Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 247. Freitag, den 19. Dezember. 1902 (Nachdruck verboten.) Im Kreife. Erzählung von W a c l a w Sieroczetvskr. Deutsch von Rosa Schapirc. Alexander ging; ein Knabe führte ihn von einer Jurte zur andren, natürlich fand er den Kniaz nicht. Alexander tani nach ztvei Stllndcn ärgerlich und milde ins Gemeinde- zimnicr zurück. „Es gicbt also heute keine Versammlung?" „Ja, wer lociß! Ohne den Kniaz kann man sie nicht ab- halten. Morgen denn." „Die Sonne neigte sich gegen den Westen. Alexander stand auf. „Du gehst? Willst Du hier nicht übernachten?" fragte Meilach unruhig.„Bleib' nur, wir brechen zusammen auf." „Morgen konim' ich wieder, jetzt aber muß ich gehen." Er hing seine Waffen um und ging in den Wald. Es that ihni m» die verlorene Zeit leid und es ärgerte ihn, daß sie ihn zum Besten hatten, denn daß sie ihn bewogen, daran zweifelte er nicht. Er wußte auch, daß wenn sie ihm diesmal keine definitive Antwort geben, er bis zunt nächsten Jahre ivarten müsse. Die Versammlung konnte morgen schon auseinander gehen, vielleicht gar nicht stattfinden; alle Gc- meindevoiffteher aber noch cinnial zusannuenberufen, war eine Unmöglichkeit. So würde denn alles beim altcil bleiben, und er würde all' diese mmntzen, beinahe schon lächerlichen Schritte noch einmal machen müssen. Unter solchen Ge- danken ging er allmählich denselben Weg wieder zurück. Er war überzeugt, daß der Kniaz da sei, und lvollte die Jakuten beschämen. Seine Ahnung hatte ihn nicht be trogen. Hinter einem Vannistammc am Rande des Waldes verborgen sah er. tmc die Acltestcn allmählich zurückkamen. 3lnch der Kniaz erschien, in Gesellschaft eben jenes Knaben, der ihm ihn suchen geholfen hatte. Es schien Alexander sogar, das; er aus derselben Jurte herauskomme, in der er vor ganz kurzer Zeit nach ihm gefragt hatte. Erwartete. bis sie in der Thür des Gemeindehauses verschwunden waren, dann aber folgte er schnell. Drinnen wurde laut gelacht. „Wo ist' der Kniaz? Schickt nur den Kniaz", rief Meilach, Alexanders Tonfall nachahmend. „Was willst Du, verfluchter Fremder?" „Er soll mir Kapitons Feld iibertragen, eine Frau geben, Geräte und eine ganze Wirtschaft!" „Die Felder sind mein, aber die Frau, daS ist Deine Sache. Einverstanden!"„Sie ist ja eure Russin," verteidigte sich Kapiton. „WaS willst Du also?" „Eilte Feige dein Fremden! So rate ich." In diesem Augenblicke ging die Thür auf und Alexander trat herein. Die Anwesenden blieben wie versteinert sitzen. Niemand rührte sich. „Guten Abend, Herr," sagte Merlach, der zuerst seine Geistesgegenwart gewann.„Du hast gewiß was vergessen und das trifft sich gut, denn da ist auch der Kniaz." Alexander war empört, aber er ließ sich nichts merken. „Ich bitte Euch", wandte er sich höflich an den Kniaz, „sich erst mit meiner Sache zn befassen. Darum bin ich gc- kommen und hab'S eilig, um den Fluß noch heute zu über schreiten." „Welche Sache?" „Es bandelt sich ums Feld. Warum gebt Ihr vor, nichts zu lvisscu? Den ganzen Tag habt Ihr Euch versteckt lind jetzt sucht Ihr Ausflüchte." Der Jakute wurde rot und hob den Kopf. „Ich Hab' nichts Böses gethan und brauch mich nicht zu Verstecken. Fremdes Gut wollen wir uns nicht aneignen. ES gicbt noch keine Antwort voni Gouverneur, darum können wir die Sache auch nicht erledigen." „Was soll Mir diese?lntwort! Ihr habt ein Gesuch cm- gereicht, das; man meine Tochter ausweise. Ich soll bleiben. Drei Verordnungen habt Ihr ans der Stadt bekommen. darunter auch eine Verfügung vom Gouverneur, das weis; ich wohl." „Darauf werden wir schon antworten." „Ihr schlagt's also ab? Der Kniaz selbst hat mir doch geraten, diese Versammlung abzutvarten." In Alexanders Stimme zitterte verhaltener Aerger. „Was kann ich denn machen?" antwortete der Jakute. „Die Gemeine befiehlt. Ist's ihr recht, so bewilligen wir. Aber alles Feld in Deiner Nähe ist vergeben. Dort hat Kapiton sein Feld, und er ist nicht einverstanden." „Es geht niemand was an, ob es mein ist oder fremdes," schrie Kapiton.„Wir geben es nicht. Meine Landsleute haben nicht so viel überflüssiges Feld l Wir brauchen alles selbst und werden alles in diesem Jahr anbauen. Wenn der Kniaz will, so kann er ja den Fremden zu sich nehmen, oder ihm jenseits des Flusses Land anweisen. Ist's nicht so?" „Wir haben kein Feld! Da giebt's nichts zu reden I" schrien sie einmütig. Unter ihnen war auch Tns, Toj's Vater und sogar Froschaugen. „Jenseits des Flusses... Auf dem Felde der Tataren höchstens," bemerkte Milach gleichgültig. Lille schwiegen. „Da giebt's nichts zu reden... Wir haben kein Feld!" sagte der Kniaz ruhig und fest und stand auf. „DaS ist nicht wahr! Feld giebt es schon und es liegt seit Jahren brach. Ihr nützt es nicht und andern gönnt Jhr's nicht. Ich bin bereit. Dir Land genug zu zeigen, Kniaz, das sich zum Bebauen eignet." „Mag sein! Das wird dann unfern Kindern nützen." „Hört!" sagte Alexander ruhig.