. Diese Berichte erbringen den Nachweis, daß da« kleine Titelbild einer geschichtlich berühmten Abhandlimg von Andreas VesaliuS aus dem Jahre 1543„lieber den Bau des menschlichen Körper«" nicht auf Phantasie dcS Künstlers berichte, soiideni nach dem Leben gezcichncl war. Auch dort wird ein derartiges ana» tomisches Theater vorgeführt, unter dessen Besuchern zwar keine Frauen, aber auch ein Mönch zu sehe» ist. dessen GefüblS- auSdruck an die mittelalterliche Sage eriimerr. wie ein Mitglied dieses Standes in dem Leichnam die Frau Wiehererkanute. um derer willen er sein Gelübde gebrochen hatte. Ein andrer mittelalterlicher Schriftsteller, Patin erzählt iil seinen Briefen. daß in Paris jederniann hinging, um die Leiche eines Verbrechers zn sehen, der den Tod durch das Rad erlitten und bei dem man eindeckt hatte, daß er die Leber aus der linken und die Milz auf der rechten Seite gehabt. Aus diesen Beispielen geht die Thaisache der- vor. dag man vor 3—400 Jahren im allgemeinen weit weniger nervencnipfiiidlich gegenüber einem Anblick war, der hente wohl die Mehrzahl der gebildeten Leute in einen sehr unangenehmen Zustand versetzen würde. Es entspricht durchaus dem Ton der damaligen Zeit, wenn der junge Arzt im„Eingebildeten Kranken" von Molisre seine Angebetete einladet, mit ihm der Sektion einer Frau beizu- wohnen, über die er einen Vortrag zu halten habe.— — Eine nioderne Eliampignonzückterei. In dem Torfe S ch n e ck e n g r ü n bei Plauen i. V. ist von Fräulein V. Barth vor etwa anderthalb Jahren eine Champignonzüchterei errichtet worden. Sie ist heute eine der größten Champignonzüchtcreicn Deutschlands. Die Anlage, aus drei langen Gebäuden bestehend, bedeckt eine über- baute Fläche von 1200 Quadratmeter. Die Gebäude befinden sich je zur Hälfte über und unter der Erde. Die platten Dächer sind mit Erde abgedeckt und mit Gras besät zur Erzielung von Wärme im Innern der Gebäude im Winter und zur Erzielung einer gewissen niedrigen Temperatur im Sommer. Für Zuführung frischer Luft ist ausreichend gesorgt. Zum Zwecke der Erreichung einer gleich- mäßigen angemessenen Wärme ist Kanalfcuerung vorhanden. Täg- lich wird, wie das„Dresdener Journal" schreibt, im Durchschnitt ein Centncr Champignons gccrntct und als Konserven und Gemüse in Blechbüchsen versandt. TaS Herstellen der Gemüse geschieht durch Einsieden der Pilze in bester frischer bayrischer Butter. Tie Züchterei ist nach deutscher und französischer Art eingerichtet worden; die französische Einrichtung, von einem bewährten französischen Cham- pignonzüchter herrührend, verdient vor der deutschen den Vorzug. Die nach französischer Art eingerichteten Beete sind eineinhalbmal er- tragsfäbiger und erfordern die Hälfte Arbeit. Jedes Beet wird vier bis fünf Monate lang abgeerntet; dann muß eS durch ein neues er- setzt werden. Der von den alten Beeten herrührende Dünger wird zum Düngen der Wiesen und Gärten benutzt und leistet noch sehr gute Dienste.— Physiologisches. — u e b e r Gesichtsempfindungen. In der letzten Sitzung der„Gesellschaft der Acrzte in Wien" sprach Professor Dr. Ilrbantschitsch über die Beeinflussung der Gesichtsempfindungen durch verschiedene Reize und durch den Willen. Tie Wiener„Neue Freie Presse" berichtet über den Vortrag: Wenn man gesunde Menschen längere Zeit ein Fensterkreuz oder verschiedene farbige Radien einer ruhenden Scheibe betrachten läßt, so nehmen die meisten Betrachter die Gegenstände nicht als ruhend wahr, sondern die Linien scheinen sich zu bewegen, bei sich kreuzenden Linien scheint sogar eine Drehung stattzufrnden. AchnlicheS nimmt man von punktförmigen