Nnterhaltungsbli Nr. 218. Freitag, den Nachdruck verboten. 241 Der Onkciiteicb. Roman von Gertrud Franke-Schievelbetn. Diese Nacht schlief Richard wenig. Hans Martin warf sich unaufhörlich herum, flüsterte und murmelte vor sich hin. Jeden Dienst Richards wehrte er heftig ab oder ertrug ihn widerstrebend, mit offenbarer Qual. Und dann, gegen Morgen, war Richard doch eingedämmert. Plöhlich aber fuhr er auf,— ein leises Geräusch. Da stand HanS Martin, halb bekleidet, im Begriff, seine Jacke überzruverfen. „Jung', bist Du toll?" schrie Richard. Er packte ihn wie mit eisernen Klammern, auster sich vor Schmerz, Zorn, Empörung. Und nun ein Ringen. Stumm, mit knirschenden Zähnen, stichte die schmächtige Gestalt sich aus den eisenharten Muskeln, deren Griff sie umspannte, loszuwinden. Zitternd bäumte, duckte, schnellte der elastische Körper sich empor, bis er in ohnmächtiger Schwäche, von krampfhaftem Husten erschüttert, zusammensank. Richard Volkmar entkleidete ihn wieder und legte ihn ins Vett, sorgsam wie eine Mutter. „Hans," sagte er dann ruhig,„Du wolltest durch- brennen?" „Lieber verrecken auf der Strafte, als Ihre Wohlthaten annehmen!" schrie Martin. Richard lächelte traurig.„Bin ich Dir zu schlecht dazu?" Hans Martin schwieg trotzig. „Ueberbaupt— Wohlthaten, so ein groftes Wort. Und dasselbe hält' ich doch einem kranken Hunde gethan, wenn ich ihn hilflos auf der Strafte gefunden hätte." Er sprach lange und eindringlich zu ihm, wie zu einem crtvachsenen, reifen Menschen. „Weil Tu entdeckt hast, daft ich eben auch nur ein fehler- hafter Mensch bin, hast Tu das Vertrauen zu mir verloren, nicht wahr, mein Jung'?" Hans Martin rnckte. Gräfte Thränen rannen ihm lang- sam die Wangen herab. Aber wart's nur ab. An Dir selber merkst Du eines Tages, daft keiner unbefleckten Fuftes durch den Schmutz des Lebens geht. Und daft es bloß darauf ankommt, nicht ganz darin zu versinken." Er bog sick? hinab und legte seine Lippen wie segnend auf die heiße Stirn des Knaben. Da umklammerten ihn ein Paar junge Arme wie in höchster Seelennat. Glühende Lippen stammelten dicht an feinem Ohr verzweifelte, schamhafte, reuevolle Bekenntnisse: verloren, beschmutzt, von Leidenschaften hinabgezcrrt! „Mein Jung', mein Jung', nur ruhig! Es wird ja alles gut!" „Herr Doktor! Helfen Sie mir! Verlassen Sie mich nicht! Vcrzeih'n Sie mir!" Ein sonderbares Stillleben spielte sich jetzt in dem von den Novemberstürmen umbrausten Häuschen im Renl ab. Ein verfchmter Mann, in voller Jugendkraft schon fertig mit allem landläufigen Lebensglück,— ein Knabe, der eben erst den Becher des Genusses hatte an die Lippen setzen wollen. und dem er schon zerschmettert vor den Füßen lag— zwei Leidensgefährten hausten dicht bei einander in den niedrigen Stuben. Und daß sie so beisammen sein durften, war beiden das Beste, was ihnen das Leben gelassen hatte. Alle leidenschaftliche Zärtlichkeit des unverbrauchten Mannesherzens, die frei geworden war und gegenstandslos, seit er sein Weib verloren, die stürzte sich auf den kranken .Knaben und hüllte ihn ganz ein, weich und schonend, wie eine Zerbrechliche Kostbarkeit. Aus dem Kampf zwischen Zorn und Liebe war, als die glühenden Ströme verdainpften, ein kalter, fressender Grimm gegen Lene zurückgeblieben. Das Schlimmste, was er er- duldet, hatte s i e ibm zugefügt. Aus welchen Gründen, das blieb sich gleich. Es war auch etwas wie verletzte Eitelkeit dabei, kleine, stt des Hiorwärks 1. November. 1902 scharfe, stechende Dornen: Du, ein solcher Mann— ein so hochgebildeter Mann— und sie. das einfache Geschöpf! Immer mehr verhärtete er sich in Trotz und Groll gegen sie. Selten nur noch, in stillen Nachtstunden, kam der Schmerz und brach wie Blut aus einer alten Wunde. Dann wußte er, daß er sie nie vergessen könne. Eine Herzensangst um sie, um das junge Kind, die schutzlos in der Welt herumirrten, packten ihn. Aber nein— Thorheit! Sie saß wohlversorgt auf der Trosselburg. Das war ihm gewiß. Wohin sollte sie sich sonst gewandt haben? Er hätte den Versuch machen können, ihren Aufenthalt zu erfahren, sie zu unterstützen. Aver sie wollte es ja nicht. Sie war fortgelaufen, hatte ihn im Stich lassen können in der furchtbarsten Notlage. Wenn sie's aushalten kann, ei, so kann ich'» auch, dachte er. S i e mußte den ersten Schritt thun. Er sollte ihr nach- laufen? Nie und nimmermehr! Manchmal fiel's ihm glühend aufs Herz, wie wenig er sich an dem Kinde gefreut hatte, so lange cr's täglich haben konnte. Jetzt wünschte er sich ein Bild von ihm. Er konnte sich keine deutliche Vorstellung mehr von ihm machen. Bloß etwas Großäugiges, Lachendes, mit blitzenden Zähnchen, weichem Mäulchen, mit Grübchen in allen Gliedern schwamm vor seiner Erinnerung, so