Anterhaltungsblalt des Horwärls Nr. 224. Sonntag, den 16. November. 1902 SO] Der Gnfeenteieb. Roman von Gertrud Frankc-Schievelbcin. tSchlub.) Nnd immer steiler bergan, dichter die Flocken, tiefer der Schnee. Von Zeit zu Zeit blieb Richard stehen, an einen Bann: angeklammert, bis das kochende Blick und die zum Bersten überfüllten Lungen ein wenig zur Ruhe gekommen waren. Jetzt wurde der Weg so schmal, daß nur eben der leichte Jagdwagcn des Oberförsters Platz hatte. Die Tannen wölbten sich über ihm zusammen. Er hörte dann und wann das Krachen der Aeste unter dein Schneebruch, ganze Lasten stürzten zu Boden wie Lawinen. Wenn dich das träfe, dachte er, dann wärst du begraben. Nnd sie fänden dich erst, wen» der Schnee auftaut. Er fühlte, wie die Kräfte ihn verließen. Sein Mut erlosch. Ich bleibe hier liegen, dachte er dumpf, verrecke wie ein Hund, der seinen Herrn sucht. Und dann immer wieder, pfeifend wie ein Peitschenhieb, scharf, wütend schmerzend der Gedanke: Lene! Dazwischen graue, stumpfe, leere Gleichgültigkeit. Denken, Wollen, das ganze Lebensgefühl ertrank in einer unbeschreib lichen Müdigkeit. Ruhe I Schlaf l Bloß schlafen, weiter nichts. Da drang auf einmal durch die weiße, tote Stille ein Laut. Das sanfte, tiefe, langsam emporgezogene Briillen einer Kuh. Das war neues Leben, neue Kraft. Der Boden wurde fest. Nur die letzte, lockere Schicht lag ein paar Zoll hoch. Und jetzt durch den wirbelnden Borhang ein Licht. Wanncs, gelbes Licht. Eine Reihe von erhellten Fenstern. Einen Augenblick später öffnete Richard Volkmar die unverschlossene Hausthür der Drosselburg— Diebe hatten sie hier oben nicht zu befürchten— trat in den warmen Flur, und wie er ging und stand, erschöpft bis zur Ohnmacht, ließ er sich auf die breite Strohmatte am Boden niedersinken. Ein dumpfes Gefühl: du stirbst. Kalter Schweiß, Fieberfrost. der den eben noch glühenden.Körper schiittelte; vor den Ohren ein Sausen und Brausen— ein erlöschendes Hindämmern. So lag er, heimgekehrt, sein Weib zu suchen, wie ein Sterbender, ein Todwunder. Still und friedlich brannte das Lämpchen Iveiter. Es war so ruhsam in denr weiten Flur mit den alters- geschwärzten riesigen Leincnschränkcn und Truhen, als wäre das.Haus leer. Bloß die graugetigerte schöne Katze sprang vom oberen Stock die Treppe herab, schlich auf weichen Sohlen uuhörbar an den Fremdeil heran und strich den sammetigen Rücken gegen seine Hand. Ein lebendes Wesen? Sic schmiegte sich dicht an seine Brust, an seine Wange, immerfort behaglich schnurrend. So weich, so warm, so schmeichelnd. Sie erkannte ihn, das verriet ihr ganzes Gebaren. Sic freute sich über sein Kommen. Sie begrüßte ihn als alten Freund. Da ging ihm die Seele auf. Mit einem Ruck richtete er sich empor, trank den letzten Schluck aus seiner Feldflasche und konnte Plötzlich auf seinen Füßen stehen. Er hatte sich vorgestellt, daß Lene ihm entgegenfliegcn würde, sobald er den ersten Schritt ins Haus gethan hätte. Aber diese Stille, diese Leere! So unheimlich! Und die Angst vor einer vernichtenden Enttäuschung legte sich ihm zusammenschnürend um die Brust. Er klopfte entschlossen an die nächste Thür. Frau von Bodenstcins kleiner Salon. Dunkel. Leer. Ein feiner Lichtschein nebenan, Stimme.„Trumpf! Fünfund- Er tastete sich hindurch. ein Brummen von Jochens vierzig, fufzig. Sic geben." Wieder klopfte er. „Zum Teufel, herein I" schrie Bodenstein.„Seit wann ist's denn Mode, anzuklopfen?" „Ich bin's, Herr Oberförster, Volkmar." Ein dicker, blauer TabakSdunst, eine grünschinnige Lampe, Halbdunkel, in dem er die lange, dürre Gestalt des Boden- stciners entdeckte, dessen einer in Kissen und Decken gehüllter Fuß auf einem niedrigen Sessel lag. Von Jochen sah er nur den struppigen, dicken Bauernschädel nnd den breiten Rücken. Aber jetzt drehte sich die vierschrötige Gestalt im blauen Kittel schwerfällig um.„Nu schlag Gott den Deibel dot! Et geistert woll?" Des Oberförsters scharfe Augen suchten den Qualm zu durchdringen.„Sie!" rief er.„Ist's die Möglichkeit l" Richard trat näher. Seine Blicke forschten suchend umher. Keine Lene. Das Herz sank ihm. Er wagte keine Frage. Er schämte sich vor den herz- und nicrcnprüfcnden Falkenaugen, die halb sarkastisch, halb luftig zwinkernd anf ihm ruhten. „Wie sind Sie denn bloß heraufgekommen, Doktor?� lachte Bodenstein, ihm die knochige Hemd herzlich entgegen» streckend. „Zu Fuß." Bodenstcin sah ihn eine Weile kopfschüttelnd an, wie eine Art Wundertier.„Respektable Leistung," lobte er dann.