Mntethalwngsblatt des'Vorwärts Nr. 250. Mitttvoch, den 24. Dezember. 1902 (Nachdruck verboten.) 13] Im Krcife. Erzählung von W a c l a w Sieroczewski. Deutsch von Rosa Schapire. „Gewiß! Gewiß! Aber auch Du mußt einsehen, daß ich den Ochsen nicht geben kann. Warum nimmst Du ihn nicht bei Froschauge? Ich kann ihn nicht geben, es sei denn, Dn nimmst ihn mit Gewalt, wie das Feld!" entgegnete der Jakute. „Mit Gewalt werde ich ihn nicht nehmen, aber ich bitte Dich sehr darum. Ich werd' Dir's lohnen, bezahlen." „Bezahlen? Was wirst Du inir geben?.. Du bist ein freier Mensch, heute hier und niorgen dort; ich aber muß mit den Nachbarn auskommen.. Nein, ick) kann's nicht!" Aleraitdcr stand auf, er sah, daß es vergebens war. Er ging m den Hof und war schon beim Thor, als ihm der Jakute nachsprang und rief: „Liksandra, höre! Gieb mir drei Rubel imd nimm den Ochsen, aber sag' nicht, daß ich ihn gegeben habe." „Drei, das ist zu teuer. Einen Rubel gebe ich." „Siehst Du, so bist Dn. Du hast gesagt. Du wirst mir's lohnen, und drei Rubel sind Dir schon zu viel. Na, auch gut, also gieb mir einen Rubel.. Aber denk' daran: ich Hab' ihn nicht gegeben," fügte er eilig hinzu und sah sich nach Tos um, die mit einem Melkeimer hinaustrat. Alexander steckte ihm heimlich das Geld zu. „Was bedeutet das. Fremder, Du willst den Ochsen mit Gewalt nehmen? Seht nur, seht, der will meinen Ochsen nehmen! Leute! Leute! Solch' ein Unrecht!" stöhnte der Alte, während Alexander den Ochsen einfing und mit sich führte. Als er aus dem GeHöst heraustrat, befestigte er den Zügel an den Hörnern des Tieres, sehte sich darauf, wie er es bei den Jakuten gesehen hatte, und ritt fort. Er lachte und doch war ihm schlimm zu Mute. Der Jakute aber schrie fort- während: „Seht nlir, seht! So behandelt man uns Jakuten!" vn. „Papa, es wächst, wirklich, es wächst!" rief Zosia, die ihr kleines Goldköpfchcn direkt auf die Erdschollen legte und nach den ersten Keimen suchte. Sie hatte vor gar nicht langer Zeit gesehen, wie Alexander ein Gleiches tl)at. Alexander stand an den Zaun gelehnt und seine Blicke schweiften über das Feld. Dichte, grüne Saat bedeckte den Acker, jetzt aber zeigten sich allmählich auch all die Fehler, die er gemacht hatte. Dieser Anblick bereitete ihm beinahe körper- lichen Schmerz: hier gab es kahle Stellen, dort hotte er zu dicht gesät: dünne Halme drängten sich nebeneinander und machten ihm den Eindruck blutarmer Kinder. Dieser Beweis seiner eignen Unfähigkeit schmerzte ihn tief, und doch verging kein Tag, an dem er nicht auf dem Felde gewesen wäre. Er kannte hier jedes Pflänzchen, jeden Erdhaufen: er litt unter dem Winde, der Dürre, der Kälte, die feine Saat traf, er freute sich jedes Regens, der sie erquickte. Etwas Neues, Farbiges, ihm, dem Städtebewohner, ganz bisher Fremdes war mit diesem Felde in sein Leben getreten, ebenso wie Zosia neue Empfindungen in ihm Ivachgerufen hatte.. Und beide waren sich verwandt. Zu Anfang seiner Vaterschaft geschah es, daß er in unsagbarer Angst aufwachte und mit thörichtem Herz- klopfen, mit angehaltenem Atem horchte, ob sein Töchterchcn noch atme, ob es nicht krank oder gar tot wäre. Und er war glücklich, daß nichts geschehen war: jetzt weckte ihn nicht nur die Sorge ums Kind. Sobald Ajax sich rührte, sprang er ans Fenster, drückte das Gesicht gegen die kleinen Scheiben und spähte hinaus. Ging jemand vorüber, so trat er aus dem Hause und folgte dem Fremden mit den Augen, bis dieser verschwunden war. War es etwa schwer, den Zaun zu zer- brechen und das Vieh auf sein Feld zu treiben? Und die Jakuten, das fühlte er, waren bereit, ihm jeden Schaden zu- zufügen. Ebenso wie ihn jede neue Empfindung, jeder neue Ge- danke des Kindes auf's lebhafteste beschäftigte, so kannte er auch hier kein größeres Vergnügen, als an sonnigen Tagen mit der Kleinen an der Hand nach neuen Fortschritten auf dem Felde zu suchen. Vor ihm eröffnete sich der Ausblick einer Arbeit, der keine Grenze gesetzt war, einer Arbeit, die kein Unrecht war, init der er niemand bedrückte, und ein ruhiger Friede überkam seine starke, aber doch so gemarterte Seele. Er träumte da- von, daß er hier den Ackerbau lernen würde, und mit der Zeit würde er zu Hause unter einem milderen Himmel, in friedlicherer Umgebung sein Stückchen Feld bestellen. Und er wird keinen Herrn über sich haben als Regen, Wind und Sonne, keine andren Beziehungen als die zu fördern, was lebt und wächst. Er wird Bienen züchten, Blumen haben, einen Obstgarten. An die Menschen