Wnlerhaltungsblatt des Hsrwärts Nr. 220. Dienstag, den 11. November. 1902 Nachdruck verboten. 20] Der ünhenteicb, Nomon von Gertrud Franke-Schievelbein. Richards Gesicht wurde finster. Aber ehe er noch den Mund aufthun konnte, trompetete Bittrich:„Na, nu aber Kopf hoch, Volkmar! Sind ja nun die Geschichte glücklich los! Kein Mensch zweifelt mehr, dajj Ihr verrückter Idealismus Sie in die Tinte gebracht hat. Thut allen furchtbar leid. Aber nu— kurzen Prozeß! Strich durch! Schaffen Sie sich die Sache endgültig vom Halse und sangen Sie von vorn an! Sollen mal sehen— ein Mensch wie Sie! Herrgott!" Noch ganz unter dem Eindruck dieses Besuchs setzte Volkmar sich hin und schrieb Professor Horstmann, daß er sich die Ehre geben werde, der gütigen Einladung— Gütigen—? Warum nicht? Lieber ein Wort zu viel als zn wenig. Er wollte auf einmal wieder. Er hoffte. Heraus wollte, mußte er aus der seelenmordcnden Misere! DaS ging ja nicht länger so. Er niußte ja verrückt werden. Ja, er fühlte, er war oft nicht weit davon gewesen. Nein, ohne sich zu wehren, ohne den verzweifelten Ver- such, sich zu retten, ließ er sich nicht unterkriegen! Haha! Ein Mensch von seiner Jugend, seiner Kraft, seinen glänzenden Fähigkeiten! Und er sollte schon abge- schlössen haben mit seinem Leben? Fertig sein? Teufel nochmal! Das wäre! Er trug selber den Brief zum Kasten. Dem Otto der Steigenbergeu, der herausgeschossen kan» und trinkgeld- lüstern sich zu dem Dienst erbot, vertraute er ihn nicht c".. Der Brief bedeutete seine Rückkehr zu seinesgleichen, in seine heimische Sphäre. Der mußte an seine Adresse gelangen. Dann ging er in die Kammer zu Hans Martin, der noch im Dunkeln lag. ,.Na, Jung?" fragte er mit einer frischen, hellen Stimme. Hast lange allein fein müssen, armer Kerl, was?" Hans Martin war eingenickt gewesen. Noch war die Müdigkeit in seinen leisen, geduldigen Worten:„Da sind Sie, Herr Doktor? DaS ist mal schön." Richard holte die Lampe. Als der Schein dem Knaben ins Gesicht fiel, bemerkte Richard, wie zum erstenmal, welche Veränderung in kurzer Zeit mit diesen Zügen vorge- gegangen war. Das lebensprühende Auge hatte etwas greisenhaft Ruhiges und Geduldiges erhalten. Er war zufrieden, im Bett liegen zu können. Der Husten hatte sich fast ganz ver- loren, doch blieb noch immer ein wenig Fieber übrig. „Aber das kriegen wir schon! Das reguliert sich!" sagte Doktor Meinhold siegesgewiß.„Bißchen Influenza! Herr- gott, wer hat denn die nicht heutzutage!" Richard las eine Weile vor. Aber er wußte nicht, was seine Lippen mechanisch hinplapperten. Sein Blut stürmte und brauste. Seine Gedanken gingen drunter und drüber. Wie, scheinen nicht die Kollegen an einen guten Aus- gang seiner Sache zu glauben? Vielleicht wurde die Anklage niedergeschlagen, er kam mit einer Rüge, einer Ordnungssttafe, einer Versetzung davon! Er war froh, als er nach einiger Zeit Hans Martin ein- geschlummert faud. Leise entferute er sich. Allein sein! Sich berauschen in glühenden Zukunftsbildern— er— der das Hoffen schon verlernt hatte! Die Zeichen niehrten sich von Tag zu Tag. Die Wetter- sahne öffentliche Meinung sah jetzt in ihm den Märtyrer, das Opfer einer schlauen Verführerin, die den Ginipel gefangen, gericpft und im Stich gelassen hatte, als bei ihm nichts mehr zu holen war. Seine Ehrenhaftigkeit hatte sie als Leimrute benutzt. Daran hatte er festgesessen, und in verzweifeltem Flügelschlägen, in der Todesangst, sich zu retten, hatte er sich über und über -besudelt mit eklem Schmutz. Armer 5kcrl I In allen Kaffees und Abendgesellschaften der Stadt— es war mitten in der Saison, und die Festtvitäten grassierten— war Doktor Volkmar Haupt- gegenständ des Gesprächs. Die Damen bewunderten gerührt seineu Edelmut und begriffen nicht, daß ein solcher Mann sich so hatte verthun können. „Mit so einer ganz gewöhnlichen Person— und noch nicht mal Geld— 1" „Ach, sie ist ja Viehmagd in einer Försterei gewesen. Und als das Unglück geschehen war, da hat sie ihm ihre ganze Bagage auf deu Hals gehetzt. Er wäre seines Lebens nicht mehr sicher gewesen, wenn er sie nicht geheiratet hätte." „Sie ist aber doch sehr hübsch!" sagte seufzend die'unschöne Frau Bittrich. „Hübsch?" lachte Frau Rober spöttisch auf— sie ging schon wieder in Gesellschaft, obgleich das neunte Kleine kaum vier Wochen alt ivar.