Unterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 5. Donnerstag, den 8. Januar. 1903 (NachdniL vnliotcii.) 5} Der JVIüUerbannes» Roman euö der Eifel von Clara V i e b i g. IV. In dein vormals Lairdscheid schen Hau? wohnte der Müller- Matthes imn schon an ein halb Dutzend Jahr. Er hatte es sich hübsch Herrichten, die Ttube dielen und die Kammer weißen lassen, und seiner Frau einen neumodischen Kochherd gesetzt statt des aus Steinen gemauerten mit dem russigen Rauch- fang darüber. Klare Glasscheiben waren in die Fenster gekommen statt der trüben und papierbetlebteu; die alte wurmstichige Thür, die gar keine Farben inehr gewiesen, war einer neuen, frischgestrichenen geivichcit mit blanker Klinke. Der Gartenwinkel zum Maar hinaus, über den das Vieh frei getrampelt, die Hunde und die Dorfkindcr gelaufen, hatte einen schützenden Zaun bekommen, und in der Mitte zwischen Stiefmütterchen Rabatteit prangte eine riesige blanke Glas- kugel, in der sich alles, die Menschen, die Berge, das Maar goldig widerspiegelte. Wenn der Landscheid selig, der oben am Hang ans dem Kirchhof moderte, jetzt einmal herunterkommen könnte, er ivürde sein Haus nicht mehr kennen. Auch die Seph. die rniS dent Dorf gezogen— die einen sagten: nach Trier zur Tant', der Köchin von Hochwürden zn Matthew, oder sonst wo in Dienst, die andren sprachen: auf den Bummel— ja, wenn die noch einmal wiederkäme, die würde sich auch nicht mehr heimfinden. So schön war das Haus. Ein gut Stück Geld hatte es aber gekostet, der alte Müller empfand die Lücke in seinem Geldkastcn. den er nnter'm Bett stehen hatte, da Ivaren eine Menge Thaler daraus fort, und mancher Papierschein. Und tvcnn's nur das wäre; aber was der Junge noch immer für ein Geld brauchte l Nun hatte der die Mühle und die lvohthabende Frau— reich könnt' man die tiennen, wenn die Weinjahre besser lviircn, aber sicher hatte die genug nntgekriegt— und doch kam der HanneS immer:„Vadder, leih' mir ebbesl Vadder, ich bauchen hundert Thaler! Vadder. ich sein justcment in en Verlegenheit. Vadder, den un den hat noch«et sein Mahlschulden bezahlt, aber ich kann die Leut' doch«et pfänden lassen,— Vadder, ich muß Geld hau für den Momang. dat siehsle doch ein. Ech muß et hau fiir't Geschäft zu betreiben, un— un. auch soirs noch. Ich kann doch net eso poiver auftreten. Gell, Vadder. Du bis eso gut, un hilfst mir aus der Brednllich l" Was sollte der Alte machen, lvenn sein Hannes so bat, wurde ja der störrischte Gaul zahm. Und den Jung' in der Patsche sitzen lassen, das ging doch nicht an, dann würden die Leute gleich reden:„Die Mühl' is«eist wert mehr, dat geht eweil net gut!" Ja, die waren immer bereit, zu klatschen, weil die powre Packasch scheel sah auf's reiche Müller- geschlecht! So zog der alte Müller immer wieder seinen Kasten unter' in Bett vor. und der junge dachte, der Schatz könne nie ein Ende nehme». Er hörte gar nicht hin, lvas der Vater brummend und grnmmelnd dabei redete, er pfiff sich eins, und lvenn er's Geld hatte, lvar er flott. Halloh, da* flog nur so unter die Leute. Da lvar ein Mann zu Bleckhausen, dem hatte er längst ein Darlehn versprochen, und da war ein Weib zu Bettenfeid, dem lvar der Mann letzthin verstorben und sie und die Kinder