Hlnterhaltungsblatt des Dvrivärts Nr. 233. Sonntag, den 7. Dezember. 1902 (Nachdruck verboten-) II! Im kfreile. Erzählung von Waclaw Sieroczewski. Deutsch von Rosa Schapire. In einer dunklen jakutischen Jurte, auf einer niedrigen, der Wand entlang laufenden Holzbank, dem Herdfeuer gegen- über, lag eine kranke Frau. Der beste Winkel im Zimmer, der trockenste und hellste, wo sonst der Hausvater und seine Ehefrau schliefen, war ihr eingeräumt worden. Die Ein- wohner der Jurte behandelten sie mit der gröbsten Sorgfalt; die kalte Mauer neben ihrem Lager war mit weißem Hasen- sell bekleidet und die Kissen selbst, aus denen sie lag. waren besonders hoch gebettet. Das Feuer glomm auf dem Herde. Nur das weiße Bett der Kranken und ihre weiße Gestalt leuchteten aus der Dämme- rung, die das Zimmer erfüllte. In geringer Entfernung, im Schatten, nur Kopf und Hand zum Lichte gekehrt, saß eine Jakutin auf einem Holzschemel und nähte Schuhzeug. In gewissen regelmäßigen Pausen hörte man, wie sie den sehnigen Faden durch das Leder zog. Die Kranke atmete schwer und hörbar. In einer Ecke spielte ein jakutischer Bub mit einem etwa fünfjährigen Mädchen in europäischen Kleidern. Die Kinder bauten mit Klötzchen und sprachen leise mit einander.• „Wirtin!... Wirtin!.. sagte die Kranke mit An- strengnng. Die Jakutin legte die Arbeit unwillig aus der Hand und stand auf, um die Glut wieder anzufachen. „Was denn?" «Geh!... Sieh!... Sei nicht böse, daß ich Dich störe... Aber ich fürchte, ich werd's nicht mehr erleben... Ist noch nichts zu sehen?" Die Jakutin neigte sich über die Kranke und sah auf ihr eingefallenes Gesicht: sie bemühte sich, den Willen der Kranken aus dem Ausdruck der Augen, der Bewegung der vom Fieber verbrannten Lippen zu erraten. „Ach, sie versteht nicht..» Welche Qual!" „Das?... Das zeige... Welche Qual!" Die Kranke wies nach der Thür. „Eng... eng!..." nickte die Jakutin, strich Kissen und Decke, die sich verschoben hatten, zurecht und ging hinaus. In der Jurte wurde es ganz still; selbst die Kinder schwiegen und alle Blicke hingen an der Tlnire. Die 5iranke lag unbeweglich; der Kopf neigte sich zur Seite, die Augen waren geschlossen und die langen Wimpern warfen einen Schatten auf die eingefallenen Wangen. Durch die geöffnete Thür drang ein Luftzug, das Feuer flammte auf und warf rötliche Strahlen auf das weiße Fell an der Wand, auf die Kissen und auf die langen, goldblonden Haare, die gleich einer Aureole das Gesicht der Kranken umgaben. Auf einem kleinen Tischchen neben ihr lag eine gldene Uhr, Gläser und Flakons; verschiedene Reise-Utensilien standen umher. „Zosia, komm her... Wo bist Du?" flüsterte die Kranke. TaS Mädchen stand auf und klopfte ihr Kleidchen ab. „Da bin ich, Mammali." Sic lief zur Mutter hin und legte ihr Lockenköpfchen aufs Kissen. Auch der kleine Jakute stand auf und folgte ihr; er lehnte sich gegen die Kissen und begann an der Stickerei der Bezüge herumzuzupfen. „Thut es weh. Mammali, thut es sehr weh?" fragte die Kleine und sah der Mutter aufmerksam ins Gesicht. „Väterchen ist nicht da... er kommt nicht," klagte die Kranke. Die Thüre knarrte, auf der Schwelle zeigte sich die Jakutin. „Sie müssen's sein... Wer auch sonst?... Zwei kommen!..." schrie sie glücklich.„Meinen Hab' ich er- kannt... Noch weit an der andren Seite vom See!" Die Kranke richtete sich hastig auf und öffnete weit die fieberhaft glänzenden, großen Augen. Die Jakutin erkannte. daß sie sie nicht verstanden habe und begann sich durch Zeichen deutlich zu machen; sie klopfte sich auf die Hand, um das Pferdeqetrappel anzudeuten. „Einer— mein Bauer, zwei— Dein Bauer," sagte sie russisch. „Er kommt endlich! Wirtin, nimm das fort! Schneller!" rief die Kranke und wies auf die herumstehenden Sachen. Erregt richtete sie sich in den.Kissen auf. „Kämme mich!,,. Zosia, gieb den Kamm!,..Wasch' das Kind!..." In der Jurte herrschte lebhafte Bewegung. Aber die Reiter waren noch weit, und so wurden die Frauen fertig, ehe jene kamen. Die.Kranke, gekämmt, in sauberer weißer Ncgligöjacke, wartete lange, und schon begannen ihre Kräfte zu schwinden, als aus dem Hofe endlich Pserdegetrappel laut wurde und Schritte und Männerstimmen näher kamen. Die Thüre wurde weit geöffnet und auf der Schwelle er- schien ein großgewachsener Mann. Er blieb neben der Thür stehen und löste in fieberhafter Eile die Lederriemen seines Reise-Anzuges. Die Jakutin legte noch einige Holzscheite ins Feuer. Die Augen der Kranken, deren ganzes Leben sich im Blick konzentriert hatte, hingen an dieser ungraziösen Gestalt, die von Kopf bis Fuß in schneebedecktes Pelzwerk gehüllt war. Endlich fiel die Kapuze, die das Gesicht des An- kommenden bedeckt hatte, und die teuren, so lange nicht ge- sehenen Allgen ruhten auf ihr mit einem Ausdruck innerer, verzehrender Angst. „Ich sehe