„Mein Mann hat ihr Bild gesehen. Ja— so recht das, was die Männer reizt: schwarz, üppig, herausfordernd. Nun—" sie seufzte mitleidig—,„der arme Volkmar I Bestraft ist er genug!" „Ja, bestraft ist er genug," seufzte es im Chorus, und jede der Damen nahm sich vor, ihn mit ihrer vollen Ver- zeihnng zu beglücken. Die Herren sprachen in einer andren Tonart von der Sache, lächelnd, nachsichtig, milde, mit einem kleinen Achsel- zucken, voll Verständnis. Aber auch sie waren darüber einig: verzeihen. Seine Strafe hat er weg. Und von den oberen Kreisen begann die Mär von Lene Volkmars Verworfenheit so sacht hinabzutropfen. Zuletzt fand sie auch den Weg hinaus in den Renl. Eines Morgens schien geradezu der Teufel in die Steigenberg gefahren. Sic länntc und polterte mit jedem Gerät, das sie in die Hand nahm, warf die Thören, machte ein grimmiges Gesicht und antwortete auf jede Frage mit eiueni kaum verständlichen Gebrumm. Richard fand es das klügste, die üble Laune des Weibes 'zu ignorieren. Er brauchte sie nun einmal. Wenigstens so I lange Haus Martin krank war. Auf die Dauer aber, ' als es acht besser wurde, verbat er sich freundlich, doch be- snmmt dies Benehnien. Da— die Thür schon in der Hand— fuhr sie giftig los: In ner Wirtschaft, wo die Frau erst alles hätt ver- lüdcrn lassen und dann durchgebrannt wär, wollt sie als anständige Witwe nicht länger zu thun haben I Danrit knallte sie die Thür hinter sich zu, daß die Wände zitterten. Und laut schinlpfend, polterte sie die Treppe hinab. Richard, bebend vor Empörung, wollte ihr nach. Aber der Ekel überkam ihn. Pfui! Vergreife dich nicht an ihr! Besudle dich nicht! Ohne es zu wollen, hörte er Bruchstücke ihres kurz und stoßweise hcrausgepoltertcn Selbstgesprächs. „Bande l Bagasch verfluchte! Belöge und betröge habbe se mich! GeHeirat hätte se schonn im Herbst? Un alleweil wars Balg schon a paar Monate unterwegs, wie s' hier in de Reul käme. So a Mensche I Un wie hat se gemacht imd gcthan! Daß iner denke mußt, mcr hätts mit ner anständige Frau ze thu I Un is so eine, so eine I Pfui! Auskniffe is se! Durchbrennt!" Die weiteren Ergüsse ihrer Entrüstung gingen im Hinab- steigen verloren. Den horchenden Mann überlief ein Zittern. In feiner Brust quoll und Ivogte es von einem feurigen Mitleid für das geschmähte Weib. Die Steigenberg, die nur Liebe und Güte von der Lene erfahren, die ihre Treue, ihre sorgende Aufopferung für Mann und 5tind tagtäglich vor Augen gehabt hatte, die sprach so l Konnte cr's da den Fremden verdenken, wenn sie in ihr eine Verworfene sahen? Dunkel und grauenhaft überkam ihn das Bewußtsein des furchtbaren Fluches, der von Urzeiten her auf dem Weibe liegt. Arme Lene! Eine Weile war's ihm, als müsse er zu ihr halten und der ganzen Welt ins Gesicht schreien: Sie ist mein Weib, mein Glück! Behaltet eure Wohlthaten, eure Gnade! Bei ihr ist mein Platz I Wie zwei durch die Schuld Aneinandergefesselte waren sie zusammen vom Wege abgekommen und geglitten, gestürzt, — 8' weiter, immer weiter mid schneller. eis; daZ Seil. Sein Fuß fand einen Halt, seine rrallenden Hände einen Stütz- Punkt. Sie aber sah er hinabsinken, so jäh, so unaufhaltsam, das; ihm der Atem stockte, das Haar zu Berge stieg. Der Abgrund. Sie war verloren. Aber er— sollte auch er ihr nachstürzen? Jetzt— da es für ihn eine Möglichkeit gab wieder emporzukommen, wenn auch vielleicht zcrschunden, blutig, ein todwunder Mann— jetzt war'S Selbstmord gewesen! ir e» O Die Stcigcnberg kam am nächsten Tage mit der Ent- schuldigung,„ihr sei bloß cmal de Gall iebcrgeloffe—" und schien der Meinung zu sein, daß damit alles wieder seine Richtigkeit hätte. Ihre Geldgier war stärker als ihre moralische Ent- riistung. Richard— in seiner Zwangslage— ließ es sich bieten, wenn auch in ohnmächtigem Zorn. Fester als je aber stand es in ihm: fort, fort, so bald als möglich und— um jeden Preis!— Es war Sonntag, der Festabend. In seineni feinen, feierlichen schwarzen Anzug, den er zuletzt bei seiner Hochzeit getragen, nahm er Abschied von Hans Martin. Er war voll Erwartung, voll heimlicher Hoff- nung. Seine alte Frische, das zupackende, daS Leben meisternde Kraftgefühl schien ihm zurückgekehrt. Der Jüngling sah ihn bewundernd an, mit einem Blick voll Hundetreue und Melancholie. (Fortsetzung folgt.) (Aachdruck verboten.) Eine Rettimg. Skizze von B. C a n t e r. Aus dem Holländischen übertragen von E. O t t e n. Das kleine Zimmer war ein altmodischer Raum, eine Hangel- ! siube, wie man sie in alten Amsterdamer Wohnungen so vielfach . noch findet, anderwärts Elüresol genannt. Die Fenster mir den ileinen Scheiben reichten von der niederen Decke bis auf den Boden. Ali jZcn rot tapezierten Wänden hingen alte Delfter Teller mit tief- bläuen Blumenornamcntcn, ein großer Regulator mit einem ruhigen ' Ticktack und ein paar Gemälde. Ein Schreibbureau aus Nußbaum im Stil Louis XV., ein Prunkschränkchen mit einer Glasthürc, dahinter silberne Nippesgegenstände, alte Tabatieren, ein Paar Silhouetten in silbernen Rahmen, ein silbernes jtörbchcii mit Früchten aus farbigen