„In meiner Jugend Hab ich's auch zuwege gebracht. Jetzt— l" Er deutete auf seinen kranken Fuß.„'S höllische Feuer! Da vergeht's einem." In Jochens langsam arbeitendem Kopf ivar auch endlich das Verständnis eingekehrt. „Schlag Gott den Deibel dot," wiederholte er lang- gezogen,„zu Fuß? Un bei den Wäder?" Zugleich aber wurde er sich feiner Pflichten bewußt. „Nu aber mal erst runter mit de nasse Kledasch," kom- mandierte er. wie er seine Pferde und Jagdhunde kommandierte. Und ohne weiteres drückte er Richard aufs Sofa nieder und begann unter Aechzen, Fluchen und allerlei Beschwörungen heidnischer Fabclgeschöpfe das schwere Geschäft, die verquollene: Stiefel von den Füßen des Gastes zu ziehen. Bald steckte Richard behaglich in trockenen.Kleidern. Ein körperliches Wohlbefinden durchströmte ihn. Es war ihm, als sei er nichts als Körper, aber das that gut. Erst Kräfte sammeln, hinausschieben das, was ihn vielleicht wieder ver treiben würde aus diesem Asyl, bis er im stände war, aufs neue die Wanderschaft anzutreten. Als Jochen sein Werk vollendet hatte, gönnte er sich's noch eine Weile, den Anblick des so plötzlich in die Bergcinsamkeit hineingeschneiten Gastes zu genießen. Breit beinig vor ihn: aufgepflanzt, die Fäuste in die Seiten ge stemmt, brummte er unaufhörlich kopfschüttelnd:„Zu Fuß! Un bei den Wäder!" „Schafs' was zu essen und zu trinken, Jochen l" befahl der Bodenstciner.„Aber deftig! Muß ja noch kalter Reh- braten sein, Schinken und en paar Buddel Alten. Das Weibs- Volk ist im Stall beim Buttern und Melken. Das laß' Du da ruhig. Hol's man selber schnell.— Und nu sagen Sie bloß, Herr Doktor," meinte er, als Jochen hinausgetapst war,„wie kommen Sie denn mitten im dollsten Winter auf Svmmcrftische nach der Drosselburg?" „Herr Oberförster—" stotterte Volkmar und wollte fragen:„Ist denn Lene nicht hier?" brachte aber nichts heraus vor rasendem Herzklopfen. „Hab' ja so lange nichts von Ihnen gehört." fing Bodenstein wieder an mit einem sarkastischen Lächeln.„Dachte schon, Sie wären im Unkentcich versoffen, haha! Die Gelegen- heit hatten Sie ja." „Beinah war's auch so weit, Herr Oberförster— aber—" „Na, was— aber?" „D'rin lag ich schon. Hab' mich aber wieder hoch- gearbeitet." „Bravo I" sagte Bodenstein und dampfte kräftig.„Und NN?" „Ich bin um meinen Abschied eingekommen." Bodenstein guckte ihn seltsam an, nahm die Pfeife aus dem Munde, that dann wieder ein paar Züge, die ihn ganz in Wolken einhüllten.„Und nu?" fragte er aus dem Dampf heraus zum zweitenmal. „Ich muß mich durchzuschlagen suchen." „Als Hauslehrer?" „Nein, Herr von Bodcnstein, ich—" „Das wissen Sie ja noch nicht, daß wir meinen Sohn neulich begraben haben," sagte Bodenstein trocken und fuhr, ein Teilnahmswort Richards mit einer hastigen Handbewegung abweisend, gleichnuitig fort:„Ta sind nu die drei Kra baten, Prachtkerls, ohne väterliche Hand. Meine Alte iS zlvar ini — ja, ich inus; mich ohne sie behelfen—. aber zu Ostern Inff ich mich pensionieren, da zieh' ich ganz nach dem Gut — ja, und was ich sagen luoUte: der jetzige Lehrer is ne Waschlappe, lind die Vengels, wie alle Bodenfteins, ein Schlag, der ne strenge, feste Hand über sich fühlen muß. Gut wie Gold. Aber wild. Verruckt beim leisesten Zwang. Aber freiivillig gebe» sie s letzte Heinde her nnd lassen sich die Hand abhacken. Mein Sohn hat sie in Freiheit dressiert. Und da dacht' ich, Sie wären der Mann, das Geschäft fort- zusetzen." Richard Volkmars Augen hatten aufgeleuchtet. Eine herrliche Aufgabe! Gerade so eine hatte er immer ersehnt. Ta stand auf eiumal Hans Martins blasses, stilles Toten- gcsicht vor ihm. „Nein. Herr Oberförster. Wer mit cincin Makel aus den» Amt scheidet „Makel?" fuhr Bodenstein böse auf.„Damit kommen Sic mir? Wer von uns sitzt denn schneeweiß, mit'uem Lilienstengel in der Hand, zwischen lauter Wolken? Zeigen Sie mir bloß einen, der nicht seine Flecke mit sich schleppt und Wunden, die er sich selbst geschlagen hat. und tiefe, tiefe Maler und Narben von geheilten und halbgeheilten? Wir, Sie und ich. wissen ja doch: Mensch sein, heißt: versucht Iverden, straucheln, fallen, sich aufraffen. Und von neuem: versucht iverden, straucheln, fallen, nnd so weiter üi üiäiiituiu!" Er sah ihn liebevoll nnd erinunternd an. Tente» Sic, mich kümmert's, was die Unken da unken über Sie zusammeugeunkt haben? Ich kenn' Sie doch 1 Und wen» ich Ihnen mein Bestes anvertraue—" „Ich danke Ihnen, Herr Oberförster. Sie haben mir eine unbeschreibliche Wohlthat eriviesen— aber—" „Meinen Nachwuchs," fuhr Bodeustein unentwegt fort, „den ich für die Zukunft