Mnterhaltnngsblatt des Vorivärts Nr. 248. Sonntag, den 21. Dezember. 1902 (Nachdruck verboten.) Im Kreife. Erzählung von W a c l aw Sieroczewski. Deutsch von N o s a S ch a p i r e. Alexander wartete, bis sich alles wieder beruhigt hatte, faßte mit dem Arm über seinen Kopf und begann, indem er leicht gegen das Messer stieß, ein Loch ins Eis zu bohren. Tann steckte er das Messer ins Loch, und ohne seine Lage z" ander, zog er sich vorsichtig in die Höhe. Er wiederholte dies Manöver cinigeinal, bis er sich vergewisserte, daß er auf dem Eise niederknien könne, da begann er. ans den Knien rutschmd, sich vom Wasser zu entfernen. Er hörte das Rauschen und fürchtete, daß ihn die Ströniung weit fortgetragen habe. Vor sich sah er ein schwarzes, ungeheures Loch, in dem sich die Sterne spiegelten und dann wieder hinter Wolken ver- schwanden. Aus dem lauten Plätschern des Wassers erkannte er jedoch, daß er oberhalb der Hauptströinung der Blicht war, hier wurde es flach und er konnte die Insel auf alle Fälle, sei es auch iin Wasser watend, erreichen. Von dort aus war es bis nach Hause nicht mehr weit. Es zeigte sich jedoch, daß die Eisscholle sich nicht vom Uferrande entfernt hatte, er sprang hinunter und begann den Platz zu umkreisen, klopfte prüfend mit dem Messerstiel aufs Eis, da das Ende seines Stockes be- reits so weich geworden war, daß es keinen Klang inehr gab. Ter dunkle llferrand hob sich immer deutlicher vor ihm ab. Fetzl erreichte er das Ufer mit einenl Satze und lief aus Leibes- rräften bis zu Froschauges Jurte. Bei der schnellen Be- wcgung wurde er warm, und das gab ihm ein Gefühl der Sicherheit und Freiheit. Lange klopfte er gegen die Thür, bis ihn die Schläfenden hörten. Hustend, räuspernd öffnete die Frau den Riegel. „Tehie Tochter ist nicht hier. Die ist bei Dir zu Hause." „Zu Hause? Allein?" „Allein. Was kann ihr denn passieren? Ich Hab' sie e i Abend nach Hause getragen und bin bei ihr gesessen, bis s.e eingeschlafen ist." „Bist eine tüchtige Frau! Ich bring' Dir was Schönes f'.: der Stadt mit. Jetzt aber steck' Feuer an, daß ich meine tu eider trockne. Ich bin ins Wasser gefallen, und zu Hause weck' ich das Kind." „Aj— ka— byn!" Tie Jakutin schlug die Hände zu- sannnen, als sie beim Lichtschein Alexander in seinen durch- näßten, mit Eis bedeckten Kleidern sah. „Du bist unglaublich tollkühn, Fremder! Keiner von uns wird wagen, den Fluß in der Nacht zu überschreiten!" Da lächelte er stolz. VI. Alexander hatte sehr viel Mühe, das Pferd zu bändigen und vor den Pflug zu spannen. Es warf sich zurück und bäumte sich, das ungewohnte Gerät, die Bewegung der Räder, das Poltern der Erdschollen erschreckte es; es zitterte und schäumte, stellte sich auf die Hinterbeine und zerbrach den Pflug wiederholt. Alexander hatte niemand, der ihm ge- halfen hätte, denn selbst Froschauge mied ihn, seitdem er sich Kapitons Feld angeeignet hatte. Zosia lind Ajax, die einzigen Zeugen seiner Benuchungen, vermehrten die Verwirrung. Das Kind schrie:„Papa! Das Pferd schlägt Dich tot!" und weinte krampfhaft, und der Hund bellte das ungehorsame Pferd unaufhörlich an. So nmßte Alexander denn beide zu Hause einschließen: aber er wandte sich häufig um und immer sah er das Gesicht seines kleinen Mädchens, das gegen die Scheiben gedrückt war, und das machte ihm Mut. Endlich nach vieleil Versuchen, nachdem er Wrony ein- und ausgespannt hatte, verstand das Pferd, was man von ihm verlangte, und begann gleichinäßige Furchen zu zieheil. Die Jakuten, die in jener Gegend wohnen, pflügen nicht im Herbst, sondern erst direkt vor der Saat. Alexander beschloß, es zuni erstennlal ebenso �Ivie die Eingcbornen zu machen. Er beackerte ein Stück Feld, das seiner Jtirte ain nächsten lag, auf dem Hügel, wo es Spuren früherer Feldarbeit gab. Die Erde schien gut und locker. Das Vorhandensein mancher Pflanzen war ein Beweis ihrer Fruchtbarkest. Alexander wollte mit der Zeit den ganzen Hügel bebauen, wo es wohl an vier Zehent lehmigen Bodens gab; aber diesmal hatte er weder Zeit noch Getreide genug, und so begnügte er sich mit einigen Hundert Klaftern. Einen Tag wartete er, damit der Acker trocken wurde, danu begann er mit der Aussaat. Das Eis im Flusse ging krachend, es trieb schäumend und brausend nach Norden. Aus dem Thale, das bald im Sonnenlichte funkelte, bald mit Wolken bedeckt war, hörte man das Bersten der springenden Eisschollen, der Wind heulte und