Steinen, echt Marcassit, und außerdem eine altmodische Bauernuhr in einer Schildpatrhülsc vervollständigte das Mobiliar. In dieser altmodischen kleinen Kammer wohnte ein altmodisches kleines Männchen, das selber eine lebende Antiquität war. Unten wurde das Geschäft fortgeführt, das alte Geschäft mit Teer, Pech und andren Schiffsartikeln, das der alte Mann in seiner Jugend begrimdet hatte. Er war nun schon seit Jahren nicht mehr darin thätig, aber eS machte ihm noch immer Spatz zu sehen, wie sich die Zahl der großen Schiffe der Binneuwajserschiffer auf der Gracht, vor dem Quai, an dem das Haus lag, stets vermehrte. Sie warfen stets einen Blick hinauf und jedesmal erwiderte er ihren Gruß mit einem leichten Nicken des alten, verwitterten Kopfes. Hin und wieder, wenn er einen alten Schiffer sah, einen Mann aus seiner Zeit, schlug er leicht mit dem Kopf seiner hölzernen Tabakspfeife mr die Scheiben, und wenn der Mann dann aufblickte, begrüßte er ihn mit größerer Lebhaftigkeit als die andren. Einmal wöchentlich besuchte ich den Großvater mit seinem jüngsten Enkel, meinem Schulfreund, in seinem ileinen Zimmer. Sein wachsames Auge verließ uns nicht, er fürchtete stets, daß wir etwas beschädigen könnten. Nach seinen Antiquitäten fühlten wir keinerlei Verlangen; nur eine alte Rciterpistole und die alte Bauern- uhr hätten wir für unser Leben gern besessen. Eines Tages fragte ich ihn, ob ich die Uhr mal in die Hand nehmen dürfe. Er öffnete behutsam die Glasthür des ileinen Schränkchens, nahm die Uhr heraus und zeigte sie mir, indem er mit mir ans Fenster trat. Wenn die Schildvatthülse geöffnet wurde, lag die Uhr darin mit ihrem konvexen Parcntglas und dem schön gearbeiteten cisclierten Deckel, wie der Kern einer großen Nuß. Die Eiselierarbcit aus dem Teckel stellte Neptun, auf einem Triton sitzend, dar. „Hat diese Uhr Ihnen immer gehört?" „Ich habe sie von meinem Großvater bekommen, als ich zwölf Jahre alt wurde, und damals war sie schon sehr alt." «Geht sie noch?" „Nun... das glaube ich nicht. Ich habe sie in den letzten zehn Jahren nicht mehr aufgezogen." Er las das Verlangen in meinen Augen und sagte: „Ich hatte sie schon einmal verschenit. aber»ach seinem Tode hat seine Witwe sie mir zurückgegeben." »An einen Freund?" 8— „Ja, an einen Freund. Ten hat sie nämlich von der Triurlsucht geheilt.■' „Tie Uhr?" „Nein, ganz so einfach ist die Geschichte doch nicht, ich will sis Dir erzählen. Das ist nun schon vierzig Jahre her. Er war ein Binncnwasscrschisfer und hatte meistens vier bis fünf Schiffe unter- Wegs. Aber nachdem er der Trunksucht verfallen war, war nichts mehr mit ihm anzufangen. Er vernachlässigte sein Geschäft, mußte ciu Schiff nach dem andern verkaufen und kam endlich zu mir mit der Bitte, ich möchte doch auf das einzige Schiff bieten, das er noch besaß und auf dem er selbst fuhr. Es war ein gutes'Schiff, tadellos erhalten und lief ausgezeichnet. Ich wußte aber, daß das Geld. wenn ich es ihm in die Hände gäbe, ebenso wie alles andre innerhalb eines halben Jahres durchgebracht sein und daß er dann ganz ver- kommen würde. Seine Familie that mir furchtbar leid, seine Frau war ein Patenkind meiner Mutter, und wir hatten dieselbe Schule besucht. Da fiel mir eines Nachts blötzlich ctwaS ein. Ich wußte, das; er meine Uhr schon oft bewundert hatte. Wenn ich ihm nun mal ernstlich zuspräche und ihm die Uhr unter der Bedingung schenkte. daß er daS Trinken ließe, vielleicht würde er dann endlich zur Einsicht kommen. Aber wer einmal der Trunksucht verfallen ist, kann nur schwer davon geheilt werden. Nach drei Tagen war unser Freund schon wieder total betrunken und fiel mit einem Eimer voll Teer gerade vor meinem Hause von« Schiff in die Gracht. Seine Knechte zogen ihn heraus... ich sah es von meinem Fenster aus, und als sie ihn kaum glücklich an Land gebracht hatten, begann er wie ei» Wahnsinniger um sich zu schlagen, wollte keine trockenen Kleider anziehen, lief in die Kneipe und trank da wieder so lange, bis er hinausgeworfcn wurde. Meine Leute hatten die Uhr auS seiner Tasche genommen und, Wunder über Wunder, sie war ganz trocken geblieben und lief regcl- mäßig weiter. Da kam mir ein glücklicher Gedanke. Ich ging nach einem sonnigen Platz und fing dort zwei große Pferdesliegen, die steckte ich lebend hinter daS Uhrglas und legte die Uhr darauf wieder auf mein Pult. „Wenn der Schiffer nun kommt, um seine Uhr zu holen," sagte ich zu meinen Leuten,„dann ruft Ihr mich. Ich gebe ihm dann die Uhr mit den Fliegen unter dein Glas. Wenn er fragt, was die Fliegen da zu bedeuten haben, so sagt Ihr, daß Ihr keine Fliegen seht. Dann wird er zu mir kommen und mich fragen, ob ich die Fliegen sehe. Ich sage