AnterhaltlmgsblaLt des Horwärts Nr. 253. Dienstag, den 30. Dezember. 1902 (Rachdruck verboten.) 161 Im Kreifc, Erzählung von W a c l a w SieroczewSki. Deutsch von Nosa Schapire. Und plötzlich begann der Aldan zu steigen) der letzte Schnee mußte in den Bergen geschmolzen sein. Sein Wasser war schmutzig und trübe. Fische gingen überhaupt nicht mehr ins Netz. Alexander hing seine Nebe auf den Pfosten an der Thür. Er hatte noch gedörrten Fisch für einige Tage. „Iß Kleine!" Er gab Zosia die besten Bissen. Die Kleine wollte das ungesunde Zeug nicht essen, sie wurde blaß und mager. Er selbst hatte ganz den Appetit verloren und hielt sich kaum noch auf den Beinen. „Nein! M muß ein Ende gemacht werden! Auf unser Mehl können wir rncht warten.. Ich muß gehen!" Er ging aber noch cinnial an den Fluß, um zu sehen, ob das Wasser sinke. Ueberall hingen dichte fahle Nebel, aber mit seinen scharfen Sinnen fühlte er etwas, das eine Aenderung verhieß. Es wehte wieder Kühlung voni Flusse. i-'ange stand er und sah den unter dem Nebel spielenden Wellen zu. Jetzt tonnte er wieder auf einen großen Fang rechnen, und das konnte jeden Tag eintreffen. Sic würden's schon aushalten, wenn er etwas Lebensmittel bei den Nachbarn kaufen tonnte. Noch wollte er die Waffen nicht strecken. Er beschloß, sich sofort auf den Weg zu machen. Aber er schwankte, ob er die Kleine mitnehmen sollte, denn er fühlte, daß er nicht iin stände sein würde, sie zu tragen. Fünf Werst Weg! lind vielleicht trifft er'die Jakuten nicht einmal! „Liebe, siiße Zosia, wein' nicht und sehn' Dich nicht, ich komme gleich wieder! Ich bring' Dir Butter und Milch mit und werde Dir ein kleines.Entchen fangen. Ja, Liebchen?.. Ajax bleibt bei Dir, spiel' mit ihm. Aber wein' nicht und rühr' Dich nicht! Fürcht' Dich nicht, ich komme bald wieder." „Ohit, Papa, aber bleib' nicht lange fort!" Er ging und schloß sie ein. Er sah noch einmal durchs Fenster. Zosia, die auf der Bank stand, hatte ihr blasses Gesichtchen gegen die Scheiben gedrückt, nickte ihm zu und inachte ihm Zeichen mit den Händchen. „Auf Wiedersehen, Kleine!" rief er ihr zu, und Ajax bellte als Antwort. Er hing sein Gewehr über den Arm und machte sich auf den Weg. Er mußte etwas Eßbares bekommen und wenn er sich's aus den Fingern saugen sollte! Dieser Gedanke gab ihm Energie und Kraft wieder. Er ging den bekannten Weg mit schnellen Schritten, lieber die Wiesen wehte ein Lüftchen und wenn es auch die Staubwolken nicht zerstreuen konnte, so brachte es doch eine gewisse Frische. Der Nebel war weniger dicht, er fiel und sickerte in die Erde. Im Osten kam etwas Schwarzes, Formloses hinter den Bergen hervor. „Ach, wenn es doch Regen wäre! Dann hätten wir in zwei Wochen die Ernte und ich brauchte nicht zum Kniaz zu gehen!" Er ging in die erste Jurte hinein, auf die er stieß. Nie- mand war zu Hause, aber die Kälber, die im Hofe spielten, die Töpfe am Herde und die Heiligenbilder an den Wänden waren Beweis genug, daß die Bewohner nicht fort waren. Er begann dann zu suchen und fand in der Scheuer schließlich eine alte Frau, die auf dem Fußboden lag und schlief. Er weckte sie auf und rief sie in die Jurte. „Wer bist Du und was willst Du?" fragte sie und strich sich die grauen Haarsträhne aus dem Gesicht. Alexander trat unwillkürlich einen Schritt zurück: Solches Elend hatte er noch nicht gesehen. Sie stierte ihn tnit entzündeten Augen an und wieder- holte einfältig: „Ich Hab' nichts, ich weiß nichts. Ich bin dumm und alt!" „Wo sind die andren?" „Fort! Auf der Insel. Alle auf der Insel!., Das Heu.. Die Alte ist allein. Die Kranke allein!" Und sie zeigte durch Handbewegungcn, daß jene mähen. „Hast Du Milch? Verkauf' sie mir!" „Alle fort!.. Das Heu!.. Ich weiß nichts.. Bin dumm.. Und ich hatte ein Haus." „Was ißt Du denn? Teile mit mir. Ich werde Dir's bezahlen.. Kennst Du mich? Ich bin Liksandra vom Westen." „Alle fort!.. Das Heu!., Ich weiß nichts, ich Hab' nichts," wiederholte sie immer undeutlicher und wackelte mit dem Kopfe. „Ist einer von den Nachbarn da?" „Ich weiß nicht.. Ich Hab' nichts.. Viele Iahte.. Das Heu.." Alexander ging fort und schlug die Thür zu. In der nächsten Jurte gab eS sicher Menschen, aber sie waren verschwunden. Auf dem Tische stand eine halbleere Tasse mit warmem Thce, Fischüberreste lagen herum und der hölzerne Rost, auf dem man den Fisch zubereitet hatte, stand noch da. Er rief lange, aber niemand zeigte sich. ES waren wohl nur junge Frauen im Hause, die sich vor ihm fürchteten. Er ging in die nächste Jurte— alles leer. Alle waren wohl beim Mähen. Dann würde er einfach in die erste beste Speisekammer einbrechen, nehmen, was er brauche und das Geld