Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 221. Mittwoch, den 12. November. 1902 Nachdruck verboten. 271 Der Qnkenteicb. Nonian von Gertrud Franke-Schievclbein. „Amüsieren Sie sich. Herr Doktor." flüsterte Hanö Martin heiser, ihm die schmale, brennende Hand entgegenstreckend. „Wirst Du aber auch ruhig wie immer einschlafen. Jung? Und Dich nicht stören lassen, wenn ich ein bißchen spät komme?" „Ach, Herr Doktor, Sic wissen ja, ich schlafe gleich ein. Bin imnier so müde—" Auch der Doktor in seinem schönen Optimismus hatte Richard gut zugeredet. „Ich übernchm' die Garantie. Der schläft Ihnen wie ein Rah." So war Richard gegangen. Aber das Bild des schönen, blassen Knabcnkopfes tvurde er so bald nicht wieder los. Ja. müde, unendlich müde. Eine ewige Sehnsucht nach Schlaf I Und so etwas seltsam Ruhiges, Abgeklärtes, Wunschloses. Gar nichts niehr vom wilden Uebcrbrauscu, von der burschikosen Lustigkeit. Wunderbar verändert. Erst als er die Treppe emporstieg und schon die Klänge der Mufik von obenher erschallten, ivurde ers los. Welch glänzendes Bild. Die Gesellschaft war schon fast vollzählig. Ein bunter Damenkranz, die Herren alle stattlich imd festtäglich, die Denkermienen aufgehellt von liebenswürdiger Heiterkeit. HorstmannS Wohnung lag im Gymnasium. Die Aula wurde zum Tanzsaal benutzt. Sogar Urban Pflegte an solchen Tagen den dienstlichen Ausdruck aä acta zu legen und wie ein gemütlicher alter Papa auszuschn. Kornelie Urban war ganz in Weiß. Ihre herzliche Büste. die vollen Arme, das ährengelbe Haar und die rosige Haut leuchteten in unbeschreiblicher Zartheit. Als er auf sie zutrat, brach ein heller Glanz aus ihren Augen. Sic gab ihm die Hand wie einem alten Freunde: als wäre das, ivas sie neulich ini Sankt Annengange mit einander erlebt hatten, zu einem geheimen Band zwischen ihnen geworden. Bald wurde sie von andren Gästen in Anspruch gc- nommen. Und Richard sog mit durstigen Sinnen all die Schönheit, die Eleganz, den Lichterglanz in sich ein. Blumen- dust und Parfüm berauschten ihn fast. Er sättigte sich an all diesen auf ihn eindringenden Reizen wie ein Halbverhungerter am Speisendunft. Im Anfang hielt er sich im Hintergrund. Ihm war doch beklommen. Bald aber kam der und jener und zog ihn ins Gespräch. Er niußte aus seiner Ecke hervor. In diskretester Weise, so schmeichelhaft und auszeichnend, wie die gute Gesell- schaft dergleichen zu thun pflegt, wurde er als„Wundertier" behandelt. Sein Abenteuer gab ihm eine gelvisse Berühmtheit. Die Spuren des Leidens auf seinem Gesicht rührten das mit leidige weibliche Herz. Die jungen Mädchen tuschelten sich Geständnisse in die Ohren, daß er himmlisch intercssand, süß, eigentlich furchtbar nett sei. Daß er auf erotischem Gebiete gesündigt hatte und der Schleier des Geheimnisses sein Vergehen umhüllte, machte ihnen seine Persönlichkeit doppelt reizend. Er tanzte nicht, obgleich viele warme, lockende, bittende Blicke zu ihm hinüberflogen. Bei Tisch war Richard Frau Vittrichs Kavalier. Die stille, blasse Frau, die in ihrem schreiend mohnroten, mit Spitzen überladenen Kleide aussah, als gehöre es ihr nicht, war ihni gerade recht. Ihre tiefen, dunklen Äuget: blickten so beredt, so wissend vom Schmerz in die seinen. Sie hatte eine leise, klagende Stimme, die ihm ivohl that, als wär's die seiner Muttsr. Nicht weit von ihm strahlte Frau Robcr, in ihr altes Schivarzseidenes gehüllt, in jungem Mutterstolz. Sie er- zählte vom neunten Kleinen Wunderdinge, als wär's das erste. Sie sprach immer nur von ihren Kindern und hätte. wie Niobe, der Göttiimen gehöhnt, die weniger besaßen als sie. Rober trug einen neuen Frack. Er hatte Zulage erhalten und war bis zum Platzen geschwollen vom Gefühl seiner Würde und Bravheit. Durch den Theerosenstrauß auf der Tafel konnte Richard Volkmar manchmal einen Blick auf Kornelie Urbans blonden Kopf tverfen. Sie hatte heute so etwas Weiches, Weibliches- Gütiges. Ueberhaupt, alle diese Menschen hier— wie gut, wie friedlich, wie uett und prächtig gaben sie sich I Wie gemildert schienen alle Mißklänge der rauhen Welt, wie der- schleiert das Häßliche, Niedrige, wie herausgedrängt Sorge,?!ot, Sünde. Alles so harmlos, so erfüllt, einander die angenehmsten Dinge zu thun und zu sagen, die besten Bissen vorzulegen, die edelsten Tropfen zu kredenzen I Wenn irgendwo in dieser brutalen Welt das Leben voll- kommen ist, so ist's in den Kreisen der gebildeten Gesellschaft. Vom ewigen Frieden, der selbstlosesten Nächstenliebe, den edelsten Tilgenden bieten sie wenigstens das Scheinbild, da die Wirklichkeit doch nie erreichbar sein wird. Warum also ivillst Du Dich selber ausschließen und Krieg führen gegen die herrschenden Mächte? dachte