ebenfalls,, daß keine Fliegen da sind. Alles andre könnt Ihr mir überlassen." Gesagt, gcthan. Ain nächsten Morgen kommt er in den Laden. und seine crsre Frage gilt seiner Uhr. Die Knechte rufen mich. Ich nehme die Uhr von dem Pult und gebe sie ihm mit den Worten: „Tu hast auch mehr Glück als Verstand, sie ist trocken geblieben und läuft noch." Er nimmt sie in die Hand, öffnet den Teckel und wirft einen Blick auf das Zifferblatt. „Was ist das?" fragt er mich. „Was?" sage ich. „Nun, siehst Du da nichts... unter dem Glas?" „Gewiß... Zeiger..." „Nein, da... Fliegen.. «Fliegen?... Du bist wohl verrückt?" «Was? Da sollen keine Fliegen unter dem Glas sitzen?" «Mensch, Du hast wieder zu viel getrunken!" „Unsinn, ich bin ganz nüchtern... ich habe heute noch keinen Tropfen getrunken, aber da sitzen zwei Fliegen...," sagte er, indem er totenblaß wird und die Uhr in einer gewisse» Entfernung von sich hält. Er ruft die Knechte. Die kommen. „Sag' mal, Ary, was sitzt hier unter dem Glas," fragt er. „Was sollte da wohl sitzen... nichts..." «Ist daS wahr, Hein?" „Aber sehen Sie mich doch nicht so komisch an, Schiffer... es ist nichts d' runter, Sie können sich d'rauf verlassen." „Ist das wirklich wahr?", fragte er mich nun wieder, mir voller Angst in die Augen blickend. .Hör' mal. Du. laß Dir mal etwas von mir sagen. Du hast das Delirium.. „Delirium... ich?" «Weiß Gott... wenn Du schon Fliegen siehst..." Er öffnete den Teckel und die Fliegen, froh, aus ihrer Gefangen- schaft erlöst zu sein, sausen summend durch das kleine Zimmer und zum Fenster hinaus. „Da sind sie." rnst er. Die Knechte sangen an, ihn auszulachen. Ich bleibe ganz ernst. „Nichts ist da. Weißt Du, was Tu thun solltest? Zu Bett gehen und bis morgen früh liegen bleiben... Du hast ganz sicher einen Anfall von Delirium..." Erschreckt, zitternd und fiebernd vor Angst, ging er auf seilt Schiff, stieg in die Kajüte hinunter und kroch in seine Koje. Er blieb den ganzen Tag im Bett liegen. Des Nachts delirierte er, aber am nächsten Morgen ging es ihm besser und er hat nach dem furcht- baren Schrecken nie mehr ein Glas getrunken. Ich habe es später seiner Frau erzählt, die war mir grenzenlos. dankbar, denn als er nicht mehr trank, wurde er wieder ein ganz andrer Mensch und seine Geschäfte gingen so gut wie früher. Als — S' er vor anderthalb Jahren starb, hat seine Frau mir die Uhr zurück« gebracht und ich möchte sie jetzt nicht occnc mehr missen.. Er blickte ein paar Augenblicke aufmerksam auf das Zifferblatt. knipste die Schildpatthülse zu und legte die Uhr darauf behutsam wieder aus ihren Platz in dem kleinen Glaöschränkchen.—> Kleines f euiüeton. — Tie politischen Berbannten. Man schreibt der„Diener Arbeiter- Zeitung" aus London: Der Journalist und Reisende H a n n y d e W i n d t veröffentlicht in„Harpers Monthly Magazine" einen kurzen Bericht über seine Reise durch Sibirien nach der Behrings st raste, in dem er auch kurz auf die Lage der politischen Verbannten zu sprechen kommt. Da Windl ein im Jntcr- esse Ruhlands in England und Amerika thäiiger Schriftsteller ist. fällt sein ungünstiges Urteil um so schwerer ins Gewicht. Von Berkoyank sagt er, dah die patriotischen Russen es„das Herz Sibiriens", die Verbannten aber„Hölle" nennen. Vierzig oder fünfzig kotgctünchte Holzhutien in verschiedenen Stadien des Ver- fallcs, halb begraben im Schnee; eine jtirche von Holz, vom Alrer und Wetter aus ihrer senkrechten Lage gebracht, das einstmals goldene Kreuz gebrochen und verrostet; aus einer Seite trostlose weihe Ebene, den Horizont von einem dunklen Tannenwald ab« gegrenzt, auf der andern Seite der gefrorene Flust— Z)ana—, über den der Wind sich klagend zu erheben beginnt— das ist Vcrkohank, wie wir es am Morgen des 28. Februar 1gb2 sahen. Ich dachte, einen hoffnungsloseren, düsterere», gottverlasseneren Flecken als diesen kann es auf der Welt nicht geben. Aber ich hatte Sredni- Kolymsk noch nicht gesehen... Meine Zeit erlaubte mir nur. die Bekanntschaft einiger weniger Verbannter zu machen, die zwar KatscherofökyS— des lokalen Jspravnii— tolerante Behandlung anerkannten, sich aber bitterlich über die ungenügenden, von der Re- gierung beigestellten Mittel zum Lebensunterhalt beschwerten. Ver- bamning hat die Konfiskation des Vermögens des Verbannten zur Folge, wofür er vom Sraat eine monatliche Unterstützung erhält: Die Unterstützung, in verschiedenen Bezirken verschieden, beträgt in Vcrkoyank 17 Rubel, und wenn die Fräst eines Verbannten ihm frei- willig folgt, 18 Rubel! Unter solchen Umständen würde das Leben selbst in einer civilisierten Stadt schwer fallen, hier, wo alles sckiänd- kich teuer, must in fortwährendem Mampfe um die Existenz