AnterhaltungMatt des Nr. 25.- HN.� SonntiiM-M (Nachdruck verbotet) .Dezember. 15] Im Kreife. Erzählung von W a c l a w Sieroczewski. Deutsch von N o j a S ch a p i r e. Wenn es ein großer Fisch war. der den Kahn hätte umtvcrfen können, ließ Alexander das Neh wieder fallen und ruderte bis zur Untiefe zurück. Dort stieg er aus dein Kahn, zog die Beute vorsichtig an sich und betäubte den Fisch mit einem starken Schlage. Kleinere Fische zog er ohne weiteres heraus und warf sie in; Acv in den Kahn, wo sie lange gegen den Rand schlugen.' Manchmal vergingen zwei und drei Tage, che ihm etwas ins?!clz kam. seitdem Froschauge fort- gegangen war. sing er immer weniger, denn er konnte nur einmal im Tage Netze auswerfen. Wenn das Netz lange un- beiveglich an einer Stelle stand, hörten die Fische aus. dort ihr Spiel zu treiben, denn die Pflöckchen, die Schnüre und Maschen machten ihnen Angst. Die Bucht hatte nicht viel Stellen, an denen sich Fische aufhielten und nach neuen suchen, war wegen der großen Entfernung unmöglich. Mitunter war es geschehen, daß. wenn er länger am Flusse geblieben war, er dann Zosia weinend im Heindcheu vor dem Hause fand. Er zankte sie aus. aber das half nichts. „Ich habe Hunger und fürcht' mich allein." rechtfertigte sich das arme Würmchcn. Der Fang wurde immer geringer. Auch die Vorräte gingen auf die Neige: es fehlte an Mehl, und Milch hatten sie überhaupt nicht mehr gesehen, seitdem Froschange fort war. Dazu kam noch, daß die Jakuten wohl gemerkt hatten, daß er nur selten an die Bucht kam. sie begannen ihm allerlei Schabernack anzuthn», die Netze zu lösen, einmal banden sie sogar den Kahn los: sie konnten ihn nicht fortbringen, denn er war so klein, daß sie Angst hatten, sich hinein zu setzen, aber sie stießen ihn ans den Fluß. Alexander suchte lange. ehe er ihn fand, da die Strömung ihn mit sich geschleppt und ans User geworfen hatte. All das. ärgerte und kränkte ihn nicht tvenig. „Wirklich, es wäre schon besser, alles aufzugeben und nur Zosias Erziehung zu leben!" Er lachte bitter. Warum sich selbst was vormachen? Er kannte die Eingeborne», er wußte, daß sie ihm nicht einmal das geben würden, was sie versprochen hatten, und wenn sie erst die Sicherheit hatten, daß sie ihn ungestraft chjkanieren können, so würden sie ihn so lange quälen, bis sie ihn los waren. Die Kampsbcdingungcn können sich ändern, aber der Kamps bleibt bestehen, und sei» Leben wird eine Kette von Elend, Hunger und Demütigungen werden, wie es allen denjenigen erging, die eine gewisse Angst und Schüchternheit verraten hatten, oder die durch Krankheit gehindert waren. ihren Mann zu stehen. Da ist's ja besser, ein Ende z» machen, das Kind zu töten und sich selbst das Leben zu nehmen! Denn um in die Stadt zu gehen, dafür gab's ja keine genügenden Gründe: sie würden ihn sicher wieder zurückschicken. Sein Gesicht verdüsterte sich bei diesen Gedanken, und er war so verstimint, daß es selbst die kleine Zosia merkte tiiid sich bemühte, ihn aufzuheitern. Gerade um diese Zeit brachte Ajax, der bei den täglich knapper werdenden Vorräten seinem eignen Unternehniuilgs- geist überlassen war, ein Stück saiiles Fleisch nach Hause. Das schwarze Fell fiel Alexander auf, er begann den Hund zu beobachten und fand denn, auch bald an einer abgelegenen Stelle halb verscharrt, etwas benagt und schon ziemlich fatil: Wronqs Kopf, sein Fell und die Beine. Dinge, die den Dieb zur Zeit der Revision am schnellsten verraten hätten. Alexander überwand seinen Ekel und hob den Schädel seines treuen Gefährten nnd Mitarbeiters in die Höhe. Der Schädel machte einen entsetzlichen Eindruck. Das glatte, feuchte Ding entglitt Alexanders Hand und fiel wieder in sein Lhös.stivück. Er wischte sich die Hand im Grase ab und ohne, selbst dem Hunde zu pfeifen, der sich bc- stlui�zsj�.bvevüsch verbarg. Alexander fühlte, wie sich ihn? di«? stehle zttsamnienschnürte„.wie ihm Thränen aufstiegen. n Er hatte dies Pferd als junges, noch nicht zugerittenes Fohlen gekaust, und lange war es znsainmen mit Ajax sein Gefährte in der Verbannung gewesen. nochrhchj,, �-mik zzllZ „Diese Lumpen! Diese...... tr— werd' Euch!" wieder begannen zu verschiedenen Tages- imd Nacht-jguen die Vorübergehenden der kräftigen, bärtigen Ge- statt unk der Waffe über der Schulter zu begegne». „Schläft dieser russische Tellfel nicht?" schimpften sie. „Der lungert um sein Feld rnm und um seine Netze, wie ein Bär un? seine Hohle." Er drohte ihnen nicht, er folgte nur jedem lnit langem, durchdriirgendein Blick und fragte die Fremde» kurz: „Wer seid Ihr? Woher und wohin?" „Gott bewahre! Der wird u??s??och was ailthrin!" schreckten sich die Lelite gegenseitig, wenn sie von ihn? sprachen. Tie