Dich... endlich, endlich!" flüsterte sie und streckte ihm die Arme entgezvn. Jil einem Augenblick lageil die übrigen Pelze auf dem Boden, und er kinete neben dem Bette der Kranken. „Geliebte! Du hast es gewagt!" „Ich konnte es nicht länger anshalten, ich konnte nicht," flüsterte sie, indes ihr die Thränen in Strömen über das Gesicht flössen. „Warum hast Du nicht wenigstens geschrieben? Ich wäre in die Stadt gekommen. Wie muß Dich der Weg an- gestrengt haben!" „Ich habe einige Male geschrieben, von der Stadt aus und von unterwegs... Du bekommst wohl nicht alle Briefe? Ich habe mich so geeilt... Sie sagen, daß die Wege hier im Frühling unfahrbar werden, und im Sommer kann man nicht anders zu Dir kommen, als zu Pferde oder zu Fuß... Ist das so? So haben sie gesagt... In der Stadt wurde ich krank... Dort herrscht eine Epidemie... Diphtherisis. Und da hatte ich Zosias wegen Ailgst... Und ich hatte Angst, daß ich Dich vielleicht nie mehr sehen werde." Eine leichte Röte bedeckte ihre durchsichtigen Wangen, sie lächelte und legte ihre wohlgeformte, aber magere Hand auf die Stirn ihres Mannes. Er nahm diese Hand und drückte sie ans Herz. „Nun? Fragst Du ilicht nach Deinem Kinde? Zosia, komm, sag' dem Papa Gutentag." Er stand auf und sah sich mit einer gewissen Behendigkeit im Zimmer um. In der Ecke, nlitten unter den Jakuten, stand sein Töchterchen. Als es dem Blick des Vaters be- gegnete, wandte es das Köpfchen fort und machte einige Schritte nach rückwärts. „Zosia, nicht scheu sein!" sagte die Mutter. „Komm zu mir, Kleine!" rief der Vater. Sie aber rührte sich nicht. Da kam er zu ihr und wollte sie auf den Arni liehmen, aber das Kind lief schreiend fort. „Rühr' inich nicht an!" rief es.„Mama, das ist der Papa ja gar nicht, der Papa auf dem Bilde! Ich fürchte mich. Der Mann trägt einen häßlichen Rock und hat einen langen Bart... Das ist ein Jakute!" Er aber nahm das Kind auf den Arm und bedeckte es mit Küssen. Es weinte und riß sich aus seinen Armen. Um es zu beruhigen, setzte er es auf die Kissen neben die Mutter. „Wllndere Dich nicht, Oles," sagte die Kranke,„Dll hast Dich verändert... Auch ich sehe etwas Fremdes in Dir!" „Wie sollte sich das Würmchen sich auch meiner erinnern? Das war ja kaum ein halbes Jahr alt!" Neben der Mutter begann die Kleine allmählich wieder Mut zu fassen. Noch hingen Thränchen an den Winrpern, aber schon lächelte sie, und die großen, hellen Augen hinge« am Vater mit prüfendem, beinahe herausforderndem BIUl, »Dir wie aus dem Gesicht geschnitten," sagte er. Nicht ganz... Stirn und Kinn hat sie von Dir, nur die Augeil vielleicht.. „Und ist sie lieb und artig?� fragte Alexander, nahm das Kind auf den Arm und warf seiner Frau einen viel- sagenden Blick zu. „Ein liebes Mädel.., Zerreißt feine Kleider nicht und macht keine Flecke... Weint nicht beim Waschen.*. Nicht wahr, Zosia?... Mein Gott, schon wieder.. Und ein dumvfer Hustenanfall, wie ein Stöhnen, schüttelte ihre» Körper. Alcra itder sprang auf, aber er wußte nicht, was er thun sollte. Tie Wirtin beincrttc es. sprang hinzu, umfaßte die Kranke und legte ihr vorsichtig die Hand auf die Brust. Ter Anfall dauerte lange. Endlich war er vorüber, erschöpft sank die Frau in die Kissen. Ihr Gesicht wurde wachsgelb, auf die Stirn traten große Schweißtropfen und in der keuchenden Brust rasselte es. Alexander stand blaß neben ihr mit dem Kinde auf dem Arm. Tas hatte sich schon an ihn gewöhnt und spielte mit seinen Haaren. Die Kranke bemerkte es, als sie die Augen öffnete, und versuchte zu lächeln. „Fürchte Dich nicht... Tas ist nichts... Ich»verde gesund werden... Tu wirst schon sehen... Es wäre zu schrecklich... Ich werde gesund werde» und dann, Dlur), wird alles gut sein. Du hast mir geschrieben, daß Du ein Häuschen hast... auch einen Garten? Setz' Dich, erzähle! Ist es groß?... Ein Haus oder eine Jurte? Nur»in Zimmer? Vielleicht kann man das ändern... Und hast Tu Milch?... Eine Kuh? Tu wirst sehen, wie schnell ich gesund werde in der frischen Luft und bei guter Milch.,. Mein Leiden ist durch Kummer entstanden und Sorge,,, Weißt Tu noch, wie gesund ich war und wie kräftig!" Wieder begann sie zu husten. Alexander richtete sie be- hutsam auf und stützte ihren Körper. Diesmal war der Anfall»och stärker und dauerte noch länger. Schließlich kam auch Blut. „Rette mich! Einen Arzt!" stöhnte die Kranke und sah ihren Mann mit erloschenen Augen an. t Fortsetzung folgt.) vjörnstjerne Sjörnson. Die Zeit hat größere Dichter, aber keinen, der mit dem Volk, in dem er austrat, so verwachsen erscheint, leinen, der in den politischen Kämpfen der Nation so unermüdlich mitgefochten und mit gleicher 'Hiimittelbarleit ans das Bewußtsein der Massen gclvirtt hat wie Björnftjerne Björnson. Ein Leben, losgelöst vorn Vaterlande, wie es Ibsen Jahrzehnte hindurch gefiihrt hat, wäre ihm unerträglich gewesen. Ihn zog es aus der Ferne immer ivieder bald zurück. Norwegen ist ihm Heimat und Kampffeld zugleich.