auf dem Tische zurücklassen. Hungers konnte er nicht sterben. Er wollte jedoch diesem äußersten Mittel entgehen. So giirg er denn zu Tojs Jurte, deren Familie er besser kannte und fand sie auch glücklich zu Hause. Sein unerwarteter Besuch machte Eindruck. Alle standen auf, und ein halbwüchsiger Knabe lief fort und rief jemand herbei. Ter alte Wirt saß vor dem Herde. „Sag', Fremder, was giebt es, und warum bist Du ge- kommen?" Alexander setzte sich unaufgefordert auf die Bank. Er fühlte sich schwach und es wurde ihm schwarz vor den Augen. „Gieb mir was zu essen, Alter, ich bin sehr hungrig!" „Mein Gott, ein Herr wie Du und solch ein Jäger! Hast Du schon lange nichts gegessen? Toj, gieb dem Nachbar eine Schüssel Milch. Auch uns fehlt es an Essen, der Fisch- fang hat plötzlich aufgehört, dazu das Heu! Es fehlt auch an Zeit.. Aber wir haben wenigstens das Vieh, und das ist eine große Hilfe.. Wir haben Hunger, aber wir sterben nicht." „Ihr werdet mir doch Milch und Butter verkaufen?" „Verkaufen?" Der Alte dachte nach. „Warum nicht? Ich könnte's schon.. Aber wir haben selbst nichts und dann ist's auch verboten. Die Genieinde hat beschlossen, daß man Dich mit Allem zum Kniaz schicken soll.. Geh' zu ihm, was sollst Du kaufen, er giebt Dir's umsonst. Wir haben zu gehorchen. O weh! Was habe ich alles für den Ochsen gekriegt! Sie haben's nicht geglaubt, daß Du ihn mit Gewalt genommen hast." „Sie haben's nicht gclaubt und doch in der Klage ge- schrieben. Und Du hast das zugelassen?" Der Alte wurde verlegen. „Was sollte ich machen? Der Schreiber hat die Klage aufgesetzt. Wußte ich denn, was er geschrieben hat?.Du weißt doch, ich kann nicht lesen." r ,.rLi arr r, „Schon gut! Ist mir auch gleichgulttg. Aber ich geh nicht fort, wenn Ihr mir kein Essen verkauft." „So bleib' sitzen. Das Zimmer ist groß genug, wird sich schon ein Winkel für Dich finden. Aber ich muß gehorchen.. Geh' Du zum Kniaz!.. Ich kann Dir nicht helfen." Er zwinkerte ihm zu und wies auf den Arbeiter, der hereinkam. „Bis zum Kniaz ist's weit. Wo soll ich meine Kleine lassen? Froschauge ist ja fort." „Schon wahr.. Aber ich darf nichts verkaufen." „So leih' mir was oder schenk' mir's." Der Jakute dachte nach. „Nein.. Ich Hab' nichts!.. Ich kann Dir nur raten: bring' Deine Tochter morgen zu mir und geh' selbst zum Kniaz. Da wirst Du alles kriegen.. So denk' ich!" Alexander zog die Stirn in Falten und schien ztl über» legen. „Gut!" sagte er, seufzte und stand auf. Er war wohl zehn Schritte vor dem Hanse, als Toj mit einem Mmerchen hinter dem Heuschober hervorkam. „Nimm, Liksandra, nimm, nur sag' nichts und bring' mir's Eimcrchen wieder." Ehe er nur sehen konnte, waS im Gefäße war, war daS Mädchen davongelaufen. Sie hatte ihm etwas saure Milch gebracht—„Sorat" und ein Stück gelber Butter. Vor einem Augenblick Hatto er großes Mitleid mit sich selbst empfunden, jetzt war ihm. als wenn etwas innerlich entzwei ginge, und seine Augen füllten sich mit Thränen. Er wollte die Gabe zurückweisen, sie am Pfeiler vor dem Thor aufhängen, aber er überlegte sich's und nahm sie mit. „Ein gntes Mädel!", In der Hoffnung, eine Ente zit erlegen, wie er Zosia versprochen hatte, schlug er einen andren Rückweg ein und ging um den See, der rund war wie ein Teller. Ter breite, schwarze Wasserspiegel stand starr, unbeweglich. Etwas plätscherte in den Binsen, es wurde aber still, als Alexander näher kam. Er versuchte das Tier mit dem Stocke aufzn- scheuchen, aber es verbarg sich nur tiefer. Die Zeit verging mit vergeblichen Bemühungen. Schließlich kamen einige junge Enten zun? Vorschein, aber als sie Alexanders ansichtig wurden, tauchten sie wieder unter. Es blieb nur ein ganz kleines Entchen, das aber so ängstlich quackte und so klein war, daß Alexander sich nicht entschließen konnte, anzulegen. Die alte Ente aber schwamm bis zu den Binsen heran und mühte sich, das Kleine heranzulocken. Alexander kroch leise heran, kletterte ans einen umgeworfenen Baumstamm und hielt seine Flinte bereit. Es war ganz still, dann hörte man ein leises Plätschern, ein ängstliches Quacken und die alte Ente wagte sich etwas weiter heraus; sie machte eine Pause, streckte den Kopf vor und beobachtete das llfer bald mit dem einen, bald mit dem andren Auge. Jetzt kam ein Schuß und das Tier flog mit einem Schreckensschrei dicht über dem Wasser hin. Alexander feuerte noch einmal. Die Ente fiel, überschlug sich aber nicht, sondern schwamm, traurig guackend, schlug mit dem gebrochenen Flügel und sah sich nach den Kleinen um._ Die schwammen eilig in einem dichten Haufen, bis zum Halse im Wasser steckend, zu ihr heran. Alexander feuerte noch einmal. Jetzt