AnteryaltungMatt des Vorwärts Nr. 246. Donuerstag, den 18. Dezember. 1902 (Nachdruck verdaten.) Im Krcife» Erzählung von W a c l a w Sicroczewski. -o.1 l g v Hz J o j o � uoq Wtot Die Monge stand schweigend und unbotveglich da, nur die Frauen schluchzten. „Ich geh' nicht mit!... Wohin soll ich auch gehen? Hierher gehör' ich!"... schrie Niohioras Sohn plötzlich und rlammcrte sich am nächsten Pfeiler fest. Die Aufseher warfen •steh auf ihn. Sie fluchten laut, während sie mit ihm kämpften. Der Bursch wehrte sich lange, schrie und knirschte mit den Zähnen, che er losliGst Sie warfen ihn auf den Rücken und •banden ihn an den Schlitten. Er lag unbeweglich mit ge- schlossenen Augen, sein Gesicht wurde blau, die Kleider über der Brust waren zerrissen, der 5kopf ivar unbedeckt und sties; bei jeder Bewegung der Soldaten gegen den Rand des Schlittens. „Der erfriert ja!"... Ihr tötet ihn!... Deckt ihn zu I" rief Alexander den Fortfahrenden nach. Die anfiihrendcn Jakuten ritten ruhig an ihm vorbei, ohne auf seine Worte zu achten. ?llexander ritt nach Hause. Wrony, durchfroren und vom allgemeinen Lännen aufgeregt, trug ihn schnell an dem traurigen Zuge vorbei. Die- Gefangenen nickten ihm zu. •Bald ließ er sie hinter sich. Man hörte nur noch die Glocken vom Schlitten des Zasiedatil, aber auch dieser Ton erstarb allmählich in der Ferne. V. Ein milder Südwind drang durch die Wälder, die da?. Thal einschlössen. Lautlos flog sein Hauch über die„Tajga",*) inan fühlte sein Nahen nur am leichten Schwanken der hohen Wipfel; kaum aber kam er auf die Wiesen, auf ebenes Gebiet, so klang sein Brausen wie niutwilliges Lachen, er wirbelte die herbstlichen Blätter zusammen, un barmherzig peitschte er die Grashalme, kräuselte die glatte Fläche des geschmolzenen Schnecwasscrs, das einen Teich bildete, und dann drang er in den gegenüberliegenden Wald, und alles wurde wieder still. Unter seinem zärtlichen, milden Hauch verschwand Schnee rmd Eis, dunkelte die lveitze Decke und löste sich in eine große Wasserlache auf. In den Schluchten brausten Flüsse und zahlreiche Wasserfälle ströniteu ihnen über Eistcrrassen zu: Sonnenstrahlen drangen durch die mit Feuchtigkeit und Wärme geschwängerte Luft, durch die kahlen Zweige bis tief in den nackten Erdboden. Nur im Gebiet des Alban herrschte noch undurchdringlicher Winter. Zuiveilen trieb der Südwind schwere, weiße Wolken auf dem klaren Himmel zusamnwn. Wie Schneelawinen ballten sie sich über dem Thal. Kälte und Schneesturm schien von ihnen auszugehen. Dann schlviegen die Vögel, der klare Wasserspiegel wurde dunkel, aber das dauerte nur kurze Zeit, denn die drohende Wolke hatte einen wannen Schatten lind strömte Feuchtigkeit aus. Alexander, die Waffe auf der Schulter und einen langen Stock in der Hand stand an: Ufer des Aldan und sah in die Tiefe. Er mußte hinüber, hatte er doch erfahren, daß die Jakuten in einem der Häuser am jenseittgen Ufer ihre Versammlung hätten. Ackerboden hatten sie ihm natürlich bis jetzt nicht be- willigt, und er war sich wohl bewußt, daß er ihn nicht leicht bekommen würde. Der Termin der Genrcindehilfe war auch beinahe abgelaufen, so wollte er sich denn mit ihnen besprechen und erfahren, was sie beschlossen hätten. Der Fluß lag tvie ein weißes Band vor ihm. Hier und da bildete freigelegter Sand schwarze und gelbe Flecken und er überlegte, wie er wohl gehen sollte, um nicht im Eise ein zubrechen. Er wußte, daß der alte Weg abgeschnitten sei, daß die