Richard Volkmar, den letzten Tropfen Champagner schlürfend. Es ivurde schon vom Tisch aufgestanden, das Verneigen, Gesegnete Mahlzeit-ivünschen hatte begonnen. Er reichte seiner blassen Dame den Arm. „Schade l Es war so hübsch, Herr Doktor," sagte Frait Bittrich bedauernd. Ihre lange Schleppe rauschte: ihre Dia- manten blitzten wie ein Thränenreif im dunkeln Haar. Es wurde wieder getanzt, mit größerer Leidenschaft, wildcrem Feuer. Kornelie schwebte ununterbrochen in ihrer rrchigen, vor- nehmen Anmut an ihm vorüber. Und Richard sah sie an, mit einem Wohlgefallen, das sich im Laufe des Abends zur Beivunderung steigerte. Ja, zuweilen überlief's ihn wie sicher Sinnenrausch. Keine hastige Bewegung, nichts Eckiges, Uttgraziöses an ihr; alles weich und rund, dabei straff, kräftig, gesund. Auf einmal aber, che er sich's versah, stand sie vor ihm mit ivogeuder Brust, glühenden Wangen. „Herr Doktor, es ist Damenpolka." „Gnädiges Fräulein— ich—" „Wollen Sie mir einen Korb geben? Sie tanzten doch früher so gern!" „Tanzen— jetzt— in meiner Lage!" „Thun Sic's nur," sagte sie ermunternd.„Heut ist Gottesfriede." „Gottesfriede!" wiederholte er betroffen. „Nicht wahr," lächelte sie,„ein wundervolles altes Wort, und ein wundervoller Brauch: eine Zeit einzusetzen, in der alles Böses, Schmerzliche, Verfolgung, Hader, Strafe ruhen, die arme Seele aufatmen, sich besinnen kann." „Ja, Gottessriede I" sagte er tief atmend.„Danach ist mir's den ganzen Abend schon gewesen." Er schlang den Arm um sie, und sie schwebten zusammen durch das mächtige Zimmer, von dessen Wänden die Büsten großer Pädagogen, Denker lind Staatsmänner ernst und feierlich herabschauten. Endlich brach die Musik ab, und er führte sie in eine kleine Nische nahe den: Feuster, die von dunklem Laub ge- bildet war. Ihr warmer Körper schien sich noch immer an seine Brust zu schmiegen. Von den vollen, weißen Armen fühlte er sich umstrickt, wehr- und willenlos gemacht. Der starke Jrisdnft, den ihr Haar und ihr Kleid ausströmten, benebelte ihm die Sinne wie Weihrauch dunst. Sic sprach ruhig und geivaudt allerlei leichte Dinge. Auf einmal aber sagte sie:„Seit unsrer letzten Begegnmlg — wissen Sie noch, im Sankt Annengang?— da haben<-ie viel erlebt."-;—7 Ein tiefer Schatten flog ihm übers Gesicht.- „Ja, damals," sagte er bitter.„Als ich nach Haufe kam. fand ich das Nest leer."-...... Ein tiefes Bedürfnis, sich auszllsprechcn, ergriff ihn. Dies Mädchen war ihm mehr als freundschaftlich gesonnen, es vor- stand ihn.„Es war der stirchtbarste Tag meines Lebens," setzte er dumpf hinzu. „Das � Hab ich oft denken müssen, als es herumkam. Ich hab's mir ausgemalt, wie Sie so ahnungslos— Sie haben nichts geahnt�' „Ich— glaubte es einfach nicht. Zu jedem Opfer wäre ich bereit gewesen." Sie sah ihn» voll Wärme in das diisiere Gesicht.„Ich habe Sie bewundert," sagte sie.„Und wenn mein Vater böse war", fügte sie fast verschämt hinzu, mit ihrem Fächer spielend,„da Hab ich immer wieder zum Guten geredet." „Fräulein Kornelie!" sagte er herzlich, ganz gerührt. „Sie werden sich vielleicht schon gewundert haben," meinte sie nach einer Pause,„daß es gar nicht vorwärts geht mit Ihrer Angelegenheit." „Wahrhastig, es scheint, als wollten sie aus Barmherzig- keit dem Hund den Schwanz allmählich stutzen." Sie wurde ganz eifrig.„Danken Sie doch Gott! Wenn Sie damals, in der ersten Erregung und Empörung— die Stadt hätte Sie ja an» liebsten gesteinigt I— abgeurteilt worden wären, es wäre nicht glimpflich abgegangen!" „Trotzdem I" rief er mit hervorbrechender Ungeduld. „Dieser verwünscht schwerfällige Gang der hochnotpeinlichen Prozedur I Was»vollen sie denn noch Ich leugne ja nicht! Alles, liegt klipp und klar I Und»venn's das schlimmste wär — Herrgott, den Kopf kann's ja nicht kosten!" Da sah sie ihn begütigend an, mit leisem, klugem Lächeln.„Herr Dottor, es ist ja ein gutes Zeichen. Glauben Sie mir's." Ein heimliches Versprechen, eine verborgene Glut, ein weiches, hingebendes Gewähren lag tief im Grunde der blaue»» Augen. Er begriff es auf einmal mit stürmischem Herzklopfen: sie tvürdens gnädig niit ihm machen— ui»d Kornelie... Da kam Bittrich mit seinen tänzelnden Lieutcnantsschrittcn aiif sie zu, un» sie zum Walzer zu engagieren. „Fräulein Kornelie," flüsterte Richard hastig,„»viirddn Sie meine Vergangenheit vergessen können?" Dabei ivar er aufgestanden»»nd umfaßte die Stuhllehne mit seinen bebenden Händen. Sie sah in ihren Schoß. Ter Atem quoll ihr schlvcr M'L der Brust. Sie nickte mir. „Und vergeben? Von Herzen vergeben?" Da blickte sie ihm mit unverhüllter Leidenschaft in die Atigen ui»d sagte fest und frc»ldig:„Jä I Von ganzen» Herzen!"