überschlug die Ente sich und streckte die Flügel aus. „Hurra! Es wird ein Mittagbrot geben, wie Zofia es schon lange nicht gehabt hat!" Er legte seine Mütze auf den Boden, darauf die Flinte mit den Pattonen und begann sich eilig auszuziehen. Jetzt erst bemerkte er die Veräridcnmgen, die im Thale vor- gegangen waren. Der Nebel war verschwunden, aber der Himmel, wenn auch klar, hatte einen unschönen stählernen Glanz. Von Osten her ballten sich krause, pechschwarze Wölkchen, vom� Winde getrieben, zusammen. Von den Bergen her kam eine un- förmige, schwärzlich-rote Wolke. Um sie scharten sich kleinere, faserige Wölkchen, und es war, als wenn sie ihre mächtigen Fangarme ausstrecken würde, um all die kleinen Wölkchen an sich zu ziehen und zu verschlingen. Sie zog der Sonne ent- gegen. Ucber den ganzen Horizont breitete sie ihre Flügel aus, ein grauer Schatten folgte ihr auf der Erde und breitete sich über Berg und Wald, über die Wiesen und den Fluß. Schon bedeckte sie beinahe den ganzen Himmel, als sie mit den Strahlen der untergehenden Sonne zusammenstieß. Ein breites, regcnbogcnfarbcnes Band erglänzte auf ihrer wirren Mähne, der Wind jagte sie, bis endlich strömender Regen kam und Himmel und Erde zu einer grauen, ineinanderfließenden Masse wurden. Blitze fuhren im Zickzack über die Erde wie zornige Blicke dahin, der Donner kam näher und rollte immer stärker. Die Vögel schwiegen, das Wasser im See schien tot, aus der Tiefe des Waldes kamen berauschende Düfte. Das Un- gewitter kani immer näher. Ein Adler flog mit ausgebreiteten Flügeln schutzsuchend davon. Lange schimmerte er goldig in der Sonne, und dabei war er so hoch, daß er klein erschien wie ein Schmetterling. Endlich verschwand er in der violetten Gewitterluft. Ein Sturm erhob sich, und die Bäume neigten sich stöhnend zur Erde. Jetzt kam Alexander mit der Ente ans Ufer. Plötzlich wurden die Wollen vom Sturm ergriffe», in die Höhe ge- peitscht und Schaum schlug ihm ins Gesicht. Er mußte wie ein Hund seine Beute mit den Zähnen festhalten, denn nun mußte er beide Hände gebrauchen. Er schwamm mit Mühe, die Wellen schlugen gegen ihn, lange, glatte Wasserpflanzen umwanden seine Glieder wie Polypen. Die letzte Welle warf ihn mit solcher Wucht gegen das Schilf, daß er sich die Hände verletzte und die Ente beinahe fallen ließ. Mit den Zähnen klappernd,>vars er im strömenden Regen seine Kleider über und dachte Zosias mit Schrecken. Und der Sturm heulte, raste, verfing sich im Thal. Der Donner rollte, Blitze Zuckten und die Bäume schwankten wie vom Sturmwind gepeitschtes Wasser. Mit Mühe und Not fand Alexander das Eimerchen wieder, das er im Gebüsch verborgen hatte und lief aus Leibeskräften nach Hause. Aber es gab der Hindernisse nicht wenig: reißende Sttöme kamen von den Bergen, Steine waren ihm im Wege, in den Schling- pflanzen verfingen sich seine Füße; vom Blitze geblendet. konnte er den Weg nicht finden, die Entfernung schien ihm endlos. Und sein Herz klopfte wie ein Hammer. Endlich hatte er den Hain hinter sich, und erkannte durch den Regenschleier im flammenden Blitze seine Jurte. Er atmete freier: Ter Blitz hatte nicht eingeschlagen, noch stand sie da. Er verlangsamte feinen Schritt, aber als er ihr schon nahe war, blieb er plötzlich wie gelähmt stehen. Die Scheibe im Fenster fehlte. Wind und Regen hatten ungestörten Zu- gang. Ajax saß auf dem Boden und sah trübselig zum Fenster hinaus, doch als er seinen Herrn erkannte, spitzte er die Ohren und winselte freudig. Mit zitternden Händen schloß Alexander auf. Zosia war nicht im Zimmer. „Zosia! Zosia!" rief er vcrzweiselb und durchsuchte jeden Winkel. Er lief im strömenden Regen hinaus und schlug den Weg ein, der zu Froschauges Jurte führte. „Zosia! Zosia!" schrie er beinahe stöhnend, der Hund folgte ihm, sprang an ihm in die Höhe und leckte ihm die Hände. Er durchsuchte jeden Winkel in der leeren Hütte, er be- tastete die Wände, die Löcher, er zündete das Licht an, rief, schrie. Alles vergebens. „Gott, mein Gott!" Er konnte es nicht glauben, nicht fassen, was hier ge- schehen war. Fast wahnsinnig lief er wieder in den Regen hinaus. �„Zosia? Zosia!" schrie er mit heiserer Stimme, aber der Ton verhallte in der Ferne, in der ungeheuren Verwirrung. Nur Ajax hörte ihn und stand mit erhobenem Kopfe vor seinem Herrn. Alexander sah das Tier an und mit einem Male kam ihm ein Gedanke. „Ajax, such'! Geh', such' Zosia!" Der Hund wedelte als Zeichen seiner Bereitwilligkeit mit dem Schwänze, er knurrte sogar leise, aber er rührte sich nicht vom Flecke. Er wußte nicht, was von ihm verlangt wurde. Alexander lief nach Hause, er suchte nach einem Hemdchen von Zosia und ließ den