Vorüberfahrendcn knallten, wenn sie ihn stchd�Hrst.cher Peitsche und zogen die Zügel strammer, die FuHiWer zogen die Mütze schon von weitem?ind kamen schüchtern,- Mber, „lim so besser! Wenti inm? hier nur mit Gewali iva? ausrichteii kann, dam? sollen sie sich fürchten!" lind die Angst der Leute, denen er nnvernnitet in? Walde begegnete, ihre zitternden Lippe» und die furchtsam misge- risscnen Augen machten ihm keinen Eindruck mehr i er empfand diesen schmerzlichen Dr?lck??icht mehr, daß sie ihn nicht keniien, nicht verstehen. Er versuchte es auch nicht mehr mit freundlicher Ikeberrednug. „Ich null ihnen>vohl," sagte er sich, aber sie sind tvild und koimen nur lnit Furcht im Zaume gehalten werden." Er gab ihnen sogar bis zu einen? gewissen Grade recht, er erinnerte sich der Worte des Kliiaz?l??d sagte sich, daß sie eine gewisse Achtiliig verdiene??, aber seine frühere warme Zuneigung war verschnmiiden. lind wenn er die Jakuten der Schar aller derjenigen zuzählen ivollte, linter deren Los er litt/für die er einmal Hab uild Gut lind die Freiheit ge- opfert hatte, da???? sprach keii?e Stim?ne?nehr in? Herzen für sie. Es war ihn? nicht möglich, den Zeuge?? und zum Teil de?? Urtieberi? seiner Demütigi?nge?? zu verzeihen. Er konnte ihilei? seine Verztveiflung bei??? Ailblick seiller ails Ufer ge- tvorfenen Netze lind de?? Hlinger, der auf ihn lauerte, nicht verzeihen, ll?>d mich de?? zertrümmerten Schädel seines er- schlagc??e>? Pferdes komite er?>icht vergessen. Sie bewarfen ihi? liiit Kot, legte?? ihm absche?llige Dilige zur Last, sie rissen ai? sciiler Seele lvie ai? etiler gesprungeiren Saite. Nein! War?»?? solle?? sie nicht mich leiden! Fühlen, lvie er kühlt! Aber lvarnm? Weshalb? Sind sie den schuldig? Uild wein nützt es?"-; Diese Gedanken schüttelte er ivieder ab, er liebte es nicht, sich zuviel?ilit Grübeleien zu qilälen. „Schuldige giebt es i?icht, aber Hindernisse! Und ich sehe keine?? Ausweg!" Aber l?ach tvelche??? Ausweg strebte er? Dies sollte doch der Anfang sein. Zun? erstenmal kämpfte er für seine cigliei? Interesse??, und er sah sich ga>?z emf sich selbst gestellt. Und llwiidte er nicht die gleichen Mittel, a??, lvie jelle A?is?vürf- linge der Gesellschaft, für die es mich keinen Ausweg gab, ?ind die den Jakuten so viel Angst lnachte??! Was liützte es, wenn er sich vornahm, ii? Zukunft aliders z?? sein? Hört ein Unrecht je alif, est? Unrecht zu sein? Ii? seinem Kopfe jagte?? sich qliälende Gedanken, die er mit schwerer Arbeit zu betäuben slichte. Sei?? Lächeln sch!va?ld, er wurde ii?ager iiild blaß. Und dabei>var die Arbeit nur Qual, de???? sie elitfernte ihn vom Hanse n??d er lebte i?? beständiger Angst um das Kind,????? das Haus,????? das Feld. „Sie werdell's anzünde??.. zertreten!" sagte er sich. Und Zosia blieb iinmer häufiger alle»? ii? der Jurte. Alexander brauchte all seii?e Kraft a?if, um Eßbares zu schaffen n,?d es cinigcrnlaße» bis zur Ernte aushmten zu kö?i??ei?. Mit eilte?» geflochtelic?? Wehr schloß er die A?lcht vorn Haupt- fluß ab, stellte eine Fischreuse a?if n>?d lvarf die Netze an andrer Stelle a?ls. Er verstichtc sogar im See zu fischen, wo es eiilc Menge Karansche?? gab; bald aber gab er eS auf, den?? ein Bär lnachte ihm Koiikurreiiz. Als er sich eines Tages länger ai? der Blicht aufhielt, hörte er in? Walde uirgewohntes Geräusch. Er glaubte, Schadeilstifrer al?f frischer That ertappen z?? köilile??, schlich sich leise durchs Gebüsch, un? ihnen an? Wege aufztilaliern. Das Knacken der Zweige, die unter sein«? Füßen brachen. übertönte das Geräusch für eine?? AligenWm, aber aus dem — 100b haariges Tier näher � I________ i» hierher?" dachte Alexa>dcr. nahm ldine Flinte' ziir Hand, sein Herz schlug. „Verfolgt strecken mit einem fahlen Schleier. Die Tage nnd die gellen Nächte wurden unter ihrer Hülle zu einem über» k�Vngslosen Ganzen. Die Sonne ging feuerrot aber ohne Et? Ter Raum __ ten dahin. Die Luft nahm einen herben Geschmack an und wurde dick wie Watte, die Lippen wurden trocken und spröde, im Halse würgte und kratzte sie. In dem aschgrauen Nebel schien alles grau. Tie Vögel hatten sich verborgen, man hörte den Kuckuck nicht länger, und selbst die Krähen waren verschwunden. Menschen und Tiere scheuten jede Bewegung. Tie Blumen öffneten ihre durstigen Kelche weit. Kein Tropfen Tan, kein Windhauch.. Tag und Nacht gleich heiß un.d grau.. So vergingen einige Tage. (Fortsetzung folgt.) wa>: ong und wenig zum Kampf geeignet. Wenn er feWe� Manz auf und zog über die Erde wie der Mond in nebligen Tck«"k:'f" w- Tier sicherlich nieder, ehe er auch nufc.Aär n--£A—■«•-'*-* ätvsfcr bereit hatte. Plötzlich steckte Ajax seinen ehrliche �Ä»pf-U,s'dem Gebüsch.