Anlerhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 237. Freitag, den 5. Dezember. 1902 (Nachdruck verboten.) iö) frau Pilatus. Von Oscar M a d s e n. Autorisierte Uebersetzung von Ida Anders« (Schluß.) 'XVII. Nach drei Tagen, am späten Nachmittag war es, als Heinrich Winther an der Thür des Untersuchungsrichter Krog klingelte, in der kleinen, gemütlichen Villa draußen an der Ostbrücke. Ein Dienstniädchen öfsnete. „Ist der Herr Untersuchungsrichter zu Hause?" „Ich weiß nicht recht," antwortete das Mädchen, das seltsam verstört und wild aussah.„Darf ich fragen, wer..." „Das thut nichts zur Sache. Ein Herr, der den Herrn Assessor zu sprechen wünscht." „Wollen Sie einen Augenblick warten." Winther schloß die Flurthür hinter sich. Das Dienst- Mädchen ließ ihn im Entree warten. Bald darauf kam sie wieder. „Ja, verzeihen Sie, ich soll sagen, daß es dem Herrn Richter nicht recht paßt. Der Herr Untersuchungsrichter ist krank— geworden, gleich als er nach Hause kam..." „Ja, ich bin auch krank. Wollen Sie sagen, daß ich Winther heiße— Heinrich Winther— und daß ich ihn sofort sprechen muß." „Das traue ich mich wahrhaftig nicht." „Na ja, dann werde ich es selbst sagen!" Und Winther drängte sich brutal an dem Mädchen vorbei, stieß die Thür, durch welche es eben gekommen war, auf und stand plötzlich im Arbeitszimmer des Richters. Von einer schwarzbczogenen Chaiselongue dicht an dem einzigen Fenster des Zimmers starrte Krog ihm entgegen mit großen, verwunderten Augen und erhob sich sofort mit einer äußerst mürrischen Bewegung: „Ich ließ doch sagen, daß ich nicht empfangen könne. Wer sind Sie, daß Sie so mit der Thür ins Haus fallen?" „Wenn es hier im Zimnier etwas heller wäre, würden Sie mich schon kennen, Herr Untersuchungsrichter 5lrog. Mein Name ist Heinrich Winther." Krog durchzuckte es. „Die Lampe anzünden!" befahl er dem Dienstniädchen mit ein wenig zitternder Stimme. Und bei dem ersten flackernden Lichtschein glitt sein Blick unruhig auf die Ziige des Besuchers. Das Mädchen stellte die Lampe auf den Schreibtisch des Assessors, dann verließ sie das Zimmer. Die beiden Männer standen sich von Angesicht zu Augesicht gegenüber und blickten sich starr und schweigend eure Weile an. „Was wollen Sie?" brach Krog endlich das Schweigen. Und gleichzeitig schielte er ein wenig scheu auf Wiuthers Rechte, in der sich kein gewöhnlicher Spazierstock, sondern eine lange, geschmeidige Reitpeitsche wiegte. Ter Assessor schob einen Stuhl vor; sein Gesicht war merkwürdig niedergeschlagen und müde. „Bitte schön! Nehmen Sie Platz," sagte er. Ilm Wiuthers Lippen spielte ein höhnisches Lächeln. ,Sie sind jetzt höflicher— als das letzte Mal, da wir uns sahen." „Haben Sie die Absicht, mir Unverschämheiten zu bieten. so muß ich Sic bitten, augenblicklich mein Haus zu verlassen," sagte der Assessor, der sichtlich nervös war, aber merkwürdig gedämpft sprach, ungefähr wie ein Mann, der Kopf- schmerzen hat. Wenn ich nun nicht gehen will— was dann?" ..Dann läute ich das Mädchen her und lasse die Polizei holen." Krog streckte die Hand nach einer kleinen silbernen Glocke aus, die auf dem Schreibtisch stand. Aber ehe er sie erreichte, lag die Reitpeitsche mit einem Knall über der Tischplatte so nahe bei den Fingern des Richters, daß dieser seine Hand eiligst zurückzog. „Keine Thorhciten hier!" sagte Winther in einem harten und scharfen Tone.„Hier sind wir auf gleichem Fuß! Hier spreche ich mit Ihnen, wie ein Mann mit dem Manne. Ich komme, um die Entschuldigung zu holen, die Sie mir noch immer nicht zu teil werden ließen. Ich habe heute aus den Blättern ersehen, daß der wirkliche Bankdieb endlich ge- simden ist." „Das ist ganz richtig, Herr Winther, und ich bedaure sehr..." „Haben Sie mir heute geschrieben? Ich habe noch keinen Brief empfangen." „Nein, ich habe nicht geschrieben." „Warum nicht?" „Hm!..." Krog strich sich verlegen den Vollbart. „Lieber Mann, das braucht man nun einmal nicht." „So, das brauchen Sie nicht!" Winther lachte höhnisch. „Nein, natürlich, Sie sind ja hoch erhaben über allgemeine Gentlemansbegriffe." Krog richtete sich auf. „Herr Winther, diese Sprache kann ich nicht erlauben. Ihr Ileberfall in meinem Haufe..." „Es hat Sie ja niemand überfallen— noch nicht." „Außerdem, woher wissen Sie, welche Verhältnisse meine Zeit heute in Anspruch genommen haben," fügte der lluter» suchungsrichter etwas friedfertiger hinzu. „Sie sind vermutlich mit ein paar neuen, sinnlosen Ver- Haftungen beschäftigt gewesen," sagte Winther hitzig.