Anterhaltungsblatt dcs Vorwärts Nr. 1. Donnerstag, den 1. Januar. 1908 (Nachdruck verboten.) u Oer l�üllerdannes. Roman aus der Eifel von Clara N i e b i g. I. Traujzen lag der Tchnee und die zu Thal rinnenden Berg- Wässer tröpfelten halb vereist, aber in der Staatsstube der Maarscldener Mühle war's warm. Da sprühte der Ofen, mit gewaltigen Buchenkloben geheizt, und die Gevatterschaft saß um den Tisch bei Wein tind Schnaps und besprach die Heirat. Man war endlich überemgetommen: der Müller-Matthes verheiratete seinen einzigen Sohn, den.Hannes, mit der einzigen Tochter von Joseph NelleS, dem Weinbauer unten an der Mosel. Fünstaujend baar kriegte die Christina mit und eine Aussteuer, so reich au Linnen und Gewandung, daß sie ihr ganzes Leben nicht nötig haben würde, etwas zuzukaufen. Und doch»var der Müller Matthes damit lange nicht zu- frieden. Ihn düntte, noch höhere Ansprüche machen zu können: übergab er denn nicht seinem Hannes die grohe Schneide- und Mahlmühle mit allem Inventar„schtildenfrci", wie er sagte, kein Ziegel aus dem Dach fehlte, das Wasserrad schaufelte, die U reissöge kreischte ohn Unterlast, drei Unechte hatten zu schaffen. lind war vor allem nicht sein Hannes der stattlichste Freier Cifelauf, Cifelab?! Dem hatte schon in der Wiege das Glück gelacht. An einem Sonntage war er geboren, als Psingstmusik daS Dorf durchfiedelte und der Mizi selbst das Maarfeldener Thal mit Blüten überschüttete, lind zur Zeit, da andre Kinder nur erst greinen konnten, hatte er schon gejauchzt und mit den Händchen nach den Sonnenstrahlen gegriffen, die iiber sein Stechkisscn tanzten. Den Jung', dessen rundes Gesicht so frisch und rot über'rn meisten Müllerkittel lachte, den Jung' sollte er so villig weggeben? ' Der Müller-Matthes hatte gefeilscht und gefeilscht. Noch tausend Thaler zu— sechstausend im ganzen— dann konnte die Sache perfekt werden. Sonst— er hatte die Ricsenfaust schwer auf den Tisch gelegt— sonst würde nichts daraus, bei Gott, nicht I Der Weinbauer, einen Kopf kleiner als der Müller, dürr und inager wie ein Rcb Stecken, liest sich aber nicht ein- schüchtern. Keinen Pfennig mehr, seine Chrisnna kriegte ja noch'mal was zu erben! Das Handeln mit dem Matthe? lvar er gewohnt: wenn der gen Alf heruntergefahren kam, die bestellten Fastdmrbcn zu bringen, hatten sie oft so mit ein- ander geeifert, sich so erzürnt, dast der Eifelaner stumm wütend vom Hof stihr und der Moselaner lebhaft erregt hinter ihm dreinfuchtelte. Jedoch der neue Wein hatte sie immer wieder versöhnt. Der Gedanke, ihre Kinder mit einander zu verheiraten, hatte keinem von ihnen ferngelegen. Aber ausgesprochen hatten sie ihn nickt. Letzten Herbst war nun auf einmal statt des Vaters der Hannes unten erschienen, in seiner ganzen, kraftvollen Gröste, nüt der freien und doch strammen Haltung, die er von seiner vierjährigen Freiwilligcnzeit bei den Denher Kürassieren noch bewahrt hatte. Joseph Nelles hatte den Gast in den Keller geführt, wo der Heurige in den Fässern rumorte, und berauschende Düfte daS niedrige Felsgewölbe erfüllten. Die beiden hatten ge- »valtig probiert: aber der starke Eifelaner liest sich nicht schmeisten,»veder vom Abgelagerten noch voni Neuen, weder durch den von der Sonnenseite, noch durch den sauersten Rachenputzer. Das hatte dem Moselaner mehr imponiert, als der ganze schöne Junge selber mit seinein Krauskopf und scineni zäbncblihendeii Lachen— hau, konnte der sausen! Auch der Tina gefiel der Hannes, und die war dock sonst zipp init Mannsleuten. Aber nun hatte sie nichts dawider gehabt, mit dem Vater bcranfzufabren in die Eifel: denn be- sehen mustte sie sich die Müble erst, ebe sie„Ja" sagte. Und dock dachte sie beut nicht ans Besehen. Kaum guckte sie hin. wenn der Hannes ihr etwas wies, der sie herumführte. während drinnen in der StaatSsinbe die beiderseitigen nächsten Anverwandten, die jeder zur Unterstiilzimg hinter sich hatte, verhandelten. Sie hatte keine Augen für die Stattlichkeit der Rotbunten, die im Küb'tall standen, und gab doch sonst was auf gute Milchkühe. Sie sah nur die wenig verarbeitete. umskulösc Männcrhand, die den Tieren freundschaftlich ans die Lenden patschte, dast sie sich mit leisem Erschauern wandten und mit fast zärtlichen Blicken ihrer feuchten, sanften Augen und mit gedämpftem„Muh" ihren jungen Herrn bcgrüstlen. Auch die beiden Pferdchen, die, rund und glatt, vom Heu der Krippe rauften, hörten auf mit Fressen und spitzten die Ohren — sie kannten den raschen, festen Tritt. Sic hoben das Maul und zeigten die langen, gelben Zähne, als ob sie lachten. „Ihr Leckermäuler," lachte Hannes und liest sich willig Taschen und Hände beschnobern. Er hatte Zucker eingesteckt, und sie rieben schmeichlerisch die blanken, braunen Köpfe an seiner Schulter. Der Spitz brausten vor der Hundehütte erhob ein bittendes Gewinsel, duckte den Kopf auf die Vorderpfoten