Scharen von Wandervögeln flogen krächzend vorbei. Jeden Augenblick hörte man das Schreien der Gänse, die klagenden Töne der Möven, das Krächzen der Kraniche. Ganze Schwärme wilder Enten zogen schweigend vorüber und schlugen nur mit den Flügeln; ruhig und lautlos wie Nebel- bilder zogen Schwäne vorbei. Auf den Wiesen, den Sümpfen, dem See begrüßten sich pfeifend, schreiend Möven, Lerchen- salken und kleine Enten. Auf trockenen, höher gelegenen Plätzen kämpften Feldhähne untereinander, im Walde schrie der Kuckuck. Alexander streute vorsichtig die Körner. Er war bewegt, seine Hände zitterten. Er sah zum Himmel empor und un- willkürlich entblößte er den Kopf. So begann denn ein neues Leben. Gut oder schlecht, aber jedenfalls anders. Alle Be- wohner der Jurte assistierten diesem feierlichen Akt. Neben dem grauen Leinwandsack, kaum größer als dieser, stand Zosia in ihrem Strohhut mit einem Strauße gelber, jakutischer Primeln. Neben ihr hatte sich Ajax niedergelegt, er ließ die Ohren hängen und verfolgte aufmerksam die Arbeit seines Herrn; selbst Wrony, vor die Egge gespannt, wandte ihm seinen klugen Kopf zu, er wieherte leise und spitzte die Ohren. Alexander streute das Getreide mit vollen Händen. Doch die Arbeil war nicht leicht; sein erster Wurf war zu stark, der rächstfolgende zu schwach, die dritte Handvoll trug der Wind auf eine Stelle hin, wo er schon gesät hatte. Unterbrechungen und zu dichte Stellen, die Alexander vergebens iil Ordnung zu bringen suchte, wiederholten sich; seine Beniühungen waren umsonst, das Korn gehorchte der ungeübten Hand nicht. Aergerlich und furchtbar müde, wollte er einen Versuch mit Sand niachen, lim nicht unnütz Feld und Sainen zu vergeuden. Er mühte sich, sich klar ins Gedächtnis zu rufen, wie es die Bauern bei ihm zu Hanse machten: die schöpften daS Koni aus der Schürze und streuten. Beiin ersten Schritt flog eine Handvoll Getreide iin Halbkreis nach rechts, beim zweiten im Halbkreis nach links. Eins, zwei.. eins, zwei! Einigemal schritt er über das Feld und streute Sand, bis er fühlte, daß seine Bewegnngeii freier wurden. Ehe er jedoch mit der Hälfte des Feldes zu Ende war, sah er drei Reiter am entgegen- gesetzten Ufer des Sees. Der eine ritt voran, dmin folgten zwei, die zusammen auf emein Pferde saßen. Bei Frosch- auges Jurte übersetzten sie den See und ritten jetzt direkt aus ihn zu. Alexander erkaimte Kapiton mit Sohn und Knecht. Um auf alle Fälle gerüstet zu sein, hing er seine Waffen um, die er nebeil dem Sacke hatte liegen lassen. Die Jakuten stiegen ab, sie schienen nur Messer im Gürtel zii haben. Der Arbeiter jedoch galt als Streithans und als der stärkste Kerl in der ganzen Gegend. „Kapsiel" begrüßte ihn Kapiton vorsichtig. „Kapsie!" „Was machst Du, Frenider? Du säst wirklich mif meinem Grund und Boden? Das ist doch kein herrenloses Gut, und die Gemeinde hat Dir's nicht gegeben. Du weißt das ivohl. Das Feld gehört nur, und nach dem Gesetze kann ich Dir's mcht abtreten." „Auch ich handle nach dem Gesetz. Ich habe Euch gesagt: Gebt Ihr nicht gutwillig, so nehme ich! Verklag' mich nür. Soviel Jahre hast Du nicht gesät; Du braiichst das Feld nicht." „Mach' Du Dir keine Sorgen darüber, ob ich's brauche oder ilicht. Ich geb's nicht, denn es ist nicht meine Sache, für die Gemeinde einzustehen. Fort mit Dir!" „Schäm' Dich, Alter! Hab' ich Dir schon viel Land fortgenommen? Wenn ich mal fortgehe, gebe ich Dir's in besserein Zustande ziirück." „Deines will ich nicht haben und meines geb' ich nicht. Und zu schämen brauch' ich mich nicht, ich Hab' nicht gestohlen, iiock- fremdes Gut genommen. Geh' uiid mach' kein« Flausen." Alexander zuckte mit den Schultern und machte sich ruhig wieder an seine Arbeit. Die Jakuten aber traten ihm in den Weg. „tlntersteh' Dich nicht! Brauchst Du Gewalt, so brauchen tvir sie auch!" „Bist Du verrückt geworden. Alter? Stör' mich nicht länger und niach' hier Plah. Ich Hab' Dir ja schon gesagt, daß Du mich verklagen kannst." „Das ist eine Sache für sich, den Boden aber sollst Du nicht kriegen!" Er streckte die Hand nach dem.Eimerchen aus Birkenrinde aus, in dem Alexander das Korn trug. „Hej, Bahylej!" rief er dem Knecht zu,„nimm den Sack." Bahylej gab Kapitons kleinem Töhnchcn die Zügel. Alexander wurde blaß und nahm seine Waffe. „Hör', Alter, verlier' den Verstand nicht und mach' keine Dummheiten. Ich werde säen, und wenn Dt» Gott weiß waö angiebst. Tu