HlnterhaltungMatt des vorwärts Nr. 2�6. Donnerstag, den 4. Dezember. 1902 (Nach druck verbolcn) 12) frau Pilatus. Von O s c a r M a d s e n. Autorisierte Uebersetzung von Ida Anders. Einer so hofsiiungslosen Begrisfoverwirrnng stand Wintber sprachlos gegenüber. ..Der Mann musi ja abnorm sein," dachte er bei sich. ilntersnchungsrichter 5trog war noch nicht fertig. Er fast und blätterte in seinen Papieren und rieir „Warten Sie üvch." >Dann blickte er wieder ans. „Zum Schluß will ich Ihnen folgendes sagen: Die Ver- r.elnnung Ihrer Zrau.. ..Sie haben sie wirklich vernommen?" rief Winther ent- rüstet. „Ja. natiirlich," fertigte Krog ihn barsch ab.„Würde das(Bericht solche Altweiber-Nücksichten ncbmen, wie Sie denken, dann kämen wir nie einer Sache auf den Grund." „Es scheint mir.. begann Winther. „Ja. sparen Sie sich nur Ihre Räsonnements: ich werde schon selbst die Verantwortung für meine Handlungen tragen. Also: Die Vernehmung Ihrer Frau hat eine nicht geringe klnkorrektheit in Ihre» Aussagen ergeben. Sie haben nur gegenüber behauptet-/ daß Möller nur Ihr Kollege wäre. Es ist nun dokumentiert, daß er Ihr intimer Jranid war. Was sagen Sie dazu?" „Wir haben nur kollcgialisch verkehrt." sagte Winther erstaunt. „Keine Spitzfindigkeiten!" rief der Assessor streng.„Das können wir heute nicht brauchen! Und ich kann Ihnen an- vertrauen, daß ich ernstlich daran gedacht habe, Sie dieser falschen Aussage wegen richtig festzunehmen! Nur aus Gnade und Barmherzigkeit lasse ich Sie laufen, zumeist Ihrer Iamilie wegen. Denn was Sie auch denken: ich bin gleichwohl ein humaner Mann! So jetzt können Sie gehen!" Diesmal sparte Winther seine Verbeugung. Lassen führte ihn hinaus. „Der ist mehr als abnorm! Der ist ja kreuzverrückt!" rief Winther. als die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte. Lassen bedeutete ihm Schweigen. „So etwas dürfen Sic denken. Herr Winther, aber nicht laut sagen." XVI. Noch gab cS eine Reihe Formalitäten zu beobachten. Die Entlassung mußte erst protokolliert werden und das kostete Zeit. Dann wurde Winther in seine Zelle geführt, um leine (Effekten zu holen. Hier empfing ihn freudestrahlend Schwanenmoos. „Das macht mir wirklich viel Freude!" rief er.„Ja, ich dachte mir's schon, trotzdem ich der Sicherheit halber die zwei Mark fiir Sie holte! Sie liegen da auf dem Brett!" Sic waren allein in der Zelle und Winther nahm die (Geldstücke und reichte sie seinem Wärter. Schwanenmoos protestierte bestimmt. „Nein, das wollte ich nicht. Ich habe gar keine Erlaubnis, Geld anzunehmen." „Unsinn! Natürlich sollen Sic das kleine Trinkgeld haben." Es gelang Winther nicht, die zwei Mark dem Schließer in die Tasche zu stecken, und wenn er später an diese kleine Episode zurückdachte, so mußte er erröten daß er jemals hatte in Zweifel sein können, ob sein Gcfangenwärter aus Berechnung oder Teilnahme die zwei Mark„für alle Fälle" geholt hatte. Bald darauf schloß sich das große schwere Thor auf Königs Ncumarkt hinter ihin. Als freier Mann stand Winther wieder iin Freien und atmete die kühle, ergnickende Abendlust. Schnell rief er eine Droschke heran. In rasckem Trabe fuhr sie ilm durch die Stadt. Hier und da kam ein Bekannter, der still stand, grüßte und Winther lange und verwundert nachblickte, der freude- strahlend wieder grüßte. Es war die Lust, das Licht, das Treiben der Menschen, das er wieder grüßte, während er noch die schwere Gefängnislust in seinen Lungen und Nasenflügeln und den unbeschreiblichen Gefängnisduft in seinen Kleidern hängen hatte. Die Droschke bog um eine Ecke und rollte über den großen, freien Platz, an dem Winther wohnte. Der Bankbeamte sah zu seinen Fenslern hinauf. Da stand niemand. Ilm so besser. Er rieb sich vergnügt die Hände. Nun lvürde er richtig seine kleine Frau überraschen. In langen Sätzen sprang er die Treppen hinauf. Er hatte erwartet, die Thüre offen zu finden, er glaubte, Louise tviirde bei dem wohlbekannten Laut semer Schritte herausgestürmt kommen. Aber alles war still. Und ein wenig enttäuscht schloß er selbst auf. „Grawliere, lieber Freund, und Gott sei Dank, daß Du gekommen bist." Es war sein Hausarzt Dr. Feddersen, der ihm im(Entree empfing und ihm kräftig die Hand drückte. „Ja. ich erwartete Dich heute abend, deshalb blieb ich so lauge hier." Winther fühlte, wie ihm der Atem stockte. „Hier ist doch nichts Ernsthaftes passiert?" rief er, indem er die Thüre zur Wohnstube aufriß. Ter Arzt packte ihn beim Arn:. .Mein, still Du! So darfst Du nicht hereingestürmt kommen. Am besten, ich gehe voraus und bereite vor." „Ist Louise krank?" Winther wurde sehr bleich. Alle seine unheimlichen Ahnungen, die die Freiheitsfreude für ein flüchtiges Weilchen zurückgedrängt hatte, standen nun wieder leibhaftig vor ihm. Dr. Feddersen nahm seine Hand. „Ja. leider, lieber Winther. Trag's so ruhig, wie Du nur kannst. Deine Frau