gepflanzt habe. Sie wissen doch, Zukunft— darunter stell ich inir ne bessere Sorte Menschen vor, ivahrer, gesunder, natürlicher. Ne Sorte Menschen, die keine Sümpfe und llnkenteiche mehr unter, sich duldet, sondern an ihrer Stelle fruchtbare Aecker, Wiesen, Gärte», Straßen und Wege schafft. Uno dazu sollen Sie mir helfen. Ganz still und in« Verborgene». Wollen Sie? Schlagen Sie ein!" Er hielt ihm die knochige Hand hin. Llns seineil blassen Greisenaugen schlug das Feuer ewiger Jugend. „Herr von Bodenstein," murmelte Richard in schwerem nneren Lampse,„ich— nein, ich darf nicht. Ich habe schon einen aus dein Gewissen. Und wie, wenn Ihre Ena den eines TageS erfahren, weshalb ich mein Amt verlor? lind«venu sie dieselben Äoitseguenzen ziehen, wie jener— Gestorbene?" Da ging ein großes, erhabenes Lächeln über Bodensteins Gesicht.-„Sie werderl's nicht, Volkmar. Sie sollen sie ja eben zu Menschen erziehen, denen nichts Menschliches fremd ist. Einen, der ihren Verstand dressiert, ihnen allerlei geistige Jongleurkunslstücke beibringt nnd dabei Körper und Seele ver- ludern läßt, den kau» ich nicht brauchen. Machen Sie ganze Kerls aus ihnen. Und«vemi einmal die Versuchung an sie herantritt, sagen Sie ihnen: das Hab ich gelitten! Mein Wort, sie thun's Ihnen incht nach l" Richard starrte sinnend vor sich hin, fast überwunden, doch noch von einem Bedenken gequätt. „Wenn ich allein wäre, Herr von Bodeustein—" „Frau und Kind bringen Sie mit, selbstverständlich. Meiner Frau isks längst zu viel, das große Gut. Sie verdienen dann beide. Wenn auch nicht üppig, leben könnt Ihr. Auf dem Lande, was braucht man da? Und Ihre Lene. Volkmar, die ist ein Edelstein." Er hatte mit seltsamer Bewegung gesprochen. Sein tiefer Blick ruhte nachdentlio) und müde auf dein Manne, der bankrott und gebrochen vor ihn« saß. Bodeufteins Ton ließ ihn aufblicken. Der ganze Mensch eine stumme, zitternde, brennende Frage: sie ist hier? Bodenstein nickte.„Sie ist hier." Ta ivar's doch, als«volle dem durch die Schule des Leidens Gegangenen die jähe Freude die Besinnung ranbei«. Er sprang auf, aber ein Schwindel ergriff ihn, und totenblaß sank er zurück.' „Volkmar," sagte Bodenstein milde,„beruhigen Sie sich doch! Ta hat's der alte Taver Ihnen doch wohl nicht schonend genug beigebracht—" Aber mit Richards Geduld war's vorbei. Ter Schwindel ging vorüber. Er sprang am; all feine frischen, lrästigen, charakteristischen Bewegungen waren aus cunnal wieder da. Fiebernd lief er durch Zimmer, stihr sich durchs Haar, zupfte au seiner Joppe.„Wo ist sie?" Schon machte' er Miene, hinauszustürzen. „Zum Teufel, Volkmar," schrie Bodenstein„wollen Sie sie in den Tod erschrecken? In der Verfassung, mit meinen alten Latschen, dem braunen Rannsvl?" Aber schon war's zu spät. Im Nebenzimmer näherten sich leichte Schritte. Ein kleines, Helles, süßes Kindcrsnmmchcn war zu hören. Und ne««« ging die Thür auf, und Lene trat ein. den Kleinen auf dem Arn«, blaß, ernst, ruhig, ganz ahnungslos. „Wo ist denn Iocheu?" stagte sie.„Sie jü«a allein, Papa?" Richard stand in der Tiefe des alte««, Halbdunkeln Zimmers. Sic sah ihn nicht. „Nein, Lene, ich bin«licht allein," sagte der alte Bode««-- stein mit so seltsamer Betonung, daß Lene init leichtem Er- schrecken aufsah. „Es ist Besuch da, Lene. Tu kennst ihn auch." „Wo?" schrie Lene. Und„Lene I" schrie im selben Augenblick ein Mensch und stürzte ans sie zu und umschlang sie«vie mit den Armen eines Riesen. Und Lene fiel nicht in Ohmnachi bei diesem plötzlichen Ueberfall. Sic gab kein Zeichen von Schwäche. Stark und ruhig, bloß unendlich stoh nnd glücklich sahen die schivarzen Wildvogelaugen ihn an. Sie«nachte sich endlich los. „Ich«vnßte es ja," sagte sie schlicht,„Tu windest komme»." „Kannst Du mir verzeihen, Lene?" rief e«', in tiesstem Herze«« erschüttert durch ihr selsenfestes Vertrauen. Noch vor ein paar Tagen— was hätte da gefehlt, und er«väre ihr für immer verloren gewese» I „Verzeche««?" sagte sie lächelnd und blickte zu den« alten Bodenstein hinüber, als«vollte sie sagen: stag den. Bodenstein sog an seiner tat« gelvordenei« Pfeife«nid merkte es««icht einmal in seiner beschauliche» Fre«ide. „Tie?" lachte er jetzt.„So ein dummes, verliebtes Fm««enzi innler I— Daß ich's nur bekenne, ich Hab' die erste Zeit gewettert und geflucht. Aber die hat«««ich zahm gekriegt." Das Kind hatte sich bis jetzt still Verhalten und mit seinen runde««, blanken Augen ganz verdutzt auf de«« stemden Man'.