„Dort will ich wohnen," schreibt er,„dort prügeln und geprügelt werden, dort singen und sterben." Die Massen— das sind in Norwegen die Bauern und was an ländlicher Bevölkerung sich um sie herum gruppiert. Ihr Blut fließt auch in VjörnsonS Adern. Sein Vater ioar, ehe er in späteren Jahren eine Pfarre übernahm, ein Bauer. Es ist die Zähigkeit, die Frische und Gesundheit unverbrauchter Geschlechter in ihm, die in harter, doch nicht zum Uebermaß gespannter Arbeit in Feld und Wald und freier Waldlnft aufgewachsen sind. Und diese Kraft muß sich im Kampf entladen. Nicht mit kritischem Verstände, unt stürmischem Enthusiasmus faßt er, was ihm als neue Wahrheit gegcirübertrilt, und eilt, es zu verkünden. Der Wille des That- menschen steht hinter dem Intellekt und wehrt ihm instinktiv, in dunkel-labyrintische Bahnen, aus denen die Lust und»traft dcS Handelns leicht erlahmen irnm, sich zu verlieren. Wenn Ibsen von sich sagt: nicht antworten, fragen ist mein Aint, so setzt sich umgekehrt bei Björnson alles Fragen schnell, und oft mit hastiger Ucberstürzung, in klipp und klare Airtwort und in schlagkräftige Parolen um. Mt prächtigen, herzgewinnenden Worten hat er selbst von der Glut seiner Wahrheitsliebe, wie von den Schranken, die seiner Natur gesetzt find, erzählt in einem Brief aus jener Zeit, als sich in ihm der Bruch niit dein alten Glauben vollzog:„Mein ärgster Feind kann die Wahrheit in den Händen haben; ich bin duinrn und stark; aber sehe ich wenn auch mir durch einen Zufall die Wahrheit, so zieht sie mich unwiderstehlich an... Ist eine solche Natur nicht leicht zu ver- stehen? Sollte man nicht glauben, daß eS besonders den Norwegern nahe liegt, sie zu begreifen? Ich bin Norweger. Ich bin Mensch. Ich möchte in der letzten Zeit mich fast unterzeichnen der Mensch, denn eS kommt mir vor. als ob dieses Wort hier bei uns in diesem Augenblicke gleichsam neue Vorstellungen erwecke." Es hat lange gedauert bis zu jenem Bruche. Der junge Björnson wuchs auf mitten iu den religiösen und nationalen Traditionen Norwegens, das damals von dem Wellenschlage des *) OliS ist im Polnischen da? Diminntiv für Alexander. mittel- und westeuropäischen Geisteslebens noch kaiun berührt wurde. Er fühlle keinen Gegensatz zu dieser in sich abgeschlossenen kleinen Welt. Aus dem väterlichen Pfarrhausc ging es auf die Universität nach Kristiania, wo er sich bald journalistischer Thätigkeit zuwandte. Wie Ibsen war er dann zeitweise auch Theaterleiter und schrieb alt- nordische Heldendramen. Viel eigenartiger als diese ersten Stücke waren seine Baciern-Novellen, die den Namen des erst Dreißig- jährigen weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus berühmt machten. ES sind Geschichten einfacher Banernburschen und Mädchen, die nach einigen Jugend-Küinmenlissen ein freundliches Geschick zusammenfiihrt. Sagen und Lieder klingen hinein. und rufen das Andenken der Väter wach. Die Schilderung ist voller Anschaulichkeit, beseelt von einer innig warmen Anteilnahme. Freilich, die Sympathie ivird zur Idealisierung. Heute wollen uns diese schmucken, sauber sittsamen und keuschen Gestalten, die damals so bewundert wurden, nicht mehr so recht als echtes Bauernblut erscheinen. Bon den hohen Bergen herab sieht Björnsons Auge Menschen und Dinge in selt- samer Verklärung. Trefflich dünkt ihm das Leben. Der liebe Gott hat alles herrlich eingerichtet und sorgt, daß wahre Liebe wie alles Tüchtige und Gute auch nach Gebühr entlohnt wird. Der kindliche Glaube, mit dem er seine Burschen und Mädchen ausstattet, man spürt es überall hindurch, ist auch sein eigner. Die Weltanschauung war engbegrcnzt, idyllisch, wie der Stoff und der Ton dieser Erzählungen. Erst in den siebziger Jahren regt er die Schwingen zu tveiterem Fluge. Es war die Zeit, in der von Dänemark her ein belebender Flutstrom moderner Ideen in das stagnierende Geistesleben Norwegens drang. Brandes, der berühmte Essayist und Vorkämpfer der Bewegung, mit Björnson persönlick« befreundet, erzählt in seiner ausgezeichneten Charakteristik des Dichters, mit welchem Feuereifer der damals schon Vierzigjährige all das Neue, Fremde sich anzueignen, den eignen Geist zu weiten und zu vertiefen strebte: Er las in jenen Jahren ungeheuer viel, Bücher in allen Sprachen und jeglicher Art. Der Liberalismus John Stuart MillS und die Darwinsche Theorie machten einen tiefen und bestimmenden Eindruck auf ihn, ebenso wie die Werke vergleichender Neligionsgeschichte und die kritisch littcrarische Richtung Taines. Sein ganzes Interesse kehrt sich modernen Verhältniffen und Problemen zu. Es beginnt die Reihe seiner bürgerlichen Gegen- wartsdramen. Ibsen war im Jahre 1869 mit dem„Bund der Fugend", einer