sagst, daß die Gemeinde Dir nicht aufgetragen hat, mir Ackerland zu geben. Schön, so werde ich Dir Pacht bezahlen und mir das Geld von der Gemeinde zurückzahlen lassen. Ich werde zahlen, wieviel der Zasiedatiel bestimmt. lind jetzt fort niit Dir. Denn ich werde säen, auch wenn Du Dich auf den Kopf stellst." „Warum sollte ich denn auf dem Kopf stehen? Auch wir bezahlen Steuern und find Menschen. Geld nehmen wir nicht von Dir, wohl aber Du von uns.. fremdes Mistvieh! Ich werde Deinen Samen ausschütten lind damit basta!" .Er holte mit dem Fuße in der Richtung des Sackes aus, aber Alexander stieß ihn im selben Augenblick mit einem kräftigen Fußtritt zurück. Der Jakute taumelte. „Seht mal, seht! Der wagt zu schlagen! Du bist wohl tatarischer Abstammung?" „Fort nlit Euch! Auf der Stelle! Das Land uni mein Haus ist mein!" schrie Alexander uild stieß mit dem Flinten- kolben auf die Erde. Seine schwarzen Augen schössen Blitze, die Stirnadern schwollen. „Marsch, fort!" Tie Jakuten traten einen Schritt zurück, bliebe»»eben den Pferden stehen, aber sie dachten nicht daran, fortzugehen. Tie Lage wurde schwierig. Er wollte nicht dastehen und sie bewachen, arbeiten aber konnte er nicht, denn sie hätten ihm im selben Augenblicke den i-:ack fortgenommen. Sie errieten sein Schwanken. „Wir werden hier auf dem Feld übernachten, aber Dir überlassen wir's nicht! Verfluchter Räuber! Ter steht da, wie festgewachsen!" „Ajax, Ajax! Her da!" Zosia kroch aus dem Gestrüpp heraus und betrachtete die Fremden neugierig. Ter Hund schoß wie ein Pfeil auf Alexander los. „Ajax, aufgepaßt!.. Laß das nicht anrühren!" Er ließ den Hund als Wächter neben dem Sacke und begann ruhig weiter zu säen. Tie Jakute» betrachteten da? große, zottige Tier, das sich ihnen zornig zuwandte, mit nicht geringem Schrecken. Die gelben Augen des Untiers folgten all ihren Bewegungen, seine lang herunterhängende Lippe hob sich krampfhaft, er fletschte die Zähne. Alexander entfernte sich immer mehr. Da bestiegen sie ihre Pferde und folgten ihm. „Du willst den Hund auf uns hetzen?.. Sä' nur, Liksaudra, aber ernten wirst Du nicht! Das wirst Du nicht er- leben!" schrie Kapitou ihm nach und schlug den Weg wieder ein, den sie gekommen waren. Alexander ließ sie nicht aus den Augen, so lange sie um de» See kreisten, sie aber sahen sich häufig um, hielten sogar einmal die Pferde an. sprachen untereinander und wiesen mit der Hand nach seiner Jurte. Vor Froschauges Jurte machten sie Halt, saßen ab und gingen in die Stube. „Feige Memmen! Die thun mir nichts! Haben ja's Herz nicht dazu," murmelte Alexander.„Geh' nach Hause, Kleine! Sei brav und geh' nach Hause! Wrony wird Angst haben. Geh' und nimm Ajax mit," redete er auf Zosia ein. „Sind die Jakuten gekonimen? Gute oder böse Jakuten? Wollen sie Dir das Feld nicht geben?" fragte die Kleine altklug und sah in das vergrämte Gesicht des Vaters. „Geh' nach Hause. Kind! Ajax, nach Hause!" Beide gingen ungern. Alexander spannte das Pferd vor und begann es ruhig zu unterweisen, indem er es an der Trense führte. Er ging einmal ums Feld, dann machte er eine Pause. Es war schon MittagSzeit und die Sonne brannte. Selbst die Vögel schwiegen und verbargen sich im Laub. Durst quälte ihn. Zosia rief vom Hause aus, daß sie Hunger habe, so ging er denn, um das Essen zurecht zu machen. Stachmittags ging er wieder aufs Feld und arbeitete bis zum Abend. Die Sonne ging unter. Das Pferd war müde und bewegte sich nur ttäge, man mußte es mit lautein Rufen und Peitschenknallen anfeuern. Auch Alexander war furchtbar abgespannt von dem einförmigen Auf und Nieder ans dem kleinen Flecken. Kühlung wehte vom Fluß: die eisernen Zähne der Egge schlugen gegen die Eisschicht des Bodens, die beim Untergang der Sonne sich schnell wieder zusammenzog. Die feuchte Erde verhärtete sich. Es war Zeit, auszuruhen, das Nachtessen zu kochen, der Kleinen zu essen zu geben und sie zu Bett zu bringen. Alexander spannte das Pferd aus und führte es nach Hanse. Er wollte die Egge aus dem Felde stehen lassen, da er leine Lust hatte, das schwere Gerät auf dem Rücken nach Hanfe zu schleppen, aber der Anblick des gesattelten Pferdes vor Froschangcs Jurte mahnte ihn, daß er auf seiner Hut sein müsse. Als er sich endlich mit dem Kinde zum Essen gesetzt hatte, der Hund zu seinen Füßen lag, fühlte er wie Ruhe und Frieden ihn überkamen. Eo war der erste Tag wirklicher Arbeit. Zum erstenmal in seinem Lebe» hatte er selbst den Schoß der Mutter Erde, der großen Ernährerin, berührt, c» stand keine Mittelsperson zwischen ihm und ihr. „Iß, Töchterchen," sagte er, indem er das warme, ge- röstete Brot zerschnitt und Thec einschenkte.