HlnlerhaltungMatt des'Vorwärts Nr. 235. Mittivoch, den 3. Dezember. 1902 (Nachdruck verboten.) ii) frau Pilatus. Bon O s c a r M a d s e n. Autorisierte Uebersetzung von Ida Anders. Aber Winther dachte nicht weiter über diesen Satz nach. Seine leidenschaftliche Unruhe war da einer gewissen kalt- blutigen Ruhe abgelöst worden. Aber es dauerte nicht lange, dann battc die Phantasie wieder freien Spielraum gegenüber all dieser Ungewißheit, verlor sich in Vermutung auf Ver- mutung— Llrankheit, plötzlicher Tod— ja, auf was konnte man nicht kommen. Er kannte ja ihre Fassung, ihre zarte, schwächliche Gesundheit! Allerhand schreckhafte Visionen durch- jagten in bunter Folge seine Seele. Und bei alledem spähte er in kurzen Zwischenräumen nervös zu dem Stückchen Himmel auf, das er um die Wetter- sahne des Rathausturmes sehen konnte, um aus der Stellung der Sonne zu berechnen, wie spät es wäre. Es mußte ja drei, halb vier, vielleicht sogar vier Uhr sein. „Daß der Satan mich nicht bald ins Verhör nehmen kann!" rief er laut aus. Der Schweiß brach aus seiner Stirn hervor, lief ihm tropfenweise über die Wangen. Es waren Augenblicke, in denen er für seinen Verstand zu fürchten begann und sich sagte: „Komme ich jetzt ins Verhör, so bin ich außer stände, zu antworten. Ich bin ein haltloser Waschlappen in der Hand des Untersuchungsrichters. Er wird Geständnis auf Geständnis aus mir herauswinden können, Geständnisse von Dingen, die ich mir nicht habe träumen lassen. Er wird mich zu dein Bekenntnis bringen, daß ich meinen Vater umgebracht und meine Mutter in Mayonnaise gegessen habe I" Der Gedanke an Mayonnaise leitete auf einen Augenblick seine Gedanken in eine friedlichere Richtung. Ein gewaltiger und steigender Hunger nicldete sich, und es fiel ihm ein, daß er seit dem vorigen Abend nichts gegessen hatte. Und er bröckelte ein Stück aus der.Krume des Roggenbrotes, das noch von dem ersten Tage seines Arrestes dalag. Es war trocken und kleistrig und schmeckte schlecht. Mit einem Schluck Wasser spülte er es hinunter. Noch vergingen ein paar Stunden, ehe Schwanenmoos dem Arrestanten ankündigte, daß er zu dem letzten, entscheidenden Verhör hinauf sollte. „Sie können glauben," sagte der Mann,„daß ein besseres Essen auf Sie wartet, wenn Sie nach Hause kommen. Natür- lich hat Ihre Fran nur deshalb nichts geschickt. Sic wartet wohl, bis Sie selbst kommen." „Sie glauben?"... begann Winther fröhlich. Schwanenmoos unterbrach ihn. „Ich glaube gar nichts. Aber ich darf doch alles Mögliche für Sic hoffen... Nicht wahr?" Aber Winthers froher Mut sank doch wieder, während er sich ein iuerng putzte, che er zum Verhör ging. Denn Schwanenmoos, dereinenVlick ans das Brett sandte, wo der Arrestant sein Kleingeld liegen hatte, das er in der Zelle behalten durfte, sagte plötzlich: „Ich sehe, es sind nur noch ein paar. Pfennige übrig. Vielleicht wäre es das beste, daß ich auf alle Fälle— falls Sic hierher zurückkehren, ein paar Mark vom Wachtmeister unten holte. Sic müssen ja bis zum Abend schrecklich hungrig sein." „Ich hoffe, das ist unnötig. Herr Schwanenmoos." „Das hoffe icki auch. Aber immerhin..." „Na ja, niachen Sie, was Sic wollen..." Lassen empfing den Gefangenen an dem gewöhnlichen Platz, beim Gitterthor. Sie gingen beide durch die todes- stillen Rathausgäuge, wo sie keinen Menschen trafen. Winther lugte in den Hof hinaus, wo die weiß- und braungefleckten Tauben in ihrem Schlag aus und ein schlüpften. Und wie eine heiße Welle schlug die Sehnsucht nach der Freiheit, nach dem Leben draußen um sein Herz auf, hemmte seinen Atem, zwang ihm die Thräncn in die Augen. „Warum so traurig, Herr Winther?" fragte Lessen und berührte leise seinen Arm.„Nun tagt es ja für Sie." „So," sagte Winther trocken und bemühte sich, sein Gesicht in ruhige, uninteressierte Falten zu legen.„So? Meinen Sie?" j,Ta, das meine ich, Herr Winther. Ich irnißte mich sehr irren, wenn Sic nicht heute losgelassen werden, llnd deshalb darf ich es Ihnen ja sagen." Er holte seine Uhr heraus. „In fünf Minuten halb sieben. Das wird keine lange Geschichte. Wenn es sieben ist, dann wissen Sic: drin oder draußen!" Allerhand widerstreitende Gefühle erfüllten in diesem Augenblick Winthers Seele: Kummer, Spannung, Unruhe, Angst um seine Frau, eine dämmernde Hoffnung, und alle seine Nerven waren in der Dual der llngcwißheit auf's äußerste angespannt. Aber selbst in diesem Zustande durchschoß es ihm wie eine sichere und versöhnende Freude, daß er, wie es auch kam. kaum mehr als eine halbe Stunde dem Dämon mit dem Basilisken- blick, dessen Name Krog war, gegenüberstehen würde. Schon das war etwas Großes, die reine Wonne. Und wenn er>vic gewöhnlich, lange warten mußte, kam er