Hlnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 241. Donnerstag, den 11. Dezember. 1902 41 Im Greife. tNachdruck verboten.) Erzählung von Waclaw Sieroczewski. Teittsch von Rosa Schapire. „Ich sagte Euch schon, daß ich nur zwanzig Rubel habe," antwortete Alexander. „So verkauf' ihre Sachen," sagte jemand der An- tvesenden. „Einverstanden! Wollt Ihr die Uhr kaufen?" Er nahm Julias Uhr in seine zitternde Hand und hielt sie ihnen entgegen. Die Jakuten umringten ihn neugierig. Ter Aelteste unter ihnen legte das kleine goldene Ding an seine abstehenden dunklen Ohren. „Es spricht," flüsterte er lächelnd. „Es spricht?" fragten die andren, und jeder wollte hören, was es sage, aber niemand dachte daran, die Uhr zu kaufen. „Vielleicht kannst Du sie in der Stadt verkaufen. Wir aber brauchen Kleider, Pelze, Decken. Vielleicht kaufen wir noch den Ring." Den Ring wollte er nicht verkaufen, aber er öffnete den Koffer. Wieder umstanden sie ihn, griffen in den Koffer und zeigten einander die verschiedenen Sachen. �„Da ist ein seidenes Kleid. Was willst Du dafür haben, fremder? Das kann man sich ja zurecht machen." „Silberne Löffel. Handtücher, Strümpfe.." „Fremder, schenk' mir das.. Wozu brauchst Dn's? 's sind ja Weibersachen. Ich will's meiner Alten mit- bringen." „Fremder, das mir!" „Und vielleicht das." „Mir auch.." Alexander legte einige der wertvolleren Gegenstände wieder in den Koffer, die silbernen Löffel, ihren Pelz, ihr Tuch, und drückte das Schloß zu. Das Seidenkleid schenkte er der Wirtin. „Du warst gut gegen sie." sagte er. Bei dieser Gelegenheit bat sich die Jakutin noch einige andre Kleinigkeiten aus. Endlich war der Handel zu Ende. Die Jakuten gaben ihm den Handschlag als Beweis, daß das Geschäft in Ordnung sei und verließen die Hütte. Tie Wirtsleute gingen schlafen. Alexander blieb allein und begann Julia zum letzten Gange zu schmücken. Die Nacht ging vorüber. Im Morgengrauen kamen die Jakuten: sie legten den Körper in eine andre Ecke der Stube und schlugen ein Loch in die Wand darüber, um frische Luft hineinzulassen. Unter diesem eisigen Wind wurde das Gesicht der Toten sofort hart und durchscheinend wie Alabaster. Dann schlachteten die Jakuten einen Ochsen und unter Sväßen kochten sie das Fleisch, sägten Bretter, um den Sarg für die Tote zu zimmern. Alexander sah gleichgültig ihrem Treiben zu. Nichts interessierte ihn, selbst die Meine nicht. Er hatte sie zwar angezogen und ihr zu essen gegeben, aber kein Wort zu ihr gesprochen. Das Mädchen ging von einer Ecke in die andre und wußte nicht, was eS mit sich anfangen sollte. Die Jakuten aßen, erzählten sich die neuesten Klatschgeschichten, berieten, wie sie die Bretter schneiden sollten, um die Leiche zu bergen und sich Arbeit zu sparen, sie hämmerten, sie keuchten und spukten. Am Abend, als sich Alexander auf dieselbe Bank legte, auf der Julia gestorben war, kam Zosia zu ihm. „Papachen, weinst Du nicht mehr?" „Komm' her!" Die Kleine drängte sich an ihn. „Mama„elbint"," sagte sie jakutisch. „Mama ist gestorben." verbesserte er.„Nun hast Du niemand mehr als Deinen Papa." „Und alle Jakuten?.." „Dein Papa hat auch Freunde, gute Leute, aber die sind weit, weit weg. Auch unter den Jakuten giebt's gute Menslben. Willst Du den Papa lieb haben?" Die Kleine senkte ihr Köpfchen und begann eifrig die Knöpfe an seiner Bluse zu betrachten. „Ja!" flüsterte sie nach einem Augenblick. Und so schlössen sie aufs neue Freundschaft. Am nächsten Tage war das Begräbnis. Infolge er- neuter Schneeverwehungen konnte man den Sarg nicht auf dem Schlitten transportieren. Tie Jakuten hingen ihn an Schnüren auf eine Stange und trugen die Last. An einzelnen Stellen versanken sie bis zum Knie im Schnee und warfen sich die Schnüre wechselseitig zu. Der Sarg schwankte ent- schlich. Alexander, der mit den Schaufeln folgte, hörte, wie der Körper der Toten gegen den Deckel schlug. Endlich er- reichten sie den Hügel vor dem Walde, wo begraben wurde. Einige dünne Bretter und Kreuze untcr'm Schnee und dann ein offenes, tiefes, leeres Grab.. Vorsichtig begannen die Jakuten nach längeren Beratungen den Sarg an den Stangen und Stricken hin.mtcrgleiten zu lassen. Alexander wollte ihn öffnen, um noch einmal die geliebten Züge zu sehen, sie aber setzten seinem Vorhaben den größten Widerstand entgegen. „Was fällt Dir ein. Fremder? Auch wir haben Frau und Kind. Niemand will ein Unglück heraufbeschwören! Oeffne, wenn Du willst, aber dann gehen wir fort. Was man einmal reingelegt hat, nimmt man nicht wieder heraus. Du allein kannst den Sarg nicht herunterlassen, so wird er denn bis zum Frühling stehen bleiben." Es war sicher, daß sie ihre Drohung ausführen würden und er mußte