„Sie haben vermutlich noch nicht einmal die Zeitungen gelesen." „Doch, die zwei, drei, die ich halte." „Vermutlich wissen Sie also noch nicht einmal, daß ich gestern meine Frau in das Irrenhaus bringen mußte..." Krog wich zurück. „Nein, das wußte ich nicht." „Jetzt wissen Sie es. Wissen Sie auch, wessen Schuld es ist, wenn sie ihren Verstand nie wieder erlangt?" Der Untersuchungsrichter tastete sich mit der einen Hand zurecht, dann sank er wieder auf die Chaiselongue. „Ist es möglich?" fragte er und erblaßte.„Wer konnte so etwas ahnen?" „Das hätten Sie, Herr Krog, ahnen können— damals, als sie von ihrem Zustande unterrichtet wurden, che Sie sie yju Ihrem infamen Verhör schleppten." Und Winther markierte diese barschen Worte mit ein paar energischen Schlägen mit der Reitpeitsche gegen die Platte des Schreibtisches. Krog nahm sich zusammen. Er war kein feiger Mann, und Rechthaber war er bis auf's äußerste. Er erhob sich von neuem: „Natürlich, wenn das wirklich der Fall ist, so bedaure ich die eingetretene Katastrophe im allerhöchsten Grade. Es ist traurig, sehr, sehr traurig. Aber wenn Sie meinen, mich zu schrecken, indem Sie hier mit groben Worten und e.uec Reitpeitsche heraufkommen, dann irren Sie sich." Winther erhob die Peitsche. „Sie schrecken? Nein, züchtigen will ich Sie! Rufen Sie Ihr Dienstmädchen, rufen Sie Ihre Frau—" Es fuhr ein sonderbares Lächeln, wie ein Zucken, über das Gesicht des Richters. „Meine Frau," sagte er matt und friedfertig.„Ach nein!" Dann fuhr er sich plötzlich an die Stirn und starrte Winther verwirrt an. „Meine Frau, sagen Sie?... Sie wissen also nicht..» Ach nein, woher sollten Sie wissen... Meine Frau hat... Sie sagen, daß eine Anzahl Zeitungen... Ach Gott, ach Gott!..." Der Untersuchungsrichter sank mit einem Schluchzen, das dem Stöhnen eines gequälten Tieres glich, auf der Chaise- lougue zusammen. Und er rief aus: „Jetzt verstehe ich! Sie hat es also gewußt. Sie hat es gelesen..." Winther senkte seine Peitsche und blickte seinen Gegner an, ganz verdutzt diesem gewaltsamen, nervösen Anfall gegenüber. War es der Wahnsinn des ManneS, der endlich zum klaren, offenen Ausbnich kam? Krog stützte den Kopf in die Hände, er saß und wiegte sich im Sofa hin und her, ganz automatisch. „Verstellen Sie sich doch nicht." sagte Winther endlich ungeduldig.„Sie müssen ja wissen, was sich die ganze Stadt heute erzählt hat und was also auch Ihre Frau gewußt hat." Krog stand auf, strich sich über die Stirn und sah seinen ungerufenen Gast wütend an: „Ihnen schulde ich keine Rechenschast! Ihnen gegenüber habe ich nur meine Pflicht gethan! Das behaupte ich jetzt und in Ewigkeit! Aber, kann das Ihre Schadenfreude sättigen, dann sollen Sie doch wissen, daß meine Gattin heute mein Haus verlassen hat. Die Nachricht erhielt ich erst, als ich vom Gericht nach Hause kam. Ohne Erklärung. Sie schrieb nur, daß sie nicht länger in dem Hause eines bösen Mannes wohnen wolle. Nun haben Sie es gehört— nun wissen Sie Bescheid. Jetzt gehen Sie nur in die Stadt und bedienen Sie dieselbe Presse, die Ihre häusliche Misere kolportiert hat. Das wird ein guter Bissen, dafür garantiere ich!„Ein Untersuchungs- richter— von seiner eignen Frau verurteilt I"— Ja. warum nicht? Oder„Frau Pilatus!" Das klingt noch besser! Das rlingt schön!" Krog war in heftiger Erregung. Die Adern auf seiner Stirn waren gespannt, seine Wangen waren weiß. Und mit den gestrafften Handknöcheln schlug er kurz und heftig auf die Platte des Schreibtisches. Aber trotzdem lag um seine Lippen dasselbe bittere, höhnische Lächeln, das Winther nur allzu gut vom Kriminalgericht her kannte. Und der Bankbeamte wich unwillkürlich ein paar Schritte zurück. Nuil lachte der Richter laut und krampfhaft, während seine Knöchel immer hefttger auf den Tisch lostrommelten. „Na, schlagen Sie doch! Gebrauchen Sie doch Ihre Reitpeitsche! Sie dachten, Sie könnten mich kirre machen! So schlagen Sie doch zu. Mann! Warum zum Satan, schlagen Sie denn nicht? Haha, Sie haben Angst, Sie sind ein Kujon! Sie wissen, was die Geschichte kostet! Es ist Ihnen plötzlich eingefallen, daß wir hier zu Lande kein Recht haben! Sie wissen, daß es kein Spaß ist, wenn man sich dem Gericht gegen- über Recht schaffen will! Nein, Sie getrauen sich nicht, zu schlagen! Ich speie Sie an! Narr, Lump, Feigling, kommen Sie her, wenn Sie es wagen! Ich bin königlich dänischer Untersuchungsrichter!" Weißer Schauin stand dem rasenden, todbleichen Manne vor deni Munde. Und er focht mit den Händen in der Lust. Heinrich Winther warf ihm die Reitpeitsche vor die Füße lind verließ das Zimmer. Draußen vor der Thür hielt der Wagen, der ihn zum Jrrenhause fahren sollte �— zum Krankenbesuch.