womöglich noch mit weniger davon! Diese letzte Hoffnung sollte schnell beschämt werden. Denn im Wartezimmer erzählte ihm Lassen: „Heute töminen wir schnell heran. Alle andren Sachen sind erpediert." Er klopfte an die Thür des Raumes, in dem Krog thronte und ließ den Arrestanten zuerst hineingehen. XV. Dort saß Untersuchungsrichter Krog, zurückgelehnt, wie gewöhnlich, braungrau, in seinem verschossenen Bureau-Anzug. den großen, kahlen Kopf vom Licht der späten Nachmittags- sonne umflossen, die schräg zu den Fenstern hereinfiel. Einer alten, garstigen, widerwärtigen Ratte glich er, einer Ratte, die zähe und träge und lange nagen konnte, um sich durch das Plankenwerk aller UnWahrscheinlichkeiten und aller Unmöglich- leiten den Weg zu bahnen, die aber auch rasch und brutal mit einem einzigen giftigen Biß zuschnappen konnte. Winther verneigte sich wie gewöhnlich. Aber heute paßte es dem Untersuchungsrichter nicht, wiederzugrüßen. Nur eine Minute maß er schweigend den Gefangenen mit einem langen Blick— stechend, höhnisch und böse. „Das sieht ja vielversprechend aus," sagte Winther für sich. „Es ist Sünde zu behaupten, daß hier Zeichen der Entlassung in der Luft liegen. Lassen hat wie ein rechter, abgerichteter Schwindler gelogen." „Ich habe gestern Ihren Kollegen Möller auf freien Fuß gesetzt," begann Krog wieder.„Heute will ich Sie loslassen." Er machte eine kleine, wohlberechnete Pause und achtete sorgfältig auf Winthers Gesichtszüge, um diesen bei einem plötzlichen, nervösen und verdächtigen Aufleuchten der Ueber- rajchung und Freude zu ertappen. Aber Winther beherrschte sein Aeußeres mit vollkommener Ruhe. Das fehlte gerade noch, daß man Freude über etwas zeigen sollte, das einfach selbstverständlich war! Er begnügte sich mit einem fast unmerklichen Nicken und bereitete sich darauf vor, die Entschuldigungen, die nun Zweifel» los von feiten des Assessors folgen würden, durchaus nicht für bare Münze zu nehmen. Aber etwas anders kam es doch, als er es sich dachte. Krogs Miene war düster und streng, als er sich jetzt erhob, und— das Lineal wie einen.Kommandostab in der Hand—> etwas begann, was er das„ResumS" nannte. Winther lauschte mit steigendem Staunen. Er bekam eine Reihe von„Thatsachen" zu hören, die er sich nie hatte träumen lassen, die Anschauung von der Sache hörte er, die sich Krog von Anfang an gebildet hatte. Diese Anschauung in Uebereinstimmung mit der Wirklichkeit zu bringen, darauf waren alle Bestrebungen des Richters aus- gegangen, und mit diesem Ziele vor Augen war die ganze einseitige Untersuchung geführt worden..... „Aber glauben Sie nun nicht," schloß Krog,„ daß meine Ansicht über Sie jetzt eine andre wird. Ich glaube immer, daß Sie sowie Ihr Freund Möller— sich nur herausgeschwindelt haben! Aber die Sache wird ja weiter verfolgt, die Möglich» keit ist nicht ausgeschlossen, daß wir uns tviedersehen." Und er nickte mit einem wahrhaft teuflischen Ausdruck von verbissener Bosheit, mit Enttäuschung und Raserei unter» mischt. Wiucher schnappte nach Luft. Das war also die Entschuldigung, die ihm für eme utt- verschuldete, brutale, überflüssige und sinnlose Verhaftung ge- boten wurde?! Eine Verhaftung, die zweifellos seinen Namen für lange Zeit beflecken und ihm seine Lebensstellung kosten konnte! In solchen Worten übte ein Hüter des Gesetzes den Akt der Gerechtigkeit, der ihm Vergnügen bereiten sollte, so lange sich noch ein rechtlich denkender und humaner Mann nur freuen kann, daß ein Mitmensch, der den Schein wider sich hatte, doch kein Schurke war! (Fortsetzung folgt. js (Nachdruck verboten.) Spielwaren. (Schluß.) Der Junge keuchte in den Hausflur eines Fabrikantenhauses und huckte seinen Tragkorb ab. Der Hansflnr war mit Lieferleuten gefüllt, und so koimte er lange warten, bis die Reihe an ihn kam. Es war zugig im Flur. Vom Hofe strich der Wind herein, und wenn die Hausthüre geöffnet wurde, pfiff es, daß die Leute sich schüttelten. Von Zeit zu Zeit kamen Schnitzersleute mit leeren Korben aus dem Lieferraum und andre gingen hinein. Den Harrenden war förmlich die Stimme eingefroren. Sie standen schweigend da oder unterhielten sich nur im Flüstertöne. „Nu, Heincr-Karle", fragte ein Alter,„Hot Dich Deine Mutter 0 liefern g'schickt?" Der Junge nickte. „Was hoste?" „Soldaten." „Wieviel sind's?" „Hundert Schock.* Ter Alte überschlug. Hundert Schock Holzsoldaten, das Schock zu fünfzehn Pfennigen, machte fünfzehn Mark Liefcrlohn. Holz, Leim, Farbe machte ungefähr acht Mark Kosten. Da behielten sie etwa sieben Mark zum Leben. Er sah den Jungen mitleidig von der Seite an. „Bist mit der Bahne kommen?" Der Junge schüttelte den Kopf und rieb seine durchfrorenen Hände. „Ree, ich bin's geloofen." „Un host den schweren Korb geschleppt?