sich fügen. Sie senkten den Sarg in die Tiefe und begannen eilig die Schollen der festgefrorenen Erde darüber zu werfen, die mit dumpfem Gepolter am Deckel des Sarges zerschlugen.. „Vorsichtig!" schrie Alexander unwillkürlich. Es war ihm, als wenn sie die Bretter zerbrächen und mit den scharfen Erdschollen und Eisstücken Julias Gesicht und Körper verletzten. „Sei nur ruhig! Wir sind doch auch Menschen und glauben an Gott. Wir haben's mit Bohlen bedeckt, wie sich's gehört. Deine Selige liegt bequem wie in einer Wiege." Geschickt schütteten sie das Grab wieder zu und wandten sich an Alexander, der betäubt dastand. „Fremder! Herr! Komm'! Wir gehen! Schnell! Dreh' Dich nicht um, das ist eine Sünde!" schrieen sie und liefen eilig den Hügel hinunter. Alexander folgte ihnen mechanisch, plötzlich aber blieb er stehen und ging zurück. Die Sonne stieg leuchtend höher. In der Luft lag ein zarter Staub von Eiskörnchen, die Ueberbleibsel des gestrigen Unwetters. Traurig sahen die schwarzen Wälder aus, die Bäume neigten sich im Winde. Der Schnee ringsum ivar zertreten. An den Hängen der Berge, unter den Gebüschen, hatten sich ungeheure Schneemassen angehäuft. An einzelnen Stellen durchschnitten sie die wie mit einem Instrument ge- zogenen Engpässe. Die Gipfel und Höhen der Ferne schienen zu rauchen: dort strich der Wind dahin und trieb fem Spiel mit dem Schnee. Im Hofe vor der Jurte standen die Jakuten und blickten ängstlich nach dem schwarzen Punkt, der sich scharf vom Hügel abhob. ll. Stundenlang ging der Weg durch einen dichten Wald, schließlich lichteten sül) die Reihen der Bäume und die Schnee- decke, die auf den L krönen lastete, wurde weniger schwer. Vor den Reisenden lag eine weite Ebene, und die langen, abend- lichen Schatten der Bäume erschienen im Lichte der unter- gehenden Sonne wie Gespenster. Verlorene Sonnenstrahlen huschten über die Spuren der Reisenden, drangen durch die dichten Zlveige und warfen einen goldenen Schimmer auf die schwarzen Baumriesen. Alexanders Pferd wurde ungeduldig, es warf den Kopf zurück, riß an der Trense, aber ein fleiner Schlitten, den ein starker Ochse zog, ließ es nicht vor. Auf dem Ochsen saß ein Zusammengeduckter, in Pelz gehüllter Jakute und pfiff sein Lied. Der hatte keine Eile. Alexander sah in Gedanken vor sich und ließ dem Pferde die Zügel. Aber als sie aus dem Dickicht hinauskamen und ein Seitenweg sich zeigte, der zum Keinen Häuschen an der Wiese führte, wich Alexander dem Jakuten geschickt aus und schlug, über einen ungeheuren Schneehausen setzend, jenen Weg ein. Sein Pferd begrüßte das HauS mit lautem Gewicher. Mit Freudengeheul kam ihnen ein großer, schwarzer Hund entgegen. „Ajax! mein gutes Tier! Vast dm Herrn erkannt!" sagte Alexander und stieg vom Pferde. Der Hund sprang an ihm in die Höhe und versuchte, ihn ins Gesicht zu lecken. Gleichzeitig erschien ein bärtiger, untersetzter Mann in der Thür, init ungeheurer Pelzmütze, hohen pelzgefütterten Stiefeln und einem aus Rentierleder gefertigten Mantel, den er nachlässig umgehangen hatte. Er sah den Angekommenen einen Augenblick starr an, schob die Brille zurecht, dann, als er ihn erkannt hatte, ging er ihm mit ausgestreckter Hand entgegen. Alexander schüttelte ihm schweigend die Hand und schirrte das Pferd ab. ..Soll ich helfen?" fragte der Gefährte und blieb in einer gewissen Entfernung vom Pferde stehen, das ihm die Zähne wies und nach ihm beißen wollte. „Lieber nicht, Jakob. Wrony beginnt schon bös zu werden." „Das war ein schwerer Weg, Wrony ist mager geworden. llnd was macht Deine Frau?" „Meine Frau— sie ist gestorben," sagte Alexander leise. „Gestorben!" wiederholte Jakob und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Alexander senkte den Kopf und begann mit zitternden Händen die Riemen zu lösen. „Gestorben!" sagte Jakob noch einmal. Der Schlitten fuhr in den Hof. Alexander holte sein in Pelz gehülltes Töchterchen unter der Filzdecke hervor und trug es in die Jurte. Jakob folgt estig. Sie zogen das Kind ans und setzten es auf den Boden. Die Kleine rieb ihre verschlafenen Augen und schien schlechter Laune. Alexander und der Jakute brachtm die auf dem Schlstten hergeführten Sachen hinein. „Weine nicht, kleines Fräulein." tröstete Jakob. „Ich bin kein Fräulein!" „Aber Thee trinkst Du gewiß gern und magst auch einen runden Kuchen? Wart' nur, gleich sollst Du's haben." Die Kleine sah ihn durch die Fingerchen an. die sie vor die Augen gedrückt hatte. „Und Du wirst bei uns wohnen?" _„Gewiß, ich bin der Onkel Jakob. Einverstanden? Setz' Dich nur an den Tisch und ich back' Dir unterdessen einen Kuchen. Wie heißt Tu denn?" „Zosia!" Eilig kletterte sie auf den ihr gezeigten Platz und