unwirklich hold und entzückend wie ein Traum. Aber er hatte für Träume keine Zeit übrig. Reben seinen Schulpflichten die Krankenpflege, es war fast zu viel. Hans Martin war ein musterhafter Patient. Es schien, als brauche er nichts weiter als den Anblick seines Freundes, um sich wohl zu fühlen. Still und geduldig lag er in seinem Bett und ertrug heroisch, ohne Klage, die Schmerzen und Unbeguemlichkeiten seines Leidens. Die Steigcnbcrg fragte ab und an— während Richards Abwesenheit— nach seinen Wünschen. Doktor Meinhold sprach täglich vor. Er schien etwa? verwundert, daft die Besserung sich hinauszögerte. Aber er hatte nicht die geringsten Bedenken. „Es reguliert sich schon: reguliert sich schon," war seine Licblingsredensart. Er überlieft alles der Natur. Das war das Beguemste. Er brachte immer einen ganzen Schwaden frischer Zu- verficht, Lebenslust, Optimismus mit herein ins kleine, dunkle Zimmer. Das Geheimnis seiner Erfolge lag wesentlich in seiner Person.. Wer so heiter, rosig, urgesund aussah wie er, der mußte an sich selber die bekömmlichste Lebensweise ausprobiert haben und konnte am besten raten. Doktor Meinhold fühlte sich in allen Familien in seiner Bcichtvatcrrolle wohl. Er durfte so manches sagen, fragen. andeuten, erstchr und beobachtete so viel, was kein andrer beobachten konnte, daft er sich schon in seinen jungen Jahren als Stadtchronik herauszubilden begann. Der Volkmarsche Haushalt war ihm nun ganz besonders interessant. Tie Skaudalgeschichte war jetzt so allgemein in der Stadt durchgesickert, daß er mit seiner Gönnerin, der Frau Professor Schulz, längst alle näheren Details aus- getauscht hatte. Nun war die junge Frau fort. Das fiel ihm doch sehr auf. Verreist? Im Winter? Mit dem kleinen Kinde? Doktor Meinhold begann sich zu wundern, daß sie gar nicht wiederkam. Er war nicht gerade schüchterner Natur. Im Gegenteil. Er hatte immer gefunden, daß er mit einer gewissen verblüffenden Dreistigkeit am besten zum Ziel käme. Gelegentliche, scheinbar ganz harmlose Fragen nach der Frau Gemahlin hatte Richard immer kurz abgeschnitten. Damit, merkte Doktor Mcinhold, erreichte er bei dem ver- schlossenen Menschen nichts. Es galt also, ihn zu überrumpeln. Und eines Tages, ganz wie von ungefähr, als er wieder vergebens nach der Rückkehr der jungen Frau gefragt hatte. hob er drohend den dicken Zeigefinger auf. Und über's ganze rosige Gesicht lächelnd, scherzte er: „Doktor, die brennt Ihnen am Ende durch!" Trotz seiner schonen männliche!» NnverVlüffbarkeit er- fchro? der jnnge Arzt doch beinah' über den Eindruck seiner Worte. Richard Volkmar stand vor ihm wie ein Mensch, den» die surchlbarste, entehrendste Kränkung widerfahren ist. Die Augen quollen ihm sast aus den Höhlen, die Stirn überflog ein jähes Rot, und mit ringenden, mühsamen Atemzügen stammelte er:„Was �— was meinen Sie? Wer— wer sagt—?" Also auch das hinaus in die Welt! Bald würden es die Spatzen von den Dächern Pfeifen: Volkmars Frau ist durchgebrannt! Run ja, eines Tages mutzte es ja doch heraus! Was half ihm das schamhafte Vertuschen und Verhüllen seines hänc-lichen Unglücks? Was lhat's, wenn sie sich noch ärger die Bläuler zerrissen um ihn! Zu verderben war ja nichts mehr. „Gotte doch. Doltorchen. machen Sie doch keine Ge- schichten!" tröstete Meinhold begütigend.„Ich Hab' doch blotz Spatz gemacht! Entschuldigen Sie man." Da hatte sich Richard Volkmar so weit. Er versuchte zu lächeln, es kam aber nur ein peinvolles Verzerren der Lippen heraus. „Mit Ihrem Spatz haben Sie beinah' das Rechte ge- troffen," sagte er heiser. Meinhold trat einen Schritt zurück.„Donnerwetter ja!" murmelte er. Sein vergnügtes Gesicht sah auf einmal ganz ernst aus. Es kain ihm eine Ahnung, datz sich nicht alles auf der Welt mit einem gesunden Optimismus behandeln lätzt, und datz der arme Teufel von Lehrer am Ende arg drinsätze. Er machte das Gesicht, mit dem er in einer Familie die letale Wendung eines Krankheitsfalles anzuzeigen Pflegte. Die Trauerfalten machten sich sonderbar auf dem gatten, fetten, roten Gesicht. «Nicht möglich, Doktor? Donnerwetter! Thut mir ja riesig leid! Also wirklich— fort?" „Sie hat mich verlassen. Vor vier Tagen," sagte Richard mit heroischer Fassung. Und ihm war's, als hätte sich heut erst eine eiserne, nnübcrsteigbare Wand zwischen ihnen aus- gerichtet. Jetzt waren sie getrennt— auf ewig. Meinholds Gesicht verfinsterte sich inimer mehr. Es trug jetzt dei» Ausdruck, mit dem er der Familie zu bemerken pflegte:„Ter Tod ist eingetreten. Mein herzlichstes Beileid!" .Er drückte kondolierend Richards.Hand. „Muß ja gräßlich sein für Sie! Und nun noch den Kranken auf dem Halse. Und die Bedienung wohl auch nicht erster Güte? Hm?" „Es geht. Ich bin nicht