kauten Hnngerpfoten. Und da lvar ein Mädchen zu Wittlich, ein liebes Ding, dem hatte er versprochen, was Hübsches zn kaufen, wenn er's nächste Mal wiederkam— wie, lvar er nicht der reiche Müllerhannes? l Der Küster hielt ihm den Klingelbeutel länger hin,— der wußte genau, der Müller- Hannes gab keinen Buxenknopf— und Pastor Cremer, das anne Männchen, daß selber nichts hatte, kam bei ihn? bitten fiir die Bedürftigsten der bedürftigen Gemeinde. Blickten sie nicht alle zu ihm al?f, wie zum lieben Herrgott l? Wahrhastig, er konnte sich nicht lumpen lassen.-- Heut lvar ein Fasttag. I» der Mühle hatten sie zu den Kartoffeln Forellen aits dein Bach und Pfannkuchen für die, die noch nicht satt daran wurden. Es gab reichlich, aber die Knechte hieben auch ein. und die kleine Tochter mit den Pausbacken stopfte sich mit beiden Händen den Mund voll. Der Müller saß oben an? Tisch, dick lind satt. Sein rundcS Gesicht lvar noch rlinder gelvorden, zu rund; zn völlig ließ sich seine Figur an. Ein leerer Krug stand vor ihm, be quem hob er ihn gegen seine Frau:„Tina, noch cn Schöppche! Mehlsröp') macht durstig." Sie wollte Wein holen, da schrie er hinter ihr her: „Bleibfte hei, laß dat Lene laufen, lvofiir haste dann en Magd? I" Das fehlte noch, die Frau sollte selber in de» dunklen Keller gehen I Zudem hieß cS ja, lvenn man selber so viel arbeitete, dem arme?? Volk da? Brot stehlen. „Eso is et recht," sagte er frohgelaunt, als die Magd ihm den vollen Krug hinstellte, und kniff sie in den braunen Arm.„Du sollst auch ehS en Mann ganz für Dich allein kriegen, Lena i" Das Mädchen kicherte und die Knechte grinsten. Die kleine Fränz fing an, als sie alle lustig sah, um den Tisch herumzuhüpfen auf einem Bein lind jubelnd in die Hände zu klatschen: „Eins, zwei, drei, Nicke, uacke, uci"— Da klopfte es an die Thür. „Angtree l**) sagte der Müller und die Knechte drehten die Köpfe. ES lvar soviel Sonne in der Stube, daß alles in Glanz und Gold getaucht war. Draußen stand ein Mann. „Un? Gotteswillen", sagte er und streckte, eine Gabe heischend, die Hand aus. Er lvar arg zerlmnpt, Dorfhunde hatten seine Hose zerfetzt, und sein Gesicht lvar gelb und hager. „Nur herein," schrie der Müller,„kommt als nur herein, hei is Essen genug!" Jedoch, als er auf die Schiisseln lvies, lvaren sie alle leer, kein Bröselchen mehr darin.„Donner- kiel"— lvar das eine Verlegenheit! Aber dann fing er an, so mächtig zu lachen, daß sein ganzer Riesenkörper schlitterte und die Stube dröhnte; er hielt sich die Seiten und dann klatschte er auf die Kmec:„Haha, altes aufgefressen! Haha, hoho I" Der Bettler, von dieser laut ausbrechenden Heiterkeit ver- legen gemacht, drehte sein hungriges Gesicht vor? einem zun? andern und lvagte sich nicht näher. Da riß ihn der Müller an den Tisch:„Eso, setzt Euch elveil"— lind dann schrie er: „Tina. Tina!" Die Frau kam aus der Küche gelaufen. „Tina, gieb dem Lena die Schlüssel. Im Ranch hängt en Schinken, den gehstc nehmen, Mädchen, und bringst häi? Heihin—»Vit, mit***) „Et is heut Fasttag." lvagte die Frau eiuzulvendcu. „Ach wat, Fasttag oder net, dat schärt mich en Dreck. Du lvills nur den Schinken net spendieren— Frauenslent sein alleweil knaschtigf)— ich sagen Dir, her mit dein Schinken, wir Hai? des ja noch genug. Nn laß Eier in die Pfann' schlagen. U» Brot her, der Mann soll net sagen, dat hän hei net satt kriegt I" Es nmchte Hannes ein Hauptvergnügen, den Landstreicher recht voll zu füttern: der konnte gar nicht genug essen. Er saß dabei, die Ellbogen aufgestützt, und sah zu niit glänzenden Augen, lvie eS dem Hungerleider schmeckte. „Eßt nur, eßt," drängte er.