-> „Ajar hierher!" ti) rymt Ter Hund sprang freudig auf ihn zn und hinter ihm schimmerte Zosias goldblondes Köpfchen inl Gebüsch; „Bist Tu auch hier? Was bedeutet denn das?� rief Alexander erschrocken. „Ach, Papa, ich such' Dich schon so lange! Und die Mücken stechen!" „Tu bist cur böses, böses Kind! Warum bist Du fort- gegangen?" „Papa, ich langweile mich so sehr!" Sei nicht böse«. Äch Hab' Dich doch gefunden!" -H'Kichic lachte ihn an und war so wunderhübsch, daß Pr den Arm nahm und zu küssen begann. ■' J, chiit ein böses, häßliches Kind! Und ärgerst mich WÄk'weiß, wie Tu Tich hättest verlaufen können!" „Dn ärgerst mich aber auch. Die Jakuten sind gekommen und haben nach Dir gefragt." „Was haben sie gesagt?" „Gar nichts, nur die Speisekammer geöffnet, das Getreide beseheil und das Hell." „Auch gut, wir»vollen ja nichts von ihnen. Da, setz' Dich!" Er setzte sie auf die Schulter und ging mit ihr an die Bucht, um seine Arbeit zu beenden. Am Ufer zündete er ein Feuer an und setzte das Kind daneben. „Nun aber ruhig und rühr' Dich nicht, sonst mußt Tn gleich nach Hause!" Er nahm sie noch einigemal mit, aber das hinderte ihn in seiner Arbeit. Er mußte sie tragen, sie im Kahn auf dem Schoß halten, da sie sonst nicht still saß und sich vornüber neigte. Er wagte nicht, mit ihr über die Wasserstrudel zu setzen und hatte noch gröere Angst, sie allein am Ufer zu lassen. Wer konnte ihm dafür bürgen, daß sie nicht ins Wasser fiel, nicht den Abhang hinunterglitt, daß sie nicht von eincrit wilden Tiere angefallen wurde, das sich am Wege zeigt? So hatte er denn keinen Augenblick Ruhe. Die Hitze wurde immer unerträglicher. Ter Boden wurde so heiß, daß er durch's Schuhwerk brannte. Das Wasser im Flusse fiel mit jedem Tage. Aus den eintrocknenden Sümpfen, aus der erhitzten Tiefe stiegen Miasmen auf. Alexander fühlte, daß er Malaria einatme, lvenn er über's Wasser gebengt, die Netze prüfte. Seine Kräfte schwanden zusehends, und der Kopf brannte häufig wie Feuer. Das Kind ließ er zu Hause. Er schloß es ein und häufig, wenn er wiederkam, hörte er, wie es weinte. „Wenn wenigstens Ajax bei mir bliebe," bat sie. So ließ er denn Ajax zn Hause irnd schloß beide ein, obgleich ihm die Erhaltung des Hundes größere Ausgaben verursachte. Manchmal lag er ganze Tage ini Walde und lauerte dem Wild auf. Die jungen Enten waren noch zn klein und die klein und die Alten hüteten sie eifrig und ließen sie nicht von der Brutstätte. Ohne Hund konnte man sie nicht aufscheuchen und Ajax eignete sich auch wenig zur Jagd; Reb- und Birkhühner verbargen sich im Gesträuche, und in den schweigenden Wäldern gab es kein Wild. Auch die Fische gingen bei dem niedrigen Wasserstande nicht mehr ins Netz; er mußte nach neuen Plätzen suchen; kleine Fische fing er noch, »venu auch nur in geringer Zahl. Er kochte Suppe davon, reichlich mit wilden Zwiebeln angerichtet. Er hatte noch etwas Geld, aber das wollte er für die schlimmsten Zeiten aufheben, die nach seinen Begriffen noch nicht gekommen waren. Inzwischen erreichte die um jene Jahreszeit gewöhnliche Hitze und Dürre ihren höchsten Grad. Seit drei Wochen hatte es nicht mehr geregnet. Der trockene Erdboden brannte und erhitzte die Luft selbst des Nachts. Tau fiel überhaupt nicht mehr, das Gras zerfiel wie Asche, dünner Staub erfüllte die Luft und drang durch alle Fugen. Die. Ferne war ganz in Dünste gehüllt. Vom Walde kam eine schwüle, ungesunde Luft, von den Sümpfen und aus dem See stiegen fieber- schwangere Dämpfe. Frische und Kühlung kam nur vom leise rauschenden Flusse, aber auch der zeigte kahle Sandbänke. Das Getreide wuchs langsam. Jetzt kamen auch trockene Staubwolken und bedeckten 8onntagsplauäerei. Aus d c»I Tagebuch des Fräulein von Oben. M o n t a g. Wenn wir Toten erwachen.... Ich bin frei! Ich bin frei! Ich bin frei I Der Gefangenschaft Zeit ist vorbei! Ich bin frei wie ein Vogel! Bin frei I Ich singe cS mit Ibsens Frau Maja. Freilich, eS ist nur die Freiheit eines Hotels. Und neben mir wohnt ein sächsischer Polizist. Gleichwohl ich kann Ibsen lesen, so oft es mir gefällt. Wie pflegte Er doch zu sagen: Anch so ein ausländischer Schmierfink, der nicht einmal Unteroffizier gewesen ist und an keinen Gott glaubt. Und dann nannte Er es einen Skandal, das; in deutschen Landen solche unsittlichen Sachen— gelegentlich sagte er auch: solche Schweinereien — geduldet würden. Ich bin frei. Ich brauch' nicht mehr huldvoll um 2,34 Minuten zu lächeln, weil ich jederzeit lachen kann. Wenn nur der Polizist nebenan nicht wäre. Er hat so ein unheimliches Paket bei sich als lväre eine Zwangsjacke darin. Man sagt mir, das; die Irrenhäuser so willig seien. Schon hat das„Dresdener Journal", ans dem ich immer