stemmte die kleinen Ellbogen auf dm Tisch. „Du wirst beim Papa sein wie die Mama? Bist Tu vielleicht eine Jakutin?" Und dabei sah sie Jakobs Hau- ticrungen aufmerksam zu. Das Gesicht des Mannes wurde traurig. „Nicht ganz.. Nur ein wenig!" „Ich aber bin ganz sein Töchterchen. Wirklich, ich bin's! Papa, er glaubt's nicht und schüttelt den Kopf!" Alexander, der mit dem Jakuten die letzte Kiste herein- trug,� warf ihr einen verschleierten Blick zu und blieb schweigend und düster vor dem Kamin stehm. Das Ge- sprach stockte. Jakobs ganze Aufmerksamkeit nahm sein Kuchen, den er in einer eisernen Pfanne buk, in Anspruch. Mitunter aber betrachtete er verstohlen den Freund. Eine große Ver- «ndcrung fiel ihm auf. Sein dunkles Gesicht war eingefallen, die Züge spitz geworden, die schmalen Lippen preßten sich noch fester gegen- einander, das Kinn trat scharf hervor, und die großen, dunklen Augen hatten ihren früheren Glanz verloren. Er stand ge- bückt da, mit schlaff herunterhängenden Armen. Jakob wagte weder ihn zu trösten, noch zu fragen, wo seine Frau gestorben und wo sie begraben sei. Dieser Mann genügte sich immer selbst. Außerdem legte ihm die Anwesenheit des Jakuten einen gewissen Zwang auf. „Was giebt's zu Hause? Was machen die Jakuten?" „Nichts besonderes. So lang' Dt» weg warst, sind sie »licht einmal gekommen.„Ter Herr ist fort, da giebt's auch keinen Thee." Ich Hab' nur gehört, daß die alte Geschichte mit den Tartaren wieder in» Gange ist. Immer wieder die alte Leier." „Auch ich Hab's gehört. Ist der Zasiedatiel') ge- ') Zasicdatiel ist der von dcr russischen Regierung zur Kontrolle sämtlicher Angelegenheiten gesandte Beamte. kommen?" „Nein, aber man erwartet ihn. Willst Tu mit ihm reden?" „Ich werde hingehen." Jakob schwieg in Gedanken. „Die Jakuten sind sehr aufgeregt," fügte er nach einigelt Augenblicken hinzu. Alexander zuckte die Schultern. „Was kann ich denn dafür!" Der jakrittsche Fuhrmann hatte seinen Thee getrunken und wartete aufs Geld. Alexander hatte mit ihm aus- genlacht, daß er ihm bei einigen notwendigen Arbesten in der Wirtschast helfen sollte. Er sollte Eis aus dem See holen, denn es war schon Zeit, Eis für den Sommer an kühler Stätte zu bergen, und Alexander wollte sein Pferd nicht für diese Arbeil hergeben. Schneewasser kann man hier nicht zum Trinken benutzen, da es faulig riecht. So nahm denn der Jakute seinen Schlitten mit dem vorgespannten Ochsen und sie fuhren in den Hohlweg, wo ganze Reihen von krystollenen Tafeln aufgeschichtet lagen, die schon im Herbst vorbereitet worden waren. Das Abendrot war verschwunden und der Himmel mit Sternen bedeckt. Beim Glanz derselben arbeiteten sie lange. Nachdem der Jakute fort war. hantierte Alexander noch eine Weile allein im Hofe, er rückte alles zurecht, befreite den Heuschober vom Schnee, machte die Krippe fürs Pferd saube'-. Jakob verdächtigte ihn, daß er nach einem Vorwand suche, um einem Gespräche zu entgehen, dei»n manches hätte ebensogut am nächsten Morgen erledigt werden können. Endlich trat er müde, mit Reif bedeckt, zur Thür hinein. „Papa, schlafen!" rief Zosia weinerlich. „Ich wollte sie zu Bett bringen." erzählte Jakob,„aber sie lvar unartig und hat sich gesträubt. Nun, bist Tu fertig?" „Ja, beinahe." Alexander nahm die Kleine auf den Arn» und sie be- gannen geheimnisvoll miteinander zu sliistern. Jakob schloß sein Buch»u»d sah in Gedanken ins Feuer. Bald setzte sich Alexander neben ihm Das Kind schlief. Lange schwiegen beide und wußteil nicht, womit beginnen. Alles schien ihnen so nichtig, und der Schmerz des einen war so schwer. „Sei ruhig! Die Zeit mildert alles," flüsterte Jakob schließlich und legte dem Freunde die Hand tröstend anf die Schulter. l Fortsetzung folgt.) Rornafilbcialisrnus. Eugen der Unentwegte hat sich bekanntlich zum erstenmal de!» einmütigen und begeisterten Beifall aller Schattierungen von Bildung und Besitz verdient, als er vor etliche«» zehn Jahren den Pegasus be- stieg und in den ahnungsvolle»» Visionen der„Socialdenmkrattschen Zukunftsbilder" ein unvergängliches Meisterwerk manchesterner Dicht»ing schuf. Die jetzt schoi» fast vergebenen Tage, da SparagneS und Strampclannie populäre Figuren waren, werden in die Er- iirncrung zurückgerufen durch zwei sogenannte Roinanc, in denen sociale Frage und SocialiSmuS eine große Rolle spielen, durch Max Nordaus„Krankheit des Jahrhunderts"(s. Auflage, Leipzig, B. Elischer Nachfolger) und Patvcll Rzezniks„Pfarrer Krüh" (Berlin, 1002. Verlag des„Arbeiter"). Beide Opera nennen sich „Roman". Rzczniks Aua, erhebt sogar den Anspruch, ein„socialer Roman" zu sein. Daraus folgt ja nun noch nicht ohne weiteres, daß sie den Titel auch wirklich verdienen, lind