* „Ja, des ho''ch." Die Lieferleute wurden aufmerksam. Was, den weiten Weg von Seiffen bis Olbernhau ivar der Junge mit dem schweren Korbe auf dem Rücken gelaufen? Wie konnte man dem schwächlichen Kinde eine solche Last aufbürden? Aber freilich, wenn die Mutter krank, der Vater tot war und am ganzen hundert Schock, woran eine Woche gearbeitet werden mutzte, kaum sieden Mark Verdienst blieben, wie tonnte es da anders feint Der Junge hörte gleichmütig zu. Er war ja den ivsiten Weg nicht zum erstenmal gelaufen, und war'S nicht befier gewöhnt. Wenn er nur Geld genug nach Hause brachte, daß die Mutter Kartoffeln, Leinöl und Salz kaufen konnte. Er übersah die Menge der Körbe. „Su eene Masse Zeug, wie se da wieder z'sammcng'schnitzelt ha'm", sagte er zu dein Alten und rieb sich die durchfrorenen Hände. „Wo se se bloß lassen woll'n all' die Soldaten, de-s Viech, die Häuseln, die Beemeln, die Wagen un' Pfer'." Aber der Alte lachte und begann zu erzählen. Er wußte es durch den Buchhalter. DaS ganze Jahr hindurch stapelte der Verleger die Ware auf. Die Hauptsache war, daß er Geld hatte und kaufen konnte. Dann kamen die Einkäufer der großen Erportgcschäste. Die sahen sich das Mustcrlager an, und dann wurde abgeschlossen. In großen Kisten, gleich waggonweise, gingen dann die Spielwaren hinaus, nach Leipzig, nach Berlin, nach Hamburg, nach London, nach New Jork, über Länder und Meere. Und sie kamen auf den Tisch der reichen Leute, unter schimmernde Weihnachtsbäume. Jubelnde Kinder bekamen sie in die Hände, die nichts wußten von all dem Hunger und Kummer der Schnitzersleute. Die Spielwaren, an denen so viel Thränen und Not klebte, umgab man für sie mit den, sonnigen Reiz der Märchen-Poesie, und dieselben Waren, für die der Spielwarenmacher ein paar Hungerpfcnnige erhielt, wurden zu Gold für die Verleger, die sie in die Welt sendeten. So erzählte der Alte in schlichten Worten, und der Junge hörte mit großen glänzenden Augen zu. Als dann die Reihe an ihn kam, zog er seinen Korb in den Lieferraum und lies; seine Ware prüfen. Dann strich er mit den blaugefrorenen Fingern das Geld ein und wanderte, den leeren Korb auf dem Rücken, heimwärts. Und wieder pfiff der Wind über die Straße, daß es den Jungen erschauerte. Die andern fuhren nach dem Liefern mit der Bahn in das Gebirge hinauf oder sie saßen in den erwärmten Stuben der Wirtschaften an der Straße. Aber der Junge ging seines Weges und seine starrgcfrorenc Rechte umklammerte die paar Mark Lieser- geld, die er seiner Mutter nach Hause brachte. Und während er ging, dachte er der Erzählung des Alten. Er sah seine Holzsoldaten, die er mühsam zusammengeschnitzelt hatte, in den Spielwarcnkisten verpackt, in feriffte Länder und Städte gehen. Er sah die Spiegelscheiben glänzender Verkaufshäuser, hinter denen sie aufgestapelt lagen. Und er sah warme Stuben, er hörte jubelnde Kinder, er sah den Lichterschimmer der Tannenbäume und er glaubte den Geruch von Kuchen und Leckereien zu haben. Mit großen. glänzenden, irren Augen sah er Jubel und Freude und was ihm nur Hunger und Arbeit und Elend bedeutete, die Herstellung der Holz- spielwaren, das bereitete den glücklichen Kiudcrn der Reichen früh- liche S wilden. Der leere Magen schmerzte, und eiue schier unüberwindliche Mattigkeit befiel ihn. Da legte er seinen Korb an den Straßen- rand, mit dem Boden gegen den Wind und kroch hinein. Und als er so dasaß, nur die dünnen Beine herausgestreckt, konnte er der Müdigkeit nicht widerstehen und schlief ein. Da kam der Flinzner-Bauer in scharfen; Trabe von Olbernhau zurück und als er den Korb sah, zog er ein gräßliches Geficht. „Do Hot schonn wieder Eeener seinen Lieferlohn versoffen, un' is' nu besoffen, daß'rn Korb an der Stroße liegen läßt. Pakasche, verfluchte I" Als er aber vorbei wollte, sah er die dünnen Beine heraus- ragen. Er hielt das Pferd an, sprang ab und sah den kleinen Heiner halb erfroren au; Wege sitzen. Verflucht noch'mal, das war eine schöne Geschichte! Ließ mai; ihn liegen, so kam er um, nahm man ihn mit, so starb er vielleicht unterwegens und die Geschichte ivar nicht besser. Aber es ging nicht anders. Mit einer mürrischon Geberde hob er den Jungen ii; das Korbwägelcheu, wickelte ihn in eine Decke m;d fuhr scharf zu, den Berg hinan und hinab ins Thal nach Seiffei;. Drunten brachten sie den Jungen durch Grog und Brannt- wein wieder zu sich und schafften ihn dann in die elende Hütte der Heiner-Witwe, ganz an; Ende des Ortes, auf ein langes Krankenlager. Der Flinzer-Bauer aber siihr heimwärts mit seinem ewig mürri- schen G. ficht. Da hatte er wieder einmal Wohlthäter sein müssen und er hatte doch nichts davon.