Wnterhallungsblatt des Horwärts Nr. 229. Dienstag, den 25. November. 1902 (Nachdruck verboten.) V) f rau Pilatus. Von Oscar Madsen. Autorisierte Uebersetzung von Ida Anders. Der Untersuchungsrichter setzte sich mit einem Ruck im Nett auf und starrte seine kleine Frau erstaunt an. „Ja, das ist ganz richtig. So was wird erzählt, oder steht da geschrieben... Aber wie kommst Du darauf? Du glaubst doch im Leben nicht, daß ich jemals einen Unschuldigen etwas zu Leide gethan habe?" „Nein, Oswald, das glaube ich wirklich nicht. Den Ge- danken wage ich nicht einmal zu denken. Das wäre— ach, so grausam, so häßlich— ich könnte Dich zum Beispiel nie mehr mehr küssen, wenn ich das glaubte. Aber doch— das muß nun einmal schrecklich sein: in der Weise das Wohl und Wehe seiner Mitmenschen in Händen zu haben." Der Assessor legte sich im Bett zurück und zog die Decke herauf. „Natürlich kennt man seine Verantwortung," sagte er in ziemlich kurzem, fast höhnischem Ton. „Was nun den, den Du heute festnahmst, betrifft," sichr sie hartnäckig fort.«Bist Du da Deiner Sache ganz sicher?" „Vollkommen!" Der Ton des Untersuchungsrichters war äußerst be- stimmt. „Na, Gott sei Dank!" Frau Krog beugte sich über ihren Mann und gab ihm den Gute Nachtkuß.„Dann ist ja alles gut. Dann habe ich ja nur um Verzeihung zu bitten für all den Unsinn, mit dem ich kleiner Dummkopf gekommen bin." „Gute Nacht, mein süßestes Weib." „Gute Nacht, mein teurer Freund." Und die Lampe wurde ausgelöscht. VIII. Genau um dieselbe Zeit lag der Bankbeamte Winther und warf sich hin und her auf den: eisernen Bettgestell mit der steinharten Matratze. Die Lampe unter der Decke brannte mit einem schwachen Schein, und sie wurde vor Tagesanbruch nicht ausgelöscht, hatte ihm der Schließer anvertraut, als er seinen letzten Be- such in der Zelle gemacht und zu dem Gefangenen höflich gute Nacht gesagt hatte. Winther hatte nicht erst zu fragen gebraucht, warum man mit der Beleuchtung so splendid umging. Die verschiedenen Bestimmungen des Arrestreglements sprachen im ganzen ge- nommen mit merkwürdiger Deutlichkeit für sich selbst. Zeile für Zeile hatte er sie verfolgt, sich bei jedem neuen Moment gefragt: Wozu nun diese Bestimmung?— und war gleich arauf im stände, sich selbst eine befriedigende Auskunft zu geben. Der Bankbeamte Winther war Weltmann und ge- wöhnt, sich nach seiner jeweiligen Umgebung zu richten. So- dann besaß er die Ruhe und Selbstzufriedenheit des guten Kopfes und des guten Gewissens. Und er gewöhnte sich schnell an die neuen wenig gemütlichen Verhältnisse— ein unangenehmer Uebergang, den man eben mitnehmen mußte nachdem sich seine erste Verwunderung gelegt hatte.— Diese war freilich nicht gering gewesen. Inhaftiert war er, darüber ließ sich nicht disputieren. Assessor Krog wollte sich seine Person für ein oder zwei Tage sichern. Aber deshalb war er ja noch kein Verbrecher! Man würde ihn natürlich mit einer gewissen Rücksicht behandeln. Daß er— obschon nur„beschuldigt" und verhaftet— demselben Anstaltsreglement unterworfen war wie der erste beste überführte Einbrecher, daß fiel ihm keinen Augenblick ein. Erst als er in der Wachtstube des Arrestgebäudes stand, begannen diese seine naiven Illusionen zu schwinden. Zwei, drei höfliche Beamte nahmen sich seiner an, ruhig aber äußerst bestimmt. „Ihren Hut und Ihren Stock behalten wir hier," sagte derjenige von ihnen, der den höchsten Rang einnahm.„Wacht- Meister" war sein Titel, wie Winther später erfuhr. Der Bankbeamte suchte einen zwanglosen munteren Ton anzuschlagen, er lieferte Hut und Stock ab, indem er bemerkte: „Mit Vergnügen! Augenblicklich will ich ja nicht spazieren gehen." Der Wachtmeister blickte ihn ernsthaft an und zog die Brauen ein wenig zusammen. „Sie nehmen die Sache leicht, junger Herr. Wir wollen hoffen, daß die gute Laune anhält." Sodann setzte er die, übrigens sehr gelinde, Visitation fort. „Sie müssen Ihr Taschenmesser abliefern und was Sie sonst an Schneide-Jnstrumenten bei sich haben. Haben Sie eine Uhr? Gut, geben Sie mir die auch— Papier, Portefeuille, Bleistift, Geld— all das verwahren wir hier. Sie dürfen bis zu zwei Mark bei sich behalten. Bekommen Sie die Erlaubnis, sich Extra-Verpflegung zu beschaffen, so können Sie sich vom Schließer noch zwei Mark holen lassen, wenn die ersten verbraucht sind. Na, nun haben Sie wohl nichts mehr ab- zuliefern?" Winther sah zu, während seine verschiedenen Sachen numeriert, registriert und bei seite gelegt wurden. „Ja, nun sind Sie fertig hier," sagte der ernsthafte Wacht- meister mit einem leichten, nicht unfreundlichen Nicken. Dem Beamten, der den Gefangenen weiter begleiten sollte, reichte er einen Schein mit verschiedenen Buchstaben und Zahlen. „Die Zelle ist oben in Ordnung. Der Arrestant hat Nunimer 29. Hier ist ein Kommißbrot." „Die Zelle?" fragte Winther verblüfft.