in der That verdienen sie ihn ebenso wenig, ivic Richters„Zukunftsbilder" eine „humoristisch-sattrische Erzähluilg" zu heiße»» berechtigt Ware»». Aber sie stehen nicht allein in ihren» Kunstlvcrt auf einer Linie mit jener prächtigen Schöpfui»g Richterscher Muse, sie halten ihm auch die Wage i»» zutresfender Wiedergabe dcr socialistischen Gedankenwelt und ihrer prattischcn Konscquei»zcn. Sie dnrsei» also dcr gleiche»» erheiternden Wirkung gelviß sein, und insofern können sie, we»»»» nicht zur Roman-. so doch zur Unterhaltungslitterattlr gerechnet werden. Die künstlcrische Bedeutung des Nordauschei» Mach!r»crls erhellt zur Genüge aus der probaten Methode, durch die er sein Buch zu jenem glücklichen Ende führt, womit das Werk gekrönt ivird: während man sich gerade den Kops darüber zerbricht, was aus der völlig un- abgeschlossenen Entwicklung der Strohpuppe von einem Helden nun eigentlich werden mag. fällt auf ei:»mal als elcus ex rnachina ein tteiner Junge ins Wasser. Bei dem Rettiingswerk ertrinkt dam» der Doktor dcr Philosophie, Eyl»hardt, und Herr Max Nordau ist aus allen Schwierigkeiten heraus. Ein ganz gewaltiger Denker und Ge- lehrier war dieser E)r. pliil. nach unfren» Dichter. Jedenfalls, eine „Geschichte dcr menschlichen Unwissenheit" als sein Lebenswerk zu schreiben, war er in hervorragendem Maße berufen. DaS beweist dcr gute Mann bei Gelegenheit cmer socialdemokratischen Versamm- lung im Tivoli, wo er sich zum Volt herabläßt und den unwissende»» Arbeitern, die ii» dcr Gründerzeit— nach Nordau— durch„Neid und Uebennui" für die Umsturzredcn socialistischer Hetzer empfänglich geworden sind, seine überlegene, socialpolitische Weisheit verzapft. Die Schildcrimg der Versammlung»st ein Meisterstück deS Realismus, von dessen LebcnSwahrhcit cinci» kleinen Begriff geben mag bi< Thatsache, daß Nordau die Arbeiter dem blödsinnigen Kol>I ihrer Führer nach Studcntenart durch Trampeln Beifall spenden läßt. „Blechtuter".„Haut ihn" und ähnliche Liebenswürdigkeiten belohne» dagegen die schlagende Widerlegung, mit der Eynhardt seinen Vor- rcdner bedenkt. Hier find ein paar Perlen daraus:„Er verlangt. daß der Staat Sic in der Krankheit pflege und im Alter versorge. Was ist das, der Staat? Tas sind Sie selbst. Ter Staat hat nichts. als was Sie ihm geben. Wenn er Sie also für Alter und Krankheit unterstützt, so nimmt er das Geld dazu aus Ihrer Tasche. Dazu brauchen Sie den Staat nicht. In den Tagen der Gesundheit und Kraft für die Zeit der Arbeitsunfähigkeit einen Sparpfcnnig beiseite legen können Sie selbst ohne Dazwischenkunft des Gendarmen und Sreucrexekutors..." Es kommt aber noch besser:„Angenommen, Sic können alles durchsetzen. ivaS Sie sich vornehmen. Die Reichen werde» geplündert und sogar totgeschlagen und ihre Schätze an Sie vcr- teilt... Glauben Sie. daß Sie dann glücklicher sind? Denken Sie doch nur einen Augenblick lang nach. Tic Reichen sind aus- gerottet, ihre Güter, ihre Schätze sind unter Sic ver- teilt. Da machen Sie schon eine erste Entdeckung: nämlich die. daß die Begüterten eine verschlvindcnde Minderheit sind, kaum einer auf zweihundert, die nichts haben, und daß bei der Verteilung ihres ganzen Besitzes auf den einzelnen sehr ivenig kommt. Aber ich nehme an, es wird jeder von Ihnen für den Augenblick ein wohlhabender Mann, womit ich etwas Undenkbares annehme. Was weiter? Sie werfen Ihre Zwillichjacke Iveg und kleiden sich in Seide. Sie behängen sich mit Silber und Gold, Sic strecken sich auf ge- polsterten Sofas aus. Nun sehen Sie zu. wie lange die Herrlichkeit dauert. Einige Monate, vielleicht einige Fahre. Tann ist der Wein der Reichen ausgetrunken und ihre Speisekammer geleert, die Seide ist abgetragen und das Sofa zerrisicn, Edelsteine und Goldschmuck können Sie nicht csicn, und wenn Sie nicht verhungern wollen, so müssen Sie wieder in das Arbeitsjoch kriechen, gegen das Sie sich empören, und Sie sind nach der Ausrottung der Reichen, nach der Verteilung ihrer Güter genau dort, wo Sie heute sind..." Bei solchen Begriffen muß natürlich der gelahrte Herr, als ihn die Socialdemokratcn später einmal zum Führer haben, einen„neuen Lassalle" aus ihm»lachen Ivollen, eine abschlägige Antwort geben. Er meint u. a.:„Ich kenne kein Msttcl. Armut und Not von der Erde zu venilgen. Selbst wenn Sie eine Revolution machen und wenn sie gelingt, selbst wenn Sic den Feudal st aat zertrümmern und auf scincil Ruinen einen Arbcitcrstaat aufführen, werden Sic damit nur das Los einzelner, nicht aller, nicht einmal vieler verbessert haben. Ich möckste nicht in der Haut Ihrer heutigen Führer, Prediger und Propheten stecken, wenn Sie gesiegt haben imd Ihre Anhemger die Folgen des Sieges zu sehen