— (Rachdruck verbot«.) Hltmärkifcbc F>ochzclt9brauchc. Ob auch unsre raschlebige Zeit mit altem Brauch und Sitte, manchmal zu unserni Vorteil, manchmal zu unserm Nachteil, auf- räumt, hat sich im Volke doch vieles Alte mit zäher Kraft erhalten. Namentlich dort, Ivo Industrie, Handel und Verkehr noch nicht in um- fassendem Maße eingedrungen sind und ihre großen Umwälzungen bewirkt habe», folgt man in vielemjioch der alten Sitte. Die seltsamsten dieser allen Sitten und Bräuche haben sich bei den Hochzeiten erhalten. Selbst in der weiteren Umgegend Berlins, wohin der Pnlsschlag des täglich neuen Wellstadtlebens dringt, trifft man«loch die Hochzeitsbräuche längst vergangener Zeit. Und in fast allen diesen Bräuchen und Anschauungen steckt als Kern der alte heidnische Aberglaube i» seinen tausend Formen. Zahlreich sind die seltsamen Bräuche vor allen bei den Bauern- Hochzeiten. Sie werden auch noch mir einem Pomp und mit einer gravitätischen, abergläubischen Feierlichkeit begangen, die den Städter komisch anmutet. In gewissen Teilen der Mark, so im Calbeschen Werder halten die Bauern abergläubisch an der Vorstellung fest, eine Ehe sei nur von Vorteil und Bestand sofern sie am Dienstag oder Freitag abge- schlössen werde. Meist sieht mau auch noch darauf, daß das Hoch- zeitsdatmn in den Vollmond falle. Die alte heidnische Natur- Verehrung hat den Glauben erhalten, daß das Ehepaar alsdann alleS „im Vollen" habe. Fn einem sechsspännigen Wagen fährt die Braut mit ihren Be- gleiten, davon. Ein vierspänniger Wagen folgt ihr und hinter diesem der„Bettwagen", der Ehebett und sonstige Aussteuersacheu der Braut enthält. Die Abfahrt ist so eingerichtet, daß genau um den Mittag per Brautwagen in den Hof des Bräutigams rollt. Der steht schon bereit und aller Augen sind auf ihn gerichtet, ivcnn er die herab- springende Braut in seinen Armen auffängt. Wehe, wenn er dabei hinfielet Es wäre das Schicksalszeichen, daß er seiner Frau in der Ehe nicht Herr würde und ihr gegenüber immer die Rolle des Schwächlings spielte. Brautschmuck und Kranz wird angelegt und in feierlichem Zuge. eine Musilbande und festfchimmernde Lichter voraus, ziehen sie zur Kirche. Könnte man dem Brautpaar die Taschen untersuchen, inan würde nierkivürdige Entdeckungen machen! Sicherlich hat die Braut in der Tasche einen alten Thaler, welcher bedeutet, daß ihr nie das Geld ausgehen wird; in einer andern Tasche Dill und Salz, eine geheimnisvoll wirkende Kraft gegen„den Bösen"; in den Schuhen Haare von allen Vieharten, die auf dem Hofe vorhanden sind, Würden sie doch unter der neuen Bäuerin nicht gedeihen, wenn diese heute nicht mit den Haaren schritte! Auch der Bräutigam vertraut sich, bei aller Tapferkeit, doch lieber den„geheimnisvoll wirkenden Mächten" an. Deshalb hat er sich die Schuhe vollgestopft mit den Körnern, die auf seinem Acker wachsen. Ohne dies würden sie auch nicht gedeihen! Während sie in der Kirche stehen, gilt's für die Braut, aufzupassen. Mitten in der Trauung— Autschi— hat sie ihn plötzlich auf den Fuß getreten. Wer das zuerst fettig bringt, ist sicher, von dem andern Teil in der Ehe leine Prügel zu bekommen. Der Bräutigam weiß, daß er unter den Anwesenden Neider hat. Aber er hat sich gut vor ihnen gesichert! Hat er doch nicht vergessen, das alte Erbschloß einzustecken. Und während der Segen gesprochen wird. schließt er es fix dreimal auf und zu. So, nun können sie ihm nichts mehr anhaben und zurück geht's in feierlichem Zuge, auf den Hof. Bei den Hochzeitsfeierlichkciten, bei denen unmenschlich gewunken und gegessen wird— es ist ja schon häufig geschildert ivorden, welche Ouanlitäten auf märkischen Bauernhochzeiten„draiisgehen"— erhält sich unter den alten symbolischen Spiele» noch zäh der Kampf um das Spinnrad der Braut. Man hat es in einem entfernten Dorf- hause untergebracht und die Brautjungfer, umgeben von den jungen Burschen, soll es unversehrt ins Hockzeitshaus bringen. Aber die Ehemänner unter den HochzeitSgästen sehen eine Schande darin, wenn das Spinnrad heil ins Haus kommt. So beginnt dem, ein erbittetter Kampf; die Ehemänner suchen das Rad zu zerbrechen, die Jungen verteidigen es und oft artet der Kampf um das Spinnrad in eine derbe Keilerei aus, bei der die Spähne fliegen. Endlich ist das Rad zerbrochen, und jeder sucht ein möglichst großes Stück zu erbeuten. Inzwischen sitzt das junge Ehepaar am Tische. Es„sitzt Braut- Hahn", wie die märkischen Bauern sagen. Auf dem Tische steht das von der Mutter der Braut gespendete, mit Buchsbaum umwundene neue Spinnrad, bis schließlich die Brautjungfer erscheint und es mit einem artigen Verslein dem Bräutigam übergiebt. Wo in der Mark Bauernhochzeiten i» der Fastnacht stattfinden, da erscheint in der Regel auch der„Schimmelreiter": ein Knecht. dem man ein Sieb vorn und eins