wollte er nicht denken— nur an Zosia. „Was ich gehabt habe, habe ich gegeben. Der Rest ge- hört mir!" Jetzt aber hatte er eine Menge Sorgen und immer ge- sollten sich neue dazu. Er mußte Neuacker pflügen und das war eine schwere Arbeit: beim bloßen Gedanken daran seufzte er: er mußte Latten zuin Zaun zurecht machen, seine Vorkehrungen für die Heuernte treffen und für die Zeit des kommenden Fisch- fangcs. Im Hause gab es keinen Hanf, mit dem man die alten Netze hätte flicken können. Er hätte ihn bei Kapiton bekommen können, aber unter den obwaltenden Verhältnissen wurde ihm dort ja nicht durchgeholfen. Man hätte es ihm nicht nur abgeschlagen, sondern ihn noch obendrein ausgelacht. Und er konnte sich an niemand anders wenden. So beschloß er denn, den Alban zu überschreiten, Jakob zu besuchen und ihn zu bitten, alles bei den Nachbarn für ihn einzukaufen. Ter Aldan war nach einer Ueberschwcmmung in sein altes Bett zurückgekehrt. Der Hauptstrom und die Neben- strömungcn schäumten und rauschten noch mächtig, wie ge- schwollene Adern im Fieber. Man sab weder Sandbänke noch Steingefälle, überall trat das abschüssige Ufer jäh aus dem Wasser und dunkle Fichten, Tannen und Lärchen spiegelten sich im grauen, schnell treibenden Wasser. Die Weiden standen fast sämtlich noch unter Wasser und ihre Zweige bildeten an manchen Stellen seltsame Vcrschlingungen, über die das Wasser lärmend setzte; es schäumte und spritzte nach allen Seiten. Alexander setzte mit seinem kleinen Kahn über den Aldan und hielt sich mit den Händen an den überhängenden Zweigen fest. Es war ein bißchen gefährlich, aber es verkürzte seinen Weg. Er schonte seine Kräfte, denn er kannte den Fluß und wußte, daß' der nicht mit sich scherzen lasse: so wählte er die schwächeren Strömungcn und ruhigen Wasserstraßen. Der Fluß, einer der reißendsten in Sibirien, war voller größerer und kleinerer Wirbel. Die Strömung riß den Kahn fort, und jeden Augenblick drohte die Gefahr, in einen schäumenden Strudel hineingezogen zu werden. Alexander schwamm fast die ganze Zeit wider den Strom, so wurde er denn sehr müde, und als er eine waldige Landzunge erreichte, die tief ins Wasser einschnitt, und wo es eine Uebcrfahrt nach dem andren Ufer des HauptstromS gäbe, beschloß er, auszuruhen. Er stieß ans Land und warf sich inS Gras. Langsam zogen graue Wolken mit silberigem Rande am Himmel auf: unter ihrem Schatten verschwand die Sonne, dann tauchte sie wieder auf und warf ihre Strahlen aufs Wasser, das sich iinbegrenzt wie das Meer, Bewunderung und Schrecken einflößend, in seinem unaufhaltsamen Lauf vor ihm ergoß. Nichts konnte dem Flusse auf die Dauer Widerstand leisten. Er zerriß daS Land in Fetzen, bildete Wirbel, unterhöhlte Felsen, warf Tausende von Inseln auf und umfing sie dann mit seinem allmächtigen Arm, denn sie waren sein Werk, sei» Besitz! Die schneeigen Vergspitzen. die bis in den Himmel reichten, kamen hinter den fernen Wäldern hervor und spiegelten sich anmutig in feinem Wasser. Niemals hatte Alexander den Fluß an dieser Stelle ohne Führer überschritten. Am gegenüberliegenden klfcr mündete ein Gebirgsfluß in den Aldan in beinahe geradem Winkel und bildete einen großen und gefährlichen Strudel, tvo hohe Wellen beständig schäumten. Darüber ragte ein hohes Vor- gebirge init schlanken, am Rande überhängenden Lärchen. Zwischen dem Vorgebirge und dem Strudel gab es ein schmales Band ruhig fließenden Wassers. Alexander fuhr mit darauf gerichteten Augen« er mußte unbedingt dorthin tominen. Tie Sonne brannte, seine Hände wurden lahm. Schweiß bedeckte seine Stirn. Er war nicht sicher, ob er richtig steuere, er fühlte mir, daß ihn die Strömung seitwärts mit ungeheurer Schnelligkeit trieb. Bei solchem Wasserstande wagten sich selbst die dortigen Fischer ungern auf den Fluß; und schon bc- ganu er seine Kühnheit zu bereuen. Immer häufiger drängten sich schäumende, aus der Tiefe kommende Wellen, unterirdische Strudel, die die Strömung an die Sbcrfläche trieb, wenn sie gegen die Felsen schlug, unter den Kahn. Er glitt mit schwindelnder Schnelligkeit dahin, und es schien Alexander, daß er sich der gefährlichen Stelle, wo entfesselte Wogen brausten und heulten, immer mehr nähere. Immer weniger gehorchte ihm der Kahn, immer eigensinniger trieb er weiter. Plötzlich drängten ungeheure, wie Blasen gc- spannte Wellen von der Seite her, das Rauschen wurde ohrenbetäubend. Ter Kahn zitterte und senkte sich und steuerte direkt auf den ungeheuren Trichter los, in dessen Tiefe die