„Gel, eso lecker habt Ihr lang'«et gegessen Er klopfte dem Bettler auf den Bauch: „Elveil is den dick— ja, dat glauben ich!" Wann Euch die Leut' fragen, dann sagt nur: bei»? Müllerhannes zu Maar- felden, da ist et gut sein." Als der Bettler gegangen lvar, seine armselige Gestalt und die barfußen Beine um die Wegbiegung Verschlvunden lvaren, stand Müllerhannes noch lange in seiner Thür und ließ die Blicke rundum gehen. Was hatte er nicht alles?! Eine stattliche Mühle, Pferde im Stall, Kühe auf der Weide, Wein im Keller, Schinken im Rauchfang und Forellen auf *) Mehlstaub. •*) Entrez! •»*) Vit»= schnell. t) Knauserig. dem Tisch. Er pfiff hinter dem ctrmen Teufel drein, in un söglichen: Behagen. Dort ritt ein Knecht die Pfcrdchen, die glatt und kugct- rund gefütterten, in die Schwemme. Tie große Dogge, ein Prachtexemplar, die Hannes sich jüngst um ein paar hundert Mark auf der Hunde-Ausstellung zu Koblenz erstanden, sprang tief belfernd um die Gäule herum und schnackte nach den hängenden Beinen des Reiters. Ja, der Nero hatte schon viel Hosen zerrissen— Hannes lachte—, aber was thatcn die paar Mark, eS war doch ein Staatsbiest! Der Müller pfiff dem Hnnd; der kam mit einem mächtigen Satz, sprang hoch und legte die breiten Tatzen ans die breiten Schultern seines Herrn; die rote, dampfende Zunge hing ihm lang zum Halse heraus. Das war ein Närrcn:„Fass', Nero, fass' l Kätzchen— kß, kß, kß!" Wild sprang das junge, noch tolpatschige Tier im Hof herum. Gackernd stoben die Hühner nach allen Seiten; die Sperlinge, die sich's am verstreuten Korn wohl sein ließen, flüchteten ans den höchsteil First, der Stnpp riß kläffend an der Kette nnd wollte auch mit vom Spiel sein, in« Stall entstand ein Brüllen nnd Muhen, ein Grunzen und Meckern. Die kleine Fränz kam ans den, Hause gelaufen, suchte mit Gekreisch den Nero am Stachelhalsband zu packen und tollte mit ihm um die Wette. Ein Rumoren war's, daß die toten Steine hätten lebendig werden können. Der ganze Hof>var erfüllt von Lärm und Leben imd praller Sonne. Breit stand Müllerhannes in seiner Thür nnd lachte sich eins. Da kam ein Chaischen vorgefahrcn. D'rin saß der Lau- selb, oben ans Manderscheid, der reichste Mann in der Runde. Ter hatte eine Hypothek hier auf der Mühle, schon seit Menschengedenken her; wären die Zinsen nicht zu zahlen gewesen, alljährlich auf Martini, so hätte Hannes die längst vergessen. Langsam stieg der Laufeld vom Wagen; er wartete, bis der Müller ihm entgenkam. Da konnte er lang warten. Müllerhannes zog erst einmal das buntgcwürfelte Tnch aus dem Sack und schneuzte sich umständlich— der da sollte nicht denken, daß es ihm pressierte. War der reich, so war er ja auch reich! Wer dann kam doch die gewohnte gast- freundliche Lebhaftigkeit über ihn; er litt nicht, das; der Laufeld nicht ausspannte. Kotzdonncr, das iväre doch eine Beleidigung, wenn