rasche Strömung an vielen Stellen Risse gebildet und weite Buchtungen, die nicht wieder zustieren, ausgewaschen habe, und so bemühte er sich, sich ins Gedächtnis zu rufen, ivo es ruhiges Wässer gab, wo das Eis in festen Tafeln ge friert und lange anhält. Schließlich kletterte er an der Wand *) Tajga nennen die Eingeborenen ihre schönen, dichten Wälder. hinunter lind hielt sich an den Unebenheiten des Abhanges fest. Er übersprang eine schmale Stelle schnellfließenden Wassers und ging über das glatte Eis, indem er wie ein geschickter Schlittschuhläufer dahinglitt und sich mit dem Stocke half. Eine Flut von Sonnenstrahlen ergoß sich ihm über Kopf und Brust, unten aber vom Eis ivehte es ihm kalt entgegen. Wanne Lustwellen zitterten und schivankten in der Ferne wie ein Schwann ge- slügelter Insekten. Der kleinste Punkt, der dünnste Zweig hob sich deutlich von dieser blendenden Helligkeit ab. Alexander sah Scharen wilder Gänse, die aus Sandbänken ausruhten. aber das Terrain war zum Jagen wenig geeignet; er stieß sogar unvermutet auf Schwäne, aber er bemerkte sie erst, als die Vögel sich zum Fluge anschickten. „Weiße Vögel, weißer Schnee und die verfluchten Sonnenstrahlen, die einem in die Augen stechen l" Er rückte die Mütze in die Stirn und sah den Davonfliegenden mit Bedauern nach. Ueber den ins Eis gehauenen Löchern kreisten Krähen und Kiebitze, die einen furchtbaren Lärm machten, als sie seiner ansichtig wurden: in Scharen erhoben sie sich über seinem Kopfe rmd schrien laut und gellend. An den AuS- buchtungen, wo eS rasche Sttönrungen gab, mußte er sich llebergängc iibers Eis suchen. Besonders gefährlich waren die flachen, eingesunkenen Stellerl, voller Wasser, die er als Furt hätte durchschreiten können, wenn der Grund nicht so furchtbar abschüssig und glatt geivesen wäre, so daß er leicht hätte fallen können, um rrie loieder an die Oberfläche zu kommen, lieber die engen Sparren mit scharfenr Rande setzte er leicht mit einem Sprunge, er hatte sich eine gewisse Hebung bei der alljährlichen Jagd auf Wild- gänse darin angeeignet. Er ging schnell ohne auszuruhen, und da der Weg lang ivar, wurde er müde und atiirete er- leichtert auf. als er die Mitte des Flusses erreicht hatte. Das Eis rvar hier noch sehr dick und obgleich es ganz frei vorr Schnee war.»var eS hart wie Marmor und fest zusammen- gefiigt. Bis zum nächsten llfer betrug die Entfernung nur noch zwei Werst und die legte er schnell zurück. Durstig und etrvaS müde trat er in die erste Jurte. Die Ansiedlung gehörte Meilach, einenr Soltys), den sie den D„ick- topf" nannten. „Wie gehts Katarryna Awksentjetvna? Wohlauf?" fragte er auf der Schwelle. Er legte die Waffe ab rmd wischte sich den Schweiß Vvir der Stirn. „Wie geht's selbst, Litsandra Jwanowiez," antwortete russisch eine Frauenstimme.«Erzähl',>vas es giebt! Wohin gehst Dir?... Tritt ein, sei willkommen!" „Der SoltyS zrr Hanse?" „Rein, er ist zur Versammlmrg gegaugcu. Im ganzen Thal giebt's keinen einzigen Bauer. Alle sind sie fort. Wir Weiber sind allein, ganz ohne Aufficht", lachte sie, legte ihre Arbeit beiseite rmd trat au den Gast heran. Sie trug wie alle wohlhabenden Jakutinnen ein langes Hemd aus hellem Perkail und eine schwarze anschließende Kamlot- jacke nrit weiten faltigen Aermeln. Lange silberne Ohrringe rahmten ihr dunkles Estsicht ein und über der Brust funkelte ein großes silbernes Kreuz an durchbrochenem Baude. Ein seidenes, himbeerfarbenes Tuch bedeckte kaunr ihre