„Setz' Dich, Kniaz, und auch ich will mich setzen. Hört! Ihr kennt mich doch. Seit zwei Jahren lebe ich unter Euch, habe ich jemand etwas BöseS gethan? Hab' ich jemand auch nur mit'nem bösen Worte gekränkt?" »Ist schon wahr!" gaben sie zn.„Du hast nichts Schlinnncs gethan, wir sind mit Dir zufrieden und bitten Dich, sei auch in Zukunft so." „Ihr habt mir ein Haus gegeben, Ihr gebt mir Nahrungsmittel. DaS alles kostet Geld." „Na, daS Iveißt Du selbst!" „Feld aber kostet nichts. Gebt mir Feld, ich werde arbeiten und nichts von Euch verlangen." „Höre, so haben auch andre gesprochen. Wir haben ge- geben und dann hatten wir kein Feld und keine Ruhe. Wir mußten sie bis zuletzt füttern. Warum sollen wir Dir glauben?" „Seht Ihr, Räubern, Lumpen habt Ihr gegeben!" „Ans Angst haben wir gegeben, aber wir hätten cS nicht thun sollen." „Ich will Euch eine geschriebene Verpflichtnng geben, daß ich auf alles verzichte." „WaS nützt uns ein Fetzen Papier, wenn Du vor Hunger stirbst? Hat ein Mensch Hunger, so wird er toll." „Höre, Fremder," sagte der Kniaz ebenso friedfertig und einlenkend wie Alexander.„Du sagst, es giebt Feld genug. Ihr bestellt's nicht, wozu braucht Jhr's? Ist's etwa nicht so? Du verlangst scheinbar- nicht viel— wohl zehn Zehntel. Wir könnten's abteilen und geben. Gesetzt den Fall, wir geben es: Du banst, Du pflügst. Du säest. Du verpachtest Feld. Schöll! Eure Felder sind ausgedehnt, überall Zäune und Gräben. Ihr schlägt Pflöcke ein, Ihr macht Fußwege, Ihr ruiniert uusrc besten Weideplätze auf den Hügeln, wo die süßesten Kräuter wachsen und unsre Herden fett werden. Das Bich, das überall auf Zäune stößt, läuft verstört und hungrig umher. Fem vom Gehöft muß es sich seine Nahrung suchen, weite Märsche machen, findet weniger Nahrung, so wird's denn auch nragercrnud giebt lvenigerMilch. Wirleben von uirsrcnHerden, Ihr lebt vorn Ackerbau. Wo Euer Wohlstand sich mehrt, dort gedeiht für uns das Unglück. Du sagst, Du bist gut, und weil Du für Gerechtigkeit gekämpft hast, haben sie Dich hergeschickt; da mußt Du auch einsehen: was haben wir davon, wenn wir Euch Feld geben und selbst in die Wüste müssen? Das ist doch das Land unsrer Väter. Als sie herkamen, gab es hier nur Wälder, Wild mrd Mücken. Sie haben die Wiesen gereinigt, die wilden Tiere verscheucht und die Insekten mit Rauch vertrieben. Warum sollen wir von hier fortgehen? Sag' mal. Fremder, ivas wiirdet Ihr tvohl sagen, wenn wir in Euer Land kämen und unser Vieh auf Euren Feldern grasen würde? Ich glaube, auch wir brauchen nichts von unsrem Land abzutreten. Würden unsre minder nicht eines schönen Tages kommen nnd sagen: Dumm waren die Väter, Reichtum haben sie weg- gegeben, Steine und Schnmtz sind uns geblieben. Was nützt es uns, wenn auf unsern schönen Wiesen die Fremden ein bequemes Leben führen? Auch wir werden mit der Zeit pflügen und säen und schon beginnen wir damit. Allmählich, denn auf einmal wirft man seine Herden nicht fort und die Felder tragen hier auch nicht jedes Jahr. Haltet doch auch Vieh. Warum also wollt Ihr unS Land fortnehmen?" Alexander fuhr sich mit der Hand über die Stirn und schwieg. „Land bewilligt mir das Gesetz", sagte er schließlich trocken,„und das Gesetz hat mich hergeschickt." „Das Gesetz? Hör' mal, Fremder, haben wir's etwa gc- schrieben? Ihr schreibt, was Ihr wollt. Und natürlich nicht zu Eurem Schaden 1" „Genng, wir geben's nicht!" schrien sie von allen Seiten. „Einem Dieb, einem Mörder würdet Jhr's geben." „Mit dem würden wir auch nicht so sprechen," antivortetc der Kniaz. „Hör, Liksandra, wir wollen Deine Unterstützung ver- größern für Deine gnte Anffiihrung. Ich gebe Dir mein Wort darauf", sagte Kapitou. „Natürlich wird die Gemeinde einverstanden sein, wenn sie der Fremde darum bittet," unterbrach der Kniaz großartig. „Wir sehen ein, jetzt, wo Deine Tochter hier ist, genügt das frühere Quantum nicht, dann werden wir Dir für den Sommer ein Pud�) Fleisch und ebensoviel Milch zugeben. Bist Du nun zufrieden?... Und im Herbst sprechen wir wieder." „Nimm, Fremder, das ist ja besser für Dich!" Alexander wischte sich den Schweiß von der Stini. „Ich will nicht, ich will Feld I" „Das giebt's nicht. „Wenn wir Feld erst einmal gegeben haben, kriegen Ivir's nie wieder." „Wo sich ein Russe niederläßt, dort giebt's in einem Jähre gleich ein ganzes Torf. Wieder wird's Schlägerei geben und Diebstahl, selbst wenn Du gut bist." „Sie taugen alle nichts nnd versprechen immer dasselbe. Wir haben schon genug davon." „Wer weiß,>vie Du wohl sein wirst, wenn Du erst Feld bekommst I Gute Leute schicken sie doch nicht her!" schrien die Jakuten. „Ich»verde es nehmen,»vcim Jhr's nicht gebt." „Nimm, wenn Dil kannst," lachte der Kniaz,«aber ohne unsre Erlaubnis, daS sag' ich Dir!" Alexander nahm seine Mütze und schritt zur Thür. „Fremder, he Fremderl" rief ihm Kapiton nach.