verlangen..." Tas schönste bei der Sache ist nun. daß nicht nur diese Lrakclsprüche. sondern auch die früheren Bierrcden Wer die socialdcmotratische Gütcrvcrteilung und Abschaffung der Arbeit nicht etwa für unreife Ideen eines untvissendcn jungen Menschen gelten sollen, sondern endgültige Wahrheiten sind und— kurz und gut— die eigne Weisheit des Herrn Max Nordau darstellen. Ihr nach.Kräften Aufnahme unter die„konventionellen Lügen der Kulturmenschhcit" zu verschaffen, ist Herr Nordau äugen- fchcinlich mit Erfolg bemüht, wenigstens soweit die Besitzenden und Gebildeten in Betracht kommen: dasür spricht die Thatsachc. daß „Die Krankheit des Fahrhunderts" es schon zu sechs Auflagen ge- bracht hat. Der geistliche Verfasser dcS„Pfarrer Krul" gehört einer ganz andren Welt an als der alles negierende Nordau. der sich zu dem Standpunkt des griechischen Skeptilcrs Pyrrho bekennt:„Ich entscheide nichts". Pawcll Rzcznik entscheidet alles nach den Lehren der alleinseligmachenden katholischen Kirche, natürlich wie er sie versteht; die sociale Panaccc, womit er die kranke Welt heilt, sind katholische Arbeitervereine, die nicht auf dem Boden dcS Klassenkampfes, sondern des Zusammenschlusses aller Stände im Geiste der christ- lichcn Liebe beruhen. Aber so entgegengesetzte Meinungen auch im übrigen Max Nordau und Pawcll Rzcznik haben mögen. Vertraut- hei: mit de Iii SocialismuS besitzen sie beide in, gleichen Maße. kNir blutrünstiger Phantasie schildert der Schluß von„Pfarrer Krul" die Schrecken der socialen Revolution, die da losbricht, nachdem Kapital, fwn und Internationale mit allen Mitteln des Terrorismus die heilbringenden katholischen Arbeitervereine zerstört haben. Straßcndeinoiistrationen. bei deuen schwarze Fahnen mit Toten- köpfe» und grinsenden Gerippen lvchc», und nächtliche Massenversammlungen auf freiem Felde leiten die Katastrophe ein. Dann bricht in ganz Europa der Generalstreik an, selben Tage los. Die Revolution siegt auf der ganzen Linie. Alles persönliche Eigentum wird konfisziert, wer sich widersetzt, umgebrungen.„Millionenstädte äscherte die Wut dcS Pöbels ein. Obdachlos irrten Weiber und Kinder umher, und als rauchgeschwärzte Ruinen starrten die Fabriken in die Luft, die Dünste der Verwesung schwängerten... Die Schornsteine waren zerbrochen, die Hochöfen verschlackt und aus- gebrannt, die Maschinen zerstört und die Hütten verwüstet. Dort stieg noch der Rauch empor aus qualmenden Trümmerhaufen. Empörte Volksmassen hatten cm jener Stelle arbeitswillige Berg- lente niedergeschossen, die Leichen mit Oel und Petroleum begossen und sie dann angezündet." Auf Morden und Brennen beschränkt sich die Thätigkeit der Sieger. Erst, als es an Nahrung, Kleidung und Obdach fehlt, merken die Verführten, daß zum Leben die zer- störten Maschinen, die niedergebrannten Wohnungen und die ver- pönte Arbeit nötig sind. Ihre Wut kehrt sich nun gegen ihre obersten Leiter, gegen den früheren Bergmann Mertens und feine noch maß- gebendere Geliebte Lina, eine dämonische Persönlichkeit, die reine Teufelin. Die beiden etablieren aber eine Schreckensherrschaft, die niit einem weitverzweigten Heer von Spitzeln und mit Standrechts- urteilen sich der Mißvergnügten erwehrt. Für das betrogene Volk geschieht weiter nichts, als daß Lina ein großes Maisest arrangiert und die Segnungen der neue» Freiheit preist. Sie kommt aber nicht West in ihrer Rede; denn auf einmal bricht die Sintflut herein: die Bergseen ergießen sich ins Thal und rauben der ganzen Ver- sammlung das Leben. Bloß Pfarrer Krnl, der Vater der kaiho- lischen Arbeitervereine, bleibt übrig und freut sich, daß der„zer- störende Geist des Unglaubens" durch den„Finger Gottes" gebändigt ist:„Fm Glauben wird die Zeit wiedergeboren, und wie der Phönix soll das Glück aus diesen Trümmern der Gesellschaft steigen." Da nun alles Lebende außer Krul und einigen Nonnen venilgt ist, so muß die prophezeite Wiedergeburt augenscheinlich durch Urzeugung oder eine Neuschöpfung vor fick, gehen, lieber dies interessante Problem schweigt sich Herr Rzeznik leider ans. Er hat das ivahr- scheinlich übersehen vor lauter Freude, die verhaßten Soeis endlich einmal deftnitw vernichtet zu haben. In diesem Punkte ist er also Nordau über. Sonst stehen sie auf gleicher Stufe, auch was den Kunsiwert ihrer Erzeugnisse angeht. Zum guten Schluß arbeiten sie beide mit Wasser, alles Wrige ist Mist.— Dr. A. C. Kleines f eirilleton. k. Drei Fahre im Innern Asiens. Von den furchtbaren Müh- salen und Gefahren seiner Reise durch Eentralasien erzählte Dr. Sven Hedin, der jetzt in England weilt, einem Vertreter von Reuter einige sehr interessante Einzelheiten. Während seiner drei Jahre und drei Tage dauernden Reise durch Mittelasien ist er 2V- Jahre gänzlich von jeder Verbindung mit der Welt abgeschnitten getvefen.