Wellen heulten. Alexander stemmte sich init Leibes- kräften, das Ruder bog sich in seiner Hand wie ein Weiden- stab. Wie ein Bild tauchten die jakutischen Fischer mit ihren strengen Zügen vor seinem geistigen Auge auf, und er fühlte. wie sein Gesicht die gleichen Falten bekam. Er fürchtete sich. hinter sich zu blicken, wenn es auch schwer ist. unterzugehen, ohne die ganze Welt mit dem Auge zu umfassen. Noch zwei Ruderschläge— und der Kahn schaukelte sich leise ans ruhiger Strömung. Alexander atmete auf. Eine entgegengesetzte Strömung tnig de» Kahn sicher dem Ufer zu. Tas Wassergespenst hatte vergebens nach ihn« ge- schnappt! Er ließ das Ruder fallen, wischte den Schweiß von der Stirn und lachte befreit. Wieder überkam ihn dieses an- genehme Gefühl, das einem das Bewußtsein gicbt, einer drohenden Gefahr dailk seiner Geschicklichkeit entronnen zu sein. Eine Stunde später stieß er an das dicht bewaldete Ufer. Am Abhang schlängelte sich ein schmaler Weg. Er zog den Kahn ans Land, befestigte ein Kreuz ani Schnabel, zum Zeichen, daß der Kahn gleich wieder gebraucht werden würde. versteckte die Ruder im Gebiisch und ging in den Wald. JakobS Jurte war zwei Werst vom Ufer entfernt. Der Weg führte durch einen dichten Wald bis au das Ufer eines schwarzen Sees, dann wandte sich der Weg wieder nach dem Walde, der das Wasser wie einen Ring umfaßte und den Biegungen des Sees folgend, sich in dunkleil Windungen brach und immer fahler wurde, je mehr er sich vom See entfernte. An manchen Stellen reichte der Wald bis ans Wasser, und die Bäume warfen ihren tiefen Schatten aus den See, dann wieder schimmerte ein Streifen grünen Wiesen- landes zwischen Wald und Wasser. Aus diesem Kessel schien es aber keinen Ausweg zu geben, überall war Wasser und Wald. „Was für eine Wüstenei! Welchen Platz haben ihm die Jakuten angewiesen!" dachte Alexander, während er um den See ging. Es gab nicht einmal Vögel im Walde, manchmal nur strich mit leisem Klagelaut eine weiße Möve über den See vom Flusse her. Scharen von Mücken spielten in der Lust und zwangen Alexander, so schnell als möglich der niedrigen Jurte zuzulaufen, die endlich in elendem, verfallenem Zustande au einer Biegung des Weges auftauchte. Der Erdberuf ihrer Wände war abgefallen und die Bretter, die in die Höhe ragten, schimmerten weißlich an den ein- gefallenen Seiten wie die Rippen eines verfaulten Ruuipses. Als Alexander ms Innere trat, umgab ihn tiefe Stille und mattes Dämmerlicht. Im Ofen brannte ein kleines Feuer. „Er ist fortgegangen! Niemand ist da!" flüsterte Alexander.„Solch ein Schutthaufen hier!" Er irrte sich. Unbeweglich mit ausgestreckten Armen lag ein Mensch auf der Bank. Ein schwacher Lichtschimmer drang durch die schmutzige Hauseublase im Fenster ins Zimmer und warf einen gelblichen Ton auf das aufgedunsene Gesicht des Schlafenden. Sein Mund stand auf und die Augen waren so tief eingefallen, daß Alerauder erschrak. „Er ist gestorben! Jakob!" schrie er laut. Jakob öffnete die Augen und richtete sich auf. „Tu schläfst.. Immerzu! Und was macht Dein Herz? Man hat Dir's doch verboten. (Fortsetzung folgt.) Oer KeiUgste Hhcnd , Es ivar einmal eine Milliardcnerbschaft. Tie lagerte schon viele Jahrhunderte in einer großen Truhe. Nnd da ün Laufe der Zeiten die Menschen mit den» geheimnisvollen Erblasser alle verwandl und verschwägert worden waren, so wurden sie insgesamt erbbcrcchtigr. Tas ivar ihnen ein großer Trost und eine wundersame Hoffnung. Einstweilen freilich fand niemand Zugang zu dem verschlossenen Schatz, denn eS sollte alles nach Würde und Verdienst, sowie nach dein Grade der Verwandtschaft verteilt werden. Etliche Vorwitzige meinten zwar, das gerechteste wäre die gleiche Verteilung, aber diese wurden als»nlviirdige Erben sofort auS der Masse der Erb- berechtigten ausgeschieden, indem man sie entweder auf cincil Block legte, von dem dann durch eine wunpersame Fügung der Kovf heruntcrrollte, oder auch auf Holzstößen so lange anlvärmtc. bis sie nicht mehr zu sehen waren; mitunter geschah solches auch mehreren Frechlingen zugleich. Viele Tausend Advokaten hüteten den Schrein, der eitel Gold und Teniant centncnvcise barg. Sic wachten, daß niemand sich au den, Gut vergreife, auf daß keiner zu kurz käme und übervorteilt würde. Sie trugen schwarze Mäntel und hatten eine Weisheit, die unermeßlich ivar. Zlamcn aber die Hungernden zu ihnen und sprachen: Gebt unZ einen Heller von unsrem Erbteil, dann wollen wir zufrieden sein und keine Ansprüche fürderhin