schlvarzen, sorgfältig gekämmten Haare. Sie galt als Schön- heit und sah im Halbdunkel der Jurte wirtlich beinahe hübsch auS. Sie hatte eine Zeit hindurch in der Stadt gelebt, sprach russisch, kannte die dortigen Sitten urrd pochte darauf, daß sie russisches Blut in ihren Adern habe. „Gicb mir Kumys* 0! Ich werde Dir ewig dankbar sein! Ich sterbe vor Durst!" „Vielleicht den Samowar zurecht»rächen? Vielleicht trinkst Du Thee?" „Nein, eil' Dich I Fürchtest Dir nicht, daß Dein Mann Dich durchprügelt,»venu Du in seiner Abwesenheit fremden Männern Thee vorsetzt?" „So'n Mann prügelt auch ohne Grund l Was wissen die denn!" lachte die Wirtin und trat irr die Tiefe der Jurte. Alexander»vurde nachdenklich. *) Dorfrichter. **) Saure Stutenmilch, „Trink', Fremder, und Gott gescgne Ties," sagte die Jakutin und reichte ihm einen vollen, geschnitzten Holzbecher. Gelbe Bntterstücfchcn, als Beweis besondrer Auszeichnung, schwammen an der Oberflache. Tic Frau bückte sich tief, kniete fast vor ihm nieder und sah ihn» keck in die Augen. „Tu bist schön!" flüsterte sie.„Mein Mann kommt nicht so bald wieder. Alexander stand auf. „Ist er schon lange fort?" „Ja. Das wird eine große Versammlung gebe». Wozu brauchst Tu denn Ackerland? Laß Dir doch Geld geben, wenn Du die Eßwaren nicht haben willst. Geld werden sie immer geben, wenn D:» die Eßwaren nicht haben willst. Geld werden sie immer geben, ohne weiteres. Tu brauchst nur zu fordern. Das erreichst Tu auch morgen. Tic gehen morgen noch nicht auseinander." „Rät Dein Mann so?" „Nein, nein, so rate ich. Der sagt nichts. Nur das, waS alle ander» auch"— lachte sie und schob ihr Tuch zurecht. Alexander trank den.stnmys aus imd begann nach kleiner Münze zu suchen. „Bemüh' Dich nicht! Mir Ivär's lieber, Iveuit Tu bliebest."— Die zog die Lippen verächtlich zusammen, nahm aber das Geld an. Im Hose des Hauses,>00 die Versammlimg abgehalten wurde, gab eS Pferde und Menschen. Im Zimmer saßen einige„Tojonen"(Herren), aßen Fleisch und zerschnitten es auf dem Tisch. Meilach war unter ihnen. Alexander bcgrüsste sie der Titte gemäß mit Handschlag und setzte sich auf den ersten Platz. „Guten Tag! Erzähle! Ist der Weg gut? Wie bist gekommen? An meiner Hütte vorbei?" fragte Mcilach. „Warst Du bei mir? Hast Du meine Frau gesehen? Hat sie Dir Thee vorgesetzt?" fügte er russisch hinzu und sarigte sich mit den Augen an ihn fest. Alexander verstand diesen prüfenden Blick und fühlte, wie ihm das Blirt in die Wangen stieg. „Ich bin bei Dir eingekehrt und habe Kumys getrunken. „Mit Butter?" fragte der Jakute höhnisch. „Weißt Tu nicht, ob os heule eine Versammlung geben wird?" „Tic war schon. Tic sind zrun Essen gegangen. Nachher giebt'S Ivieder eine... Warum auch nicht? Es gtebt viel zu vcrharrdeln. Wer wann sie sein wird, daS weiß ich nicht." Mail brachte Alexander Fleisch ans einem Teller. Die Jakuten sprachen unter einander, aber augenscheinlich legte ihnen seine Gegenwart Zwang ans, sie sahen fortwährend nach ihn» hin. Nach dem Essen standen sie ans und gingen hinaus; nur Meilach blieb in der Jurte. „Immer das alte Lied I Ackerboden!" begann er freund' schaftlich.