„Nur ein Wort!" „Was»villst Die?" „Westen Boden»villst Di» nehmen?" Alexander ivandte ihn» den Rücken und ging fort. Die Sonne verbarg sich schon hinter einer dichten Wolke, die von den Bergen an der äußersten Linie des Horizontes ausgehend, in sonderbar gewundenen Formen den ganzen Himmel bedeckte. An ihren häßlichen, gleichsain faserigen Rändern ließ das Abendrot all seine Schönheit aufgehen; Gold, Silber und Regcnbogenfarben faßten ihren Rand ein, opalfarbene und ametystblaue Strahlen spielten darauf und unter der Wolke auf dem bloßen Himmel, der niit kleinen Sternen besäet lvar, lag»vie eine Schicht glänzenden Purpurs. Nebel und Dämmerung erfüllteil die Ebene. Alexander schritt schnell aus. Er fühlte»vie Apathie und Ekel in ihm aufstiegen. Weit hinter ihm,»nit ihren hell- glänzenden Fenstern lag Meilachs Jurte. Durch de»» Wald schimmerte schon der Fluß. Aber die Nacht brach schnell herein, und er hatte kaum die Hälfte des Weges zurück- gelegt. Wieder»var er nritten unter den ins Eis gehackten Löchern, unter Abgründen, Furten und verräterischen Untiefen. Kanin schimmerte"der Schnee und die dunklen Wasserflecke hoben sich undeutlich im grauen Dämmerlichte ab. Oft sah er sie dann erst, wenn er mit seinem langen Stocke in ein Loch stieß, oder in das Flußwasser selbst, das schwarz war »vie Tinte. Einige Mal fiel er ins Wasser, aber glücklich kam er immer wieder an die Oberfläche und holte sich nur nasse Kleider. Im Laufe des Tages waren Berändernngen in der #) 40 Pfund. Lage der Spalten und Löcher vor sich gegangen, so daß er ganz und gar den» Zufall überlassen»var. Er tappte sich vor und war sich der Gefahr bewußt, die imnier größer»vurde, je mehr er sich in das Gebiet der gewundenen, reißenden Strömungen begab. Aber der Gedanke an Zosia, die allein in Froschauges schmutziger Jurte auf ihn wartete, und die unangenehme Notivendigkeit, bei Meilach zu übernachten,»venu er zurück- gii»g, gab ihm neuen Mut. Er ging sehr langsam, streckte den Stock»veit vor, lauschte und spähte nach allen Seiten. Er konnte nicht mehr»veit voin großen ins Eis gehauenen Loche sein; die Gefahr des Hineinfallens»var nicht groß, da das Wasser dort seicht»var, es lvar nur fraglich, in»velchcm Zustande das Eis uni die Löcher und die tiefen Stellen im Wasser war. Er blieb stehen und horchte, ob nicht irgendlvo eine Welle rauschte, er spähte austnerksam, ob er nicht Wasser sehe»» könnte, klopfte mit dem Stocke auf, unr am Klange zu erkennen, an»vclchen Stellen es hohl war. Und wenn er glaubte, daß alles in Ordnung sei, ging er weiter. Plötzlich hörte er's hinter sich krachen, und er selbst glitt immer schneller einen Abhang entlang, bis er hinfiel. Zu seinen Füßen rauschte daS Wasser. Einen Augenblick lag er unbetveglich und hielt sich mit Aufgebot all' seiner Kraft an der Eisscholle fest, die unter ihin schivankte. Seine Füße hingen in der Lust. Ei' konnte sich ja mit dem Stock, den er nicht hatte fallen lassen, weiter tappen, aber er lvagte nicht, eine Be- »vcgung zu machen, da er lvußte, daß die geringste Un- Vorsichtigkeit ihn in den Strudel reißen könne, und dann würde ihn die Eisscholle»vie ein Sargdeckel begrabe,». Er befreite seine rechte Hand und zog vorsichtig das Messer aus der Scheide. Dennoch kam die Scholle aufs neue ins Schwanken und er glitt einige Linien tiefer. (Fortsetzung folgt.) kleines feuilleton. eg. Feierabend.„Thut mir sehr leid, Wenzel," sagte der Meister und schob dem Arbeiter mit seinem Wochcnlohne auch das Kranken- buch hin. Wenzel war»vie aus den Wollen gefallen:„Ich soll doch nich—?" „Ja. Feierabend." Der Meister machte eine Geberde der Rat- losigkcit.„Kann mir nicht helfen. Seh'n ja auch selber, das nischt zu thun ist." Er löste einige Geldrollcn, um fic auf dem Zahlbrett aufzustapeln.„Sie sind nicht der Einzige. Da.. er wies auf einen Haufen blauer Bücher,„die kommen auch noch dran heute." Er zählte die Münzen.„Am nächsten Sonnabend lviedcr'u Schub. Am übernächsten. Und so Ivciterl" Wenzel sah»vie gebannt auf die funkelnden Gold- und Silber-- stücke, welche sich dort aneinander reihten. Dann knöpfte er mit unsicheren Händen den Paletot zu.