-- Jetzt hielt es Richard nicht länger a»ts in dein heißen, staubige»», von Gasgeruch und parfümierter, verdorbener Luft erfüllte»» Saale. Die Brust tvurde ihm zu e»lg, er mußte mit sich ins Reine kommen. Auch überfiel ihn plötzlich ein unruhiger Ge- danke an Hans Martin. Er sah nach der Uhr: halb eii»s. Eilig verabschiedete er sich von Professor Horstmänn und seiner liebenswürdigen Frau. Auf dein Wege nach dem Korridor fand er Urban ganz allein in cinein kleine,», mit Cigarrenda»i,pf erfüllte»» Zimmer, in dem»koch die Spieltische standen mit den heruntergebrannten Lichtern. Der Direktor schien sich bei emc»»» Glase Wein einer leichten, »vohligen Träumerei ergeben zu haben. Er trug die Miene des autnrürigen, alten Papa in noch stärkcrem Maße zur Schau als beim Beginn des Festes. Vielleicht hatte er ein hainiloses kleines Spitzchen ertvischt, daS ihn die Welt in rosigsten» Lichte sehen ließ. „Was, Kollege, schon gchn?" „Leider, Herr Direktor. Ich habe meinen Kranke»» schon ju lange allein gelassen." „Kranken? Ja, ja." Er schien sich etwas mühsan, zu besinnen.„Habe gehört. Ja. Na, war hübsch von Ihnen. Ueberhaupt, freu mich. Hat ja eine gute Wendung ge- nommen— die— die— Ihre—" Er suchte ein»oenig lange nach den» Passenden Ausdruck. Richard sprach dem alten, jovialen Herrn seinen Dank aus und verabschiedete sich. Urban blinzelte vergnügt»nit den weinseligen Äeuglei»«. Das hölzerne Gesicht war gar nicht tviederzuerkenncn. „Na, nu aber tabula rasa, Kollege," meinte er vcr- traulich.„Tabula rasa. Strich durch. Gute Nacht. Aus Wiederseh»» I" Als Richard Volkmar die Treppe hinabstieg i»»» stechend hellen Lichte der Gasflammen, grübelte er über die dunkeln An- deutungen des Direktors nach. Was kminte er anders»ncinen als das,»vas ihm selber schon dann und»vam» aufgetaucht war, als Nottvendigkcit, als unerläßliche Bedingung seiner Wiederaufnahme in die Gesellschaft? » Die schlvere Flurthür schloß sich dröhnend hinter ihm. Er lvar draußen im Schneegestöber und schritt langsan» dem Unkenre»»! zu. Es war totenstill in den schlafenden Straßen, die Laterne»» bis auf wenige gelöscht, die wie kleine rötliche Sterne durch den Flockenschleier schienen. Richard ging wie a»>f Federbetten, überschüttet vo>» Milliarden»veißer, eisiger Daunen. Ein Gefühl von Taubheit »var ihn» in» Ohr, inmitten dieser»»nbeschreiblich tiefen, alles verschlingenden Stille. Un» so la»«ter schrien die Gedai»ken in ihm. Was verlaugten die Leute von ihm? Lene sollte er öffent- lich verstoßen, anklagen, brandmarken? Die Scheidungsklage eiureichci»? Das»var die Bedingung,»lnter der sie ihn»vieder in Gnaden aufnehmen»vollten? Natürlich I Wie hatte er»»»»r daran zweifeln können? Wie hatte er diese Notwendigkeit so ganz außer achtlaffen können! Weil es ihn» einfach unausdenkbar»var l Seine Lene! Sein Weib! Helmuts Mutter I (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboicu.) Das �mäerfräulem. F>» demselben Maße, in welchem sich das Angebot der Haus- mädchcn, Köchinnen und Jungfern vermindert und die genannten Kategorien im Werte steigen läßt, mehrt sich das Angebot der sog. Kindcrfräulcin, das zur Nachfrage in fast> gar krincin Verhältnis mehr steht. Immer neue Scharen junger, hoffnungsfrcndiger Mädchen»enden die Fröbel-Vcrcine usw. alijährlich in die Welt hinaus, aber nur den tvenigsjen dürfte eS gelingen, in dem schönen Beruf, welchen sie erwählt haben. Glück und innere Befriedigung und—»vas weit wichtiger ist— ihr pekuniäres Fortkommen zu finden. Wer Zeit und Gelegenheit hat/ den Anl»öncei»reil der Zeiiungei» zu studieren, kann sich überzeugen, daß ein und dieselben Familien in kurzen Zwischenräumen immer wieder ein neues Kindrrfräulei»» zu engagieren suchen; es liegt durchaus nicht imincr an den» Fräulein, daß das Verhältnis kein dauerndes war. Nur in den allerwenigsten Familien»oird de» Mädchen, welchen»»»an die Kinder an- vertraut, die Stellung angewiesen, welche chr gebührt. Sie soll die Beaufsichtigung der Schularbeiten größerer Kinder übernehmen, muß ast'o selbst die Lbcrklafscn der höheren Töchterschule mit Er- folg absolviert haben, sie soll Nachhilfe in Englisch. Französisch, Musik erteilen rönnen, soll in Hai»d- und Hausarbeit, womöglich auch im Schneider» bewandert sein, muß aus„guter Familie" stammen und mündlirije und schriftliche Empfehlungen aufweisen können, »venu es ihr gelingen soll, eine meist nur sehr mäßig honorierte Stellung zu erhalte». Sehen»vir uns nun diese mühsam erlangte Position einmal näher an. Schon bei»»» Engagement»vird der Tarne bedeutet, daß die Kinder,»vclchc sie übernehmet» soll, infolge längerer Unpäßlichkeit oder allgemeiner zarter Körpcrkonstiintion usw. in der Erziehung vernachlässigt worden sil»d und daß ma>» es auch in der Folge nichr gern sehen ivürde, Ivcm» Strenge angewendet würde. Man giebt ihr zu verstehen, daß man von ihr das pädagogische Kunststück er- warte, diese mehr oder weniger verwilderten Knaben und Mädchen in möglichst kurzer Zeit in gesittete Menschenkinder umzuwandeln. Freudig und voll Zuversicht erklärt sich die Novize in ihrem Fache zu dieser Aufgabe bereit. Sie»veiß eben>»icht, daß sie sich erboten hat, ins lecke Faß der Tanaidcn zu schöpfen.