gerungen werden. Zum Glück sind Renntier- und Pferdefleisch in der Reget billig und im Sommer ist der �ana �, steinlich ergiebig au Fischen. Aber Thee und Mehl sind für Aerbahiste unerschwingliche Genüsse. kostet doch der sehr minderwertige Thee 8 Rubel das Pfund. De» Verbannten bleibt nichts fiir Hausmiete und Kleid, mg. Infolgedessen ist die Mehrzahl ungenügend, gekleidet..." � Einen noch elenderen Flecken fand de Windt in Svedni-Kolymsk am Kolpma- flusse. Es ist— sagt er— ein zweites Vcrkoyank, nur sind die Hünen in einem borgcschrittcnercn Stadium de? Verfalls und so niedrig, dast auf gmrz kurze Entfernung die Krüppclbäume um den Ort herum ihn ganz verdecken. Die Lage der Verbannten ist hier ivomöglich noch trauriger:„Da die von der Regierung für den Unwr- halt der Verbannten gegebene Smmne vollständig unzureichend ist, tritt in den meisten Fällen zu dem seelischen, durch lange Verbannung erzeugten Schmerz auch noch körperliches Leiden. Fleisch, Brot und andre unentbehrliche Dinge kosten hier genau sechsmal so viel als in Jakntsk, wo doch die Preise schon dreimal so hoch stehen wie in Europa. Und der Verbannte soll sich von 18 Rubel monatlich nähren, behausen und kleiden! Tie Verbannten in Srcdni-Kolmntk sind dünn gekleidet, da sie fiir das harte Klima geeignete Kleidung nicht erschwingen können, und einzelne ihrer Hütten sind so schmutzig und verfalle», dast selbst die schmutzigen Eingeborenen— Jakuten— diese Hütten aufgegeben hatten. Fleisch, Thee, Zucker sind uner- schwinglicher Luxus!" De Windt fand in Sredni 13 Verbannte, davon bloss zwei wegen eines Verbrechens verurteilt: nämlich Frau Akimowa, die bei der Krönung Nikolaus II. mit Explosivstoffen iu ihrem Besitze verhaftet wurde, und Herr Zimmermann, ein Terrorist, der an dein Dynamitanschlag auf die Ncgierungsfabriken in Lodz beteiligt gewesen war. Tie übrigen waren wegen„Teilnahme an der Propaganda". Verbreitung revolutionärer Schriften unter den Arbeitern und dergleichen verbannt.„Die Mehrzahl waren gesetzte Männer in mittleren Jahren, von gemässigten Ansichten, die in jedem andern Lande als harmlose und friedliche Bürger klassifiziert worden wären. Tie Dauer der Verbannung reicht von 8 bis 20 Jahren." Der Artikel bringt eine Photographie dieser Verbannten, aus der auch zwei kleine Kinder und zwei Frauen erscheinen. So fürchterlich erschien das Leben dieser Unglücklichen de Windt, dass er erklärt, er würde dem freien Aufenthalt in Srcdni-Kolymsk mehrere Jahre im Gefängnis von Akatni(östlich von Jrkutsk) vorziehen, obwohl die tstesangcnen in Akatni gelegentlich gefesselt werden und einige Etunden täglich in den Silbcrminen arbeiten müssen... Theater. Leslsing-Theater.„Der Schleier des Glücks." Bon Georges Cleincnceau.„Das Rätsel" von Paul H e r v i e u.— Beide Stücke haben ans den Pariser Theatern be- deutenden Erfolg gehabt; hier brachten sie es zu keiner stärkeren Wirkung.„Der Schleier des Glücks" von Georges Cleincnceau, dem bekannten Politiker, beanspruche, so hieß es, schon darum ein be- sonderes Interesse, weil der Autor, einer der mutigsten Borkämpfer 9— in der DrcifuS-Affgire, unter dein Eindruck der Affaire und im Hinblick ans sie das Drama geschassen. Aber nirgends in der Handlung in den Lharaktercu und im Dialog ist etwas zu entdecken, was einer Anspielung ans die Verhältnisse jener Zeit ähnlich sähe. Wenn überhaupt eine Beziehung besteht, so kann es nur die psychologische sein. dast die resigniert- weltflüchtige Stimmung, die in dem S stick sich ausspricht, durch die Erfahrungen jenes so viel Lüge und Gemeinheit aufwühlenden und eittblöstcnden Kampfes in der Seele des Kämpfers erzeugt oder verstärkt worden ist, dast sie ein Nachhall ist der Ent- täuschnngen, die er und mit ihn» so viel andre damals erlebten. Aber jene Stimmung kann ans dem Boden jeder Lebenserfahrung erwachsen. Die Spuren der Entstehung sind in der Dichtung aus» gelöscht. Die Fabel, die Clcmenccau zur Einkleidung seiner Ge- danken ersonnen, könnte als Fabel, einfach und schmucklos erzählt, wohl von rührender Wirkung sein. Aber in dieser Dramatisierung verliert sie an Leben. Die Pointe sieht man lange voraus, und die gradlinig programmmästige Abivicklung ermüdet durch Breite, überall schaut die lehrhafte Abficht heraus. Der weise und gute Mandarin Tschang-J, bat vor langen Jahren das Augenlicht verloren. Aber sein Nichtsehen macht ihn glücklich und vertrauensvoll. Er weist nicht, dast die reizende Frau, deren Züge er seinem Gc- dächtnis unauslöschlich eingeprägt hat, ihn mit einem andren hintergeht. Ihre Nähe, der Ton ihrer Stimme, der die treneste Hingabe heuchelt, beseligen den Blinden. Und rings glaubt er von lauter guten Menschen sich