„Soll ich in die Zelle?" „Natürlich," antwortete der Wachtmeister kurz.„Haben Sie einen Salon erwartet?" „Das gerade nicht. Aber ich meinte— ich bin doch kein Arrestant!" „Thut nichts! Gehen Sie jetzt, Schwänenmoos I" Der Schließer, der diesen Poetisch klingenden Namen trug, gab dem Gefangenen einen Wink. Und Winther folgte, indem er verwundert auf das Viertel Kommißbrot starrte, daß ihm der Wachtmeister zum Abschied in die Hand gesteckt hatte. Erst ging er eine Treppe hinauf, dann wieder eine Treppe hinab. Hin und wieder öffnete der Schließer eine Zwischen- thür mit einem Schlüssel seines großen klirrenden Bundes. Winther überkam ein immer stärkeres Gefühl, daß er recht gut vor der Außenwelt versteckt wurde. Endlich standen sie in einem breiten gewölbten Keller- gange. Die Luft hier unten war feucht und rauh. In den gelb getünchten Wänden saß zwei, drei Ellen von einander entfernt. Eisenthür bei Eisenthür, ein gut Stück über dem Fußboden angebracht und besonders schmal— wie eine Art Ofenthür kamen sie Winther vor. Ueber jeder von ihnen stand „Detention Nr...." und dann eine römische Zahl. „Ich soll doch wohl nicht," begann der Verhaftete, während ein kaltes Angstgefühl ihm den Rücken durchschauertc. „Jh— Gott bewahre. Nein!" Schwanenmoos setzte ein beruhigendes Lächeln auf.„Die Dententionen brauchen wir meist für Vagabunden und Trunkenbolde. Nein, Sie sollen nur ins Sttlrzbad, ehe Sie in die Zelle kommen. Wir müssen ja auf die hübschen neuen Bctttücher Rücksicht nehmen — wissen Sie." Winther atmete auf und folgte seinem Führer den Gang weiter hinauf. Schwanenmoos dämpfte die Stimme und sagte:„Darf ich fragen— aber verzeihen Sie, daß ich so frei bin, aber man sieht ja wohl, daß der Herr zu den besseren Ständen ge- hört— haben Sie etwas zu essen bekommen? Ich hörte, daß der Herr lange im Verhör gewesen sind." „Ich bin schrecklich hungrig," sagte Winther,„und durstig." „Dann wäre es vielleicht nicht so uneben, wenn ich dem Herrn ein bißchen Butterbrot bei dem Marketender bestelle, während Sie im Bad sind. Eigentlich ist unsre Essenszeit ja vorüber, aber ich denke, es läßt sich machen." „Dafür danke ich Ihnen sehr— so sechs bis acht Stück. Dann sparen wir das Kommißbrot hier— für bessere Zeiten. Und dann— um Gottes willen— eine Bayrische!" „Ja, so fein sind wir hier nun nicht. Aber Schiffsbier können Sie bekommen." „Meinetwegen. Aber wenn es geht ein Paar Flaschen. Ein andrer Schließer kam dazu, ein sauertöpfisch auS» säender, schwer watschelnder Graubart, der den Gefangenen mit mürrischem Blick von oben bis unten maß. Schwanenmoos wies ihm seinen Jnstruktions-Zettel vor. „Nummer Neunundzwanzig soll ins Sturzbad," sagte er. „Kann mirs denken," brummte der Mte verdrießlich. „Mitkommen, Neunundzwanzig," sagte er zu Winther und stieß ihn beinahe in den kleinen engen Baderaum, während der zuvorkommende Schwanenmoos sich zurückzog. Der Graubart reichte Winter ein grobes Handtuch imd gab sodann seine Befehle in einem mürrischen und unlustigen Tone. „Nun kleiden wir uns dalli aus," sagte er.— Offenbar mochte er nicht gern„Sie" sagen, wagte aber andererseits nicht, zu diesem feingckleideten Herrn„Du" zu sagen.„Wir legen unsre Sachen auf den Stuhl da— ich nehme sie mit mir hinaus — haben wir Läuse?" „Ich nicht." „Na, nicht! Dann rubbeln wir uns im Uebrigen den Dreck von oben bis unten ordentlich ab. Und wenn wir fertig sind, klopfen wir da an die Thür!" „Bitte!" Der pubige Patron beinächtigte sich Winthers Kleider, ging hinaus und schloß die eiserne Thür sorgfältig hinter sich zu, eine Sicherheitsmaßregel, die Winter etwas überflüssig vor- kam. Er konnte doch kaum weit kommen— splitternackt von Kopf zu Fuß, wie er in diesem Augenblick war. Hm— vielleicht sollten seine Kleider erst jetzt ernstlich visitiert werden, fiel ihm ein, während er im Sturzbad stand und die kalten starken Strahlen über fich herabsprudeln ließ. Wie das seine heiße Stirn kühlte und erfrischte, wie das die überreizten Nerven besänftigtes Der Bademeister überantwortete Winther wieder Schwanen- moos' Obhut. Und erst jetzt ging man in das eigentliche Arrestgebäude hinauf. „Ich