Komödie, die bei aller satirischer Schärfe noch deut- lich die Abstammung von dem französischen Intriguen-Lustspiel zeigt. vorangegangen. Im Jahre 1ö?5 erschien dann nach einigen weniger gelungenen Vorversuchen Björnsons„Fallissement". Es bezeichnet den Höhepunkt, den seine Schauspicldichtung in diesem Jahrzehnt erreicht. Der„Redakteur", das„Neue System", auch„Leonarda" haben bei weitem nicht die dramatische Wirksamkeit dieser einfach und natürlich entwickelten Scenen. Vergleicht mau daS Drama mit Lbsens bald darauf erschienenen„Stützen der Gesellschaft", so frappieren die verwandten Züge. In beiden Stücken die- selbe gegen Lüge und hohles Scheinwesen gerichtete Tendenz, an ähnlichen Verhältnissen entwickelt. Hier Tjülde. der betrügerische Bankrotteur, dort Konsul Börnicke als der geständige Sünder. Die Wahrheit triumphircnd aber ohne Vernichtung der Schuldigen, in versöhnlicher Wendung. Und auch in Walburg, dem energischen bis zum Hochmut strengen Mädchen mit den herben Wahrhcilcworten, die dann dem armen Sannäs ihre Hand reicht, ist vieles, was an Jbsensche Mädchen- und Fraucngestalteu erinnert. Einen Augenblick konnte es scheinen, die beiden zögen auf gleicher Straße daher, nach gleichen Zielen, ausgestattet mit ähnlichen Mittel» drainattscher Gestalwngskrast. Aber was für Björnsons.Kunst einer der Gipfel, das war fiir Ibsen nur ein leichtes Vorspiel in den Niederungen. Dann klimmt dieser einsam schwindelnd steile Pfade aufwärts, die niemand ahnte. Nur zwei Jahre scheiden„Nora" von den.Stützen der Gesellschaft" und„Nora" folgen die„Gespenster", dem„Volks- feind" die„Wildente" und„Rosmersholm". Aber eine ganze Welt tteilnt die in diesen Werken sich offenbarende Kunst von dem soliden ehrenwerten Können jenes Vorspiels. Form und Inhalt des bürger- lichen Dramas sind von Grund aus erneuert. Statt eines lockeren, breiten Auseinanders, straffstes spannungs- und stiimnungsvollstes Scenengefüge, eine Kunst, die in dem Gegenwärtigen das Vergangene, aus dem das Schicksal hervor- wächst, iu gespenstigen Tönen mitschwingen läßt, die in geheinnüs- volle Tiefen leitet und in der einfachsten Sprache des Alltags die verborgeneir leisesten Scelenregnngen entschleiert. Es ist Problem- dichttmg, sofern das Einzelschicksal, das Ibsen entrollt, zugleich immer in seiner Beziehung zu allgemeinen Fragen ersaßt wird. Der Gegensatz von Wahrheit und Schein geht als ein Leitmotiv durch diese ganze Reihe. Aber während Björnson, wo er Probleme behandelt, ferner nattirgcmäß aus eine klare Tendenz aus offene ein- dcntige Anttvortcn hinstrebt, wird Ibsen mehr und mehr zum rätselvollen Fraqer. Von dem durchaus polemischen„Volksfeind" abgesehen, dem frischen Gegenschlag, niit dem er ans das Lamento- gefchrci seiner durch die„Gespenster"„sittlich" entrüsteten Landsleuto antwortete, läuft n»r der Schluß der„Nora" in eine scharf ge- schliffene Spitze der Tendenz ans. Sonst steht er mit gekreuzten Annen aus dem Hintergrunde dem Spiel der Gegensätze zu. Wie in der ersten Periode BjönrsonS wechselt auch in dieser zweiten poetisches Schaffen mit politisch agitatorischer Thätigkeir. In den Versaslungstämpfen der norwegischen Vollspartci während der achtziger Jahre war er der populärste Führer der Oppositwn, ein treffsicherer Journalist und ein Redner, dessen Worte zündend lvie die keines andern in den groxcn Bauernvcrsammlungen klangen. Die Begeisterung, die feste unerschütterliche klederzeugung, die ihn selbst erfüllte, strömte er auf seine Hörer aus. Der politische .�kainpf war ihm zugleich und wesentlich auch ein moralischer Kamps. Bon diesem Standpnnlt ans hat er in seinem Drama„Der König" die Monarchie befehdet. Poettsch eines der schwächsten Werke, die Björnson geschrieben, ist es für die Psychologie des Dichters und Boltsniaimes von allergrößtem Interesse. Es hält schwer, in diese Gedanken- gange, die von der historisch- ökonomischen Llusfassungsweise unsrer Zeit so weit abliegen, sich zurück zn finden. Wir werten heute daS Königtum nach der Bedeutung, die ihm in den realen Klassen- kämpfen zukommt. Anders in Björnsons Drama. Sern Held ist ein junger Fürst, der in den? Kampf, sich aus dem Schlingeimctz der Lüge zu befreien, fällt, ein König, lvie ihn BjörnsonS Herz sich wünschen würde. Die Form der Dar- stellung ist abstrakt, unpsychologisch, ans Allegorische streifend. Alles. was sich gegen die Monarchie von Björnsons Standpunkt aus moralisierend sagen läßt, wird dieseni idealen Herrscher in den Mund gelegt. Er verkehrt mit Demokraten, bekennt sich zu den Doktrinen eines republikanischen Professors, will allem unbürgerlichen Pomp, allem nichtigen Schein, der ihn in hundert Gestalten umschmeichelr, entsagen. Er freit die Tochter jenes edlen Professors; der Tod entreißt sie ihm. Der Pistolenschuß eines tollhäuSlerisch fanastschen Republikaners streckt