ist— schlimmer als krank." „Tot?" fragte Winther und sank taumelnd gegen die Wand. Ter Arzt schüttelte den Kopf. „Also eine Frühgeburt?" fuhr es Winther heraus. „Auch das nicht." Sie gingen Arm in Arm in die Wohnstube und Feddersen zwang seinen Freund auf das Sofa. „Deine Frau ist sehr krank. Eine Gehirnerschütterung. weißt Du. Nervös und hysterisch war sie schon vorher. Hoch- schwanger obendrein. Nun kam das Verhör." „Ach. der Unmensch! Ach, der klninensch!" rief Winther und biß die Zähne vor Wut zusammen. „Nenne ihn ruhig einen Barbaren. Barbar ist der ein- zige Ausdruck. Sie wurde von dort nach Hause gefahren und mußte sofort zu Bett gebracht werden, während man gleich- zeitig nach mir schickte. Nach einer Stunde war ich hier. Sic hatte starkes Fieber, redete irre. Erst nach und nach wurde es mir klar, daß das Hirn selbst von dem gewaltsamen Nerven- choc angegriffen worden war. Es ist eine Krankenpflegerin bei ihr. Wir haben die ganze Nacht gewacht. Eine glück- liche Entbindung kann vielleicht noch ihren Verstand retten. Ich hoffe das Beste, darf aber nichts versprechen... Es ist akuter Verfolgungswahnsinn." Winther war schluchzend im Sofa zusammengesunken. Nun fuhr er auf. „Ich will sie sehen. Du darfst mich nicht Zurückhalten!" „Gewiß sollst Du sie sehen. Das kann nur von Nutzen sein. Aber rede nicht zu viel, klnd widersprich ihr nicht. Gehe auf all' ihre Vorstellungen, selbst die verkehrtesten, ein. Und vor allem: verlasse Dich auf mich und befolge meine Rat- schlüge pünktlich." Winther stand in seinem Schlafzimmer und beugte sich über das Bett. „Luise! Luise! Kennst Tu mich nicht?. Kennst Du Deinen Mann nickt?" Ja. freilich kannte sie ihn. Ihre Wangen waren fieberrot. und die Augen, mit denen sie ihm entgegcnsrarrtc. waren fremd und wild und mit un- natürlich großen Pupillen. Aber ihre Arme schlang sie sofort um seinen Hals, und lange barg sie ibr Geficht an seiner Brust, während sie schluchzend hervorstieß: „Heinrich! Heinrich! Ack, mein teurer Schatz! Sehe ich Dich wieder! Ach. bleibe bei mir! Bleibe bei mir! Ich habe — 942— lolche Äugst... Die garstigen Männer find hinter mir. Sie',?aZ mag z. V. mit dem Wasserstoff der Fall sein, der in unsrcr haben mir gedroht, dag sie morgen kommen und uns beide Awissphdte nicht vorbande-l ist, wem» er nichtoicllcicfet ganz in der holen. Aber ich habe nichts gethan, wir haben nichts gethan! Me derselben nych aufzufinden ist. da crgoegSYvr � Ich will zur Polizei gehe, Uwecheu. Ich will an dort herrschenden ist. Sünde, wie fie an mir Äch, Heinrich, wie ich gelitten habe und wie glücklich ich bin, Dich wiederznhaben! Aber Tu muszt gleich gehen, sofort! Hörst Tu! Tu mustt zum Polizeidirektor gehen. Sie dürfen mich nicht in das schwarze ltoch ziehen, ans dem Tu her- kommst... Hörst Tu, gehe gleich! Morgen ist es zu spät." Ter Arzt stiesz Winther au, mit Thräneu in den Augen beugte der sich über seine Frau und küsste fie. „Ja, ja, Luise, ich gehe gleich— sofort." „Dante, danke! Das ist ausgezeichnet!" Sie brach in krampfhaftes Lachen aus.„Tu kannst glauben, Heinrich, wir beide werden uns rächen—» nicht wahr?" „Ja, wir werden uns rächen," versprach Winther, die Fünfte ballend. Der Arzt zog ihn aus dem Zimmer. „Am besten, wir ihun. als ob Tu gegangen bist," flüsterte er.„Nun versuche ich es mit einer Dons Morphium, sie must heute nacht Ruhe haben. Alle Folgen nehme ich auf mich." stimmten Höhe der Lusthullc ausgesetzt ist, lästr sich die Temperatur für diese Höhe berechnen. Rogavsty hat so gefunden, day an der Lberflache des Mars eine Temperatur von— 55 Grad herrscht, während die der Erde in gleicher Höhe-st t 5 Grad beträgt. Das sind freilich nur Durästäminozahlen, au den Polen ist die Temperarur niedriger und i» der Mitie höl>er, immerhin herrscht auf dem MarS eine viel niedrigere Temperatur als auf der Erde. Wasserdanwf könnte in der Atmosphäre deS Mars in geringer Menge vorhanden sein. Doch können die weihen Polarflecken, die man an dem Planeten bemerkt, nicht auf eine Landschaft mit Wasserschi»e« hindeuten. Sic könnte« aber aus einer Anhäufung von gefrorener Kohlensäure k- stehen. Denn diese ist sllpver genug, um von dem Mars festgehalten zu ivcrdrii, der ja viel fleiner ist als die Erde und darum auch ein« viel geringere Anziehungskrast besitzt. Man hat mitunter einen weihen Schimmer über den Scheibenrand des MarS hervorragen sehen. Das können keine Wollen von Kohlensäure sein, da diese zu schwer ist, um in der Höhe Wolken zu bilden. RogavSkn nimmt an. dah es CirruSwolken von EiSkryftallen find, da ja einiger Wasserdampf in der Atmosphäre deS Mars festgehalten loerden kann. Der Mond, der nun erst recht eine geringere SlnziehinigSkraft bc- sitzr, hat alle Gase verloren, die ein Molekulargewicht von unter t!) Grad besitzen. Er hat deshalb überhaupt keine sirblbare „Dirne, was D« willst," sagte Heinrich Winther tonlos. Der Arzt ging ivieder ins Sällaszimmer., I Winther trat zum Fenster und blickte hinaus sah die Atmosphäre, vor allem fehlt ihm der Wasserdailipf U!ll> infolge davon erste-, bleichen Sterne am dunkelnden Himmel bervortreteu auch das Wasser. Trotzdem hat man Grund, anzunehme», dah die Gr wnstte nickt wio la„a,. llvit sZ,r b-..'