Hund daran riechen. „Ajax, pyf!.. Da! Such'!" Er hielt ihm das Hemdchen vor die Schnauze und wies mit der Hand in die Finsternis. Er selbst lief voraus und suchte den Hund herauszufordern. Ter aber verlor den Kopf ganz und gar, warf sich wie verrückt auf den Boden, kernt aber jeden Augenblick zu seinem Herrn zurück. „Ajax, such'!.. Liebes, gutes Vieh!" stöhnte er und drückte sein glühendes Gesicht gegen den nassen Körper des Hundes. Der Hund sprang vor Freude heulend in die Höhe, er leckte ihn ins Gesicht, dann warf er sich wieder auf den Boden und streckte alle Viere von sich. Es war lange her, daß sein Herr ihn so geliebkost und ihm so viel gute Worte gegeben hatte. Alexander griff verzweifelt nach seinen! Kopfe. „Nein! Nein!" wiederholte er und fühlte, wie seine Knie wankten. Er setzte sich auf einen Baumstamm, bedeckte die Augen mit der Hand, um sich für einen Augenblick vom Getöse des Gewitters loszureißen und seine Gedanken zu sammeln. Ter Regen durchnäßte ihn bis auf die Haut, trotz der geschlossenen Lider drangen ihm die grellen Blitze bis ins Gehirn. Das Donnerrollen trug ihn in eine-unbekannte Ferne (Schluß folgt.) Hus der rnulikaUrcbcii Alocbe. DaZ vielberufene Kulturleben Rußlands enthält in musikalischen Dingen eine Thätigkeits- und zumal Produktivitätsgcist, der manchen Neid erwecken kann. Seit mindestens Ende deS t?. Jahrhunderts in daS loestcuropäischc, zumal italienische und französische Musikleben hineingezogen, schon frühe mit musikalischen Bildungsanstaltcn aus- gestattet und nunmehr mit solchen sehr reichlich versehen, seit 183K (Glinka„DaS Leben für den Zaren") im Besitz einer nationalen Opernproduktion, seit etwa den 50er Jahren bereichert durch die Persönlichkeit Anton Rubinsteins, wurde es allmälig auch reich an Komponisten, die, nicht ohne Einfluß von Bcrlioz, Liszt und Wagner. zu einer nationalen„jungrussischen Schule" hcranwnchscn. Eine ältere Gruppe von«Neueren" besteht hauptsächlich aus A. TargomhzSki !t1313— 1869),®. Cui(geb. 1833), M. Äalakireff(geb. 1830), M. MussoryZkli(1839— 1881), zu denen dann der besonders wirkungsvolle N. Nimsky-Korsakoff(geb. 1314) tritt. Eine jüngere Gruppe trägt die Namen der?s. Arcnskh(geb. 1361), A. Glasnnoff (geb. 1363) und noch mancher andrer, die bereits in jungen Jahren kräftig schaffen und Anerkennung finden und in Deutschland sozusagen einen eigenen Verleger besitzen: M P. Bclaicff in Leipzig. Uns sind manche von diesen Namen meist durch interessante Orchester- stücke programmatischer Art, zum Teil auch durch Kammermusik be- kannt; ganz zu schweigen von dem für uns nun beinahe alltäglich gewordenen P. Tfchaikoffsky, der innerhalb jener russischen Ent- Wicklung mehr isoliert steht. Viel zu wenig jedoch wissen wir von den nationalrussischen Opern und Balettcn. wie sie jeder, oder fast jeder von den hier Erwähnten geschrieben hat. Damit bestreitet das Opernleben in Ruhland den allergrößten Teil seines Repertoirs; deutsches ist daneben, wie ich höre, sehr selten, und nur noch die eingangs erwähnte romanische Tradition wirkt noch, indem die alten französischen und italienischen Lcieropcrn weiterhin abgespielt lvcrdeu. Dazu ein Reichtum an Stimm-Matcrial, namentlich an prachtvollen Bässen, und das alles vorwiegend aufgebaut auf dem Boden zahl- reicher musikalischer Schulen; fast alle oben erwähnten Komponisten haben einen großen Teil ihrer Kraft an die Förderung dieses Bildungswesens gesetzt. Eine in 23 Abteilungen über russische Städte verbreitere„K. Russische Musik-Gesellschaft", in Petersburg unter (5. Eni stehend, sorgt für reichliche Konzerte. Von all dem dringen nur erst Bruchstücke zu uns. Von Dargomyzski, Balakircff, Mussoryslh erinnere ich mich seit längerem überhaupt keiner deutschen Aufführung, die übrigen kommen ab und zu immer wieder, Rubinstcin zu wenig, Tschaikoffskli zu viel. In den Weihnachtstagcn hörten wir eine Pianistin aus St. Petersburg, E m in a S t e m b e r, die uns neben gewöhnlichen Repertoirstticken und etlichen Rubinstein einiges Uirgekäufigere aus Rußland brachte, vorwiegend Stimmungsstückchen«nd ähnliches, ivie es eben die Russen mit ihrer modernen BeHandlungsweise solcher längst gebräuchlicher Inhalte zu niachcn pflegen. Eigene Programmworte waren mit- gegeben einem„Wiegenlied" von Balakircff, das jedenfalls dcS darauf gewendeten Interesses würdig war. Im übrigen fielen uns noch zwei Stückchen besonders auf: eine„Gavotte" des bei uns schon durch Sinfonien, durch lyrische Orchcsterstticke und durch Kammermusiken beliebten Glasunoff, und eine reichhaltige„orientalische Serenade" des noch wenig bekannten S. Rachmaninoff, von dem übrigens ein Klavier-Konzert Nr. 2 c>p. 18 L-moll in Deutschland bereits öfter, namentlich von A. Siloti(geb. 1863), einem der specifisch russischen Liszt-Schülcr, gespielt ist.