« geschaut. Auf einmal aber schien in dein klemen Kops eine Erinnerung aiifzudänimcrn. Mit seine«« klemen, dicke«?, rofigen Händchen griff es in die Stirnlocke des Baters und Uetz einen hellen, jauchzenden Iubelruf erschallen. „Er keimt Dich noch", sagte Lene glücklich. Sonntagsplauclerei. Aus der Zolldcbatte von übermorgen. Tie Diskussion wird fortgesetzt bei den Posnionen 150— 500. Abg. Stadt ha gci« begründet die 350 zusmnmcngc sflßtc u Positionen. Abg. Richter: Herr Präsident, ich stelle fest, daß der Abg. Siadihflgen bereits volle vier Minuten über die scagliwen Posilionen redet, solche Tfliierreden erschöpfen die Eiupsänglichteir des Hauses und— ich sage das als leidenschastlicher Gegner des Zolltarifs— halt miste Geschäfte ans. Ich beantrage Schluß der Rede des Abg. Stadthagen. �Widerspruch links. Abg. Müllcr-Meiningeit ist. Bp.f fitzt unruhig auf feinem Shj und schweigt. Brausender Jubel in der Atitte nnd rechts. Tie Abgg. Arendt, Stocker und rckc Hermann von Sounenberg stürzen auf Richter zu, heben ihn empor tmd tragen ihn im Triumph nach der techten Seite des Hauses.> Präsident v. Ball est rem: Es lviderspricht der Trdiutng des Hauses. Abgeordnete von ihren Sitze» fortzutragen. Ich bitte die Herren Schriftfiihrer, den Abg. Richter wieder zu feinem Platze zurückzuführen.-Abg. Müller- Meiuingeu ruft: Bravo! Tic Ab- geordneten der Rechten schütteln Richter die.Hände, bevor er sich wieder nach links begießt.« Abg. Stadt Hägen(fortfahrend): ES steht nichts davon in der Geschäftsordnung, daß es erlaubt ist, einem Redner Schluß z«t gebieten.(Lärm rechts.) Abg. Spahn: Ter Herr Vorredner irrt. Es ist ausdrücklich nicht verboten, zu jeder Zeit das Ende einer 3>eds herbeizuführen. Wir befindtn«ms also durchaus im Recht, wcim wir nunmehr beschließen. daß Herr Stadthagen«licht weiter reden darf.(Lebhafte Zustimnmug rechts«md im Eentrnm.) Abg. v. N o r in a n n: Einverstanden?(Bravo!) Prns. Gras Ballcstrem: Diese KcschästZördmmg ist ein räiselhafter Metesr. ES bleib! mir nichlS übrig, alS einen Beschluß deS Hauses herbeiznsübren. Mg. Singer: Ich beantrage namentliche Abstirnmimg.(Oho! rechts> Abg. Bassermann: DaS ist wieder so ein Verlangen, durch dnS die Herren drüben den parlainciNarischcn Ast unterwühlen, ans dem sie sitzen. Die namentliche Abstimmung ist bekanntlich nur an SchwerniStagen zulässig, und heute ist kein Schwerins tag.(Beifall bei den Nationalliberalen, in der Mitte und recht-Z.) Präs. Graf Ballest rem:.Heute ist in der That kein SchivcrmStag. Wer dafür ist. daß der Abg. Stadthagcn nicht weiter redet, erhebe sich von den Plätzen. DaS ist die große Mehrheit. Die Rede des Abg. Stadlhagen ist somit geschlossen.(Ruf links: Das ist unhöflich!) Präs. Gras B a l l e st r e m: Ilichvflich ist kein parlamentarischer Ausdruck. Mg. Spahn lznr Geschäftsordnung): Ich beantrage nunmehr über alle folgenden Positionen des Zolltarifs, des Gesetzes über den «iudcrschutz, der allerdings noch nicht eingebrachten Novelle zum Strafgesetzbuch die Debatte zu schließen. Abg. Barth: Das ividerspricht der GcschäsiZordmmg.(Zuruf rechts: Duassclbarth!) Wir können keine Debatte schließen, bevor sie iibcrhailpt angefangen hat, ja bevor nnr die Gesetzentwürfe über- Haupt vorliegen. Mg. Richter: Ich bin zioar nach wie vor ein unerbittlicher Gegner des Zolltarifs, das hindert mich aber nicht, der Wahrheit gemäß, kraft meiner dreißigjährigen parlamentarischen Erfahrungen anzuerkennen, daß eS der blanke Unsinn wäre, wenn man der Mehr- heit das Recht nehmen wollte, eine Diskussion zu schließen, wann, wo. ivie sie will— auch vor ihrem Anfang.(Stürmischer Beifall rechts.) Sonst könnte jede beliebige Minderheit der Mehrheit vor- schreiben, ob eine Diskussion stattsinden soll.(Halbstündiger Beifalls- stürm rechts und i» der Mitte. Der Abg. Hahn(Bund der Land- Wirtes fordert die Rechte auf, sich zu Ehren des Redners zu erheben. „Da wir,' bemerkt er,„dem hochverehrten Borredner soviel Zeit- crfparnis verbanken, können wir ihm schon cur paar Augenblicke widmen. Meine Herren! Enge» Richter: Hurra, Hurra, hurra I Ter Eantns steigt." Die Rechte singt vierstimmig: Prinz Engen, der edle Richter.) Präsident Graf Balle st rem(wischt sich die Auge»): Meine Herren! Das war sehr schön aber— parlamentarisch unzulässig. (Widerspruch des Abg. Richter.) Abg. B a sserma n n(zu den Socialdemokraten): Sie ruinieren durch vchre Obstruktion den ganzen Parlamentarismus. Ich warne Sie,-'auf dem Wege fortzuschreilen.