„Nimm Dir's selbst und mach' ein Ende!... Niemand wird Dir's fortnehmen. Weder ich noch die übrigen Jakuten jenseits deS Alban. Bleib', Ivo Du jetzt wohnst. Täe nur ruhig und damit basta! Haft Du mal gesät, so ist es Dein. Niemand wird'S anrühren. Und jetzt verlierst Du Deine Zeit nur uniüitz, zerreißt Deine Stiefel, wirst schließlich noch ins Wasser fallen. „Natürlich I Gebt ihr's nicht gutlvillig, so nehm' ich's l" Der Jakute sah ihn aufmerksam a». „Nimm nur, wir geben's nicht I Wir können's nicht geben. Nimmst Du's nnt Gewalt, so ist das was anders. Geben tonnen wir's nicht. Die Erde ist wie eine Frau: nimmst Tu sie, so ist sie Dein, kommt ein andrer und nimmt sie fort, so gehört sie ihm. Ihr sind alle gleich, allen ist sie bereit zu gebären. Die Bauern schlagen sich unr siel Nun, und giebt'S ums Feld etlva keine Prügelei? Na. und wie I Mehr als um eine Frau! Und wessen Land stößt an Deine Jurte?" „Kapitons." „Siehst Du, wie sich alles gut trifft. Der Äuiaz wird Kapitou nicht schützen, den» sie sind bös mit einander. Und fürchtest Du Dich etwa vor jemand? Sie sagen. Du fürchtest Dich nicht einmal vor einem Bären! Ist das wahr?" Er kniff die Augen zusammen und sah Alexander durchdringend an. „Was will er nur von mir?" dachte jener. „Du nicinst wohl, ich Hab' meine» Vorteil im Auge und will Dir schaden?" sagte Meilach.„Im Gegenteil, ich will Dir wohl. Du weißt ja, meine Frau ist eine Russin; so helfe ich denn ihren Landsleuten. Ich rate Dir gnt, kannst eS schon glauben." „Einem schlechten Rat werde ich nicht folgen," ant wortcie Alexander kühl.„Erst will ich mit der Gemeinde reden." ,.THn' das nur! Warmn auch nicht? Nur Feld wird Dir die Gemeinde nicht geben, sie kann's nicht. He I Bursch'!" rief er einem vierzehnjährigen Buben zu. der sich an dem Herd wärmte,„wo ist der Kniaz? Hol' ihn. Sag', daß der Fremde da ist wegen des Feldes. Lauf', sag' ich Dir!" „Er war beim Popen, aber er ist sicher schon fort." „So geh' und such' ihn. Ter fremde Herr kann ihn doch nicht suchen." Ter Bursche kraute sich hinter'm Ohr und ging unwillig genug. Allmählich bcgaim sich das Zimmer zu füllen: Die Aeltestcn setzten sich auf die Bank. Der Kniaz aber kam nicht. „Wo ist der 5kniaz? Kommt er nicht?" „Man hat nm ihn geschickt, aber wer weiß, wo er steckt." Kapiton trat ein. er hatte eine Bibcrmntze aufgesetzt und trug eine Manchcsterbluse mit breitem, silbernem Gurt. Er warf Alexander, der neben Meilach saß, einen bösen Blick zu, Mcilach aber rief lustig: „He, Alter, setz' Dich! Ich Hab' Dir einen schönen, be- quemen, warmen Platz neben dem Runen aufgehoben; wirst zufrieden sein!" Er schob sich zur Seite und stieß die Nachbam fort. „Und der Kniaz?" „Weg! Ter trinkt wohl Schnaps mit dem Popen, denn vor acht Tagen haben sie dem Popen ein Fähchcn gebracht." Allmählich wurde cS stiller; die Wartenden bildeten Gruppen. Viele schlichen zur Thür hinaus. Alexander dachte an Zosia und wurde mit jeder Minute ungeduldiger. „Ich will selbst nach dem Kniaz suchen," sagte er energisch. „Recht 10. such' ihn selbst! Du wirst ihn sicher sindcu. Zeigt dem Fremden, wo der Kniaz ist, Ihr Leute!" bestärkte ihn Meilach. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Von unsren Kleinen* Man erwarte keine pädagogische Abhandlung in diesen Zeilen, ich bin eine einfache Mutter und fühle mich nicht berufen, die Er- zichungofrage in neue Bahnen leiten zu wollen. Ich stehe ans dem Standpunkte, daß die Frage der jVmdcrcrzichirng in erster Linie«ine Frage der geistigen Reise der Erziehenden ist, und daß jede» Kind nach Erwachen seiner Tenktraft auf eine ganz individuelle BeHand- lung Anspruch macht. Bas Hanpterfordernis in der Erziehung ist die Beobachtung derjenigen, auf deren Entwicklung man einwirken will; wer sich dieser Aufgabe mit verständnisvoller