anspruchsvoll." „Kocht sie denn leidlich. Ihr Drache draußen?" „Wir bekommen das Essen aus den» Deutschen.Hause." „So! Na, der Tisch ist ja ausgezeichnet. Ich speise auch da. Und sonst—" Meinhold schien ein Stein vom Herzen zn fallen. Nun wurde eS doch wieder nien schlich. Er durste schon lächeln, ohne frivol zu erscheinen. Ter bärbeißige Volkmar lachte ja auch. „Na— und sonst," fuhr er fort,„bißchen still ja wohl. Aber kein Kindergequarr. Und— Gölte doch— Junggeselle sein, hat doch auch seine Vorzüge. Ich denke nicht ans Heiraten! Fällt mir nicht im Traume ein! So ist man Hahn im Korbe. Nachher, als Ehemann, gehört inan zum alten Eisen. Ja, beinah', lieber Doktor"— Meinholds Optimismus brach wieder sieghast durch—„beinah' möcht' ich sägen: eine so liebe, nette Frau sie auch war—, für Sie ist's ein wahres Glück, daß Sie sie los sind!" Für diese mit dem Brustton innigster Ueberzeugung heraustrompetete Bemerkung hatte Richard Volkmar nur ein ironisches Lächeln gehabt. So ein ehefcheuer Mensch, so ein Egoist, hatte er gedacht. Aber er konnte den Ausspruch nicht so leicht vergessen. Mit Gewalt wurde er in der nächsten Zeit immer wieder daran erinnert. Fast von heut zu morgen vollzog sich ein Umschwung in seiner Stellung zu den Kollegen. Er war so ziemlich isoliert gewesen. Wohl mit durch seine Schuld. Sein rauhes, verschlossenes, abweisendes Wesen hatte alle zurückgescheucht, selbst die wohlwollenden. die es aufrichtig gut mit ihm meinten, wie zum Beispiel Horstmann. Ich will keinem Ungelegenhei'ten bereiten, hatte er trotzig gedacht. Ich will kein Mitleid, keine Herablassung, keine Gnade. Seht Ihr einmal in mir den Misscthäter, den Eurer unwürdigen Kollegen, den Mann, der Eurem ganzen ehren- wetten Stande Schande gemacht hat— nun gntl Ich kann's nicht ändern. I ch dränge mich Euch nicht auf. Und so hatte er zuletzt nur noch mit den nächsten Kollegen, Rober und Biltrich, die»tätigen amtlichen Beziehungen unter- halte». Er war der Ausgestoßene, das räudige Schaf, der von allen Gemiedene geworden, und in seiner verzweifelten Verbitterung war's..ihm recht. (Fortsetzung folgt.) NatuvwirfeiifcbaftUchc Qebcrlicbt* Von Cu r t G r o t t e iv i tz. Vor einigen Jahren hatte der Naturforscher Hans Friedenthal ein eigenartiges Experiment angestellt, uin das Berwandtschafts- Verhältnis des Menschen zu den Säugetieren zu prüfen. Er stützte sich dabei auf die Thatsachc, datz das Serum eines Tieres die Bluttörper- chen von verwandtschaftlich weit entfernt stehenden Tieren auslöst, während es die von nahcvcrwandten Tieren unverändert läßt. Nun hatte er gesunden, datz das Serum von Mcnschenblut die Bluttörper- che» aller Tiere auflöst, außer denen der menschenähnlichen Affen. Orang-Utang, Schimpanse und Gibbon, mit denen der Versuch vorge- nommen wurde, erfuhren tcinc Veränderung in ihrem Blute durch das menschliche Serum. Tas ist offenbar eine sehr frappante Bestätigung der Annahme, daß Mensch und menschenähnliche Affen sehr nahe uut einander verwandt sind. Kürzlich hat der Forscher ein iveitcres der- artiges Experiment angestellt. Wenn einem Kaninchen das Blut- waffcr- l Serum! eines andren Tieres eingespritzt ivird, so bekommt das Serum des Kaninchens die Eigenschaft, in den Blutlösungcn jenes Tieres Niederschläge zn erzeugen während das Blut aller andre;» Tiere dadurch nicht getrübt ivird. Nun wurde einem Kaninchen Seruii» von einem Pavian injiciert. Taraufhin brachte das Kaninchenferum in dem Blute von Pavianen, Stunimcaffcn und Makakcn, also lauter pavianarngen Tieren Trübungen hervor. Dagegen blieb das Blut vom Menschen und vom Schimpänscn durchsichtig. Auch dieses Experi- liient zeigt daß das Blut von Menschen und menschenähnlichen Affen gleiche Eigenschaften besitzt während das andrer Affen sich abweichend verhält. Man teilt jetzt die Affen in schmalnasige, breitnasige und Krallaffen ein. Tie Schnialnasigen aber sind jedenfalls in zwei sehr gesonderte Stämme zu zerlegen, die Menschenaffen und die Hunds- äffen. Die crjtcren hat man schon bisher nach formalen Gesichts- punkten von den letzteren abgesondert. Tie Mcnschenaffen treten mit dem äußeren Fußrande auf, die HundSaffen mit der ganzen Sohle, die ersteren besitzet' keinen Schwanz und keine Backeniaschen, die letzteren haben stets Gesäßschivielen. Durch die Experimente Friedcnthals kommt min noch cm neuer Unterschied hinzu, der viel- seicht durchgreifender ist als alle andern zusammen: Mcnschenaffen und Hundsaffen haben verschiedenartiges Blut in sich, und das der Menschenaffen gleicht dem des Menschen. Diese letztere Thatsache ist nun für die Stellung des Menschen im zoologischen System sehr inter- essant. Der Mensch wirk mit dem Menschenaffen zusammen in eine Kategorie