und scharrte mit den Hinterfüsten im Schnee. Der Hannes löste ihn von der Kette, da sprang er hoch in die Höhe mit Freuden- gebcll und suchte das ihm geneigte Gesicht zu lecken. Tie Knechte, die Säcke auf einen Wagen luden, zwinkerten mit den weistbcstäubten Lidern und zogen init freundlichem Grinsen die Mützen von den mehlbestreuten Haaren. Ja. alle waren sie ihm gut, daS sah Tn:ci. Und sie fühlte ihr Herz klopfen. Verstohlen reckte sie sich— war sie doch klein und reichte dem Hannes knapp bis zur Schulter— aber sie wollte gern ein stattliches Paar mit ihm abgeben. Wenn er auf sie nieder- schaute, wurde sie rot: und wie vorhin die Kühe im Stall, so wendete sie die schwarzbraunen, sanften Augen ihm z»._ Er sprach viel und laut und lustig: umständlich erzählte er, wie sie vergangenes Jahr die Mühle mit Schiefer gedeckt, anstatt der gewöhnlichen Ziegeln, und wie sie das Getriebe mit allerhand Neuerungen versehen— ja, da konnte man sich blind suchen, zum zweitenmal gab's solch eine Mühle nicht in der Eifel, und auch im Moselthal nicht! Aber der Neuerungen waren noch lange nicht genug: wenn er erst hier allein zu kom- mandieren hatte, wurde es noch viel feiner. Die Fenster waren zu klein, da stiest man sich ja den Kopf, wenn man herausgucken wollte. Und die Tlnir war zu schnml, die liest er breiter brechen. Und ein Chaischen mustte her. zweisitzig mit weichen Kissen. Und die Auffahrt vom Hof zu der höher gelegenen Straße wurde mit schönen, weißen Steinen eingefastt, dast man sicher fuhr, auch unt übermütigen Pferden. Und dort nn Garten— er wies auf das schmale Streifchen Land diesseits des Baches, jenseits stiegen die Höhen gleich himmelhoch— da würde er Obstbäume anpflanzen lassen, feine Sorten auS der Baumschule zu Trier: 8!cinetten. Herrenbirnen und süße Reintlotten: die alten da taugten nichts mehr, die waren schon vermoost. Und leiser fügte er hinzu, mit seinem Lachen, da? die tadellosen Zahnrcihcn zeigte, dast auch Rosen dort blühen sollten und Lilien und Brennende Liebe für seine junge Frau! Du hob sich Tinas Brust in zittrigem Atemzug unter dem sonntäglichen Kaschmirkleid. Sie sah hin zum schmalen Warteilstrich und hinauf zu den Bergen, die drohend über der Mühle hingen— Schnee bedeckte alles, es war kahl, kalt und unlustig— aber oben über den steilen Hängen sah sie schon den Himmel blauen, unterm Schnee Rosen blühen und die rote Dolde der Brennenden Liebe. Sie liest dem Burschen ibrc Hand, die er gefaßt, und stapfte zuversichtlich an seiner Seite zum Haus zurück. Alles gefiel ihr wohl, sie hatte nichts auszusetzen. Des Hannes Mutter erschien zetzt unter der Hansthur, sprach von Kälte und lud zu einem warmen Kaffee. Tina wunderte sich, dast die Frau fror: warm und rot ging sie mit Hannes in die Staatsstnbe. Drin konnte man vor Qualm gar nichts sehen. Sie hatten wacker Wittlicher Tabak geraucht, und getrunken hatten sie auch gehörig. Auf dem Kanapee. daS man ertra zu diesem Tage angeschafft, schmauchten die beiden Väter. Schulter an Schulter. In ihre Stühle zurückgelehnt, schmauchten auch des Nelles alter Ohm. ein Schlaufuchs, den er sich mitgebracht. und des Matthes' Gefreuudtc auS DNaarfelden. Die Tain, der Tina als elmperonne beigegeben, nickte schon ein wenig auf der Ofenbank. Mit lautem Hallo wurden die jungen Leute begrüßt: Man war jetzt einig, war vergnügt und hielt Hillig. ri Immer neue Getränke schleppte die Mutter heran, viel Branntwein und wahre Berge von Kuchen: Drei Tage hatte sie gebacken, *) Bcrspnjk). nun sollten ftc ihr mich die Ehre anthu»; Nlckzt bloß an der Mosel verstand man zu leben, nein, in der Eifel erst recht— „kalte Berge, aber warme Herzen!" Dieser Ausspruch gefiel Müller Matthes so gut, daß er ihn immerfort wiederholte, bis die andren mit einfielen und alle sich lachend zntranten und anstießen. Tic einsame Mühle, fernab vom Torfe, hallte wieder vom fröhlichen Getöse. Hannes war der lustigste von allen. Hatte er nicht auch Grund dazu? Eine feine, eine zierliche Braut, anders, als die starkknochigen Eifeldirncn, so hübsch die ani Ende auch waren! Und daß sie nebenbei Geld hatte, war gerade kein Unglück, freilich er selber machte sich nicht viel daraus, deL Geldes hatte er ja auch so genug: aber, daß sie gebildet war, erst ein halbes Jahr aus der Kloster-»Penßjon" der lieben Wnnchen von Trier zurück, das stach ihm in die Augen. Ter Vater steckte ihm einen Thalcr zu, nach alter Eifeler Sitte, vou der die Jugend nichts mehr weiß: das Handgeld für die Braut.. Ueberinütig warf der Bursche dem Mädchen den Thalcr in den Schoß, und sie nahm den errötend. Nun waren sie einander versprochen. Im Mai, wenn alles grünte, sollte die Hochzeit sein. Das Essen hörte gar nicht auf. Ter Nachmittag fing an, sich zu neigen, da mußte man doch noch ein gediegenes Nacht- mahl halten, ehe der Nelles mit seiner Gesellschaft sich auf die Rückreise