Nnlerhaltungsblatt dcs Vorwärts Nr. 232. Freitag, den 28. November. 1902 (Nachdruck vcrbokir) 8) frau pllatus. Von O s c a r M a d s e n. Antorisierte tlobersotzung von Ida Anders. �rau Krog lies; ihre Gabel fallen und starrte ihren Mann sprachlos an. Tu sie wirklich vorgeladen?" „Natürlich. Es war notwendig." ,.?ll'er weißt Tu denn nicht, daß sie in andren Ilm- ständen ist?" Er sagte ein paar Worte darüber. „Was bat drK- Gericht damit 311 thun?" „Aber in dem Zustande— nervös und hysterisch, wie sie ist..." „Um so besser. Dann kann sie keine Komödie spielen. Dann kriegen wir gerade die Wahrheit heraus." „Nun bist Du garstig, Oswald." Der Assessor lachte laut, dann stand er ans und ging mn den Tisch herum zu seiner Frau. Er tvollte sie küssen, uin ihr so den Mrind zu schließen und ihre ferneren Eilsendungen zu verhindern. Aber sie widerstrebte: „Nein, Du verdienst keinen Kuß." Assessor Krog faßte sie liebkosend unter das Kinn. „Du kleine Frau Pilatus," sagte er.„Hast Tu wieder böse Träume gehabt?" „Nein, keine Träume," antwortete sie ärgerlich.„Der Besuch war wirklich genug. Du solltest mir dafür danken, daß ich Deine wie meine Würde so gut gewahrt habe. Aber Dir gegenüber— unter vier Augen— werde ich die Meinung meines Herzens sagen dürfen." Nun wurde der Assessor verdrießlich und verletzt. „Es nützt nichts, Ragnhild, darüber noch zu sprechen," sagte er kurz und bestimnit.„Frau Winther kommt morgen inS Verhör." „Du verhörst sie nicht, Oswald!" „Vei Gott, ja!" „Dann bist Du ein Unmensch." „Wohl möglich. Aber trotzdem tlnie ich meine Pflicht!" „Deine Pflicht?" machte sie nach.„Du mit Deiner Pflicht." „Gerade. Stets meine Pflicht. Und damit Posta! Gesegnete Mahlzeit!" Xl. Es vergingen eine Nacht und ein Tag, ein langer, schreck- licher Tag, und wieder eine Nacht, in der der Bankbeamte Winther endlich Rtil>e, gesunde und süße Ruhe, fand und den . sicheren Schlaf des Gereästen schlief, bis Schwanenmoos spät am Morgen seine Zellenthür öffnete. Das Kreischen des Schlüssels in dem schweren Schloß machte den Gefangenen sofort völlig munter, dieser verdammte Laut, der Winther jedesmal, wenn er ihn hörte, stärker und stärker reizte, denn mchr wie alles andre rief er laut von Frciheitsberatwung, von Einsperrung. SchwanenmooS platlderte freundlich drauf los, während er dem Verhafteten die Sachen aus der Pritsche zurechtlegte. „Na, heut Stacht ging es wohl besser mit dem Schlaf?" fragte er teilnehmend. „Ich habe geschlafen wie ein Murmeltier," bestätigte Winther, der geschwind in die Kleider fuhr und den warme« Thee himinten'pülte. Sobald er angekleidet war, mußte er zum Auslüften in den Gefängnishof. Er kannte den Weg vom vorher- gehenden Tag und ging mit festen, sicheren Schritten die hohen knarreiideii Treppen in der Mftte dcs ArrestgebäudcS hinab. Ain Hofausgange stand der mürrische graubärtige Vc- kangenenwarter, den Winther von seinem Besuch im Sturz- bade kannte. Der Arrestant nickte ihm freundlich z«, doch der alte Murrkopf perstand keinen Spaß. Er grüßte nicht wieder, sondern kommandierte barsch: „Vorwärts! Vorwärts! Wir müssen uns beeilen!" Es war nämlich sein Amt, aufzupassen, daß der rechte Zwischenraum zwischen den Gestuigeiien innegehalten wurde. während man sie, einen nach dem andern, in den Gefängnis hos hinausließ, so daß der eine den andern nicht bemerkte. Diesmal kam Winther doch so fix hinaus, daß er akkurat einen Schimmer von seinem Vorgänger auffing, einem schlimmen Banditen, der gerade um die Ecke bog. Winther folgte der Schnur, die ausgespannt war, um den Weg anzugeben, in schnellein Schritt. Er hörte vor sich. Schlag aus Schlag, wie die Sprosfenthüreu zu den kleinen dreieckigen Gefangenenhöfen zuschlugen, die in Sternenforni von emem gemeinsamen Mittelpunkt ausstrahlten, und durch Mauern, die so hoch waren, daß sie jede Verbindung zwischen den Gefangenen verhinderten, von einander getrennt wurden. An der Sprossenthür zu jedem Gesangcncnhofe stand außer- dem ein Schließer Wache. Schwanenmoos stand schon und wartete an der an gelehnten Thür. Er trug eine große blaue Brille, der Sonne wegen, die heiß auf den betonbelegten Hofplatz herabschoß. Als Winther vorbeiging, nickte er ihm freundlich zu. „Ein kleiner Landanfenthalk,".sckzerzte er. Der dreieckige Gefängnishof maß gut und gern seine dreißig Schritte in der Länge, immerhin dreimal so viel als die Zelle. Und Winther schritt aus, hier konnte man ja förmlich spazieren gehen. Begierig sog er die Luft ein, sonderlich frisch war sie gerade nicht in diesen heißen Sommer- tagen, innerhalb der engen Gefängnismauer», in die kein Lnfthauch hinabdrang; die Nachbarschaft der Bedürfnishänser der Eafcks verleugnete sich auch nicht. Gleichviel, im Arrest wird man genügsam. Es war doch immer eine Abwechslung. eine Erfrischung