Gegenständen wahr; Humboldt hat beim Studium deS südlichen Sternenhimmels gesehen, daß die Sternbilder manchmal Schein- bewegungcn machten, was er„Sterncnschwankcn" nannte. Eine Er- klärung für diese sonderbaren Phänomene fand erst der Wiener Physiologe Erncr, welcher nachwies, daß es sich um eine Schein-' beweg ung handle, lvelcke durch eine Ungenauigkeit unsres Auges be- dingt ist. llrbantschitsch hat versucht, diese Schwankungen durch Ge- hörsemvfindungcn hervorzubringen. Er hat gefunden, daß jeder Ton eine charakteristische Scheinempfindung der Bilder hervorruft. DaS rechte und das linke Auge desselben Menschen zeigen gewöhnlich keine Uebereinstimmungen in betreff dieser Wahrnehmung. Auch durch andre Reize kann das Phänomen scheinbarer Unruhe von ruhen- den Gegenständen erzielt werden, so z. B. durch Elektridtät, beim Berühren der Haut, bei Einwirkung von Wärme und Kälte. Merk- würdig ist, daß die Reizung verschiedener Körpcrstcllen verschiedene Scheinbcwegungcn hervorruft. Betrachten wir einen schwarzen Punkt, so nehmen die meisten von unS einen zweiten schwarzen Punkt in der Nähe des wirklich vorhandenen wahr, das sogenannte Scheinbild. Dieses Scheinbild wird ebenso in Bewegung gesehen wie da-? wirkliche. tvcnn irgend einer der oben genannten Reize einwirkt. Auch wenn man eine weiße Fläche betrachtet und eine Gebörswahrnehmung empfängt, so treten auf der Fläche verschiedene Scheinbilder auf, welche ebenfalls von der Qualität des Tones abhängen; diese Schein- bilder sind Punkte. Striche oder symmetrische Figuren. Auch das Rachklingen des Tones erzeugt derartige Schcinwahrnchmungen. Vcr- schiedcnc Reize, besonders Töne, sind auch im stände, eine oder mehrere Farben, die man vor Augen hat, in ihrer Sättigung oder räumlichen Lage zu verändern, so daß unter bestimmter Rcizgrößc sogar eine Farbe von der benachbarten verdeckt werden kann. Aehn- lich werden auch die Nachbilder der gesehenen Farben altcriert. Diese Nachbilder sind dem Nachklingen analog; sie treten z. B. auf, wenn man einen leuchtenden Punkt betrachtet und dann die Augen schließt; man nimmt, ohne zu sehen, den Gegenstand noch eine kurze Zeit in seiner wirklichen Farbe wahr, dann ändert sich letztere. Sieht man eine farbige Fläche an und denkt sich einen Ton(den man also in Wirklichkeit nicht hört), so entsteht auf der Fläche ein bestimmtes Bild. Läßt man den gedachten Ton in Wirklichkeit erklingen, so tritt dieses Bild abermals auf; das Bild deS gedachten und des wirk- lichen Tones ist von der Tonhöhe abhängig und für denselben Ton identisch. Man kann auch auf einer weißen Fläche eine Farbe, an die man intensiv denkt, scheinbar sehen. Wenn ich mir zu dieser ge- dachten Farbe eine zweite hinzudenke, so kann ich allmählich eine Mischung beider scheinbar erzeugen, und schließlich geht die Mischung in die zweite Farbe über. Sehe ich z. B. eine wirklich rote Fläche an und denke ich mir blau dazu, so entsteht ebenfalls eine Mischung, Verantwortlichem ZiedaNeur: Carl 2 eid in Berlin.— Druck und Verlag: Violett: man kann also subjektive(empfundene) und objektive(wirk- lich vorhandene) Farben mischen. Urbantschitsch beweift mit seinen interessanten Versuchen, daß unser Gesichtssinn und unsre Farben- empfindung durch eine Menge von wirklichen oder bloß gedachten Ein» flüsscn beherrscht und verändert werden.