(Abg. Stadt Hägen: Aber wir reden ja gar nicht!) Abg. Gassetmann: Ich stelle nur fest, daß der Abg. Stadt- Hagen soeben wieder eine Rede, sogar eine Zwischenrede gehalten hat. DaS nenne ich Obstruktton. Durch einfachen Mehrheitsbeschluß wird darauf der Schluß der Tiskussion für die oben genannten Gesetzentwürfe versiigt. Präsident v. B a l l e ft r e m: Ich habe dem Hanse eine Mit- teilmig zu machen. Ich erhalte soeben eine künstlerisch ausgeführte Ansichtskarte, die einen angeschossenen Eber sehr naturgetreu darstellt und folgenden Tert hat: „Wir Endesunterzeichneten beaustragen hiermit den Schriftführer, für die nächsten 1s Tage, in denen miS die Iagdpslicht vom Hause fernhält, fiir uns so zu stimmen,>vie es die Juden und Iudeugenosscn ärgert. Mit Waidmannshcil: v. Blödan, V. Massow, v. Waldow, v. Podbielski." -(Bravo I rechts.) Meine Herren! Ich habe ja- Nichts gegen diesen Auftrag einzuwenden, aber ich möchte doch daran erinnern, daß es gegen die Verfassung ist. wenn auch der Herr Landwirtschastsmimster abstimmen darf.(Unruhe rechts. Ruf: Pod soll stimmen I) Graf Limburg- Stimm: Es ist zweifellos, daß Herr v. Podbielski doch abstimmen darf. Jene Verfassnngsbestinmmng bezieht sich mir ans die Sonn- und Feiertage. Wir aber haben heute Dienstag,(«ehr richtig' im Ccutrmn.) Wenn Sie(zu den Socialdemokraten) ans diese Weise fortfahren, die Geschäfte des Reichstages aufzuhalten und die Mehrheit zu terrorisieren, so können Sie sich nicht wundern, wenn Ihnen schließlich das Wahlrecht genommen wird.(Abg. Baudert(Soc.j rnst: Na, na!) Präsident Graf Ballestrem: Der Ruf„Na, na!" ist eine grobe Ungehürigkeit, ich rufe den Abg. Baudert hiermit zur Ordnung. «Händeklatschen rechts.) Meine Herren! Wir befinden uns im deutschen Reichstag!(Stürmische, immer sich wiederholende Bravorufe rechts.) Was nun die Sache selbst anlangt, so ist die Verfassung ein Meteor. Es bleibt mir nichts übrig, als das Haus zu befragen, Mit großer Mehrheit wird darauf beschlösset!, daß die Schrift- jiihrer auch fiir Podbielski abstimmen dürfen. Präsident Graf Ballestrem: Ich kann jetzt feststellen, daß wir»nt diesem Beschluß nun auch die letzten Stücke der Berfassung ' und der Geschästsorduung per rnajora beseitigt haben.(Endloser Beifall auf den Bänken der Mehrheit.) Meine Herren I ES w a r e n Meteore! Reichskanzler Graf B ii l o lo betritt den Saal.(Ungeheuere Bewegung.) Gras B ü l o>v: Meine Herren! Im Namen der Verbündeten Regienmgcil danke ich Ihnen für die rasche und gründliche Arbeit, die Sie geleistet haben, ebenso für die bewnnderungsivürdige Energie. mit der Sic die den Parlamentarismus eutimirzelndc ObstnMo» der äußersten Linken niedergedrückt haben.(Bravo Aber die ycr- bündeten Regierungen sind nicht mehr in der Lage, noch Wert auf den Zolltarif zu legen.(Hört! hört! links.) Sie sagen mit Sern Dichter: Behüt Dich Gott, es wär zu schön gewesen. Ich ziehe hiermit den Entwurf zurück und ersuche Sie im Namen der ver- bündeten Regierungen, an seiner Stelle ein neues Gesetz anzunehmen. das in seinem einzigen Paragraphen besagt: Die bestehenden Handelsverträge werden ans zehn Jahre ver- längcrt!(Die Rechte erhebt sich, ballt die Fäuste, ruft hinter- einander Pfui, Pfui, Pfui. Bülow raus! Wg. Hahn schreit: Caprivi!) Präsident Graf Ballestrem: Der Ausdruck Caprivi verstößt gegen die Ordnung des Haufes. (Auch das Centrnm ist von seinen Sitzen aufgesprungen, bleibt einige Minuten erstarrt stehen und fällt dann, wie vom Blitz ge- Wösten, nm. indem c-S über die schon zuvor umgefallenen Rational- liberalen stürzt.) (Abg. O e r t e l(Bund der Landwirte) schreit: Zur Geschäfts- ordmmg! Dann stürzt er auf die Tribüne mid beginnt zu reden.) Abg. O c r t e l: Meine Herren! Ich beantrage Wiederherstellung der alten Geschäftsordnung, und zwar mit der Ergänzung, daß der Dcbattetrfchluß beseitigt und jede namentliche Abstimimma zur besseren Konwolle fünfmal wiederholt iverden muß.(Abg. B a s s c r m a n n ruft cnwüstct: Das ist Obstruktion!) Nein, Herr Kollege Baster- mann, das ist keine Obstruktion, das ist das Recht der Minderheit, fich bor Vergewaltigungen zu schützen. Eine Verlängerung der Handelsverträge bedeutet den Tod der Landwirtschaft. Ilnd die Bauern werden sich nicht freiwillig ergeben.