nach dem Leben in der Zelle, wo die Atmosphäre des Morgens so stickig und schwer und heiß war. daß sie förmlich den Atem benahm und die Adern in den Schläfen pochen ließ. Das einzige Inventar des Gesaugcnenhofes war eine Art Hauklotz, für die Gefangenen bestimmt, die für Lohn arbeiteten. Winther stiebizte sich hie und da ein paar Augen- blicke Ruhe auf dem Klotz, was an und für sich verboten war. Aus Neugierde und Langeweile hatte er am vorhergehenden Tage den Wachtmeister, der ihn in der Zelle besucht hatte, gefragt, ob er nicht irgend eine Arbeit bekommen könne, Holz hauen, wenn es nichts besseres gab. Doch der energische Beamte hatte den Kopf geschüttelt:„Nein, das verstehen Sie nickst." � egen hatte er die angenehme Nachricht gebracht, daß eS den..Arrestanten nicht verboten sei, sich selbst zu verpflegeii, und daß schon ein Korb von seiner Frau angekommen wäre. Gerührt und froh hatte Winther, unter des Wachtmeisters Aussicht, den Korb ausgepackt. Da war ein gebratenes Hühnchen ulid Brot und Butter im lleberfluß und Erdbeere» und eine Flasche mit Sahne. „Sie haben eine sorgsame kleine Frau, die versteht's, Sie zu Pflegen," halte der Wachtmeister gesagt. Und zum ersten Male hatte Winther die Andeutung eines Lächelns auf seinen» ernsthaften Gesicht gesehen. Ebenso war dem Gefaugelien erlaubt worden, nach Hause zu schreiben. „Aber Sie müssen daran denken, daß der Brief durch Assessor Krogs Hände geht, daß Sie nichts schreiben, was Ihre Sache berührt", lautete der Bescheid. Winther hatte sich also damit begnügt, ganz im allge- meinen ein Paar liebevolle und aufmunternde Worte zu schreiben. Sein Briefchen, so schien es ihm, strahlte förmlich vor guter Laune und Zuversicht. Aber sie koimte mich wirklich Trost brauchen, die arme Kleine daheim, die>11111 allein uniherging und sich sehnte und ängstigte und die Hände rang und weinte. Ter Gefangene blickte zu dem Fleck blnucn Himmel empor, den er über seinem Kopf hatte. Leichte Sommer- wölken zogen am Horizonte hin, wie ein Zug ferner Schwäne. Und allerlei Gedankeil zogen mtt den segelnden Wolken: zu offenen Feldern, zu großen grünen Wäldern, zu blanken Seen, limkriedet von braunspitzigem Röhricht und flüsterndem Schilf— zu allen lieben altbekannten Pfade», wo die Beiden in den Sommertagen zu wandern pflegten, während sie lauschend au seinem Arm hing oder scheu, mit gedämpfter Stimme, ihm von ihrer großen erwartungsvotten Wonne er- Mlte über d'c>Z nameuloss Glück, das ihnen Beiden bevor- stand.— Einen Augenblick lang war Heinrich Winther so verloren in diese frohen Träume, daß er ganz vergaß, wo er sich be- fand— und in Gedanken weit entfernt war von diesem unheimlichen, ungemütlichen Ort. Aber Schwanenmoos' rasselnder Schlüsselbund rief ihn gleich darauf in die Wirklichkeit zurück. Er hatte die Lattcnthür geöffnet und stand und wartete. -Herrgott, so war die halbe Stunde schon vorbei! Oben in der Zelle harrte seiner eine neue Ueberraschung, neue Freude. ES war eine frische Sendung von seiner Frau gekommen: Eßware», einige Toilettensachen und, was den Gefangenen ani allermeisten erfreute, zwei große wundervolle Sträuße, die das Gefängnisloch mit süßem Wohlgeruch erfüllten. Schwanenmoos, der neben ihm stand, holte tief Atem. „Fa. so'ne Frau müßte man haben." sagte er philo- sophisch.„DaS ist ja ein Segen, in Ihre Zelle zu kommen! Sie können glauben, hier sieht's anders aus, als in den Löchern nebenan!" „So. ist's da sehr schlimm?" fragte Winther zerstreut, während er sich daran machte, die Eßwaren auszupacken. „Ja, da können Sie Gift drauf nehmen, manche von den armen Teufeln nebenan haben's scheußlich," lautete die Ant- toort deS Schließers, die offenbar von Herzen kam. Winther reflektierte nicht auf nähere Bekanntschaft mit ihnen,«owohl rechts wie links hatten seine Zellennachbarn den ganzen vorhergehenden Tag hindurch durch Klopfen an der Wand lebhaft an ihn„telegraphiert", lange Schläge, kurze Schläge, so und so viele Schläge hintereinander, offenbar ein ganzes Alphabet, ohne daß eS ihm möglich gewesen war, den Faden in ihrem„System" zu entdecken. Schwanenmoos blieb bei ihm, bis alles ausgepackt war, und verwahrte sorgfältig jedes Fetzchen Papier, das möglicher- weise eine schriftliche Mitteilung an den Gefangenen enthalte» konnte. Tagegen entdeckte er nicht die schwachen Bleististstriche auf dein Griff der Zahnbürste:„Tausend Grüße von Deiner treue» Luise." Schtvanenmoos ging, und der Gefangene setzte sich fröhlich und aufgeräumt, um zu essen. Sein Humor sank doch allmählich, wie die Stunden dahin- glitten. Das Sitzen auf der Pritsche war unbequem, auf die Dauer nicht auszuhalten. Vom Auf- und Abgehen in der Zelle, neun Schritt hin, neun Schritt her. wie ein Raubtier im Käfig, wurde man auch müde. Ueber dem neuen Testament und den andren Erbauungsschriften konnte er knapp eine halbe Stunde seine Gedanken sammeln. Die Mittagsstunde war da. Er konnte den Essensgeruch spüren, er konnte die Zellenthllren auf- und zuschlagen höre». .(Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verdoten.) Der Meg zum Schlaraffenland* Schon vor manchem Jahrhundert war das Märchen vom Schlaraffenland allgemein bekannt, soweit die deutsche Zunge klingt. Ganz in der nämlichen Weise, wie es heute geschieht, malt bereits ein Schwant von Hans Sachs aus dem Jahre IbSO das gelobte Land deS Ucbcrslusses aus, wo die erlesensten Genüsse jedermann Zugänglich sind, ohne daß er einen Finger zu rühren hätte.„Drey mcil hinter weynachtcn" liegt es bei dem Nürnberger Poeten, und wenn man soweit ist, hat man sich erst noch durch einen Hirsebrei- berg von drei Meilen Dicke hindurchznfressen, ehe man sich zu den schwelgenden Faulenzern von Schlaraffenland gesellen kann. Wcr's soweit gebracht hat, muß sich bloß davor hüten, als lästiger Aus- ländcr ausgewiesen zu werden; das passiert einem, wenn man durch Arbeitswilligkeit unangenehm auffällt. Nur für einige von den famosen Einrichtungen des Schlaraffen- landcS kann Sachs Entdcckcrruhm in Anspruch nehmen, z. B. für die neue Thatsache, daß dort die Pferde ganze Körbe voll Eier legen, die Esel Feigen schütten. Dagegen war der Grundstock der kulinarischen und trinkologischcn Eigentümlichkeiten von Schlaraffen- land schon vor ihm dem deutschen Bolke wohlbekannt. Ein Gedicht mit dem Titel:„Ein hübscher spruch vom schlauraffenland". das dem Ausgang des 15. Jahrhunderts angehört, weiß bereits, daß es in Schlaraffenland u. a. Fladendächer und Wurstzäune giebt, von denen man ohne Umstände essen kann, weil die Lücken sich von selbst wieder schließen, lind einige Jahre später spricht Geuer von Keisersberg ta einer seiner Predigten über Brants»Narrenschiff" von dem „lächerlichen und fabelhaften Land der Verheißung. Ks die wkchr» aus Kuchen hergestellt sind, wo die Berge aus Käse, die Steine auS Zucker bestehen, wo die Quellen mit Milch und die Flüsse mtt Honig strömen, wo weiße Weizenbrote in den Bäumen hängen mit Bechern voll deS besten Weins, wo die Zäune aus Würste» gemacht sind und die gebratenen Tauben den Leuten in den Mund stiegen". Bei Aichruch der Neuzeit war also das Märchen vom Schla- raffenland bei den Deutsche!, bereits vollständig eingebürgert, und inan könnte daher versucht sein, ihm deutschen Ursprung zuzu- schreiben, zumal auch das Wort Schlarafse oder Schlauraffe deutsch ist: es bedeutet soviel wie einen gedankenlosen Müßiggänger. In Wirklichkeit ist aber mit dieser Namensgebung und einer schon durch den Namen angedeuteten moralisierenden Tendenz, durch die das Märchen bei uns zeitweilig, z. B. durch Sachs, zu einer Sittcnpredigt wider Faulheit und Schwclgerci verballhornt worden ist. das deutsche Urheberrecht dieser Sache erschöpft. Ein langer Weg durch verschiedene Länder und ausgedehnte Zeiträume ist rück- wäris zu verfolgen, wenn man bis zum Ursprung'des Märchens vom Schlaraffenland gelangen will...Drei) mcil hinter weynachten" liegt es nach Hans Sachs: aber hinter oder eigentlich vor jenen ersten Weihnachten, womit die christliche Zeitrechnung anhebt. Bis ungefähr fünf Jahrhunderte vor Christo muß man zurückgehen, um zum erstenmal von Schlaraffenland zu vernehmen. Es ist ein weiter Weg, der aber der Mühe lohnt, weil er zu der Erkenntnis führt. an was für entschwundene Dinge der Wirklichkeit unser Märchen in phantastisch-übertreibender Form erinnert. Ten Wegweiser, der die einzuschlagende Richtung angiebt, stellt ein niederdeutsches Gedicht des 15. Jahrhunderls dar, das die Ueber-- schrift trägt:„Dit is van dat edele laut van Cockaenghen" und unter diesem Titel die Mär vom Schlaraffenlande erzählt. Der fremde Name, unter dem es hier auf einmal auftaucht, stammt aus dem Französischen, wo„Coquaigne" die Bezeichnung für Schlaraffenland ist. Und so geht auch der Inhalt des niederdeutschen Gedichts auf ein französisches Borbild zurück, das dem 13. Jahrhundert angehört. einer Zeit, zu der in Deutschland noch nicht die mindeste Spur von dein Märchen nachzuweisen ist. Das französische Gedicht, dem der Niederländer teilweise wörtlich gefolgt ist, benennt sich„Fablia« de Coquaigne". Keines der charakteristischen Merkmale von Schla- raffenland fehlt in Coquaigne, wo man um so mehr gewinnt, je mehr man schläft; denn wer bis Mittag schläft, erhätt für diese Leistung 5V- Sous.