aus den Rücken bindet, über beide ein weißes Leinentuch breitet und vorn einen Pferdekopf befestigt. Auf dem Kopfe trägt der Knecht einen breiten Hut- und um die Schultern hat er einen roten Fraucnrock. Solchergestalt vollführt der Reiter allerhand Kapriolen. Der derbe Bauernhumor läßt es zu, das; man dem„Schimmelreitcr" wohl auch einen Stallknecht mit Korb und Besen folgen läßt, um zur Hand zu sein, lvenn den„Schimmel" ei» Bedürfnis anfechte. In der Gegend von Jüterbog hat sich lange die Sitte erhalten. daß zur Hochzeit einer von den Bauer», entweder vor dem HochzeitS- hause oder auf einem nahen Hügel, ein altes Wagenrad in Brand setzte nnd die Hochzeitsgesellschaft um dasselbe berumtanzte, lieber- Haupt waren zu fttiheren Zeiten diese Bauernhochzeiten derber als heute. Ilm die Hochzeitsgäste zu unterhalten, war roher Spaß und Prügelei in aller' Form vertreten. Manchmal zeugen die ewigen Prügeleien freilich von derbem Humor. So z. B. die HochzeitS- kammer-Ceremonie in«Aardelege». Dort mußte sich der Bräutigam ins Bett legen. Der Brautvater führte dann die Braut„zur rechten Hand des Bettes", legte sie hinein und sprach:„Ich befehle Euch, mein« Tochter, daß Nr bei ihr thut. wie Gott bei Eurer Seele." Bräutigam und Braut mußten alsdann miteinander trinken. Hier- auf verließ der Bräutigam an der linken Seite das Bttt,„ging herüm" zur Rechten und hieb die Braut heraus mit den Worten: „Och, tum her. Du auserwehltes Minschenkind." Das„Minschcn- lind" setzte sich nun mit dem Bräutigam an die Tische, die in der Kammer gedeckt waren,„die Freunde von beiden Seiten setzten sich herzu und Ware» fröhlich". Solche immerhin rohen Späßc hat die verfeinerte Sitte denn doch verdrängt. Von allen ursprünglichen Hochzeitsbräuchen hat in der Mark dasjenige sich an, längsten erhalten, loelchcs mit dem Aberglauben zusammenhängt. In der Prenzlauer Gegend nimmt, wie auch anderwärts, die Braut noch heute Salz und Dill mit in die Kirche, weil die alte Voltsweisheit lehrt:„Wenn Du zur Trauung gehst, nimm ein paar Brotkrümchen vom Tische und Salz und Dille, wickele alles in ein Bündlcin und stecke es Dir zu. so kann Dir niemand etwas anhexen." Im Oderbruch stecken sich die Frauen noch vielfach Senf und Dille«in und. während der Prediger seinen Segen spricht, murmelt die liebevolle Gattin das Zauber- sprüchlein, ivclches ihr das Regiment sichern soll:„Ich habe Senf und Dille; Mann, wenn ich rede, schweigst Du stille." In der Gegend von Fürstenwalde wird, bevor das Brautpaar zur Kirche geht, ein Fcuerbrand auf die Schwelle geworfen, über den es hin» wegschrcitcn muß. In Fahrland bei Potsdam muß das Brautpaar streng darauf achten, nicht von einem Siück Brot abzubeizen, denn Liebes- und Eheleute werden„einander gram", wenn sie von einem Teller essen oder aus einem Glase trinlen. Im Havellande sichert sich die Braut vor dem„Behextwerden", indem sie ein Zweigroschcn- stück unter die Hacke steckt. Um in Geldsachen der Treue des Mannes sicher zu sein, lägt sie sich vor der Trauung vom Bräutigam einen Groschen geben und steckt ihn in den rechten Schuh; vor cttvaigen Prügeln seitens eures rohen Gatten sichert sie sich, indem sie ein entzweigebrochenes Rütchen von einem Besen m den Hand- schuh steckt. Unter den Ivendischen Bauern des Spreewaldes findet man seltsame überkommene Hochzeitsbräuche noch weit mehr verbreitet, als in den von uns bezeichneten Gegenden. Hat sich doch der wendische Bauer in der Abgeschiedenheit seiner Niederlassung über- Haupt noch das meiste senier Art bewahrt. Wirkt es nicht schon eigenartig, da st im Spreewalde der Bauer noch, wenn er seine Tochter verheiratet, alles nach ursprünglicher Bauernart auf seinem Besitzthum herstellen lätzt? Frühzeitig fällt er das Holz und legt es zum Trocknen in seinen Hof, welches zum Hausbau seiner Tochter dient. Er nimmt selbst Maurer und Zimmermann an, um das Haus zu bauen, der Tischler stellt auf seinem Hofe die ganze Aus- ftattung her usw. Die Hochzeit selbst wird mit grostcm Prunk ge- feiert; man sieht Ochsen. Schweine und Geflügel nicht an, die ge- schlachtet werden müssen, um die Gäste zu sättigen, oder die Ge- tränke, welche ihren Durst stillen sollen. Bei der Hochzeit selbst be- steht unter den zahlreichen Sonderbarkeiten auch noch jene, dast die „Brautdiener" beim„grasten Mahl" dem Bräutigam den Hut, der Braut den Schuh entwenden; sie erhalten diese Gegenstände erst zurück, wenn das Brautpaar eine von ihnen bestimmte Summe bezahlt hat. Dann schreitet unter allgemeinem Jauchzen die Braut über den Tisch und springt mitten unter die Gäste, um sich am Tanze zu beteiligen. Die Hochzeitsfeierlichkeiten an sich dauern mehrere Tage; je