gestellt. Gewiß gicbt es auch so manche Merkmale, die den Menschen mit jenen Änthröpomorphen verbinden. Aber diese Merk- male sind nicht so auffällig, und sie kommen außerdem auch diesen» oder jenem Hundsaffen zu. lind auch von den Menschenaffen gleicht der eine mehr in dieser, der andre mcbr in jeder Eigenschaft dem Herrn der Welt. ES lassen sich daher nicht so leicht einheitliche THarakterc ausstellen, die de» Menschen mit allen Menschenaffen verbinden und ihn zugleich von andren Tieren zu unterscheiden. Aber die Gleichheit des Blutes ist nun jetzt ein sehr wesentliches Band, das Menschen und Menschenaffen vereint. Durch einen glücklichen Zufall ist auch über die Zugehörigkeit einer andren Saugcrgruppe. der Seehunde, neues Licht« verbreitet worden. Im Juni d. I. wurde nämlich im Zoologischen Garten zu Berlin ein junger Seehund geboren, der zwar am Morgen tot ausgc- fluiden wurde, aber an dem doch bei sachlundigcr Untersuchung durch A. Rehriitg einige Eigentümlichkeiten bemerkt wurden, welche auf die Stellung dieser Tiere im System Rückschlüsse erlauben. lieber die neugeborenen Jungen der Seehunde hatte man noch wenige sichere Nachrichten. In der VZesangenschaft pflanze» sich die Tiere überhaupt sehr selten fort. Um so interessanter ist das Ereignis im Berliner Zoologischen Garten. Das Junge war auffallend groß, wie denn alle Jungen der Seehunde in sehr entwickeltem Zustande zur Welt kommen. Das ist offenbar eine Anpassung an das Leben im Wasser, in dem die Aufzucht von jungen Säugetieren weit schwerer ist als auf dem Lande. Die Seehunde gehen deshalb auf eben so viele Mvnatc trächtig wie die Hunde Wochen. Das Junge des Seehundes— es handelt sich hierbei um den gemeinen Seehund I'hoca vitulina— war mit einem langen, weißlichen, weichen Säuglingshaar bedeckt, doch saß dieses so wenig fest, das; es sich beim Präparieren der Haut zum Teil ablöste und das darunter befindliche definirvc, kurzes straffe Haarkleid zun, Borschein kam. Tie Jungen des gemeinen Seehundes, die im Juni zur Welt kommen, bedürfen des warmen Felles nicht. Dagegen bc- halten dieses die Sprößlinge der beiden andern deutsche» Seehunds- arten, des geringelten Seehundes und der Kegelrobbe gegen sechs Wochen bei. Da sie gegen Ende Februar oder im März geboren werden, also zu einer Zeit, wo die Küsten der östlichen Ostsee, noch in Eis und Schnee starren, so ist ihnen das dichte Fell sehr nützlich. Infolge der langen TrächtigkritSdauer und der weiten Entwicklung bei Jxt@e6itrt febürfen die Seehunde kaum eines Milchgebiffes. Die Milchzähne erscheinen denn auch bei den jungen Tieren in sehr ver- kümmertcm Zustande. Auch bei dem untersuchten Eremplar hat Nchring, der in der„Natrirwissenschastlichen Wochenschrifr" darüber berichtet, nur zwei sehr reducierte Milcheckzähne und zwei ebensolche schwache Milchbackcnzähne feststellen können. Tie definitiven Zähne waren entweder bereits durchgebrochen, oder sie waren nahe daran, durchzubrechen. Das Interessanteste an diesem Scehundsjungcn waren aber zwei Merkmale, die auf Beziehungen zu andern Tiergruppcn hinwiesen. Das Tier hatte nämlich eine kleine, aber doch deutlich hervortretende Ohrmuschel, und dann waren seine �irallenspitzen sehr stark, fast haken- förmig gekrümmt, und zwar sowohl an den Vorder- wie an den Hinte rflossen. Aus diesen beiden Merkmale», die ohne Zweifel lieber- blcibscl aus der Ahnengefchichte der Seehunde darstellen, lästt sich ein Schluß auf die Abstimmung dieser Tiergruppe ziehen. Tie Flossen- säugcticre bilden drei Familien, die Walrassc, Ohrenrobben und See- Hunde. In ihrer Gestalt schließen sich alle Flossensäugetiere so sehr an Landriere an, daß sie ohne Zweifel früher einmal auf dem Lande gelebt haben. Zwar sind ihre Gliedmaßen in Flößen übergegangen, aber an diesen ist doch noch einigermaßen die Form von Beinen mit Zehen und Krallen zu unterscheiden. Tie Ohrenrobben haben die ur- svrüngkiche Form wohl noch am meisten bewahrt, sie benützen ihre Gliedmaßen noch zum Gehen, wennschon ihr Gang n.ichr gerade ge- wandt ist. Sie besitzen auch noch Ohrmuscheln. Da nun der junge, von Rehring untersuchte Seehund cbensal� Ohrmuscheln besaß, so rücken dadurch die Seehunde den Ohrcnrobven näher. Ohne Zweifel haben auch die Walrossc einst diese Lhrlappen besessen. Alle Flossen- säugctiere halten sich an den Küsten aus und pflanzen sich auf dem Lande fort. Sic tragen ein Haarkleid. Alles das beweist ihre Ab- stamnlung von Landtieren. Nach dem Bau des Skeletts, z. B. dem Mangel eines Schlüsselbeins, ferner nach der Erbcutung lebender Tiere hat nian die Flossensäugciicre in Verivandtschaflliche Bc- Ziehungen zu den Raubtieren gebracht. Tie gekrümmte Kralle dcS jungen Seehundes deutet nun erst recht auf