„Tie Mauern der Häuser," so giebt Pocschcl (Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache, Bd. V, p. 38g ff.) den Inhalt des Fabliau wieder,„sind von Barben. Lachsen und andren Fischen, die Dachsparren von Stören, die Ziegel von Speck und das Lattenwerk von Würsten. Gebratene Gänse wackeln durch die Gassen, von einer leckeren Brühe gefolgt. Ueberall findet man saubere Tafeln, an denen man zu jeder Zeit und unentgeltlich essen kann, was man sich nur herbeiioünscht. Tort läuft ein Fluß von Wein, auf der einen Seite bis zur Mitte mtt Rot-, auf der andern Seite mit Weißwein, so daß man ihn gemischt, aber auch jeden für sich trinken kann. Trinkgefäße von Silber und Gold führt der Strom selbst mit sich. Sechs Wochen zählt in diesem Lande der Monat, die Woche selbst aber lauter Sonntage, die kirchlichen Feste werden vier- mal im Jahre gefeiert, auch vier Karnevale giebt es dort, dagegen nur eine Fastenzeit in 20 Jahren, in der erst recht alle nur erdenk- lichcn Genüsse sich darbieten. Dreimal in der Woche regnet es frischgebackene Torten, und gefüllte Börsen holt man sich vom Felde..." Haß und Habsucht, Neid und Eifersucht sind in Coquaigne unbekannt, in ewiger Jugend verbringen seine Einwohner ein fröhliches Leben der Freundschaft und der Liebe und jeglichen andern Genusses. Das frauzösische Wort Coquaigne kehrt in den übrigen romani- schen Sprachen mit kleinen Abänderungen wieder: im mittel- lateinischen lautet es Cucania, im spanischen Cucana und im italienischen Cuccagna. Alle vier gehen wahrscheinlich auf das lateinische Coquere, Kochen zurück, so daß Coquaigne als das Land des beständigen Kochens, Essens und Trinkens schon durch seinen Namen charakterisiert ist. In Italien ist das Wort Cuccagna noch jetzt die landläufige Bezeichnung für unser Schlaraffenland. Die damit verknüpften Borstellungen waren bei den Italienern srühcr so allgemein bekannt, daß in Neapel lange Zeit, und zwar schon gegen Anfang deS 10. Jahrhunderts ein Volksfest alljährlich begangen wurde, das den Namen Cuccagna trug: ani Donnerstag vor Fast- nacht ward eine mit Federvieh, Würsten und allerlei andern�Eß- waren beladen« Pyramide in feierlichem Umzüge durch die Stadt geführt und schließlich dem Volk überlassen, das sich um die Lecker- bissen raufte. Bcreiks im Mittelalter war das Land Cuccagna in Italien sehr populär. Es erscheint schon bei Boccaccio im „Dccmnerone"— also gegen Mitte des 14. Jahrhunderts—. aller- dings unter dem vom Dichter erfundenen Name» Bengodi; in der Sache geht Boccaccio aber zweifellos aus die volkstümlichen Vor- stellungcn von Cuccagna zurück. Das Land ist bei ihm mit Zügen ausgestattet, die dem italienischen Geschmack entsprechen; es giebt da z. B. einen Berg von geriebenem Parmesankäse, aus seinem Gipfel locrden unablässig Maccaroni und Mehlklöße in Kapaunbrühe gekocht und den Abhang hinuntergcrollt. Das ist nicht die früheste Spur vom Schlaraffenlande auf italienischem Boden. Bereits zwei Jahrhunderte vor Boccaccio, gegen 1102 oder 1104, rühmt sich ein fahrender Kleriker in einem lateinischen Vagantengedicht, das zu Pavia entstanden ist:„Ich bin der Abt von Cucania und halte Rat mit den Zechern." Gegen Mitte t'.S 12, Jahrhunderts lieft sich also in Italien schon als bc- tannt voraussetzen, was unter Cucania zu deuten sei. Wie von den Franzosen zu unS. so ist von Italien nach Frank- reich das Märchen vom Schlaraffenlaiidc hinübergcwandm. Tas Wort Cucania ist zwar vor jenem Gedicht des italienischen Vaganten nicht nachzuweisen; was man sich aber darunter denkt, das war schon viel früher in Italien unter dem Volk bekannt. Aus den Tagen des klassischen Altertums hat sich hier der Siosf des Märchens ins Mittelalter hinübergerettet. Ein Sprung von einem ganzen Jahrtausend ist nötig, um die Brücke zwischen der Sage von Cucania und den ihr zu Grunde liegenden antiken Vorstellungen zu schlagen. Tie jüngste erhaltene Behandlung des Stoffes im Altertum findet sich in den„Wahren Geschichten" des griechischen Syrers Lucian aus Samosata. der um die Mitte des 2. Jahrhundert» in Rom schrieb. Die Münchhausiadeu der„Wahren Geschichten" kehren be- kanntlich ihre Spitze gegen allerlei männiglich geläufige Fabeleien, die von älteren Dichtern und Prosaikern als bare Münze in Umlauf gesetzt worden waren, und die Lucian nun lächerlich machte, indem er sie noch überbot. TaS Märchen vom Schlarafsenlande nimmt bei ihm einen großen Raum ein. Er verlegt es nach der Insel der Seligen, weit draußen in den Atlantischen Ocean, jenseits der Säulen des Herkules. Nur einige Striche von dem ausführlichen Bilde des Lebens dort, das Lucian zeichnete, seien hier wiedergegeben. Die Häuser der Seligen sind von Gold, der Boden ihrer Stadt von Elfenbein, die Mauern von Smaragden. Die Thore bestehen aus dem Holz des Zimmetbaums, während in den Bädern mit Zimmet geheizt wird. Auf den Halmen wachsen nicht Aehren, sondern fertige Brote._ An Milch- und Weinquellen ist kein Mangel. Voi» den Bäumen pflückt mait Trinkgefäße aus krystallhellem Glase... Lucian verspottete mit seiner Insel der Seligen