— Weniger Interesse komitc uns die genannte Konzcrtgcberin selber einflößen. Sie ist Eine von Vielen, aber keine Einzigartige unter ihnen. Nicht nur, daß sie ersichtlich noch manches vom Stndicngang vor sich hat; sie ist auch mit ihrem aufgcstciftcn Handgelenk und ihrem oft peinlich stehenden Anschlag, ihrer geringen Rhythmik und ihrer Neigung, schwerere und lebhaftere Stellen durch zu viel Pcdalgcbrauch und sonst auch überhaupt zu verwischen, auf falschen Wegen. Ihre Haupt- fächlichen Borzüge sind ein gutes Piano und eine Gewandtheit, an- spruchöloserc Stücke hübsch rund herauszubringen, so daß sie vor- läufig entschieden mehr auf älteres,„klassisches", als auf das wenigstens äußerlich anspruchsvollere Moderne hingewiesen sein möge. Abgesehen davon scheint cS uns nach dem vorhin Gejagten und nach manchen heimischen Erfahrungen, daß man im Kunstleben eines solchen Landes, wie Rußland, eine produktive Krastäußcrung, ja auch überhaupt ein selbständiges Leisten eher zu schätzen wisse als bei uns. Tie Tcilnahmclosigkcit, mit der vorgestern(Sonntag) im zweiten populären Quartctt-Abend von Halir, Erner, Müller, Dechert ein neues Streich- Quartett von Felix Weingartncr(F-dur Nr. 8 op. 34) bei seiner anscheinend wirtlichen Erstaufführung hin- genommen wurde, würde in einem analogen Fall auf russischem Boden nicht wohl anzunehmen gewesen sein. Man quittierte den Spielern lebhaft ihr Verdienst der Wiedergabe; darüber hinaus war nichts zu hören— auch kein Widerspruch. Wir haben an dieser Stelle bereits mehrmals die gesamte künstlerische Eigenart Wein- gartncrs und spcciell einige seiner Kompositionen gekennzeichnet: das eigenartig Elegante, Vornehme, mit Zügen ins Große, aber auch ins Süßliche, ohne eine gewaltige Kraft der Erfindung, und mit einer interessanten Fähigkeit, starke Gegensätze der Stimmung usw. mit linder Ausgleichung nebeneinander zu stellen— von einer virtuosen Beherrschung der moderen Satztcchnik und auch der Er- innerung an das von Vorgängern Geleistete gar nicht erst näher zu reden. So zogen einige sinfonische und Kammermusikwerke sowie Lieder von ihm und sein„Orestes" an uns vorüber; so, und viel- leicht noch interessanter, stellte er sich uns in seinem neuen Quartett vor. Muster: die letzten Beethovcn-Quartctte. Wie in diesen, so spricht sich auch hier ein Bedürfnis nach lebhaftem Gcfühlsausdruck, zumal in dem ersten der drei Sätze(�.Ilesro commodo), durch eine Zusammenstellung recitativischer und melodischer Tonsolgen, sowie durch überraschende Wendungen in Harmonie und Rhythmus aus. Diese Wendungen reizen in der Art, daß man oft das Gefühl hat, als sähe man plötzlich in ganz andre Beleuchtungen und Ausblicke hinein; so besonders in dem Hauptteil des zweiten Satzes(.-Ulegro inolto. Moderato graziöse). Ter dritte Satz erschien uns der be- deutendstc und ist jedenfalls ein eigenartiges Stück Entwicklung der Kammermusik. Aus einem ernsten, drängenden. Einleitungsstück chPoco adagio) ringt sich, manchmal gegen eine Wiederkehr jener einleitenden Stimmung ankämpfend, ein thatsächlich schalkhafter Satz heraus(Allegro giocoso), der bis zum Ende in steigendem Maß fesselt. Alles das mit so distinguierter Volubilität der Faktur arrangiert(deutsch reden ist hier schwer), daß man den Mangel großer Schaftungskraft leicht übersieht; es steckt eben nicht so viel dahinter, wie es aussieht. In Summe jedoch handelt es sich nur um ein Werk, in welchem der Komponist wirklich etwas zu sagen, nicht bloß zu sprechen hat, um eine Lcistmig, wie sie andre nicht machen; und darauf einzugehen, darf man nun einmal den Menschen nicht zu schnell zumuten. Das Halir-Ouartett wurde vornehmlich jenem feinen aristo- kratischen Bermittlungszug, der diese Kompositionsweise durchzieht, in sympathischer Weise gerecht und sein milder Klang ist manchmal überraschend. Ter Primarius scheint sein Spiel immer noch zu vcr- feinern und plastischer zu gestalten, als es uns manchmal erschienen Ivar; die elementare Gliederung, die Abrundung der Motive kommt klar und schön heraus. Ein Mozart(D-dur), der voranging, wurde jedoch ebenso in eine weiche Gleichmäßigkeit getaucht, wie es heute mit älteren Klassikern fast immer geschieht. Man möchte das technische Können und den herrlichen Ton solcher Spieler haben, um dann rnit diesem Besitz wesentlich anders als sie wirtschaften zu können. So denken wir uns auch das nachher gespielte C-dur-Quintctt Schuberts mit reicherer Bewegung vorgetragen, obschon die Spieler hier(mit LeoHaliram 2. Cello) lebhafter