stellen, dann zürnten die schwarzen Mäntel gclvaltig und schrien: Wir sind keine Betrüger, wir übervorteilen niemand, jeder muß voll erhalten, wozu er berechtigt ist; darum wartet, bis die Sache geklärt ist. Tann werden ivir jeden zufriedenstellen. Inzwischen bekamen die Advokaten die tarismäßigei, Gebühren. durchaus redlich nach der Höhe des WcrtobjcktL bemessen. So starben die Geschlechter hin., in Not und Qual. Wer noch in der Sterbestunde freuten sie sich des«egens, dessen ihre Sünder und Enkelkinder trilhastig werden würden. Längst hatle man, um Zweiflern und Ungläubigen zu begegnen, kleine Abbilder der Erb- schastolmhe, die man, künstlich ljergestellt hatte, überall im Lande aufgestellt, so daß jeder mit leiblichen Augen sehen konnte, wie alle» ehrlich sei und mir rechten Dingen zugehe. Einmal im Jahre aber rief man das Volk zusammen, auf daß c» gegenwärtig sei bei der großen Feier der Ocffnung des Märchcnschranks. Man zündete dann viele, viele Lichter an. damit jedermann auch genau zu schauen ver- möchte, wie viel des Goldes und der Edelsteine hervorkämen und damit niemand zu viel und niemand zu wenig raffe. Waren sie nun beisammen, dann sangen sie schöne Lieder und die schwarzen Advokaten rhaten sehr feierlich und sprachen:„Harret aus, gleich werden wir öffnen, es ist nur noch eine Sllcinigkcit zu erledigen." Tann schüttelten sie plötzlich betrübt die Siöpfe und klagten:„Es stimmt noch nicht. Nur ein Weilchen Geduld. Auf Wiedersehen über s Jahr. Tas nannte man den heiligen Weich! Und jedes Jahr kamen sie zusammen und jedes Jahr wurden die Lichter angezündet und jedes Jahr glaubte man schon, daß das Tiegel vom Schloß sich löse uich jedes Jahr mußten sie wieder uiwcrrichtctcr Sache heimwärts ziehen, elender denn zuvor. Die Advokaten indessen schrieben allerlei Bedingungen au», die noch vor der Auszahlung des Erbteils zu erfüllen seien. Tann käme der große Augenblick gewiß. Im Namen der verschlossenen Truhe mußten die Menschen plötzlich übereinander herfallen nnd sich mit Schwertern und kleinen Slugeln metzeln. Durch solche Proben wurden die Erbrcchtsschcine bekräftigt. Oder es wurde ein Fürst eingesetzt. Vor dem knieten sie nieder. und wenn er guter Laune lvar. prügelte er sie, und die Geprügelten mußten begeistert schreien: Mehr! mehr! Oder sie flochten Misfethäter, die über die Erbschaft spotteten. aus» Rad, und wetzten ihre Gedanken mit glühenden Reibeisen, und beseitigten durch siedendes Qel ihre.Harthörigkeit. Oder es wurden die glücklichen Erben in den Pflug gespannt und mußten arbeiten Tag und Nacht. Und Ivenn die Früchte ihres Fleißes reiften, dann wurden sie davongejagt und andre, die nicht gearbeitet, verzehrten lachend den Ertrag ihrer Mühe. Nur so. das kündete man ihnen, würden sie allmählich wert des unermeßlichen Glückes des verschlossenen Erbes. Dermaßen regierte die Truhe die Welt und die Menschheit, und die Advokaten wurden dick und fett. Die Jahre sanken in Staub, die Erde trank sich voll Blut und Qual, und die Zahl der heiligen Abende nahm zu. daß sie niemand mehr berechnen konnte. Die Menschen verkamen und starben, Finsternis umwob ihre Stirnen und der blühende Garten der Welt verödete. Das Lachen starb, die Freiheit kümmerte, und selbst die Hoffnung versiegte. Nur einmal im Jahre, am heiligen Abend, strömte es wie ein Rausch über die Elenden, ihre Augen entflammten, ihre Lippen wurden feurig und ihre Muskeln reckten sich jung und schnsüchlig. Diesmal, so hofften iie, wird e» gewiß geschehen! Und sie zündeten die Lichte� an. um alles genau zu erkennen, wenn das große Wunder den Sargdeckel sprengen würde. Die Lichter brannten herunter, und die abermals Getäuschten schlichen gebeugt davon, und die Advokaten drückten ihnen gerührt und tröstend die Hände: Wartet nur. übcr's Jahr!... Und es kamen Zeiten, da wuchsen Menschen auf. die hatten nichts mehr zu verlieren. Sie lebten ohne Licht und Lust, arbeiteten nur und arbeiteten, sie wuschen sich in ihrem Schweiß und tranken ihre Thräncn und Ivärmtrn sich an ihrem Fieber. Und endlich wurden sie ganz und gar zu hartem Stahl, das lein Hoffen mehr kannte uiid keinen alten Glauben. In ihren Hirnen und Augen aber begann ein Leuchten und Glimmen. Sie Huben an zu denken. zu fragen, zu sehen und zu fordern. Fürwahr, lohnte denn die sageichafte Erbschaft all die blutigen Prozehkosten? Niemand sah bisher einen armseligen Pfennig. Der rauhen Männer wurden immer niehr und sie berieten miteinander und kennen zu einem Entschluß. Wieder kam die Nacht. Ivo man die Hoffenden zur Ocffimng des Schatzes rief. Wieder leuchteten die Lichter und die Advokaten blickten verheißungsvoll. Da plötzlich tauchte aus dem Dunkel der Ferne eine Schar Männer auf. sie stiegen die Stufen empor und riefen: Zeigt uns den Schatz! Tie Advokaten erbleichten, aber sie faßten sich und sagten sanft begütigend:«Ihr lieben Leute, nicht so stürmisch, habt nur noch geringe Zeit Geduld; mit Eurem Ungestüm verwirrt Ihr nur wieder die so mühsam gelösten und geordneten Fäden!" „Zeigt uns den Schatz!" schrien herrisch die Männer.