(Graf Lim b n r g- Stirnm kräht: Wir verteidigen das Parlament gegen den Ab- soluwsmus.) lim 3 Uhr nachmittags beginnt Oertel seine Begründimg des GeschästsordnungsanwagS. Er lieft zunächst seine sämtlichen Sonntagspredigten aus der„Deutschen Tageszeitung" und seine Gedichte vor, um einen Begriff von der Not der Landwirtschaft zu geben. Ilm Mitternacht ist dieser Teil erledigt. Die Sitze sind inzwischen durch elektrische Kraft in Feldbetten, die Tische in Waschtoiletten umgewandelt, die Abgeordneten begeben fich zur Ruhe. Mg. Paäsche spricht laut sein Abendgebet. Rur der Präsident und die Stenographen lvachcn. Uni 2 tthr nachts beschäftigt sich Oertel mit der Landwirtschaft unter Karl dem Großen. Da der Mg. Kropatscheck fortwährend ans dem Schlafe redet, muß er zur Ordnung gerufen werden. Um 2>/, teilt Präs. v. B a l l e st r e m mit: Die Hausverwaltung benachrichtigt mich, daß die Wasserleitung erschöpft ist. Wir tömien dem Redner kein Glas Waster mehr bieten, ich schlage also die Vertagimg vor. (Lebhafter Widerspruch des Abg. Oertel.) Abg. Oertel: Dann werde ich Wein trinken. Präs. v. Ballestrem: Das ist etwas andres. Ich mache aber den Herrn Abgeordneten darauf austnerksam, daß es der Würde des Hauses entspricht, den Wein zu bezahlen.(Abg. Kardorfs ruft im Halbschlaf: Und wenn ich meine Nase verpfänden müßte, er soll seinen Wein haben und weiter reden!) Der Schriftführer H i m b u r g wird geweckt. Oertel gießt ihm einen Thaler und er holt eine Flasche Rotspohn. Um 4 tthr morgens spricht Oertel über die Rot der Landwirt- schuft im zweiten Jahre des dreißigjährigen Krieges. Ans der Rednertribüne stehen 20 leere Flaschen. Der Redner ist äußerst erregt, er singt und schreit und klopft sich ans den Bauch. Um ö'/j Uhr beginnt er sich plötzlich zu entkleiden. Den Kragen wirst er dem Alig. Spahn an den Kops, die Stiesel seinem Freunde Hahn, die weiße Weste fliegt in das Feldbett StadthagenS, die Hofen lriegr Basiermann, das Gebiß schlägt eine Beule in Eugen Richters Stirn. Schließlich streift er das Hemd ab und schlendert es auf das Lager des Abg. R o e r e n» der jäh erwacht. Abg. Roeren(entsetzt, mit bedeckten Augen, zur Geschäfts- ordmmg): Herr Präsident, ich beantrage die Aufnahme der lex tzeinze in die Geschäftsordnung— per rnajoiut Mg. Oertel(singt und tanzr): Himburg, oller Junge, hol mir noch'ne Pulle Mumm! (Der«chrifrsührer H i m Burg geht hinaus, kehrt zurück und fliistert dein Präsidenten ein paar Worte ins Ohr.) Präsident Gras Ballestrem: Herr Abg. Oertel, der Wirt Vcriveigert weiteren Kredit, unter diesen Umständen können die Ver- Handlungen nicht sortgesetzt werden.(Der Mg. Oerrel verfällt in Schüttelftost.) Ich sehe, das; der Redner mir zustimmt. Das Haus ist mit der Veriagnng einversinndeii. Die Sitzung ist ge- schlössen.—___ Joe, Hbendaissftcllunci im Kii«rtö[cwerbc-]VIurcum. Vis jetzt waren die Berliner Museen, diese Magazine küust- lyrischer Schätze, eigentlich nur für solche Besucher geöffnet, die nichts für ihr Schaffen von dem Besuch heimtragen konnten. Zwar gehörten die Museen an wenigen Sonntagsstunde» auch größeren Kreisen. Aber es kann natürlich nicht das Ideal eines Arbeiter- sonntags sein, die nicht sehr günstige Lust jener Institute einzuatmen. Wer die ganze Woche i» der Werkstatt oder im Bureau gesessen, hak für de» siebenten Tag frische Luft'verdient. Lange genug wurde verlangt, das; die Museen nicht nur Forschern und Fremden, sondern mich besonders dem wcrktbätigcn spublitum zugängig sein mützlen. sollten ihre aufgestapelten Reich- tümer ourchscylagend wirken, sollten sie einen aneisernden Erfolg auf die Leistungen unserer Tage erringen. Endlich wurde mit dem Kunstgelverde-Äl uscum der Ansang gemacht. Seit mehreren Tagen öffnet eS jernen geräumigen Lichthof des Wochentags mit Ausnahme deö Montags am AvenS von 7,8 bis 7.10 Nhr. Von besonderem Leu ist, daß gerade das Lumstgcwcrdc-Muscum seinen kostvaren Xnhalt ocs Avends zugänglich macht,»umsigcwcrblichc Gegenstäudc verlieren am wenigsten bei künstlichem Licht. Und die Bekanntschaft mir dem Kunstgewerbe früherer Zeiten ist dem Abcndpublikum viel- leicht viel tvioinger. als die Betanntschaft mit der hohen Kunst, ans der ja nicht immer gerade Anregungen für gewerbliches Schaffen zu erzierc» sind. Trotzdem ist die Nutzbarmachung der andren Museen ebenso notwendig. Ja. sie must nach dem Resultat des ersten Abendmuseums um so dringender gefordert werde». Auch die Werke der hohen Kunst sind für das Volk nicht zu schade. Wie davci zu verfahren ist. zeigt die erste Abendausstellung des CkwerbcmilscumS. Vor allem ist die Absicht zu loben, das Können einer Zeit darzustellen, einen Uebcrblick über ihren Geist zu geben. Die Stücke der Ausstellung sind jener Zeit entnommen, die ge- tvöhnlich mit„Rcnaistance" bezeichnet wird, die vor 1600 beginnt und noch in den Arbeiten zwei, dreihundert Jahre später sich äußert. .Tiefe kulturgeschichtliche?luorduu»g ist entschieden die lehrreichste. Sie ist auch für