reicher der Bauer, je länger die Hochzeit. Man begnügt sich damit nicht einmal. Am Sonntag nach der Hoch- zeit giebt es noch eine Nachfeier, die sogenannte„junge Hochzeit". An diesem Tage macht die junge Frau mit ihrem Manne den ersten Besuch bei ihren Eltern, in deren Wohnung alsdann die Verwandten sich noch einmal bei Speise, Trank und Tanz bis in die Nacht hinein vergnügen. Der groststädtische Arbeiter, den das Leben nüchtern gemacht hat, sieht mit Verwundern diese Sitte und diesen Wcrglaubcn. Er hat sich längst darüber hinaus entwickelt, und wie ihn sein Prole- taricrtum verhindert, im Ucbcrflust zu schlemmen und zu schwelgen. wenn er sein Weib nimmt, so ist er auch über den finsteren Aberglauben hinaus, der sich in Hochzcitsbräuchen erhalten hat. Er giebt seinem Weib« die Hand und schreitet mit ihr frohgemut zivar in Liampf und Ringen, aber doch schliestlich einer besseren Zu- kunft entgegen.— ,-xv. Kleines feuületon. eg. Tie Perlenstickerin.„Schlaf' doch nicht, Trubel" Tie Mutter sagte es mit einem leisen seufzenden Borwurf und fuhr fort, die Perlen auf einem Blatt Papier zu ordnen. Trude war mit dem Kopf auf die Tischlante gesunken. Nun fuhr sie hoch, rist die Augen auf und dehnte sich.„Hab' ich lange geschlafen. Muttchen?" Die Mutter seufzte wieder leise, als ob sie einen Vorwurf unterdrücken müsse.„Ein halbes Stündchen must es ganz sicher ge- Wesen sein. Wenn Tu nur noch fertig tvirstl" „Ich mutz!" Trude griff mit einer energischen Bewegung zur Nadel, schraubte die Lampe hoch und machte sich an ihre Arbeit. Sie nahm die einzelnen Perlen auf die Nadel und heftete sie nach einem vorgezeichnetcn Muster auf einen Taillencinsatz.„Wenn nur diese entsetzlichen winzigen Dinger nicht wären I" Die vor Müdigkeit zitternde Hand gehorchte nur widerstrebend dem Willen des jungen Mädchens. Immer wieder glitt die Nadel an den kleinsten der Perlen aus; diese rollten fort und störten die mühsam hergestellte Ordnung der übrigen Reihen. „Wenn Du nervös wirst, ist's schon ganz vorbeil" Die Mutter stellte mit Bedachtsamkeit und Geduld ihr gestörtes Werk wieder her. Trude zwang sich zur Ruhe. Allmählig gehorchte die Hand dem Willen und farbige, vergoldete und versilberte Perlen reihten sich in mannigfacher Gröhe an einander. Ein Weilchen hörte man nichts, als das leise Knittern der Seide. Auch von brausten drang kein Ton herein. Tiefdunkel schmiegte die Nacht sich an das Fenster dieses kleinen Zimmers, in dem Mutter und Tochter andächtig bei ihrer Thätigkeit sahen. Nur einen engen Lichtkreis warf die mit einem Schirm aus Rosa-Papicr bedeckte Lampe. „Fräulein Hedwig wird morgen unter den Kronleuchtern schön glänzen." Trude liest die perlbestickte Seide im Lampenschein funkeln. Ein Anflug von Neid sprach aus dem Ton der Slimnie. «Es ist wohl ein großes Essen da?" „Sehr grost. Ein Diner von vierzig Gedecken oder gar fünfzig, sagte die Köchin. Gänge wer weist wie viel. Eine Nonzertsängerin ist extra engagiert. Die bekommt für den einen Abend so viel wie ich in drei Monaten verdiene." „Es ist wohl nicht möglich!" Li« Mutter schüttelte verwundert den Kopf. „Ganz gewist. Der eine Abend soll an die tausend Mach kosten." «Aber Trude! Das wäre ja die reine Verschwendung!" „Ist es auch. Wenn wir das hätten, nicht Muttchen?" „Ach. Du lieber Gott! Trude. loas würden wir nur mit den» vielen Geld anfangen!" Trude netzte einen Faden an den roten Lippen; in ihr zarteS. blasses Gesicht kam Ausdruck und Bewegung.»Zunächst möchten wio Dir einen schönen warmen Wintermantel kaufen. Und ich müstte ein neues Jackett haben. Und dann würden wir uns einmal einen ganz freien und vergnügten Sonntag machen. Mittags Hasenbraten—" Die Mutter lachte hell auf:„Trude!" „Ja. Hasenbraten und abends würden wir ein gutes Konzech besuchen." Die Mutter lachte noch mehr.„Tu hast Gedanken wie ein« Prinzessin!" „Und einen Grabstein für den Bater könnten wir laufen." Trude sagte es leise, als verschlucke sie einige Thräncn. Die Mutter seufzte:«Ach ja! Dazu werden wir Wohl nie kommen." Die kleine runde Wastduhr schlug. „Schon drei!" Das junge Mädchen erschrak imd, arbeitete mit erhöhtem Eifer.„Noch sieben Stunden, dann must ich mit der Arbeii bei Fräulein Hedwig sein. Sie will heute schon um neun Uhr auf stehen, sagt sie. Dann kommt die Schneiderin. Spätestens um zehi Uhr erwartet sie mich. Allerspätestcnsl Käme ich später— na!" „Dann würde das gnädige Fräulein sehr ungnädig Iverden nicht?" ergänzte die Mutter den Gedankengang der Tochter.«Nur ja nicht! Es ist ja Deine beste Kundschaft!" „Ja. Sie zahlt lvenigjtens, was ich fordere. Sic Handel' nicht!" Die Mutter hatte den ganzen Pcrlenvorrat geordnet.