allgemein be- kannte, aus Griechenland nach Italien importierte Sagen von einem fernen Wunderlande, wo an allem Ueberfluß herrschte. Arbeit, Krankheit, Streit nicht existierten. Im späteren Altertum dachte man eS sich gewöhnlich in Indien gelegen. So weiß z. B. gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. der Rhetor Dio ChrysostomuS von Indien zu berichten:„Tort fließen bekanntlich die Ströme nicht von Wasser, sondern von Milch, krystallhellem Wein, Honig und iCel, und zwar einen Monat für den König— darin bestehen die ihm gewährten Abgaben—, die übrige Zeit aber für das Volk. Tie Pflanzen dieses fruchtbarsten aller Länder sind köstlicher und größer als anderswo, ein mäßiger Lufthauch weht beständig, und die Temperatur ist immer dieselbe, am ehesten dem beginnenden Sommer zu vergleichen. Dazu ist der Himmel dort klarer, sind die Gestirne zahlreicher und glänzender. Unbekannt mit Krankheit und Armut, in stets blühender Jugend und Schönheit, leben die Menschen über vierbundert Jahre. Arbeit ist ihnen fremd, aber auch Gewalt und List. Spielend und lachend wandeln sie täglich mit Weib und Kind zu Strömen und Quellen, erquicken sich nach Belieben an warmen und kalten Bädern und liegen dann singend auf blumen- reichen Wiesen unter schattigen Bäumen. Wollen sie von deren Früchten genießen, so neigen sich die Aeste zu ihnen herunter, und zahlreiche Vögel lasse» von den Zweigen liebliche Weisen herab- tönen," Die Lokalisierung des Schlaraffenlandes in Indien muß in den Zeiten erfolgt sein, als die Griechen durch die asiatischen Feld- züge Alexanders deS Großen einige Kenntnis von dem fernen Wunderlande erlangt hatten und die übertriebensten Meinungen von den Schätzen und Herrlichkeiten des Hindulandes im Occident Ver- breitung und Glauben fanden. So ziemlich den ersten Anstoß dazu inag der Qbersteucrmann von Alexanders Admiral Nearch, der lügenhafte Historiker Onesikritos, gegeben haben, von dessen Geschichte Alexanders man urteilte, nicht alles darin sei geschwindelt. Er will von dem berühmten Brahmanen Calanus in Erfahrung gebracht haben, vor alters sei in Indien alles mit Gerste und Weizenmehl bedeckt gewesen, wie jetzt mit Staub, die Quellen flössen außer von Wasser auch von Honig, Wein und Oel; erst infolge der Schlechtig- feil der Menschen sei ihnen von der Gottheu dies Glück entzogen, Mühe und Arbeit aufgeladen worden. Der Gedanke liegt also nahe, das Märchen vom Schlarafsenlande gleich so vielen andren Märchen, die jetzt im Abendlande eingebürgert find, für ein ursprüngliches Erzeugnis der indischen Phantasie zu halten, das durch die Ver- Mittelung der Griechen zu uns gekommen sei, wie andre durch die der Perser und Araber. Ter Gedanke läge um so näher, als sich schon in dem altindischen Epos„Ramayana" das Land der Uttara Kurus im Stile von, Schlaraffenland beschrieben findet. Trotzdem tväre die Idee ein vollständiger Irrtum; denn thatsächlich ist daS Märchen vom Schlaraffenland, so loie es zu uns gekommen ist, auf griechischem Boden heimisch. Erst in jüngerer Zeit ist auf das ferne Indien übertragen worden, was ursprünglich an Griechenland selber hastete, allerdings an dein Griechenland einer längst entschwundenen Epoche. Das Märchen vom Schlarafsenlande war ursprünglich ein griechisches Volksmärchen, das die sehnsüchtige Erinnerung an daS entschwundene Glück eines früheren Zeitalters unter den Hellenen fortleben ließ. Tie Fassung, in der es im Volksmnnde gangbar war, ist uns natürlich nicht direkt erhalten. Seinen Inhalt aber kennen wir aus Stellen attischer Komödiendichter des 5. Jahr- Hunderts v. Chr. Da schildert z. B. Teleclides die Herrlichkeit der entschwundenen Zeiten so:„Friedlich, von Furcht und Krankheit frei, lebte» die Sterblichen, und von selbst bot sich ihnen dar. was sie bedurften, Bon Wein floß der Gieftbach, Weizen- und Gersten-» brote tämpf.en miteinander vor dem Munde der Leute um die Gunst, verspeist zu werden, die Fische kamen ins HauS, brieten sich selbst und trugen sich selbst auf. ein Suppenstrom führte warme Fleischstücke in seinen Wogen, und für den Liebhaber flössen in Kanälen daneben pikante Saucen, gebratene Vögel, und allerlei feines Backwerk flogen einem in den Mund oder drängten sich um das Kinn. und das Spielzeug der Kinder bestand aus den ausgesuchtesten Delikatessen." Nach dem Dichter Crates brauchte man ehemals nur zu rufen, so traten die belebt gedachten Geräte in Thätigkeit. Zum Tisch sagte man: Komm' und deck' Dich, zum Backtrog: Knete den Teig, zum Krug: Schenk' ein, zum Becher: Geh' und wasche Dich. Aus andren Komikern ließen sich noch mehr Züge zusammentragen. Tas Mitgeteilte läßt aber schon alle wesentliche Charakteristika vom Schlaraffenlande deutlich genug hervortreten. Was nun daS wichtigste ist, mit all jenen