„Ich bin verheiratet, Meister. Und Hab' vier Kinder." Ohne Borwurf und Demut, nur wie eine leise Mahnung klang es. „Weiß ich, Wenzel, weiß ich." Der Meister beugte sich tiefer über das Zahlbrctt. Wenzel drehte sein blaues Büchclchen noch immer in den Händen. „Wenn man jetzt'raus kommt.. dann... is doch... von irgendwo'reinkommen, mein ich, is doch keine Rede vorläufig." „Ja. Es ist überall schwach. Eine böse Zeit." Ter Meister nickte einige Male vor sich hin. ohne aufzusehen.„Eine bincr- böse ZeitI" Ter Entlassene ließ das Buch zögernd in die Tasche gleiten. Er griff zum Hut:„Na— denn adjös, Meister." Schweratmend wandte er sich noch einmal zurück und sagte in einem Tone, als müsse er sich selber überwinden:„Läßt es sich denn gar nicht machen. Meister?" Ddr trommelte nervös ein Weilchen auf dem Brett herum. Tann fuhr er, einige Münzcnrcihcn durcheinander werfend, schroff auf:„Glauben Sic denn, es macht mir Vergnügen, einen nach dem andern'rauszuschmeißen? Ich kann's doch nicht ändern! Ich bin doch man selber bloß'n Handlanger hier!" Mit einer Vcrzwcislungsgestc ließ er sich wieder auf seinen Stuhl fallen, stützte den Kopf in die linke Hand und zählte weiter. Wenzel ging, nachdem er flüchtig von den Kollegen Abschied ge- kommen. Wie eine Drohung lag'S über allen. Tie in besseren Zeiten am Sonnabend reichlich fließenden Scherzwortc, daS heitere Frohgefühl, einen freien Tag vor sich zu haben, schienen versiegt, erstarrt. Und der hier und dort aufspritzende Galgenhumor fand kein volltönendes Echo. Niemand wußte, ob nicht in den nächsten fünf Minuten auch ihm das blaue Buch als erschreckende Zugabe zu dem knappen Lohn hingeschoben werden würde... Auf den, Hofe trafen die ans verschiedenen Abteilungen der Fabrik kommenden Arbeitcrttnpps zusammen. Wie ei» Strom, der von alle» Seiten durch schmale Nebenftiissc verstärkt wurde, wogte die dunkle Masse zum Hof hinaus, durch das mächtige Eisenthor auf die Straße. Auch hier lvar die sonstige Lebhaftigkeu gedämpft durch 987— d:c stille Ricne der Viele», welche den Abschied in der Tasche toißcn. Wentel sah und hörte nichts. In seinem Gehirn drehte sich alles um den einen Gedanken. Und halblaut murmelte er's vor sich hin:„Feierabend! Feierabend!" Plötzlich schlug ihn: jemand kräftig auf die Schulter.«Na, Wenzel, ooch fertig?" Der Angeredete sah auf. Günther war's, der lange Schmied. Dessen Gesicht war nur flüchtig getvaschen; den Hut hatte er ins Genick geschoben und eine kampflustige Miene aufgesteckt. Aus den Augen funkelte grimmige Ironie:„Wird Zeit, das; man sich'mal Vor zwei Jahren Hütt' man an jedem Tag ausruhen kann, was? fünfundzwanzig Stunden schuften mögen... und nn: adjöst Wenzel machte eine fragende Bewegung:„Auch?"<>, e.--..<, �, Ter Schmied lachte:„Natürlich. Abgesägt! Die Knochen sind Prchkohle. emc ganz verkehrte Methode angewendet. jetzt übrig!" Er fuhr sich mit einer wilden Bewegung durchs Haar: �5? � am'Veucningainatcrinl zn sparen, wenn mi „Sie spielen Fangball mit uns! Hahaha! Fangball!"""..... Wenzel nickte dumpf vor sich hin:„Jaja. Fangball." Der Schmied ballte die Fäuste:„Nu schmeißen sie uns auf'n Tamm... da lieg', du Hund! Verrecke! Häng' Dich auf!" Wohnungsverhältnissen in den Großstädten der größte Teil der Be- völkerung nicht verfügen kann, oder die doch auch erst wieder beschafft werden müßten. Ter einzige Reiz, den derartige Spielware» auf Kinder ausüben können und werden, ist der, den geheimnisvollen Mechanismus kennen zu lernen. Dieses ganz verständige Verlangen wird dazu führen, daß schon nach ganz kurzer Zeit voil dem Kinde versucht werden wird, daß Innere de-Z Unterseebootes oder eines tauchenden Fisches kennen zu lernen, und daß ein teiltveises oder voll- ständiges Oeffncn eitles solchen technischen Kunstwerkes zu dessen Un- brauchbarkeit führen muß, bedarf keiner Erörterung.— Wie der Kachelofen geheizt werden soll. Von einem Töpfer- meister wird uns geschrieben: In vielen Haushaltungen wird beim Heizen des Kachelofens, besonders bei Verwendung von Torf oder ' et. Man glaubt mait die Brenn- stoffe nur zur Hälfte anbrennen läßt und darauf die Fenerungsthür fest zuschließt. Schon beim geringen Ucbcrlcgen müßte sich aber doch jeder sagen, daß ein halb verbranntes Quantum FeuerungZ- Material nicht die Wirkung erzielen kann, wie ganz verbranntes, denn „Und Du hast doch bloß zwei Kinder." sagre Wenzel mit einen, nachdem die Feuerungsthür geschlossen, erlischt die helle Flamme, und Anflug von Neid. „Bloß? Naja. Aber was ist denn bei denen'n Fünfgroschenbrot I Die Krabben haben ja'n Appetit... es is'n reines Unglück. Nich satt zu kriegen! lind immer vergnügt! Und so gesund!" Er machte eine Pause. Ter wilde Ausdruck m seinen Zügen war ganz verschwunden, als er sagte:„Man hat ja seine Freude dran. Aber Ivenn's so kommt... so!" Er schüttelte den Kopf. „Denn möcht' man schon lieber überhaupt sagen: Feierabend!" Wenzel senkte entmutigt den Kopf. „Was?" Der Schmied richtete sich mit einem Ruck auf; stahl- zähe Energie schien alle Sehnen zu spannen.