„Bald werden wir unser eignes Brot estcn." „Mit Butter?" „Vielleicht auch niit Butter." Die Flamme knisterte lustig im Kamin und vergoldete die kahlen Wände mit ihrem rötlichen Lichte: Ajax, der auf- recht neben seinem Herrn saß, schien sein Essen, das auf dem Herde stand und noch nicht serlig war, zn bewachen. Alexander überkam ein ungeheures Bedürfnis nach Rube. Die Augen fielen ihm zu, die Arme sanken schlaff herab. Aber er hatte noch viel zu thun: er mußte Zosia aufziehen— die arme Kleine, die den Kopf aufgestützt hatte, war in den Kleidern eingeschlafen—, Ajax und das Pferd füttern und Geschirr auswaschen. „Papa! Papa! Meine Blumen ins Bettchen! Die sollen mit mir schlafen wie'ne Puppe," flüsterte die Kleine mit geschlossenen Augen. Ev suchte den mit einem Halni zu- sammengebnudeueit Blumenstrauß und legte ihn aus ihr Kissen. Das Pferd war noch warm, und er mußte warten, bis es sich abgekühlt hatte, ehe er ihm zu fressen geben konnte. Das arme Tier, das müde und hungrig war, wieherte leise, gleichsam klagend, als er Heu in die Krippe thut. Die Arbeit im Freien machte ihn wieder frisch. Ter Abend war ruhig und feucht. Purpurne Abendröte bedeckte den Himmel und überflutete die ganze Gegend mit tiefen Tinten. Die graue Ferne, der. dunkle Wald, der Nebel jenseits der Wiesen, die Wolken, die unbeweglich über dem Alban hingen, alles strablte in ihrem Lichte. Eine Schar Enten flog über das Thal und verschwand im nahen Gebüsch. Alexanders scharfes Ohr fing die von dorther komme» den Stimmen auf, auch das Geschrei der Gänse und die Sttmmen andrer Vögel unterschied er. Dort bildete der schmelzende Schnee alljährlich einen kleinen, dicht mit Weiden umstellten See. und diesen Platz wählten sich die Wandervögel mit Vor- liebe zum Nachtquartter. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck vervotcu.) jVlutterpflickten. Von L s o u X a n r o f. Autorisierte Uebcrsetzung. (Die junge Mutter— oder vielmehr angehende Mutter— liegt auf einer Chaise-lcmgue, auf Bergen von spitzenbesetzten Kissen, um- geben von Kinderwäsche: so allerliebsten, so koketten Jäckchen, Häubchen, Hemdchen, daß man sie eher für Puppensachcn, als für Gebrauchsgegenstände halten möchte. Eine Freundin tritt ein. Leb- hafte Freudenrufe der jungen— angehenden— Mutter, die sich er- heben ivill, aber durch eine Handbewegung der andren zurückgehalten wird. Zärtliche Umarmungen.) Die Freundin:„Wie hübsch Du aussiehst. Liebste I Gar nicht angegriffen!"_ Die Mutter(geschmeichelt, daulbar):„Wirklich? Sehe ich nicht garstig auS?" Die Freundin:„Tu siehst snsch und rosig auS, wie ein ÄieugelsoreucS! WaS inachl Dein Baby'i* Die Mutter:.Aristidc? Er wird schon ein bißchen nn- geduldig.. Die Freundin fachend):„Arifiide? Wird es denn ein ilnabe sei» V „D i e Mutter(sehr ernst):.Selbstverständlich! Mein Mann hat es mir fest versprochen.,. Daü war meine Hanplbedingung, als wir uns heirateten. Ich erklärte ihm: Ich will zuerst einen Jungen haben!" Die Freundin:„Ader lveim es nun doch ein Mädchen sein wird?" Die Mutter:„Das würde ich meinem Mann nie ver- zeihen!" Die Freundin:„Wahrhaftig?!... Und was gedenkst Dn mit Arisiide zu machen? Wirst Du eine Amme nehmen?" Die Mutter(entrüstet):„Eine Amme? Den süßen Kleinen einer Amine, einer Mietsperson, einem elenden Bettelioeib ander- tränen, das womöglich schmutzig und unsauber ist?! Niemals I Ich lverde ihn selbst nähren!(Doeierend): Meiner Meinung nach ist eine Frau, die ihre Kinder einer Amme übergiebt, überhaupt nicht wert, Mutter zu werden!" Die Freundin(sie umarmend):„Ach, Liebste, loelch' ein Genuß, Dich so sprechen zu hören! Junge Krauen, besonders wenn sie hübsch und elegant sind wie Du, finden so selten den Mut, ihre Mntterpflichten zu erfüllen." Die Mutter:„Mit? Was für ein Mut gehört denn dazu? Ich meine, das ist ein Vergnügen!(Sich allmählich ereifernd.) Mama und das Baby— das ist doch so nett I... Beide weiß, beide zierlich und sauber, wie auf den hübschen Bildern, weißt Dn, in den Modejournalen, mit Versen darunter, in welchen man sie mit allen möglichen hübschen Dingen vergleicht, z. B.