seinen besten Freund und Helfer nieder. Und so, verlassen von aller Welt— auch das Volk hat bei den Wahlen gegen ihn gesprochen— jagt er fich eine Kugel durch den Kopf. „Grüßt mir das Ehristentum, es soll ein wachsames Auge aus das Königtum haben", ruft er, Abschied nehmend vom Leben, den satten heuchlerischen Stützen von Thron und Altar— dem Voigt, dem General, den, reichen Fabrikanten Bang, dem Pfarrer— zu... „Frage das Ehristentum in, Lande, ob es nicht bald Zeit ist, fiä, mit den, Königtun, zu beschäftigen? ES darf, so deucht mir, das König- tu», nicht länger die große verführerische Dirne spielen lassen, welche die Gedanken aller Bürger auf kriegerische Unternehmungen — was doch sehr gegen das Gebot der Nächstenliebe verstößt— und auf Kastcnunterschiedc, Luxus. Scheinwrsen und Eitelkeit lenkt. Das Königtunt ist ja mm doch eine so große Lüge geworden, daß eS selbst die rechtschaffenen Unterthanen dazu zioingt. fich ihm in Lüge zu nähern." Es ist ein Radikalismus im Namen der Wahr- hcir, der Tugend und, ähnlich wie bei Tolstoi, im Namen eines, vom offiziellen Dogmentum befreiten Christentums. Etwas von der starren Kraft und dem Berge versetzenden Glauben des alten Puritancrtuins lebt darin. Sticht der Verstand, der, ehe er zur kleberzengiing kommt, durch hundert Zweifclftagen hindurch geht. und die Spuren, dieser in seinem Resultate nicht verwischen kann, das Gefühl hat ihn geboren. Und diese Sinnesart tritt auch in dem berühmten Fekdzng, den er. der Moralist des Königtums, dann später Wider die„Polygamie" unternahm, hervor. Auch die monogame Ehe, wie sie besteht, ist eine Lüge; aber sie soll znr Wahrheit werden, sie kann es! Sie ist Lüge, nicht nur durch den Geschlechtsverkehr außerhalb, sonden, eben» durch den vor der Ehe. Er prüft und wägt nicht lange, wie die Gc» staltungen des sexuellen Lebens mit denen deS ökonomisch socialen Lebens zusammenhängen, und welche Tendenzen die gesellschaftliche Entwicklung in Zukunft aus sich heraus entwickeln mag. Die Grenzen, das Relativistische kümmern ihn nicht; er denkt in all- gemeinen, absoluten Formeln; er dekretiert und fordert, auf ein loses Rüstzeug flüchtig überall her aus der Geschichte und den Natur- Wissenschaften zusammengcräfstcr Argumente gestützt: Rein sollen Mann und Mädchen in die Ehe treten. Man überzeuge die Menschen von der Vcrnüiiftigkeit der Forderung, man kläre ihre Unwiffcnhcit auf, man appelliere an ihren guten Willen, und alles wird sich ändern. Die Wünsche seines warmen, chrlich-guten Herzens ver- kehren fich in seinem Sinine zu realen Möglichkeiten. Björnson setzte alle Kraft an die Nerkündung der Lehren; im ganzen Lande hielt er Versammlungen ab. Und seine Worte haben, so wenig sie die harten Wirklichkeiten ändern konnten, der geistigen Bcivcgung Skandinaviens viel befruchtende Keime zugeführt. Ueberall im Volk, in der Presse und Litteratur wurden die Probleme, an die er rührte, der Prüderie zum Trotze, mit größter Freiheit diskutiert. Westhin im Positiven und Negativen lassen sich die .Spuren verfolgen. In dem Roman„Thomas Rcndalen" und dem Drama'„Der Handschuh", einem Werk; in welchem bei aller offen- sichtlichen Tendenz doch die Figur Svawas, die dem Freier den Handschuh ins Gesicht schleudert, mit� feiner Psychologie cntwickelt ist, war er schon früher für diese sc nie Ueberzeugung eingetreten. Das„Fallissement",„Ter Handschuh" ist heute in Deutschland schon vergessen, und die späteren Dramen„Paul Lange und Thora Parsberg" und„Laboremus" haben im Ausland keinen tveitivirken- den Eindruck gemacht. Aber bleiben wird„lieber unsre Kraft", dies große schmcrzcrfüllte Grablied, das er dem frommen Glauben singt, dem Glauben, der ihn selbst bis in die Mitte seiner Mannesjahre begleitet hat. Welch tief geschautc, in all ihrer Fremdartigkeit so überzeugende Gestalt dieser Pastor Sang auf seinem einsamen Pfarr- sitz, hoch oben im Lande der Mitternachtssonne, der kindlich gute, opfer- freudige Mann, den man im Lande ringsumher als einen Heiligen verehrt!. Welche zarte Innigkeit in dem Verhältnis zu der tod- kranken Frau und zu den Kindern! Und wie fügt fich alles zu- sammen um den Wunderglauben dieses Mannes, den Wunderglauben der Menge, die, während er für seine Frau die Glocken läutet, ihr Hallelujah singt, uns glaublich zu machen, bis zu dem letzten Augen- blick, wo das phantastische Trugbild sah zusammenstürzt. An Poesie der Schilderung und dramatisch inncrlickicr Spannung kann sich der zweite Teil des Doppeldramas, dem ersten nicht vergleichen. Als Drama des Klassenlampfes enttäuscht eS nach großen Ansätzen durch die mystische, phaistastische Friedens- und Versöhnmigsbotschaft. in die es austlingt. Man spürt es hier, mit seinem Herzen, das für Wahr- heit und Recht schlägt, ist Björnson der alte Bolksmann einer der unsren. Wie wäre es anders