eine Abstammung von jener Säugcrordnung hin. Solche hakenförmig gekrümmten Krallen besitzen die Katzen. Eine nähere Berwandrschaft mit diesen wäre also nicht unmöglich. Es ist aber sehr ivohl denkbar, daß die ver- scknedcncn Gruppen der Flossensäuger von verschiedenen Raubtieren abstammten, um so mehr, als diese im ganzen ziemlich übcrein- stimmende Formen haben. Durch sehr eigenartige Entdeckungen sind Ivir neuerdings auch über das nähere verwandtschaftliche Verhältnis des Mammut unter- richtet toordcn. In der höhlenreickien französischen Landschaft Pcrigord sind in verschiedenen Höhlen zahlreiche bildliche Darstellungen von Tieren der älteren Steinzeit neu eindeckt worden. Der Acackemie des sciences wurden Skizzen davon bereits im Dezember vergangenen Jahres vorgelegt. Es handelt sich hierbei nicht nur um Einritzungen in Elfenbein und Knochen, sondern um Darstellungen im Gestein, an den Wänden der Höhle. Renntier, Wildpferd. Steinbock, Mammut, die damals Zeitgenossen des Menschen waren, sind von dem Künstler ziemlich gut wiedergegeben worden. Ja, Ivir finden hier sogar die Anfänge der Malerei. Denn einzelne Linien sind mit farbigen Sub- stanzen gezogen. Das eröffnet schon den Einblick in eine gewisse Kultur. Es gehört eine gewisse Fertigkeit dazu, diese Tierbilder zu zeichnen. Und da die Höhlen finster waren, so bedurfte es des tünst- lichen Lichtes,— man hat auch Lampen gefunden— um die Zeich- nungen auszuführen nud zu betrachten. Haustiere gab es damals noch nicht, aber auf mehreren Zeichnungen tragen die Pferde Zäume. Vielleicht war es dock) schon gelungen, wenigstens das Pferd einiger- maßen z» zähmen. Uebrigens erinnert eins dieser gezähmten Pferde. worauf G. Kaiide in der„Naturwissenschaftlichen Wochenschrist" jetzt aufmerksam macht, an das unserm Haustier am nächsten stehende Wildpierd, das Przewalsti-Pferd. Dadurch wird es um so wahr- scheinlicher, daß dieses der direkte Slbne unsres Rostes ist. Aber»och auf eine andre�vcrwandtsckiaftliche Beziehung lasse» uns die Zeich- nungen einen Tcblüß ziehen. Auf ihnen ist nämlich das Mammut mit einem Rüssel dargestellt, der am Ende nicht eine» fingerförmigen, sondern zwei lippenförmige Fortsätze besitzt. Man kannte bisher dieses Organ des Mannmtts noch nicht so genau, stellte es aber auf schematischsn Abbildungen mit einem Finger dar. Einen solchen Rüssel trägt nämlich der indische Elefant, bei dem allerdings die Schmelzfalten der Backenzähne ähnlich gebildet sind wie beim Mammut. Allein da dieses einen Rüssel besaß, der zwei breite lippenförmige Greiforgane trägt, wie sie dem afrikanischen Elefanten eigen sind, da der letztere aucki in der starken Ausbildung der Stoß- gähne dem ausgestorbenen Dickhäuter gleicht, so ist es sicher, daß nicht der indische, sondern der afrikanische Elefant ein direkterer Nach- komme des MammutS ist. So ist denn hier zum erstenmal der Fall eingetreten, daß uns Kunstprodukte einer vergangenen Erd- Periode Auffck'lüsse über die Verwandtschaft von Tieren geben, die in jener Zeit gelebt haben.— Kleines feuilleton. — Achtzig Katzen, lieber eine originelle Scheidungsklage he- richtet das„Wiener Extrablatt" aus Wien vom 3. d. llll.: In Ver- Handlung beim Landesgcrichte in Civilsachen stand die ScheidungS- klage der hiesigen Hausmeisterin Aloisia Piena gegen ihren Mann Joseph, damit begründet, dieser komme täglich betrunken nach Hanse und gebe für die Wirtschast fest langem kein Geld. Das Paar ist feit zwanzig Jahren verheiratet. Vorsitzender:„Was sagen Sie dazu, Herr Piena?" „Gatte:„Ich geb' ihr kein Geld, weil sie alles für ihre Katzen braucht." Vors.:„Und wie ist'S mit dem Bcirunken-Nachhausekommen?" Gatte:„Das gcb' ich ohne lvciteres zu... aber wer ist schuld? Sie mit ihren Katzen!" Gattin:„Js alles nit wahr I Als Hausmeistern Hab' ich zwei, drei Katzen... die werden aber von den Parteien gefüttert, mich kosten s' keinen K'uzer I" Gatte:„Hoher Gerichtshof I Sie hat achtzig Katzen I Achtzig Katzen I Ich hab'S gezählt, ich bccid's l" Gattin:„Und ich becid', daß nur zwei, drei sind I" Gatte:„Ich Hab' Zeugen für achtzig... ich könnt' auch die achtzig Katzen herbringen" Vor s.:„Nein, nein! Wir werden nicht über die Katzen als Ehescheidungsgrund verhandeln I" Gatte:„Ich Hab' ihr aber oft zehn Gulden in der Woche geben... die Katzen Hat'S damit g'füttcrt... ich Hab' nix zu essen iriegt!" Gattin:„So? Wie er zu mir kommen is, hat er nix g'habl, als wie drei zerfetzte Hemden und eine Butten... und jetzt hat er a Geld in der«-Sparkasse!" Vors.:„Wollen Tie sich nicht ausgleichen?" Gattin:„Durchaus nicht I" Gatte:„Ich auch nicht I" Vors.:„Vielleicht scheiden Sie sich cinvcrständlich?" Gattin:„I bin dabei, recht gern'!" Gatte:„Aber ich möcht' erst das