der Gaul nicht an seiner Krippe fressen sollte, der Hafer war vorn besten. „Tina, Kaffee, Schnaps, frische Waffeln I" Einen „Momang" und alles würde parat sein. Er führte den Gast ins gute Zimmer, lvo Tina rasch den Linnenbezug vom Kanapee gerissen, über dem der junge Hannes als flotter Kavallerist abphotographicrt und hübsch bunt angetuscht, stolz auf einem sich bäumenden Schecken hing. Ueber dem Bild war auf zwei langen Nägeln am grünen Ledergurt die Jagdflinte befestigt, mit der der Hannes so manchem Rehbock den Garaus gemacht und als Loslediger") zur frohen Hillig und zu mancher Kirmeß und zu jedem Neu- jähr geschossen. Aus ihr hatte er auch den eignen Hillig wohl- gemnt den Bergen verkündet. l Fortsetzung folgt.)! (Nachdruck verboten.) Ein Almosen. Von E m i l N o s c n o lo. Der junge Pastor saß in der behaglich crlvärmtcn Stube seiner Psarrivohuung. Er saß in der Ecke des Ledersofas und blies bedächtig Dabakwolken aus seiner langen Pfeife. Tie war ihm lieber als Eigarren; eS war gemütlicher, und indem man gemächlich an der Spitze sog. konnte man seinen Gedanken nachhängen. Ilm die Füße hatte er eine Decke gewickelt, damit ihn auch nicht ein bißchen srörc, und die Schnnr des molligen Schlafrocks hatte er fest um den Leib gebunden. Auf dem Tische summte im Samolvar der Thee und der Pastor ließ sein Auge träumerisch auf dem blauen Flänunchcn des Spiritus weilen. Im Kachelofen knisterte das verglimmende Scheit- holz. Noch ein Vierteljtündchen, dann konnte er dem Mädchen klingeln, damit sie die kleine Eisenthüre zuschraubte und der Ofen so die Wärme für den ganzen Abend festhielt. In dem niedrigen Stäbchen lag das Ungewisse Halbdunkel deZ hereinbrechenden Abends. Man konnte kann, noch die Bilder an den Wänden erkenne», aber es war doch besser, die Hängelampe noch nicht anzünden zu lassen. In dieser Dämmerung fühlte sich der Pastor weit wohliger. Sic ging in sein Gemüt über und versetzte ihn in Stimmung; in richtige deutsche Märchenstimmung. Es steckte ein Stückchen Poet in ihm. Wenn er so in der Dämmerung träumte, *) Junggeselle. reimten sich seine Gedanken: verworrene, schwermütige Reime. In solcher Stimmung mußten wohl alle die schönen Kirchenlieder ein- standen sein.„Wer nur den lieben Gott läßt walten..„Ach bleib' mit Deiner Gnade..„Laß' mich gch'n, daß ich Jesum möge seh'n..." In der Dämmerung huschten allerlei Gestalten vor ihm hin: Märchengestalten, verwunschene Prinzen und verzauberte Königstöchter in rauschenden Scidengcwändcrn, mit weichen, süßen Gesichtchcn. Aus der duntlcn Ecke huschten Zlverggcstaltcn lamlos über die Dielen, eine dcmantcne Krone funkelte dort, ein Irrlicht oder das Diadem einer Sagenfcc. Der junge Pastor lächelte. In solcher Stimmung, wenn er sich ganz unbelauscht wußte, holte er gern miZ dem Büchcrschrein alte Märchenbücher hervor, um darin zu blättern. Niemand sah es ja und er war nun manchmal wie ein großes Kind! Andre hätten viel- leicht Zeitungen durchwühlt, aber er interessierte sich nicht für den wüsten Streit da draußen in der Welt. Er war sich selbst genug und hätte nichts dagegen gehabt, wenn man ihn sein ganzes Leben lang auf dieser einträglichen Pfarrei sitzen ließ, zwischen reichen Gutsbesitzern und Großbauern, die