„Wir wollen sehen. Genug der Lüge!" „Fort da, in den Kerker mit Euch," kreischten die Advokaten und hatten alle Sanftmut verloren. Da Huben die Männer die Aexte wider die Truhe. Die Advokaren jedoch verlegten sich aufs Bitten und Beschworen: „Ihr wißt nicht, was Ihr thut. Ihr zerfrört das Beste, wenn Ihr dieses Holz gewaltsam zerstört. Verblendete!" „Wir entlarven die Lüge," antworteten die Männer. „So erfahret dam. welch Kleinod dieser Schrein birgt," riefen die Advokaten. „Die Lüge," spotteten die Männer. „Die Liebe," flüsterten die Advokaten verzückt, nut süßem Lächeln. „Dann soll sie der Haß befreien," brauste die Antwort. Und die Aexte fielen auf den Deckel. Die Lichter züngelten hoch, als wollten sie sich in das erschlossene Geheimnis hinabbeugen. Der Schrein zerstob in tausend Splitter und nichts war in ihm zu sehen als ein weißer Wurm, der aus den Gängen, die er ins morsche Holz gebohrt, eilig und erschreckt hervorkroch... An diesem Tage feierten die Menschen den heiligsten Abend.— Joe. Sin modemer GUicksfahrer. ..... Ich habe nie viel lim die Zukunft gesorgt und dachte dem Geschick zu überlassen, was ich doch nicht irgendwie belangreich beeinflussen konnte"...„Ungebundenhcit und persönliche Freiheit— für sie ist mir kein Opfer groß genug. ES ist ein prickelndes Gefühl. auf sich selbst uud nur auf sich selbst angewiesen zu sein, nicht bei jeder Gelegenheit„Hilfe" und„Polizei" zu schreien, sondern seinen Weg sich selbst zu bahnen— was auch immer die Konsequenzen sein mögen----" Diese Stichproben stehen gewissermaßen als Motto über dem Weltfahrcrleben eines Mannes, das dieser selbst in einem Buche:„Aus und ab in Südafrika"�) vor uns aufrollt. Dietrich E. B r a u n— so heißt der Verfasser— ist ein Foreigucr, ein Selfmademan ganz eigner Art. Bor zehn Jahren etwa verließ er die deutsche Heimat und-ging als Jünger Merkurs nach Indien. Das war soweit ganz schön und ganz normal. Materiell blieb er ja mit dem fernen Elternhaus verbunden und auch das Klub- leben in der englischen Gesellschaft hier bot niannigfache Reize. Aber auf die Dauer wird's einem regsamen Geist doch zu fade. So nimmt denn Brann Abschied vom Tropenlandc, um wieder nach Europa zurückzukehren. In Port Said verläßt er den Dampfer. Was khun? Vor dem kalten Norden, dem Stlavenlcbcu moderner Verhältnisse und einer beschränkten Existenz hat ihn ein Grausen gepackt. Da tritt die fata morgana des südafrikanischen Goldrcichiums vor seine Sinne. Auf nach Kapland I In jenem Augenblick, sagt er, hatte ich dem alten Leben Valet gesagt— eine neue Acra begann I Bis hierher hatten noch die weiten Verbindungen meiner Familie gereicht. Mit kecker Hand hatte ich alles von mir geworfen. Nun stand ich allein. Abgestoßen vom festen Land, trieb mein Schiff schnell dahin, hinein in die bewegte See des Lebens, lieber Untiefen und Klippen, durch Nebel und schmutziges Wetter wird es segeln zum Guten oder Bösen... Auf alles vorbereitet, betritt er in Turban, der Haupt- ftadt Natals, als Mister D. E. Brown den afrikanischen Strand. Ein bomi novns zwar, aber ein Recke an Körpergröße— denn er mißt seine gutgezähltcn sechs Schuh— und ein Recke an Thatkraft und Willen. Der„Schlachtplan" ist rasch entworfen. Seine Aktiva an barem Gelde machen ihm nicht viel Kopfzerbrechen, da eben keine vorhanden waren. Kurz entschlossen mietet er im Centralhotel einen Laden und etabliert sich als Raritätenhändler, indem cr� seine aus Indien mitgeschleppten Kuriositäten. Sammlungen und Sachen aller Art pcn ä peu unter den Hammer bringt. Dann geht's per Bahn dem Goldlande entgegen. In Charlejtown steigt er aus, schultert sein leichtes Bündel und macht sich, einen riesigen Korthut auf dem Kopfe, eine Ledcrtasche an der Seite, den dicken silber- beschlagenen Bambus in der Rechten und das Kommersbuch in der Linken, schlecht und recht als Tramp ans den 12» Meilen langen Wanderweg. Freilich nicht ohne Beschwer. Aber endlich blitzen •J. Berlin. F. Fontane