„Davon steht ja»u nischt drin! So weit sind wir noch nich, mein Junge!" Er blieb stehen und reichte Wenzel die Hand.„Bloß nich unterkriegen lassen, verstehst Du? Aus irgend eine Art verschaff' ich meinen Bengels schon Futter. Adjös, Wenzel!" Mit langen Schritten bog er in eine Nebenstraße ein. Wenzel schlenderte weiter; er Ivohnte am andern Ende der der noch unvcrbrannte Brennstoff wird später zum erheblichen Teil mit in die Asche gcthan. Bei nicht hermetisch schließenden FeuerungS- thüren dagegen, wird wohl bei einem zu früh geschlossenen Ofen der Brennstoff nachträglich langsam zur Asche, hat aber so nicht die ge- ringsre Kraft, mit zur Erwärmung des Kachelofens beizutragen. Wird bei einem geheizten Kachelofen, nachdem dieser geschlossen, ein Sausen in demselben gehört, so schließt die Feucrungsthür nicht hermetisch; dieselbe muß je nach ihrer Beschaffenheit entweder ver- kittet oder von, Schlosser repariert werden. Angonehni Ivarm wird der Kachelofen am besten, wenn Hein« Heizen etliche dicke Holzscheite unter den Torf oder die Preßkohlen gelegt werden, und der Ofen dann erst geschlossen wird, lvenn der Brennstoff vollständig zur Glut geworden ist. Für b Pfennig Holz und für Ii) Pfennig Preßkohlen genügen, einen ivärmercn Kachel- ofcn zu bekommen, als wenn man für 15 Pf. Preßkohlen verwendet hätte. Bei Mitverlvendung von dicken.Holzscheiten brennt die Preß- kohle schneller und besser aus. Da das Holz eine größere Stichflamine Stadt. Tonst fuhr er mit dem Omnibus; heute hielt er die Hand j erzeugt, als Preßkohle oder Tors, wird der Kachelofen ,n den oberen fest auf de» vorläufig letzten Wochenlohn. An gefüllten Läden.! Kachel, chichte» erheblich warmer, als lvenn nur Torf oder Preßkohle blitzenden Spiegelscheiben, belebten Restaurants führte sein Weg j verwandt w,rd. Um Erplostoiien bei Kachelofen zu vermelden, ist vorbei. Und er dachte fortwährend daran, auf welche Weise er seine i während des Helens, sowohl beim Feueramnachen wie beim Nach- ahnungslose Frau unterrichten sollte von dem Vorgefallenen. Wie legen von Brenn, tofs eine möglichst helle Flamme m, Ofen zu halten. er es aussprechen sollte, das drohende Wort:„Feierabend!" gr. Uliziveckmähige Spielsachen. Spielzeuge sollen dem lind- lichcn" Schaffensgcist, dem Drang nach Bethätigung, der Ausbildung körperlicher Geschiaiichkeit und der Entwicklung des Kombinations- Vermögens Anregung und Nahrung geben. Nicht mit Unrecht hat man in dieser Hinsicht den einfachen Sandhausen neuerdings als ganz besonders empfehlenswert hingestellt. Daß Technik und Mechanik sehr gute und empfehlenswerte Spielwaren, die zum großen Teile in Gestalt von Werkzeugkasten verschiedener Art, von Lehr- nhren, zusammensetzbaren Maschinen usw. gleichzeitig als Lehrmittel zu betrachten sind, geschaffen haben, ist unbestreitbar. Betrachtet man aber die tauchenden Fischt und Unterseeboote, wie sie gegenwärtig auf den Spicltoarenmarkt gebracht werden, auf ihren Wert als Spielwaren, so ist dieser äußerst gering. Diese Fabrikate find nämlich so eingerichtet, daß sie im Wasser selbst- thätig auf- und niedertauchen. Alan könnte zuerst denken, daß diese Fabrikate doch wirklich einen guten Zeitvertreib für Kinder darstellen und gerade dieser erste Eindruck wird dazu führen, daß sie vielfach gekauft werden. Auch läßt sich nicht verkennen, daß jedes Kind zuerst seine helle Freude über derartige Spielzeuge haben dürfte. Was kann eS aber nun mit tauchenden Fischen und Unterseebooten bc- ginnen? Das Spiel damit setzt einen großen Wasserbehälter voraus. In den Städten sind die Flüsse und sonstigen Gewässer fast durchweg mit so hohen Ufern eingefaßt, daß sie für das Spiel der Jugend wohl kaum in Frage kommen, ganz abgesehen davon, daß gewiß viele Eltern ihren Lieblingen ein Spielen auf und am Wasser wegen der Gefahr des Hineinfallcns kaum gestatten werden. Schließlich kann aber auch diese Verwertung von den hier in Frage stehenden Spiclsach«, nur iin Sommer in Betracht kommen. Es bleibt noch die Möglichkeit, daß die�mit tauchenden Fischen und Unterseebooten beschenkten Kinder diese Spielzeuge in mit Wasser gefüllte Gefäße setzen und innerhalb der Wohnung damit spielen. Die dadurch zu erreichende einzige Belustigung besteht nun darin, daß das 5iind das Auf- und Niedcrtauchen verfolgen kann. Aber jedes eimgermaßcn intelligente Kind Ivird diesen langweiligen Zeitvertreib schon nach ganz kurzer Zeit satt bekommen müssen. Eltern, die sich nicht die Mühe nehmen, auch