„Noch kein krankes Kind starb je an guter Erziehung, sagt Jean Paul, aber die Eltern find weit entfernt, diesen Ausspruch zu beherzigen. Sie sind in ihre Kinder vernarrt und betrachten jeden, der sie auf etwaige Fehler ihrer Sprösstinge aufmerksam macht, von vornherein als ihren Feind. Mit dem Eintritt der neuen Erzieherin in das HauS beginnt in der Regel auch ihr Marthrinu». Sie hat die Körperpflege der jüngeren Kinder übernomincn, doch kann eine solche nur unter fortgesetztem, mit Geschrei und Gestrampcl verbundenen Protest der Pflegebesohletien durchgeführt »verde»». Gütliches Zureden verfängt natürlich nicht. Das Fräulein ist gezwungen, die kleinen Unholde, welche ihr bei der Procedur des Waschens und Kämmens fortlvährcud ausrücken wollen, an de»»» Arm festzuhalten. Tic Folge dieser Zlvangsinaßregel ist verstärktes Geheul. Die Mama erscheint aus der Bildsläche und betrachtet das Fraulein, welches es augenscheinlich nicht versteht, mit den Lieb- lingen umzugchen,»nit finsteren Blicken. „Mama, Fräulein kneift inichl"„Fräulein hat mich bciin Waschen geschriibbcrti"«Fräulein hat mich»nit dem Kamm geziept I" So schwirren die Anklagen durcheinander, und die Mama stekkt sich»Ät einem gedehnten, mißbilligenden:„Aber Fräulein!" auf die Seite ihrer Kinder. Die Kinder aber, und mögen sie im allgemeinen noch so beschränkt sein, haben ein feines Verständnis sür Blick»md Eeberde« ihrer Eltern. Ter Ton, in welchem diese mit dem Fräulein verkehren, ist maßgebend für da� Benehmen der Kleinen gegen die Erzieherin. TaS gedehnte:.Aber Fräulein", welches von einem rnißbilligenden Kopfschütieln begleitet wird, klingt in den Ohren der ungezogenen, kleinen Weltbürger, die vor Wasser und Seife int besonderen und vor Gouvernanten im allgemeinen einen großen Wider- willen empfinden, wie Sphärenmusik. Das Fräulein hat weder ge- kniffen, noch geschrubbert oder geziept, aber ihre Stellung im Hause ist trotzdem erschüttert. Ueberall, wo sie gewissenhaft ihre Pflicht thun will, stößt sie von feiten der Kinder aus energischen Widerstand. Es ist ihr nicht, wie dem Lehrer, gestartet, über den Wtderspenstigen eine Strafe zu verhänge» und sich dadurch die notwendige Autorität zu wahren, sondern sie ist einzig und allein auf den Weg der Klage angewiesen, den sie aber nur selten zu betreten wagt, da sie den Eltern durch fortwährende Beschwerdeführung über die Kinder lästig zu fallen fürchtet und in den meisten Fällen nichts damit erreicht als schiefe Gesichter. Bei den Kindern dagegen lautet jedes zweite Wort:.Fch sag* der Maina I" Sind die Schularbeiten schlecht und fehlerhaft geschrieben worden und hat sich das Fräulein zu einer Rüge veranlaßt gesehen, so sagt es der Zögling der Mama, die nun das Fräulein wegen bewiesenen Mangels an Geduld zur Rede stellt. Gelingt es dem Fräulein nicht, die Zöglinge in ihrer freien Zeil gut zu beschästigen, das heißt ihnen jeden Augenblick mit einem andern amüsanten Spiel aufzuwarten, so langweilen sich die lieben Kinderchen und das Fräulein kommt Ivieder vor die gestrenge Mama. Die Mama hemmt jeden guten Einfluß, den die Erzieherin auf die Kinder ausüben will; sie tritt ihr bei der Ausführung selbsterteilter Aufträge entgegen, sobald dieselben mit den Wünschen ihrer Lieb- linge nicht übereinstimmen, nimmt Liebe und Gehorsam derselben eifersüchtig nur für sich allein in Anspruch und legt es schließlich und endlich doch immer wieder dem„Fräulein" zur Last, wenn nach Verlauf von einigen Monaten nicht die geringste Besternng im Betragen der Kleinen erzielt worden ist,„Wozu bezahlt man eigentlich eine solche Person?" Im Einklang mit dieser Schlußfolgerung steht natürlich auch das Zeugnis und die mündliche Empfehlung, ivelche die Dante des Hauses dem Fräulein für ihre vergeblichen Be- mühungen zukommen läßt— und die Stellung ist wiederum vakant. Eine Erzieherin nach der andern versucht ihr Heil in der Familie und jede verläßt nach einigen Monaten um eine traurige Erfahrung reicher, enttäuscht und verbittert das Haus, tun anderswo mit einigen Variationen— dasselbe zu erleben.— _ I. I e h d n i ck e r. Kleines feuiUeton. p. Frohes Blut.