„Rose und Knospe" oder„Henne mit Küchlein"... und was weiß ich noch alles"... Die Freundin(weniger begeistert):„Ja, ja. in Versen macht sich das ganz hübsch.... Aber dann muß man sich doch auch so manche Entbehrung auferlegen..." Die Mutter(immer noch entzückt):„Selbstverständlich! Man muß eben verzichten lernen! Ich habe meinem Mann übrigens schon gesagt: Dn weißt, ich will sehr vernünftig werden! Also so lange ich Baby nähren muß, fordere mich nicht zu Besuchen anf, selbst nicht bei Deiner Mutter!... llm so mehr, als sie mich langweilt, seine Mutter. Dn kannst Dir gar keinen Begriff davon machen!... Ich werde mich nicht von Hause fortrührcn!" Die Freundin:„Sehr gut!" Die Mutter:„Meine Freundinnen können mich ja besuchen, wenn sie mich sehen wollen; man wird dann so gegen fünf Nhr lleine Theegescllschaften im Garten arrangieren, sobald es das Wetter erlaubt. Dn sollst mal sehen— das wird allerliebst sein! «Sehr ernst.) Ich will lediglich meinem Baby gehören.. bis sieben llhr!" Die Freundin(erstaunt):„Nur bis sieben llhr!" Die Mutter:„Ja, solche Kinder schlafen doch ftüh ein. Wir bringen Baby vor den: Diner zur Ruhe, wenn wir mal aus- wärts speisen wollen." Die Freundin(inquisitorisch):„Gedenkst Dn oft auswärts zu speisen?" Die Mutter(verlegen):„Nein, nicht oft!.. Etwa drei oder vier Mal in der Woche.. höchstens!" Die Freundin:„Ja, aber Ivenn Du Baby selbst nähren willst, mußt Du mit Deinen Mahlzeiten sehr vorsichtig sein, ver- stehst Dn? Keine gewürzten, reizenden Speisen, keine Weine, keine Spirituosen..." Die Mutter(lachend):„Du glaubst vielleicht, ich betrinke mich bei jedem Diner? Ich trinke einen Fingerhut voll, Liebste, ivenn es hoch kommt... Und ebenso mäßig bin ich beim Essen: ich habe solch' schreckliche Furcht, dick zu werden I" Die Freundin(lächelnd):„Sieh mal an! Die liebe Eitel- keit! Um eine gute Nährmutter zu sein, darfst Du Dir aber auch nicht das Esten entziehen, selbst wenn Du wirklich dick werden solltest!" Die Mutter(betroffen):„Ich soll dick werden?... Ol... ES wird doch vielleicht besser sein, nicht auswärts zu speisen.... Ich werde dann nur von Zeit zu Zeit mit meinem Mann irgend eine Abendgesellschaft besuchen, weiter nichts I" D i e Freundin: Abendgesellschaft? Womöglich tanzen? Dir die Milch verderben?" Die Mutter(etwas gereizt):„Milch verderben?... Tanzen... Gott, eine große Herrlichkeit, solch' ein Walzer... oder zwei I" Die Freundin:„Und wenn Baby in dieser Zeit plötzlich Hunger bekommt?" Die Mutter(verblüfft):„Wie? Mitten in der Nacht? Ja, glaubst Du, daß ich ihn daran gewöhnen werde, wie ein- erwachsene Person so spät zu soupieren? Der Arzt hat mir und meinein Mann das Souper verboten, weil eine so späte Mahlzeit der Gesundheit äußerst schädlich sei.(Triumphiercad.) Und wenn das für uns, seine Eltern, nachteilig ist, dann muß es doch für Aristide noch viel gefährlicher sein, nicht wahr?" Die Freundin(lächelnd):„DaS läßt sich wohl nicht ver- gleichen... Aber in jeden, Falle ivirst Du doch zu solch' einer Soiröe Toilette machen, ein Korsett rragen. Dich schnüren, die Blut- cirkulation erschweren, nicht wahr?... Und das alles ist streng verboten, wenn man nährt, genau so streng verboten, wie sich müde und malt zn tanzen und spät schlafen zu gehen!" Die Mutter(liqchdenNich):„Mein Gott, ich spreche immer davon, daß ich Aristide nähren will!.. Am Ende werde ich es gar nicht können? Der Arzt sagte mir:„Bei Ihrer zarten Konsiitnhon wird es vielleicht besser sein, das Kind mit der Flasche aufzuziehen!" (Bittend.) Mau kaim eine gute Mutter sein, auch wenn man sein Baby mit der Flasche auszieht, nicht wahr?" Die Freundin:„Aber sicher, liebeS Herz! Auch dabei ist so mancherlei zu beachten, wozu allein eine Mutter die nötige Anfmerk- sanckeit und Sorgfalt mitbringt. So z. B. das Sterilisieren der Milch, gleich ivenn man sie ins Haus bringt..." Die Mutter(erschreckt):„Wie? Aber man bringt sie schon mn 6 Uhr früh...1" Die Freundin:„Nun ja, dann muß man eben um 6 llhr ausstehen." Die Mutter(weinerlich):„Wenn man aber gewöhnt ist, erst um 10 Uhr aufzustehen...?