schönen Dingen beabsichtigten die Komiker des 5. Jahrhunderts in humoristisch über- treibender Weise die Herrlichkeit des goldenen Zeitalters auszumalen. Es handelt sich bei ihnen um jene vorgeschichtliche Zeit, als Kronos oder mit dem römischen Ausdruck Saturn die Menschen beherrschte. Diese glückliche Epoche wird auch bei Prosaikern vielfach mit Vor- zügen ausgestattet, die zu den: Schlarasfenmärchen gehören. Sc» schreibt Plato über das goldene Zeitalter:„Sie bekamen massenhafte Früchte von den Bäumen und Gewächsen aller Art; nicht der Acker- bau brachte sie hervor, sondern die Erde gab sie von selber." Oder, wenn Lucian den Kronos rühmen läßt, wie glücklich einst die Menschen unter seinem Seepter gelebt hätten,„als ihnen alles wuchs, ohne daß sie säten oder pflügten, nicht Aehren. sondern fertiges Brot und zubereitetes Fleisch, und der Wein floß in Strömen, und es gab Quellen von Honig und Milch." Wie die Eigentumsverhältnisse des goldenen Zeitalters beschaffen waren, darüber geben zahlreiche Stellen bei Dichtern und Prosaikern mit allgemeiner Uebereinsiimmung Auskunft. Bei Virgil liest man darüber: „Nie vor Jupiter bauten das Fruchtfeld ackernde Pflüger; Weder Mal noch Teilung durchschnitt die gemeinsamen Fluren: Alle suchten für alle; ja, selbst die Erde, da niemand Forderte, trug unsklavisch und gern. Doch Jupiters Ratschluß Gab ihr tötendes Gift der schwarz ausschwellenden Natter. Sandte die hungrigen Wölfe zum Raub und regte daö Meer auf. Schüttelt' den Honig den Bäumen herab und entrückte das Feuer, Hieß auch stocken den Wein, der in schlängelnde» Bächen umherfloß." Entsprechend läßt Ovid den seligen Urzustand als kommunistisch erscheinen: der Boden war Gemeingut wie das Licht der Sonne. und die Lust. Auch er malt, wie Virgil, das Bild mit Zügen noch lockender aus, die dem Volksmärchen vom Schlaraffenland ent- nomine» sind: unbestellt starrte der Acker von schweren Aehren, Ströme flössen mit Milch und Nektar, gelber Honig tropfte von der grünen Eiche. Diese phantastischen Züge finden sich bei andren Schriftstellern nicht, auch sie aber charakterisieren das goldene Zeit- alter als eine Epoche, die das Privawigentum noch nicht kannte Seit langem tvird daruni der Mythus vom goldenen Zeitalter aufgefaßt als eine dunkle Erinnerung an die verlorene Freiheit. Gleichheit und Brüderlichkeit des urwüchsigen Kommunismus, wie er in der Gentilgesellschaft ehemals bestanden hatte. Und ohne jeden Ziveifel ist diese Auslegung richtig. Derselbe ehemalige Gesell- schaftszustand wurde also auch durch das zum Mythus von, goldenen Zeitalter gehörige Märchen vom Schlaraffenland verherrlicht unter dem Gesichtspunkte des materiellen Ueberflusses, der friedlichen Muße und des behaglichen Lebensgenusses für alle. Ter Kommunismus lvar daS verlorene Paradies, nach dem die Griechen sich zurücksehnten. Märchenhaft übertrieben erschien das kommunistische Paradies ihrer Phantasie nachmals in der dichterisch verklärten Gestalt des Schlaraffenlandes. Beim Kommunismus endigt der Weg zum Schlaraffen- lande.— aey. Kleines f euilleton. k. Bei den Heimatlosen der Millionenstadt. Eine ganze Anzahl Opfer hat die Kälte in den letzten Nächten in L o n d o n gefordert. Am Montag wurden dem Leichenbeschaner für Central- London zwanzig plötzliche Todesfälle gemeldet. Diese Sterblichkeit wird direkt dem kalten Wetter der letzten Zeit, den» plötzlichen Umschwung in Verbindung mit dem Hunaer zugeschrieben. So macht sich die Stimme der Heimatlosen und Hungernden in London mit den ersten Winterstürmen wieder deutlicher bemerkbar, ivenn sie auch das ganze Jahr über dumpf hörbar ist. Selten ist dieser verzweifelte Chor jedoch so stark gewesen wie jetzt. In einer Stadt, die sich stolz 8 res Reichtums rühmt, rufen 30(XXI Leute nach Brot und bdach oder nach den Mitteln. es erwerben zu können. Eine der schmerzlichsten Erscheinungen, die noch bei zu« nehmender Kälte stärker wird. ist. daß auch viele Frauen und Kinder die Nacht im Freien zubringen müssen. Ergreifende Bilder von der Art. wie diese Obdachlosen die Nächte verbringen, entwirft ein Mitarbeiter eines großen Londoner Blattes.