machte. Unterwegs nahmen sie dann Cuartier, wie letzte Nacht, in Gillenfeld, denn es bringt kein Glück, wenn Brautleute vor der Hochzeit im selben Hause übernachten. Tie Alten stopften sich voll an gesüßtem Muß, an Brat- Wurst und Schinken; an besonderen Leckerbissen, dein ge- räucherten Kuheuter. Schade nur, daß mau jetzt keinen der fetten Aale hatte erwischen können, die zur Frühjahrszeit. wenn das Moor beim Tors aus seinen Ilseru steigt und die Wiesen überwässert, wie Schlangen durch die Gräben glitschen, mit Händen zu greifen. Hannes und Tina aßen nicht so viel, wie die andren. Jetzt, da sie wußten, daß sie einander angehören sollten, loderte ihre Verliebtheit. Tina saß bebend auf ihrem Stuhl und schaute uiwenvaildt in ihren Schoß: ihr Herz pochte, wie es noch nie gepocht. Das hatten ihr die Nonnen nicht gelehrt. wie man sich benimmt, wenn man verliebt ist: und eine Mutter hatte sie lange nicht mehr. So zeigte sie es ihm offen, wie sehr er ihr gefiel. Als er ihr das alte Lied ins Ohr summte: Wenn alle Brünnlein fließen, So soll mer trinket«, Wann ich mei'm Schatz nit rufen darf. Thu' ich ihm winken. Ja, winken mit den Augen Un treten mit dem Fuß: 't is eine in der Stuben, Tie mein werden muß.— litt sie den Truck seines Knies imd wich nicht dem Fuß aus, der unterm Tisch den ihren suchte. Und als er ihr ein Zeichen machte, folgte sie ihn« willig hinaus in den dunklen Flur..Er zog sie gegenüber in die Mahlstube. Dort schaukelte die Ocl- lampe unter der Tecke und warf heimlich zwinkernde Lichter auf die,�teils mit Korn, teils schon mit gemahlener Frucht gefüllten Säcke längs der Wand, ans das schmale Lager des Müllerburscheu, auf den großen Mehlkasteit in der Ecke und auf die Spinnewebei«, die vom Mehlstaub wie nüt silbernem Reif umsponnen, gleich FestonS von Balken zu Balken hingen. Es war frisch aufgeschüttet: alle beiden Gänge waren in Thätigkeit. Tie Verlobten lehnten sich gegen das kleine Holzgeländer, das die ein wenig erhöhte Diele von dein tiefer liegendei« Werk abschloß. Hannes wies dem Mädchen, wie die Schälmühle arbeitete, auS der sich in tliiablässigem goldenen Fluß die gereinigte Frucht ergoß. Stolz zeigte er ihr die riesigen Mahlsteine, die das Korn in uimmer rastender Arbeit zerrieben, bis es sein und weiß durch die seidene Miillergaze hiiidurchstäubt. Hei, wie das klapperte und schaffte! Und da unten regte sich's unsichtbar und rauschte und schlug und pochte und stampfte— das war das große Rad, daS alles trieb: das Herz der Mühle. Tina hatte ihren Spaß daran, sie klatschte in die Häude — ach, wie das hier gut roch, so mehlig, so nahrhaft, so nach Fülle und Sattsein! Hannes zog sie lachend an sich, da ver- gaß sie ganz, ihr Kleid wieder zu raffen, das sie beim Ein- treten sorgfältig aufgehoben. Mochte es weiß werdeil, war sie doch nun bald eine Müllersfrau. Und er setzte sich auf die schmale Pritsche des Müllerknechtes und nahm sie aus seinen Schoß. Sie ließ sich nehmen, sie war wie betäubt. Un- willkürlich suchte ihre Hand nach dem kleinen Herrgöttchen, das ihr an schwarzer Schnur uin den Nacken hing: daran hielt sie sich fest. Alles ging mit ihr rundum im lustigen Geklapper der Mahlstube, in dieser große« Glückseligkeit. Hannes küßte sie ab; seine warmen Lippen suchteil ihren wenig gebräunten weichen Hals, ihre noch kindlich runden Wangen, das Grübchen am Kinn, die schmalen, etwas blassen Lippen. Man konnte ihm nichts abschlage«: wenn er bettelte: „E Kußche!"•— so mußte sie ihm eins geben, nein, nicht eins, huiidert. „Haste mich lieb?" Ta schmiegte sie sich wortlos fester an ihn.— „Klingling!" Bei dein blechernen Klang des Läutewerks fuhr Tina erschrocken auf. Ta kam auch schon der Knecht ge- rannt ans das Signal, das der hungrige Trichter gegeben, un« demselben ein paar Wannen voll Korn ins Maul zu schütten. Und über den Flur dröhnte die derbe Stimme des Müllers. „Kobes, Nikla, spannt an eweil!" Eilig wollte Tina hinaushuschen, aber Hannes hielt sie fest. Was ging's ihn an, wenn auch andre dazukamen?! Das war jetzt sein gutes Recht! Nun nahm er sein Mädchen um so fester in den Arm und schmatzte es noch einmal ordent- lich ab.--- Tina war ganz verstört, als ihr zukünftiger Schtvieger- Vater ihr ans den Wagen hals. Ihr Kleid war zerdrückt, ihre glatten Zöpfe ranh. Vorn bei den ungeduldigen Pferden stand Hannes und hielt sie am Kopf: im trüben Licht der flackernden Stalllaterne, die der Knecht hoch hielt, suchte sie noch einmal, halb schüchtern, halb verlangend, ihres Bräutigams Blick. Wenn sie jetzt wieder gefahren kam— herrsch, dann war sie schon seine Frau! Sie konnte ihr Glück kaum zähmen. Ter Wind war ihr eben recht, der vom Maar her dem. Gefährt in den Rücken schnaufte, und, wie ein böses Tier; Eingesperrt zwischen den Bergen, fauchte. Ter Ohm und die Tont' singen an, zu jammern, und der Vater hieb auf die Gäule, die in dem halb- gefrorenen, halbgeweichten