— CBeihnacbtömulxk. Die Bemühungen, den Kindern statt der bisherigen unkünst- kerischen Eindrücke, die für sie Regel waren, etwas Künstlerisches zu geben, haben in der bildenden Kunst und in der Lyrik wenigstens einige Früchte getragen. In der Musik und gar erst im Drama sind kaum erst Spuren solcher Bemühungen zu finden. Die Nähe der Weihnachtszeit stellt uns wieder vor die Frage, ob es auch darin weiter geht. Das„Opern-Theater des Westens" pflegt in dieser Jahreszeit alte Märchen dramatisiert zu bringen und dabei manches mehr nur gelegentliche Tarsteller-Personal neben erprobteir Kräften vorzuführen. Vorgestern(Montag) kam zun; ersten Mal und mit viel äußerem Aufgebot„Rübezahl". Ein Märchen- spiel usw. von Karl Skraup. Musik von Bertrand Sänger. Der Dichter— er gab dieses Werkchen bereits 1893 heraus— ist ein erfahrener Theatcrmann und hat zahlreiche Theaterstücke und theoretische Theaterschriften geschrieben. Ter Komponist ist der uns wohlbekannte Kapellmeister jenes Theaters. Beide haben ein den Kindern oder vielmehr ihrer üblichen geistigen Ernährungs- weise angepaßtes Werk geliefert, das stark von der landläufigen Ausstattungsoperette beeinflußt ist. Das zappelnde Herumtrippeln von Kindern als Gnomen u. dgl. auf der Bühne, die Elsentänze usw., die getreulich den bekannten Ballettgeist konservieren, und die übrigci; scenischen Hilfen werden ja ihre Wirkung gewiß nicht verfehlen. Von diesem und dazu noch vom puren llnterhaltungsstandpunkt aus wird der Besuch des Stückes nicht zu widerraten sein. Irgend ein Ehr- geiz, etwas artistisch Neues zu bieten, hat ersichtlich keinen der Vcr- fertiger des Werkes beseelt. Die Musik ist„gute Kapellmeister- musik, mit den gebräuchlichen Hilfsmitieln der Elfenstimmung und dergl., und mit Citaten aus Wagner, Chopin und Meyerbecr, die ein originellerer Kopf, wem; sie schon kommen sollen, ivohl bis zu inter- essanten Parodien hätte fortbilden können. Die melodramatischen Partien und Particchen verdienen eine anerkennende Hervorhebung, die Tanzpartien dagegen sind doch etwas gar langweilig. Im Text hätten Inkonsequenzen— gelinde gesagt—, wie z. B. zwei öde Couplets, gut wegbleiben können. Die Aufführung klappte zwar manchmal schlecht; aber gewiß haben der Regisseur F. Worms und die Ballettmeisterin G. S t r a l u ck y mit diesen zahlreichen Figuranten zu stände gebracht, was da möglich war, und die Letztgenm;nte hatte anscheinend manche Mühe, ihre eigene Sololeistung' nicht durch die Aufmerksamkeit aus ihre Leute stören zu lassen. Im Mittelpunkt der Tarstellung stand eine kleine Elevin, W. Worms, die den Knaben Fritz gab. Sie hat ersichtlich nicht wenig gelernt und kann in Sprache und besonders in Mimik mehr als manche sowohl von den regel- mäßigen wie von den gelegentlichen Mitwirkenden. Aber es dürfte eine Aufgabe der Kritik sein, vor einer falschen Behandlung eines solchen Kindes zu warnen. Wir meinen weniger dies, daß sie in der Sprechtechnik noch manches überwinden muß, wie z. B. ein Säuseln und ein Verschlucken von Endlautcn und eine Berliner Klangfärbung, Allein vor dem Theatralischen zu behüten, wird um so mehr eine dringende Aufgabe ihrer Erzieher und Bildner sein, als sie ein starkes Komödiantenblut, in; guten wie im schlechten Sinn, zu haben schemt. Allerdings ein schweres Stück Arbeit! Ist jede Bildung zum Künstler- tum eine die Nattir wiederfindende Unnatur, so wird diese Paradoxie gegenüber einem Kind begreiflicherweise erst recht anspruchsvoll. Tah boa den übrigen Tarstellern neben viel.Unnatur" auch viel iünstlerische„Natur" geleistet wurde, dürfen wir Ivohl mit einen, einzigen Wort verzeichnen. Es drängt uns. auf ein Werkchen aufmerksam zu machen, das wir unter sonstigen WeihnachtSsachcn gefunden und mit lebhafter Freude als eine wirklich künstlerische Musikleistung für Erwachsene wie für Kinder begrüßt haben. Hermann Bisch off. dem Leser wohl noch durch seinen„Pan" aus dem nculiche» Strauß-Konzcrt in Erinnerung, hat zu alten Bolksliedgedichtcn„25 neue Weise n" komponiert(verlegt bei Lauterbach und Kuhn. Leipzig), die den alten Bolksliedstil sehr hübsch und mit neuer Tetzweise verbinden. Etwas auf dem Gebiete der Tonkunst wie Scheffels„Frau Aventiure" auf dem Gebiete der Dichtkunst! Manches ist etwas simpel, manches etwas gezwungen(z. B. im„Brautlied" S. Iii unten), und manche finnwidrige Betonungen(z. B. ebenda, S. 17 oben) wären nicht nötig gewesen. Aber dafür ist so vieles so entzückend eigenartig, daß man nur jedem wünschen kann, es zu hören oder zu singen. Findet sich irgendwo ein sehr gut geschulter Kinderchor, so wird er nicht bald etwas Wirkungsvolleres singen können, als zu Neujahr nach altem Gebrauch ein Lied wie das„Sternlied von den heiligen drei Königen". Welche Eigenart in diesen eigensinnig primitiven und doch so fein ansprechenden Tonfolgen I Nuch sonst ist Gelegenheit zu Gesängen für Feierzeiten:„Tanzlied",„Brautlied",„Wcihnachslied" u. a. Einiges lvuchtig Ernste fehlt nicht.