«In zwei aufein- «nder folgenden Nächten, den kältesten, scheecflirfisten»md traurigsten, die ich je erlebt habe," schreibt er,„habe ich mich den Verlassenen Londons zugesellt und einige ihrer Lebenstragödien gehört. Und jetzt, während ich in einer besseren, helleren Umgebung einige dieser .menschlichen Dokumente" niederzuschreiben suche, scheint mir die Er- fahrimg wie ein böser Alp zu sein... Die erste Nacht: Die große Glocke des Parlamcntsgebäudes hatte dumpf ein Uhr niorgens ge- sckilagcn. Die Themse sah in den Strahlen des Mondes fast schön aus. Ein frostiger Wind blies aus dem Osten und trotzte Uebcrzieher und Hand- schuhen. In einer Vertiefung der Blackfriars Bridge, die vor dem Winde geschützt war. schliefen zwei Männer und kauerten zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen. Einige Meter davon saßen ein älterer Mann und eine jugendliche Frau auf einer Bank am Quai. Der Mann hielt das Gesicht zwischen den Händen und starrte wie ver- steinert auf den Fluß. Das Mädchen, augenscheinlich seine Tochter, schlief. Der Mann bestätigte das, als ich mit ihm sprach. Vor zwei Jahren hatte sie geheiratet, ihr Mann verließ sie aber. Im September erfuhr sie seinen Tod. aber zugleich auch die Thatsache, daß sie nie seine rechtinäßige Frau gewesen, da er schon vorher ver- heiratet war. Eine WohlthätigleitSansbilt hatte vonihremFall gchörtund sich deS Kindes angenommen. Der Alte deutete auf die Schlummernde, berührte dann seinen Kopf bedeutungsvoll und .flüsterte:„Sie geht jenen Weg." Zu alt zur Arbeit, verdiente er ab uud zu einen Halfpeunh oder Penny. indem er auf die Sachen der Schuhputzer aufpaßte, während sie in einer Garküche speisten. Andre Bänke waren besetzt. Auf einer Bank in der Nähe der Treppe des Temple saßen zwei Männer, von denen einer auf irgend eine Weise in den Besitz eines wirklichen, wenn auch sehr schwarzen Kissens gelangt war.„Wir sind Gefährten," sagte der weniger glückliche Schläfer.„Plakatmänner, wenn«vir ein Plakat bekommen tonnen. Wir arbeiten von zehn bis zehn für einen Schilling täglich. Aber eS giebt wenig Arbeit, und zu viele dafür. Jeder kann eben ein Plakat tragen. Heute morgen fand mein Kamerad ein halbes Brot in Papier eingewickelt. DaS ist alles, was wir heute gehabt haben." Weiter nach dem Westen zu wurden die Schläfer spärlicher. Ein erschrecktes runzliges kleines Weibchen, deren Zähne hörbar klapperten, erklärte mir. die Metropolitan-Polizei dulde nicht, daß die Obdachlosen die Sitze benutzen. Die Eity-Polizei ist freundlicher. und deshalb halten sich die Ouaischläfer östlich vom Temple. Im ganzen schliefen gegen 100 Männer und Frauen auf dem Onai und in den Vertiefungen der Brücken. Diese Zahl steigt bei warmen Wetter auf 250 bis 300." „Zweite Nacht: Das Theaterland ist der hellste fröhlichste Ort in ganz Loirdon mit den schnell dahinfahrcndcn Wagen, de» hübschen Frauen und blitzenden Diamanten. Das ist die eine Seite des Bildes, die andre sah ich bei meiner zweiten nächtlichen Pilgerfahrt. ES war gegen zwei Uhr. als ich auf zwei Männer stieß, die auf den Mannorstufen dcö Eingangs zu Drurh Lane schliefen. Auf einem Plakat stand„The Best of Friends". Ein Mann erwachte bei meiner Annäherung i er dachte sicherlich, der Eindringling wäre ein Polizist. Er sagte, er lväre Strakens änger. Er hatte am Sonnabend, dem besten Tage der Straßensänger, 6 Schillinge verdient, aber die Zeiten waren schwer, die Polizei streng und er konnte das Geld für seine Wohming nicht auftreiben. Er hatte es dann am Morgen vorher um 6 Uhr bei den London Docks versucht. Eine Menge von etwa 500 Leuten hatten sich um die großen Thören versammelt,' von denen aber nur 30 Arbeit erhielten. Seine Geschichte war erschütternd. ..Gestern Abend verdiente ich drei Pcnce dadurch, daß ich Droschken für Leute, die aus Drury Lane kamen, herbeirief. Ich kaufte eine Tasse Kaffee für einen Penny, zwei Brötchen und etwas Marmelade, das war meine ganze Nahrung in 18 Stunden. Ein halber Penny ist mir noch geblieben." Außerhalb des Palacc-Theatte drängte sich eine Gruppe Männer um das Gitter, um die Wärme aus dem Maschiiicnzimmcr unten aufzufangen. Ein trotz seines hageren Ge- sichtS und seiner abgetragenen Kleider anständig aussehender Mann teilte mir mit. er wäre Bürstenbinder, lieber einen Monat war er durch die Straßen Londons gezogen, um Arbeit zu suchen. Drei Wochen vorher war er in ein Asyl für Obdach- lose im East- End eingetragen.„Für die dort erhaltene Gastfreundschaft sollte ich eine große Masse Steine brechen. Ich hatte die Arbeit nie vorher gemacht. Meine gewöhnliche Beschäftigung macht die Hände nicht hart, und obgleich ich alles versuchte, Ivaren meine Hände nach zlvei Stunden aufgeplatzt und bluteten vom Steinbrechen. Ich konnte meine Arbeit nicht beenden und wurde deshalb vor das Polizeigcricht gebracht und wegen meiner„Weigerung" zu 14 Tagen verurteilt." „Währeiid dieser traurigen Pilgerfahrt wurde ich auch Zeuge folgender kleinen Scene: Um 3 Uhr ging eine noch nicht alte, blaffe Frau, um deren Mund Sorge und Not Linien eingegraben hatten. auf das Feuer eines Nachtwächters zu. Ein Kind, dem das Hals- tuch eines Mannes um den Hals geschlungen war, hing an den Rocken der Frau. Die Mutter trug ein Baby in den Armen. ..Wollen Sie, bitte, erlauben, daß ich mir die Hände wärme?" fragte sie den Nachtwächter.„Natürlich, Ma'am," erwiderte er gutmütig. „Hatten Sie Abendbrot?" Die Frau schüttelte den Kopf.