u. Eo. eines Abends die elektrischen Lichter der Goldmincn von Johannis- bürg auf: das vorläufige Wauderziel ist erreicht I Nach wock,enlaiigcm Umherfragen nach irgend einer Beschäftigung hat er Glück, beim Theater anzukommen. Als Amateur hat er ja in den indischen KlubS, bei Festen und ans Pikniks Gelegenheit gehabt, seine Stimme. sein mimisches Talent zu erproben. Auf Riesenplakaten mit Riesen- letiern wird also„the celcbrated German Comic Vocalist and Dancer" Mr. D. E. Brown angekündigt, singt, mimt und gefällt einige Zeit. Dann stTS ans mit der Künstlercarriere____ Wieder nimmt er den Wanderstab und macht sich auf Schusters Rappen— beinahe ohne Sohlen— davon. Ganz gleich wohin, nur fort. Vier- zehn Tage hat er zumeist in strömendem Regen unter Erleiden von Hunger. Kälte und Entbehrungen aller Art ans der Landstraße zu- gebracht. Da wird in Eopje Alleen in einer Kaffcrnschenkc Halt ge- macht, deren weißer Besitzer ihn zum Bleiben einlädt. Ein drolliges Obdach, dieses Schcnkhaus aus Holz und Wellblech: 20 Fuß lang, t2 breit, 8 hoch. Ein aus Säcken zusammengenähter Vorhang trennte cS in zwei Räume. Der eine war der Laden, in dem andern, der zugleich als Vorratskammer diente, aß, schlief und arbeitete man. Die Lagerstätten waren voll Gras gestopfte Mehlsäckc, die Bcittücher bestanden aus Fellen und zusammengefügte Wollsäcke mußten statt der Decken dienen. Noch kurioser sah das„Brauhaus" für Kaffcrn- bier. eine Art selbstbcrcitctes„Pcmba". aus: Ein angebauter Ver- schlag aus Rasenausstich, lind die Gefäße? Durchschnittene Oxhoste dienten zu Bottichen, englische Biertonnen mit ausgeschlagenen Böden zu Anrührfässcrn. In 12 eisernen.Kesseln mit Füßen wurde gekocht. Ein leereS Pc'trolcumtin war zugleich Maß und Behälter für das gemahlene Korn, das in einer kleinen Handschrotmühle gewonnen wird, und zum Sieben diente das bei den Kaffern gebräuchliche Bast- sieb. Nun geht's ans Kochen des Bieres— eine heiße, anstrengende Arbeit. Also erste Etappe: Bierbrauer. Was lernt man nicht— wenn man muß! Zweite Etappe: Metzgerhandwerk. Denn der Schenkwirt hat eine große Schwcinezüchicrci. des Trcbcrs halber. Und weil er selber ein Gemütsmensch ist, mithin die ihm ans Herz geloachscncn lieben Grunzbiechcrln unmöglich eigenhändig vom Leven zum Brühtrog befördern kann, so muß Mr. Brown ans Schlachten. Auch er hat noch nie gemetzgert. Aber was sein mutz, mutz sein. Die erste Probesan wurde regelrecht abgestochen und allmählich stieg er bis zum Lchsenschlachrcn empor. Drittes Handwerk: die Er- lernung der Bäckerei, die hier und später in Heidelberg gewerbsmäßig betrieben wurde. Sehen wir mal. wie denn der selbst gefertigte Backofen beschaffen war. Aus Steinen des afrikanischen Hoeyfeldes hatte man das Fundament gemauert. Zwei alte eiserne Radreifen — gelegentliche Fundstücke— wurden darüber gespannt und mit Zinkblech, Lehm und Steinen bedeckt. Statt der Thür diente ein leeres Petroleumtin. das genau in daS auf der Kopfseite offen ge- lasscne Loch hineinpaßte, uud in der entgegengesetzten Seite befand sich eine kleine Zug-Ocffnung, in die ein Feldstein als Verschluß ge- schoben und beides mit Lehm verschmiert wurde, wcnn's ans Brot- backen ging. Geheizt Ivurdc mit getrocknetem Gras und— Kuh- düngcr. Einmal buk Brown auch einen Kuchen— aber nur einmal. Denn auch der talentvollste Amateur kriegt das Backen satt. Also ging's in Gemeinschaft eines Genossen weiter. In VoltSrust gedachten sie ein Geschäft zu eröffnen, das sie dann in Pilgrimsrest zu finden hofften. Aber ohne Konzession ist auch in Südafrika nichts zu gründen. So zog Brown weiter. Bei jedem8toloriirn. Auch über sein geführtes Nomadenleben hat Brown gewissenhafte Aufzeichnungen gemacht. Er schlief 110 Nächte in der Hängematte oder auf dem„strctdier", 51 auf dem Ladentisch, 31 unterm Ochscnwagcn, 15 unter der 5tarre, 50 im Karussell, 30 im Zelt, 14 auf Wache im Maschincnschuppen, IL auf der Fustplattc der Lokomotive, 2 auf Feldwache. Einmal schlief er in einer Krippe, ein andermal erwachte er iin Hause eines wildfremden Menschen. Einmal wäre er beim Hauseinsturz beinahe von den daö Dach bc- schwercnden Steinen erschlagen Ivorden, ein andermal gelang es ihm nur schwer, Zelt und Habe aus einem Präricnbrandc zu retten. Und ob er auch nie mehr besäst, als Schrcibutensilicn und die Kamp- ausrüstung eine» Junggesellen, beides in einer Gcneverkisie auf- gehoben— es genierte ihn nie. Er lebte dem Augenblick und scherte sich blutwenig um die Zukunft. Nunmehr