. Atmosphäre vor noch nicht allzu langer Zeit verschwunden ist. So Er wnstte nicht, wie lange Zeit vergangen war, als der Arzt wieder aus dem Schlafzimmer kam und zu ihm trat. „Jetzt schläft sie," sagte er und legte beruhigend die Hand auf die Schuller des Freundes. „THut ihr dos gut?" fragte Winther eifrig. Der Arzt zuckle die Achsel», „Du bist ein Mann. Ich will Dich nicht narren. Dir nichts einreden. Ter Körper war so erschöpft, bedurfte so sehr der Ruhe nach drei schlaflosen Nächten, dast das Morphium fast augenblicklich wirkte Einen bestimmten Schluß kann ich noch nicht ziehen. Hoffen wir das Beste." (Schluß folgt.) I�atur�issenscbaftUcke Öebcrficht. Pen Gurt G r o t t c w i tz. .Keine Naturerscheinung regt so zu stummer Andacht an, wie der Sternenhimmel, iveun in klarer Winieruacht die funkelnden Welt- kürper, die schimmernde Milchstrahe mit ihrem Chaos von Welte» und der einsame Mond ihr Licht über ungezählte Meilen deS Raumes hinweg auf unseren Planeten senden. Wer hätte da nicht die ernstesten, fragen an diesen Sternenhimmel zu stellen, Fragen, die daö Innerste den- Menschheit seit Ansang an erfüllen. Was bedeutet dieses unbegreifliche grandiose Gebäude von Welte», das nach alle» Dimensionen siel, in die Unendlichkeit verliert? Was bewegt diese gc- »valtigen Körper seit unvordenklichen Zeiten? Was ist der ganze Himmelsraum, in dem uusre Erde nur ein winziges Stäubchen vorstellt? Warum, wozu dieses gigantische Schauspiel? Und lvcn» der Geist keine Antwort findet auf diese Fragen, so ist er wenigstens geschäftig. mit echt menschlicher Phantasie diese große und»»endliche Himmclsivelt zu bevölkern— mit Lebewesen, womöglich nach mensch- lichcm Bilde. Tic Wissenschast kommt ihm immerhin entgegen, iveiiigstens die populäre. Die Möglichtcir, das, organische Wesen, wenn auch ganz andrer Konstitut ion, auf gewissen Sternen exislicrcn, ist ja nicht von der Hand zu weisen. Und nun richtet sich uatur- gemäß das Interesse auf die Himmelskörper, die unsrcr Beobachtung am leichtesicu zugänglich sind, den Mond und den Planeten Mars. Ter Mars hat durch die eigenartigen Erscheinungen, die er aus seiner Oberfläche darbietet, am meiste» Anlaß dazu gegeveu, daß man ihn als die Wohnstätre organischer Wesen betrachtet. Allein ebensowenig wie die Möglichkeit geleugnet tverden kann, ebensowenig sind doch sichere Beweise dafür vorhanden. Die berühmten periodischen Verdoppelungen der Kanäle müssen doch als eine Sinnestäuschung betrachtet werden, die sich durch die Bauart des Teleskops ergiebt. Allein auch wenn wir auf dem Mars und dein Mond noch uichl die Existenz von Lebewesen nachweisen könne», trotzdem zzebc» uns die Erscheinungen, die wir hier beobachten, daS Bild einer neuen Welt, auf der ganz andre Gesetze herrschen als ans der Erde, und auf der deshalb Wesen. Ivcnn es solche gäbe, ganz anders geartet sei» mühten, als jeder irdische Organismus, lieber Zustände auf dem Mars kommt E. RogavSkn zu sprechen bei Gelegenheit einer Berechnung der Temperatur der Annosphären der Planeten»nd der Sonne t„Astro- phnsieal Journal",. In der Atmosphäre sind die schweren Gase in der Tiefe, die leichlercu in der Höhe. In den oberen Regionen I Verden manche leichte Gase sich wahrscheinlich ganz der Anziehungskraft der Erde entziehen und werde» in den HimmetSramn übergehen. lauge der Mond an der Oberfläche noch warm ivar, so lange bildete sich durch Verdampfung noch immer wieder eine Lufthülle, mochten die Gase auch bald ivieder in den HinmiclSraum entschwinden. Das; diese Abkühlung vor noch nicht langer geologischer Zeit stattgefunden hat, darauf lveift die Gestalt der Mondobersläche hin. lieber die Bildung derselben haben die Herausgeber des großen MoudailaS Loeloy und P. Puiscur bei Gelegenheit deS Erscheinens einiger neuer Karren iilleeessanle Bemerkungen gemacht. Während auf der Erde nämlich Faltengebirge vorherrschen, machen die Gebirge deS Mondes den Eindruck von Streckungen und Zerreißungen der Rinde von einem Pol zum andern. Die Entstehung der Gebirge war auf der Erde eben eine ganz andre als auf ihrem Trabanten. Auf der Erde pflanzte sich die Abkühlung ganz allmählich in das Innere Iveiter, die obere Erdkruste wurde zu groß für den kühler und insolgrdesien kleiner werdenden Kern. So muhte sie sich in Falten zusammen- legen und es einstanden Stauchungen. Pressungen— Jalrcligebirgc. Aus dein Monde dagegen erfolgte die Abkühlmtg in sehr starkem Grade von auhen her. Die Atmosphäre verschwand, welche die Wärme über der Oberfläche