Märzschnee nur mühsam voran kamen. Das konnte noch eine böse Fahrt werden bis Hillen- seid! Tanl' Angenieß fürchtete sich vor„umschmeißen"; das Ehaischen kippelte höchst bedenklich und schaukelte wie ein Schiff, von einer Seite zur andren. Jetzt, da sie die Mühlenschlucht verließen und einbogen ins Thal der Kleinen Kyll that die Taut' einen lauten Kreischa" und fuhr sich mit beiden Händen an die Ohren— hinter ihnen krachte und knallte es plötzlich und donnerte gefährlich iu viel fachem Echo von den felsigen Hängen wider. Nun noch einmal und noch einmal! Tie Pferde bäumten sich. Aber Tina lächelte still selig in sich hinein, streifte das verhüllende Tuch vom Kopf und bot die heiße Wange dem kalte» Eifelwind— das war ihr Hannes, ihr Bräutigam, da weckte die toten Berge mit Freudenschüssen und zeigte ihnen senien Hilliq an.— (Fortsetzung folgt.) ßerlüier SeceMon. Tie Ausstellung der„Zeichnenden K ü» st e", die von der Berliner Secession auch in diesem Winter wieder in ihrem Heim in der Kantstraße veranstaltet lvordcn ist, bedeutet einen noch größeren Erfolg als im Vorjahre. Ter Begriff ist auch diesmal so weit ge- faßt, daß alle Techniken außer der Oelmalerci eingeschlossen siild; die Radierung und besonders die Lithographie bilden einen großen Bestandteil der Blätter. Man wird scheiden müssen zwischen der zeichnerischen Studie, bei der es sich für den Künstler nur um die Fefthaltung eines Eindrucks oder auch um die Anlage eines Eni- Ivnrfs handelt, die aber eigentlich keine abgeschlossene Leistung fein will, und dem fertigen Kunstblatt, das mit dem Stift, mit der Radiernadel oder den Wasserfarben durchgeführt ist. Wenn man die letzteren mit den Zeichnungen znsmnmenbringt, so hat dies nur darin seinen Grund, daß die Techniken leichter zu handhaben sind nnd mehr von ursprünglicher Frische deS EnttourfS zu bewahren scheinen. alS die meist mit vielfacher Ucberarbeitung rechnende Oelmalerei. Dem modernen Interesse entspricht aber am meisten die einfache Zeichmmg, in der die impressionistische Tendenz am stärksten zum Aus- druck kommt. Mit den geringsten Mitteln die größte Wirkung zu erzielen, mit einigen charakteristischen Linien das Wesen eines Dinges für den Eindruck erschöpfend wiederzugeben, das ist das Ziel, ans das die Meister der moderne» Zeichnung Hinarbesten. Vielleicht würde eine Ausstellung der„zeichnenden Künste", die nur in diesem Sinne zusammengebracht wäre, einen noch größeren Ein- druck erziele», als die in, Ivcitcrcn Rahmen gehaltene. Indessen bietet auch die gegenwärtige genug Material dieser Art. und die reproduzierenden Techniken, namemlich die dem Stift willig folgende Zeichnung auf Stein, werden in««« mehr in derselben Richtung entwickelt. An Max L i e b c r m et n u s Zeichnungen mit dem bunten und den, schwarzen Stift läht sich besonders beobachten, welche Wir- Zungen in dieser Art zu erzielen find. Liebermann bringt in diesem Jahre eine llcberrraschung, indem er eine Anzahl Motive aus Italien, besonders aus Venedig und Florenz, ausstellt. Von dein, Ivtts man als Studien aus Italien zu sehen gewöhnt ist, sind diese Skizzen allerdings weit entfernt. Sie geben nicht die beliebten Architcltunnotive und Stratzenbilder, sondern kleine Ausschnitte, etwa einen Blick über die roten Dächer von Florenz, auf den charaktc- ristischen Höhenzug im Hintergründe und darüber ein Stück grauen Himmel; man sieht einen Turm in die Luft hineinragen oder ein Mlostcr', das einen sanft ansteigenden Berg krönt. In flüchtigen Skizzen wird mit ein paar Strichen der Eindruck festgehalten, den man von der Riva clegli Schiavoni in Venedig erhält, die sich im großen Bogen um den Canale an seinem Ende entlang zieht, man schaut tief hinein in eine Baumallcc, oder es steigt in einigen großen Andeutungen tvie eine Vision ein Gesamtbild von Rom auf. In solchen Blättern ist in der That mit wenigen oft scheinbar zusammen- yanglosen Linien das Wesentliche gesagt, diese Rudimente geben der Phantasie die Anregung, große Bilder zu sehen. Auch darin sind die kleinen Studien für Liebermann bedeutungsvoll, daß sie iviedcr sein Streben nach einer weichen, aber frischen Farbigteit zeigen, das sich in scmcn Arbeiten der letzten Jahre so deutlich er- tennbar machte. Es ist unmöglich, die Fülle der ausgestellten Blätter auch nur annähernd zu charakterisieren. Im allgemeinen sind die deutschen Maler und Zeichner, die ausgestellt haben, in dieser Art auch sehr bekannt. Es ist jedoch immer reizvoll, von den durch Reproduktion in den Witzblättern schon bekannten Zeichnungen eines Ober- lande r oder der„SimplicissimuS"-Zeichner Wilke.Thöny und Paul die Originale zu studieren, die immer wieder zeigen, wie viel auch bei der besten Reproduktionstechnik von der ursprünglichen Frische des Entlourfs verloren geht. Bon einer neuen Seite zeigt sich aus diesen Kreisen nur Thomas Theodor