meine Austlärung beziehen mußte, gelogen, ich sei in einer Geistesstörung davongegangen. Ach, lein Staatsanwalt erhebt sich, der das Blatt wegen Beleidigung des Mitgliedes eines regierenden Hauses verklagt. Aber vielleicht klage ich selbst wegen Verleumdung. Bin neugierig, was der verehrte Redakteur des königlichen Organs kriegen würde I Sonderbar überhaupt,>vie schutzlos die Ehre einer deutschen Frau ist, sogar einer deutschen Fürstin. Sie dürfen alle nach Herzenslust hinter mir herschimpfen, die unsinnigsten, schmutzigsten Fabeln erfinden. Niemand rührt sich, um mein Ritter zu sein. Ich bin frei wie ein Vogel— vogelfrci! Wenn man von einem Nacht- lvächter eine nicht erweislich wahre Thatsachc behauptet— sofort nuls; der Kerl ins Loch. AZird gar von einem hundertfachen Millionär eine unangenehme Wahrheit veröffentlicht, man möchte am liebsten ganze Dörfer nnd Städte als Sühneopfer einäschern. Von mir aber kann jeder schreiben, was er will. Je verworfener ich erscheine, desto wohlgefälliger wird die Lüge der Elenden. Nun, ich sterbe nicht an der Verleumdung, ich lebe vielmehr an ihr ans. Ich ermesse an dem Maße der Niedertracht die Größe meines Glücks, daß ich dieser ganzen wüsten Posse entronnen.... Dienstag. So ganz Unrecht hat man mit der Geistesstörung doch nicht. Wcnki ich's mir recht überlege, ich habe wirklich eine Geistesstörung— begangen. Ich habe den Geist des Gottesgnadcntums gewaltig gestört. Die ganze monarchische Herrlichkeit ist über Nacht zusammengebrochen. Wie sollen es die Völker in dem monarchischen Kerker aushalten. wenn sogar eine Fürstin aus ihm, um nicht zu ersticken, nächllicher Weile ausgebrochen ist? Ich habe den Geist all der Edlen und Er- lauchten gestört. So eine Flucht steht nicht in, militärischen Reglement, der Herr Hofmeister weiß keine Formel dafür. Soll er befehlen: der Hof legt wegen allerhöchsten Weglaufens ihrer könig- lichen Hoheit der Frau Kronprinzessin sür Dauer von zwei Monaten tiefe Trauer an. Die Damen des Hofes haben schwarze schmiedeeiserne Ketten zu tragen... Heute erhielt ich aus Berlin folgende Postkarte:„Ich wünsche Ihnen Glück zur Freiheit. Können Sic uns nicht das Geheimnis verraten, loic wir es Ihnen nachmachen können? Ein Mann aus dem Volke?" Endlich Einer, der mich begreift. Der Polizist ist noch immer da. Ruch sein Paket. Kann man dem Menschen nicht den Boden der freien Schweiz verbieten. Ich will nicht zurück, ich will nicht, ich tvill nicht. Weih ltzft chck.e.p. Ich freue mich kindisch. Wir haben um eist-'ty)■ etliche Kleinigkeiten geschenkt. Der Bruder hat anjfpe blasen, und wir haben dazu liebsten stände ich Kopf. Brrr meii getanzt, wie die Dort drüben wird matt zntnftst- gesetzten Sekunde die Flügelthüren öffnen, sie iverden in feierktck Zug Hereinmars chiercn. darauf sind sie zwei Minuten lang von oen reichen Gaben überrascht, um füus Minuten darauf in Geniüt und Gefühl zu verfallen und„Stille Nacht, heilige Nacht!" zu singen. Daß man noch keinen Militärmarsch aus dem Krippcnlicd gemacht! Ich pfeife wie ein Schusterjunge. Sonnabend. Der Lehrer der Sprache des Herzens hat mir einen Stög deutscher Geltungen gebracht. Ja, wenn man aus der Krone ge- sprungen ist. Dann verändert man sich. Gestern war ich noch bei jedem meiner Geburtstage die edelste und schönste deutsche Frau, die erhabene Mutter herrlicher Kinder, die zarte und zärtlich hingebende Gattin, die unermüdliche Förderin christlicher Wohlthätigkcrt, das Ideal züchtiger Weiblichkeit, eine Freundin der Armen, eine Schutz- Herrin von Kunst imd Wissenschaft und dazu eine treffliche HanSfrau, die, ungeachtet ihrer künstlerischc» Talente und schwere» Repräsentationspflichten, jedes Beefsteak ihrem Gatten eigenhändig brät und die Kleider ihrer Kinder allerhöchstsclbst zu nähen und zu flicken geruht. Und morgen hätte ich Königin sein können, LaudcSmutter, geschichtliche Persönlichkeit. Bielleicht hätte ich cS sogar zur Vorsitzenden des Fürstinnenbundes zu Hebung der Sittlichkeit gebracht. Millionen hätten mich, bei Kcrkerstrafe, anschwärmen und anbeten müssen. In jedem guten bürgerlichen Hause hätte mein Bild ge- hängt, und auch in jeder Kneipe. Ich wäre zum vollendeten Automaten monarchischer Liebenswürdigkeit geworden, ich hätte mich täglich tausendmal huldvollst verneig! und unendliche Gnade und Gute verbreitet. Und die Kinder hatten in den Schulen Wunder- dinge von meinen Tugenden gelernt. Jetzt aber? Wohin ist so schnell und gründlich alles angeborene Gottesgnadentum entschwunden? O, ich Ruchlose, habe mich unwürdig des Hauses August des Starken erwiesen, ich habe das seine sittliche Gefühl verletzt, Pflicht und Ehe gebrochen— darum ist cS nur billig, das; mich alle