„Steh' auf Nordwind", und das auch als Lösung eines schwierigen Komponistcnproblems interessante Stück„Drei Lilien".— Wir haben keine Volkslieder von heute. Bielleicht werden sie in Kindermund erstehen. Daß hingegen die Kunstmusik— um diesen Gegensatz, mit allem Bewußtsein des Irreführenden in ihm, zu gebrauchen'— derzeit quantitativ und zum Teil auch qualitativ hoch steht, wissen wir. Auch im theoretischen Bewußtsein von der Tonkunst sind wir auf guten Wegen; in ihren pädagogischen Angelegenheiten weit weniger. Auf eine Wiederholung unsrer Klagen darüber verzichten wir im Augenblick um so lieber, als uns eben ein Werk zuging, das jedenfalls innerhalb der Lehrlitteratur der Musik einzig dasteht. Wir hatten vor einiger Zeit den 1. Band der„Großen Kompositionslehre" von Hugo Riemann begrüßt(„Ter homophone Satz", Berlin und Stuttgart. W. Spemanu. 1902). Jetzt ist der 2. Band nachgerückt(ebenda; ein dritter Band soll abschließen). Was wir da- umls hauptsächlich gesagt, können wir mit Befriedigung wiederholen: ein Werk, das lvie kaum ein andres zeigt, daß die Kunst lehrbar ist— die Kunst als solche, nickst nur ihre Technik und Grammatik, und nicht nur ihre Vcrstandesseite, sondern auch ihre Phantasicseite. Bon einem kritischen oder auch nur beschreibenden Eingehen ins Detail kann hier natürlich keine Rede sein; bestenfalls vermögen wir ein oder das andere spätere Mal einen Anlaß zu erhaschen, der uns darauf zurückleiten mag. Doch sei wenigstens der Reichtum an historischen Beispielen betont, mit denen der Verfasser seine Lehre erläutert, und die nicht nur in Abliegendes, aber geschichtlich und sachlich Belangvolles, sondern auch in einiges erst jüngst von Riemann selber Entdeckte einführen. Eine„Große Vortragslchre" zu schreiben mag den Kritiker locken, wenn er die Verschiedenheiten der allabendlichen Konzerte auch nur an wenigen Fällen zu kosten belommt. An dem Geiger Jacques Thibaud kann man lernen, waS Tonschönhest und was Seele in der Sprache dieser Schönheit ist, auch wenn man sich ausdenken möchte, daß man selber im erträumten Besitz dieser Technik sie vielleicht noch schärfer in den Dienst der Deutung des Kunstwerks stellen würde. Wir hörten dem Künstler so lange zu, daß lvir in ein andres beachtenswertes Konzert nicht mehr frühe genug kamen. Aber was wir von den Kammcrsängermnen A l i n e Friede(Sopran) und Minna Alken-Minor(Alt) noch hören konnten, war des Eilcns wert. Die' Erstgenannte ist durch Gastspiele aus ihren« Schweriner Wirkungskreis(„Jngvelde" von SchillingZ) hier bereits gut bekannt; daß eine„Hochdramatische" in, Konzertsaat— noch dazu in dem kleinen Oberlichtsaal der Phil- Harmonie— das Unvolltommenc eines Konzcrtgesanges mehr als sonst fühlen läßt, ist auch nichts Neues mehr. Jedenfalls lieber ein bißchen zu viel als gar zu wenig!—> w, Kleines feullleton. 7». Bestraft. Konnncrzicnrat Holbcrg saß in seinem Privat- eoinptoir und blätterte zerstreut in GcschästSpapiercn. Seine Gattin wiegte sich, ein Modejournal in der Hand, in einem Schaukelstuhl am Fenster.„Der neue Bewerber ist ziemlich unpünktlich, Philipp." Holberg zog die Uhr.„Es ist eine Minute über die angesetzte Zeit. Fünf Minuten geb' ich den? Manne Frist. Wenn er bis dahin - nickst kommt, empfange ich ihn erst gar nicht." Er erhob sich. „Pünktlichkeit verlange ich in erster Linie von meinen Leuten." Er ging auf und ab.„Diese ewige Sorge mit dem Hauspcrsonal!" „Ja." Frau Holberg seufzte.„ES ist entsetzlich schwer, etwas Passendes zi? finden!" „Es klopfte. Ein HauSinädchen sah herein. Holberg winkte nngeduldig:„Faja. Lassen Sie eintreten." „Also doch I" Seine Gattin stellte daS Schaukeln ein und setzte sich in eine neugierige Posiwr. , Mit einer scheuen Verbeugung trat ein ärmlich gekleideter Mann herein. Holbcrg musterte ihn etwas erstaunt. Daun ließ er sich ge- mächlich an semcm Schreibtisch nieder und nahm spielend ein Lineal in die Hand,„-sie haben sich da um die von mir ausgeschriebene Stellung beworben—" „Ja, Herr Kommerzienrat." Der Mann fiel haftig ein.„Es thäten mir einen großen Gefallen, wenn—" Holbcrg unterbrach ihn mit einer Handbcwegung.„Von Ge- fallen thun und dergleichen ist keine Rede. Es handelt sich lediglich darum, ob Sie mir gefallen! Zunächst bemerke ich. daß Sie sich allen Arbeiten— allen, ohne Ausnahme!