habe Ihnen Essen besorgt— da oben." „Das war nett von Ihnen. Sie sind ein recht braver und hilfsbereiter Mann!" „So etwas giebt es hier nicht. Man thut hier nur seine Pflicht. Aber natürlich ist es unvernünftig, einen ordentlichen Menschen gleich wie einen Räuber zu behandeln." Winther fand, daß dies klug und human gedacht und gesagt wäre und konnte nur wünschen, daß Schwanenmoos' hoher Vorgesetzter da oben beün Kriminalgericht einen Kursus in guter Lebensart bei diesem bescheidenen amen Schließer durchmachen möchte. Na, so sah das Arrestgebäudc aus, von innen gesehen! Von außen hatte es Winther selten einmal gesehen, wenn ihn sein Weg dann und wann durch die altmodische düstere Lavendelgasse geführt Hatto. Er hatte an den schweren chokoladenbraunen Mauern zu den vergitterten Fenstern im eisernen Rahmen emporgestarrt, und er hatte die Inschrift in fetten, abstehenden Buchstaben gelesen: „Zur allgemeinen Sicherheit." ,(Fortsetzung folgt. x (Nachdruck dervoUn.) OeffentUebe Sicherheit. Modernes amerikanisches Drama in drei Akten. Von Philipp Berges. l. i Zunggcsellenlvöhtmng des Herrn Meyer in New K) o r k. Beleibter Vierziger von jovialem Aussehen. Kann keiner Fliege etwas zu leide thun. Frühmorgens. Herr Meyer sitzt im Schlaf- rock und Pantoffeln am Kaffeetisch und frühstückt in aller Herzens- ruhe. Leider wird das Idyll gestört.) Die Haushälterin(stürzt mit allen Zeichen des Schreckens herein):„Herr Meyer I Herr Meyer l Es sind zwei Männer draußen, die sagen, sie sind Kriminalisten und luolTn Ihnen holen. Ach Gottl Ach Gott! Was haben Sie bloß angestelltl?"" Herr Meyer:„Bei Ihnen scheint's zu rappeln, altes Haus! Lassen Sie die Leute'mal ehitreteu.". (Zwei Policemen in Civil, ein großer und em kleiner, kreten mit finsteren Mienen ein und besetzen die Thür.) Herr Meyer:„Guten Morgen, meine Herren!" Die Policemen(antworten nicht). Herr Meyer:„Darf ich frage», womit ich dienen kann und wer Sie sind?" Der große Police man:.Ouasieln Sic nicht. Sic haben «W auf das zu amworten. was Sie gefragt werden!" Der kleine P o l i c e m a nt„Ehe Sie sich mucksen, haben Sie Handschellen an de Vorderfütze, verstehen Se mir?" Herr Meyer(sperrt Mund und Nase auf und ist stumm vor Ueberraschungi. Der große P.:„Zur Sache! Sind Sie nun Moritz Mcyev oder Nikolaus Meyer— he?" Der kleine P.:„Wenn Se Flausen machen, sitzen Se im grünen Kasten, ehe Sie Piep sagen können. Wir kennen Sie Karnalljel" Herr Meyer(entrüstet):„Vor allen Dingen bitte ich miv einen andren Ton aus. Sie sind hier in meiner Wohnung!"- Der große P.:„Schnabel gehalten, Schnabel gehalten, wenn Sie die Sache nicht verschlimmern wollen! Also: Moritz oder Nikolaus?" Der kleine P.:„Wenn Se die Zähne fletschen, werden Sei mit einer Geschwindigkeit von O.S eingelocht. Also flink geantwortet und nich gelogen: Ritolaus oder Moritz?" Herr Vi eher(resigniert, um der Sache ein Ende zu machen) Z „Also schön. Ich bin Moritz Meyer, was weiter?" DergroßeP.:„Ahal Also M. Meyer, nicht Nl Dann haben! wir Sie, dann sind Sie alle!" Der kleine P.:„Denn sind Se schonst so gut wie in'kl Kasten. Folgen Sie uns auf der Stelle zum Polizer-Amt!" Herr Meyer:„Was? Sind Sie verrückt? Mich wollen Sie verhaften? Warum denn?" DergroßeP.:„Das geht Sie nichts an. Marsch! Kommen Siel" Derkleine P.:„Wenn Se nich» tempo loskrappeln, werden Se gepackt, daß Ihnen die Rippen knacken." Herr Meyer:„Es muß ein Irrtum oder eine Verwechslung borliegen. Ich werde mich ankleiden wü» mit Ihnen zum Polizei-Amt gehen, dort wird sich alles aufklären." Der große P.:„Ankleiden? Sie sind woll nicht von hier? Für so was haben wir keine Zeit!" Der kleine P.:„Wenn Se nicht stonte pecke antreten, werden wir Se Mores lehren, daß Ihnen de Puste ausgeht. Marsch! losl" Herr Meyer:„Nein, das ist zu toll. Bin ich denn ein Ver- brccher? Ich protestiere! Wie kann ich denn im Schlafrock und Pan- toffeln über die Straße gehen? Ich weigere mich aufs entschiedenste." DergroßeP.:„Hier ist nichts zu machen, pack' an, Kollege l� DerkleineP.:„Mit Dir wcrr'n wir noch fertig, Männcken» Nu los!" (Herr Meyer wird angepackt und unter seinem eignen und dem Geschrei der Haushälterin zum Hause hinaus und auf's Polizei-Amt geschleppt.) II. (Polizei-Amt. Die beiden Policemen schleppen Herrn Meyer herein und bringen ihn als Morgcnopfer dem Herrn Polizei- Superintendenten dar.) Der große P.:„Verhaftung deS p. p. Meyer ausgeführt. Hier ist das Individuum!" Der kleine P.:„Die Karruallje hat Widerstand gegen diS