Heine, der neben Zeichnungen ans dem„SimplicissimuS" auch Studien und Entwürfe ausgestellt hat. Man ist überrascht, aus den Studien, die allerdings wohl älteren Datums sind, zu sehen, wie sorgfältig der Künstler daran gearbeitet hat, sich mit den Einzelfonnen der Natur vertraut zu machen, ehe er zu seinen freien Entlvürfen kam. Da sieht man Studien nach einer Hand, nacd, einem Gesicht, die fast , leinlich in ihrer Durchführung sind. An Entwürfen zu bekannten Blättern beobachtet man, wie er für die anscheinend so leicht in einen: großen Zuge hingeworfenen Zeichnungen gcnatie Vorstudien gemacht hat, in denen die wesentlichen Elemente vollkommen eut- halten sind. Eine neuc Erscheinung ist auch der Münchener Ignatius Taschner, dcr sich bisher durch seine Humor- vollen Holzstatuettcn bekannt gemacht hatte, mit ansprcchendeit farbigen Blättern in einer eigentümlichen Technik, die er Radiertmg nennt, die mit dcr gewöhnlich so genannten aber kaum etwas zu thun hat. Hugo von Habermann hat mehrere Studien in Pastell und Aquarell in semcr großzügigen, in den Farben sehr seinen Art gesandt. Bon den Berliner Zeichnern hat sich diesmal auch der Zeichner der„Lustigen Blätter" Ernst H e i l c m a n n mit einer Anzahl flotter„Augenblicksstudien" beteiligt. Hein r i ch Zille tritt mit seinen grotesken Bildern aus dem Arbeitcrlebcit fkärler hervor. Etwas reichlich vertreten ist der in Rom lebende Radierer Otto Greiner, dcr Klinger-Schüler, dem man einen czivßeu Saal eingeräumt hat. Mit erstaunlichem Fleiß macht der Künstler immer neue, bis ins eiiizelnstc durchgeführte Studien, ehe ec zu seinem Werke übergeht; aber das Ergebnis entspricht diesen Bemühungen nicht recht. Die Studien sind Ivertvoller, als die danach ausgeführten Blätter, die etwas Mühsames haben, das besonders peinlich wirtt. Iverät es sich um phantastische Enttvürfe handelt. Aber auch die Studien wirken bei aller Sorgfalt der Durchzeichnung nicht, als wären sie nach dem lebenden Körper gemacht, sondern nach einem Brottzemodcll. Das Ausland ist in diesem Jahre ziemlich stark herangezogen.; und es ist besonders erfreulich, daß einige hervorragende Ausländer. mit einer größeren Zahl ihrer Werke vertreten sind. An erster � Stelle steht der in Paris lebende Theophil Steinlen, von; dem gegen 150 Blätter, Zeichnungen, Skizzen, Stiche und Litho-' graphien, zu sehen sind. Sie ermöglichen einen Ueberblick über sein 1 gesamtes Werk, in dem die socialen Darstellungen einen hervor- ragenden Platz einnehmen. Diese haben Steinlen wohl zunächst' bekannt gemacht; aber cS scheint, wenn man sie hier unter den' andren sieht, als ob die reinen Tendenzblätter lünstlcrisch seine schwächeren Leistungen wären. Am besten wirlt er da, Ivo er eilt Bild aus dem Pariser Vorstadtleben oder eine Figur aus dem Volke ohne jede Nebenabsicht giebt. Seine Bilder der Wäscherinnen, der Lauf- niädel prägen sich sofort ein; sie sind in ihrem Beivegungsmotiv mit einer prachtvollen Lebendigkeit festgehalten; in der Figur einer Wäscherin, die einen schweren Hcnkclkorb im Arm über die Straße schleppt, erreicht er geradezu einen Eindruck monumentaler Größe. Der Stoffkreis Steinlens ist erstaunlich weit, wenn auch die Nachtseiten des Lebens in stärkerem Maße darin zun: Ausdruck kommen. Der Künstler, dcr die Kunst, ini wenigen charakteristischen Strichen das Wesen eines Menschen darzustellen, am weitesten treibt, ist der geniale Karilatnrist Toulouse Lautre c. Wenn er karikiert, so trifft er damit doch Wescnsziige, die er inZ Lächerliche übertreibt und verzerrt. Seilte boshaften Darstellungen dcr Hochtrabeiide« Helden dcr Cornädic Frangaiso geben fast nur ein paar Konturctt. und doch steht immer der ganze Mensch darin vor dem Beschauer. Neben diesen beiden Künstlern sind von den Franzosen besonders Earriäre mit seinen Porträts, die wie aus einem Nebel heraus- schauen und in ganz weichen Flächen modelliert sind, L u n o i S mit glänzend farbigen Lilhographien aus dem spanischen Theaterleben und Balloton mit Holzschnitten vertreten; auch von Mattet sieht man zehn Blatt charakteristische Radierungen. Ebenso ist die Art der übrigen Meister, die ans den: Auslände zn der Ausstellung herangezogen sind, hier des öfteren charakterisiert worden. Es sei daher uur hingewiesen auf die in ihrer Schlichtheit ergreifenden Radierungen von Jozef Israels, dem Altmeister der Holländer, die mit großen Strichen der Nadel hingesetzten und lebenjprühanden Radierungen des Schweden A n d e rS Jörn, die bekannten � Porträts von Jan B e t h und die Radierungen von W h i st I e r. die älteren Datums sind, und noch mit festen Strichen arbeiten, die später ganz in feine, weiche Strichlagen ausgelöst werden. — Iii Kleines feuilleton. — Von einem Neujahr möchte ich heute erzählen, dem ersten, das ich in Berlin erlebt habe. Im Frühjahr zuvor war unser Blatt gc- gründet Ivordcn.