zurückgehalten harte und die Kälte des Wcllenraums wirkte auf die Rinde ein. Diese wurde also nicht zu groß, sondern zu klein für den Kern, und das äußerte sich in einer Streckung und Zerrung. Run kühlte sich außerdem, als die Atmosphäre verloren ging, die Mitte des Mondes mehr ab als die Pole, die, an niii für sich kalt, nicht so viel Wäroie abzugeben hatten wie die Acquaiorgegenden. Daö machte sich dadurch bemerkbar, daß die Mille des MondeS die Kugellrümmung, die sie besah, mehr und mehr verlor und eine Einscnfung erfuhr. Das ist wahrscheinlich geschehe» zu einer Zell, als noch Wasser oder andre flüssige Massen auf dem Monde vorhanden waren. Diese Massen flössen, da sich die mittlere Zone der Kugel einsenkte, von den Polargegenden nach dem Acquator zu, auch senkten sich die Gebirge nach dieser Richtung hin. Run giebt cS aber außerdem viele große Slromthäier oder Thal- scnkungcn, toelchc beiderseits von den Polen nach dem Acquator hin verlaufcii. Daß man diese Einwirkung einer schnellen äußeren Ab- tiihlung noa, so gut in der Oberflächengestalt deS Mondes wahr- nimmt, deutet daraus hin, dah in einer geologisch»och nicht so sehr fernliegenden Zeit unser Raäzbargestirn noch eine dichte Atmosphäre besah. Wir dürfen uns die Lufthülle, welche die Erde und andre Sterne umgiebt. jedenfalls nicht als eine abgeschlossene tyasschicht vorstellen. Vielmehr gehe» die Bestandteile der Atmosphäre ganz allmählich in den Weltenraum über. Wie die Erde durch das Rieder- fallen von Meteoriten Zuwachs an Material erfährt, so verliert sie solches auch kontinuierlich, indem immer leichtere Gase die. An- ziehungstraft unsres Planeten überwinden und in den Weltenraum hinauseile». Man wird sich diesen daher auch nicht ganz leer vor- stellen dürfen, ganz abgesehen davon, daß er mit dem unsichtbaren, überhaupt nicht wahrnehmbaren Aether erfüllt sein mag. Außer den Gasen durchziehen aber auch unzählige Meteorsteine den Himmelsraum. Hat man doch berechnet, daß davon 1000 Millionen jeden Tag in den Lichtkreis nusrer Erde gelangen, so dah sie hier als leuchtende Geschosse dem mit dem Teleskop bewaffneten Auge sichtbar werden. �o mag der ganze Hiuunelsramn von unzähligen Meteoriten durchschwärmt werden. Mehr»och als ganze Steine mögen es die Trümmer von solchen sein, uiteiidlickze Staubmassen, die den Himmelsraum erfüllen. Solche kosmischen Staubmassen sind es vielleicht, die als Nebel in Sternbildern bekannt sind, und die jetzt aue!> bei dem Aufleuchte» des uenen Steens im Perseus viel von sich reden gemacist haben. TaS Answüchv.".'. ein:»nien Siems im Slernbilde des Perseus im vorigen Lahre hatte W sehr vielen Vermutungen über das Aus- leuchten neuer Welten Veranlassung gegeben. Ter neue Himmels- körper fand um so mehr Beachtung, als er Ende Februar dieses Jahres zu einem Stern crfrer Größe geworden ivar. Nun sind die Vorstellungen, die man an die„Revolution" auf diesem Stern lnüpfte, etwas unsicherer Ratur. Es ist ja möglich, das; wir hier einen Himmelskörper vor uns hätten, der auS den, ncbelföcmigcn in den glühenden Zustand übergegangen ist und daher plötzlich be- merkt wurde, während er vorher an seiner Lbcrfläche bereits er- kalket und fest gewesen und nun einen furchtbaren Ausbruch des glühenden Kernes erfahren habe. Die leuchtenden Rebelmassen, die man in dvr Umgebung des neuen Sterns bemerkte, würden alsdann die Gasmassen sein, die bei dem Ausbruch in den Welten- raun« hinauSgeschle udcrt wurden. Nun hat man aber graste Bcr- änderungen und Bewegungen in den Ncbclmasse» tvahrgenomuren, die so gewaltige Geschwindigkeiten der ltzastcilchea voraussetzen würben, wie sie diesen unmöglich eigen sein könnten.?iach einer andren Meinung wird ein vorher unstchlbarcr Stern dadurch sichtbar. das; er in kosmische Staubmassen eintritt und durch die Reibung an ihnen glühend ivird. ähnlich wie der Meteorstein in der Luft. In diesem Zallc würde also der Stern keine so groste innerliche Veränderung durchgemacht haben. Doch stimmt mit dieser Ansicht die merkwürdige Bewegung der Nebelmassen nicht übereiii, die von verschiedenen Seilen mehrfach ausleuchteten und davei doch eine Himmclostrccke einnahmen, die zeitweilig den achten Teil der Eni- scrnung der Erde vom Sirius betrug. Diese Veränderungen der Nebelmasten werden ani besten durch die Anficht von Kavtehn und Wolf erklärt, die sie für nur scheinbar, für Lichtreflete halten. Der neue Stern erleuchtete bei seinem eignen Aufleuchten d' kosmische» Etaubmassc». die sich in reicher Ansanimlung in seiner Nähe befanden. Das; der Nebel bald hier an diesem, bald an einem ganz entfernten Orte ausleuchtete, ist nur aus dem Widerschein des Stcrncnlichtes zu erklären. Allerdings mag die Licht- v d Wärme- Wirkung des in glühenden Instand geratenen Sternes eine so grostc sein, dast in den Staubmasten hier und da chemische oder clettrischc Veränderungen vor sich gingen, die ein langes Nachleuchten der ein- mal erhellten Partien verursachten. Diese gelvalngen Ncbelmasscn haben wieder die Vorstellung befestigt, dast der Weltenramn zwischen den Himmelskörpern nicht leer, sondern allenthalben mit mehr oder minder feinem Stoff erfüllt ist. Wie daS Licht sich eine Brücke baut zwischen Stern und Stern, wie die'Schwertraft alle Welten niit einander verbindet, so breiten sich auch nach vielen Seiten feine stoss- liche Ketten auS, die die Körper der Sterne mit einander vereinen.