Staatsgewalt ausgeübt, gehorsamst zu melden." Herr Meyer(geladen, wie eine Kanone):„Ja, zum Kreuz» millionen-Donnerwetter. hat die Komödie jetzt ein Ende? Ich will wissen, weshalb ich wie ein Mörder hierher geschleppt werde l* Der Herr Superintendent(schreiend):„HaltciB Se's Maul!"Sonst werden Se abgeführt! Für renitente Häftlinge jibt's Mittel!" Herr Meyer(ebenso brüllend):„Ich bin Staats« b ü r g e r. zahle meine Steuern, lebe in einem civilisierten Staate» verstehen Ste mich? Weswegen bin ich hier?" Der Herr Superintendent:„Ruhe! Hier befehle ich, hier bin ich Herr! Wenn Se's Maul nicht halten, bis ich Sie frage. spazieren Sie ohne weiteres in die Zelle i" Herr Meyer(außer sich):„Sie unverschämter Patron! Bin ich für Sie da oder Sie für mich? Wer bezahlt Sie? Ist es nicht der Bürger, bin ich es nicht? Und wofür bezahle ich Sie? He? Damit Sie und Ihre Truppe mir Sicherheit gewährleisten. Und was thun Sie dagegen? Sic zerren mich aus meinem Hause, ver- weigern mir Antwort, behandeln mich wie einen Verbrecher! Lebe ich in Neu-Guinea, sind wir in Rußland, es fehl» ja nur noch die! Knut eil" Der Herr Superintendent(der erstaunt zugehört hat):„Leute, der Mensch ist j e i st e s j e st ö r t. Ehe wir weiter- jehn, packen Se'n in den jrüncn August und fahren Sie ihn mit ins Stadthaus zum Arzt, der soll seinen Jeistcszustand bcjutachtcn. Aber lejen Sie dem jefährlichen Menschen Fesseln an, damit kein Unjlück geschieht. Marsch— ab!" Herr Meyer:(bricht in verzweifeltes Lachen aus):„Na. denn man los! Bin schon selbst neugierig, wie weit die Gewalt in einem modernen Rechtsstaat zu gehen wagt."(Wird mit Hand- schellen gefesselt und abgeführt.) Zwischenvorhang. (Im„grünen August". Der Wagen rollt durch die Stadt. Hinten sitzen zwei Policemen. Im Innern des Wagens, zellenweise getrennt. Dirnen und Verbrecher, unter ihnen Herr Meyer.) E i n s ch w e r e r I u n g e(zu Herrn Meyer):„Na. Burschckeu. was haste denn jemacht? Dir haben se ia Armbänder an,-zogen. Einen abgemurkst, war?" Eine T i r n e:..Ich jloob, bat iZ der, wo leizte Woche die olle Kommcrzienräiin abgemurkst hat. Na, um e e» e n Kopp kürzer werden se ihm schon machen." Der Policeman(von außen):„Nehmt Euch vor dem S3ruder da in acht, der is nich richtig im Oberstübchen I" Der schwere Junge:„Du, Kamerad, spielst Du den wilden Mann? Na, mir kannst et schon sagen. Ick kenne den Rummel, Hab' selbst schon fünfzehn Jahre gehabt und kriege nun mindestens sünfe dazu." Eine Dirne:„Kiek bloß, wie se den Bruder rausjeholt haben. Aich mal a n j e z o g e n is er. Der hat sicher eencu ab- geimrrkstl"(Der Wagen hält.) Z w i s ch c n v o r h a n g. (Beim Arzt. Junger, fescher Herr, der alle Hände voll zu thun »md gar keine Zeit hat. Zivanzig Dirnen und aufgegriffene Weibs- Personen sind schon untersucht. Herr Meyer wird hereingeführt, immer noch i» Schlafrock und Pantoffeln. Einer der Polizisten flüstert dem Arzt etwas zu.) Der Arzt:„Arrestant, ziehen Sie sich aus, damit ich Sie Autersuchen kann." Herr Meyer(sich uiit übermenschlicher Kraft zur Ruhe zwingend):„Erst möchte ich mit Ihnen sprechen, Herr Doktor! Ihren Schutz anrufen. Ich bin irrtümlich verhaftet worden. Aber niemand will mich anhören!" D e r A r z t(barsch):„Das kennen wir. Uebrigens— mag sein. Mich geht das nichts an. Ich habe nur das Meinige zu thun und Sie auf Ihren Geisteszustand hin zu untersuchen. Zunächst körperlich. Ziehen Sie sich aus!" Herr Meyer(abermals seine Ruhe verlierend):„Nein, ich will nicht. Hören Sie. ich will nicht. Da könnte ja jeder kommen. Sie könnten ja auch sagen, springen Sie zum Fenster hinaus. Wer sind Sic. daß Sie mir befehlen wollten, mich auszuziehen!" Der Arzt(ebenfalls seine Ruhe verlierend):„Wollen Sic setzt oder wollen Sie nicht? Wir fackeln hier nicht lange!" Herr Meyer:„Hüten Sie sich, Gewalt anzuwenden. Meine Geduld ist zu Ende. Wer mich anfaßt, hat meine Faust im Gesicht!" Der Arzt:„Mensch. Sie scheinen wirklich verrückt zu sein." Herr Meyer:„Wenn mir dies alles in einem civilisierten Staat passieren kann, dann muß ich verrückt sein, daß ich nicht zu den. Botokudci! auswandere." D e r A r z t:„Was faselt der Mensch da? Er ist thatsächlich ver- wirrt. Man schaffe ihn ins K ra n k e u h a u L zur lveiteren Be- obachtung. Marsch!" (Herr Meyer wird trotz heftigen Sträubens und Protestierens weggeschleppt.) VI. (Nach 14 Tagen. Herr Meyer sitzt morgens, in weiße leinene Kleider gehüllt, in einer Stube des Krankenhauses. Abteilung für Nervenkranke. Der Oberarzt tritt, einen Zettel schwingend, mit allen Zeichen der Freude ein.» Oberarzt: Endlich, Herr Meyer, ich gratuliere Ihnen, Sic sind frei I" Herr Meyer: Ach nee, wirklich?