„He. Landsmann! He l" Zch kehrte mich um..Hundert Schritte hinter mir auf der Landstraße rief es jemand, der sich eiligen Fußes bemühte, mich einzuholen. Eine schlanie Jüngltngsstgur mit einem Leinen Päckchen unterm Arm kam auf mich" zu. Als der Fremde herangetommett. mich begrüßt und nach dem Weg gefragt hatte, sah ich, daß es ein Mann hoch in den Fünf- ztgern war, der nun neben mir eittherfchritt. TaS rosige, wenn auch von einigen Falten und FAtchen durchzogene Antlitz mit ausfallend lebendigen, fröhliäien Augen, das freie Kinn und der schmale, blonde Schnurrbart hätten das richtige Alter des Mannes nicht annähernd richtig erraten lassen. Aber unter dem schwarzen steifen Hut mit abstehender Krempe sah kurzgcschorenes, eisgraues Haar hervor. Der Alte war Glaser und befand sich auf der Wanderschaft. Am Morgen hatte er Berlin verlassen; nun wollte er.nach Schlesien 'rtittter". Im nächsten Dorfe beabsichtigte er zu übernachten. Bis dahin hatten wir gleichen Weg. Wie ein Mensch, der mit aller Welt bekannt und Gutfreund ist. begann er unaufgefordert von seinen Erlebnissen zu erzählen. Dabei waren Kops und Arme in fortwährender Bewegung, vseiue letzte Arbeitsstelle war in Aalborg im nördlichen Dänemark gewesen. liebet Schleswig, Kiel, Hamburg, Haunovcr führte seine W andern itg ihn nach Berlin. Bon hier hatte ein Arbeitsnachweis den Glaser in eine kleine Stadt, die hinter uns lag, gesck>ie!t. Aber der menschenfretnidliche Meister wollte einen jungen Gesellen und wies den Alten empört ab. „Freund," sagte der sidele Waudersutaun.„ich muß mir utei.it Haar färben. Die Welt will betrogen sein. An meiner Arbeit merkt'S gar niemand, wann ich cnif die Welt gekrochen bin. Siehst Du"— mein neuer Freund war unwilltürlich zu dieser vertrau- lichen Anrede übergegangen—,„siebst Du, ich stehe schon noch meinen Mann beim Schaffen, das kannst Du glauben I Da mag sich manch' Zwanzigjähriger verstecken I Alt? Hahal Ich denke Dir nocki so einige zwanzig Jahrchen auf dieser Erde herumzugondeln." Er nahm eine Prise.„Nun. Man wird schon'mal wieder irgendwo hängen bleiben. Aas?" Er schlug mich kräftig auf die Schulter. Ich fragte ihn, warum er nicht nach Berlin zurückgefahren sei. „Ree, Freund I Erstens is in dem Nest auch tuscht los. Und außerdem is imr die Luft dort zu dick. Verstehst Du? Man getraut «ich nicht recht, die Nase aufzumachen. Ich stiebele nach Breslau. Von da, wenn'* sein muß,'rüber in's Oestreichische. Nach Prag, Aten, Budapest, Trieft und so weiter. Wenn's mir grade einfällt, besuch' ich auch den Leo in Rom. Siehst Du: es iS ja ganz schnuppe, wo man ist. Schön ist's überall." Seine hellen Augen sahen fröhlich über die öde Herbstsandschaft. Rechts ein schmaler Streifen Führen; link* Felder, dahinter einige Sandhügel mit verkrüppelten Tannen hier und dort. I„Können Sie nicht in Ihre Heimat, gehen?" fragte ich. „Heimat?" Er blieb stehen, packte mich an beiden Schulten, und hielt mich von sich, al* betrachte er ein Weltwunder.„Heimat P Er brach in ein schallendes Gelächter aus.„Was ist'n das? Meine Heimat ist da und da und da!" Er stieß mit dem Zeigefiiiger nach allen Windrichtungen in die Lust.„Ich Hab* schon beinah' ver- gessen. wo ich zu Hause bin.'s liegt nicht weit ab von meinem Wege, glaub' ich. In der Laufitz, bei Spremberg, haben mich die Störche aufgegabelt. Meinst Du, ich geh' dahin und wenn's bloß fünf Minuten von meiner Straße abliegt? Fällt mir nicht ein! Was soll ich dort? Da kennt mich keine Seele mehr. Mußte'mal- hinschreiben an'ne Behörde wegen eines Papier*. Weißt Tu. was sie mir geantwortet haben?„Da Sie io und so lange fort sind. teilen wir Ihnen mit, daß Ihre Heimatsberechtignng Hierselbst erloschen ist." Verstehst Tu? Sie wollten mich los sein. Gut.- Darauf pfeif' ich. Dreißig Jahre so ungefähr Hab' ich das Kafj nicht gesehen. Mögen auch siinfunddreißig-sein. Ich Hab» miv nicht angeschrieben. Schrumdideldumt" „Sie sind wohl weit herumgekommen?" „Weit?" Er lachte wieder, blieb stehen und ließ die beiden Arme wie Windmühlenflügel in die Runde gehen.„Tort war ich und dort. In Paris, Petersburg, Madrid, Lissabon, Kopenhagen. Riga, Konstantinopel. Ueberall I Wo Du willst." Und er begann die ihm aufgefatlenen Etgentümlichkeitcn sämtlicher europäischer Großstädte vorzuführen, sich mit witzigen Bemerkungen und fröhlichem Lachen zuweilen unterbrechend. In einer halben Stunde rollte sich kaleidoskopartig das skizzenhafte Bitd eines Erdteils vor mir auf. Als mein wunderlicher Begleiter einen Saltomortale von Amsterdam nach Luzern gemacht hatte, parodierte er den Gesang einer Sennerin. Mit einem Katzensprung gelangte er hinüber nach Krakau, demonsirierte mir auf der Chaussee einen Krakowiak(pol- nischer Nationaltanz) und war gleich darauf in München, um von dem unvermeidticheii Hofbräubaus zu schwärmen. Dabei schnalzte er in seliger Erinnerung mit der Zunge.... ES dunkelte. Links im Hintergründe tauchten die garten- umgebenen weißen Häuser einer kleinen Villenkolonie auf. Der Glaser blieb stehen.