— Kleines f eullleton. It. Die Pcrlfischcr aus der Donnerstag Jusck. Ilm die Pal- fisch erci aus der Donncrstag-Insel ist zwischen den Weißen und den .farbigen, die verdrängt werden sollen, ein Streit entbrannt ist, zu dessen Schlichtung die Regierung von Austratten eine Äommisfion ernannt hat. Es handelt sich dabei nm eine der pittoreskesten In- dustricii, die es in der Well gicbt. Die Donncrstag-Inscl hat ein tolles Gcinisch von schwane», weißen, gelben, scheckigen, gefleckten und lwaunc» Nalionatträten. Die Insel ist eine kleine Kolonie von der Größe einer englischen Ouadrattncile, die inmitten einer Welt von Korallenriffen liegt. Wenn man die Küste be- tritt, sieht man die gemischteste Rassensammlnng der Welt. Der erste Laden gehört eincin Ehincsen, dann folgt ein japanischer Barbier, Kanaken und Malaien sitzen im Schatten der Veranda, ein Filipino schleicht einher, eine ganze Japanesenfamilie vom Großvater bis znin geschorenen Kind bessert aus der Straße Fischerei- gerätc aus» ein iupscrfarbcncr Singhalcse, ein ebenholzschwarzer Neger von« Festland, ein riesiger Maori«ind ein zartgefärbter Mestize aus Manila wanden« m der schrecklichen Sonne nmher. Vierzig verschiedene Rassen sind in der 2000 Main, starke» Be- völleruitg vertreten. Die Perlenfischcrci hat cii« großes Gebiet seichte» Wasser-Z zur Verfügung. Der Wert der jährlichen Aus- fuhr von Pcrlniutler lvird ans 0 000 000 M. und der jährliche Werff der a«lsaefnhrten Perle«« ai«f 400000 bis t000«XX>M. geschätzt. Im ganzen beschäftigt die Jildnsttie 000 verschiedene Schiffe. Dic Pcriinujchel ivird von Tauchern gesammelt, die in den« seichten Wasser in««' über Bord der kleine«« Boote springen und eine Minute später mit den Muscheln erscheinen. In tieferem Wasser ist ein Taucheranzug nötig. Mit dessen Hilfe arbeite«« Taucher bis zu 3V Faden Tiefe; gelegentlich überwiegt die Habgier eines Tauchers seine Vorsicht, er«vagt sich tiefer, aber der große Druck lähint ih«. Tod oder Krankheit aus diesen« Grunde ist nichts Nngewöhnlichcs auf der DonuerStag-Insel. Der massive Helm eines japanischen Tauchers wurde z. B. durch de» bloßen Wasserdruck znsainn, engepreßt, und der arme Kerl tot heraufgezogen. Wenn die Boote voller Muscheln sind, kehren sie zi« einem Schoner, ihren, Hauptquarttcr, zurück. Hier«verde» die Muschel» geöffnet und die Schalen gereinigt. In diesem Augen- Kick«verde«, die Perlen entdeckt, falls«velche darinnen find. Dann «verde«« die Muscheln auf Beischiffen Zill Insel gebracht. Die Taucher leben ans dem Schoner«md lehren gewöhnlich nur einmal jährlich aus die Insel zurück, wenn der Schoner ausgerüstet«md die Mannschaft für das folgende Lahr angemustert Ivird. Auf der Insel «verde:« die Muscheln sortiert und nach England ausgeführt. Ivo sie zu Knöpfen»ni? andren Tiiigen verarbeitet«verde«,. Bis vor einigen Jahren lag der Handel ganz in der Hand von Europäern, während schwarze und braune Rassen beim Tauchen beschäftigt waren. Dam Überriahme» die geivandten Japaner das Geschäft, kamen in den Besch der ineislci« Logger«md sicherten sich ein Monopol für die Schiffsbautc» auf der Insel. Dagegen legten die Weißen Bertvahrung ein, und die Regierung erließ ein Geich, durch das Asiaten von zedem An- teil an dem Besitz eines Schiffes ausgeschlossen wurden. So steht eS jcyt; da aber England und Japan nun Verbündete sind, bleib« abzuwarten, ob letzteres das dulden lvird. Die Donnerötag-Jnsel ist in mancher Hinsicht eiil idyllisches Land. Rilr eine Zeitung er- scheint dort einmal«vöchentlich; ein einziger Mann leitet, redigiert und druckt sie. Ans der Insel giebt es viele Hotels und jedes dritte Gebäude einhält ein Billardziminer. Alle Thürcn und Feilster find ii« diesem Lande ständiger Hitze immer geöffnet, und beim Vorüber- gehen ficht der Besiicher«oeißgekleidete Filipinos und Malaien Billard spiele«». Billard und Thernrcmeter sind die elnzigen Dinge, die man auf der Insel ernst nimmt. Alle paar Jahre verursacht cii« Orkan Schiffbrüche, und ein Teifn» wie der int Jahre 1899 könttte einmal die ganze Insel vertilgen.— Litterarisches. e. It. Vor mir liegen zi«'ei belletristische Erzeugnisse ans dee SchnellproduktionS-Anstalt von E. Pierson: Inhaber R. Linckc, „k. k. Hofbuchhändler"(Dresden«nid Leipzig). M«r gruselt. Denn in den Stunden, wo ich die Bücher durchlesen soll,«verde» sicher noch ein paar Dutzend neuer, selbstredend„unsterblicher" Werke Piersons VerlangSoffizin verlasse«, und in die Redaltionen flattern. Also srisc!