Patrioten wie die niedrigste Dirne behandeln. Ihr meine Standesaenosscn von gestern, wollt Ihr erfahren, wie man über Euch denkt, folgt meinem Beispiel, ergreift die Flucht vor Eurer Würde— Ihr werdet rasch sehend werden! Sind wir nicht eigentlich alle schlimmer als die HnmbertS, es gehört nicht einmal Witz, Mut und Erfindungsgabe dazu, um auf Grund eines unechten Rechtstitels die Welt zu kommandieren. Ich habe das e r st e Wcihnachtsfest meines Lebens genossen— als Hotelgast, der mit drei Frank das Bett bezahlt; zum erstenmal ist mir die Krippen-Andacht aufgegangen, eine Maria Magdalena, die nicht im mindesten bufifertig ist. In den deutschen Märchen liest man als der Gotteswundcr lieblichstes, wie ein Gänsemädel zur Frau Königin wird. Ist es nicht ein unendlich größeres Wunder, das WeihnachtSwimdcr, daß eine Königin Gänscmädel wird?.„. M o n t a g. An den Polizeimann und sein unheimliches Packet habe ich mich beinahe gewöhnt. Eine schlimmere Sorge befällt mich. Seit gestern haben wir die tägliche Hotclrechnnng nicht bezahlt. Ich fühle, daß der Wirt mißtrauisch wird. Ter Oberkellner sieht mich mit einer so verachtungsvollen, eiskalten Miene an, daß es selbst»n'ser Ober- Hofmeister nicht besser inachen konnte. Ich komme mir wieder vor, als hätte ich verbotener Weise Zola gelesen. Heute hörte ich zu- fällig eine freche Bemerkung des Zimmermädchens: So etwas von liederlichen Frauenzimmern, die in den Tag hineinleben und nichts arbeiten toollc». Die hämischen Worte sind wie ein giftiger Hauch auf das Glück meiner jungen Freiheit gefallen. Ich denke seitdem an die Zukunft, ein eigentümlich bitteres und banges Empsinden. Jetzt erst erwacht in mir das Bewußtsein, daß ich in die Welt geflüchtet bin, in der man arbeitet, arbeiten muß, tvenn man kein Geld hat. Wovon werden wir leben? Ich kann Pinseln, Klavierspielen, Reiten, Radeln, Deklamieren. Ich fürchte, ich werde mich mit keiner der.Künste dnrchbringen können. Ich habe einmal gehört, daß es fleißige Arbeiter gicbt, die hungern. Und ich habe eine unermeßliche Furcht vor der Brutalität der Arbeit, die mir Brot gicbt. Wenn ich mir vorstelle, daß ich mit meinen Bildchen bei den Händlern umherlaufen muß und demütig bitten, sie mir für ein paar Pfennige abzunehmen I Lieber tot. Soll ich die mit be- zahlter Rückantwort versehene tclegraphische Heiratsofferte des Schwcinemilliardärs aus Chicago annehmen? Tie Sorgen wäre ich los, aber ich glaube, der Mann will nur die beinahige Königin als Warenzeichen seiner Fleischproduktc verwenden. Der Bruder hat doch noch nicht alle Traditionen seines edlen Blutes abgestreift. Sonst hätte er die Orden nicht zurückgeschickt, sondern versetzt. Wir könnte» das Geld jetzt brauchen. Soll ich versuchen, auf einer Bühne Unterkommen zu finden? Soll ich meine Memoiren schreiben? Silvester. Ich habe einen Ring verkauft, UNI Champagner zu besorgen. Ich ivill in das erste Jahr meiner Freiheit nicht nüchtern hinüber- gehen. Ich ivill tanzen, rasen— Rosen im Haar. Morgen mag uns der Hotelier exmittieren. Prosit— Ihr meine verflossenen Brüder und Schwestern in den Zellen des Gottcsgnadentums. Ich habe die Freiheit des entlassenen Strafgesangenen erobert, ich habe das Recht errungen, in der Gosse zu' sterben. Der Champagner schäumt!... N e n j a h r. Kopfschmerzen, Kopfschmerzen, nichts als Kopfschmerzen. Ich stehe mit Kopfschmerzen am Scheidewege. Wir mußten in ein Hotel vierten Ranges übersiedeln, beinahe schon eine Penne— der Obcrhofmcister möge mir das Wort in Gnaden verzeihen. Ich habe zwei Offerten erhalten. Man bietet mir die Rückkehr an; ich brauche nur ein halbes Jahr zur Quarantäne in einer Rcrvenheil- anstalt zu verbringen. Tann darf ich geheilt alle meine unsäglichen Tugenden wieder aufnehmen. Auf der andren Seite ivill mir Barnunl tausend Mark für jedes Auftreten und zehn Prozent des NcingewiiincS geben. Ich wähle Barnnin... Joe. Kleines f euilleton* tp. Eisbliiincn.„Steck' doch die Lampe an. Mutter," bat die junge Frau, welche eifrig an einer Nähmaschine hantierte. Die bebrillte Alte stand von ihrem Stuhl in der Nähe deS Ofens auf, legte den Strickstrumpf beiseite und zündete die Lampe an. Dann öffnete sie das Fenster und ließ den aus Sackleinwand gefertigten Wettervorhang herunter. Ein kalter Luftzug strömte herein. „Mach' bloß zu. Mutter!" Tic junge Frau schüttelte sich. Die Alte hate das Fenster geschlossen und fuhr prüfend mit dem Zeigefinger über die Scheiben:„Sie kommen schon wicderl" „Wer? Ach so: die Eisblumen l Nu jal Je kälter es ist, desto besser blüh'» sie. tind ich glaube, in unscrm Ofen ist keine Spur von Glut mehr." Die Alte hatte das Fenster geschlossen und fuhr prüfend mit dem Sic schüttelte bekümmert