loslegten— ein Werk übrigens, das in seiner vollkommenen Schönheit eine Ilcbcrhebung dcS„Ge- samtkunstwerkes" als allein voll berechtigter Kunst siegreich zurück- schlägt. Gegen die fälsche llebcrivagncrci zieht in hörenswerter Weise ein Artikel„Moderner Wagnerkultus" los, der den 1903cr Jahrgang der„B l ä t t e r für Haus- und Kir eh e n m u s i k" einleitet, einer Zeitschrift, die sich durch feinsinnige Einzelheiten immer mehr einen Platz in der Fachlitkcratur sichert. An einen andren Artikel des nämlichen Januarheftes haben wir bei jenen Klagen über allzu- große Zurückhaltung in der Vortragsweise gedacht:„Zum Vortrag des Bachschen Chorals", von Ernst R a b i ch, dem Herausgeber der „Blätter". Wir begrüßen diese Aenßerung als einen energischen Schritt vorwärts auf der Bahn, die uns von dem landläufigen „klassischen" Vortrag befreien soll.— sz. Kleines feuilleton. —„Die Mchlspcis'." In der Weihnachtsbeilage des „Illustrierten Wiener Extrablattes" teilt I. V. Widmann(Bern) folgende schallhafte BrahmS-Erinnerungen mit: „Was schaffen S' für e Mehlspeis', Herr von BrahmS 2" Die frische Bauerndirne fragt'S den Meister, Der hinterm Wirtshans auf der Apfclwiese Am Tische sitzt bei seiner Partitur; (Derselben Partitur, in die daS Mädchen — Wie erst viel später er in Wien entdeckte~— Den eig'nen Namen kritzlich eingeschmuggelt In eine Zweiunddreißigstei-Figur.) „Was schaffen S' für e Mehlpseis', Herr von BrahmS?" Der Tongcwaltige hebt die klaren Augen. Und wie das fesche Kind so vor ihm steht Mit dem GesundhcitSblick der hellen Guckerlir, Den Grübchen in den Wangen und im Kinn— „Na ja, Marie!" so sagt er,„wenn's waS Süßes Schon sein soll, warum wär's nicht mal ein Kuß?" Sie lacht:„E Busserl? Ja, das frcili wär' E' siihe Speis' und eine, die schon a'schmalzen Auch ohne Butter, und die immer fertig, Man braucht'S nit z' kochen erst, die kocht oft über Von selber, lveil's halt auch am Feuer steht." „Na also!" hilft der Meister nach und reckt sich Schon nach der süßen Speis'.— Da geht das Pförtchen, Zwei Freunde nah'n, die heute init ihm speisen, Marie entweicht. Doch deckt sie dann den Tisch Und mit besonder'm Lächeln setzt sie später Die Mehlspeis' vor die Drei.— Am Nachmittag Sitzt BrahmS— die Freunde haben ihn verlassen—- Allein im kühlen Stäbchen über Büchern. Da kommt die Dirn' herein, streicht an den Schränken Und Truhen hin mid her, macht was zn schaffen Sich an der KukukSuhr und plötzlich faßt sie Ein Herz sich, wischt das Mäulchen mit der Schürze Und sagt mit allerliebst verschämtem Lächeln: „Wie wär's jetzt mit der Mchlspcis'/ Herr von BrahmS Der hebt vom Sessel sich, so rot wie sie Vor Freud' und vor Verlegenheit und sieht Der Mädchenlippen nahe Purpurknospe— „Und selten warb ein Kuß so rein und schön Und zart gegeben und so süß gekostet, Wie dieser!" So erzählte später Brahms, Und setzte wohl, halb seufzend, noch hinzu:_ „Ja! solche Bauermnädel gicbt's— in Oestrerch I*— — Künstler und Kunsthändler. Unter diesem Titel veröffentlicht Karl Eugen Schmidt(Paris) in der Wiener Wochenschrist „ D i e Z e i t" einen Artikel, dem wir daS folgende entnehmen: In früheren Zeiten, als die Amerikaner ihre civilisatorische Mission noch nicht außerhalb der Vereinigten Staaten suchten, sondern einzig init der Kultivierung der Rothäute beschäftigt waren, hatten sie ein Sprichwort, Ivelches lautete:„The only good Indian is a dead Indian". Das hieß auf gut deutsch: um die Indianer zu civilisieren, muß man sie totschlagen, und nach diesem Rezept wurde denn auch gründlich verfahren. Die Kunsthändler gehen noch nicht so weit in der Anwendung ihrer Principien, aber das ist sicher, daß für sie der einzige gute Künstler der tote Künstler ist. Solange der Künstler lebt, ist er nichts oder wenig wert für den Knnsthandel. Bilder werden ja bekanntlich nicht nach ihrem inneren Werte bezahlt, sondern bei der Höhe des Preises spielen viele äußere Umstände mit. Vor allem kommt es da auf die Selten- heit einer bestimmten Marke an. Je seltener die Werke eines Künstlers sind, desto höher stehen sie im Preise. Es ist also die Aufgabe des Kunsthändlers, die Bilder des betreffenden Künstlers selten zu machen. Am bequemsten und sichersten geht da?, indem der Künstler ganz einfach stirbt. Thut er das nicht, so ist ihm viel- leicht ans eine andre Art beizukommen und man kann eine künst- liche Teuerung herbeiführen. Man macht z. B. einen Kontrakt, wonach der Künstler nur an den kontrahierenden Händler verkaufen darf, Ivofür sich dann dieser verpflichtet, alles zu nehmen und dafür einen bestimmten Preis zu zahlen. Gelingt es einem Händler, ans diese Art einen Kiinstler einzufangen, so hält er den