viele Geld zurück haben, mit dem sie die ganzen zwanzig Jahr d' Katzen g'süttert hall Muß der Man» für Katzen sorgen?" Vors.:„Das wäre ein ganz neuartiger Rechtsstaudpunkt I" Gatte:„Also will ich waö von den-suchen!" Vors.:«Sagen Sie genau, was Sie eigentlich wollen!" Gatte:«A Bett, an Tisch, zwa Sessel, a Nachtkastel und an Schreibtisch... dann kann's meinetweg'n achthundert Katzen halten l" Vors.:„Und Sie, Frau Piena?" Gattin:„I verlaug' gar nixl I Verzicht' auf alles... nur er soll geh'n." Vors.:„Er kann also die Sachen bei Ihnen abholen?" Gattin:„Gleich nach der Verhandlung!" Vors.:„Das gegenseitige Begehren ans Scheidung aus dein Verschulden des andren Teils wird also fallengelassen?" Beide Gatten:„Jawohl'" Vors.:„Und Sie einigen sich ans cinverständliche Scheidung?" Gattin:„Recht gern, von ganzem Herzen!" Gatte:„Ich auch vom Herzen I" Der Vorsitzende verkündet nun die Ehescheidung auf Grund ein- verständlichen Begehrens.— cc. TnS Brot einst und jetzt. ES ist eine anerkannte That- fache, daß unser heutiges Brot bedeutend an Nährwert gegen früher verloren hat, und zwar fct c3 durch die Entfernung der gellhaut ciwciß- und salzänner geworden. In der Kleie bekommt das Vieh das Beste von der Gctrcidefrncht. In neuerer Zeit hat man zwar auf verschiedene Weise versucht, dem Korn und Weizen die Zellhaut zu erhalten, indem man das Getreide m Wasser weichen läßt und dann aus mechanischem Wege die groben Hülsen von den Körnern entfernt. Aber durch den Wcichungsprozeß gehen auf osmotischem Wege Mineralsalze aus der Zellhaut des Kornes in das Wasser über. in welchem man es quellen läßt. Also ist auch auf diese Weise nicht eine wirkliche Behebung des Uebclstandcs herbeizuführen.' Ein weiteres Moment, das das Btot verschlechtert, ist die Schncllbäckcrci. Früher muhte ein Brot 2— 3'/. Stunden im Ofen sitzen, heute ist der Backprozcß schon in einer Stunde beendigt. Meist bekommt man auch nur halbgebackenes Brot zu taufen und die Bäcker find auch schon daran gewöhnt, uns„altbackenes" Brot zu verabreichen, wenn man gut gebackenes verlangt. Doch auch die Polizciverordnung, daß der Laib Brot ein gewisses, genaues Gewicht haben muß, hat Verderb- lich gewirkt. Früher taxierte man das Brot nach Größe und Qualität. Heute richte» die Bäcker den Teich so ein, daß, wenn er halbwegs zu Brot verbacken ist, daS Brot noch seine Pfunde wiegt. Je länger das Brot im Ofen sitzt, um so mehr verliert es am Ge- lvicht. Das Publikum, so meint unser Gewährsmann, A. S. Scholta, in der Zeitschrift„Gesundheit", unterstützt noch diese Tendenz der Bäcker, wenn es mit Vorliebe daS ans diese Weise„neugebackene" Brot kauft, wobei cS ein gut Teil Wasser mitkaust. Und doch giebt eS auf die Tauer kaum etwas Ungesunderes, als schlechtgcbackenes Brot. Gut durchgebackenes Brot ist bereits vorverdaut, schlecht durchgebackenes dagegen nicht. Beim Backprozcß setzt sich ein Teil des Stärkemehls in Dextrose um. die Brotrinde enthält am meisten Textrose(Traubenzucker). Im gut durchgcbackenen Brot ist die Saucrhcfc abgetötet, im schleckt durckgebackenen nicht. Tie lebenden. Sauer- und sonstigen Hefezellen sind für unsren Organismus schäd- lich. Sie erzeugen Stoffwecksselvrodulte durch chemische Evaltung der Stärkemehl- und Eiwcißsubstanzen der genossenen Nahrung. Magen- und Darmgärung iit oft die Folge der Hefezcllwirkung. Gut durchgebackenes Brot erfordert viele Kau-Akte, schlecht durch- gebackencs nicht. Gut durchgebackenes Brot»vud vom Darm gut ausgenützt. Daher das Sättiglcitsgefühl bei gutem Brot nud der Brotvunger bei nicht gcnitgend anZgebaSenem. V-sondcrs für das Grobbrot ist ein gutes Durchbacken notwendig und der Fiskus thut gut daran, dah er das ftommifebret so gut durchbacken lästt. Schade nur, daß sich das große Publikum nicht mehr für die Sache inter- essiert und tvenigstens vorderhand zu dem Ausweg Zuflucht nimmt, jeweilen den Brotlaib vorher zu bestellen mit der Bedingung, daß er eine halbe Stunde länger im Ofen bleiben müsse, als es gewöhnlich geschieht. Würde diese Forderung in vielen Einzelfällen wiederholt, so würden naturgemäß die Bäcker nachgeben müssen.— Theater. Intimes Theater.„Ein RouS." Lustspiel in 1 Mt von R. Wurmfeld.