„Ter schwerste Teil der Expedition," erzählte er.„waren meine Erfahrungen in Tibet. Während meiner zweiten Reife von Charklik nach Ladakh, die acht Monate dauerte, verlor ich infolge der großen Höhen fast meine ganze Karawane. Selbst in den Thälern waren wir höher als auf dem Gipfel des Montblanc. Das bloße Atmen war schwer, und vier meiner Gefährten starben nur, weil sie nicht attncn konnten. Als wir abends zu unsrem Lagerplatz kamen, fand man zwei dieser ergebenen Begleiter steif und tot aus ihren Kamelen; die andern starben allmählich von den Füßen aufwärts ab, und sie tvarcn bis zum Ende nicht bewußtlos. Diese Erfahrung war gräßlich und schmerzvoll und die schlimmste, die ich je hatte. Ich war nicht derart angegriffen, konnte aber nicht gehen und mußte den ganzen Tag unbeweglich im Sattel bleiben. Selbst das Aufknöpfen des Rocks bereitete dem überarbeiteten Herzen, das buchstäblich dem Brechen nahe war, akute Schmerzen und Spannung. Auch die Tiere litten sehr. Bon 45 Pferden verlor ich 44. und von 30 Kamelen blieben 30 auf diesen schrecklichen Höhen. Meine einzige Sicherheit lvar, vom Morgen bis zum Aufschlagen des Lagers am Abend keinen Augenblick den Sattel zu verlassen. Während dieser einen tibetanischen Reise von 1000 Meilen bliesen eisige Winde uns den ganzen Tag ins Gesicht. Meine früheren Erfahrungen mit den Sandwüsten der Takhla Malan-Wüstc tvarcn schlimm, aber eher möchte ich sie zehn- mal ertragen, che ich Ivicdcr durch Tibet ziehe... Die schwerste Wüstcnrcise lvar die von s'jangikul zum Ehcrchen Daria. Die Ent- fernung betrug 180 englische Meilen, aber es tvar ein ungeheures Sandmecr, mit Dünen von 300 bis 400 Fuß Höhe, und wir ge- brauchten drei Wochen dazu. Die Entfernung war doppelt so groß wie bei meiner Expedition im Jahre 1895, als ich bis auf zwei Mann und ein Kamel meine ganze Karawane verlor. Während dieser letzten Reise fror das Quecksilber fast, das Thermometer zeigte 33 Grad unter Null, aber in, ganzen lvar das Wetter günstig. Ich hatte nur vier mohammedanische Begleiter, sieben Kamele und ein Pferd bei mir, und bis auf ein Kamel kamen wir alle durch. Natürlich trafen wir keine Seele; wir waren die ersten lebenden Wesen, die diese Wüste durchquerten. Vier Kamele waren mit Eisblöcken beladen, denn es gab kein Wasser, und zivci trugen unsrcn Holzvorrat. Hätte das eine oder andre nachgelassen, so wären Ivir nicht mit dem Leben davongekommen. Meine Leute Ivaren mutig und wären mir überall- hin gefolgt, aber als Tag um Tag die Sanddünen höher ivnrdcn und die Kamele bei jedem Tritt einen Fuß tief sanken, verloren meine Begleiter den Mut. Wir waren nur halb durch, als sie sagten, wir würden nie lebend herauskommen. Fm geheimen teilte ich ihre Meinung, besonders da das Eis und Hol.; fast verbraucht war. Plötz- lich trar ein Wechsel ein; wir waren überglücklich bei dem Heran- nahen schwerer Schneestürme. Das hatte jedoch andre Mühsal zur Folge, da wir kein Zelt bei iiriS hatten; morgens beim Erwachen mußten wir uns aus dem Schnee graben; aber er lieferte uns Wasser, so daß ivir diesen nie vorher von einem Menschen betteteneu Teil der Wüste Gobi durchqueren konnten". Uebcr seine Erfahrungen bei Lhassa sagte Sven Hedin:„Im Sommer machte ich zwei Versuche, Lhassa zu erreichen. Ich brach mit zwei Begleitern, vier Pferden und fünf Maultieren auf; über die Größe der Gefahr täuschten wir uns nicht. Als mongolische Pilger zogen wir ruhig dahin, ohne zu ahnen, daß die einzelnen Schäfer und Vakjäger uns scharf bewachten und durch berittene Boten unsre An- kunft in Lhassa anzeigten. Unbehelligt näherten wir imS imsrenr Bestimmungsort und kamen an schwarzen Ickten vorbei, deren Be- tvohner argwöhnisch, aber freundlich waren. So kamen wir biZ auf eine Tagesreise an Lhassa heran, wurden in einer dunklen Nacht aber plötzl ch von bis an die Zähne bewaffneten Tibetanern umringt, die uns bei jedem Versuch, uns zu bewegen, zu töten drohten. Unter ihnen befanden sich viele Lamas und ein alter, sehr freundlicher Priester. Ich mußte meine schwarze Brille abnehmen, und sie waren sehr überrascht, daß ich dunkle Augen hatte, denn sie hielten mich für einen Engländer, der blaue Augen haben müßte. Nach fünf Tagen strenger Gefangenschaft kam der tibetanische Gouverneur mit l>7 hohen Würdenträgern angeritten. Sie bestanden auch darauf, daß ick Engländer wäre; der Dalai Lama hatte eine Botschaft gesandt, daß ich gut behandelt und kostenlos mit allem, was ich brauchte, ver- sehen, aber getötet iverden sollte, ivenn ich wieder»ach Lhassa zu tominen versuchte. Tann ließen sie uns frei