« an die Arbeit, bevor«nir die!ühi«lich hcranftürmende Büchersintflut über dem Kopfe zusaminenschiägt! G. W. Bicrßen heißt der mir total unbekannte„Autor" und„Weite Herzen" nennt er seinen dickleibigen„Roman". Ah, ich verstehe: Vielleicht ein Weib, das m« Herzerivcitcrung leidet? In Pnnkto„Liebe" natürlich. Richtig erraten I Lottchen Miel ist also wieder einmal eine Sircue, ein Bampyr, der das Herzblut, und— selbstsüchtig, wie nun nach An- ficht unerfahrener Kindsköpfe die Weiber sei» sollen— auch die Geldbeutel der armen Männer aussaugt und plündert. Lottchen verfährt dabei ganz systematisch. Ein Lieutcirant ist'S zuerst; dann ein Gras, den sie heiraiet. Dazlvischc«, bleiben noch einige andre auf der Strecke. Was rliut's schließlich, daß Lottes Kind— ein Bankert— auf der 30ii. Seite von einer schwarzen Katze leibhaftig angefressen ivird «md stirbt und das ans«eire 372 das„fürchterliche Weib" selber, von der rächenden Nemejts ereilt, zu Tode stürztl Schinacht- läppen, Dummköpfe und Ouadratescl sind doch all diese Männlein, einer«vie der andre. Bierßen dreht dazu den Leierkasten einer für alle Drahtfiguren gleiche» und obendrein mit der deutsche«« Grauuilatik auf sehr gespanntem Fuße lebenden, plattsüßigen Sprechweise holperdi- stolpcr— und so endigt die große Schlacht, die aber eher ein graus- liches Schlachte«« ist. Mir schaudert die Haut. Zugleich bin ich furcht- bar erfreut, dast eS doch noch wahrhaft bedeutende Romanschriftstellee giebt. Nun zu Nummer Zlvei: Tolle Novellen von Paul E n d c r l i n g. Ein schmachtend düilnes Bündchen von nur 88«veit- läufig gedruckten Seiten. DaS stimmt den bösesten Kritiker ver- söhntich. Obendrein lacht ihm auf dem Ilmschlag ein leiblicher Akt mir einem Zlviesprache haltenden Raben entgegen. Dazu kouimen zeichnerische Kopfleisten über den einzelnen Geschickstlein.„Wn anders«virlt dies Zeichen auf mich einl" Aber o Wehl Abklatsa, jener Berliner Kellnerin- Romantypen aus der ersten Zeit des blutigsten Naturalismus und NietzscheaiiismuS, die längst vorüber. An„saftige««" Vorbildern hat er sich genährt und an Nietzsches verführerischer Philosophie vom„Recht des Stärkeren", vom„Willen zur Macht", von der„Herrenmoral" und dem„Herdentrieb" berauscht. Nun stammelt er seine„Bctenritnissc" und ungelebten„Erfahrungen" von« Weibe. Nietzsches mißverstandenes Wort„Vergiß die Peitsche nicht" schwebt«hnr als Devise vor. Das Weib will und muß „brutalisicrt"«verde««, p«i»ktlm«l— Musik. Unser altes Opernhaus hat eine That vollbracht I Man«vird vielleicht vermuten. eS handle sich«im eine endliche Einrichtum; Volks- tümlicher Aufführungen, oder um eine Uebertrefsung Bayreuths, oder um einen vollständigen Gluck-Cyklus. oder«un einen neuen Stil des Ausdrucks, oder«»«« eine Premiere von Pfitzners„Rose von« Liebes- garten". Nein: sondern sage und schreibe: GounodS„Romeo u n d Juli a" ist neu einstudiert worden und trat vorgestern (Dienstag) vor ein gedräi«gtes und entgegenkommendes Publikum. Dem„Theater des Westens" oder auch der Morwitz-Oper fällt es nicht ei», wegen derlei eine» SumS zu machen. Eine Bescheiden- heit muß man jedoch dem Opernhaus diesmal jedenfalls nachrühmen:' eS begnügte sich mit sci>«eii gewöhnlichen Preisen und«onrdigte de«, Gounod nicht der Preiserhöhung, init der es dein GcniuS Richard Wagners huldigt. Die Pointe jener Neneinstudierimg«oar das Vorführen, des neuen Mitgliedes Geraldine F e r r a r in einer deutschgesnngcnen Hauptrolle. Die Dame ist als Amerikaneriir gekommen und wurde— ohne Zolltarif— zur Deutschsängcri» gemacht. Gonnods Oper ist eine im ganzen ausgesprochene lyrische Theatermusik, die über ihre vielen lcier- und taktmäßigei» Bestand- teile hinaus lTaktlosigkeiten«vürdcn u««S hier»nanchmal lieber fciii)| zu einem nicüt üblen dramatische» Ende kommt. Sänger, die»«ehr singen alS darstellen, sind bei eilten« solche«. Opus ain ehesten in ihrem Element. Fräulein Farrar sang ihre Partie gut herunter; Ilnsicherheiten im Anfang und noch einiges Harte in der deutschel« Bokalisation nimint man ohne kritische Anflehntmg«nit. Daß die Säkgcrili Zu ihrer Wölk vielleicht cuX' ein inneres Verliälmis batre. ist möglich;' bemerkt baben»vir nicbts davon, am wenigsten in ibrcm recht starren Spiel. Herr Philipp, der sonst nichr gerade unser Entzücken ist. lebte sich in die Rolle des Romeo allmählich gut hinein und erhob sich mit jenem dramatischeren Ende Mick, zu einiger dramatischer Größe. Die Bassisten K n ü p f c r(Eapulct) und Mödlinger lLorcnzo) ließen wieder einmal den Gegensatz zwischen einer freien und einer gehemmten Tonbildung beobachten. Herrn IörnS Fortschritte haben wir bereits anerkannt; er zeigte aber loieder(in der Rolle des Thbalt), daß seine Stimme