möglichl Aber noch hat sein Jdealis- mnS etwas Träumerische?, noch widerstrebt er. der ans so völlig anderem Gcistesboden aufgewachsen, jener nüchtern realistische», llaren Erfassung gesellschaftlichen Seins, die in dem SocialismuS lebt und wirkt, und ihm zum hohen Ziel die sichern Wege weist. Doch in dein Gestaltenpaar des Elias und der Rahcl strebt auch diese Dichtung mächtig auswärts. Sic sind die Kinder Sangs, sie habe» ihren Vater um das Wunder ringen sehen. Ihr Glaube brach in Stücke, aber der Sinn des Vaters lebt in ihnen fort, in Rahel als sanfte in enger Umgrenzung schassende Menschenliebe, in Elias als erhabene Begeisterung, als„der Trieb ins Grenzenlose", als Traum, durch unerhörte Opfcrthat die Menschheit zu erlösen. In diesem Glauben tötet er; aber die Leiche» und die Trümmer des Schlosses sind nur Leichen und Trümmer, kein Flammenzeichcn einer neuen Zeit. Auch er in seinem Drange, Tie Schranken, die dem Einzelnen, die unsrer Kraft gesetzt sind, zu durchbrechen, stürzt wie der Vater ohnmächtig in die Tiefen. Die Gestalten Sangs und des Geschwistcrpaars sind ein ragen- des Denkmal, wie des Dichters, so des Menschen. Nur wer selbst reine Güte und das Sehnen einer mächtigen Begeisterung im Herzen trug, vermochte so tief empfundene stmerlich wahre Symbole der Güte und des Schnens zu erschaffen. Mag ihm. dem Siebzig- jährigen, dem unermüdlich Stiebenden, noch ein langer Arbeitstag mit reicher Ernte beschicden sein.— Conrad Schmidt. Sonntagsplauäerei. In einem der Münchener Bräus, die in der gegcntoärtigc» Spannung der politischen Situation überbeschlußfähige Häuser auf- lociscn, setzte sich vor einigen Tagen an meinen Tisch ein stattlicher Herr. Er war ein lebender Beweis gegen die Flcischnot, und sein Angesicht machte den beruhigenden Eindruck eines rotgefärbten Bauches. Zwischen zwei Krügen hatte er die Gewohnheit, ein wenig einzunicken und zu schnarckicn, während er beim Trinken die nachbarliche Mitteilsamkeit eines Menschen besaß, der von seinem kleinen Wohn» orte her gewohnt ist, jeden Miibürgcr zu kennen. Der Mann sprach mich zuerst an, als am Nebentische Hasenbraten bestellt wurde. Da bekam sein Antlitz einen düsteren Zug und sein crfiilltes Herz drängte ihn. sich mir zu offenbaren.„Hasenbraten", be- merkte er in den, Ton trauernden Fluchens,„da essen diese Berliner Hasenbraten. und unsereins muß hier hocken, aifftatt Hasen zu jagen. Ich habe das Geld vor die Jagd- Pacht diesmal wirklich rausgefchmisien. Sehen Sic mich an, daß ich schon seit acht Tage in diesen gräßlichen Berlin bin, wo eS ja ganz nette Kirchen und auch gediegene Bierhäuser giebt, wo man aber doch keinem lebendigen Hasen arttrifft und jeden Augenblick fürchtet. unter der Straßendahn zu kommen. Die verdammreu Inden l.., Ha, wenn ich Piickler wäre!.. Sein Schmerz begann mich zu interessieren.„Aber warum bleiben Sie denn da in Berlrn, wenn Ihnen der Aufenthalt so verhaßt ist?" „Warum, warum," schrie dcrStattliche grimmig,„weil ich muß!" „Kein Mensch muß müffcn." „Ach was, ich bin ja gar kein Mensch, ich bin ja bloß— Reichs- tagsabgeordneter. Der Kriegerverein meiner Heinrat hat c» mich zur Pflicht gemacht, nach Bertin zu kommen, um inr Reichstag für dem Kartoffelzoll thätig zu sein— wir produciererr nämlich nur Kartoffeln—, rra. und da hat er mich mit dem Ausschluß gedroht. und da bin ich eben hierher gegondelt. Und ein Geld kostet das— ein Geld, ich fiin beinahe blank." „Ja, ja," seufzte ich teilnehmend,„es find schlechte Zeiten. Glauben Sie mir, es giebt Tage, wo Sie auch in meinem Beutel nicht den kleinsten Tausendmarkschein finden würden." Bei dieser» Worten ging ein Ausleuchten über den Glühwanst „reines Tischgefähttcn und er sagte geheimnisvoll:„Warten Sie, ich kann Sie helfen, geben Sie mich Ihre Adresse!"... *« * Tags darauf erhielt ich folgenden Brief, der mit einer kenn haften Hand abgefaßt war: Gcärter Här! Ich mackie Sie folgenden Vohrschlach, was Sie auf die Strümpc helfeu Wirt, weil Sie und Sie kennen einem Taler tcglich fcrdihnen und wofür Sie bloß mir in den Reichstach ver- träten tuhn brauchen und weShalp ich kan Hahsen jagen. Nehercs mindlig. Mit härzlrgen Grus und stränkste Dißkräziohn Moritz Lehmann M. d. R. Das Angebot überraschte mich ein wenig. Aber es reizte mich zugleich: Rerchstags-Abgeordneter zu sein und noch einen Thaler dazukricgen. daS war verlockend. Also suchte ich meinen Freund auf und erklärte mich„im Princip" bereit. Aber ich ärißcrtc auch Be- fcctrten: Wird man mich nicht erwischen und mich mit Schimpf und Schande hinausjagen? Moritz Lehmann lachte ausgelassen. Dann hätte man ihm schon längst den Zutritt verweigert, beim auch ihn kenne niemand, er wisse selbst bisweilen nicht, ob er der richtige Reichstags- Abgeordnete sei. „Sie nehmen einfach/ bemerkte er,„meine Legitimationskarte und einen