„Berliner V o l k s b l a t t" hieß es damals. Es hauste in demselben Viertel, ivie wir jetzt, sonst aber sah die Aufmachung cnvas anders aus. In einen: noch unbezögenen Neu- bau war ein Raum, dcr die Maße eines mäßigen Grunbcamladens hatte, durch Eoaksfeuer schnell ausgcttocknct worden. Das ivar die Expedition. Als Kasse diente ein rundes Holzschüssclchen. Nach dem Hof zu lag ein schiefes Loch. Das Wasier lief die Wände herab, der eiserne Ofen glühte den ganzen Tag. Der Redakteur hatte geleS Haar, große Sommerflecken int Gesicht und saß an einem Tischchen, die Nase kaum anderthalb Fuß von der weinenden Wand. Ich habe von ihm immer dieselbe Auskunft erhalten. Cr ließ Einen ausreden. Und hatte man seinen Zustand dargelegt, über ivaS man schreiben lvolle, daß man vor Arbeitsfreudigkeit ja ordentlich dampfe, daß das und das und daS für das„Volksblatt" geradezu ein.gefundenes Fressen" sei. dann hob er die Hand mit dem Bleistift, ließ sie auf das Tischchen zurückfallen, daß es täk machte, und sagte ganz ruhig und langsam:„Wir brauchen nichts Man sah ihn an, und noch einmal.„Wir brauchen nichts l" Und dann machte man die Thür- von draußen zu. So bin ich Mitarbeiter unsers Partciblattes gc- worden. Es war ein harter Winter damals, anno 1884. Ich wohnte im schönsten Schcunenviertcl, Ivo die Leute schier übereinander hockten. So kam die Feuerung billig, aber essen wollte tnan doch auch etwas. Das ging nicht so leicht, wie der dumme, junge Magen meinte. Anfänger, fremd und mit eittent Geldsack weder verwandt noch ver- schwägert— armer Bellctriste, wie hast Du damals mich oft der- barmt! Weihttachiett hatte es noch auf gekochtes Schweiitrsleisch mit Kartoffel gelaugt, dann hatte das Kommißbrot iviedcr herhalte» muffelt. Einen ischnellsieder hatte ich noch, gestaltete sich also der Küchenzettel folgendermaßen: Früh Brotsuppe mit Salz; mittags Brotsuppe scingebröselte) mit«alz und Schmalz, abends Brot mit Salz und Schmalz. So war's auch am S ilvester gelves cn, und da die Lampe bald ihre Arbeit eingestellt hatte, war ich ins Bett gekrochen. Ich halte schon längere Zeit geschlafen, da ging'S nebenan bei den AirtSleuten loS. Tie acht jungen Mädchen, die da Tag für Tag seidene Frauen- Unterröcke nähten, schrien:„Prosit Neujahr!", und die Gläschen klingelten. Dann ein Gctnschel,� schlurfende Tritte, die Thür drehte sich. Und schon hörte ich die Stimme der Wirtin:„Herr, darf ich Ihnen vielleicht..." Los schnarchte ich, Ivie ein Landsuhrmann, mit zusammengebissenen Zähnen, und eine Wut war in mir!... Die Thür hatte sich längst geschlossen, die Mädchen waren die Treppe hinabgesprungcn. ich lag noch immer mit starren Augen. An den Punsch mußte ich denken, den ich nicht gemocht hatte, ich Esel, und da, aus einmal, fiel nur ein, wie ich als Bub als einer der„DreikönigSsänger" gegangen. Kasper, Malcher, Balzer,„Snppcnsalzer. wenn er uet hupst, 10 schnalzt er." Süßen Schnaps hatten uns die Bäuerinnen gegeben, wenn wir unser„Gesangel" herunter hatten und den krachenden Fußfall gethan, und dann Kuchen cingestopft: Kuchen mit goldgelbem Käse, Weinbecren und Ncingeschnittenen Mandeln. Kuchen mit einer Lage Lebkuchen überdeckt, Kuchen mit Zimmt und Zucker. Etwas altbacken war ja der Kuchen, er stammte von Weihnachten her. aber wenn man hincinbiß, hatte man gleich den ganzen Mund voll. Das war ein Kuchen I Hcrrjch und Zu- gebunden! Und ich schlief ein und träumte. Von nichts als von Kuchen. Von Kuchen mit goldgelbem Käse, von Lebkuchen und Weinbeeren und kleingeschnittenen Mandeln und Zimmt und Zucker. Und ich kaute, kaute, kaute.- Ich glaube, ich Hab mich in selbiger Nacht ins Schlaraffenland hineilt und Iviedcr hinaus gegessen. Am andcrtt Mvrgen Ivar meine Kehle trocken und ausgedörrt wie ein Sticselbeinlnig. Seit der Zeit mag ich keinen Kuchen mehr.— — Eine sterbende Stadt. Die einst durch ihren Thcehandel und den sibirisch-chinesischen Grenzverkehr berühmte und blühende S ladt Kiachta ist durch die gänzlich veränderten VerkehrSverhältniste in den tieffteu Verfall geraten»ud bietet in unsrcr Zeit ein ähnlickes Beispiel, wie nach der Entdeckung Amerikas viele Städte zurück- gingen, dadurch, das; der Handel atlantische Bahnen einschlug: die Zölle auf Thee haben eine Erhöhung erfahren und der Transport- weg iibcr Kiachta hat für immer seine Bedeutung verloren, weil der Thee andre, vorteilhaftere Wege nimmt. Die 10000 Bewohner von Troizkossawsl und Ust- Kiachta sind, ohne Aus- sichten auf eine bessere Zukunft, zu einem bedauernswerten Dasein verurteilt. Die Lage der Bevölkerung ist thatsächlich aussichtslos: fiir den Ackerbau geeignete Ländereien befinden sich in der Nähe nicht, die Viehweiden sind nicht groft und weder die Lederfabriken noch die sonstigen ivenigen gelverblichen Unternehmungen vermögen auch nur dem zehnten Teil der Arbeitsuchenden Verdienst zu gc- lvährcn. Wahrscheinlich wird der größte Teil der Bcvölkerrmg die Stadt ganz verlassen, und von Kiachta, das man früher als wahre Goldgrube rühmte, wird nichts als die Erinnerung bleiben.