° Oberarzt:„Ja, es ist unbegreiflich, daß man Sie so lange festhalten konnte. Ich habe ja gleich am erften Tage festgestellt, daß Sie völlig gesund und im Besitz ihrer sämtlichen Sinne waren." Herr Meyer:„Ist nett von Ihnen gewesen. Aber nu sagen Sie um Himmclswillen, warum und für wen habe ich denn eigentlich gebüßt? Welchen, Mörder oder Galgenstrick sehe ich so ähnlich, das; man mich sozusagen im tiefsten Negligs dingfest machte?" Oberarzt:„Sie irren, Ihre Berhaftung war kein Irr- t u m." Herr Meyer:„Nanu? Sollte ich im Schlafe ein Verbrechen begangen haben?" Oberarzt:„Hören Sie zu! Sie haben ein Abonnement für die Philharmonischen Konzerte genommen und es noch nicht bezahlt." Herr Meyer:„Stimmt. Ich war etwas knapp." Oberarzt:„Nun haben Sie aber an der Kasse, ich nehme an irrtürlich(oder der Kassierer hat sich verhört), sich als N. Meyer bezeichnet, anstatt M., die Leute konnten infolgedesicn Ihre Adresse nicht ausfindig macheu und wandten sich an die Polizei—" Herr Meyer:„Doch wohl mir, un, meine Adresse aus- findig zu machen?" Oberarzt:„Kann sein. Genug, die Staatsanwaltschaft nahm wohl an, Sie seien auf Schwindel ausgegangen..." Herr Meyer(erstaunt):„Nahm an? Und deshalb werde ich wie'n Verbrecher aus dem Hause gezerrt, darf mich nicht mal anziehen, man hält mich tagelang fest—" Oberarzt:„Und würde Sie noch festhalten, wenn Ihr An- wall nicht alle Hebel in Bewegung gesetzt hätte. Sie sind auch noch nicht aus dem Dreck. Denn da die Polizei ihre Betrugsannahme fallen lassen mußte, sind Sie jetzt wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt, begangen bei Ihrer Verhaftung, an- geklagt." Herr Meyer:„Mein Zeug, mein Hut, mein Stock! Schnell! Das warte ich nicht ab. Ich verlasse Amerika, wo einem fried- sichen Bürger so mitgespielt werden kann, fj.'er giebt's keine öffentliche Sicherheit mehr. Die Polizei haust schlnmner als Dionysius. Ich wandre aus nach Deutschland! Das ist ein Musterstaat, d a giebt's Recht und Gerechtigkeit, d a kann so was nicht vorkommen i"— kleines f euillcton« _ ck. Der Absinth. Eine Statistik, die ans offiziellen Ouellen schöpft, stellt fest, daß der Abfinthverbrauch in Frankreich in sieben Jahren, von 1885 bis 1892, um 85 000 Hektoliter zugenommen hat. während für 1892 bis 1896 eine weitere Verinehrung u», 85 000 Hektoliter festgestellt ist. Und das Gift wird immer mehr konsumiert. Man sieht dabei selten betrunkene Männer oder Frauen aus den Straßen von Paris, und fast niemals in der Provinz, und doch untergräbt der zunehmende Absinthgebrauch die Gesundheit der Franzosen und ist einer Hauptfaktoren für die Abnahme der franzöfischen Bevölkerung. Absinth wird zubereitet, indem die Blätter und Blüten verschiedener Arten Wermut, die Wurzel vom Angclikasttauch, Kalmus, kretischen Diptam, die Frucht von Sternanis und andre aromattsche Kräuter zerstampft und in Alkohol ein- geweicht werden. Das Gemisch zieht acht Tage, wird dann destilliert und giebt eine smaragdgrüne Flüssigkeit, der gewöhnlich Anisöl zu- gesetzt wird. Von diesem reinen Absinth wird aber jetzt nur sehr wenig in Frankreich verkauft, denn es kommen zahlreiche Verfälschungen dabei vor. Die grüne Farbe wird dann durch Gclbwurz und Indigo erzeugt, oft wird auch Kupfervitriol dazu gebraucht. Wieviel Absinth in Frankreich destilliert wird, läßt sich unmöglich schätzen, aber von der Schweiz werden jedes Jahr 130 000 bis 180 000 Hektoliter eingeführt. Absinth war zuerst ein Medikament und wurde den franzöfischen Soldaten während des Krieges in Algier 1844— 1847 als fiebervertreibcndes Mittel im Wein von den Regimentsärztcn verordnet. Bei ihrer Mckkehr brachten die Soldaten die Gewohnheit des Abfinthtrinkens mit in die Heimat, und jetzt ist es ein schweres nationales Uebel. Absinth schmeckt nicht gut. ist aber wegen seiner Wirkungen so beliebt. Rur abgehärtete Absinthtrinker nehmen ihn rein, gewöhnlich wird Syrup oder ein Stück Zucker dazu gethan, dies aiif einen durchlöcherten Lösiel yuer über das Glas gelegt und durch tropfenweises Hinzugießen von Wasser langsam zum'Schmelzen gebracht. Bei dem an den Absinth wicht gewöhnten Trinker erzeugt er ein Gefühl seltsamer Be- geisterung, die nicht der Trunkenheit des Weins ähnelt, sondern jede individuelle Fähigkeit zu Hären scheint. Der Absinthtrinker fühlt sich nach dem