(Nachdenklich): Mein Gott... schließlich... das mit den Ammen... ist doch weiter nichts als ein Vorurteil? Es giebt wirklich Prachtcxenchlare unter ihnen! Und von dein Augenblick an, da man solch ein Mädchen gnt pflegt, reichlich ernährt, sorgfältig überwacht.. Die Freundin:„Es in seiner Nähe schlafen läßt, damit man in der Nacht sofort hören lann, wenn Baby weint oder irgend etwas braucht..." Die Mutter(träumerisch):„Ja... ja..." (Es schlägt 5 Uhr.) Die Freundin(aufspringend):„Ach, mein Gott' Schon so spät? Ich muß mich bceilci,..." Die Mutter:„Warte doch noch ein paar Minuten. Mein Mann kommt gleich. Du mußt ihin doch„Guten Tag" sagen. (Man hört eine Thür öffnen; eine Männerstimme im Korridor.) Da ist er schon I" (Eintritt des Gatten. Höflichkeiten:„Gnädige Frau!" Hände- schütteln. Definitiver Abgang der Freundin. Endlich allein!) Der Gatte(die junge— angehende— Mutter uinarmend): „Gar nicht müde, Liebchen?(Unruhig.) Du siehst ja so traurig ans?" Die Mutter(wie aus einem Tranin erwachend):„Was? Ich?... Wie kommst Dn darauf? Ich habe mit meiner Frermdin geplaudert.. Der Gatte:„Ich Ivette, sie hat Dir gute Ratschläge gegeben. Sie macht solch einen gesetzten Eindruck!" Die Mutter:„Sie ist eine Frau, auf deren Worte man hören kann, nicht wahr?" Der Gatte:'„Unbedingt! Slber was hat sie Dir denn gesagt?" Die Mutter:„Was sie mir gesagt hat? Sie hat mir gc- sagt, daß e-Z mir unmöglich, einfach absolut unmöglich sein wird, Aristide zu nähren, daß wir unbedingt eine Amme nehmen inüssen!" Der Gatte(sehr erstaunt):„Eine Amme? Warum nicht gar! Sie,,." Die Mutter(sehr entschieden):„Jalvohl, eine Amme!... Man macht die armen Kleinen zn unglücklich, wenn man sie bei sich behält;— man muß den Akut habe», sich von ihnen zn trennen!"— kleines Feuilleton. tli. Im Krankenhaus. In dieser letzten Sprechstunde vor dem Fest waren die Besucher ziemlich spärlich gekommen. Tie meiste» hatten zu thun, sei es im Geschäft, sei es an eigenen Weihnachts- arbeiten. Nur die allernächsten Bcrlvandtcn hatten sich an den Krankenbetten eingefunden. Die junge Frau saß auf dem Bcttraud und hielt ihres Mannes abgezehrte Hand. Ein hoffnunasfrohes Leuchten lag auf den beiden Gesichtern: „Und Schmerzen haste wirklich nich mehr?" „Nee, jarnichl Bloß wenn se n Verband abnehme», aber dann brennt's auch wie der helle Deibel I" Die Augen der Frau glänzten auf:„Du weeßte, eise ntl ich biste noch jut wechjekommen. Neulich is Maurer Bemcr von» Jcrüst je- fallen; tot war er auf der Stelle." „Der Doktor sagt, noch drei Wochen, dann kann ick wieder rauS, und'S Bccn bleibt nich mal steif." „Det is noch's beste, aber dct de rni auch über Weihnachten drinbleiben mutzt, jrade über Weihnachten, und unser erstes Weih- nachtsfest!" In ihrer Stimme zittene cS jetzt doch, wie leicht ver- haltene Thräne». Er fuhr ihr liebkosend über die Wange:„Na, laß mau, Mieze: 'n ersten Feiertag is Sprechstunde, dann sehen wir uns, und Heilig- Abend is ja auf'n Mittwoch, da is auch Sprechstunde, dann sehen wir uns zweimal hinternander." „Heilig-Abend is keine Sprechstunde!" rief eine Stimme aus dem Nebenbett. „Na gewiß is Sprechstunde, er fällt ja auf'n Mittwoch." meinte einer von den andren Besuchern. � „Nee,'s is aber dockn keene Sprechstunde, Schwester Minna hat mir's gesagi:'n Heilig-Ävend fällt die Sprechstunde aus." „9inmt, warum denn mit einmal? Und misasrechnet anf'n He!l!g-?lbe»d? Wo man froh is, loenn man seine Leute sieht." „Na, dafor haben«vir ja'n ersten Feiertag frei." „Als ob det nich einfach selbstocrständtich wäre, det man seine Freunde in de Feiertage ficht." „Was hat inan denn hier in bis Loch, wenn nich det bisken Freude auf'n Besuch." Die Unterhaltung war jetzt eine allgemeine geworden rmd flog von Bett zu Bett, auch die Gäste beteiligten sich daran. Tie alt? Frau, die drüben in der Ecke am Bett ihres totkranken Sohnes saß, stand auf und ging zu einer andren hin. Banges Eniseben malte sich auf ihrem welken Gesicht. Sie tuschelte:„Nee, is das wirklich ivahr? Ach nee, man blos; nich, wo ivir alle Heilig-Abend zusammen- jewesen sind, und's is janz jewiß sein letzter Heilig-Abend, und da soll ich nich bei ihm sein können? Und's war' noch nich mal auf'n Abend,'s war' doch nur auf'ne Stunde am Nachmittag." „Se haben'ne jroße Feier vor," erzählte der Kranke, der zuerst gesprochen.„Schwester Minna hat es mir gesagt. De Schwestern lver'n Choral singen und der Pastor wird'ne Andacht halten, da haben se vill zu ville zu dhun, da könn'n se keenen Besuch hier nich dulden." „Na ja, von wejen nich dulden, ich huste was auf ihre Feier, iven» ich auf'n Weihnachtsabend nich mal mit meine Rinder zu- sammen sein soll." Der Mann in dem ersten Bett der linken Reihe erhob sich etwas aus seinen Kissen und packte die jungen Mädchen mit dem Eigensinn des Kranken am Arm:„Det Ihr mir herkommt auf'n Heilig-Avend, 'ü is Sprechstunde, se müssen Euch reinlassen l" „Ja, ja doch, Vater I" Die Große streicht ihm beruhigend das abgezehrte Gesicht, die kleine Blonde schluchzt:„Na, wir wer'n doch her dürfen. Nu sitz'n wir schon Weihnachten janz allcine, und wo nu Mutter erst jestorbcn is..." „Laß doch man, Käthchen." Die Große stößt sie an und weist heimlich auf den Kranken, dessen Backen brennen.