— („GlobuS".) LittvrarischeS. e. k.„.H 0 eh 3 e i t n a cy t. Geschichten in Moll und Dur" von Mar H o f f m a n n. Breslau. Schlesische Verlags- Ansialt von S. Schottländer.— Max Hoffmann, ein Berliner Autor, der sich bereits in zwei Gedichtbüchern als kräftiger Lyriker, sowie neuerdings als feinfühliger Uebcrsetzcr ncufranzosischcr Poesien(„Verse" von Guy de Maupassant n. a.) gezeigt hat, bietet in dem vorliegenden Buche die Früchte seines novellistischen Talents. Es sind 28„Geschichten", die hier zu einem stattlichen Bande von 4l0 Seiten vereinigt wurden. Der erste Teil enthält 1t Stücke in„Moll", d. h. mit tragischer Grundsttminung. In einigen Ivird ein Motiv auS socialer Sphäre l>ehandelt: wieder andre greifen in das Gebiet der Konflikte des Herzens, der Pflicht, bürgerlicher und kiinstlcrischcr Berufe hin- über. Ihr Schauplatc ist, mit Ausnahme von zweien, Berlin. Hier bewegt sich der Autor am sichersten. Ohne besonders tief heraufgeholt zu sein, verraten sie hinsichtlich der festgehaltenen Stimmung und der knappe Ii. zuweilen allerdings etwas unerwarteten, allzu absichtlichen Pointierung nach Art und Weife französischer Novellisten doch ein beachtenswertes Erzähiertalent, dem nur noch zu ivünschen ist. daß öS mehr, als das hier geschieht, aus sich herauSrrcte und demgemäß eine kräftigere Urfprlrnglichkcit offenbare. Sicherlich dürften die meisten dieser Picccn als die lvcirtvolleren des ganzen Buche?, das seinen ctwaS pikanten Titel von der gleichnamigen, keineswegs „pikanten"� aber rührenden EingangSerzählung herleitet, zu bezeichnen sein. Weniger ist daS von den Geschichten deS zweiten Teil? zu behaupten. Hier drängt sich die Anekdote meistens vor. Gemäß ihrem Gegenstände l>ewegt sich auch der Vortrag. Er ist frisch, leicht, witzig zuiveilen. und der Verfasser versteht es. den Leser auch selbst an„gewagten" Situationen mit mebr graziöser Leichngkeit als prickelnder Leichtfertigkeit vorbeizuführcn. Die Note des spezifischen Berliner„Humors" läßt sich nicht verkennen. Alles in allem ist daZ Btlch eine hübsche Gabe.— Medizinisches. cn. Chinin blindheit und Aehnliches, Es ist eine eigenartige Thatsache. das: geloisse häusig gebrauchte Drogen und tLetäubungsmittel bestimmte Einflüsse auf das Augenlicht ausüben. Professor von Schweidnitz in Philadelphia hat eine sebr große Zahl von Fällen beobachtet und als Beweise daftcr gesammelt. Tie wich- tigste Form von GcsichtSstörungcn ist diejenige, die man als Chinin- blindheit bezeichnen könnte. Sie tritt in verschiedenen Arte» auf, die nach der Stärke der Dosis und nach der Veranlagimg des Patienten wechseln. Nimmt man eine mäßige Menge Chinin, so tritt gewöhnlich eine zeitweilige Trübung des Gesichtsfeldes ein, die mehrere Stunden anhält: namentlich ist dies bei Frauen von nervösem Temperament der Fall. Ist die tägliche Dosis groß, so kann eine andere und ernstere Form der Gesichtsstörung erfolgen. Plötzliche und fast völlige Blindheit sind dann nicht selten, irnd auch dieser Zustand kann längere Zeit andauern, sogar mehrere Tage. Die angenärztliche Unter- fuchung ftihrt zum Nachweis einer starken Blässe der Linsen und einer Entfärbung der Netzhaut, die wahrscheinlich einer Entziehung des BlutznflusseZ infolge eine? Gcfäßkrampfes zuzuschreiben ist. Ehinin in großen Dosen hat zweifellos eine giftige Wirkung auf die Nerven- gellen der Netzhaut. Geheilt können solche Anfälle werden durch An- Wendung von Gegengiften lvie Digitalis und Strychnin. Die Chinin- blindheit ist gegenwärtg wohl die häufigste derartige Gesichtsstörung, jedoch treten solche auch nach dein Gebrauch andrer Drogen ein. Sehr ähnlich verhält sich z. B. der Einfluß von salichlsauren Verbindungen oder von Antifebrin ans daS Auge, und auch die Veränderungen der Netzhaut sind ganz ähnliche. Auch.Jodoform ruft gelegentlich Gc- fichtSschivliche hervor, wenn es aus dem Verband von Brand- und andren Wunden in den Körper gelangt oder durch den Mund eingenommen worden ist. Leider sehr bekannt und vielleicht auch wohl noch verbreiteter als die Elsininblindheit ist die Gesichtsstörung durch gewöhnlichen Alkohol, die in noch viel stärkcrem Grade nach dem Genüsse von Methylalkohol(Fusel) eintritt. Zwei Gläschen von Methylalkohol verursachen bereits eine starke Schlvächung de? Augen- tichtS, und m SO von hundert solchen Fällen tritt sogar eine dauernde Schädigung des Sehvermögens ein. Dieselben Folgen haben die Essenzen von Jamaila-Jngwer und Pfefferminz sowie Bay-Rum. da Methylalkohol ihr Hauptbestandteil ist. Eine Heilung ist nur bei frühzcittger Behandlung»wglich, und zivar durch Beförderung der Be«»tw«rUicher Nedatleur: Earl Leid in Berlin.