Hingabe ividmet. wird auch bald den rechten Weg finden, den geistigen Werdegang seines Kindes günstig zu beeinflussen und die in ihn» schlummcnrden Anlage» zur schönen Blüte zu entwickeln. Mir ist die große Aufgabe zugefallen, in einen» kleinen„Trei- Staate" den allmächtigen Hausministcr zn spielen. In unsrcr Kinderstube regieren mehr oder locniger einträchtig der Istjährige Franz, der 6jährige Mar und das djährige Kälchcn. Die nähere Borstcllung„ihrer Majestäten" der.Kinder kann ich mir ersparen, ich lasse sie lieber in ihren Werken oder vielmehr Aussprüchen selbst vor den Leser treten, llnscr Max zeigt einem Besiidher mit Stolz seine beiden Kanarienvögel, die einträchtig in einem Bauer zusammen- sitzen.„Können sie denn auch singen?" fragt der Besucher.„Na, ob", antwortet Max,„cS sind ja beides Männchen". Woher er diese naturgcschichrlichcn Kenntnisse hat, ist mir unerfindlich. Und er fährt fort:„Es wäre doch eigentlich schöner, wenn daS eine ein Weibchen wäre, dann würden wir doch bald kleine Bögclchen haben." Aber noch ist die Fülle seiner Kenntnisse nicht erschöpft.„Und wenn gar beides Weibchen wären, dann würden wir erst viele Jungen haben!" Unser Freund erzählte uns dieses Zwiegespräch mit der Auf- fordcrung. den Jungen Naturforscher werden zu lassen. Nun, wir werden es uns überlegen, vorläufig scheint bei unscrm Sprößling die Neigung zum Droschkenkutschergewerbe noch vorzuwiegen. Unser Franz ist das Gegenteil von seinem Bruder. Während dieser noch ganz naiv, ganz Kind ist. fängt der Zehnjährige bereits au, mit seiner Weltkenntnis zu prunken. Ei» Hahn hat ein Küken arg verletzt und das Ereignis wird in nnscnn Ueincn Kreise lebhaft besprochen.„Ter Hahn ist frech," meinte Franz,„aber daS schadet nichts. Frcchscin ist gut und Nichtfrechsein ist nicht gut, das habe ich schon gemerkt." Seit dieser Erfahrung sängt der Junge an, frech zu werden, und ich werde Mühe haben, ihn zu überzeugen, daß diese Eigenschaft doch nicht immer gut thut. Charakteristisch für die Denkweise beider Knaben ist folgende kleine Episode. Franz schlägt dem Brüderchen vor,„Zanken" zu spielen. Max ist einverstanden und das Spiel beginnt.„Gieb mir mal Deinen Ball," fängt Franz an. „Da hast Du ihn," sagt Max und wirst ihn herüber.„Ach, das ist doch nicht zanken." meint Franz darauf,„Du mußt sagen: ich gcb' ihn Tir niSt." Dnrniis der Groye:„ich will ihn aber haben, gleich gjebft T» mir den BallI"„Na, da hast Tu ihn," crlvidert unser Kleiner friedlich.„Aber nicht doch, Max, Tu»»cht sagen, nun lriegit Tu ih» gerade nicht." Ter andere Iviederholt folgsam, was der Bruder verlangt. Nun schlägt dieser Ivuteno aus den Tisch und schreit:„Gicb mal sofort den Ball her." Ta nimmt Max den Ball. wirst ihn seinem Bruder zu und flüchtet weinend in meine Arme, mit dem Ausruf:„Ich will aber nicht„Zmiken" spielen!" Tech unser Aeltcstcr philosophisch veranlagt ist, zeigte sich bei folgender Gelegenheit. Ter Papa erzählt von einem Ereignis, das sich zugetragen," als Max noch nicht geboren war. Max der aufmerksam zugehört hat meint plötzlich):„Ja so war cS, ich weis; es ganz genau." Tarauf sagt Franz in verächtlichem Tone:„Ach, das kannst Tu ja gar nicht wissen, denn damals warst Du ja»och eine irdische Masse." Kann sich ein moderner Dichter treffender und kürzer aus- drücken als hier mein Acltesier? Bor einigen Fahren ist bei unscrm Wirte eingebrochen lvorden. „Was wollten denn die Leute dort holen?" interviewte mich der im Fragen unermüdliche Franz.