de» Kopf. Dann trat sie zu einem Bett, in welchem trotz der frühen Abendstunde bereits zwei Kinder ruhten: „Tic haben» am besten I Die schlaf«! schon." Tie junge Frau sah kurz auf:„Ja. Die frieren nicht." Die Alte seufzte, warf sich ein Tuch um und nahm ihren Strick- strumpf wieder zur Hand. Monoton klapperten die Nadeln. Tic Nähmaschine ratterte eintönig. Draußen ging die Dämmerung in ticfcS Dunkel über. Ein kalter Wind blies und spielte mit dein Wettcrrouleaux, das hin und wieder klatschend gegen das Fenster schlug. I» de» Schcibenecken keimten die Eisblumen auf. Sichtbar reckten die Strahlen sich aus; Sternchen um Sternchen schoß heran... „Bater blgibt so lange." sagte die junge Frau plötzlich. Die alte Frau nickte:„Er rennt sich noch die Hacken ab. lind e» hat doch keinen Zweck. Es nützt ja alles, alles nichts." „Toll er etwa hier zu Hause hocken?" Die junge Frau richtete sich energisch auf.„Am Ende bringen sie ihm Arbeit in die Wohnung, was? Mit Kopfhängcn und so kommen wir nicht weiter. Es muß eben jeder aiif'm Posten sein!" Mit einem kräftigen Fußtritt setzte sie die Nähmaschine wieder in Bewegung:„'mal m u ß sich doch'was finde» l" „Darauf Ivartcn lvir schon»cht Wochen." „Red' bloß nicht noch so, Mutter! Sonst— 1" Die junge Frau sah mit zuckenden Lippen hinüber:„Wenn wir erst'11 Mut verlieren, können wir uns gleich begraben lassen!" Tie Alte nahm eine ihr entfallene Masche auf und wiegte den grauen Kopf hin und her:„Uni jede Stelle streiten sich zwanzig Mann." „Und einer kriegt sie!" Die junge Frau stieß es trotzig heraus. „Das ist eben wic's große LoS." lind mit mühsamem Galgenhumor fügte sie hinzu:„Warum soll'» wir.ficht auch'mal's große Los gewiimen?" Die Alte lachte kurz:„Nu ja!" Die Tochter fuhr fort:„Morgen ist Licfertag. Tic paar Mark, die ich kriege, sind schon weg. Verschiedene warten schon d'raiif. Wenn bloß die verdammte Kälte nicht wäre! Tie Feuerung ist einem ja nötiger fast wic's liebe Brot! Der Ofen frißt uns noch auf!" Sie ivandte den Blick ärgerlich zum Fenster:„Nu kuck'� bloß'mal, wie da» schon wieder hochkriecht. Ich niag gar nicht hinsehen I" Lautlos, wie drohende Polypen, streckten die Eisblume» ihre Fäden und schwellenden Adern aus. Zur Hälfte schon waren die Scheiben dick bedeckt— und immer höher wuchs es in seltsamen, phantastischen Blüten... Im Korridor läutete die Glocke. Die Alte ösfuetc. Ein junger Bursche trat herein, auf dem Rücken einen Kasten mit Braunkohlen. Er grüßte kurz und lud seine Last am Ofen av. „Nanu, wer hat'» die bestellt?" Verwundert fragte es die junge Frau. Ter Bursche schichtete die Kohlen auf:„Ihr Mann. Bezahlt sind fe ooch schon, llnd Sc söll'n et heute'mal ornt'lich warm machen. Morien tommt mehr. N'abcnd." Er schwang den leeren Kasten auf den Rücken und ging. „Das begreif' ich nicht," rief erstaunt die Frau. „Bezahlt find sie sogar?" Die Alte schüttelte den Kopf. Tann machte sie sich an's Einheizen. Tie beiden Frauen ergingen sich in allerlei Vermutungen, woher die Mittel des Mannes stammen könnten.„Vielleicht hat er bei'ncr Gelegenheitsarbeit heute'n paar Mark verdient," sagte die Alte. Im Ofen brannte das Feuer. Die Alte griff zu ihrem Strick- strumpf. Beide Frauen verharrten schweigend. Eifriger als zuvor arbeitete die Rähniaschine. Noch immer stiegen die Eisblumen empor. Ihre letzten Aus- läufer stießen schon an die Querleisten des Fensters. Und noch immer wuchsen sie..._, Plötzlich wurde die Flurthür geschlossen; schnelle Schritte näherten sich der Stube. Gespannt sahen die Frauen nach der Thür. Der Mann trat herein, ein großes Brot unterm Arm. Fröhlich grüszte er. Er legte das Brot auf den Tisch und beförderte aus seinen Taschen mehrere kleine Packctc heraus:„So, Kinderl Da habt Ihr 'was zu essen!" Er schmunzelte die erstaunten Frauen an, ging zum Bett, strich sich den bereiften Bart und kugle die Kinder:„Nu braucht Ihr nicht mehr mit den.Hühnern in die Klappe zu gehen! Von seht au wird die Stube jeden Tag hübsch warm gemacht!" Die Kinder erwachten und jubelten dem Vater zu. Die Alte rückte an ihrer Brille hin und her. als sähe sie nicht richtig:„Na, nü sage'mal. Emil—?" Er legte der Alten die Hände auf die Schultern, sah ihr gerade ins Gesicht und lachte:„Ich hab's große Los gewonnen, Mutter!" „Arbeit?" Die Hoffnung erleuchtete das fragende Gesicht der jungen Frau. „Ja, Lene!" Er umarmte sie.„Hab' heute schon geschafft. Vorschuß genommen. Nu wird alles wieder besser!"... Der Ofen verbreitete einen warmen Hauch im Zimmer. Von den Scheibe» begann es zu tropfen. Langsam, ganz allmählich krochen die Eisblumcn in sich zusammen.