Genuß seines gewöhnlichen Maßes„über sich erhoben". Natürlich muß er von Zeit zu Zeit seine tägliche Dosts vermehren. um dieses Gefühl zu erzeugen, und diese Verinehrung bringt die Thätigkeit der Verdauungsorgane in Unordnung und zerstört den Appetit. Der gewöhnliche Abfinthttinter, der in Frank- reich täglich zwanzig Dosen zu sich nimmt, ißt nur so viel, um das Leben zu erhalten, und hat einen großen Wider- willen gegen alle Nahrung mit Ausnahme sehr trockener und nicht fetter Nahrungsmittel. Nach dem Verlust des Appetits zeigt sich dann ei» unstillbarer Durst mit Schwindel, Ohrensausen, Gesichts» und Gehörhalluzinationen und eine ständige geistige Depression und Aengsttichkeit, wenn der Absinthtrinker nicht unter dem Einfluß deS Absinths steht. Der Verlust der Geisteskraft und Idiotie oder Tob- sucht folgen bald. Andre mehr allmählich eintretende Symptome sind Zittern der Muskeln und eine große Abnahme der Körperkraft. Das Haar fällt aus, die Zähne lockern sich im Gaumen, der Absinth- Winker magert ab, bekommt eine bleiche Farbe, ist ein Opfer schreck- licher Träume und wird schließlich paralytisch. Die Formen des Absinthwahnsinns sind sehr mannigfaltig und werden am deutlichsten durch einige Fälle erläutert. Ein Absinthtrinker konnte z. B. kein blaues Seidenkleid sehen, ohne es anzubrennen. Er wurde an einem Nattonalfest verhastet, weil er 37Kleider mit seiner angezündeten Cigarre verbrannt hatte. Viele Absinthttinker leiden an Halluzinationen, die aus Verfolgungswahn entstehen. Ein merkwürdiges Opfer diefer Art war ein gebildeter Mann, der Elektriker Valentin Boyer. Er war überzeugt, daß unsichtbare Feinde ihn mittels Elektticität ver- folgten. Monate lang verbarg er sich auf dem Lande in einer sechs Fuß tiefen Grube und bedeckte sich jeden Abend mit Erde. Eines Tages kam er nach Paris und wurde sofort wegen seiner sonder- baren Tracht verhaftet. Um die Elektrieität abzuhalten, trug er einen kupfernen Rock im Gewicht von 385 Pfd., darüber sieben große Stücke dicken ÄartonpapierS, viele alte Zeitungen, Holzstücke und darüber einen zweiten Küraß aus Kartonpapier, mit Lederstrippen befestigt. Er trug gnch einen Bleihelm mit einem Visier, das er übers Gesicht ziehen konnte; so glaubte er sich sicher vor seinen Feinden. Litterarisches. c. k.„Die wilde Anns ch." Ein heiterer Künstlcrroman von Gustav Adolf Müller. Berlin- Charlottcnburg. Verlag Continent.— Es ist so'ne Sache mit dem Romanschreiben. Die Einen können's, die andern Vielen können's nur halb. Dann sind sis Pfuscher oder gar nichts, dann heißen sie Dilettanten. Welcher dieser drei Kategorien der Verfasser des vorgenannten Romans bei- zuzählen ist, läßt sich nicht so bündig feststellen. Er hat nach Aus- weis des„Kürschner" schon mancherlei in Versen und Prosa ge schrieben. Ei» Urteil hierüber versag' ich mir, weil ich nichts gl sei» habe. Mit diesem Roman versteigt sich nun G. A. Müller n. aS künstlerische Gebiet. Ich muß sagen: eZ ist das nächstgelegenste— und abgedroschenste. Beinah' jeder junge Autor fängt damit an. Kommt also wieder Einer mit einem Künstlerroman, dann verlangt der Kritiker und der Leser schon ein neues Problem, eine ungcwöhn- lichc Profilierung und Darstellungskraft. Sonst wird's Wasser- suppe. Ein paar winzige Fettäuglein schwimmen nun ja auf Müllers Romansuppe, mehr aber auch nicht. Er will darthun, daß zwei Menschenseelen für einander bestimmt sind und sich auch trotz aller Lebenswidrigkeiten finden müssen. Schön. Aber dazu braucht „er" doch kein Künstler und„sie" keine philosophierende„Annsch" !(Anna) von Ostpreußen zu sein. Maler Reinhold, eine Berühmt- Iheit am scccssionistischen Kunsthimmel, flirtet einmal in Herings- darf. Aber da er ein Gimpel, wird er gefangen und eh' man sich's versieht, hat der Standesbeamte den Ehepakt vollzogen. Sieben Jahre danach treffen wir Reinhold als Eheflüchtling in Italien wieder. Es war eben nichts mit der Frau gewesen, die als Tochter eines Regicrungsrats natürlich den Beamtenzopf und das Böotier- tun? in die Ehe gebracht hatte. Bei G. A. Müller ficht man das Unheil schon voraus. In Italien wird dann schönheitstrunken geschwärmt, dem äolce lsr niente fleißig gehuldigt, ein bischen mit glutäugigen Römerinnen geflirtet, und der Autor ergreift hierbei die Gelegenheit, seine Erfahrungen in Italien recht angenehm fcuilletonistisch zu schildern. In Rom begegnet Reinhold wieder der „wilden Annsch", die aber schon eine ruhigere gesetzte Witwe ge- worden ist. In der