„Alles Villen, was?" sagte er halb gering- schiitzia, halb spöttisch. Dann gab er mir einen sanften Rippenstoß in die Seite, lachte und sagte geheimnisvoll:„Dumme Luderfch, die Leute I Sitzen da fest auf einein Fleck. Siehst Du: ich Hab' nicht Kind noch Kegel. nicht Weib, nicht Schwiegermutter. Nichts Hab' ich, als dies!"' Er hielt trnimphierend das kleine Päckchen hoch.„Ein Hemd, ein Taschentuch, eine Bürste und mein Verbandsbuch. Verstehst Du? Einen Stock hatt' ich mein Lebtag nicht. Mein Portemonnaie war nicht mehr zu gebrauchen. Alles siel unten durch. Macht nix. Das Geld bat noch allemal in der Westentasche Platz gehabt. Aber was ich bab'?" Er klopfte mit der Fatist auf die Brust.„Eine gute Lunge und Lust am Reisen I Siehst Du, das ist schönt TaS ist sehr schönt" Seine lustigen Augen leuchteten vor inniger Freude und immer wieder ergntt er meine Hand, um durch einen Druck seine Meinung zu beträstigen. Nur als wir vor der dunklen, verräucherten Herberge standen, flog ein Schatten des Unbehagens über das rosige Antlitz des Alten. „In die Vennen geh' ich nicht gern." meinte er bedenklich,„erstens. iveil oft Menschen da sitze», die keine Freude am Renen haben un!» dann, siehst Du. sind meistens kleine braune Käserchen dort ein» quartiert. Ich bin zwar ein Tierfreund, aber Tinger, die beißen mag ich nicht leiden."— ge. Postbeförderuiig auf Grönlnnd. In Grönland wird die Ankunft der Pott nicht von einem schmetternden Posthorn und ebenso wenig von der schrillen Dampfvfeife vertündet. Betrachtet man von der felsigen Küste das Meer,.späht man unter den dicken, hier und dort umhertreibenden Eisstücken, um in der Ferne einen festen Punkt zu finden, so sucht man vielleicht vergeblich danach, aber das scharfe Auge des Grönländers vermag einige dunkle Gegenstände zu eni- decken, welche sich zu nähern schemeti, obgleich sie hin und wieder von den Eisstücken verdeckt werden. Schließlich siebt man einen Ruderer. einen grönländischen„Papvei", sich mit einförmigen, taktmäßigen Bewegungen nähern. Sobald der Rajak(das Boot) sich dein Lande näbcrt, erhebt der im Boote Sitzende das Ruder, und das ist das Zeichen, daß er anfahren wird. Auf dieses vom Lande au* bemerkte Zeichen erschallt der Freudenruf:„poertolcl paertolcl"(Die Post). Alt und Jung eilen aus den Hütten, um den Postmeister zu empfangen. Sobald der Strand erreicht ist, wird� das Boot ans Land gezogen und die im Hinterteil liegenden Briefe und Pakete hervorgenommcn. Auf diese Weise befördert man, wie ein dänischer Postbeamter zu berichten weiß, die Post an der grönländischen Küste auf einer Strecke von 200 englischen Meilen ebenso sicher, wie auf einer Tainpsboot-Postlinie. Nur die träftigsten Ruderer werden zur Postbeförderung verwendet. Ter Abstand von einer Station zur andern beträgt gewöhnlich 20 bis 30 Meilen, und für eine solche Nuderfahrt bezahlt nia» den äußerst niedrigen Preis von ungefähr l'A Kronen(1 M. 75 Pf.), sowie eine Schissöwurst und frisches Wasser für den Postführer überall, wohin er kommt. Bei gutem Wetter pflegt er täglich eine Strecke von 10 bis 12 Meilenjjurück- zulegen, ja man hat Beispiele, daß ein Ruderer innerhalb 21 Stunden eine 20 Meilen entfernte Station erreicht bat, ohne sich die geringste Ruhe ztt gönnen. Außer dcr genannten Schissswurst ist ein solcher Ruderer nur noch mit einem Stück v-eehundsspeck versehen; er rechnet: auf die Gastfreiheit der Bevölkerung und erhält auch Hilfe, wo sich Niederlassungen befinden. Im Notfalle kann sein scharfer Pfeil eine Eidergans oder einen Alk erreichen, die er roh verzehrt. Zwingt ihn Müdigkeit oder der Einbruch der Nacht ans Land zu gehen, be- vor er einen bewohnten Ort erreicht hat. so zieht er auf der ersten besten Insel seinen Rajak soweit auf den Strand hinauf, daß die Flut ihn nicht erreichen kann, denn er würde ein Opfer des Hunger- «odcs. wenn die See sein Schifflein entführen würde. Er legt einen schweren Stein in den Rajak. damit ein plötzlich ausbrechender Sturm nicht das leichte, aus Scehundsfellen verfertigte Boot davon- führe.