Haufen roter, weiher und blauer Karten. Siesetzen sich hinten rechts im Saale hin und thun, was Ihre Nebenmänner thun. Sie gehen heraus, wenn sie herausgehen, Sie schreien, wenn sie schreien, Sie geben, je nachdem was man neben Sie thut, einen roten, weißen, blauen Zettel ab, und stehen auf, wenn Ihre Nachbarn sich von die Plätze erheben. Mehr brauchen Sie nicht zu können." „Aber ich bin noch niemals im Reichstag gewesen", wandte ich noch immer unschlüssig ew. „Nun, dann kommen Sie mit mich mit, ich werde Ihnen ein- führen. Glauben Sie mich, eS ist nicht schwer I" Damit wanderten wir sclbander l Der Thürhllter öffnete uns respektvoll. Moritz Lehmann sah ihn mit einem gewissen kühnen, selbstverständlichen, gesetzgebenden Blick an, und der pompös angezogene Portier ließ uns anstandslos hinein. Oben bei den Garderobenständern schwankte der grauhaarige vor- nehme Diener, der mindestens früher Minister oder Kammerhcrr gewesen sein muß, eine Weile, ob er mir oder Moritz Lehmann den Mantel abnehmen sollte. Aber das M. d. R. warf wieder seinen Blick, den wahrhast staatserhaltcnden Blick einer Person, die sich hier völlig wie zu Hause fühlte, und der Diener entschloß sich, ihm die Garderobe abzunehmen. Alsdann begleitete mich mein Gönner auf die Zuschauertribüne. Ich ging sofort daran, mich zu vergewissern, ob die Stellvertreter- schast durchführbar sei. Ich traf eS gut. Neben mir saß ein Herr, der seit undenklicher Zeit täglicher Tribünenbesucher war, jeden Winkel des Hauses, die Geschäftsordnung, die Geschichte des Reichs- tages kannte, mit allen Persönlichkeiten vollauf vertraut war und seit den, zweiten Jahre seiner Besuche entmündigt werden mußte. „Sie kennen also sämtliche Abgeordnete", stagte ich.„Aber natürlich�'., erwiderte er beleidigt. „Also bitte, wer ist der Dicke da unten?" Ich wies auf Moritz Lehmamp der mit einer imponierenden Würde auf seinem Sessel saß und sich anschickte, ein Schläfchen zu machen. „Bedaure, den habe ich noch niemals hier gesehen", erwiderte der Parlainentskenner errötend l „Und der da?"— ich wies auf einen frommen glattrasierten Mann in schwarzem Rock. „Auch der ist nie hier gewesen!" „Aber jener, mit der Glatze und den gewaltigen Hauern?" „Mir völlig stemd I" So fragte ich wohl nach hundert Individuen, die unten im Saale saßen, aber keines Namen war diesem wohlunterrichteten Stammgäste geläufig. Er entschuldigte sich wegen seiner Unwissenheit. Das seien alles Leute, die zum erstenmal sich hier blicken ließen, das seien eigentlich gar keine Abgeordneten, sondern nur parlamentarische Passanten. Man könne sie nicht einmal an der Stimme erkennen, seitdem statt des Namensaufrufs die Papierstimmerei eingeführt ist. Endlich jedoch wußte er doch einen: Liebermann von Sonnenberg. Der gefiel mir, und ich beschloß, den ehrenvollen Auftrag an- zunehmen und mein Quartier in der Nähe des Liebermann v. Sonnen- berg zu wählen. Moritz Lehmann war überglücklich, als ich meine Bereitwilligkeit erklärte. Er händigte mir seine Legitimatton, zahllose Stimm- karten sowie sechs Thaler Vorschuß— für sechs Sitzungen— ein und versprach mir außerdem zwei feiste Hasen als Extrageschenk. . So wurde ich M. d. R., ohne jemals die Qualen eines Wahl- kampses erduldet zu haben. *»# Mit klopfendem Herzen betrat ich an, nächste» Tag den Palast. Auf meinen„Blick" wollte ich mich doch nicht ganz verlassen, und so ließ ich, wie aus Versehen, eine Stimmkarte fallen. Der Portier bückte sich und hob Sie mir wieder auf. indem er sehr höflich Srüßte:„Bitte. Herr Lehmann!" Beim Garderobendiener be- hränkte ich mich auf den„Blick", und ich wurde anstandslos meines allerdings etwas abgetragenen Havelocks entledigt; die Not der Landwirtschast entschuldigt viel. In der Wandelhalle promenierte ich einige Minuten, in, wie ich glaube, vorzüglicher Haltimg. ES klingelte. Ich lief mit den andren ln den Saal, entdeckte Liebcrmann v. Sonnenberg und ließ mich auf einem Platz unweit von ihm nieder. In wenigen Minuten beherrschte ich da? Handwerk eines staats- erhaltenden M. d. R. auS dem Grunde: Liebermann stand auf. ich auch. Man schrie: Setzen!