„Kann ich Dir nun irgend noch etwas helfen?" „Nein, Muttchen, danke. Geh' nur ins Bett. Oder— wenn Du mir noch einige Nadeln einfädeln willst? Tann brauch ich mich damit nicht aufzuhalten." Die Mutter that's. Tann legte sie sich in'S Bett. Von dort aus folgten die Augen ängstlich den fleißigen Händen der Tochter. So lag sie stundenlang, den Schlaf gewaltsam unterdrückend, bis das hell werdende Fenster den aufsteigenden Tag anzeigte. Und Ivenn dis Müdigkeit das junge Mädchen zu überwältigen drohte, flüsterte sie eindringlich:„Schlaf' doch nicht. Trude!"— k. Die Hundepost. Seit einiger Zeit bedient sich die Post- Verwaltung der amerikanischen Union der Hunde, die an Schlitten gespannt werden, für den Transport der Post in Alaska, zwischen Dawson City und Fort Gibbon. d. i. eine Entfernung von 1300 Kilometer, die alle Woche zurückgelegt werden must. Kürzlich ist sogar mit Hilfe der Posthunde ein Postdi>...st zwischen Fort Gibbon und Kap Roms, das 2200 Kilometer von Dawson City entfernt liegt, eingerichtet worden. Dieser letztere Dienst wird zweimal monatlich versehen. Die ainerikanische Regierung hat in Dawson Eity eine austerordentlich große Hundehütte errichten lassen, in der 300 Hunde von Lappländern, Eskimos und aus Sibirien untergebracht werden können. Die anschließenden Remisen enthalten 50 Schlitten von besondrer Form, die „toboggans" genannt werden, und 200 besondere Gespanne von Leder und Stricken. Für die langen Strecken ist ein Gespann von acht Hunden nötig, die auf dem Schnee bis 00� Kilo Gepäck, Briefe oder Postpakete, natürlich abgesehen von dem Führer, ziehen können. Wenn keine Schncestürnw herrschen, wie es� in diesen Gegenden allerdings sehr häufig ist, legen sie 50 bis 75 Kilometer täglich zurück. Diese Hundepost kommt auch in dem strengsten Winter. wenn das Thermometer auf 60 Grad unter Null fällt, regelmäßig zu dem bestimmten Datum an ihrem Bestimmungsort an. obwohl die Reise zwischen Dawson City und Fort Gibbon einen ganzen Monat dauert. Die Postvcrwaltuug hat auf dem Wege in Ent- sernungcn von je 32 Kilometer Holzkajüten bauen lassen, in denen der Briefträger des hohen Nordens Schutz für die Nacht und neuen Proviant für sich und sein Gespann findet.— Kunst. — B ö ck l i n über Porträt maleret. In den von der „Züricher Post" veröffentlichten, von uns schon einmal cilierten Tagebuchaufzeichnungen von Otto Lasius heißt es: Als mich Böcklin einmal fragte, ob ich schon jemand porträtiert hätte, zeigte ich ihm ein Bild meines Bruders, das ich gemalt.„Scharfe Profil- auffassung sollte man, wenn es nicht ausdrücklich verlangt wird, immer vermeiden," belehrte mich Böcklin.„Es ist allerdings die charakterisiischte Auffassung eines Menschen, die es eiebt, da die Form der Nase, deS Kinns, der ganze Schädelbau i.,r unverändertes Maß haben: aber wir find einmal nicht gewohnt, unsre Btümciischen im Profil anzusehen, toenu wir mit ihnen verkehren, und wir glauben auch niwt recht an die Aehnlichkeit eines Profilbildes, selbst Ivenn es vorzüglich getroffen ist. Eö zeigt uns den Menschen in einer einzigen. ganz bestimmten Stellung, die er ja einmal haben kann, die uns aber fremdartig berührt, so dast selbst gute Bekannte, Verwandte� Freunde, die auf Porträtähnlichkeit halten, ein Profilbild nicht er» kennen, da in ihm das charakteristische Mienenspiel nicht mitspricht; das sie zu sehen gewohnt sind. DaS Profilbild gestaltet sich dem Maler auch räumlich, plastisch sehr schwer. Freilich, wenn es ßilt, einen Dichter aus einer Münze oder einen Fürsten aus eme« Ma.ke zu verewigen, da paszt allein das Profil. Man gewöhnt sich daran und je markanter, desto besser ist eS. Die beste Porträt-Auf- fassung ist für den Maler immer Dreiviertel- Profil. Ein schlagender Beweis dafür ist Raffaels Sekretär Jnghirami im Pitti zu Florenz. Der Mann schielt nämlich. Raffael hätte es leicht gehabt, ihn im ?>rofil zu geben und kein Mensch würde den Augenfehler bemerkt aben; vielleicht hätte man ihn aber gerade wegen des Fehlens dieser Eigentümlichkeit nicht erkannt. So malte ihn Raffael mit feinem Takt und im Bewußtsein seiner Kunst in Dreiviertcl-Profil, gab aber dem Kopfe eine so starke Wendung über Eck, daß wir das charakteristische Schielen zwar nicht vermissen, es aber so gemildert dargestellt finden, daß es unser Empfinden nicht wesentlich berührt. Dreiviertel-Profil wirkt sodann auch ähnlicher und ist künstlerisch weit interessanter als eine Aufname direkt en face, weil die so charakteristische Nase viel prägnanter zum Ausdruck kommt. In der en lace-Aufnahme erscheint sie unnatürlich verkürzt. Bon vorne aufgenommen erscheint zudem das Gesicht m zwei Hälften geteilt. WaS nicht nur unkünstlerisch, sondern