—- Technisches. — Holzkonserbicrung mit Aluminaten. Ein Verfahren, um Holz zu konservieren und zugleich aufnahmefähig für Farbstoffe zu machen, hat sich, nach der„Technischen Rundschau", D. Feycrabcnd in Tilsit patentieren lagen. Das Holz wird mit einer Lösung von Ratriumaluminat, die überschüssige Thonerde enthält. bei 130 bis 100 Grad unter Druck gekocht. Tarauf wird es zweck» mäßig behufs möglichster Entfernung löslicher oder durch das Koch» verfahren in Lösung gegangener Stoffe kräftig ausgewaschen. Es werden bei diesem Verfahren in verhältnismäßig kurzer Zeit alle Harzbestandtcile in Harzscifc und alle zur Stärkebildung befähigten Reservestoffe in lösliche Substanz(nicht Dextrin) übergeführt und in diesem Zustande nebst andren Stoffen, die tierischen und vflanz, lichen Lebewesen zur Nahrung dienen können, größtenteils ausgelaugt, während kohlensaures Natrium abwaschbar auswittert und Tbonerde sich in den Holzzellcn ablagert. Die Thonerde bewirkt außerdem. daß die Holzfasier mit Farbstoffen eine unlösliche Verbindung ein- gehen kann, so daß man die Hölzer durch und durch gleichmäßig färben und ihnen das Aussehen edlerer Holzarten verleihen kann.— Humoristisches. — Der kluge Rudi. Rudi(der eben von seinem Onkel ein Fünftnarfftück erhalten):„Ich Ivollte lieber, Du hättest mir einen Nickel gegeben, Onkel Moritz." Onkel(erstaunt):„Aber Junge, fünf Mark find doch mehr als 5 oder 10 Pfennig." Rudi:„Das ist's ja gerade. Wenn ich fünf Mark bekomme, nimmt sie mir Papa weg, wcnn's aber nur ein Nickel ist, darf ich ihn behalte n."— — N a also. Reisender:„Hören Sie mal. Herr Wirt, ich muß Ihr Hotel verlassen; im Nebenzimmer ist ein kleines Kind. das die ganze Nacht schreit." H o i e l i c r:„Ich begreife nicht, wie Sie sich darüber beklagen können. Die Eltern des KindcS find doch in demfelben Zimmer und haben kein Wort gesagt."— — Boshaft. Besuch(zum Diener, als er daS Schlaf- zimmer seiner Frau verschlossen findet):„Die Gnädige zieht sich wohl an?" Diener:„Jawohl,„wegen Renovierung ge- schloffen."—(„Lustige Blätter.") Notizen. — Nuscha B u tz e ist auf fünf Jahre an das Schan spiel- haue engagiert worden.— —„Die grüne Hoffnung", ein neues Drama von Holger Drachmann, wird gegen Neujahr im K o p e n- Hagener Hofthcater seine Erstaufführung erleben.— — Im kgl. Theater in Stockholm hatte die Oper„DaS Fest auf Solhaug" von Wilhelm Stenhammar mit dem gleichnamigen Jbscnschcn Schauspiel als textlicher Grundlage, einen starken Erfolg.— — Paul S ch u l tz e- N a u m b u r g ist an die W e i m a r e r Kunstschule berufen worden. Er übernimmt ein Lehramt für Maltechnik.— — Das Leipziger K u n st g e w e r b e- M u s c u m vcr« anstaltet vom 1. Februar bis 31. März 1003 eine Ausstellung unter dem Titel:„Die Pflanze in ihrer dekorativen Verwertung".— — Die F l u g l e i st u n g einer Eule. Aus Honolulu wird dem Pariser„New Aork Herald" gemeldet, daß. als der Dampfer „Tanipico" von Seattle zurückkehrte, ein Vogel sich auf das Deck setzte. Es war eine Eule von etwa ein Fuß Höhe. Der Vogel befand sich damals 750 englische Meilen vom Lande entfernt und war völlig erschöpft. Er war bald wieder gekräftigt und wurde in einem Käufig gehalten. Der„Tampieo" war nicht das erste Schiff. das die Eule mitten auf dem Ocean besucht haben soll. Die Mann» schast der Schooncrbark S. G. Wilder, die vor kurzem von Saa Francisco nach Honolulu kanr, erkannte den Vogel als denselben. der sich zwei Wochen vorher an Bord ihres Schiffes niedergelassen hatte.— — Eine neue Art der Versicherung. Der Tenorist Jushin von der Moskauer Hofopcr hat bei der Versichcrungsgcsell- schast„Equitable" seine Stimme für 2S 000 Rubel versichert. Sobald der Künstler seine Stimme verliert, d. h. große Rollen nicht mehr singen kann, ist die Gesellschaft verpflichtet, ihm die angegebene Summe auszuzahlen.—__ ?or,värts Buchdruckcrei und ÄerlagsanitaU Paul Singer& Co., Bertm ätf