„Ledige Ehentänner." Schwank in 3 Akten von Leo Walter Stein und Arthur Lippschi tz. — Man sollte wieder Alcranderplatz-Theater sagen' Im Aushängeschild„intim" und hinterdrein ein Schwank, das wirkt denn doch zu varodistisch. Mit dem Wurmfeldschen Lustspiel-Einakter begann der Abend recht melancholisch. Daß ein junger Mann in angenommener Rouö- und Don Juan- MaSkc die Eitelkeiten eines seusations- lüsternen Mode-Dämckions gereizt und so ihr„Herz" gewonnen hat, dann aber, als er zögernd seine Unschuld zu erkennen giebt. mit tiefer sittlicher Entrüstimg von der Enttäuschten zur Thür hinauskomplimentiert wird, ist gar kein übler sattrifcher Einfall. Aber Herr Wurmfeld hat mit der Idee nichts anzufangen gewußt. Die Ausführung war steif, öde, geradezu verletzend unwahr, das Gegenstück zu allem, waö das Wörtchen„mtim" verspricht, und auch dar" Spiel jieß sehr zu wünschen übrig. Da wirtte schon die ganz ideenlose Lustigkeit der„Ledigen Ehemänner" ungleich erfreulicher. Der Schwant mit seinem raschen Tempo der Verwechselungen, mit dem wilden Hin und Her der aufgestoßcnen lind wieder zugeschlagenen Thllrcn, mit der Fixigkeit der Effekte, mit dem behenden Witz des Dialogs verriet, trotzdem die Ehe von dem Ehemann diesmal nicht gebrochen ward, ganz und gar französische Schulung. Dabei schien er aber frischer, sorgloser, nicht so schachbrettmäßig ausgeklügelt, wie die mittlere Importware. Mit Pariser Etikett versehen, hätte er im Residenz-Thcatcr, wo gegenwärtig die sehr viel schwächere Hcnnequinfche„Kammerzofe" das Regime führt, vielleicht volle Häuser machen können. ES handelt sich um eine gestörte Hochzeits- reise. Zwei junge Leute haben vor Jahren mit einander eine hohe Konventtonalstrafe. für den der beiden, der sich je verheiraten würde, festgesetzt. Run sind beide dem Eheschicksal verfallen, der eine in Sibirien, der andre in Berlin. Eben wie der Berliner nach der Trauung zur Hochzeitsreise seine Koffer packt, wird ihm die Ankunft' des lange Verschollenen geureldet. Um das Strafgeld zu ersparen. bemüht sich jeder, den Ledigen zu spielen. Die junge Frau des Doktors wird als Asfistenttn vorgestellt: der Sibirier, die'Frau desselben und ein Freund intrigieren, mn den scheinbar so hartnäckigen Junggesellen mit der Assistentin zusammen- zubringen usw. usw. Drei Akte durch, von dem Schwiegereltern- Paar des Doktors mitgemacht, tobt die erfindungsreiche Hetzjagd der Unmöglichkeiten fort. Der bloßen Situationskomik, die mit ab- gegriffenen Schablouciigestalten arbeitet, würde man bald überdrüssig. Aber hier gab es— und das entschied den Erkolg— eine neue, mit wirklich humoristischem Behagen ausgcma..' Schwankfigur. eben jenen Freund des Zurückgekehrten, Heinesctter, den unerschütterlich getreuen, jovial-taktlos-gemütlichen ostpreußischcn Hünen mit der weißen Piguh-Weste um den mächtigen Leib. Die Rolle wurde von Herrn Stein, einem der beiden Autoren, mit ganz urwüchsiger Echtheit gespielt. Wer die Leute von dort oben kennt, mußte an diesen Naturlauten seine Freude haben. DaS Publikum war außer- ordentlich dankbar.——dt. Geographisches. k. Eine Forschungsreise in Patagonien. In bisher unerforschte Gebiete eines seltenen Landes ist der englische Reisende Heskcth Prichard vorgedrungen, der ausgezogen war. um Spureit des prähistorischen Mylodon zu entdecken. Diesen Zweck seiner Reise hat er zwar nicht erreicht, aber er konnte werlvolle Be- obachtnngen über Land und Leute sammeln, über die er i» seinem soeben in London erschienenen höchst interessanten Buche„TrougK the Heart of Patagonia" Bericht erstattet. Er har auch zwei bc- merkenswerte Endeckungen gemacht. Er fand eine bis jetzt nicht tlasfifizicrte Art des paiagonische» Puma, der sehr selten, viel wilder und etivas kleiner als der gewöhnliche graue Puma ist und eine rötliche Farbe hat. Er hat das Tier„Felis concolor Pearsoni" genannt. Am äußersten Rande der Cordilleren entdeckte er einen auf keiner Karte verzeichneten See. den er„Pearson-Sec" benannte. Eine fesselnde Schilderung entwirft er von der wilden Berg- einsamkcit. in die er auf seinen Reisen kam:„Bon weitem scheinen die Wälder die Hügel und Vorsvrüngc der Cordilleren mit einer scheinbar undurckdrinalicken schwarzen Masse einzufassen, die bis in die Schneclinic reicht und oft in sie übergeht. Nähert man sich, so ist die Farbe ein tiefes dichtes Grün, das die Eigenschaft zu haben scheint. Licht zu absorbieren, so daß sich, wenn man aus die weite Laubflächc hinten in der Ferne blickt, wo Thälcr und Bergreihen sick hintereinmtdcr schließen, ein Eindruck der Düsterheit und des Geheimnisvollen auf den Geist legt." In Patagonien sind viele Taufende Ouadratmcilcn Waldes unerforscht. Kein Mensch lebt dort, und es ist zweifelhaft, ob jemals Menschen dort gelebt haben: denn jedes tierffche Kleben, durch das er hätte leben können, fehlt. Em sehr interessantes Kapitel handelt von den Sitten und Ge- Verantworilichcr Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Äärlag: brauchen der Tchuelchen, einer indianischen Rasse, die im Aussterben ist. Die Ursache dieses schnellen Unterganges ist der Alkohol. Die Tchuelchen glauben an gute Geister und Teufel. Der herrschende Geist des Bösen heißt„Gualicho", und sie veroringen einen groi-eu Teil ihrer Zeit damit, vor seinem Zorn zu fliehen oder ihn günstig zu stimmen.