beim Einkauf von Spielwaren und bei der Erlväguiig der Benutzungsmöglichkeiten kritisch vorzu- gehen, werden nun natürlich sofort das bekannte Klagelied anstimmen, daß die Jugend auch die Spielzeuge, über die sie sich zuerst un- bändig frent, schon nach ganz kurzer Zeit achtlos liegen läßt. Und doch ist diese Erscheinung in der Natur so unzweckmäßiger Spiel- waren ivie diese, welche dem kindlichen Bethätigungswunsch gar keine Möglichkeit geben, durchaus begründet und daher leicht erklärlich! Es darf nicht vergessen werden, daß auch die Beschaffung von Gefäße» mit Wasser seine Schwierigkeiten für das Kind hat, den» die relativ geringe Freude mit dem Auf- und Niedcrtauchen von Fischen und Unterseebooten ist doch nur dann lohnend, wenn recht große Gefäße das heißt: das Feuer darf nicht erstickt und nicht längere Zeit im glimmenden Zustand gehalten werden, weil sich auf diese Weise Gase in den Zügen bilden, welche sich bei plötzlichem Wiederausflackcrn entzünden, und so Explosionen hervorrufen können. Häufig kommen Explosionen beim Verbrennen von Reisig �Weihnachtsbäumen) und Hobclspähncn vor; das lvird aber unmöglich gemacht, lvenn das Feuer beim häufigen Nachlegen nicht erstickt wird, sondern fortwährend helle Flammen im Ofen gehalten werden. Explosionen sind auch bei geheizten und längere Zeit schon geschlossenen Kachelöfen nicht ausge- schlössen, wenn die Oefcn toicdcr geöffnet werdeg, um Papier oder andre leicht brennbare und hell aufflackernde Gegenstände bei Seite zu schaffen. ES sollte daher von jedermann vermiede» werden, einen geheizten Kachelofen als Papierkorb zu benutzen. Theater. Kleines Theater.„ E r d g e i st". Eine Tragödie in vier Akten von Frank Wedekind.— ES ist derselbe Weibtypus in dem„Erdgeilt" toie in StrindbergS„Rausch", jener Typus, den Frau Eysoldt mit so unerreichter Meisterschaft, echt in jeder Miene, jedem Tonfall und in jeder Bewegung spielt. Aber was man bei Striudberg aller launenhaften Willkür und Zerfahrenheit zum Trotz wenigstens in der ersten Hälfte des Dramas als ein lebendiges, tief-bedeutsameS Geschehen mitempfindet, das zieht bei Wedekind als eine Reihe bunter Kuriosa und Anekdoten fremd an uns vorüber. Der Poet in dein Strindbergschen Stücke, den die Geliebte des Freundes mit schmeichlerischen Listen umstrickt und vernichtet, hat doch gewisse individuelle Züge, die inenschliche Teil, lahme an seinem Schicksal erwecken und es zugleich als ei» notwendiges erscheinen lassen. Man sieht und fühlt es. wie die Fäden immer fester sich um ihn schlingen, wie, nach und nach, der Rausch des ersten großen Erfolges zusammen- fließend mit dem Rausche der Sinnlichkeit den Blick ihm umnebelt. Es ist ein Werden, Entwicklrnig, Steigerung, nicht ausgemalt im einzelnen, aber festgehalten in den großen entscheidenden Momenten, und darum eine tiefe, stimmungsvolle Spannung des Gefühls erzeugend. Bei Wcdckind geht es dagegen wie im Puppenspiele zu. Wenn StrindbergS geschmeidige Tenfelin Eine n ins Verderben stürzt, so wirtt Lulu gleich ins Breite. Drei Leichen, von einigen sonst gebrochenen Herzen noch ganz abgesehen, läßt sie als Zeugen ihrer Höllenmacht auf dem Schlachtfclde zurück. Freilich sie sind auch danach! Keiner der Niedergeknallten, keiner der glücklich Ueberlcbendeir, der sich einer»lenschlich eigenartigen Phhsiognomie erfreut hätte! Mail hört von ihnen wigefähr so viel ivie von Leuten, die als Helden irgend welcher Unglücksfälle in die Vermischten-Nachrichten, in die Mord- und Selbstmordchronik der Zeitiingen kommen; und dem- entsprechend ist die Teilnahme, die man für sie empfindet. Von einer inneren Entwicklung ist nicht die Rede. Lulu führt das ganze Stück hindurch im Grunde iinmer dieselbe Verführungssccne rnif, nur die Opfer wechseln von Alt zu Akt. Es ist eine Art drollig IVCVt/Ult-it I| r WV4J»U»*- VIK.tl V�V|V»LJ4. IV44V 4/4V~ I v 4-• VV V»y| V» I l.»"* I'' Y«IV ui Verfügung stehen, über die naturgemäß bei den beschränkten! pedantischer Gründlichkeit in diesem Demonstrationsverfahren. Mir jedenfalls wollte es nicht gelingen, noch dein Rezepte der Bewunderer WedetmdS in solchem Manko Finessen eine? ganz auserlesenen Ge- schmacks zu entdecken. Wedckind, heißt eS, ist der große Ironiker und Cynikcr. Er ist nicht naturwahr, er ist nicht dramatisch, aber er braucht cS auch nicht zu sein. Durcki das Slllcrpcrsönlichste, durch eine Stimmung weltvcrzwekfclndcn HohnS rührt er uns doch in allen Scelentiefeu auf. Aus dieser Stimmung heraus muß man verstehen und genießen, Ivas er schafft. Dann gewinnt auch, was äußerlich als Stümperei erscheint, die Marioucttcuhaftigkcit der Personen und Schicksale, geheimnisvollen Sinn. ES ist das eine der Arten, in denen er sich über Welt und Leben luftig macht.