„Det Ihr mir herkomnrtl" Er sagte es noch einmal. „In de erste 5tlasse is Besuchsstunde," erzählt eine Frau,„in de erste Klasse können se überhaupt alle Tage ihre Verwandten bei sich sehen, zu jede Zeit, wenn se wollen." „Na ja. die bezahl'« auch!" „Na. bezahlen wir etwa nich? Von uns hol'n se sich's Ge':d so gut, wie von die und unser Bisken zahlen wir oft noch'n ganz Theil schwerer." „Ja. weiß Gott, und dann soll man Weihnachten noch..ich aal de Verwandten bei sich sehen?" „Nee, det können se Eenen doch nich zumuten." „Det lver'n se auch schon nich thun. Det wär' ja jrausam."— Es war ein Hin und Her in dem großen Saal, und mitten hinein klang die Glocke, und die schwarze Gestalt der barmherzigen Schwester erschien in der Thür. Mit lauter Stimme rief sie durch den Saal:„Die Besuchszeit ist zu Ende, nächste Sprechstunde am ersten Feiertag, die Sprechstunde am heiligen Abend fällt ausl" Sie thaten es also doch, das„Grausame". Es entstand ver- legen es Schloeigen im Saal, hier und da ein unterdrücktes Schluchzen, ein leise geflüstertes Abschiedswort, das halb wie ver- haltenes Grollen klang. Die kleine Alte stand vor der Diakonissin und rang die Hände: „Ree, aber Schlvester Minna, auf'n Weihnachtsabelid... und's is doch sein letzter. Weihnachtsabend... und da soll ich nich mal bei meinem Jungen sein? Lassen Se mir doch reinl" „Aber Frau Müller, es geht doch nicht, dann würden die andren uch alle koinmen. Was denken Sie, was wir hier zu thun haben? Wir feiern doch mit den Kranken Wcihnachtsandacht." Sie klopfte der Alten auf die Schulter:„Nun lasten Sie doch nur's Weinen, Frau Müller, Ihr Junge ist hier gut mifgehobcn und der Herr Pastor hält'ne schöne Rede und wir feiern überhaupt mit unsren Kranken '» schönes christliches Weihnachtsfest."— ss. Waldbrände. In einem Staat mit geregelter Forst- Verwaltung machst'man sich schwer einen Begriff davon, wie un- geheure Waldschätzc alljährlich auf der Erde durch Feuer vernichtet werden. Zwei Gebiete scheinen, soviel man weiß, ganz besonders stark von Waldbränden heimgesucht zu sei«, einmal die französische Kolonie Mgier', sodann die Vereinigten Staaten und Kanada. Eine Zusammenstellung der Waldbrände in Algier während des Jahres li)02 ergiebt, daß die dortigen Wälder, wenn kein Wandel geschafft wird, in verhältnismäßig kurzer Zeit durch das Feuer vollständig ausgerottet sein werden. In Miliana wurden 700 Hektar zerstört, in Ain-Fczza 400; letztere Stadt war von dem Brande auf allen Seiten umgeben und geriet selbst an verschiedenen Stellen in Flammen. Bei Saida wurden nicht weniger als 5000 Hektar ver- nichtet, bei Gicelina fast 1500. Dabei sind die Waldbrände in. Algier jetzt bereits geringer geworden und erreichen nicht mehr die Ausdehnung z. B. von 1804. in welchem Jahre 100 000 Hektar Wald dem Feuer zum Opfer fielen. Der Schätzung nach sind in den letzten 25 Jahren fast eine Million Hektar der Waldungen in Algier verbrannt, d. h. nahezu ein Drittel des gesamten Waldbestandes. Das Uebel ist schwer zu bekämpfen, weil die arabische Bevölkerung nicht dazu zu erziehen ist, mit dem Feueranmachen im Walde vor- sichtig zu sein, lieber die Waldungen in Kanada besteht keine hin- Verantwortlicher Redaktem: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: reichende Statistik, jedoch weiß man von denen in den Vereinigten Staaten genug, um ebenfalls ein höchst trauriges Bild der dadurch vcrlirsachten Zerstörung zu erhalten. Allein im Monat September dieses Jahres wüteten im Staate Washington vier große Brände, die einen Schaden von 18 Millionen Mark verursachten, auch zahlreiche Wohnsrätten zerstörten und Verluste an Menschenleben zur Folge hatten. Aus dem Staate Oregon wäre Aehnliches zu melden. Die Berge vom mittleren Kolorado bis Wyoming sind durch 13 gewaltige Feuerbrünste fast völlig kahl gelegt. Im Staate Wyoming währten die Brände tagelang und vernichteten 75 000 Hektar. Nur die von staatlichen Beamten überwachten Waldreserven wurden so gut ver» tcidigt, daß sie nicht viel durch das Feuer gelitten haben.