noch etwas auf Kirche und Pfarrer gaben. Durch Protctlion lvar er hierhin gekommen, und fürwahr. man hatte ihn gilt protegiert und er war zufrieden. Er hatte PauS- backen bekommen, ein Ilnkcrkinn, und sein wohlgcfüllter Bcmch bc- gann Fett anzusetzen. Nächsten Sommer Ivollre er Vorsicht- halber eine Kur machen. Auf den« Hofe schlug der Hund an. der gute, ivachsame Hund. Auch ein Gottesgeschopf. Der junge Pfarrherr blickte nach dem niedrigen Fenster. Seit gestern abend schneite es nicht mehr; eS war kälter geworden und die Schneedecke ivar hart wie i-tei». Ja, ja, ein bitterkalter Winter, in welchem man sich hinterm Ofen am ivohlsten fühlte.— Stimmen draußen. Das Mädchen öffnete ein wenig die Thüre. „Herr Pastor... ein Bettler. Ich Hab' ihm die Brotrefte gc- geben." „Es ist gut, Christine." Der junge Pastor huschelte sich wieder in seiner Sofaccke zurecht, befriedigt, daß man ihn nicht störe. Aber plötzlich— wie seltsam I— summte ihm eine Weise durchs Ohr, aus seiner Studentenzeit, eine Scheffclsche Weise: „Pfarrherr, du kühler, Öeffne das Thor, Fahrende Schüler Stehen davor." Er schlug mit dem Zeigefütger auf die Tischplatte, lvie er es immer bei plötzlichen Einfällen that. „Christine!... Hören Sie? Schicken Sie mir den Mamr doch 'mal rein." Und als das Mädchen ihn erstaunt ansah, machte er eine unwillige Bewegung.„Ra, vorwärts." „Jawohl, Herr Pastor." Ein paar Worte draußen, dann össneis das Mädchen die Thüre. Jemand scharrte auf der Schlvelle die Füße. Bescheidenes Klopfen.„'N Abend... Herr Pastor, entschuldigen Sic." „Bitte, bitte. Treten Sie'mal rein, mein Lieber." Eine hohe Atanncsgcstalt stand im Thürrahmcn und drehte ver- legen den Hut in der Hand. „Auf der Wanderschaft... lvie?" „Jawohl. Herr Pastor. Ich wollte zur Stadt, in die Herberge zur Heimat. Seit vier Stunden laufe ich schon durch die Kälte und da habe ich mir denn erlaubt..." „Schon gut, schon gut." Dem Pastor gefiel die Sprechweise des Fremden. Mit einer Handbewegung hieß er ihn die Thüre schlichen. Dann löschte er gemütlich daS SpirituSflämmchcn, ließ ans dem blitzenden, vernickelten Theekesscl die gelbe Flüssigkeit in die Tasse dampfen, griff mit den Fingerspitzen zwei Znckerstückchen... eins... zwei, und sah behaglich zu. ivie sie Bläschen warfen und sich auf dem Tassengrunde auflösten. Dann entkorkte er die Rumslaschc, ließ vor- sichtig ein paar Tröpfchen in die Tasse fallen und rührte mit dem silbernen Lösfclchcn um. „Da... bitte." „Sie sind sehr gütig, Herr Pastor." „Brot haben Sie doch von dem Mädchen bekommen, lvie?'' „Krusten... jawohl..Herr Pastor." „Hm, na... essen Sie sie draußen. Das Brot ist teuer in diesem Winter. Tic Bäuerin lstitte gern ein paar Pfennige d'rum ge- geben, für Biehfutter, ivissen Sie. Wer ich sagte, man sollte es den Bedürftigen aushebe». Na, trinken Sic nur." Ein paar aufgesprungenc rote Hände langten über den Tisch hinüber und grifsen klobig nach der Tasse. Der Fremde zog sich nach der Thüre zurück; dort schlürfte er in langsamen Zügen den Thee aus. Der junge Pastor stopfte sich eine ftische Pfeife imd als er das Zündholz anbrannte Ivarf er einen Seitenblick nach dem Manne. Ein alter Rock, dünne Sommcrhoscn... hm, der mochte schön frieren. „Sagen Sie'mal. hm... m... m. es