auf die Dauer auch langweilig wirkt. Im Iveiteren sind in der eu kaoe-Aufnahme die Ohren nicht genügend erkennbar und doch sind diefamun Erkennen eines Menschen oft von charakteristischer Bedeutung." Die Porträtähnlichkeit darf nicht erst während des Malens in ein Bild hineinkommen, sie muß schon in der Skizze vorhanden sein: ist dies nicht der Fall, so ist das Porträt verfehlt. Schnelles Erfassen und richtige Wieder- gäbe des Schädelbaus ist Hauptbedingung. Probieren Sie das alles einmal mit sich selbst vor dem Spiegel. Bon vorne hat sich jeder oft gemig im Spiegel gesehen. Wer sich aber zum ersten- mal in scharfem Profil sieht, ist erstaunt, weil er sich selber fremd vorkommt." llnvergetzlich ist mir der Eindruck, den ich empfing, als ich Bvcklin Gottfried Keller aus dem Kopfe auf die Leinwand zaubern sah, lvobei man schon in der Skizze, zumal wenn man die Augen zusammenkniff, den Dichter famos erkennen konnte. „Selbstporträt ist das denkbar beste Studium ftir einen Maler," sagte Böcklin öfter.„Man muß nur immer bei diesem Studium daö Typische der formen heraussuchen. Wie eine Nase, ein Auge, ein Mund geformt ist und Ivie die Haare ansetzen, das stimmt in der Hauptsache bei allen Menschen überein. Das hat man sich ein- zuprägen, damit man's weiß. Malt man immer nach Modell, so wird man das nie fertig bringen. Das Besondere, das Individuelle müssen Sie in der Sie umgebenden Natur beobachten. Holbein machte für seine Porträts stets nur eine genaue Zeichnung, bis er mit seiner Aufgabe vertraut Ivar; nachher malte er alles andre aus dem Kopfe, wie es seinem künstlerischen Gefühl als noUoeudig er- schien. Belasquez holte immer das Große. Eigentümliche mit ein paar festen, sicheren Strichen aus der Natur heraus." Ein andres Mal sagte Böcklin:„Rembrandt hat sich nicht um- sonst unzähligemale in allen möglichen Stellungen vor dem Spiegel abgemalt. Das lvar ein schweres Stück Studium. Ein denkender Maler ist sich selbst das beste, billigste und vor allem willigste Modell. Es kommt zur rechten Zeit, ist immer bei der Hand, wenn man's gerade nötig hat. Aber ein guter Spiegel gehört dazu." Ostmals, wenn ich unbemerkt ins Atelier trat, sah ich, wie der Meister während des Malens sich im Spiegel betrachtete, der stets neben seinem Bilde stand. DaS war mir besonders aufgefallen, als er das„Seetingeltangel" malte. Ich war höchst überrascht, als ich ihn im Spiegel tomische Gesichter schneiden sah und erst beim Näher- treten begriff ich den Grund. Hat nicht der singende, harfenspieleude Tritone entfernte Aehnlichkeit mit Böcklin?— Auö dem Tierleben. — Kampf einer Kreuzotter mit eine m Habicht. Der Mimchener„Illustrierten Tierwelt" wird geschrieben:„Um junge oder brütende Vögel, Mäuse u. dergl. zu beschleichen, unter- nimmt die Kreuzotter vom geschützten Waldraude aus Streifziige in die angrenzenden Korn- oder Kleefelder. Bei diesen Räubereien wird sie aber oft selbst von einem Räuber, nämlich dem Habicht, überfallen. Kürzlich bemerkte ich aus einem sicheren Versteck heraus diesen liihnen, beschlvingten Jäger, lvie er mit scharfen Augen aus bedeutender Höhe den Boden vor mir ab- suchte. Plötzlick schoß er mit gewandter Schnelligkeit hernieder, um aber ebenso schnell wieder empor zu steigen, ohne mit den Flügeln den Boden gestreift zu habe». Nach nochmaliger Wieder- holung dieses Vorganges seitens des Habichts und bei schärferem Hinsehen gewahrte ich am Boden eine Kreuzotter mit emporgeschnelltem Hals und Kopf, Ivelche von dem Habicht überfallen worden war und sich nun zu einem Kampf auf Leben und Tod anschickte. Die Kreuzotter, die Ueberlegenheit ihres Feindes erkennend, schien es jedoch vorzuziehen, sich in den nahen, schützenden Wald zu flüchten, Doch der Habicht wollte sich diesen leckeren Bissen scheinbar nicht entgehen lassen, beim in dem Augenblick fuhr er mit jähem Sturz hernieder, faßte mit seinen Fängen die Fliehende am Schwanz und stieg mit ihr in die Luft. Den Körper hin und her schwingend, mit aufgesperrtem Maule, versuchte die Kreuzotter ihrem Feinde den tödlichen Biß beizubringen. Doch dieser schien sich der gefährlichen Lage, in der er sich augenblicklich befand, völlig bewußt, denn schleunigst ließ er die Feindin fallen. Dem Auscheine nach hatte diese nun durch den Sturz eine Verletzung erlitten, denn sie gab die Flucht auf. Doch das Zusammenringeln ihresKörpers, das Ausrichten desKopses Verantivortlicher Ätedatteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: deutete Kampfbereitschaft und verzweifelte, erbitterte Fortsetzung des Kampfes ihrerseits an. Der Habicht trachtete nun danach, den Kopf der Kreuzotter mit den Flügeln im Fluge zutreffen, rmlsieso zu betäuben. Die ersten Angriffe sckilug sie auch glücklich ab. Schon gab es den Anschein, als ob der Habicht auf sein leckeres Mahl verzichten müßte und wollte. Da fuhr er plötzlich, mit einem letzten, schrägen Stoß ans den Feind, welcher gleich darauf den Kops zur Erde sinken ließ. Diesmal war der Angriff dem Habicht gelungen. Der Kampf war aus. Den Kopf der Kreuzotter verspeiste er mit grimmigem Be- Hägen vor meinen Blicken— bis dahin hatte er mich in meinem Versteck nicht gewahren können. Doch die Gegend schien ihm nicht mehr ganz sicher und mit dem Rest es heiß eroberten Mahles verschwand er in den Lüsten."