„Man sieht öfter bei Tagesanbruch einen Trupo Indianer plötzlich aufstehen, auf ihre Pferde springen und heulend und gestikulierend über die Pampas galoppieren. Sie wollen nur Gualicho von ihren Zelten in seine Schlupfwinkel in den Cordilleren zurück verscheuchen." Nach ihrem Glauben schuf der gute Geist die Tiere in der Höhle eines„Gotteshügel" genannten Berges und gab sie seinem Bolk zur Nahrung. Tie Frauen nehmen bei die eu patagonischen Indianern eine verhältnismäßig hohe Stellung ein. Sie kochen, verrichten aber wenig harte Arbeit. Die Vielweiberei ist erlaubt, tvird aber sehr selten geübt. Tie Männer verbringen ihre Zeit fast ganz auf den Pferden. Prichard hat viel gejagt: wochenlang war er und die andren Mitglieder der Erpedition davon abhängig, was sie schössen. Das gewöhnlichste Wild ist das Guanaco oder Lama, das herdenwcis auf den Ebenen Palagoniens grast. In einigen Teilen sind sie wild und müssen gepirscht werden, in andren Teilen sind sie zahm und können leicht geschossen werden. Das„Hucmul" ist ein den südlichen Cordilleren eigentümliches Wild. Es hat kein sehr sckiönes Geweih. denn acht Sprossen werden schon ftir eine sehr gute Trovhäe ge- halten. Die Tiere sind im allgemeinen sehr zutraulich, da sie in Gegenden leben, wo sie selten einen Menschen sehen. Pumas sind sehr gewöhnlich und greifen gelegentlich einen Menschen an. Auch der Cordillcrenwolf ist furchtlos, und wenn man sich ihm zu sehr nähert, bereitet er sich auf einen Kamvf vor. Wilde Gänse und Enten fand Prichard in der Näbe der Küste, auch viele Bekassinen. Bullen und Kübe sind sehr wild und zögern nicht, den Menschen anzugreifen. S-br gut war auch die Jagd auf Strauße. Von dem Kondor schreibt Prichard:„Gegen die helle Farbe des Himmels ge- sehen, scheint er mit seinem stattlichen Fluge und der großen Svannung bei bewegungslosen Schwingen ein edles Tier: aber in der Näbe hat er das abstoßende Acußcrc der übrigen Aasvögel. Seine Größe ist imgcbeuer." In Patagonien giebt es keine Ruinen, keine Zeichen akter Städte oder Spuren trüberer Eivilisatton: trotzdem bat das Land eine grobe Zukunft. Patagonien könnte auberordent- lich viele Rinder und Schafe zur Versorgung der Welt liesern. Das Klima ist gut und trotz der harten Winter sehr gesund.— Httuioriftisches. — Unerwartete Antwort. Ein niederbeksischer Pfarrer hatte in seiner Gemeinde einige räudige Glieder, die der Bramtt- Weinflasche unmäßig zusprachen' und die zu bessern sein eiftiges Bemühen war. Zu ihnen gehörte auch ein mehr als siebzig Jahre alter Schäfer. Eines Tages traf mm der Geistliche auf seinem Svaziergange besagten Schäker bei seiner Heerde und beschloß, die Gelegenheit zu benützen und dem Alten, der erst kürzlich Völlig berauscht in keiner Schäfcrbnte aukgefunden worden war, ins Ge- wissen zu reden. Da er aber kein zorniger Eiferer war, sondern durch milde und lehrreiche Ermahnungen zu wirken suchte, begrüßte er kein verirrtes Gemeindemitglied mit freundlichen Worten, sprach mit ibm über Wetter, Ernte und dergleichen und sagte dann wie beiläufig: „Run ist ja der alte R. auch zur ewigen Ruhe eingegangen. Vierlmdacktzig Jahre alt! Ein schönes Alter!" „Do bon Se recht, Herr Parr". bemerttc der Hüter der Schafe beifällig nickend. „Er hat aber auch", fuhr der Pfarrer fort, indem er den Schäfer ernst ins Auge faßte,„in seinem Leben nie eine» Trovfen Branntwein gettrmken." Der brave Schäfer nickte wieder zustimmend und erwiderte treuherzig:„Wissen Se, Herr Parr. ich hon schont so bi mc gedacht, wann he aliemol en Schnäpschen gedrunken hätte, vicllichte lewcte he dann noch."—(„Frankfurter Zeitung."l Notizen. — Strindbergs Schauspiel„Erich XI V geht am 17. November erstmalig(in Teutschland) am Schweriner Hof- Theater in Scene.— —„Andreas H o f e r", eine Oper von Emanuel Moür. erlebt am 9. November im Neuen Stadt-Theater in Köln ihre Erstaufführung.— — E. N. v. Rezniceks Volksoper„Till Eulenspiegcl" wird im Opernhaus»ach Neujahr gegeben werden. Die Damen Destinn und Götze, sowie die Herren Kraus, Knüpfer und Nebe singen die Hauptrollen.— — Im Bunten Theater wird nächstens eine cinaftige Operette„C i r k u s d a m c n" von Ludwig Schytte aufgeführt werden.— — Um Schnüre und Bindfaden biegsam und seidenglänzend zu machen, legt man nach dem„Gewerbe- Blatt ftir Württemberg" die Gegenstände ftz Stunde in eine nicht zu dünne Leimlösung, dann 1—2 Stunden" in eine erwärmte Ab- kocbung von Eichenrinde mit etwas Catechu, trocknet sie und reibt sie mit in Oel getränkten Lappen.— Die nächste Nummer des UnterhaltungsblattcS erscheint am Sonntag, de» 9. November.____ vorwärts Buchdruckerei und Bertogeanslalt Pant Sinzer k Co., Berlin 3W.