umgeben. Da öffnet eine Zaubersalbe, die er von einem kundigen Barbaren erhalten, ihm die Augen. Das erste, was er erblickt, ist ein Gefangener, dem er die Sttafe gemildert, und der mm, zum Dank der Wohlthat, als Dieb in das Zimmer des Mandarinen hincinschlcicht. Er sieht hestnlich seinen jungen Sohn, wie er im Spiel dem blinden Vater nachäfft; er entdeckt, dast die Verse, die er gedichtet und die vom Kaiser mit höchstem Lobe ausgezeichnet worden, von einen. Freunde, der nach dem Ruhm des Verfassers geizte, ihm gestohlen sind, und endlich sieht er— sein junges Weib in eines andern Armen. Die Salbe, die ihn, die Kraft des Sehens gab, kann sie ihm nehmen. Und so flüchtet er entsetzt ans dem Reiche des Lichtes in ewige Dunkelheit zurück.„Nur der Irrtum ist das Leben und die Wahrheit ist der Tod." Die Blindheit hat ihn beglückt und das Beglückende soll ihn, die Wahrheit sein! Was er, Plötzlich erwachend, geschaut hat, will er anSreihcn ans feiner Er- innerung. CS ist so schrecklich, dast es ein Trugbild sein nnist, mit den, ein Zauberer ihn hat listig äffen wollen. Niemand soll davon erfahren., Als die Gattin, die Thür des Schlafgcmaches öffnend, zn ihm hineinttitt, findet sie ivicder den hilflosen Blinden, der gläubig- gütig ihre Hand crfastt, während ihr Blick, rückwärts gewendet, dem Buhlen zulächelt. Die nüchterne Prosasprachc und'die realistisch breite Ausmalung chinesischer Sitten konttastterten seltsam zu den, allegorischen Märchengehalt. Auch das Spiel brachte nicht Stunmung und Farbe hinein. Stach dem langgedehuten Einakter wirkte HervieuS„Rätsel" durch das rasche Tempo und das änsterlich Spannende der Handlung angenehm aufrüttelnd. Aber viel mehr lässt sich zum Lobe des Werkes nicht sagen, die Skrnpellosig- kcit, mit der der Dichter, um zu dem Schlustcffctte zn gelangen, alle Wahrscheinlichkeiten über den Haufen wirft, der Mangel jeder tiefer dringenden Charakteristik, durch die das äußere Geschehen innerlich uns hätte nahe gebracht werden können, hinter- lassen einen verftimmendei, Eindruck. Ein Liebhaber der sien zur Nachtzeit in ein von zwei befreundeten adligen Ehepaaren bewohntes Jagdschloss eingeschlichen hat, wird von den beiden Gatten enappi. Sie rase» iu wilder Rachsucht, aber sie wissen nickt— das ist das Rätsel, von de», der Titel spricht— wer von ihnen der Betrogene? Mit raffinierte», Geschick ist die Sccne, der Zwcisel, der gleich- nmstig den einen wie den andren zerfleischen im, st, vorbereitet. Die Frauen eilen herbei. Gleich verdächtig— auch der Zuschauer weist nicht, ivelches die Schuldige ist,— leugnen beide. Die kalte Verschlagen- heil, die wilde Energie der Lüge, mit der die Ehebrecherin, für sich und für das Leben des Geliebten kämpfend, die Anklage zurückweist, mit der sie, als die Männer gegangen, auch vor der Freundin ihre That abschwört, ja sie der andern zuzuschieben scheint, hat etwas Packendes. Man denkt an Strindberg; fteilich nur für ein paar Augenblicke; dann merkt man wieder, dast alles nur Theater ist. Der Liebhaber, auf de» die Frau, wenn sie entdeckt, als einzige Stütze angewiesen wäre, erklärt uns nämlich, dast er ans Liebe für sie jetzt gerade den Opfertod sterben müsse, und läuft mit einem ge- ladeuen Gewehr hinaus. Ein Schust knallt, und vor. dem Tode fällt die Maske; mit lautem Aufschrei stürzt dio Schuldige, die That bekennend, zusammen. Das äussere Rätsel ist gelöst— doch nicht das innere des Charakters. Die Frau, um die sich alleS dreht, bleibt unS von Anfang bis zn Ende fremd. Un- vermittelt, ohne anschauliche Einheit, reiht sich in ihren, Bilde Zug um Zug. Auch Frau S a n e r>5 treffliches Spiel konnte die Risse und Lücken in der Gestalt nicht verdecken. Sehr wirksam brachte» Patry und Winterstein, die die beiden Ehemänner darstellten, die blutdürstig brutale Wildheit, die durch den dünnen Bildungs- simis in der Stunde der Erregung hindnrchbricht, zum Ausdruck. Am besten aber ivar Adolf Klein in der fein gezeichnete» Kontrastfigur des alten aufgeklärt-Iiebeiiswürdigen Marquis de Rest". dessen Stimme, gegen die Blindheit eifersüchtiger Mannesra a protestierend, ungehort in dem eutsesseltei, Sturme verhallt.