audrc Zeiten und andre Länder, für andre Museen flu verlangen. Aber eine größere Einschränkung wäre erwünscht. Kicht in der Zahl der Gegenstände, sondern in der Zahl der Länder, von denen sonst leicht wieder eines zu stark in den Vordergrund tritt, wie in diesen, Falle Italien. Andre kommen dadurch wieder zu kurz, wie diesmal Spanien, von dem kaum mehr zu scheu ist, als ein Zierschranl. Der ist allerdings sehr charakteristisch mit seinem bronzierten Eiscnschmuck ouf rotem Sammet. Ebenfalls vorbildlich ist die äußere Gestaltung des Abend- niuseumS. Der geräumige Lichthof des Künstgcwcrbe--Muscums wird durch einen Ring von Bogenlampen beleuchtet, die über dem Glas- dach angebracht sind. Sic geben dem Raum eine gleichmäßige Helle, was bei Einzclbclcuchtuiigc» nicht zu erzielen wäre. Leider ist das Licht noch ein wenig zu schwach. Vielleicht ließe sick, durch die Anwendung des Princips, das in uusrcn Kunstsalons üblich ist, nämlich durch Herunterlassen der Lampen bis auf die Hälfte der Höhe, in der sie dann durch Leincustücke abzublenden wären, eine »virkungsvollcrc Beleuchtung erzielen. Doch ist das, was bis jetzt «geboten lvird, iuuucchin schon viel. Und auch die notwendigen kritische» Bemerkungen, die dieser Ärtiw� noch bringen muß, können und sollen dem großen Wert der Sache keinen Abbruch thun. Allein sie sind nicht zii umgehen. Umso weniger, da das Lkbendmuseum, wie schon die ersten Abende beweisen, von einem Publikum besucht werde», das nicht Gelegenheit hat, selber mit einem kunsthistorischen Wissen an die Gegenstände heranzutreten. Thatsächlich beweist aber schon die Art der Besucher, wie viel richtiger ein Abend-, als ein Dageömuscum ist. Die üsthctisicrendcn Museumsbefucher, die nur einen Unrcrhaltuugsstoff suche», die nur ihre Langeweile svazieren führen, fehlen fast gänzlich. Aber gerade für das Publikum, das diese neue u»d schone Art Anschauungsunterricht genießt, hätten solche verwirrenden Dinge vcr- mieden werden müssen, wie sie bei der Repräsentation der Gold- und Silberschmicdekunst gebracht worden sind. Da finden sich unter der sonst den Prunk der Epoche richtig kennzeichnenden Masse von Bechern, Pökale», Schalen und Kannen einige Stücke, die zwar in der Zeit der Licnaissance entstanden sind, die aber ihrem ganzen Wesen der Vergangenheit, dem gotischen Zeitalter angehören. Es sind solche Prunkstücke, die aus irgendwelchen historischen Gründen selbst heutzutage gern älteren Motiven»achgcluwct werden, oft auch darum, weil dem Geschmack der Gcschcnkgcber und Stifter der Gegenwartsstil noch nicht würdig genug für solche Zwecke erscheint, dem die Vergangenheit das Acltere, Weihevollere darstellt. Zu diesen falsch ausgewählten Gegenständen gehören die Kanne der Berggcnosseüschaft von Goslar und manche Pokale aus dem so- genaNntcu Lüuebnrger Schatz, die absolut gar nichts von dem charakteristischen fcingeglicderten Aufbau der Silbcrsachcn der Renaissance haben— was übrigens ihrem Wert nicht schadet. Auch unter den Möbeln wäre manches anders zu wünschen. Das Reich« und lieppige der Epoche kommt fast gar nicht zur Geltung. Die großen, überwältigenden Stücke fehlen. Nur in einzelnen Stühleu, i» zahlreichen Truhen und in mehreren feinen Intarsien, deren verschiedene Holzarten durch das Nachdunkeln mehr zusammen- �ckomincn sind, tritt die große Kunst des Tischlers und Holzbild- Itauers der Renaissance zu Tage. Besonders glänzend schneidet Italien ab, das in seiner Holzbildhauerci und in seinen Intarsien v.icht den heutigen Verfall dieser Techniken ahnen läßt. Auch Frank- reich ist gut vertreten mit jenen Möbeln, die ein decentcs geschnitztes Feld in ruhigem Rahmen zeigen und die nianchcn absichtlich Erccn- tri scheu der Modernen das Absurde seines Thuns vor Augen führen. Nur Deutschland ist zu knapp weggekommen. Und dabei hätte es gerade das Wesen der Renaissance am deutlichsten veranschaulichen können. Wo ist das schöne Schloßzimmcr des Museums? Das wird den Abendbcsuchern sehr zu Unrecht vorenthalten. Das hätte ein viel überzeugenderes Bild vom der Renaissance gegeben, als diese an den Wänden des Lichthofes aufgebauten zahlreichen Truhen. Allerdings hätte dann die Anordnung, an den Wänden angenehm wirkende Gruppen hinzustellen und in der Mitte Schmuck, Gläser und Keramik in Glasschränkcn zu zeigen, unterbrochen werden müssen. Aver gewiß nicht zum Schaden der Sache. Einige ab- geschlossene Ecken würden die Ausstellung nur intimer machen und zum ernsteren Versenken in die Art des Gezeigten auffordern. Nicht nur das Möblcmcnt