sollen in diesem Winter viele auf der Landstraße liegen. Alle Tage sührt der Gendarm welche vorbei... Wie?" „Ja. es ist eine große Not. Herr Pastor. Man kriegt keine Ar- bcit in den Städten und da muß man denn wcgtippcln. Wer es ist nirgends besser." „Nun. mal: sollte doch meinen, lver arbeiten will, findet auch Beschäftigung. Hier sprechen immer Bettler vor, auch wenn noch so viel Arbeitskräfte gesucht lverden." „Hm... ja. Nun, jede Arbeit kann auch nicht jeder thun. Wozu man eben qualifiziert ist, das findet man oft nicht. Und dann... fclicn Sic. ist man einmal ans der Kleidung heraus, hat man keine Wäsche, zerrissene Schuhe und Kleider, da nimmt einen so leicht nie- niand mehr. Selbst am Vau mutz man da zurückstehen vor den andern." Der Pastor dachte, c? sc? die Einleitung zu einer Bitte um ab- gelegte Kleider, und er überlegte, datz schlictzlich eine Tasse Thce billiger sei. „Kommen Sic her. Erlvürmen Sie sich noch mit einer Tasse Thee." „In freundlich. Herr Pastor." Die roten Hände reckten die Tasse hin. Der Pastor lietz Thee hineinlaufen und warf diesmal mir ein Stückchen Zucker hinein. Ten Rum vcrgatz er. «So— o— o. Erwärmen Sic sich nur, mein Bester." „Ich danke, Herr Pastor." Der Pastor schnupperte, aber der Mann roch nicht im mindesten nach Schnaps. Das befriedigte ihn. Meistens waren es doch Gc- wohnheitssänfcr, die so durchreisten. Er zog sein Portemonnaie hervor und kramte mit den Fingerspitzen zwischen den Münzen. »Ich will Ihnen gerne ein kleines Almosen mit auf den Weg geben, mein Lieber." Er suchte... Thaler... Thaler... Mark- srücke... ein Fünfzigpfennigstück... da. richtig, da hatte er noch einen «ilroschen.„Hier... Ich gebe Ihnen diese» in der Voraussetzung, datz Sie sich nicht dafür betrinken." „O nein... ich danke Ihnen, Herr Pastor." Pause. Es war fast ganz dunkel geworden. Der Mond ging auf und warf den Schatten des Fensterkreuzes mit fahlem Schein auf den Boden. Der Pastor suchte iin Dunkel der Thüre mit seinen Blicken die Gestalt des Fremden. „Sagen Sie'mal... Sie klagen über ArbeitZniangel. Welches ist denn Ihr Beruf?" Der Mann stockte. Tann sagte er langsam:„Ich... nach meinem ursprünglichen Berufe bin ich Philologe." „Hm." Der Pastor machte ein vcrdrietzlichcs Gesicht und kehrte dem Manne halb den Rücken zu. Er hatte geglaubt, jener sei ein arbeitsloser Handwerker; diese Deklassierten mochte er nicht leiden. Diese Schauspieler, Schriftsteller. Lehrer und dergleichen gestrandete Leute, die beim Schnorren stets eine Masse Papiere, Diplome, Reverenzen aus der Tasche zogen, waren meistens Schwindler. Noble Bettelei, die für einen Thaler nicht Tanke sagte. Diebstahl, Unter- schlagung, Ilnsittlichkcit hatten sie aus dem Beruf hinausgeworfen. Ztnd dann hatte man das unangenehme Gefühl, datz diese Leute einem einmal gesellschaftlich gleich gestanden hatten. Der Manil machte eine Bewegung, die Tasse zu bringen. „Stellen Sie die Tasse nur dort auf den Stuhl." „Jawohl, Herr Pastor." Die Taste klapverte auf dem Stuhl. „Ich danke nochmals recht sehr, Herr Pastor." „Bitte, bitte. Guten Abend." Der Mann stand einen Augenblick unschlüssig.„Herr Pastor," sagte er leise,„ich bitte um Entschuldigung, aber Sie dürfen nicht glauben, datz ich ein Lump sei..." Der Pastor lächelte ironisch.