— die Ihnen angewiesen werden, stillschweigend unterziehen müssen. Widerreden dulde ich priueipiell nicht I In der Beziehung verstehe ich keinen Spaß, vcr- standen?" „Fawoll, Herr Kommerzienrat. Mir is alles recht. Bloß Arbeit möcht' ich haben, daß ich leben kann mit meiner Familie." „Naja. Ihre Motive kümmern mich nicht. Die Bcdmgiingcir keimen Sie. Haben Sie Zeugnisse?" Der Angeredete zog mit bebenden Händen ein Päckchen Papiere auS der Tai che lind reichte Sie dem Kommerzienrat. In banger Erwartung beobachtete er die Mienen des Lesenden. Frau Holbcrg fragte indes:„Wie heißen Sie eigentlich?" „Klaut, Albert Klairt, gnädige Frau." „Wir würden Sie einfach Fritz nennen. Wir sind das so gewöhnt." Älant schien etwas hinmiterzuschlucken.„Jawohl, Frau Holberg." „Ihre Frau ist hoffentlich fleißig und sauber. Und klatscht nicht." „Da brauchen Sie keine Bange zuhaben, Frau Kommerzienrat." Holberg unterbrach seine Lettiirc:„Ihre Zeugnisse sind ja sehr gut, wie ich sehe. Ich muß Ihnen offen gestehen, daß mich zunächst Ihre— Ihre etwas wenig moderne Kleidung"— seine Gattin lachte—,„ja Ihre abgetragene Kleidung etwas frappierte." Klant strich unwillkürlich über den schäbigen Rock.„Ich— ich— es is bloß augenblicklich—" Holberg winkte.„Jedenfalls müßten Sie sich erst etwas cqni- Pieren. Ja. Also was meinst Du, Ennna?" „Mir gefällt der Mann. Ich denke. Du engagierst." In den Augen des Wartenden leuchtete die Hoffnung auf uud freier begegneten seine Blicke den forschenden des Kommerziell- rats. „Hm." Holbcrg griff noch einmal zu den Zeugnissen und prüfte die Daten. Plötzlich stutzte er, suchte in den Papieren und sagtt scharf:„Aber! Mein Lieber! Das letzte Zeugnis ist ja schon vor einem Jahre ausgestellt! Wie geht denn das zu? He?" Klant war heftig erschrocken. In tödlicher Verlegenheit suchte er nach Worte?,:„Herr»rommcrzienrat I Erst— erst war ich krank. Und denn könnt ich nichts finden. Und dann ging's mir so schlecht." Holbcrg war aufgestanden und faßte Klant' bei einen? Mantel- knöpf:„Hören Sie?nal I Da ist irgend etwas nicht richtig I Wir haben doch nichts auSgestessen?" Eine heftige Bewegung erschütterte den Examinierten. Er würgte an einer Ausrede, Plötzlich übermannte ihn der Groll; er warf den Kopf hoch;„Ja. Ich hab'n Brot gestohlen. Und da habe?r fie?nich eingesteckt. Weil ich'S nicht mir ansehe?? konnte, wie?ncine Familie zu Grunde ging I" Der Konrmerz?e??rfft war erschrocken zurückgetreten. Er scheuerte die Finger, ivelche Klants Ma??telknopf gefaßt hatten. Dan?? wandte er sich mit ei??cr BerzlveiflungSgcberde zu feiner Gattin: „Da haben wir'S l" Frau Em?na war a?lfgesprrmgcn:„Gestohlen? Empörend I Ja, aber Philipp, Du kannst doch keinen Dieb engagieren!" Ihr Gatte warf mit zwei Fi?rgcrn die Zeugnisse zusa?nmen m?d reichte sie dem heftig atmende?? Klant:„So. U??d nun th???? Sie mir de?? Gefallen imd verlassen Sie so schle?inigst als möglich mein anständiges Haus!" Klant hielt sich mit Mühe anstecht.„Herr Holberg! Ich bin immer n ehrlicher Mensch gewesen. Ich— wahrhaftig I— es steht doch in den Zeugnissen!" „Jaja! Sie si??d ein ehrlicher Mensch gewesen— das bezweifle ich nicht!" „Wer gesessen hat!" Frau Holbcrg wandte die A?lgen entsetzt zur Decke. „Und ich b i n noch'n ehrlicher Mensch 1" rief Klant.„Und ick, will doch arbeiten u??d ordentlich sein. Bloß verh??ngeri? lvill ich nicht! Aber was soll man denn machen, wenn man überall'ra?lS- geschmissen wird?" Er trat?nit verzweifelter Geberde an Holberg heran und schrie: „Was? WaS soll ich dcmr machen?" „Machen Sie, was Sie wollen! Aber e??!,«?�» Sie sich! Oder ich lasse Sie wegen Ha?isstiedenSbr?ich auf der Stelle ver- haften!" „Hahaha!" Älant lachte höhnisch.„Da wär' man ja wieder versorgt I" Dann sank er in sich zusammen und schlich hinaus. � Frau Holberg atmete ailf:„Na, Philipp! Un? ein Haar hatte?, wir uns einen Verbrecher ins Haus gesetzt!" Kommerzienrat Holberg ging mit langen Schritten auf und ab: „Un— er— hört I Der Kerl kommt womöglich geradenwegs auS'm Zuchthaus. Stellt sick? hier vor I Eine solche Frechheit ist mir in meinem Leben rwch nicht vorgekomme?, l"— ss. Steinfresscnde Pflanze??. Eine wichtige Mitteilung, dcre?» Bcde??tung weit größer ist. als es auf de?? ersten Blick erscheint, macht Dr. Ducrden in,„Bulletin des Amerikanischen Museums", Dieser Forscher hat nämlich a?if den wesriirdischcn Inseln die Be- obachtiing gemacht, daß die Korallrnbauten von winzigen Pfläuzchen eine Ivcitgehciide Zerstörung erleiden. Er fand auf fast allen Bruchstücken von totem Äorallenkalk in West-Jndien eine Anzahl grüner Flecken, und bei genauerer Untersuchung stellten diese sich als Bohrlo-ber dar. die von Algen herrührten. Die Algen bilden mit Ausnahme der Bakterien die niederste Pflanzengrnppe, die wegen ihrer vielseitigen Eigenschaften und wegen ihrer mannig- fachen Aehnlichkeit mit der Beschaffenheit niederer