— ich saß wie angenagelt. Dann kam ein Herr mit einem Gefäß, das w,e ein Cirkus- klown auf der einen Seite rosa, auf der andren weiß war. Liebermann gab eine rote Karte ab, ich auch. Der Herr mit dem Gefäß lächelte mir dankbar vertraulich zu. Jetzt geschah eine Weile gar nichts. Dann nannte der Präsident em paar Zahlen, und jetzt begann ein Herr mit einem schwarzen Bart zu reden. Liebermann rief:„Wieder ein Jude!" und lief samt zwei- hundert andren Mitgliedern aus dem Saal. Ich immer mit. Ich fand mich in der Reitauratton wieder, einer weiten Bahnhofshalle. Eben hatte ich mir die Serviette mngebunden und die von mir bc- stellte Erbssuppe mit Schweinsohren zu essen begonnen— sie> Ver-mtwortt-lher Redakteur: Eart Leid in Bettin. schmeckte erträglich— da entstand ein Gebimmel, als wären in der Hölle alle Glocken los. Mit einmal rennt man davon. Ich nehme flugs meinen Teller und trotte hinterdrein. Schon bin ich an der kleinen„Ja"-Thür, die zum Saal führt, da lverde ich noch zur rechten Zeit gewahr, daß niemand sonst eine Serviette um- und seinen Teller mitgenommen hat. Halloh l Bei- nahe hätte ich mich verraten. Beschämt laufe ich zurück und deponiere Teller und Serviette an meinem Platz in der Restauratton. Daun wieder in den Saal. Wütende Blicke treffen mich. Es ist offenbar: ich bin zu spät gekommen. Schon redet der Jude mit dem schwarzen Bart wieder. Wir ttaben heim in die Restauratton. Natürlich waren die Schweinsohren eiskalt geworden. Ich bin zwar noch ein junger Parlamentarier. Aber den HaupNchaden des gutgesinnten Parlamentarismus glaube ich doch mit Sicherheit erkannt zu Hadem Dieser Schaden besteht darin. daß man nie ungestört essen kaum Ich behaupte, daß das auf die Dauer kein Parlament der Welt aushalten kann. Ich kenne kein Restaurant, das so unruhig ist, wie das des Reichtages. Jeden Augenblick wird man durch ein wildes Geklingel unterbrochen, und dann muß man über Hals und Kopf fortstürzen. Der Bureaudirettor Knaack sollte wirklich dafiir sorgem daß der infame Läute- apparat abgestellt wird. Nur dann kömien gesunde Zustände wieder eintretem Im übrigen habe ich mich schnell in die neuen Verhältnisse eingelebt und mich außerordentlich bewährt. Selbst der Adonis der Reichspartei, deren Vater ein Herr von Stumm sein soll, selbst Herr Arendt hat mir mit den Füßen aufmunternde Komplimente gemacht. Einmal schrie ich eine Viertelstunde ununterbrochen mit 200 pro- zentigem Lungenaufschlag: Runter von der Tribüne. Ein andermal wiederholte ich ständig: Mörderbande, Mörderbande. Ein drittes Mal wechselte ich die Ausrufe ab: Jude, stinkiger Jude, zwei Juden, zwei stinkige Indem Ich kann mit einer Virwosität niesen wie Herr.Kropatscheck— und meine Karten gebe ich mit verblüffender Fixigkeit ob, ohne die Farben jemals zu verwechseln. Nächstens werde ich— so weit bin ich bereits— auch das Wort verlangen und folgende Rede halten:„Herr Präsident, im Interesse der not- leidenden Landwirschast beantrage ich Schluß der Debatte." Allerdings ist die lange Dauer der Sitzungen ettvas anstrengend. Ich bin nicht gelvöhnt, schon kurz nach Sonnenaufgang— um 10 Uhr morgens— thätig zu sein. Indessen was thut man nicht für die gute Sache! Ich habe auch Moritz Lehmann geschrieben, daß er m,r fiir die Nachtarbeit einen Extrazuschuß vergütet. So werde ich mein Leben als stellverttetender Reichstags- Abgeordneter beschließen und pattiottsch verhindern, daß dem Lande der traurige Anblick eines beschlußunfähigen HauseS geboten wird. Bravo— wie? Alle meine Hoffnungen sind zertrümmert. Eben höre ich, daß die Juden-Sozis am nächsten Dienstag beauttagen wollen, daß wegen der vielen fremden Gesichter vor Beginn jeder Sitzung die Identität der Anwesenden festgestellt werde. Bande!!— Joo. Humoristisches. — Schmerzensschrei. Schrift st ellerin(zu ihrem Gatten):„.. Wenn Du nur wenigstens ein TypuS wärst, den man für einen Roman verwenden könnte..!"— — Zu viel verlangt. Direktor:„In dem neuen Stück müssen Sie unter andcrm ein Glas Wasser trinken!" Schauspieler:„Nee, als Helden darstellcr bin ich nicht engagiert!"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Der finnische StaatSprcis(50l)v M.) für die besten Werke auf dem Gebiete der schönen Litteratur ist diesmal in vier Teile gegangen. Es erhielten: Dr. K. Leina (K. Lonnbohm) für ein historisches Schauspiel 1500 M., die Romanschriftstellerin Maila Talvio(Frau M. Mikkola) 1300 M., der Lyriker E. Tegengren 1200 M. und der Lust- spieldichter T. Pakkala 1000 M.— — Jon Lehmanns Drama e t t u n g" wird demnächst im Bunten Theater, zusammen mit„Mayerchen", einem .Einakter desselben Autors, gegeben werden.— —„Hammer und A m b o s", ein dreiakiiger Schwank von HeinrichLee, erzielte bei der Erstaufführung im M c i n i n g e r Hoftheater einen starken Erfolg.— — Max Drehers Bühnenstück„DaS Thal des Lebens" wird seine Premiere im Hamburger Schauspiel- hause erleben. Für Berlin hat die Censur die Aufführung de? Werkes bekanntlich verboten.— — In Breslau übernimmt Dr. L o e>v e. der bereits vier Theater dieser Stadt gepachtet hat, von 1S04 ab auch„och daS feit Jahren von Direttor Halm geleitete Sommcrtheater.— — Tschaikowskis Oper„Pique-Dame" geht am S. Dezember erstmalig in der Wiener Hofoper in Seene.— —„Der Rastelbinder", eine Operette von L e h a r. wird Weihnachten zum erstenmal im Wiener Carl-Theater aufgeführt v rden. Auch das Berliner Central-Theater hat die neue Operette zur Aufführung angenommen.— - Druck und Berti, g: Vorwärts But>»ruckerei und«ettagounstalt Paul Sinqer& Co., Bettln S\V