von Haus aus ctnas Unfeines hat. Herrn H o s f m a n n(Mercutio) brauchen wir nicht erst herauszustreichen. Fräulein Dietrich(Page Stefano) soll in ihrer Hauptrolle, die uns entging, hervorragend gewesen sein. Eine Oper ist das. worin eS nicht nur hculig. sondern auch beinlich zugeht. Das nnvermeidlichc Ballett im so und so viclten Akt war neu hermisstafsiert; natürlich nicht etwa in einem neuen Geist, sondern in der alten Geistlofigkcit der Tanz- und Blumen- Ornamentik, und mit den Virtuositäten von Fräulein dclt'Era. Einen mittleren Teil der Aufführungszeit benutzten wir. um noch etwas von einem Konzert in der Singakademie zu erhaschen. Das Wenige, das wir da von einem Liederabend von Julius M u h r noch hören konnten, machte unS mit einem sympathischen jungen Tcnorbaryton bekannt; feine bescheidene, ctivas spröde Stimme ficht in einem Ausbildungsstadium, das eine bereits annehmbare Schulung zeigt und bei der anspruchslosen Verwendung des bisher Erreichten"günstige Aussichten weiterer Studien er- warten läßt.—' sz, (Geschichtliches. xy. Der Mann mit den drei Unterschriften. Der erste deutsche Landeövater, der im IV. Jahrhundert durch ein tolles Willkürregiment eine revolutionäre Erhebung seiner Ünterthanen Hervorries, war der Herzog Karl von Braunschweig, am 6. Scp- tcnibcr 1830 jagten ihn die empörten Braunschwciger einmütig zum Lande hinaus. Er hatte eS so wüst getrieben, daß die privilegierten Stände bei seiner Vertreibung hervorragend mitwirkten, und daß nicht einmal der Bundestag den Akut fand, für ihn einzutreten. Wie er mit dem Volk umsvrang. das würde diese Herrschaften recht kalt gelassen haben; aber er ließ seine Duodcz-Dcsxotenlaunen mit ganz be- sondrcr Vorliebe an dem Adel aus. mit dem er unmittelbar zu tbun hatte. So forderte er seinen Erzieher, den Grafen Münster, auf Pistolen und schoß zur Uebung täglich stundenlang nach dem Bilde seines Feindes. Als Münster die Forderung unter Berufung auf da? fürstliche Geblüt seines Zöglings ab- lehnte,'mußte der Obcr-Hofjägermcistcr von Praun, der den Grafen Münster überhaupt gar nicht kannte, eine Heraus- fordcrung an den Verhaßten ergehen lassen. Der Herzog verfuhr dabei nach dem Rezept seines..schwarzen Buchs", das beim Brande des braunschwciger Schlosse? 1830 gefunden und von einem Bevoll- mächtigtcn der Stände nach Berlin gebracht wurde. Darin hatte er sich einige„Strafmartcrn" aufgezeichnet, durch die man gefährliche Menschen quälen könne; außer' der Pistolcnfördcrung durch einen dritten figurierren da: Verbot des Theaterbesuchs.' Wartcnlasien, Polizei-Aufsicht, Wechsclarrest, Prozesse usw. Bei„Prozessen" genierte er sich nicht vor persönlichen Eingriffen in den Gang der Rechtspflege Das herzogliche LandcSgericht hatte z. B. zu Gunsten des Freibcrrn von Sierstorpff, den Karl des Landes verwiesen battc, ein rechts- kräftiges Urteil erlassen: der Herzog ließ eS durch eine seiner Kreaturen in voller Sitzung des Gerichtshofes zerreißen. Den ab- gesetzten stammerherrn vonCramm verfolgte er mit einem systemati- scheu Boykott, indem sämtlichen Beamten der Ilmgang mit ihm untersagt und den Aerzten des Landes sogar verboten'wurde, bei der Entbindung von EranimS Gattin Hilfe zn leisten.-Danach kann man sich nicht weiter wundern, daß er über drei verschiedene Formen der Unterschrift verfügte: von der einen heißt eS in. dem„schwarzen Buch"—„gilt", die zweite„gilt nicht", die dritte„gilt gerade das Gegenteil".— Medizinisches. on. Eine sonderbare Krankheit ist jüngst durch Arthur Hall aufgeklärt und im„Britischen Journal für Dermatologie" be- schrieben worden: In letzter Zeit bat eine Reihe von Aerzten da? Vorkommen einer merlwiirdigen blauen Färbung der Haut zwischen den Zehen, namentlich bei jungen Mädchen, beobachtet. Auch die Specialistcn der Hautlehre wußten über die Entstehung dieser Er- schcinung keine Rechenschaft zu geben. Man riet auf eine krankhafte Ver- ünderung der Hautabsonderung, auf eine Zersetzung deS Schweißes durch Bakterien und auf noch andre Vorgänge. Dr. Hall ist nun durch Beobachtung an drei Fällen hinter die Ursache gekommen. Sein erster Patient war ein lüjährigcs Mädchen, das ins Krankenbaus mit der Angabc tarn, daß ihre Zehen anfingen blau zu lverdcn. In der That ivurdc eine Mißfärbung der Haut festgestellt, die durch Waschen und Reiben nickt zu beseitige» war. Der zweite Fall bezog sich auf eine verheiratete Frau von 50 Jahren, die das Uebcl jedenfalls sckon lange an sich hatte. Bei ihr war auch an einer andren Stelle des Fußes die nämliche Blaufärbung zu bemerken. Eine bakteriologische Unter- suckung der Haut ergab, daß Veränderungen durch Bakterien nicht vorliege» konnten. Die Frau verblieb einige Zeit im Ärankcuhaus, worauf die Mißfärbung der Haut allmäblick ver- Bcrantn'ortlicher Redatleur: Earl Lew in Berlin.