— ie. Eigrntiimlichkeitcn des Geruchssinnes. Es wird vielleicht schon mancher an sich die Beobachtung gemacht haben, dasj der Geruchssinn weit empfindlicher in frischer Luft ist als in einer dumpfen oder verunreinigten Atmosphäre. Eine Pfeife Tabak z. B.. die im Freien geraucht ivird und namentlich an einem hellen Tage bei scharfem Wind, erhält einen besonderen Wohlgcruch, der jeden- falls stärker ist als unter andren Umständen. Die Wirkung rührt von dem Ozon der Luft her. Man kann diese Thatsache leicht durch einen Versuch beweisen, indem man künstliches Ozon in der Luft erzeugt, wie es am leichtesten durch eine Elektrisiermaschine geschehen kann. Man wird dann bemerken, dast der Tabakrauch ein besonders angenehmes Aroma in der Nähe der Elektrisiermaschine annimmt. Wiederum ist es eine wohlbekannte Erscheinung, dah Leute in einem überfüllten Raum den schlechten Zustand der Lust vergessen und nicht früher daran gemahnt werden, als bis sie hinausgegangen und voi> neuem wieder eingetreten sind. Eine Person, die einen solchen Raum vom Freien her betritt, wird sofort die Verschlechterung der Luft empfinden. Es leuchtet ein, daß eine feine Verbindung auch hier zwischen dem Geruchssinn und der Reinheit der Luft be- steht. Eine Spur von Parfüm ist angenehm, ein Ueberschuh lästig, so dah gewisse Wohlgerüche geradezu Uebclkeit erregen können, wenn sie sich in stark konzentriertem Zustand befinden. Jargonellen-Oel in grösserer Menge riecht mehr nach Knoblauch als die Jargonellcn- Hirne, aber ein bloßes Tröpfchen des Oels in die Lust versprüht, giebt einen Geruch, der von dem der Frucht nicht zu unterscheiden ist. Der widerwärtige Geruch von Schwefelwasserstoff ist weit stärker bemerkbar, wenn das Gas frei in der Luft aufgelöst, als wenn es weniger mit Lust vernascht ist. Das reine Gas scheint den be- rüchtigten Geruch nach faulen Eiern überhaupt kaum zu besitzen, sondern eher einen süßlichen Geruch, der demjenigen von Chloroform- dampf nicht unähnlich ist. All diese Beobachtungen deuten darauf hin. daß der Geruch in einem gewissen Zusammenhang mit der Gegenwart von Sauerstoff steht, und daß bei der völligen Ab- Wesenheit dieses Elements überhaupt kein Geruch mehr wahr- genommen wird. Daraus müßte man die weitere Folgerung ziehen. daß der Geruch eines Stoffs auf einer Veränderung beruht, die in ihm durch die Berührung mit Sauerstoff hervorgerufen wird. Es ist kürzlich in einer Großstadt der Fall vorgekommen, daß sich Leute in einer gewissen Entfernung von einem mit der Kanalisation in Verbindung stehenden Ventilator über die dort herkommenden schlechten Ausdünstungen beklagt haben, während der leitende A ngen ieur der Anlage erklärte, er hätte die Ausströmung aus dem Rohr selbst mit der Rase geprüft und keinen merklichen Geruch ge- sunden. Dies ist augenscheinlich wieder ein Beispiel dafür, dah der Geruch nicht bemerkbar ist an der Stelle, wo die unreinen Gase in großer Menge aus einer Leitung austreten, sondern erst in einiger Entfernung, nachdem sie sich mit Luft vermengt haben. Daraus wird es auch Wohl erklärlich, daß die Leute, die mit der Kanalisation zu schaffen haben, unter dem Geruch weniger leiden, als die Per- sonen. die in einiger Entfernung von ihnen etwa auf der Straße vorübergehen. Die Sache hat aber noch ihre Besonderheit, durch die sie erst inS rechte Licht gesetzt Ivird. Aus den bisher mitgeteilten Beobachtungen könnte man schließen, daß der Sauerstoff der Luft sich höchst unnütz dadurch macht, daß er neben den Wohlgerüchen auch all die schlechten Dünste für unsre Nase bemcrklich macht. Darin liegt aber nur der Anfang der Sauerstoffwirkung. Schließlich triumphiert dieses lebenspendende Gas und zerstört die unangenehm riechenden Stoffe oder führt sie in einen andren Zustand über, in dem sie uns nicht Mehr beleidigen, noch»ms schädlich werden tönncn.— Kunst. W.»Kunst und Künstler" ist eine neue Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe betitelt, deren erstes Heft soeben im Berlage von Bruno Cassirer, Berlin, erschienen ist. Als Redakteure werden Emil Heilbut(der früher unter dem Pseudonym H. Helferich schrieb) und Cäsar Flaischlen genannt. Schon das erste Heft erweckt den Eindruck, daß diese Zeit- schrift unter der Fülle der Veröffentlichungen auf diesem Gebiete sich eine besondere und hervorragende Stellung erwerben wird. Auch ahne daß dies besonders ausgesprochen wird, sieht man, daß sie in demselben Geiste geleitet werden dürfte wie der Kunstsalon, von dem sie ausgegangen ist, d. h. daß allen ihren Arbeiten ein sehr ernster und reiner Begriff von der Kunst zu Grunde liegen wird. Eine lZeitschrift wird ihren Rahmen natürlich weiter stecken müssen als ein Salon, und es ist sehr zu begrüßen, daß auch die alte Kunst, soweit ein Anlaß dazu vorliegt, berücksichtigt werden soll! gleich das erste Heft bringt einen orientierenden Aufsatz über den neuen Eranach des Berliner Museums von Friedländcr, dem eine schöne Abbildung des reizvollen Werkes beigegeben ist. Von den übrigen Berantwortlichev Redaltcur: Carl Letd in Berlin.