Heimat angestrebte Ehescheidung, mit der es jedoch nicht recht nach Wunsch Reinholds gehen will, hier auf italienischer Erde das Aufsprießen eines neuen Liebes- und selbstredend auch Schaffcnsfrühlings— was will man mehr! Aber ist das nicht schon unzählige Male von Dutzendschriftstellcrn behandelt worden? Nirgends ein Neues, kein Ausnahmefall, kein Problem, keine hervorstechende Charakterisierung, keine dichterische Individualität. Menschen, Dinge. Verhältnisse im alltäglichen Durchschnitt, dürftiger Stoff, der durch langweilige Einschiebsel und Banalitäten durch LS8 Druckseiten geschleppt wird. Das Ganze heißt dann„Heiterer Künstlcrroman", obwohl von„Heiterkeit" nichts zu spüren ist. Und ., Künstlerroman"? Ein sogenannter„Feuilleton"- oder„Unter- ihaltungs"-Roman ja— aber weiter nischt.---» Aus dem Tierlebe». ss. Die Witt.erungökunde der Zugvögel. DaS Gebahren der Vögel, die ihren Aufenthaltsort über weite Länder hin »nit den Jahreszeiten wechseln, hat die Aufmerksamkeit der Natur- forscher seit langem auf sich gelenkt. Der wunderbare Ortssinn, den die Vögel bei der Verfolgung ihrer Zugstraßen und bei der Auf- suchung ihrer alten Nistplätze beweisen, genügt allein, die Beobachtung der Menschen auf diese Erscheinung zu richten. Noch fesselnder ist der Gegenstand durch den Nachweis geworden, daß die Zugvögel beim Ueberfliegen der Meere— hauptsächlich kommt ja das Mittel- nreer in Betracht— alten Landbrücken folgen, die im Verlauf der jüngsten Erdgeschichte zusammengebrochen und vom Wasier überdeckt worden sind. So giebt es eine große Zahl von höchst inter- essanten Fragen, die mit dem Zug der Wandervögel in Verbindung stehen. Einer der hervorragendsten amerikanischen Physiker, Professor Trowbridge, hat sich in seinen Mußestunden mit der Abhängigkeit der Zugvögel von den Witterungsverdältmssen beschäftigt und darüber eine beachtenswerte Swdie im„American Naturalist" veröffentlicht. Es ist von ftüheren Forschern die Be- hauptung aufgestellt worden, daß die Zugstraße der Vögel in ihrer Richtung, die durchaus nicht immer der geraden Linie folgt, nicht nur von der Bodengestaltung, sondern im besondern von den Temperaturverhältnissen beeinflußt wird. Trowbridge macht darauf austncrksam, daß dieser Zusammenhang eine erheblich geringere Bedeutung hat, als die Abhängigkeit der Zugvögel vom Wind, wobei freilich zu bemerken ist, daß das Austreten und die Verteilung der Winde lviederum von den Temperaturvcrhälwissen bedingt wird. Der Gelehrte hat sich hauptsächlich die Flüge der Habichtsvögel ausersehen, um seine Beobachtungen über die Witterungsknnde der Zugvögel im allgemeinen zu ermitteln. Man kann wohl in gewisser Beziehung von einer Witterungskunde der Vögel sprechen, denn sie müssen selbstverständlich bei einem so bedeutsamen Unternehmen, wie es der Flug über viele Hunderts von Meilen darstellwidrige Wittcrungsverhältnisse zu vermeiden und günstig zu benutzen wissen. Die von Trowbridge festgestellte Thatsache, daß die Windrichtung den Zug der Vögel in erster Linie bestimmt, ist für die Wissenschast nahezu neu, obgleich er so naheliegend erscheint. Er hat erkannt, daß die Wanderungen der Habichtsvögel stets von dem Eintritt günstiger Winde abhängig sind, die eben als Hilfsmittel ausgenutzt werden. Ein widriger Wind verzögert nicht nur die Wanderung, sondern bringt sie fast völlig zum Stillstand. Die Auswanderung der Habichtsvögel dehnt sich auf eine Zeit von vierzehn Tagen bis zu einem Monat hin, und innerhalb dieser Frist werden die Tage mit günstigen Winden zur Absegeümg ausgewählt. Nllch die Art des Flugs richtet sich nach der Gunst der Windrichtung. Weht der Wind fast in derselben Richtung, in der der Flug vor sich ehen soll, so fliegen und segeln die Habichte in großer Höhe und eschreibcn gelegentlich auch Kreise in der Luft. Ist der Wind nicht ganz ungünstig, aber doch nur wenig förderlich für die Vögel, so müssen sie lavieren, was durch die fortgesetzte Beschreibung von Kreisen geschieht. Wichtig ist, daß die Habichte nur zur Tageszeit wandern und am häufigsten außerdem bei klarem Himmel. Herrscht «craiitwortticher Redakteur: Carl Leid in Verlin.— Druck und Verlag:! beim Eintritt der Zugzeit gerade günstiger Wind, so kann die Ab- segelung sehr rasch von statten gehen, während andernfalls eine Woche oder auch länger gewartet wird, bis ein Stachschub erfolgt. Sind die Vögel einmal aufgebrochen, so lassen sie sich durch Winde, die ihrem Fortkommen Ivenig günstig sind, meist nicht ganz aufhalten, sondern schlagen einen kleinen Umweg ein, um der herrschenden Luftströmung die beste Seite abzugewinnen.