„Die tvollten bei dem reichen Manne Geld stehlen," anrworlcte ich ihm.„Dann harten sie loohl kein Geld?"„Rein."„Nun, dann haben wohl die Reichen am meisten gestohlen?" Was soll man einer solchen Logik gegenüber thun? Ich schwieg auf die Gefahr hin, das; sich solche sodaldcmolratische Anschauungen in dem Kopfe meines Kindes festsetzen. Bon 5«älckcn, unserm Nesthälche», ist weniger Originelles zu berichten. Sic ist ein lieber tlcincr Egoist, eist Schmeichelkätzchen, das schnell mit allen Besuchern gut Freund ist. sie lvird wohl dereinst ein liebes, gutes Hausmütterchen werden. Hum niodcrnen Weibe scheint sie mir keine Anlagen zu besitze», ebenso loenig zum Blaustrumpf; ich bin nicht untröstlich darüber.„Tu bist wie eine Blume, so hold, so schön, so rein" möchte dieser Heinesche Dytramburs noch recht lange aus meine Kleine zutreffen. Aber das Lebe» wird schon dafür sorgen, ihr frühzeitig ihre llnbefangcnheit abzustreifen. Seine Fühler streckt es schon voraus, und zwar kam der Feind diesmal von einer Seite, Ivo man ihn nicht vermuten sollte. Meine Kinder sind Dissi- deuten und iverbcn als solche in der Schule geführt. Neulich hatte ich nun den Besuch des Herrn Pfarrers, der mir ins Gewijscn reden wollie. Er sah bald, daß es bei mir verlorene Liebesmühe war. da ich selbst bei der furchtbaren Beteuerung des würdigen Ehristen:„Fu meinen Augen sind Ihre Kinder Heidenkinderl" nicht„blast" wurde. Er that diesen Ausspruch im Hinausgehen und mein Kätchen halte etwas davon gehört. Als der Prediger fort war, fragte sie sehr neugierig:„Was sagte der Manu, Maina, was sind ivir für Kinder?" An die Anetdotc von dem des Diebstahls Angeklagten, dem der Staatsnnwalt den raffinierten Einbruch mit allen Thikanen anschau- lich schildert und dann fragt:„Nicht lvahr, so war's, Freundchen?", worauf dieser erwidert:„Nein, Herr Staatsanwalt, so war S nicht, aber sie haben inich auf'nc Fdce gebracht," erinnerte eS mich, als mein Franz mir mitteilte, dast ihm und seinen Mitschülern(der Scxiaj in der Schule vorgelesen worden sei, dast ihnen das Rauchen, Wirtshausbcsnchcn ohne Begleitung der Eltern usw. verboten sei. Kurze Zeit ertappte ich ihn nämlich im Garten mit einer Eigarcttc im Munde. Auf meine vorlvurfSvollc Frage, warm» er das gegen das Verbot dcS Lehrers gcthan habe, aiitivortete er schmollend:„Ich wollte doch nur sehen, Ivarmn ich das nicht soll!" Nim, er hat es gesehen! Und ich habe es natürlich aus— waschen müssen I Ist es wirklich nötig, schon Sextaner auf solche Dinge aufmerksam zu machen? Und verspricht man sich Erfolg davon? Man sieht ja die Wirinng solcher Verbote von Tingen, an die lvjährige Kinder sonst wohl gar nicht denken würden. Ich halte dieses Vorgehen für eine Unklugheit. Nock, einen Blick wollen wir, che wir von unser» Kleinen für heute Abschied nchmcit, in die„Kinderstube" werfen. Kätchen und Max sitzen einträchtig aus einer Hutsche, sich eng umschlungen haltend. „Sie sehen süst aus," würde Cousinchen Hertha, das tSjäljrige Pensionsfräulein, sagen. Tie beiden Kleinsten vertragen sich meist sehr gut. Kätchen, die Schmeichelkatze, weist dem allzu gntmütigcn Max immer noch einen reichlichen Tribut von seinen Bonbous oder sonstigen Näschereien abzulocken, wenn sie ihren Teil schon ver- zehrt hat. Und beide sind zufrieden damit. Ungewöhnliche Ruhe herrscht im Reiche. Wo ist denn unser Groher? Ahal da liegt er, hingestreckt über Stuhl und Tisch, in einer unveschrciblichen