Gefangenen zunächst so knapp wie möglich. Niemals teilt er ihni mit, welche Preise er erzielt, damit der Mann hübsch demütig bleibe. Erst wenn er ihn ganz fest hat, so daß an ein Entwischen nicht mehr zu denken ist, macht sich der Händler an die zweite Hauptoperation. Das Einfangen des Künstlers und seiner Arbeiten ist nur das Vor- spiel: die Hauptsache ist jetzt, daß die Bilder im Markte steigen. Dies bewerkstelligt man in Paris mit einer Geschicklichkeit, die von langer Hebung zeugt. Das Hotel Drouot, die öffentliche Ver- steigerungshalle in der Rue Drouot, ist zu diesem Zwecke da. Hier herrschen die Kunsthändler und lassen die Bilder nach Belieben steigen und fallen. Hier werden alle Reputationen des Gemälde- Marktes gemacht. Die Sache ist jetzt schon so eingerichtet, daß sie immer ganz ohne Hindernis, glatt und nach allen Regeln der Kunst, von statten geht. Der Händler, der einen seiner Künstler in die Höhe bringen will, bringt zunächst ein paar Bilder zur Versteigerung, die von seinen Helfershelfern aufgetrieben und ge- kauft werden. Darüber bringen dann die Zeitungen Artikel, besprechen den neuen Mann und prophezeien ein weiteres Steigen. Es geht da genau so zu wie an der Börse. Nachdem man in be- stimmten Zwischenräumen einige dieser fiktiven Verkäufe gemacht und mit Posaunenstößen verkündet hat, wird das Publikum schon stutzig und fängt an, sich nach Bildern des„modern" werdenden Künstlers umzusehen. Diese Bilder aber sind natürlich monopolisiert; der Kunsthändler, der den ganzen Rummel leitet, hat sie in seinen, Besitz. Da in der Kunst die Mode ebenso unumschränkt herrscht wie auf dem Gebiete der Kleidung, so braucht der Name eines Künstlers nur eine Zeit lang beharrlich und mit dem nötigen Nachdruck genannt zu werden, um seine Arbeiten modern zu machen. Freilich ist auch noch nötig, daß die Sachen mit Talent gemacht sind, aber das Talent allein würde den Künstler niemals zu solchen Preisen bringen, wie sie gegenwärtig selbst für die schlechten Bilder der Nachahmer der impressionistischen.Größen gezahlt werden. Augen- blicklich sind die Impressionisten an der Mode, nicht nur die großen Talente wie Claude Monet, Sisleh, Pissarra usw., sondern alles, was so räuspert und spuckt wie diese bekannten und durch die Be- mühungen der hiesigen Kunsthändler auf übertriebene Preise hinaufgeschraubten Meister, wird jetzt mit teuren, Gelde bezahlt. Die Schule von Fontainebleau ist dagegen schon fast in den Hintergrund geraten, ans den, sehr einfachen Grunde, weil die Händler keine. Bilder von ihr mehr ,n Händen haben. Für die Im- presfionistcu aber ist jetzt der Höhepunkt da. Höhere Preise als in diesen, Augenblick werden sie wohl nie erzielen, und eS ist mehr als wahrscheinlich, daß der Rückschlag schon in der nächsten Zeit kommen wird. In zehn Jahren wird man Claude Monet sicherlich billiger haben als jetzt, zumal die fast fabrikmäßig hergestellten Erzeugnisse seiner gegenwärtigen Zeit. Die wirklich großartigen Sachen, die er vor vierzig, dreißig, zwanzig und zehn Jahren inalte, werden bis dahin verkauft sein, die Händler haben dann kein Interesse mehr an ihm, und alsbald werden die Preise fallen, wie sie für Fontaine- bleau schon gefallen sind.— ss. Die Feuersgefahr zwischen Weihnacht und Neujahr. Das Weihnachtsfest ist vorüber, aber sein Symbol steht noch in allen Häusern, in jeder Wohnung, der geschmückte Tannenbaum, der gewöhnlich so lange im geputzten Zustande erhalten wird, bis das neue Jahr seinen Einzug gehalten hat, oder bis er in allzu lüstigem Grade zu streuen beginnt. Es ist bekannt, daß um Weihnachten herum die kleineren Hausbrände häufiger werden, und leider muß zugegeben werden, daß der Weihnachtsbaum selbst sein Teil daran hat. Begreiflicherweise bringt der Baum am WeihnachtStage selbst nur selten Gefahr, weil er dann noch frisch ist und seine Nadeln viel Wasser enthalten. Hat er aber erst einige Tage in, warmen Zimmer gestanden, so werden die Nadeln trocken, und wenn seine Lichter dann i,och_ einmal angezündet werden, so kann sich die kleinste Flamme rasch dem ganzen Baun, mitteilen. In, allgenieinen ist es üblich, den Bann, am Silvesterabend zum letztcninale mit Lichterglanz zu schmücken, und gerade dann kommen die meisten Verantwortlicher Reöattcnr: Carl Leid in Berlin.