„Gott bewahre," erwiderte er. „Man ist manchmal nicht das, was man scheint..." Der Pastor unterbrach ihn durch eine energische Handbewegung. „Also... ich habe Ihnen bereits ein llcincs Almosen gegeben, jeder weitere Versuch..." „Nein, das ist es nicht. Herr Pastor, aber... sehen Sie, Sic haben inir eben den Rücken zugewendet und das war mir wie ein Peitschenhieb. Es ist seit langem daS erste Mal, datz ich loieder eine bürgerliche Siube betreten durfte, und drum krault es mich so, wenn es hcitzt: marsch hinaus..." „Run, nun..." „GeWitz, Herr Pastor. Und sehen Sie, ich habe mir nichts zn Schulden kommen lasten. Ich bin blotz arm gewesen und deshalb kam ich zurück, während die andern vorwärts kamen. Und dann that ich einen Fehltritt und dann sank ich von Stufe zu Stufe und dann verlor man das Vertrauen zu mir, und nun bettele ich um eine Brotkruste vor den Thülen." Dem Pastor wurde die Sache unangenehm.„Wo haben Sie studiert?" fnig er, um doch etwas zu sagen. „In Leipzig." „Ach. Und wann?" „Vor zehn Jahren." Die Neugierde packte den Pastor, denn zur selben Zeit hatte auch er in Leipzig studiert. Er fand plötzlich, datz es zu dunkel sei. Er erhob sich und strich ein Zündholz an. Ritsch. Die Flamme blitzte ans. Er zog selbst die Hängelampe herab und zündete sie an. Darauf hob er ein wenig den Schirm, datz der Lichtschein auf den Fremden fiel. Aber kaum hatte er die Züge des verwilderte,: bärtigen Ant- itzcs gesehen, als er den Schirm erschreckt fallen liefe. Doch auch der Fremde hatte ihn erkannt. Ein Ausruf des Er- ftauncns. dann Stille.„Mir scheint," sagte er langsam,„wir waren einmal Univcrsitätsfrcundc". Der junge Pastor fühlte, wie ihn, die Röte in die Wangen stieg und er trat von der Lampe weg in das Dunkel des Zimmers zurück. Er dachte nicht an seine Studentenzeit, denn sie war kümmerlich genug gctvcscn. Nicht daran dachte er, wie er und dieser da zusammen in einer Dachstube frierend über ihren Büchern gehockt hatten. Er mutzte „ur immer denken, wie tief er in den Augen seiner reichen Pfarrlinder inkcn werde, wenn sie erführen, datz dieser Bettler in Lumpen einmal ein Kamerad gewesen sei. „Mein Bester," sagte er hart,«ich kann mich nicht mehr be- sinnen und überdies erscheint cö mir auch völlig gleichgültig. Ich gab Ihnen ein Almosen, nun gehen Sic mit Gott und hüten Sie sich vor dem Gendarm. Sie sind sehr streng in unsrer Gegend." Ein Seufzer, ein Fützescharre», die Thür öffnete sich und fiel leise wieder ins Schlotz. Ter Pastor aber trat hastig ans Fenster und beobachtete wie der Fremde, den Rockkragen emporgcschlagen, den Hut in die Ttirne gedrückt, die Hände in den Taschen und den Rücken vor der Kälte gekrümmt, in die abendliche Dunkelheit hinausschritt. Der Pastor ging ärgerlich im Zimmer umher. Ein so bchag- licher Abend war es gewesen und nun toar ihm seine ganze Stimmung verdorben. Nie wieder wollte er einen von der Landsträtze rufen, nie wieder!