Stellung und liest. Es ist ei» uistiges Buch, denn plötzlich bricht er in ein schallendes Lachen aus, von solcher Herzlichkeit, wie es eben nur Kinder eigen ist. Leider geht aber diese friedliche Beschäftigung bereits ihrem Ende entgegen und ich sehe schon im Geiste das Kinder- stiibik.diill schmählich zerstört. Er ist bereits in das Alter gelangt, miscr Grostcr, Ivo er manchmal nichts Rechtes mit sich anzufangen weist, und provoziert dann gen« einen kleinen Zweikampf mit dem Brüderchen. Dieser endigt meistens mit einem laut schallenden Jammergeschrei, das mich vom Kochherd oder Schreibtisch aus irgend einer entfernten Ecke unsres kleinen Heims schleunigst herbeiciiiert. GUicklichcrwc ise ist noch nichts Ernstes bei solchen Konflikten passiert, mir einige Beulen und Schrammen zeugen davon, dast„Fhre Majestäten" nicht immer vollständige Engel zu sein pflegen. Aber Wildheit und Unart ist ein Recht der Kinder, das man ihnen nicht zu sehr beschneiden soll. In die Kinderstube gehört lein Wächter, der mit strengem Auge jede Unordnung niederhält. Nur dann werden wir Lehrer, Autorität und Zuflucht unserer Kinder in allen ihren kleinen und großen Fragen und Sorgen bleiben und uns ihr Vertrauen bewahren, wenn wie ihnen die grösttmöglichste Freiheit gewähren und warten, bis sie mit ihrem Anliegen zu uns kommen. Dieses Vertrauen ist es aber, welches uns die Erfüllung unserer Er- zichungsaufgabe erst möglich macht mid seine Erringung und Bc- wachung darum wichtiger als alle Theorien, wie man ein junges Menschenkind zu einem perfekten Staatsbürger drillt und drechselt.— R. L. Kleines f euilleton. y. Reinigung von Läufern:c. mittels Druckluft. Truckliift sindct in der Technil ausgedehnte Anwendung zu Zwecken der Metall- bearbcituug, sowie auch besonders im Bcrgwcrlswcsen. Dast aber nicht nur in diesen Hinsichten der Fortschritt der Technik Erlcichtc- rungcn mannigfacher Art schafft, sondern dast er auch für manche Bedürfnisse des Haushaltes zwcckmähige Anwendung finden kann, das zeigt die Benutzung von Prestluft zum Reinigen von Läufern, Teppichen, Vorhängen. Polstermöbeln ic. Seit Alters her werden verschmutzte Stoffe und Polstermöbel von« Staube durch Ausklopfen und Abbürsten befreit. Dast die Reinigung grostcr Tcppiche und Läufer mittels AuSklopfenS eine anstrengende Arbeit ist. dürfte unbestritten sein. Nun kommt aber in Bewacht, dast die gründliche Reinigung durch äußerst kräftiges Ausklopfen und gründliches Ausbürsten eine ziemlich groste Abnutzung der bcweffcnden Stoffe mit sich bringt. Hier greift nun die Reinigung derartiger Artikel mittels Prestluft erleichternd ein. Natürlich must eine solche Rcinigiing mit einer besonders dazu cinacrichtcten Anlage erfolgen, deren' Betrieb aber ungemein ciinach ist. Tie wesentlichste Ein- richtnng einer Anlage zur Rcinigimg von Stoffen mittels Prestluft ist ein Eoinprcssor. der die erforderliche Druckluft liefert. Diese wird nun mit Hilfe von Schläuchen, die mit Handhaben versehen sind, dahin geleitet, Ivo man auf dem zu einer solchen Anstalt gehörigen Hof oder in den dazu erbauten Hallen die Reinigung bewirken will. Zu diesem Zweck werden die schmutzigen Teppiche, Läufer usw. auf Gestellen aus- gebreitet, und nun führt ein Arbeiter die in einem Bläser endigende Schlauchleitung über den zu reinigenden Stoff. Durch die ihr ver- lichcne hohe Spannung must die Lust die einzelnen Pore» der Stoffe durchdringen und dadurch selbswerskändlich die darin fest- gesetzicn