Tiere immer ein lebhaftes Interesse bei den Naturkundigen erregt haben. Auch jene Algen sind also sehr kleine Wesen, die aber in ungeheurer Menge austreten. Da sie nun die Fähigkeit besitzen, sich sogar in harten Fels verhältnismäßig tief einzubohren, so vermögen sie mit der Zeit große Massen von Korallenkalk dem Verfall zuzuführen. Die Folgen ihrer Thätigkeit sind sehr weilgehende und müssen auch den Geographen beschästigen. Dr. Duerden hat sich sogar zu der An- nähme geführt gesehen, daß die Bohralgen die Bildung von Lagunen auf den Korallen-Jnseln zu sehr wesentlichem Teil veranlassen, während man deren Entstehung bisher aus die Auflösung des Korallenkalks durch kohlensäurehaltiges Wasser zu erklären versuchte. Gerade in ruhigem Wasser, wie eS sich als Ergebnis von Ueber- fluwngcn im Innern von Korallen-Jnseln ansammelt, gedeihen die Bohralgen ausgezeichnet lind können somit dort ihr ZerstörungS- werk am wirksamsten entfalten.— Aus dem Tierlebe«. — Der Leinzeisig. Dr. Victor H o r n u n g schreibt in der Wochenschrist„NerthuS": Weit und breit liegt die Landschaft im Schnee vergraben vor uns, die Krähen durchziehen krächzend die Lust, um aus der Höhe nach einem schneefreien Plätzchen Ausschau zu halten. Aus de» Berichten ersehen wir. daß auch in nördlichen Strichen der Winter eingekehrt ist, und so können wir schließen, daß verschiedene gefiederte Gäste aus dem hohen Norden konnnen, unsre Breiten auffuchen, unr die- selben zu durchstreifen und im Frühling wieder in die Heimat zurückzukehren. Und in der That bestätigen sich unsre Vernmtlingen: denn gelegentlich eines Ausfluges in die Umgegend der Stadt treffen wir eine Familie Leinzeisige(Fringilla linaria L.) an, die sich ge- schästig in den Birken umhertummelt. Fröhlich wiegen sich die schmucken Tierchen an den Zweigen, flattern von einer erschöpften Samenstelle der Birke zu einem ertragreicheren Plätzchen und halten getreulich wie echte Freunde in Freud und Leid zusammen. Geselligkeit, Verträglichkeit und Anhänglichkeit zu einander, das sind die Ha'npteigenschaflen, die dem Leinzeisige zukommen; denn nicht einzeln ziehr er im Lande umher, sondern entweder in größerer Zahl mit Seinesgleichen, oder er schließt sich andren gefiedenen Freunden, z. B. unsrem heimischen Zeisig an, und ohne Zwistigkciten und Neid gehen beide Vettern auf die Nahrungssuche. Die Heimat des Lein- zcisigs sind die nördlichen Länder, nur im Winter erscheint er in unsren Gauen, aber nicht alljährlich; denn sein Kommen hängt von den Schneefällen und demlleberfluß oder Mangel an Nahrung ab; weist der Norden geringe Schneefälle auf und sind die Birkensamen gut geraten, so bleibt er getrost daheim, andernfalls zieht er südlich. e-cine Nahrung besteht vorwiegend in dem Samen der Birke, zu- gleich aber auch in den verschiedenartigsten Sämereien; ferner nährt er sich auch von kleinen Insekten und dergleichen. In seinem Leben erinnert der Leinzeisig lebhaft an feinen heimischen Verwandten. Der gleiche zierliche Körperbau, die- selbe Lebensfreude, die Zutraulichkeit und Geschicklichkeit in den Be- wcgungen, so zeigt sich dies niedliche Wesen dem Beobachter, und jeder, welcher der kleinen Gestalt in der freien Natur begegnet, wird sie liebgewinnen. Fesselnd ist der Anblick, wenn das fahrende Völkchen wohlgemut in den Bäumen umherspringt; einige lustige Brüder haben sich von der Hauptgruppe ein wenig abgezweigt und eine nahe, reich mit Samen versehene Birke aufgesucht. Freudig verständigen sie ihre Genoffen von dem reichen Fund, und bald cnt- faltet sich im Gczwcige ein reges, geschäftiges Treiben; denn die ganze Familie stellt sich an der Stätte des Reichtums ein, um verträglich gemeinsam das Mahl zu verzehren. Das Nest soll der Leinzeisig nicht weit vom Erdboden entfernt anlegen; dasselbe soll au? Halmen, MooS und dergleichen zusammen- gefügt, im Innern mit Federn und ähnlichen Stoffen ausge- polstert sein. Das Gelege desteht aus vier bis sechs bläulich oder blaßgrün gefärbten Eiern, die rötliche Flecken aufweisen. Die Lock- stimme des Leinzeisigs klingt wie �.tschättschätt",„diit, dük". Gefangen wird unser Vöglein oft in großer Kopfzahl mit Leimruten und andren Vorrichtungen. Ist der Vogelfänger im Besitze eineö Lockvogels, dann geht oft der ganze Schwärm der Freiheit vcrlnstig, denn sind erst einige Tierchen in Gefangenschaft geraten, so stürzen sich auch die übrigen ins Verderben, indem sie sich alle- samt berücken lassen. Für die Gefangenschast kann der Leinzeisig dem Vogelftcunde empfohlen werden. Sein Gesang ist allerdings unbedeutend und nicht dazu angethan, ihm Verehrer zu verschaffen, seine Heiterkeit und leichte Zähmbarkeit erwerben ihm dagegen trotz alledem viele Freunde. Einzeln oder mit Seines- gleichen gepflegt hält er sich mehrere Jahre gut in der Ge- fangenschast, wird zutraulich und erfteut den Pfleger durch seine Lebenslust. Mit andren Körnerftessem und Weichfressern kann man diese gefälligen Tierchen unserm Zeisig gleich anstandslos zniammenbringen; denn friedliebend ist der Leinzeisig. Zänkereien und Streitigkeiten abgeneigt, dagegen nimmt er sich infolge seines eigenartigen Gefieders und Frohsinn? in dem Ge- Verantwortlicher Redakteur: Carl Lei» in Berlin.