und begleiteten uns bis zur Grenze von Naktohu. Trotzdem machte ich von anderswoher mit meiner 5tarawane einen Zweiten Versuch, wurde aber drei Tage vor Lhasia von 500 gut bewaffneten Reitern aufgehalten. Auch dies- mal ließ meine Behandlung nichts zu wünschen übrig, und die Truppen folgten uns zehn Tage, um einen dritten Versuch zu ver- hindern. Ich bin überzeugt, daß kein Europäer, auch nicht verkleidet, in Lhassa eindringen wird, da die Wachsamkeit jetzt natürlich noch größer ist... Tie Stätte des alten Lob Nor ist nur eine ausge- trocknete Senkung. Die Einöde ist schrecklich, man sieht kein Zeicyen organischen Lebens. Am nördlichen Ufer entdeckte ich zerstörte Tempel und Häuscr mit hohen Türmen. Ich fand vier Törfer in einer geraden Linie nur wenige Meilen von einander entfernt. Da waren Ueberreste breiter Straßen, und einige Tempel müssen, nach den Ruinen zu schließen, sehr schöne Bauten gewesen sein. Unter den Ruinen fand ich Wagenräder, eiserne Aexte, große Thonkrüge und viele lOOO Jahre alte Manuskripte in gewöhnlichem Chinesisch. Die gebleichten Ueberreste riesiger Wälder erhöhten noch den Eindruck der Einsamkeit. Viele tote Bäume standen auftecht, die meisten aber lagen auf der Erde. Sie waren so spröde ivie Glas. Zweifellos gab es vor 1000 Jahren eine große Poststraße von Peking nach Kaschgar, wahrscheinlich die längste der Welt." In Ost-Tibet entdeckre Hedin ein„TotcS Meer".«Es ist sehr ausgedehnt, aber nicht sehr tief. Ich befuhr sein Wasser in meinem kleinen zusammenlegbaren Boot bei schrecklichen Stünnen, in denen wir fast unser Leben verloren. Es enthält unglaublich viel Salz und eine ungebrochene Kruste auf dem Boden. Unser Boot, Ruder, Kleider, alles war schneeweiß, und auf den Boden vergossenes Master bildete sich zu weißen Kügclchen. Die ganze Umgegend war eine ent- fetzliche Wüste."— io. Dir Bruns und der Haldm»»d. Die Göttin Venus oder Aphrodite war, wie fast alle andern Götter des Olymps, keine griechische Erfindung, iondern einem orientalischen Muster nach- gebildet. Die Babylonicr verehrten die Hnmnelsgöttin Jstar, die Phönicier nmmten sie Asthoreth, die Syrier Aftarte. Der Zu- iammeirbana zwischen Aftarte und VenuS ist bekannt und verbürgt. Nun bleibt aber noch eine interessante Frage offen, die in Be- ziehung zur Himmelskunde steht, nämlich diejenige nach der Beziehung des Planeten Venus zu jener Gottheit. Bei den Orientalen trug die letztere auf allen bildlichen Darstellungen Hörner im Haar, die sich zu einem Halbmond zusanmiensetzteu. Sie wird auch im alten Testament iowie in alten phönicischen und karthagischen In- schristen unter dem Namen Asthoreth Karnaim bezeichnet, und Karnaim bedeutet.mit Hörnern". Die Tempel der Göttin wurden auch gewöhnlich in einem Thal zwischen zwei Gipfeln angelegt, deren Umriste gegen den Himmel wie die Krümmung eines Halbmondes erschienen. In Afca wurde die Aftarte unter dem Bilde eines Sternes angebetet, und damit kommen wir auf den Zu- sammenhang des Planeten VenuS mit dieser Göttin. Die Begabung der Astartebilder mtt Hörnern könnte ja viel eher auf eine Beziehung zum Monde gedeutet werden, jedoch kann der Altertumsforscher nachweisen, daß eine solche ganz undenkbar ist. In der ältesten jener Kulturen, in der babylonischen, war näm- lich der Mond eine männliche Gottheit.� Die beuttge Himmelskunde ist mtt der Erscheinung der„Lichtgestalten der VenuS" wohl bekannt, die darin bestehen, daß die Venus ähnlich wie der Mond bald als runde Scheibe, bald als Sichel erscheint. Obgleich sich diese Veränderungen in der Gestalt deS Planeten jetzt nur durch ein Femrohr beobachten lassen, hat man angenommen, daß die alten Babylonicr in der durchsichttgen Luft ihres Landes und mit ihren jedenfalls schärferen Augen diese Erscheinungen mit unbewaffnetem Blick erkennen konnten. Andre Asttonomen bestteiten allerdüigS diese Möglichkeit und wollen eher zugeben, daß schon damals vor Jahr- taufenden eine Art von Femrohr erfunden fem konnte.— Medizinisches. «s. Lungenoperationen. Die Chirurgie, der erfolgreichste Zweig der Medizin, bringt noch immer neue Ueberraschungcn. und man wird nächstens sagen können, daß es keinen Teil des menschlichen Körpers mehr giebt, der nicht mit günstiger Aussicht operiert tverden könnte. Operationen am Magen, an der Niere sind schon etwas ganz Gewöhnliches geworden, aber jetzt ist die Chirurgie im Begriff, sich auch noch die letzten Organe zu erobern, nämlich das Herz, das Gehirn und die Lunge. ES ist auch dem Laien ohne weiteres be- greiflich, daß das Ansetzen des Messers an einen dieser Körperteile mit denr größten Bedenke» verknüpft sein muß. Beim Gehirn ver- Benmtwsrilicher Redaktrur:«ort Leid in Seriin.