— Brände bor. Daher sind die Vorschriften von großem Wert, die Pro- fessor Dennstedt, der Leiter des chemischen Staatslaboratoriums in Hamburg, in einer höchst lehrreichen Schrift über die Feuersgefahr in, Hause bezüglich des Weihnachtsbaumes giebt. Vor allem macht er darauf auftnerksam, daß der Baum recht fest aufgestellt werden müsse, damit er nicht leicht umgeworfen oder umgerissen werden kann; auch sind leicht brennbare Stoffe, wie namentlich Vorhänge und Gar- dinen in angemessener Entfernung zu halten. Weiterhin schreibt Dennstedt vor, daß niemals während der Baum brennt, sämtliche Personen das Zimmer verlassen dürfen, wie etwa zur feierlichen Be- reitung des Silvesterpunsches. Man habe stets Gefäße mit Wasser und auch Besen oder Pinsel in der Nähe, jeder beginnende Brand läßt sich auch hier bei einiger Umsicht und Kaltblütigkeit im Keim ersticken. Brennt der Baum in unerreichbarer Höhe, so muß er um« geworfen werden, und für diesen Fall schon vorher für einen ge- nügcnden freien Raun, gesorgt sein. Liegt der Baum an, Boden, so versuche man ihn schnell durch Bespritzen oder durch starkes Auf- schleudern von Wasser aus kleineren Gefäßen oder auch mit Besen oder Pinseln zu löschen. Wenn das nicht gelingt, so muß selbst- verständlich ohne Verzug die Feuerwehr gerufen werden. Die ausgezeichneten Darlegungen von Professor Dennstedt geben auch noch weitergehende Aufklärungen und Verhaltungs- maßregeln für die Feuersgefahr im Hause. Nach seiner Ueber- zeugung könnte trotz der vielen Zufälligkeiten, die bei der Ent- stehung von Bränden obwalten, der größere Teil der Brände ver- „neben werden, wenn nicht Unvorsichtigkeit, Kopflosigkeit und Un- kenntnis ihre Entwicklung unterstützten. Es mag nicht allzu viele Leute geben, die eine Frage nach dem Wesen des Feuers, der Ent- siehung, den, Wachstun, und Erlöschen einer Flamme eine richtige Antwort zu geben vermögen. Es sei aus den Ausführungen jenes Gelehrten nur noch erwähnt, daß man einen entstehenden Brand zunächst zu ersticken oder auszudrücken versuchen solle, dann aber, wenn solche Mistel nicht mehr gelingen, in der Anwendung des Wassers das einzige Heil suchen müsse.— Technisches. u. Aluminium als Schleifmittel. Die Verwendbarkeit deS Aluminiums hat, seitdem es gelungen ist, dies Metall sehr billig darzustellen, einen großen Umfang angenommen; aber eS scheint, daß in dieser Beziehung die Zukunft„och mancherlei bieten kann. So hat sich vor einiger Zeit gezeigt, daß Aluminium ein ganz vorzügliches Schleiftnistel ist. Wenn es auch ein Metall ist, so hat es doch eine innere Struktur von der Art, die man bei den zum Gebrauch als Schleifftein geeigneten Steinen findet. Und grade für die feinsten Messer und für solche Instrumente, bei denen es auf große Schärfe und eine ganz glatte Schneide an- kommt, ist das Aluminium zum Schleifen geeignet. Betrachtet man nämlich die Schneide solcher feinen Messer und Instrumente, die mit guten Schleifsteinen geschliffen sind, unter starker, also etwa tausend- sacher Vergrößerung, so wird man mit Erstaunen noch zahlreiche Unebenheiten wahrnehmen; bei einer mit Aluminium geschliffenen Schneide entdeckt man auch mit dieser starken Vergrößerung keine Unebenheit, jene stellt sich vielmehr als eine gerade, glatte Linie dar.— Humoristisches. — Umschriebe n. Fleischer:„Was gefällt Ihnen denn an der Wurst nicht?" Käuferin:„Na, die beiden Enden'" l e i s ch e r:„Aber jede Wurst hat doch zwei Enden!" äuferin:„Aber bei dieser liegen sie zu dicht bei ein- ander!"— — Gemütlich.(Im Kaffeehaus.)„Mei kutestes Härrchen, sie erlauben woll küdigst, daß ich meinen Gnchen in ihren Gaffe stibbc, m ei Gaffe is sie n e ml i ch schon alle...!"— („Lustige Blätter.") Notizen. — Eine dänische U ebersetz au g des„ D o n I u a n" von Byron ist soeben durch Ho kg er Drachmann ausgeführt und ini Buchhandel erschienen.— — Irene T r i c s ch ist von Direktor Brahm fiir das Lessing-Theater bis zum Jahre 1909 engagiert worden.— — Im nächsten Sinfonie-Konzert der königlichen Kapelle, das am 2. Januar unter Leitung von Felix Weingartner stattfindet, gelangt eine tragische Sinfonie(v-inoll) von E. N. v. Reznicek zum ersten Mal zur Aufführung.— — Karl P o h l i g s sinfonische Dichtung in vier Sätzen „Heldentod und A p otheose" erzielte bei der Erstaufführung durch die königliche Kapelle in Stuttgart einen starken Erfolg.— — Die Dresdener Hofoper hat die einaktige Oper„ I m L i e b c s w a h n", Dichtung von Peter S t u b m a n n, Musik von Adolf G u n k e l, zur Aufführung angenommen.— — Ein A l b n m mit Briefe n und Z e i ch n n n g e n v o n William M. T h a ck e r a y erzielte dieser Tage bei einer Londoner Versteigerung einen Preis von 11 800 M.— — Ein neues Dante-Bildnis von O r c a g n a, nach dem Leben gemalt, ist in der Kirche Santa Maria Novella in Florenz entdeckt worden. Bisher gab es nur ein authentisches Portrait, das- jenige Giottos in der Capella del Bodesta.—__ Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei und VerlagSanstall Paul Singer& Eo., Berlin S\V.