— ui. Belle-Alliance-Tbeater sMünchener Ense>nble-Gasi- spiel):»Anno 48". Alt-Miinchencr Posse in 8 Aufzüge» von Benno R an che n egge e und K o n r a d Drehe r. Musik von D i e tr i ch- K u i s e r~ Die„Münchener" sind wieder da i das de- deutet urivüchsige Freude. Diesmal kommen sie uns eiubihchcu„historisch", d. h. Rauchenegge-'-Drehcr lassen ihr neues Musenkind. Anno 48" spielen. Denn auch die jidere Bevölkerung des schonen Jsar-Athen hatte ihre»Re- Solution" und ihre„Revoluzzer". Wo damals alles revoltierte, machten auch die Münchner ftrakehl. Lola Montez, die schöne intrigante schottische Primaballerina hatte es dein alternden aber nichts desto- weniger liebestollen König Ludwig I. angethau. Sie machte gar wilde Sprünge und gebrauchte dabei nicht selten die Peitsche, die sie ihren Liebhabern, wenn sie opponierten, resolut um die Ohren schlug. Das ganze schamlose Treiben verdroß die Guten schon lange. Man verlangte die Abschiebung der Tänzerin. Diese machte nur noch verrücktere Streiche. Hatte sie doch auch unter einer der größten studentischen Verbindungen ihre Seladons, die sich mit dem Könige in des Weibes freigebige Liebe teilten. Ms der Volkswille sich immer bestinunter äußerte, lvurde Lola wirklich auS der Stadt gebracht— um im Dunkel der Nacht wieder zurückzukehren. So hatte es Ludwig gewollt. Aber kaum wurde das ruchbar, da brach die Revolte aus. Zuerst zog ein Haufe Volks vor das Haus der Lola und schlug alle Scheiben ein. Es war da? erste Haus mit schönen„Spiegelscheiben", und Ludwig hatte diese Neuerung teuer bezahlt. Es wurde immer bänglicher. Durch die Straßen der Mtstadt zogen Trupps gröhlender Leute, die Spottlieder auf den König und seine Courtisane anstimmten. Auch das Zeughaus wurde„gestürmt". Man bewaffnete sich mit Partisanen und rostigen„Schießprügeln". DaS Militär stand in Waffenbereitschaft. Bei der Hauprwache am Marienplatz war eine Donnerbüchse aufgefahren und der Lieutenant hatte Befehl, unter die Revoluzzer zu schießen, sobald diese auf dem Platze erscheinen würden. Sie kamen auch. Aber der vernünftige Ofsizier, er hat mir's einmal anvertraut und sein Name hat als Dichter- Maler hohen Klang!— kannte seine Münchener doch besser. Er ließ nicht schießen, sondern erlaubte den Kanonieren mit den Revoluzzern drüben im„ewigen Licht" beim Maßkrug gemein- sanie Sache zu machen. Während die Städter überall in den Wirtshäusern ihren grimmigen Durscht löschten, wobei allerdings auch so mancher Matzkrug. Küchengeschirr und Banzen in Scherben ging, verschwand die Lola. Das Ministerium Abel und Ludwig dankten ab. Die Münchener waren deß froh— und die grausige Bierrevolution fand ihr tragikomisches Begräbnis. Das war am Li). März. So die Lolalgeschichte. Unsre Auroren lassen sie in ihrer Posse aufleben. Es war ja doch nur eine Auflehnung der„Spießer" gewesen, denen das Weltgeschrei Freiheit, Gleichheit, Brüderlicvkeit ein wenig die Köpfe verdreht halte. Sie machten„Revolution" auf ihre Art. Und weil die beiden Dichter doch ihre alten und neuen Jsar-Atbener sehr genau kennen, so zeigten sie manches, tvie es sich„Anno 48" zugetragen hat. Es ist lustig genug und giebt viel zu lachen. Das ist ja auch der eigentliche Zweck. Denn die Liebesgeschichte von der Münchener Strumpfwirker- Oberlieutenants- tochter und dem„überseeischen Ausländer", dem Berliner-Preußen, welche die zeitlichen Vorgänge umrahmt, bietet ja wenig von dem, tvaS wir nicht schon aus andren oberbaiirischen BolkSstücken kennen. Die bekannten Späße von dein Arrestanten, der, weil er beim Kartenspiel mehrerer Leute von der Bürgertvehr Kritik übt, an die Lust befördert wird, oder die von der Kayenfamilie im Czako und von: Handschuh in der„Kuttel- flecksuppe", den der Strumpfwirker- Lieutenant tavfer zwischen die Zähne nimmt, sollen den Possendichtern verziehen sein. Das Kolorit ist trotz solcher Uebertreibungen echt und der„Hainur", der urnmnchnerische Purzelbäume schlägt, auch. Das historische Lied von der Bürgertvehr wie die übrige Musik zum Ganzen thnn ihre Schuldigkeit. Konrad Dreher ist und bleibt doch der größte Komiker Süddeutschlands. Das hat er wieder als Strumpfwirker und Bürgerwehr-Liemenant Joseph Leininger bewiesen. Er war einzig. Zenzi Haase-Binder< Therese, seine Frau), Hans Reuert sBatzinger), Franz Moser lSchnabelbcrger), Fränzl Hilpert, Lina Meittinger lKathi Batzinger), George Burghardt(Fritz Hangcrtl und Theodor K i g l e r(Bäcker Sporrcr) lauter alte bewährte Kräfte, sekundierten ihm vorzüglich. Gelacht wurde„zwerchfellerschütternd", Beifall gabs eine schwere Menge. Dreher„zieht", und des freut sich Franz Joseph Brackl, der Direktor.— e. k. oe. Luisen-Theater. Nach Nixdorf hin, in jenem Viertel, das seit den Tagen der Gcwcrbc-Ausstellung besonders als Sitz des werkthätigen Berlin gilt, befindet sich das Luisen-Theater. Dort waltet die Kunst unter der Direktion Rosenfeld jetzt in seltener Vielseitigkeit. Heute„Othello", morgen„Robert und Bertram", übermorgen„Bor Sonnenaufgang". So ging es die Kreuz und Over diesen Herbst hindurch, bis am Sonnabend in der Gestalt eines Berliner Volksstückcs eine Novität an die Reihe kam. Das heißt, der „ G r ü n c K a r l" ist eigentlich ein Wiener Kind, doch hat ein Herr Jag u es Burg ihn den Dialekt der Ackcrstraße reden lassen und damit der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß er in der Reichenbcrger- ftraße als mit Spreewaffcr getauft hingenommen werde. Der grüne Karl ist ein Musterknabe. Er arbeitet tagsüber in der kleinen Werk- statt, die er mit einer jungen Witwe erheiratet hat, geht auf Wunsch Verantwortlicher Redakteur: Garl Leid in Berlin.