— k. Hungertrimme. Für den Einfluß, den der körperliche Zu- stand des Hungers auf die Träume ausübt, wissen die kürzlich er- schiencncn„Pstichischen Studien" einige interessante Beispiele anzu- führen. Schon Gcrstcnberg erzählt in seinem Drama„Ugolino" von solchen Hungerträumcn, in denen der Schlafende zu essen glaubt und behauptet, daß die gcträumte Sättigung noch über das Erwachen hinaus wirksam bleibe. Die zwangsmäßig auftauchende Vorstellung von Nahrungsmitteln und Befriedigung des Hungers schildert bc. kanntlich Knud Hamsun in seinem Roman„Hunger". Weygandt, der neuerdings Untersuchungen über die Bccinftussungcn geistiger Leistungen durch Hungern angestellt hat, hat die Einwirkung des Hungers mehrfach bei seinen eignen Traumvorstellungcn beobachten können. Bemerkenswert ist dabei, daß der geträumte Hunger wie feine Befriedigung ziemlich treffend den wirklichen körperlichen Reizen entspricht, während in andren SinneSgcbicten häufig beobachtet wird, daß der Reiz eine phantastische, oft auf ganz andrem Sinnesgebictc liegende Vorstellung hervorruft. Wehgandt legte sich am ersten Hungervcrsuchstage nachmittags auf ein Ruhebett und schlief ein, nachdem er in Turgenjew noch von einem Mädchen mit„blonden Flechten" gelesen hatte; im Traum wurden diese zu langen blonden Locken und diese wiederum zu Maccaroni und Nudeln von ver- schiedcner Dicke und von ähnlicher helloranger Farbe, wie sie bei italienischer Zubereitung üblich ist. Er träumte weiter, daß er den ganzen Porzellanteller mit Maccaroni mit einem Löffel hastig leer aß. Bei einem späteren Hungerversuch mit dreitägiger Nabrungs- enthaltung träumte er in der Stacht, er verzehre ein großes Butter- brot, das ihm ausgezeichnet schmeckte. Dann aber fiel ihm plötzlich ein, daß er auf diese Weise den Hungervcrsuch störe, und er empfand heftige Reue. Trotzdem träumte er noch zweimal in derselben Rächt von großem Appetit und einem einladenden Esse». Demnach spielen also die körperlichen Reize im schlafenden Zustande eine so wirksame Rolle, daß durch die Hungerempfindung die Traumvorstcllung der Befriedigung jenes Bedürfnisses geweckt wird.— Theater. Lessing- Theater.„Der blinde Passagier". Lustspiel in drei Akten von Oskar Blumenthal und G u st a v Kadclburg.— Die Firma, die seit Jahren das Reise-Lust spiel kultiviert, hat sich diesmal noch weniger als sonst ivohl in geistige Unkosten gestürzt. Mit dem neuen„Lustspiel" verglichen, macht so- gar das„Thcaterdorf" den Eindruck einer verhältnißmäßig noch sorg- fältigen Arbeit. Das hindert nicht, daß vielleicht'gerade„der blinde Passagier" in der Theatcrlotterie der Saison ein großes Los zieht. Der kleine Liebesgott, der in dem reizenden Gedichte Heines als blinder Passagier in der ehrwürdigen, langsam rumpelnden Postkutsche sein Wesen treibt, macht nämlich, sehr modern, hier ans der großen „Mctoria Luise" die Reise nach dem Nordkap mit; und wenn ihm auch an lustigen Streichen nicht gerade viel Gescheutes einfällt, so giebt es auf der neuen Fahrt doch um so mehr zu sehen. Als Schauspiel, dessen eigentliche Verfasser Baruch u. Co. sowie Obronski, Impekoven u. t�o.. hat die Komödie eingeschlagen. Die „Victoria-Luise" war die Heldin des Abends. Wie der Vorhang aufgeht, sieht man den oberen Passagicrsalou des Hinterdeckes und über demselben den Ansatz eines bunt bewimpelten Mastes. Die Fähnchen wehen lustig im Winde. Ein prächtiges Bild, belebt durch das Hin und Her von blauen Marine-Uniformcn, Bergnügungs- passagieren, das Spiel der Schiffskapelle und das dumpfe Tuten der Signale. In der Ferne dehnen sich, durch die geöffneten Thiireil sichtbar, die Hänscrmassen Hamburgs. Dann bc- ginnt die Reise, im Hintergrunde tauchen die Elbland- ichasten und endlich das hohe Meer auf. Das Deck gerät in schaukelnde Bewegung und erregt lebendiges Mitempfinden für die auf ihren Stühieu hingestreckten blassen Opfer der Seekrankheit. Die Sensation des zweiten Aktes ist eine wundervolle norwegische Fjordlandschast: hohe, bläulich verdämmernde Schneebcrgc. die die dunkle, stille See umschließen; im dritte« Akt, der an Bord der „Victoria-Luise" zurückführt, giebt's einen vcritableu Schiffsball und dann zum Schluß den Ausblick auf eine terrassenförmig aus tiefblauer Mcerflut aufsteigende, im Sonnenlichte strahlende norwegische Hasenstadt. Das wäre so der Hauptinhalt. Im übrigen wird eine Reihe Liebesabenteuer rasch und mit dem üblichen Erfolg erledigt. Da ist die junge Frau des Zahlmeisters, die, weil das Pcrimüvortltchcr Redalwur: Carl Leid in Berlin.