„Der Mann ging in sein kleine? Zelt und nahm aus seinem Abendbrots- korb zlvei große Schnitten Brot, die er dem kleinen Mädchen ein- händigte.„Sie haben doch nichts dagegen, Ma'm," fragte er, besorgt, Anstoß zu erregen. Die Frau, deren Benehmen Erziehung verriet, teilte mir mit. Sie wäre die Tochter eines Vera» tworllichcr Redakteur:(fort Leid in Berlin.— Druck und Verlag: annen aber sehr stolzen Geistlichen in einenl Midland-Kirchspiel. Sie kam nach London als Erzieherin und heiratete gegen den Wunsch ihre? Vaters einen Handlungsgehilfen. Sir wurde verstoßen.„Nie- mand will verheiratete Handlungsgehilfen," sagte das arme Geschöpf. „und er konnte keine Arbeit bekommen. Schließlich wurde er Sttaßenreiniger. Im vorigen Winter hatte er Nachtdienst und wurde durch und durch naß. Vor einem halben Jahre starb er im Kranken- hause an der Schwindsucht. Meine Eltern wissen es nicht. Wir find eben eine stolze Familie," sagte sie bitter...— Theater. Buntes Theater sKöpnickerstraße). Herr Oskar Strauß. Brettlkomponist und Kapellineister weiland, hat der vorgenannten Stätte eines etwas kurzatmigen ArtistenruhmS jüngst anläßlich seines prosaischen Ausscheidens raschen Tod prophezeihen zu sollen geglaubt. Nicht allemal fiel ein„Herzog", wenn irgendwo ein„Mantel" fällt. Totgesagte Pflegen oft noch recht lange zu leben. Und so hatte das schmucke Theaterchen denn wieder am letzten Mittwoch einen Premierenabend. Sensationelle Wirtting wird man von der„Kunst der kleinen Worte" nicht er- warten. Zunächst muß die„Buntheit" des Gebotenen sogar die Kmist ersetzen. Diesmal servierte die Direktion nicht weniger als vier dramatische Kleinigkeiten von Georges Courteline und Marius. Ein bißchen Pikanterie, ein Pröbchen skandalsüchttger Eifersüchlelei, vernascht mit süßholzraspelndem Flirt, geisr- reichelirdem Dialog- und nervenkitzelnden Sitnationsverfäng- lichkeiten: das sind die Ingredienzen, welche man im„E r und Sie" und„Abergläubisch" zu kosten kriegt. Die Besoffen- heits- Scene„Theodor sucht Streichhölzer" konnte nur einigermaßen durch das„Spiel" Theodors in der Person Tiny Senders. über ihre Langweiligkeit hinwegtäuschen. Am annehmbarsten wirkte noch„Monsieur B a d i n". eine Scene aus dem Bureauleben eines Ministeriums im Seinebabcl. Der Witz besteht hier darin, daß der Ministerialbcamte Badin. als er wegen seines steten DienstschwänzenS wieder einmal ernstlich verwarnt und mit Entlassung bedroht wird, sein Trinkerdascin in Wirtshäusern durch das winzige Monatsgehalt von 200 Franks entschuldigt glaubt und nur Besserung verspricht, wenn er— Gehaltszulage erhält. Marceil S a l z e r gab den Badin und er spielte ihn vortrefflich. Auch Arthur Romanowsky(als„Er", als„Direktor" und„Erneste") soloic Elise EwerS(Claire) und Carla L i n g e n(„Sie") bewährten sich gemäß dem fraglichen„Geiste" ihrer Rollen. Einige durch Emil Jüstitz wirksam vorgetragene Lieder von Kapellmeister Fritz Lehner ließen Herrn Oskar Strauß wohl vergessen. Hans Fred» heimste mit seinen„parodisttschen Scherzen" viel lachlustigen Beifall ein. Ivährcnd Marcell S a l z c r, unermiidlich wie innner, den Variots-Hautgont des ganzen cttvaS gar zu lang ausgesponnenen Programms durch Vortrag einiger l i t t c r a r i s ch e r Piecen iu VerS und Prosa angenehm parierte.— e. k, Humoristisches. — Ein Eingeweihter. Gast:„Aber ich möchte eine Kleinigkeit zu essen haben, was können Sie mir empfehlen?" Kellner:„Filet mit Champignon, jungen Gänsebraten, Schinken in Burgunder—" Gast(unterbrcchendi:„Ich möchte nur eine Kleinigkeit, da? ist mir alles zu viel." Kellner:„O, glauben Sie das ja nicht!"— — Seufzer eine? Centrums manneS.„Dös is der Trust: Die„guetcn Blätter" fand schlecht und die„schlechten Blätter" fand gilt."— — M ü n ch e n c r Diät.„Du, der Wampcrl schaut aber gut aus, der war doch schwer krank." „O. der halft sich jetzt, der trinkt abends nur mehr fünf Halbe und an Schlurtel"—(„Jugend.") Notizen. — Das Wiener Voltsstück„Die Schröder ischen" von Heinrich S ch r o t t e n b a ch ivird am nächsten Sonnabend von den, Münchener Ensemble in» Belle-Alliance-Theater auf- geführt.— — Die„Moderne Bühne" teilt mit. daß die Auf- f ü h r u n g des Stückes„Die Episode" von Otto Rie masch (Lcssing-Theater 6. Dezember, nachmittags 3 Uhr) eine öffentlich e ist.— — Die Morwitz-Oper veranstaltet ihre Vorstellungen im nächsten Jahre(I.Juni bis 31. August) im Berliner Theater.— — Das vstreichische Ministerium für Kultus und Unterricht hat das Gemälde„ R e g c n st i m m u n g" von Lesser Ury an- gekauft.— — Die Ratio nalgalerie hat das Bild„Knaben mit der 5t atze" von Renoir erworben.— Die nächste Nummer deS UnterhalttingSblatteS erscheint am Sonntag, den 30. November._ vorwärts Buchdruckerei und Berlagsanftall Paul Singer& tfo., Berlin 8 VT.