zeigt Lücken. Schmicdcwerk fehlt nahezu ganz. Auch architektonische Dekorationsstücke sind wcnicr vorhanden. Zwar ist in den Entwürfen zu GlaSgemälden manches enthalten. Und die andren Zeichnungen und Stiche illustrieren vieles. So auch das Kostümlebcn der Renaissance. Doch hätte hier die Darbietung des pommcrfchcn Kunstschrankes anstatt des gewiß sehr feinen Wallbaumschcn weit mehr erzählt von dem Dasein und dcr Pracht der Epoche. Dafür sprechen die köstlichen Gewänder, die sonst nicht de» Bcsuchcrn de» Museums zugänglich sind, eine üppige, erlesene Sprache. Und auch die Keramik ist in zahlreichen guten Majoliken vertreten. Noch reichlicher ist die Auswahl der venctianischcn Gläser. die mit ihren zarten Schivinguugen die Leistungsfähigkeit dieses Materials zeigen. DaS ganze Acrangcmcnt ist trotz aller Mängel geeignet, da? innere und äußere Leben jener Zeit darzustellen, da zu allem auch einige interessante Handzeichnungen beigefügt sind, die von Festen und Turnieren handeln. Einige Stücke aus Privatbesitz, schöne Bronzen, zeigen, wie nicht nur in den Zweigen des Gewerbes, sondern auch in denen dcr Kunst begeisterter Fleiß, ein Zusammenhang bei aller Verschiedenheit, ein geradezu glänzendes technisches Können die Zeit beherrschte und die Buntheit, die edle Ucppigkeit dcr Epoche ermöglichte. Jedenfalls trägt ein Besuch dieser Ausstellung viel zum Ver- ständms der Art dcr Renaissanre bei, die zu Unrecht in den letzten Jahrzehnten falsch nachgeahmt, die auch zu Unrecht mißverstanden wurde. Erreicht eine Ausstellung das mit so wenigen Mitteln, st» ist sie berechtigt Ja, gerade die wenigen Mittel fördern den Zweck. Die aufgestapelten, zusammengchäufrcn und ermüdenden Massen der Museen können hier zu frischem Leben, zur richtigen Wirkung gc- bracht werden— und so neues Leben erzeugen. Und das will etwas bedeuten bei den Mengen, die in den Museen geborgen sindl Fach- ausstclluugen bestimmter Getverbe tönnten ja Abwechslung in die Reihe dcr Ausstellungen bringen. Doch dürften sie nicht überwiegen. da sie eben doch mehr ein Fachpublikum, als ein allgemeines heran- ziehen. So, wie die Sache jetzt liegt, ist sie wert, durch zahlreichen Besuch belohnt zu werden— dcr ja auch die Gewähr trägt, daß die Euirichtung ausgestaltet und verbessert, erweitert wird.— Hans O st w a l d. Humoristisches. — I m Eifer. Der Ortsvolizist von Kümmeliiirlcnhausen sieht auf dem Marktplatze der Stadt, als zwei Herren vorübergehen. von denen der eine eben mit lauter Stimnie zum andern sagt: „Unser B ü r g e r m e i st e r hat wieder mal g c- quatschtl" Ter Ortspolizist, eingedenk seiner heiligen Pflichten und förmlich sprachlos über diese beispiellose Unverfrorenheit, faßt natürlich den Frevler sofort beim Schlafittchen und sagt, nachdem er einigermaßen die Sprache wiedergefunden, mit strenger Stimme: „Mein Herr, Sie haben eben mit weil vernehmbarer Stimme das Haupt unsrer Stadt beleidigt... Wie heißen Sie? Ich werde Sie zur Anzeige bringen!" „Ich habe doch Ihren Bürgermeister nicht g e- meint ," erwiderte dcr Angesprochene,„sondern den von U n t c r lv n rz c l b a chl" „So?" sagte der Ortspolizist besänftigt,„quatscht der ooch?"—(„Fliegende Blätter.") Notizen. — Die Neue Freie Volksbühne führt heute(nach- mittags) und am Bußtag(abends) F i t g e r s Trauerspiel„V o n Gottes Gnade u" im B e l l c a l l i a n c c- T h c a t e r aus. Am vorigen Sonntag konnte das Stück wegen Erkrankung eines Schauspielers nicht gegeben locrdcn.— — Die nächste Novität des L e s s i n g- T h c a t e r s ist Henri Bernsteins drciaktiges Schauspiel„I a ck". Das Stück ging in Wien und Köln bereits unter dem Titel„Der Umweg" in Sccne.— — Anfang Januar bringt das Neue Theater ein neues Lustspiel von Felix D ö r m a n n„Der weiße Rabe" zur Aufführung.— —„A s ch e n b a ch s", ein vicraktiges Schauspiel von Armin Gimmerthal, wurde bei seiner Erstaufführung im D r es- den er Hoftheater beifällig«ifgenommen.— — Batailles Drama„A uferstehun g", nach Tolsiojs gleichnamigem Roman gearbeitet, hatte in Paris bei der General- probe im O d e o n einen starken Erfolg.— — Im Schiller-Theater O. bringt am Bußtag der Nessigscbe Gesangverein zu Charlotteuburg(unter Mit- Wirkung des Berliner Orchestervereins) abends 7-8 Uhr Handels Oratorium„Judas M a c c a b ä u s" zur Aufführung. Die Preise dcr Plätze sind dieselben wie bei den Sonntagiiachmittags- porsrellungeu.—■_ Lcrantlvo.tlichcr Redaktem: Earl Leid in Berlin.— Druck und Perlag: Vorwärts Biichdriickerci im) BerlagSansralt Paul Singer k tto., Berlin fcTW.