Schmutzkörpcrchen entfernen. Eine körperliche Anstrengung ist also bei dieser modernen Reinigung von Stoffen volllommcn vermieden. Die Anwcndnng der Drucklust hat aber nicht nur den Vorteil, dast der Staub und Schmutz in denkbar schnellster und gründlichster Weise ausgetrieben wird, sondern man erreicht auf diesem Wege auch eine Auflockerung des Gewebes, die sich durch eine günstige Entfaltung der Farben in ihrer ursprünglichen Frische bemerkbar macht. Nicht unerwähnt darf bleiben, dast die Druckluft- Reinigung von Stoffen auch noch den Vorteil mit sich bringt, dast mau den Rcinigimgoprozest lange nicht so oft wie beim Ausklopfen und Ausbürsten zu wiederhole» braucht, was unturgcmäst zu einer Verringerung der RemigungSlosten beiwägt. C-rklärlicher- weise ist eS ziemlich schwer, über den Preis derartiger Reinigungsarbeiten bestimmte Angaben zu machen, da hier verschiedene Faktoren zu berücksichtigen find; umucrhin läßt sich sagen, dast die bisher nach diesem System arbeitenden Anlagen in einigen Grohstädten großen Zuspruch haben und dast denselben auch aus den umliegenden Ortschaften Stoffe zum Reinigen übermittelt werden. In gesundheitlicher Hinficht ist zu berücksichtigen, dast dieses Reinigen mittels Drucklust die damit beschäftigten Arbeiter weniger durch Staub belästigt, als dieses beim Ausklopfe» der Fall ist, weil sie nicht so dicht an den säubernden Teppichen ic. zu stehen brauchen und außerdem der kräftige Swahl der Drucklust dte Schmutz- partikelchen weit fortwägt. Hat die moderne Art der Reinigung vo» Läufern und Stoffen schon mW technischen Gründen Interesse, so läßt sich auch nicht verkennen, dast dieser Fortschritt auch aks Mittel zur Entlastung der Hausfrau und des HauSprrsonals größere Bedeutung erlangen oürfte. Ta in den Großstädten, wo dieses System nawr- gemäg zuerst ausgedehnte Antvcnduug finden dürfte, heutzutage ekck- Wischer Strom in jedem Hause leicht zu haben ist, so dürfte eS vielleicht nur eine Frage der Zeit sein, daß in ganz modern eingerichteten Gebäuden mittels cincs kleine» Elektromotors eine kleine Kompressoranlage zu derartigen ReinignngSzlveckcn betriebe» wird, aus welcher dann' die Bewohner die erforderliche Druckluft zur Säuberung ihrer Teppiche usw. beziehen können. Auf dem Hofe würde man dann statt der jetzt allgemein üblichen Stangen zum Ausklopfen von Teppichen zusammenlegbare Gestelle vorsehen müssen, auf welchen die Reinigung mittels Prestluft zu bewirken wäre. Der geringe Raum. der für die Aufftellung der erforderlichen Anlage nötig wäre, töimte leicht im Keller oder in einem kleinen Anbau geschaffen werden. Wünschenswert wäre es jedenfalls, wenn sich die Aichänger der hüuS- lichcu WirVchastSgenosseiischasten diese Errungenschaft gleich bei der ersten Vertiirttichmig ihrer Bestrebungen zu nutze machen würden. da ja auch die Reinigung aller Kleidungsstücke mittels Druckluft auS den oben erwähnten ZweckmästigkeitSgründen zu empfehlen ist.— � Litterarisches. c. k.„Ein unglückliches V 0 1£". � Roman von Rudolf Lindau. Berlin. Fontane u. Co. �— Dies neue zweibändige Werk des geschätzten Novellisten befaßt sich mit der Schilde- rung der armenischen Unruhen zwischen kvSü/9tt. In diesem Ver- nichttingskamvfe, welchen die Türken gegen das geknechtete Volk mit grausamer Härte unternahmen, wurden während des Jahres kbvö und bis Ende Februar 1806 37 085 Armenier getötet und 46 056 gezwungen, zum Jslain überzutreten. SSO 300 kamen an den Bettelstab. 10