begleiten wir Braun auf feiner Reise nach Deutschland und wieder retour. Die Riviera, Monte Carlo, Abcssinicn werden dabei besucht und auf Madagaskar gelandet. Bei Laurciwo Marques betritt er die südafrikanische Adoptivheimat. Aber da er beabsichtigt, sich, wie man so sagt, zu situieren, quittiert er den Bahndicnst und erwirbt in Lhdenburg Grund und Boden. Inmitten seines Besitztums errichtet er ein schmuckes Wohnhaus, das ihm der Vater aus Stockholm hat schicken lassen, und gründet eine Bierbrauerei. Diese letztere zuerst ander- tvärts, bis der ganze Bau eines Tages aus den Fugen ging und im Morast versank... Trotzdem hatte er Glück. AlleS ging gut. die neue Brauerei auf seinem Grundstück florierte, das Heim wurde bc- haglich in seinen Räumen. Da brach der.Krieg aus. Flugs hängt er Haus und Geschäft an den ersten besten Nagel und zieht ins Feld, wohl wissend, dast er nur Trümmerhaufen und Verwüstung bei der Rückkehr finden— oder auch sein Eigentum uie mehr sehen würde. Und nun geht's auf und ab im.Kampfgctümmel, lvie es der Tag bringt, wie das Geschick es will. Ein ganzer Kerl trotzt der Hölle, sieht dem Schlachtentod gleichgültig ins Auge. EincS TagcS ist er englischer Kriegsgefangener und wird nach Pretoria geschleppt. Ceylon ist ihm als Berbannungsort sicher. Aber cS kommt anders. Die Engländer anerkennen nicht seine Eigenschaft als südafrikanischer Bürger. AlS Deutscher wurde er mit der Verpflichtung, �nic mehr die Waffen zu erheben, freigelassen. Aber obwohl ohne Subsistcnz- mittel, macht ihm daS wenig Beschwer. Berichte an Zeitungen halten ihn über Wasser. Obendrein engagiert ihn der deutsche Konsul als AuShilfsschrciber bei 10 Lstr. Monatsgehalt. Ein Vierteljahr liegt er dieser halbamtlichen, äuhcrst amüsanten Thätigkeit ob. Damt aber beschlieht er, nach Amerika auszuwandern. Wie er nun in Kapstadt der Einschiffung harrt, erfolgt der langersehnte Friedens- schluh. Braun geht auf einige Monate nach Deutschland zurück, wo er seine Erlebnisse in dem nun vorliegenden Buche zusammenfaht. Eine kraftvolle Persönlichkeit leuchtet uns daraus entgegen und wir spüren beim Lesen den frischen HochlandShauch der Freiheit, die in des Mannes Seele lvohnt. DaS köstliche Buch empfiehlt sich selber.— E r n st K r e o w S k i. kleines Feuilleton. eu. Die Launen des Klimas und der Sonne. Das; das Klima kein stehender Begriff ist, sondern einem Wechsel unterliegt, ist eine feit langem genmchte Beobachtung, die aber erst durch neuere wissen- schaftliche Forschuugcn eine eigentlicke Begründung erfahren hat. Man kann danach eine dreifache Klimaschwankung unterscheiden: einmal die von Tag zu Tage eintretenden Wechsel, die freilich besser als Wittcrungsveraiiderungen aufzufassen sind; zweitens mehr oder weniger regelmässige Wechsel des Klimas im Laufe der Jahre; drittens ebensolche' im Verlaufe der Jahrhunderte. Die letzteren wären mit dem Begriff der säkularen Klimaschwaukung zu bezeichnen. Bon zwei Seiten ist in allerjüngstcr Zeit ein wertvolles Material über solche Naturerscheinungen zusammengetragen worden. Aus dem Mmde de? schwedischen ForschungSreisendcn Sven Hedin hat man erfahren, dah in dem wüsten Gebiet von Jnncrasien, namentlich in der Umgebung des jetzt fast gänzlich verschwundenen Sees Lob-Nor gelvisse An- zeichen dafür vorhanden sind, daß früher dort ein ganz andres und vor allem wesentlich feuchteres Klima geherrscht hat. Hedin hat dort nicht nur Reste von ausgedehnten Wäldern, sondern auch Ruinen alter Städte gefunden, die seit Jahrhunderten unter dem Wüstcnstaub begraben liegen. Diese Mitteilung trifft zufällig zu- samrneu mit der Veröffentlichung einer Arbeit des englischen Physikers Norman Lockyer, die einen Zusammenhang zwischen der Verteilung der periodischen Rcgcnfälle in Indien und in andern Gebieten des Indischen Oceans mit der Sonncnthätigkeit feststellt. DaS Ausbleiben der Monsumregen und die dadurch bedingte Hungersnot in Indien haben nicht nur die Besorgnis der Politiker, sondern auch die Aufmerksamkeit der Engländer erregt, lind Professor Lockyer hat nun wenigstens die Ursache davon mit einiger Sicherheit ermittelt. Schon kleine Aenderungen der Sonnenthätigkeit. die an dem Auf- treten der Sonnenflecken erkannt werden können, vermögen gewisse Wechselwirkungen zwischen den Gebieten hohen und niedrigen Lust- drucks über der Erde hervorzurufen und dadurch den Gang der Beranlwortlichcr Aedakleur: Earl Leid>u Bertin.