— sZinc! und Verlag: Hantansschcidungen mittels Pilocarpin oder durch Einspritzungen von Strychnin unter die Haut. Mit Rücksicht auf die oft besprochenen schädlichen Einflüsse des Tabaks auf das Auge sagt Professor von Schweidnitz, daß gewisse starte Arten von Tabak, namentlich wenn sie auS einer Pfeife geraucht oder bei leerem Magen aufgenommen werden, zur Entstehung von Augenschwäche Anlaß geben können. Gewöhnlich vergehe» jedoch einige Jahre, che die Augen dadurch soweit angegriffen tverden, daß eine Art von Rcbcl oder Dunst den Blick zu verdunkeln scheint. Auch hier zeigte die genauere Unter- suchung des AngeS eine Vläpe der Linse, und außerdem war ein Flimmern für Rot und Grün im Mittelpunkt des Gesichtsfeldes zu bemerken. Kommt Unmäßigkeit im Genuß alkoholischer Getränke hinzu, so stellt sich die Blindheit schneller und stärker ein infolge allmählicher Entartung der in der Netzhaut befindlichen Nervenzellen sowie Veränderungen des Sehnervs, Wegen der Vielheit der im Tabak enthaltenen Stoffe hat sich noch nicht entscheiden lassen. welchem von ihnen der Einfluß auf das Auge zugeschoben werden muß. Außerdem kommen ähnliche Augcnsrörungen freilich auch als Berufskrankbeiten vor namentlich unter Blei- und Gummi arbeitcrn; für letztere besteht da? gefährliche Gift in dem Schwefelkohlenstoff. der zur Lösung deS Gummis benutzt wird. Bei ihnen entwickelt sich die Eiesichtsschwäche allmählich schon nach Ivenigen Dlonaten. Auch bei Arbeitern in Hut- und Firniß- Fabriken tritt Gesichtsschwäckc auf als Folge der Einatmung von Dämpfen des Mcthulalkohol, der als Lösungsmittel für Schellack und Firniß benutzt wird.— Humoristisches. — Soldatenbricf,(Nach dem Original mitgeteilt.) „Liebe Eltern! Ich danke Euch sehr für die Worscht. Ich habe mich über die Worscht sehr gefrcit. Tie Worscht hat ser gut geschmeckt. Es war ser vil Worscht. Ich Hab der Karline auch von der Worscht gegeben. So gute Worscht hat sie noch nie»ich gegessen. Meine Worscht ist bald Ivel. Eßt doch nich alle Worscht auf, damit ich z» Neujahr auch noch Worscht kriege. In der Hofftiung, daß Ihr mir wieder Worscht schickt, bleibe ich Euer teurer Soyn Jgnaz."— — Das waren noch andre Zeiten... Zwei ZeittingS- jungen hatten durch die Gunst des Zufalls zwei pla'.erieplätze zum Theater erhalten. Gegeben wurde„H a m l c t". Die beiden lauschten atemlos. Ader in den letzten Scencn, als Hamlet den LaerteZ und König getötet hatte, als die Königin vergiftet war. und Hamlet selbst an seiner Wunde starb, konnte sich der eine auf dem„Juchhe" nicht mehr halten.„Donnerwetter, Jim." flüsrerte er erregt,„m u ß das eine Zeit für Ertrablättcr gewesen sein!" („Jugend".) Notizen. — Da? Deutsche Theater wird in dieser Spielzeit noch Novitäten von Schönhcrr, Dreher, Schnitzler, Björnson und Rodenbach aufführen.— — Die Moderne B ü h n e bringt am St. Januar im Lcssing- Tbcater ArankWedckinds Schauspiel„Soi st dad Leben" zur Aufführung.—.. � — Das Neue Theater bringt als nächste Neuheit „La Mouche"(„Die Fliege"), einen dreialngcn Schwank von A n t o n y 2)! a r S.— — G c r h a r t Hauptmanns„Weber", deren Auf- führung bisher in Wie n verboten war, dürften demnächst im Deutschen Volks-Theatcr daselbst in Scene gehen. Die Aufhebung des CcnsurverboteS hängt von einer Umarbeitung des letzten AkteS ab.— — DaS S ch i l l e r- T h e a t c r hat im abgelaufenen Spicljahr bei einem Etat von 400 000 M. einen Nettogewinn von ?.t 000 Vi. erzielt. Davon tvurden ö Proz. Dividende an die Aktionäre verteilt, 17 000 M. wurde als Spezial-Nescrvcfonds zurück- gelegt, ä Ivt M. erhielten Angestellte de? Theater« als Gewinn- anteile.— — G c r b a r t Haupt m a n n S Drama„Der a rrn c Heinrich" ist ins Russische übertragen worden. DaS Stück geht anfangs Jammr im Petersburger Neuen Theater in Scene.—. — Eine B o l k S o p e r im B u n t c n T h c a t e r soll in nächster Zeit unter Leitung Waldemar WeudlandS eröffnet werden. Zu billigen Preisen(Parkett l Marl) will man an jedem Sonntag- nachmittag Opern-Aufführungcn veranstalten. Als erste Vorstellung soll am 11. Januar Lortzinqs„Waffenschmied" in Scene gehen.— t.„Die goldene W i l d e- M c d a i l l e. die von der Liltera- rischcn und Philosophischen Gesellschaft in Manchester alljährlich vcr-, liehen wird, ist für das Jahr 1903 dem amerikanischen Ehe m i l e r Professor C l a r l c zugesprochen worden, die D a l t o n- M e d a i t l e dem englischen Physiker Professor Reynolds.— — Die Lustschiffer-Vcrcine von Augsburg, München. Strasburg und Berlin haben dieser Tage in Augsburg einen deutschen Luftschiffer-Verband gegründet. Der neue Verband de- zweckt die Förderung gemeinsamer Interessen der Luftschiffahrt, ins« besondere die Herausgabe einer Bcrbands-Zeilung, cineS Verbands« Jahrbuchs, einer Führerauleitung usw.—___ Die nächste Nummer deS UnterhalttuigsblatteS erscheint am Sonntag, den 4. Januar.____ tzorwärw Blc.ydnlckcrci und Verlagsanstalt Pank Singer ti Co., Berlin SW.