— Schiffspersonal seine besseren Hälften auf der Fahrt nicht mitnehmen darf, sich unter falschem Namen eine Karte löst und wider Willen den borstigen Weiberfeind von Kapitän in sich verliebt macht. Da ist ein reuiger Ehemann, der seiner schcidungslussigcn Gattin nach- reist und sie im Kampfe mit einem neuen Kourmächer zurück- erobert; ein Kommerzieiwatssöhnchen, das von einer tugendjtrengeil Konfektioneuse, die mit ihm das Nordkap sehen wollte, so lange boykottiert wird, bis es zur Verlobung kommt, und in der teuersten, der Staatskajüte, der kleine mit einem in der Lotterie gewonnene« Freibillct reisende Eiscnbahnbeamte, ob seines Reiseluxus rings als Millionär und wünschenswertester VerlobungSgegcnstand um- schwärmt. Bater Bellermann ist selig, daß die Wahl deS hohen Herrn auf seine Tochter fällt. Dieser pfiffig dumme, stürmisch auf- dringliche, redselige Alte, den seine Frau auf allen Reisen mit- schleppt— die einzige in dem Stück näher ausgestihrte Rolle— wurde von Georg Engels, der nach so langer Zeit zum erstenmal wieder als Gast im Lessing-Thcatcr auftrat, mit glänzendem Humor gespielt. Mochte er auf dem Deck mit dem Ruf:„Mein Name ist Bellermann!" von Passagier zu Passagier schießen, um schließlich dann in eine geschlossene Skatgcsellschaft gewaltsam einzudringen oder mochte er einer andren ebenso un- bezwinglichen Neigung folgend, neugierig und patronisierend sich in stcmde Liebessachen mischen, foppend und gefoppt, daS breite, bartlose, gutmütig lächelnde Gesicht unter dem schottisch karriertcn Reisckäppchcn wirkte immer untviderstehlich komisch. So- viel Leben und Bewegung ging von ihm aus, daß man darüber der Dürftigkeit in der Erfindung kaum recht gewahr wurde. In der großen Masse der andren Rollen gab es keine— mit Ausnahme etwa des von Herrn W a l d o w höchst ergötzlich nuancierten, phlegmatisch-cifcrsüchttgen Zahlmeisters— die einer individuelleren Gestaltung fähig gewesen wäre. Die Schauspieler traten hinter die Regie, die in der Jnscenierung, Ivie in der Durch- arbeittmg des Ensembles Ausgezeichnetes geleistet hatte, zurück. Die Stimmung im Theater war höchst animiert. Nach jedem Akte ivard das Panorainen-Dichterpaar gerufen.— dt.. Humoristisches. — Eifersüchtig. Bauer(zu seinem Rechtsanwalt, der sich nach der Verhandlung mit dem Anwalt des Gegners i'n freund- schaftlicher Weise unterhält):„Du, dös leid' i fei' nct, daß D' mit dem da so schön thuasl!"— — M a n n e s st o l z. A.:„Es scheint. Deine Frau muß rcgcl- mäßig das letzte Wort haben?" B.: Ja,... aber i ch d e n k' mir immer noch was d a z u!"— — Ironie. Automobilist(zu seinem Begleiter): „Diese Witze in den Blättern über das Ueberfahren von Gänsen und Hühnern werden allmählich wirklich fad. In Wahrheit ist keine Spur davon—(zum Führer, als derselbe plötzlich anhält)— na, was ist denn los?" Führer:„Eiiw Gans haben wir überfahren. Herr- Baron!"—(„Fliegende Blätter".) Notizen. — Im katholischen Pfarrarchiv in Frauenfeld(Schweiz) wurde eine Anzahl zusammengehest«« Pergamentblättcr gefunden, die ein Fragment von etwa 7gv Zeilen aus dem Gedicht Flore und B l a n ch e f l o r von K o n r a d Fleck enthalten. Der Fund stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist sprack, geschichtlich wertvoller als die bisher bekannten Handschriften des 14. und 13. Jahrhunderts.— — Albert Patry ist vom 1. September 1904 an von Otto Brahm für das Lcssing-Theatcr engagiert worden.— — M a x Reinhardt scheidet am Ende dieses Jahres auS dem Verbände des Deutschen Theaters. Er übernimmt die Direktion des Kleinen Theaters, das noch im Januar G o r k i s„Nachtasyl" zur Erstaufführung bringen wird.— — Das Deutsche Theater bringt als nächste Neuheit Karl Sch önherrs Bauernstück„Der S o n n lv e n d t a g."— — Ein neues Schauspiel von Fedor v. Zobeltitz:„Die eiserne Krone" wird demnächst im Lessing-Theater die Erstaufführung erleben.— —„Bruder S t r a u b i n g c r", eine Operette von E i s l e r, ist vom Ccntral-Thcatcr zur Aufführung erworben worden.— — Die Pariser Akademie der Wissenschaften hat Sven H c d i n den Tschitschatsch ew-Preis(3000 F r a n k) verliehen.— — E i n k o m m n n i st i s ch c s Dorf in Japan. In der Provinz Shinshu, etwa zwölf Meilen von der Hauptstadt, wurde ein Dorf namens II s a d a Mar» entdeckt, wo noch alte kommunistische Einrichtungen bestanden: Das Dorf hat 327 Häuser mit 1504 Einwohnern und besitzt zwölf Ouadratmeilcn Wald. Mit dem Erlös aus dem Waldbestand werden sämtliche Ausgaben der Gemeinde bc- stritten. Das Land witd gemeinsam bewirtschaftet; es giebt weder Arme noch Reiche. Die Einwohner befinden sich alle in ziemlich gleicher socialer Lage.— c. E i n R i e s e n h o n o r a r. Wie amerikanische Blätter be- richten, hat sich der Tenor Tamagno bereit erklärt, für 04 000 M. fünf Lieder für eine amerikanische Fabrik in einen Phonographen hincinzusingen.—__________ Druck und Verlag: Vorwärts Buchirnickerei und Verlags anstalt Paul Singer K Eo., Berlin SW.