— Technisches. — Spiritushart Wachskerzen. Das gegenwärtige Streben, dem Spiritus eine vielseitige Verwendung ftir technische Zwecke zu geben, hat auch dazu geführt, ihn für die Kerzenfabritation zu benutzen. Der Gedanke, den geruch- und rußlos brennenden Alkohol ftir Kerzen nutzbar zu machen, lag wohl nahe, andrerseits erscheint es aber auf den ersten Blick unmöglich, den dünnflüssigen Alkohol in die starre, feste Kerzenform zu bringen. Es hat sich aber — schreibt man der„Leipziger Zeitung"— gezeigt, daß sich der Alkohol in Verbindung mit solchen Kerzenmaterialen, die in ihm mehr oder weniger löslich sind, zu einer festen, harten Masse ver- einigen läßt, und damit ist es gelungen, in den neuerdings in den Handel kommenden Spiritushartwachskerzen alle guten Eigenschaften einer tadellosen Kerze zu vereinigen, ohne daß dem äußeren Ansehen nach jemand Spiriws in denselben vermuten könnte. Besonders gute Resultate mit diesem Spirituszusatz wurden bei Herstellung der so- genamiten Kompositionskerzen erzielt. Bisher hatten diese Kerzen stets ein etwas transparentes, grauweißes Ansehen, mit Spiritus- zusatz erhalten sie eine so klare, weiße Farbe, daß sie darin den bestell Stearinkerzen nicht nachstehen. Auch hält sich diese Farbe bei längerem Lagern, ivährend die Kompositionskerze gilbt. Bei gefärbten Kerzen fauch Baumkerzens wird durch den Zusatz das klare und schone Heraustreten der Farbe erhöht. Vergleichende Versuche, die mit verschiedeneu im Handel vorkommenden Kerzensorten aus- geführt lvurden, haben ergeben, daß die Spiritus-Hartwachskerzen selbst mit den bezüglich des Materialverbrauchs und der Leucht- kraft vorteilhaftesten Proben konkurrieren können, daß sie sogar viele an Leuchtkraft und Sparsamkeit übertteffen. Dabei stellt sich die Spiriws-Harttvachskerze im Preise nicht teurer, sondern sogar billiger als die meisten heute im Markte befindlichen Kerzen.— Humoristisches. — Er kennt sich aus. In der Schule zu X. prüft der gestrenge Herr Schulinspektor. Er ist eben bei der Naturgeschichte der Tiere und läßt sich die auf einer Wandtafel abgebildeten Vögel be- nennen. Der zehnjährige Hansl hat bereits einige Vögel richtig er- kamst, als der Herr Inspektor seine Auftnerksamkeit ans einen ganz gelben Vogel(Kanarienvogels lenkt:„WaS ist das?" HanSl schweigt. „Ann daS"kennst Du nicht," sagt mit einem verschmitzten Lächeln der Gestrenge.„Das ist doch ein Gimpel!" Doch Hansl, von der himmelschreienden Unrichtigkeit überzeugt, antwortet mit einer spöttischen Geberde:„Du b i st a o a n e r!"— — H st preußisches Kult Urbild. Lehrer(zu seinem Sohn):„Nimm Deinen Hut ab— demHerrn Grafen sein H e n g st kommt!"— — Scherzfrage. Weshalb haben eigentlich die russischen Grenzbeamten einen so großen Schirm an der"Mütze? Wahrscheinlich um besser— ein Auge zudrücken zu können.— („Jugend".) Notizen. — Der Schriftsteller Hieronymus L o r m(H. Landesinann) ist, 81 Jahre alt, in Brünn gestorben.— — Die Neue freie Volksbühne zählt gegenlvärtig über 2000 Mitglieder.— —„Die Kuhmagd", ein dreiakttger Schlvank von G. Rickelt und G. Reppert, ist vom Neuen Theater zur Aufführung angenommen worden.— c. Der Oberpfarrer der Kirche des Heiligen Grabes in New Jork wird unter s e i n e r K i r ch e e i 11 V 0 l l st ä n d i g ausgestattetes Theater bauen lassen. Stücke religiösen Charakters sollen hier von einer dramattschen Gesellschaft, gelegentlich auch von Berufssibauspielern, gespielt werden.— — Die Nationalgalerie hat, der Monatsschrift„Kunst und Künstler" zufolge, ein weibliches Porträt von Böcklin und ein Gemälde„Idylle von Tivoli" von Feuerbach ettvorben.— — VomRein ertrage der letzten Großen Berliner K u n st a u s st e l l u n g sind 21 000 M. dem Verein Berliner Künstler und 24 000 M. der Akademie der Künste zugefallen, die sie zum Ankauf von Werken der nächstjährigen Ausstellung zu ver- wenden hat.—____________ Die nächste Nummer des UnterhaltungsblatteS erscheint am Sonntag, den 7. Dezember.___ jarwäris Luchdruckerei und VerlagSixujtalt Paul Singer& Co., Lettin 3W.