— Druck und Verlag: schwand. Wenige Wochen daraus bemerkte Dr. Hall die gleiche Blaufärbung bei einer Frau unter den Achseln. Er battc schon bei dein zweiten Fall festgestellt, daß die fragliche Person stets schwärze Sttünipfe getragen battc. Da es sich nun im letztgenannten Fall um die Trägerin einer dunklen Bluse bandelte, so lag der Schluß nahe, daß die Färbung der Haut auf den Einfluß solcher Kleidung?- stücke zurückzuführen wäre. Zum vierteumal fand er dieselbe Er- scheroung an den Füßen einer LOjährigen Frau, die mit Rheumatismus in den Beinen zum Krankenhaus kam. Bei ihr war die Blau- färbüng an den Füßen weit stärker und mehr verbreitet als in den andren Fällen. Nun aber wurden die Strümpfe einer genaueren Untersuchung unterzogen, indem ihr Stoff in einer schwacksaurcn. in einer altaliscken Losung und in destilliertem Wasser aufgeweicht wurde. Die erste Lösung zeigte sich binnen einer halben Stunde stark blau gefärbt, lvährend die andren Flüssigkeiten farblos blieben. Daraus ging hervor, daß die Blaufärbung an den Füßen eine Foige der Zersetzung der schwarzen Farbe in den Strümpfen durch saure Ausscheidungen der Haut bedingt sein müßte. Ein Profesior der Chemie untersuchte die Sttiimpse eingehend und ermittelte die Zusammensetzung der darin enthaltenen Farbe. Die Ausklärung dieser Erscheinung, die ja an sich unschädlich genannt werden kann, ist doch insofern von Bedeutung, als man bisher der Ansicht war. daß die Blaufärbung künstlich hervorgerufen tverde, um eine Krankheit vorzuspiegeln und eine Änsuahinc ins Krankenhaus zu erreichen.— Technisches. — Zerschneiden von Eisenblech mit dem Lichtbogen. Der elektrische Lichtbogen erweist sich immer nützlicher zur Bearbeitung von Metallen in den Fällen sehr hoher, aber nach Bedarf aus kleine Flächen beschränkter Hitzegrade.„Western Elcclr." teilt mit, daß man in Chicago mit gutem Erfolge den Versuch gemacht hat. vier große Behälter aus Eisenblech von V Millimeter Dicke mittels clettrifchen Lichtbogens in handliche, leicht fortzubringende Stücke zu zerlegen. Die Eiscnbcbälter befanden sich im 13. Stockwerk eines Gebäude? und konnten ohne Berkehrsunterbrechung nicht auf ge- wöbnlichc Art entfernt lverdcn. Man entnahm den Strom dem Licht- netz und verminderte die Spannung auf 30 Volt; die Stromstärke berrug nie mehr als 70 bis 80 Ampere. Ter eine Pol wurde mit dein Behälter verbunden, der andre mit einem daumdicken und 30 Eenti mctcr langen Kohlcnstift. der durch einen passenden Griff gehalten wurde und für einen Weg von 70 Meter ausreichte. Die Augen des Mannes, der die Arbeit ausführte, waren durch eine dunkle Brille geschützt, die seitlich mit schwarzem Stoff besetzt war. Durch einen Lichtbogen von 0 bis 8 Millimeter Länge wurde das Eisen zur Weißglut und zum Schmelzen gebracht,'wobei die Tropfen dabei bis 40 Eentimeter weit nach allen Seiten sprangen. Vier und eine. halbe Sekunde genügten, um die Gefäßwand zu durchbrechen, und dnrch Verschieben der Kohle wurde d.is Durchschneiden mit einer Geschwindigkeit von 70 Eentimeter in der Minute vollführt.— („Technische Rundschan.") Humoristisches. — Z n viel verlangt.„Aber Willy, der schöne, große Pbonograpb, den ich Dir erst geschenkt habe, geht ja schon nicht mehr?" „Ja. Großpapa, ich lvollte Tante FamiyS Kaffeekränzchen aufnehmen, und das hat er eben nickt ausgchaltc n."— — Wie ist'S gemeint? Gast:„Kellner, in der Suppe schwimmt eine tote Fliege." Kellner:«O, das thut mir leid."— — Berechtigt. Verleger:„Inserate finden in unsrer Zeitschrift die tv e i t c st c V c r b r c i t u n g I" Inserent:„Wie können Sie so etwas sagen? Sic haben doch n u r Svv A b o n n c n t c n!" Verleger:„Ja, davon wohnt aber einer in W l a d i w o st o k und ein andrer' in S idnc y!"—(„Lustige Blätter") Notizen. — Der Krittler und Romanschriftsteller L u e i e n Mühlfcld ist, 32 Jahre alt, in Paris gestorben.— — Ein neuer ,. B l u m e n t b a l u. K a d c l b u r g" geht an: 20. Dezember erstmalig im L c s> i n g- T h e a t c r in Scenc.— —„Der Gern einlernt", ein neues Volksstück von Heinrich S ch r o t t c n b a ch, ist vom Wiener Raimund- Theater zur Aufführung angenommen worden.— —„Moderne Seelen", eine satirische Posse von H. Clausen, erlebt am Dienstag am Weimarer Hof- thcatcr die Erstaufführung.— — Die nächste Novität des O p c r n h a u s e S wird die komische Oper„ A n n o 1757" von Bernhard Scholz, Text von R. Scholz, sein.— —„Die Heirat Ividcr Willen" nennt sich eine neue komische Oper von Engelbert Humper diu ck. Das Libretto ist nach einem französischen Lustspiel gearbeitet.— —„Die ix» n st des I a b r e S. Deutsche Kunst» ausstcllungcn 1902" betitelt sich ein bei F. Bruckmann A.-G. in München erschienenes Werk, das in 363 Abbildungen Gemälde und Skulpturen reproduziert, die auf heurigen Ausstellungen zu sehen UKitcit. Der Preis beträgt 4.50 M.— wrwürts Bnchdnuterei unv Vci->ag.-->iiiitalt P.:nl Sirnp-r& Bertm SVT