— Druck und Verlag: Witterung inr Verlauf der Jahre wesentlich zu beeinflussen. Es ent- steht tvie von selbst daraus die Frage, ob nicht auch solche über längere Zeiträume sich erstreckenden Klimaschwankungen, wie sie nach den Entdeckungen von Hedin im Innern Asiens stattgcstmden haben müssen, auf Aenderungen der Sonnenthätigkeit zurückzuführen wären. Mit dieser Frage kommen tvir aber noch weiter. Die toten Wälder und Städte Jnncrasiens müssen, wenn es hoch kommt, ll/s Jahrtausende im Wüstenboden begraben liegen. Seit diesem Zeitraum müsste sich also das dortige Klima so stark zu Ungunsten des Menschen und der Vegetation geändert haben. Nun sind IVo Jahrtausende im Vergleich zum Menschenleben eine lange Zeit, aber nur eine kurze Frist im Vergleich zu der crdgeschichtlichcn Entwicklung. Wenn man aber auf diese eingeht, so finden sich dort ebenfalls Beweise für sehr bedeutende Klima- schwankungcn, für die eine hinreichende Erklärung bisher noch nicht gegeben worden ist. Da ist vor allem die grosse Eiszeit, die den grvhtcn Teil Nordamerikas und fast das ganze Nordeuropa mit einem EiSmantcl überzog. Alle möglichen Naturgesetze und eine unübersehbare Zahl von Vermutungen sind herangezogen worden, um dies ausserordentliche Ereignis der Erdgeschichte zu erklären. Aber, wie gesagt, die Frage nach dem Wie und Warum ist noch immer nicht befriedigt ivorden. Professor Lockyer hat nun besonders darauf hingewiesen, daß in der erdgeschichtlichcn Periode, die der Eiszeit vorausging, also in der Tertlär-Periode, im Gegenteil ein ganz ungewöhnlich warmes Klima in der nördlich gemässigten Zone geherrscht haben innss. Dieser Gegensatz lässt ebenfalls daraus schliesscn, das; ein periodischer Wechsel über lange Zeiträume hin vorliegt, der durch keine andre Annahme besser verstanden werden kann, als durch die eines entsprechenden Wechsels in der Sonnenthätigkeit. Letzterer braucht noch gar nicht einmal so überaus gross gewesen zu sein, denn nach den jetzigen Anschauungen brauchte das Klima nur um 8—9 Grad der mittleren Jahrestemperatur zu fallen, damit das Ricsengebirge, der Schwarzwald, die Vogcscn, die Alpen, die Appeninen, die Berge von Korsika, der Atlas und der Kaukasus in mehr oder weniger grosse Gletschcrfelder verwandelt wurden, wie sie während der Eiszeit dort bestanden haben müssen. ES sei daran erinnert, dass z. B. der Rhone-Gletschcr danu bis in die Gegend von Lyon und die Gletscher der Nordalpen bis gegen den heutigen Lauf der Donau hin gereicht haben.— Humoristisches. — Ahnungsvoll. Oberförster:„Mein Haus ist dock; schon recht baufällig; in meiner Schlafftube haben sich die Balken gebogen..." Bekannter:„Sprechen Sie viel im T r a u in e?"— — D i e Rache des Weinreisenden. Hausherr lwütcnd):„Unverschämtheit, mich in meinem Nachmittagsschlaf zu stören; machen Sie, dass Sie fortkommen; ich brauche keinen Wein! (Nach einer Viertelstunde.) ES ist zum verzweifeln; wer klingelt denn da am Telephon? Hier Direktor Müller! Wer dort?" „Ach, entschuldigen Sie, ich hatte Ihnen eben Wein offeriert. haben Sie auch keinen Bedarf in Cigarren?"— — Verträglich. Freundin:„Dein Bkann ist also Vegetarier; da wirst Du doch recht hart mit der Küche thun?" Frau:„O gar nicht; ich esse das Fleisch und er das Gemüse."— („Meggcndorfcr Blätter.") Notizen. — Die e r st e n z e h n Aufführungen voit G e r h a r t Hauptmanns„Armen Heinrich" im Deutschen Theater brachten eine Einnabme von 30 000 M.— —„I-a C Ii 4 1 c 1 a i n e"(„Die Schlossherrin eine neue Komödie von Alfred E a p u s ist vom Schauspielhause zur Aufführunq erworben ivorden.— — Die Ausführung von Oskar WildeS„Salome" iin Kleinen Theater ist mm anch vom Bezirksansschnss wegen sittlicher Bedenken verboten ivorden. Das Kleine Theater hat gegen diesen Entscheid beim Ober-VcrwaltnngSgcricht Berufung eingelegt.— — Im'Wiener Deutschen Volksthcater geht am 17. Januar Ludwig Ganghofers ländliches Drama„Der heilige Rat" erstmalig in Seene.— — Die Einöds hofer-Konzerte im Neuen Konzerthans beginnen an den drei Weihnachtstagen und dem darauf folgenden Sonntag bereits um 5 Uhr nachmittags. Am Montag findet ein zweiter Wagner-Abend statt.— — M a r e 0 11 i meldet, dass ihm eine Vcrsiändigung mittels drahtloser Telegrap hie über den Occan gelungen sei. Er glaubt, binnen vier Monaten einen geregelte» Dienst für Depeschen aller Art einrichten zu können.— — Der bekannte Psychiater Professor v. K r a f f t- E b i n g ist, 62 Jahre alt, in„Maria-Griin" bei Graz an einem Nierenleiden g e st 0 r b e 11.—_____ Sorwäns Buchdruckerei und Vcrüigsaiyiall Paul Singer& lio., Berlin SW.