— Druck uns Vertag.- steht sich daS vollständig von selbst und beim Herzen wie bei der Lunge erklärt es sich teils aus ihrem Bau. teils aus ihrer das Leven bedingenden violle in der Unterhaltung des Blurkreislaufs. Trotz- dem werden gelegentlich an allen drei Organen Operationen ver- sucht und aucv mir Erfolg durchgeführt. Im Jahre 1880 wies die ganze medizinische Litierarur nur 13 Fälle von Lungenoperaiionett auf, 1897 wurden auf dem Jntcrilauoualen Kongreß in Mosiau in emein Vortrag schon 300 solcher zusammcngestclli, und seitdem ist ihre Häufigkeit noch gestiegen. Ucbcr die Zulässigkctt und Be- denmng der Limgcnoperalion hat der bayrische Arzr Dr. Rochclr in der„Wiener Klinischen Wochenschrift" eine Ucbcrsicht auf Grund der neuesten Thai fachen gegeben. Die Scuwierigleit derartiger Eingriffe wird noch dadurch erhöht, daß der Zutritt zu den Lungen durch die Rippen versperrt wird, so daß zuvor die Herausnahme einiger Rippenieile notwendig ist. Zunächst wurde die Operation bei Luligcilwundcn mit starken Blutungen versucht, wo ohne einen Eingriff das Leben keinesfalls z» retten gewesen wäre. In der Thai ist es auch in einigen Fällen gelungen, die Blutung durch Isolierung der Wunde zu stillen und dadurch einem tätlichen Verlauf vorzubeugen. Zur Regel wird die Operation wahrscheinlich mit der Zeit bei einer Lungenerkrankung durch Finnen(Echinokokken) werden, weil nach den bisherigen Erfahniugen etwa*/»• dadurch geheilt tverden können, während ohne Operation'/,« der Erkrankten sterben. Das wichtigste wäre selbstverständlich, wenn die Operation auch gegen die Lungenschwindsucht Platz greifen könnte, aber gerade diese Frage bildet ein ganz besonders umstritenes Gebiet innerhalb der Chirurgie. Es liegen bisher nur wenige Versuche vor, die nicht ermutigend gewirkt haben. ES wird dagegen eingelvandt, daß die Abgrenzung des kranken Lungengcwebes vom gesunden nicht scharf ist und daß vor allem die Erkrankung der Lurtge nicht vor der Operation eingehend genug untersucht werden kann. Die Röntgen- strahlen bieten dazu bis zu gewissem Grade allerdings eine Möglich- keit, die aber doch noch als ungenügend bezeichnet werden muß. Endlich kann die Lungenschwindsucht auck bei Entfernung eines schadhaften Teils weiter fortschreiten. Die Schwierigkeit, eine kranke Lunge auf ihren Zustand eingebend zu untersuchen, bietet überhaupt das wesentlichste Hindernis für die Entwicklung der Lungen- operationen. Nur bei Lungcnabsccffen hat die Chirurgie bisher recht gute Ergebnisse erzielt, außerdem vielleicht noch in der Be- seitignng von Fremdkörpern aus der Lunge, die aber meist von den Luftröhren aus entfernt werden können.— Humoristisches. — Im Zeitalter der Scheidungen. Karlchen: „Kaum hat man sich daran gewöhnt, zu einem Onkel Papa zu sagen, so muß man wieder Onkel zu ihm sagen I"— — Bedenkliche Frage. Er:„Gnädiges Fräulein, ach könnt' ich ewig so zu Jbren Füßen liegen!" Sie:„Und ich sollte wohl dabei sitzen bleiben?"— — Der neue Kanzlist. Herr Streb erl, fft ein solcher Kriecher, daß er, wenn der Bureauchcf kommt, immer auf einen Sessel st e i g t, um eine recht tiefe Verbeugung machen zu köimen.— l.Meggendorfer Blätter".) Notizen. — TschaikowSlis Oper„Pique-Dame" hatte bei der Erstauffiihrung in der Wiener H o f o p e r Erfolg.— — Zu den Kosten deS Frankfurter Sänger-Wettstreites im Jahre 1903 sind von Bürgern dieser Stadt 140000 Mark gezeichnet worden.— — Ein Telegramm um die Erde. Einem„TimcS"- Telegramm aus Ottawa zufolge hat man die Brauchbarkeit des neuen britischen Kabels um die Erde am 0. Dezember erprobt. S. Flemming sandte um die Erde herum ein Telegramm an den Bürgermeister von Ottawa. DaS Telegramm gebrauchte zu diesem Wege 0 Stunden und 3 Minuten. — Neue Kohlenlager sind in einer Tiefe von 770 Meter in der Nähe von Bolchen in Lothringen entdeckt worden.— — Ein sibirischer Zooclpelz mit Kamschatka- Biberkragen kostet nach dem Preisverzeichnis einer Berliner Pelzsirma— die Kleinigkeit von— 5300 Mark.—_ Büchereiulauf. — Emmy v. Egidy:„Erschwiegen". Novelle. Dresden. E. Piersons Verlag.— — Bertha v. Suttner:„Marthas Kinder". Eine Fortsetzung zu„Die Waffen nieder I" Roman. Dresden. E. Piersons Verlag.— — Georg Freiherr v. Ompteda:„Aus großen Höhen". Roman. Berlin. F. Fontane u. Co. Pr. 3,50 M.— — Georg W a S n e r:„Die Stelle im Wege". Roman. Berlin. F. Fontane u. Co. Pr. 3 M.— — Rudolf Lindau:„Ein unglückliche» Volk" Roman. Berlin. F. Fontane n. Co. 2 Bände.— — Stanislaw Przyb yszewski:„Totentanz der Liebe". Bier Dramen Berlin. F. Fontane u. Co. Pr. 4M.— — Dietrich E Braun:„Aus und Ab in Süd- afrika". Berlin. F.Fontane u. Co. Pr. 5 M.—_ Vorwärts Bnchdruckerci»nv Veriagt-cmstalt Paul Singer& Co., Berit» SW.