— Druck und Verlag: sellschastskäfigc hübsch aus und hebt das farbige Bild, welches die verschiedenen gefiederten Lieblinge gewähren. Schade ist es nur, daß das schöne Rot jener kleinen, ihm zur besonderen Zierde gereichenden, leuchtenden Krone, solvie die übrigen rot gefärbten Teile des Federkleides in der Gefangenschaft verblassen und ihm so sein Hauptschmuck genommen wird. Das Gebauer, welches den Leinzeisig beherbergt, bringt man im Winter in einem wenig oder gar nicht" geheizten Raum unter, da er, der Wärme ausgesetzt, leicht eingeht. Wärme ist ihm nicht zuträglich, ein ungeheiztes, wohl zu beachten aber ftoststeieS Zimmer entspricht am ehesten den nattirlichen Lebensbedingungen des Leinzeisigs. Als Nahrung reicht man dem Gefangenen Mohn- samen, Rübsen, ab und zu Birken- und Erlensamen und auch Grünzeug.— Humoristisches. — Glückliche Improvisation. Bei einem über die Bretter des Hinterdumsbacher Theaters gehenden Räuberstück hat der Räuberhailptmann mit der Pistole einen Reisenden niederzuschießen. Da jedoch die Pistole— die einzige, welche in der Requisitenkammer vorhanden ist— nicht funktioniert, hat der Regisseur die Aufgabe. im geeigneten Moment hinter den Couliffen aus einem alten Schlüssel einen Schuß abzugeben. Die Seene kommt. Aber bevor noch der Räuber die Pistole aus dem Gürtel zog, krachte schon der verabredete Schuß. Peinliche Sttlle!... Da schreit der Räuberhauptmann: „Hai ein Vorschuß?! Den kann unsereins immer brauchen!" -- Die Simation war gerettet.— — Sonderbare V e r l o b u n g s a n z e i g e. Sebastian Knipperling gedörrter Obsthändler Eulalia Zumverl gerupfte Geflügelverkäuscrin Verlobte. („Meggendorfer Blätter.") Notizen. — Die M ü n ch e n c r.Jugend" hat gegenwärtig 50 000 Abonnenten.— — Suder in annS neues Bühnenwerk ,. SokrateS, der Sturmgesell", wird vom L c s s i n g- T h c a t e r zur Auf- führung gebracht.— — Die Erstaufführung von Frank W e d e k i n d S Tragödie „Erdgeist" im Kleinen Theater ist auf den 12. Dezember verschoben worden. — Hebbels Schauspiel ,, G y g e s und sein Ring" wird am 15. Januar im Schauspielhaus in Seene gehen.— — I. V. W i d m a n n s Drama„Muse d e s A r e t i n" er- zielte bei der Erstaufführung in Basel einen starken Erfolg.— t. Eine naturwissenschaftliche Expedition in das Innere Brasiliens, namentlich in die bisher unerforschten Ge- biete von Piauhy und Maranhao, wird im Januar kommenden JahrcS von Wien aus abgehen. Als Leiter wird der Direktor des naturhistorischen Museums'in Wien, Professor Franz Steindacher, genamtt.— c. Die russischen Pelzhändler wollen einen Kongreß berufen, der über die Mittel beraten soll, wie man die echte Ware gegen die Imitationen schützen kann. Es werden nämlich neuerdings von bestimmten Industriellen auS Fellen von Kaninchen, Hunden, Katzen und Ratten Imitationen von Hermelin, Biber, Fuchs usw. verfertigt.— Büchereinlaus. — Hermann v. G i l in: Gedichte. Innsbruck. A. Edlingers Verlag.— Otto z u r Linde: ,. F a n t o e c i n i Gedichte, Märchen und Skizzen. Dresden und Leipzig. E. Piersons Verlag.— — Karl v. H c u g e l:„La che nde Geschichten", Novellen. Dresden und Leipzig. E. Piersons Verlag.— — Paul E n d e r lt n g:„Tolle Novellen". Dresden und Leipzig. E. Piersons Verlag. Preis 1,50 M.— — R u d. Braunc-Ro ßl a: ,. L e d i g e L e u t e". Drei Thüringer Erzählungen. Leipzig. Sächsischer Volksschriftcnverlag.— — Max Hoffmann:„ H o ch z e i t n a ch t. Geschichten in Moll und Dur." Novellen. Breslau. Schlesische Verlags- anstatt von S. Schottländer.— — G. W. Vier fien:„Weite Herzen". Roman. Dresden und Leipzig. E. Piersons Verlag. Preis 4M.— — BjörnstjcrneBiörnson:„ThomasRendalen". Roman. 2. Aufl. Berlin. Franz Wunder.— — Martin Langen:„Geben und Nehmen". Drama. München. Albert Langen. — Dr. Alfred Chr. K a l i s ch c r:„Reue Beethoven- Briefe". Berlin und Leipzig. Schuster u. Löffler.— — Hippolyte T a i u e:„Philosophie der Äunst". Band 2. Leipzig. Eugen Diederichs.— — R. W. Emerson:„Vertreter der Menschheit." Essays. Leipzig. Eugen Diederichs.— — W. Bölsche:.LiebeSlcben in der Natur." Leipzig. Eugen Diederichs. 3. Folge.—__ Zorio ürtS Bnchdrmkerei und Verlagsanstnll Paul Singer sc lio, Berlin ÖW.