— Als Intention mag das in ihm vorhanden sein, aber in der Kunst gilt nur das Vollbringen. Nicht aus der Stimmung und Absicht, ans der es geschaffen, aus dem Eindruck, den eS auf unbefangene Sinne ausübt, ist das Wesen eines Werkes zu erkennen und zu werten. Sicher wäre der Stoff, den Wedekind uns vorführt, oft ironischer Behandlung fähig. Es hätte eine treffliche Tragikomödie des Gimpelfanges werden können, aber der„Erdgeist" ist diese Tragikomödie nicht. Der Dichter wird nicht Herr des Stoffes, die Ironie bligt nur in einzelnen burlesken Wendungen auf, geht nichi organisch umbildend, alles Besondere aus sich heraus gestaltend, in die Tiefen hinein. Ilnvennittelt schieben sich Mclodramatik und Burleske durch- einander und heben jede Einheit in der Stinmumg auf. Im ersten Akt trifft das Schicksal einen reichen Medizinalrat. Dr. Schön, ein Freund LuluS, der sie vor Jahren aus dem Schmutz aufgelesen und das gefährliche Geschöpf gern loS sein wollte, hat sie bei dem alten Herrn eingeführt, der dann auch schleunig in die Falle ging. Der neugebackene Gemahl begleitet sie ins Atelier, allwo ein junger Künstler sie im Pierrotkostüme malen soll. Einmal hat er die Unvorsichtigkeit, auf zehn Minuten zu verschwinden und im Hand- umdrehen hat Lulu auch die Künstlerseele schon verheert. Eine wilde Jagd beginnt im Arelicr. Wie der Medizinalrat eintritt, rühr: ihn in seinem Schreck der Schlag. Tot fliegt er zu Boden. Lnlu zieht ein betrübtes, scheues Gesicht, doch nur zum Schein. Erschüttert weist der Maler die sich Aufdrängende ab, bis ihn dann bald ein paar kleine kokette Listen zunickgewinnen. Im nächsten Akt ist die Reihe an ihn, der in der Zwischenzeit zu Liilus Gatten avanciert. Dr. Schön macht Lulu ernste Vorhaltungen, daß sie mit diesem hübschen und gesunden Burschen, sich wirklich min begnügen und ihn, den Doktor fernerhin in Ruhe lassen möge. Er habe sich verlobt, Lulu begreift nicht die Bedenklichkeite». Ein Sweit entsteht. Der Maler hörr die Wahrheit aus des Doktors Munde und schneidet kurz entschlossen im Nebenzimmer sich den Hals ab. Im dritten Akt geht eS dem Doktor an den Kragen. Lulu ist Tänzerin. Wutentbrannt ob ihrer elvigen Verfolgungen stürzt er in ihre Garderobe, wo sie»ach wiederum erfolgreicher Ver- führnng ihm einen Absagebrief an die Verlobte in die Feder diktiert. Nun hat sie ihn,„den Einzigen, den sie wahrhaft liebte", aber treibt eS inj seinem Hause toller, denn je zuvor. Ein Trio von Liebhabern,„ein angeblicher Vater", ein Akrobat, ein Gymnasiast er- freut sich an des Doktors guten Weinen. In jeder Ecke, unter jedem Tisch ist ein männliches Wesen versteckt, eine verfängliche Dame lauert hinter dem Ofenschirm. Noch eine Licbesscenc mit dem Bruder des Doktors, dann fährt der Mann dazwischen. Er preßt ihr den Revolver in die Hand, vor seinen Augen soll sie sich erschießen. Wie er sich wendet, drückt sie ans ihn los. Der Doktor bricht zusammen und der zitternde Gymnasiast, der aus seiner Ecke nicht rechtzeitig entschlüpfen konnte, jammert, daß man ihn nun wohl aus der Schule jagen wird. Die Laufbahn Lulus aber dürfte mm beendigt sein. Wenn daö Stück, das schon einmal vor Jahren in München aufgeführt wurde, diesnial einen nicht bestrittenen Theatcrcrfolg hatte, so dankt eS das dein ganz ausgezeichneten Spiele. Frau E y s o l d t>var erstaunlich. Sie hatte in jedem Akt dasselbe zu spielen und brachte doch das Wunderwerk zu stände, durch den ver- schlveuderisch ausgestreuteil Reichtum immer neuer Nliauccu, gleich- mäßig bis zum Schluß zu fesseln. Vorzüglich gab Reicher den Dr. Schön. Aus dem blassen Schema eine in sich geschlossene Ge- stall zu machen, das war unmöglich, aber den wechselnden Augen- blickSstimmuiigen, vor allem dem tiefen Ekel de-Z Betrogenen verlieh er wunderbar lebendigen Ausdruck. Auch die Nebenrollen wurden gm, Schigolch, Lulus Vater von Herrn Vallentin sogar sehr gut ge>pielt. Schade, daß soviel Kraft und Mühe keinem größeren Werke galten.—' ck t, Technisches. en. Ein neues G c s ch ii tz.„English Mcchanic" bringt die Mitteilung von der Erstndung eines neuen Geschützes durch zwei junge englische Jngenienre. Haycock nnd Hörne. Beide haben seit 4 /» Jahre» an der Konstruktion einer neuen Schilellfeuerkanone gearbeitet. Seit einer Reihe von Jahren hat die Maxim- Schnell- feuerlaiiolie als die beste Waffe gegolten. Jetzt wird dieser Rang auf das neue Geschütz übergehen, das im stände sein soll, ohne die geringste Gefahr für die Bedienung 1000 Schüsse in der Minute abzugeben. Die Erfindung unterscheidet sich von dem .Icarnn-Geschütz hauptsächlich dadurch, daß es statt eines Laufes deren zlvölf besitzt, die der Reihe nach durch Drehung in die gleiche Stellmig gebracht werden. Das Geschütz kann wie die ' ü'ariin-�cn lau e entweder auf einem Dreifuß oder auf Rödern Verantwortlicher Redakteur!