— Druck und Verlaa:! seiner Frau regelmäßig abends Uhr zehn mir Ruhe und kümmert sich nicht nm die Welt. Höchstens daß er sich zuweilen gern der Kaserne erinnert, wo er ebenfalls ein Musterknabc war. Seine Frau, ein augeheuder Scheuerbesen, versteht ihn nicht ganz in seinen Träumen, und sein Lehrjunge, der damit prahlt, daß er„Genosse� sei, ärgert ihn zuweilen durch dumme und naseweise Rand» bcnicrkungen. Sonst geht aber alles am Schnürchen. In diese-Z Idyll platzt Lene Grandner hinein, eine Carmen ins Berlinische übersetzt, und aus ist es mit der häuslichen Ruhe.. Karlchen geht mit Lene„schwofen", verleugnet seine Frau im Tanzlokal und vcr- fällt schließlich der Polizeitvache. Ein grausiger nwralischer Kater leitet den allzu leicht Verführten wieder in den häuslichen Frieden zurück, den er für den Rest seines Lebens gar mir dem Anrecht auf den Hausschlüssel genießt. Ob eine solche grob behaucnc Arbeit dem Südosten Berlins be- hagt, vermögen Ivir nicht zu entscheiden. Schlimm wäre es. Was dem„Volksstück" an Wert abging, suchte man aus der Bühne durch ein gutes Spiel zu ersetzen. Herr Bartels als Träger der Titelrolle und Fräulein Marie Forcscu als Lene zeichneten sich besonders aus.—■ Humoristisches. — E i» Radfahrer-Marterl. An der Straße zwischen I K. und G. in Tirol ist jüngst ein Bild angebracht ivorden, welches . einen Ochsen darstellt, der mit seinen Hörnern ein Fahrrad aus- . gespießt hat. während der dazu gehörige Radfahrer daneben liegt. Daniuter folgende Reime: „Den Franzi, den a jeder kennt, Hat hier ein Ochs vorn Radl gereimt, O Radler, der du fahrst zum Haferl, Sitz ab bei diesem Martertaserl Und merk': Bergab man innner schiebt, Dieweil es hier viel Rindvieh giebt." — Ein origineller Stoßseufzer. Im„Helvetia- Bazar" iii Rorschach wurde nachstehendes originelle Schriftstück ge- funden: klia Clara I Warum bis nig komme su die rantewu! Abo dich gewartet auf die Banof, gommo heut aben an die Bazar von die helvezi»; ick kaufen hier eine fiertelpfuud maroni ganz heiss. 1000 gus Peppi.— NB. ferges nüt bortenomo bin ganz auf dem und.— Dieses italienische Deutsch wird doch die Klara erhört haben und mit„hortenome" gekommen sein su Peppi!— Notizen. 1 e. Ein fettes Honorar. Rudyard Kipling erhielt ' von einer amerikanischen Firma für eine Geschichte von etwa 0000 Worten ein Honorar von 10000 Mark.— — Felix Saltens dreiaktiges Schauspiel„Der G e- mein e", dessen Aufführung in Wien von der Censur verboten wurde, wird Ende November im hiesigen N e u e n T h e a t e r ge- geben.— — I. K. I e r o m e' S Lustspiel„Der Taubcnhof". deutsch von W. Wolters, geht am 20. Novemher erstmalig im Dresdner Schauspielhaus in Scene.— — Im Münchener Schauspielhause wurde Alfred C a p u s Komödie„Die beiden Schulen" beifällig auf- genommen.— — Ein neues Werk von Richard Strauß„De r Abend" gelangt am 4. Dezeniber durch deii PH ilharmoni scheu Chor zur Erstauffiihruug; die Novität ist ein a oapeUa-Chor zu sechzehn Stimmen.— — Die Oper„A d r i e n n e Lecouvreur" von Eilen, Text von Cavalotti, hatte bei der Erstaufführung im Mailänder Teatro Lirico einen bcdeurendeu Erfolg.— — Eine F. A. v. Kaulbach- Ausstellung ist bei Schulte eröffnet worden; 30 Werke des Künstlers find zu sehen. — In demselben Kuiistsalon hat auch der Bildhauer Flaum einige Skulpturen ausgestellt.— — Von heute an ist das K u n st g e w e r b e- M u s e u in auch a b e Ii d s b o n 7 Vz b i s 9>/� Uhr geöffnet. Für diesen Abend- besuch ist im Lichthose des Museums eine„Ausstellung von Arbeiten der Renaissance" veranstaltet. Die Ausstellung umfaßt Möbel, Gobelins, Arbeiten in Edelmetallen, Schmuck. Fayencen, Glas, Stickereien, Btlchschntnck aus Deutschland und Italien.— — Eine Ausstellung von Bucheinbänden(au? der Zeit von 1830 bis zur Gegenwart) veranstaltet vom 1. Februar bis 15. März 1003 das k. k. O e st r e i ch i s ch e Museum f ü r K u n st und I u d ii st r i e in Wie n. Anmeldungen sind bis spätestens 30. November erwünscht.— — Komvottlöffel-Lotterie. Bei der Ziehung der Düsseldorfer Ausstellungs-Lotterie für Westdeutsch» land wurden neben 3950 andren Gewinnen 17700 Kompott- löffel, zu je 5 Mark Wert, unter die glücklichen Gewinner verteilt.—________ Vorwärts Buchdruckerci unb Vcrlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin 8 SV.