— — Die Indigo-Industrie in Ostindien. Die„Chemische Zeit- schrist" schreibt:„Dem„Englishman" zufolge wird die auf dem Markt von Kalkutta in diesem Jahre zum Verkauf kommende Menge Indigo auf nur ein Drittel des 125 000 Maunds be- tragenden Jahresdurchschnitts geschätzt. Nach Ansicht der genannten Zeitung wird, wenn nicht besondere Maßnahmen getroffen werden, die Judigo-Jndustrie Indiens in drei bis vier Jahren auf das äußerste gefährdet sein. Zur Zeit können nur die Fabriken, die ein erstklassiges Produkt herstellen, den Wettbewerb mit dem syntheti- scheu Indigo aushalten. Geringere Jndigosorten sind nur schwer und unter dem Selbstkostenpreise verkäuflich. Die indische Indigo- Industrie kann nur dann ivieder zur Blüte kommen, wenn die Pflanzer für ihr Produkt 160— 200 Rupien zu erzielen vennögen, da die Produktionskosten sich nur in sehr wenigen Fällen unter 140 Rupien stellen und die Mittel, sie zu verringern, erschöpft sind. Dazu kommt noch, daß der künstliche Indigo angeblich insofern qualitativ besser ist, als man mit ihm infolge seiner größeren Rein- heit hellere Töne und daher jeden gewünschten Farbenton erzielen könne, was bei dem natürlichen Indigo nur schwierig und un- gewiß ist."— Medizinisches. !e. A u g e n z!v i n k e r n und Auge n s ch w ä ch e. Die Wissenschaft kennt unter dem Begriff der Augenschwäche sAsthenopie) eine besondere Beeinträchtigung des Sehens, die sich gar nicht selten bei normaler Sehschärfe einstellt. Gewöhnlich wird sie zurückgeführt auf einen Mangel in der Wirkung des Spann- muskelS der Aderhaut oder auf einen solchen der Nerven, die zur Anpassung des Auges an die Betrachtung naher Gegenstände dienen. Die Anzeichen der Augenschwäche treten daher in solchen Fällen ein, wo die Anpassung des AugeS an nahe Gegenstände besondere An- strengungen macht, und bei normalen Aiigeit dann, wenn das All- gemeinbcfinden durch Krankheit geschwächt ist, wie namentlich nach ansteckenden Fiebern. Solche Personen klagen dann meist über Un- fähigkeit zu lesen, zu schreiben oder Musik zu machen, indem sich schon nach wenigen Minuten eine Trübung des Blicks, Augen- schmerzen, Thränen und Blutandrang einstellen. Diese Erscheinungen verschwinden nach kurzer Pause, kehren aber rmch einer Wiederaufnahme der Thätigkeit zurück. Wird die Benutzung des Auges trotzdem fortgesetzt, so wird eine Rötung der Bindehaut be- merklich, die längere Zeit anhält.die Ränder der Augenlider werden rot und geschwollen, und schließlich kommt es sogar zu einem cnt- zündlichen Zustand des Auges. Nach einer Mitteilung deS„Lancet" hat jetzt Dr. Bull noch auf eine andre Ursache der Augenschwäche hingewiesen, die recht merkwürdig erscheint. Er bringt sie nämlich mit dem heftigen Schließen der Augenlider beim Plinken zu- 'ammen und glaubt, daß der dabei ausgeübte Druck die Oberfläche der Hornhaut reizt und dadurch die Bilder verschwommen macht. Auch kann sich durch das Plinken auf der Oberfläche der Bindehaut eine Schleimlinie bilde«, die zu Störungen de? Sehens Anlaß giebt. Wenn der erstere Fall zutrifft, empfiehlt Dr. Bull, ein zu hestiges Schließen der Augenlider möglichst zu vermeiden, ferner auch ein Reiben der Lider von außen her mit dem Finger. Leute, die zur Augenschwäche neigen, sollten atißerdem darauf achten, daß sie dm zu betrachtenden Gegenstand stets in eine Stellung bringen, die dem Augapfel keine drehende Bewegung aufnötigt. Befindet sich der betreffende Gegenstand unter der horizontalen Gcsichtsebcne, so öllte man lieber den Kopf soweit neigen, daß man bei einer Be trachtung trotzdem geradeaus sehen kann.— Humoristisches. — Sicheres Kennzeichen.„Unser Hauslehrer scheint doch schon geheiratet zu haben!" „Woraus schließest Du das?" „Aus den Sätzen da in Willy? englischem Heft: Die Suppe ist versalzen— der Braten ist angebrannt— der Pudding ist mißratenen, s. w. l"— — Der moderne L o h e n g r i n. Er(auf dem Heimlveg vom Zchcater, zu seiner Frau):„Du, Kathi. so wie der Lohengrin werd' ich» auch mach'n! Wenn D' nochmal fragst, bal' i' bei der Nacht vom Wirtshaus heimkomm', wo i' herkomm', nach« geh' i', wie der Lohengrin, einfach wieder dorthin, wo i' herlonnna' bm— — A u f dem Heimweg vom Wirtshaus. An« getrunkener Bauer:.Schad', daß der Mensch bloß zwei Füß' hat; mit vier könnt' ma' no' amal so viel ver» trag'nl"—_(„Fliegende Blätter.") LorwärtZ Buchdrucker«! und Verlage anstatt Paul Singer& Co., Berlin SW.