<5»rl Leid in Berlin.— Drück und Verlag: angebracht, in jedem Grad und Winkel geschwungen oder geneigt werden, ohne daß dazu ein erheblich größerer Krastanflvand als bei dem Maxim erforderlich wäre. Durch eine einfache Hand- habe erfolgt daS Laden, das Feuern nnd das Auswerfen der Hülsen; die Kühlung der Läufe Ivird durch einen Wassermantel wie beim Maxml-Gefchütz bewirkt, jedoch erreicht hier das Wasser infolge der Drehung der Läufe während des FeuernS von selbst alle von der Hitze ergriffenen Teile unmittelbar. Ein Maxim vermag in: Höchstfall 010 Schüsse aus seinem einzelnen Lauf abzugehen. Wem: das neue Geschütz 1000 Schüsse in einer Minute liefert, so entfällt auf jeden Lauf nur ein Durchschnitt von etwa 83, so daß eine weit größere Wirkung mit geringerer Anstrengung des Laufes erzielt wird. Die Erfahrungen, die im südafrikanischen 5lrieg mit den Maxini-Geschutzen gemacht worden sind, haben die Wichtigkeit dieser beiden Umstände voll erwiesen.— Humoristisches. — Wie der Handlungsgehilfe spricht: Pünktlichkeit, im Schließen des Geschäfts, ist die Höflichkeit der Prinzipale. Besser einen dicken Chef als ein mageres Gehalt. Man soll den Chef nicht vor der Weihnachtsgratifikation loben. Gehalt giebt eS Ultiom. Vorschuß am ersten eines jeden Monats.— — S ch il l h I! m o r. Dorf-Schullehrer:„Hier sind zwei Eier; wenn ich mm noch zwei dazülege, wieviel sind es dann, Michel?" Michel lsteht ans, lacht pfiffig und sagt):„Sie können ja doch keine Eier legen, Herr Lehrer."—(„Jugend".) Notizen. — Hebbels Drama„ G y g c s» n d s e i n R i ng" gelangt am 10. Januar im Schans piekhanfe zur Aufführung.— — Verdis„Rigoletto" wird noch im Laufe dieser Spiel- zeit iicueiilstlidiert im Oper u h a u s c in Scene gehen.— — Eine Kling er-Aus st ellung, die in erster Reihe die Originalskizzen und Kompositionen zur BrahmS-Phantasie bringen soll, Ivird am 27. Dezember im K n>: st s a l o n A m c l a n g eröffnet.— — Ein großer deutscher I u g c u i c u r- K o u g r e ß wird im nächsten Sommer vom Verein deutscher Ingenieure nach M ü n ch e n berufen iverden. Man erwartet 2000 Besucher.— c. lieber die Direktion und den B c n m t c u st a b der Tibi- ri scheu Eisenbahn werden in einem soeben veröffentlichten statistischen Werk höchst merkwürdige Angaben gemacht. Von den 11112 aiigestelltcu Personen der Eiseubahn läßt sich mir von zwei Drittel» ftsfftelleu. welche Beschäftigung sie vor Eintritt in den Eisenbahlidieiist hatten, während das bei 3985 ein Geheimnis bleibt. Man nimmt au, daß diese zun: guten Teil Sträflinge waren, die die Spuren ihrer Verbrechen verwischt und falsche Namen an- genommen haben. Von den 11 112 Angestellten hatten nur 173 eine höhere Schule besucht, und nur 4000 überhaupt irgend eine Schule; die übrigen lonnten weder lesen noch schreiben, lieber 1000 der an der Eisenbahn angestellten Beamten waren wegen Raub, Mord, Einbruch nnd andrer schwerer Verbrechen nach Sibirien verbannt.— Büchereinlaus. —.Hugo Salus:„Ernte". Lyrik. München. Albert Langen.— — Margarete© cutler: Gedichte. Berlin. M. Lilien- thal.— — S v e n L a n g e:„S o in m e r s p i e l". Novelle. Autorisierte Uehersctznng von Mathilde Mann. München. Albert Langen.— — Karl L a r s e n:„Sechzehn Jahr e". Roman. Autori- sierte llebersetziing von Mathilde Mann. München. Albert Langen.— — Tristan©ertt ard:„E i n Mnsterjüiigling" Roman. Aiilorifierte llebersetzung von F. Gräsiii zu Reventloiv München. Albert Langen.— — Rose A n st e r l i tz:„Suggestion". Roman. Berlin, Prag. Wien. Verlag„Maja".— — Heinrich Mann:„Diana. Roman d c r H e r z o g i n von A s s y." München. Albert Langen.— — Heinrich Mann:„ Min e r v a. Roman der H er z o g i n v o n A s s y." München. Albert Langen.— — Heinrich Mann:„B c ii u s. Roman der Herzogin von A s s y." Nkünckicn. Albert Langen.— — Sven Lange:„Die stillen Stube n". Drama. München. Albert Langen.— — A n s k u n f t s b u ch für Schriftsteller. Herausgegeben von der Redaktion der„Feder". Berlm.— — D r. Kurt Lampert:„Die Völker der Erde." Eine Schilderung der Lebensweise, der Sitten, Gebräuche, Feste und Cercmonien aller lcbeiiden Völker. Mi 400 Abbildungen nach dein Leben. 2. Band. Stuttgart. Dcntsckie VcrlagSanstalt. Preis 12,50 M.— — Verkehrs karte von O estreich- Ungarn und den B a l k a n lä n d c r ii. Wien. G. Frctztag u. Berndt.— Die nächste Nummer des UnterhcckningSblattes erscheint am Sonntag, den 21. Dezember.____ ZorlvärtS Buchdruckerei mW BeAagsanftall Paul Singer& Co., Berlin KW