— Druck und Verlag: Beiträgen ist hervorzuheben ein Aufsatz Emil HeilbutS übet Wilhelm Trübner, dem auch die meisten Reproduktionen deS Heftes gewidmet sind, und eine Studie Wilhelm Bodes über..Die amerikanische Kon- kurrcnz im Kunsthandel", deren Gefahr für Europa infolge der flüchtigen und auf Sensation berechneten Art der amerikanischen Nabobs als durchaus nicht so dringend dargestellt wird; Gcrhart Hauptmann veröffentlicht Tagebuchblätter über das Mediceergrab in Florenz. Eine Kunstchronik. Bücherbesprechungen und Zeit- schristenschau beschließen das Heft.— Physikalisches. ss.P hoSphorescierendeDiamanten. Die Diamanten zeigen gelegentlich einen sonderbaren Wechsel der Farbe, der mit ihrem Feuer gar nichts zu thun hat. Es sind scheinbar durchaus nicht die schönsten und geschätztesten Steine dieser Art, die jene Eigentümlichkeit besitzen. Ein französischer Forscher hat jüngst vor der Pariser Akademie der Wissenschaften darauf auf- merksam gemacht, daß die Diamanten zuweilen unter der Einwirkung von violettem Licht einen fluorescierenden Farben- Wechsel annehmen. Außerdem beschrieb er einen gelben Diamanten, der nach einer Einwirkung des violetten Lichts von wenigen Minuten dunkelbraun wurde, nach 24 Stunden aber seine frühere Farbe und seinen alten Glanz zurückerhielt. Durck diese Mitteilung angeregt, hat ein Bkitarbeiter der..Chemical Rews" gewisse Bcobachwiigen zur Erinnerung gebracht, die vor geraumer Zeit großes Aussehen gemacht haben. Auf einer Gelehrten- Versammlung in Abcrdccn im Jahre 1859 wurde ein Diamantring mit fünf Steinen ausgestellt, von denen zwei im Sonnenlicht ganz auffallende Fluorescenz zeigten. während die andren diese Eigenschaft nicht besaßen. Die fluorescierenden Diamanten hatten außerdem die Eigenheit, nach einer längeren Be- sttahlung noch stundenlang im Dunkeln zu leuchten. Die Steine fielen allgemein auf. und man versuchte nun eine große Zahl von andren Diamanten, um die Verbreitung jener Eigenschaft festzustellen, aber an keinem andren konnte sie ermittelt werden. Jedenfalls scheint so viel festzustehen, daß die Diamanten ersten Ranges keine Fluorescenz oder Phosphorescenz zeigen. Möglicher- weise rührt die Eigenschaft von einer gewissen Verunreinigung des Steines her. Es stellte sich auch heraus, daß diese Steine unter violetten und ultravioletten Strählen überhaupt an Glanz zunahmen, während andrerseits ein langanhaltender Einfluß de? Sonnenlichtes die Kraft der Phosphorescenz erschöpfte. 1896 nämlich wurde jener berühmt gewordene Diamantring von dem hervor- ragenden Physiker Thompson gelegentlich eines Vortrages über elektrische Schatten und elektrisches Leuchten wieder vorgelegt und ausgestellt. Die Steine besaßen noch immer ihren alten Glanz, aber am nächsten Tage war es, als ob sie die Fähigkeit der Phosphorescenz ganz eingebüßt hätten. Nachdem sie nun einige Tage im Duntten aufbewahrt worden waren, kehrte die Phos- phorescenz zurück. Man hat die Diamanten übrigens auch mit Röntgenfttahlcn untersucht, für die sie in allen Fällen vollkommen durchläsfig zu sein scheinen. Jene phoSpboresciercnde» Diamanten des RingeS aber ergaben unter Röntgenstrahlen ein verfchlvommeneS Bild, und diese Thatsache verweist ebenfalls darauf, daß ihre Phosphorescenz infolge von Verunreinigungen in dem reinen Kohlen- stoff der Diamanten herrührt.— Humoristisches. — Der Protz. Kom merzten rat sder eine Reise antritt): .Nun, halte hübsch Ordnung Nosalie... Und wenn Du an den Geldschrank gehst, werf mcr die Millionen nich durch- einander!" — Standpunkt. Automobilfex(zu Fuß im Walde): ..Blumen- und Tannennadelduft— keine Spur von Benziiigeruch.., ja, hier hat die Kultur aufgehört!"— — Pietät. Sonntagsausfliigler(dem in glühender Hitze ein Wirtshaus wintt):„Raa. dös könnt' meß Vater selig net sebgen, daß sei' oanzigcr Sohn a so Dnrscht leid'n muaßl Kaf'n mer uns a Maß!"—(„Meggeud orfer Blätter.") Notizen. — Wie da?„Berliner Tageblatt" mitteilt, sind die T a g c des „Bunten Theaters" in der Köpnicker st raße gezählt. Das Brettl wird sich schon zu Weihnachten in eine B ü h n e alten StilL verwandeln.— —„Der Herr H o f m a r s ch a l l". ein Schwank von G. K o n k o w ö k y, ist vom Wiener Stadttheater zur Auf- fühnmg angenommen worden.— — Das Schauspiel„Erstarrte Menschen" von Ludwig Huna fand bei einer litterarischen Matinee im Wiener Josef st ädter Theater großen Beifall.— — Das Münchener Colosseum wird im nächsten Jahre zu einem Vollst heater umgebaut werden.— — Die vierakttge VollSoper„Andreas Hofer" von Emanuel Moor hatte bei der Erstaufführung im Kölner Stadttheater starlen Erfolg.— — Die Villa Borghese in Rom wurde bei der gericht- lichen Versteigerung für 3 000 0 00 Lire vom Staate angekauft.— lorwärts Buchömckere! und Verlagsanstait Paul Singer& Co., Berlin 8W.