-» Humoristisches. — Persischer Volkshumor. Der Held zahlreicher, unter dem persischen Volke weit verbreiteter Anekdoten ist der Wollah Nasr- Eddin. Er soll der Ueberlieferung nach Ende des 14. Jahrhunderts in Kleinasien gelebt haben. Nach einem in Aschabad erscheinenden russischen Blatte teilt die„Kölnische Zeittmg" folgende Schwanke mit: Nasr- Eddin hatte gehört, daß in einer Nachbarstadt ein Mann lebe, der als Lügner und Aufschneider sehr bekannt war. Er beschloß ihn zu besuchen. Ist Dein Vater zu Hause? stagte Nasr-Eddiu ein kleines Mädchen, das er vor der Hausthüre des Lügners traf. Nein, war die Antwort, er ist ausgegangen. Man hat ihn kommen lassen, damit er die Wolken zusammenflicke, die der gestrige Wind zerrissen hat. Der Mollah war höchlichst verwundert. Wenn die Tochter schon so gut lügen kann, wie muß es dann erst der Vater können, dachte er und kehrte wieder heim.— Die Tochter Nasr-Eddins kam einmal zu ihm und beklagte sich über ihren Mann. Er hat mich geschlagen, sagte sie. Er gab mir einen Stteich auf die linke Backe. Ich hoffe, Du wirst es nicht leiden, daß jemand Deine Tochter beleidigt? Er hat meme Tochter beleidigt, erwiderte der Mollah nachdenflich. Nun gut, dann werde ich dafür seine Frau beleidigen I Und er gab ihr einen Stteich auf die rechte Backe.— Ein Freund Nasr-Eddins bat ihn, vor Gericht zu seinen Gunsten zu zeugen. Nasr- Eddin sagte zu. Dieser Mann, sprach der Freund des Mollah vor dem Richter und wies auf seinen Gegner, hat mich um zehn Maß Weizen bestohlen. Hier ist mein Zeuge— der Mollah Natt-Eddin. Ja, in der That, bestättgte dieser, er hat zehn Maß Gerste gestohlen. Nein Weizen! warf der Kläger ein. Wenn ich schon lügen muß, erwiderte der Mollah gelassen, dann ist eS doch ganz einerlei, ob es Weizen oder Gerste war.— Eines Morgens wollte Nasr-Eddin ein Pferd besteigen, setzte aber statt des linken Fußes den rechten in den Steigbügel. He, Mollah, was thust Du? rief jemand. Du steigst ja verkehrt aufs Pferd. Ich steige ganz richtig auf. antwortete Nasr-Eddi» ruhig. Ich hatte bloß nicht bemerkt, daß das Pferd, ach, dieses dumme Tier, heute verkehrt steht.— 9 Notizen. — Das Schauspielhaus bringt noch in diesem Winter Hebbels Drama„Gyges und sein Ring' zur Aus- fuhrung. Das Stück ist bisher noch nicht im Schauspielhaus ge- geben worden.— — BjörnsonS„Paul Lange und Tora Parsbergs geht am 8. Dezember im Berliner Theater in Scene.— „ S o l o n in Lydien", ein dreiaktiges Schauspiel von Theodor Herzl, ist vom Schauspielhause zur Aufführung angenommen worden.— — Halbes Komödie„M a l p u r g i s t a g" fand bei der Auf» führung in? Münchener Schauspielhause eine geteilte Aufnahme.— — An der G r o ß e n Berliner Kunstausstellung 1Sl)3 wird sich auch die Vereinigung Berliner Architekten wieder mit einer Sonderausstellung beteiligen.— — 13 neue Planeten sind in den letzten Wochen, der „Allgemeinen Zeitung" zufolge, auf der Bcrgsternwarte Königstuhl bei Heidelberg durch photographische Daucraufnahmen entdeckt worden, und zwar bis auf zwei von Professor Max Wols selbst. Im ganzen sind?m laufenden Jahre auf dem Königstuhl nahezu 40 Planeten neuentdcckt worden.— — D i e feinste Wage der Welt. In der Bank von England hat man vor kurzem eine Wage von außerordentlicher Genauigkeit aufgestellt. Wenn man auf die eine ihrer Schalen eine einfache Briefmarke legt, so bewegt sich der Wagcbalken um etwas mehr als IS Centimeter auf der Skala. Ja auch das Gewicht eines Tintenflecks auf einem Blatt Papier genügt, um die Schale zu senken, ein Haar, ein Sandkorn bringen eine merkbare Senkung des Wagebalkens hervor. Und doch kann die Wage bis zu 200 Kilo» gramm in Gold oder Silber wiegen, ohne daß auch ein Fehler von nur 7� Milligramm unterliefe. Geht das Gewicht darüber hinaus, so ivird dies durch ein automatisches Läutewerk angezeigt. Die Wage der Bank von England, die 2,20 Meter hoch ist und über zwei Tomren wiegt, hat, wie berichtet wird, fast 10 000 M. gekostet.— — Die Arbeiten am Simplon sind nach der„Kölnischen Volkszeitung' sehr schwierig geworden. Durcb gewalttae Temperatur- steigerungen sind die bisherigen täglichen Forttchrittsziffern von 7 und 8 Meter auf 5 und 0 Meter gesunken. 6 Kilometer sind noch zu durchbohren. Es dürfte wahrscheinlich zu einer Fristverlängerung kommen.—__ iorwärts Buchdruckerei und Berlagsanfwlt Paul Singer& Co.. Berlin SW.