— Kleines f einlleton* nr. Ei» kirchliches Stilllebcu des 1k. Jahrhunderts. Nach ultramontaner Anschammg ist das Gift des revolutionären Geistes. der Auflehnmig gegen gottgewollte Autoritäten erst durch Ketzer und lingkäubige der Christenheit eingeimpft worden. Ehe die' allein- seligmachende Kirche in ihrer Herrschaft über die Geister beeinträchtigt wurde, lvar die Gesellschaft von, Geist christlicher Liebe dnrchdrimgen. Die Geschichte des Mittelalters demgemäß znrechtznschneiden, ist keine Kleinigkeit. Es gehört schon ein besonders geschultes Auge dazu, um ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen Stände unter der ausgleichenden Gerechtigkeit der Kirche zu entdecken, wo der gewöhn- liche Sterbliche mir einen beständigen Klassenkampf zu sehen vermag, der mit den schärfsten Mitteln geführt ward. Nicht einmal das geheiligte Innere von Kirchen war vor dem wüstesten Widercinandcrtobcn feindlicher Interessen sicher. Selbst St. Peter zu Rom hat in dieser Hinsicht gar manches erlebt. Einen interesianten Fall, wo das gewohnte Stilllcben eines deutsche,, Gotteshauses von den eignen, geweihten Dienern der Kirche durch Mord und Todschlag belebt ward, weist jene romantische Zeit im sechsten Decennmm des 11. Jahrhunderts ans, als die vornehmsten Bischöfe des Reiches, voran der heilige Anno von Köln, für den unmündigen König Heinrich IV. die vorinundschaftliche Regierung führten: in Goslar trug sich die Sache zu. Em kleines Vorspiel ward schon zu Weihnachten 10r>2 gegeben, als in Goslar eine Provinzialsynode stattfand. Da gerieten beim Zurechtsetzen der Stühle die Kämmerer des Bischofs Hczilo von Hildeshciin und die des Abtes Widcrad von Fulda über die Frage einander in die Haare, ivelchcr von beiden Prälaten den Ehrenplatz zunächst dem Mainzer Erzbischof cinnchincn solle. Es war das nicht blotz ein bedeutungsloses Gezänk untergeordneter Personen. Sonden, zn Grunde lag ein Rangstreit und Interessengegensatz zwischen dem mächtigen Bischof und dem Abt, dessen Kloster m der Hildesheimer Diözese lag, aber eine ganz unabhängige Stellung einnahm. So blieb es nicht beim Schinipfen, es kam zur Prügelei, und der Streit würde bald mit schärferen Waffen ausgcfochtcn worden sein, wenn nicht der Herzog Otto von Bayern zu Gunsten Widerads von Fulda eingesprungen wäre, der in der Stuhl- frage daS historiiche Recht für sich hatte. Aber der gewaltsame AuStrag der Feindschaft zwischen den beiden christliche» Brüdern war damit nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Anstatt in sich zu gehen und über den Grundsatz nachzusinnen, datz die ersten die letzten sein werden, erschienen beide Pfingsten 1l)ö3 in Goslar, wo der König dies Jahr die AnSgietzung des heiligen Geistes feierte, mit dein festen Entschlntz, ihren Willen durchzusetzen, koste es was wolle. Den Anfang machte wieder der Zank zwischen den beider- seitigcn Kämmerern. Bischof Hczilo von Hildcsheim aber hatte hinter dein Altar eine Anzahl kampfbereiter Ritter unter dem Grafen Ekbert verborgen. Die brachen nun hervor und verjagten die Fuldaischen gewaltsam. Die Ausgetriebenen schlugen als- bald Lärm, und nun bot Abt Widerad seine Mamien auf. Eine wohlgcrüstete Schar drang in die Kirche und hob mit den Hildcsheimcrn ein frisch- fröhliches Raufen an, nicht mehr mit Knüppeln, sondern mit der blanken Waffe. Vergeblich verlangte der König mit lauter Stimme unter Bcrnfnng auf die Heiligkeit des Ortes und den Königsfticdci, Ruhe und Ordnung. Er predigte tauben Ohren. Anstatt ans den dreizehnjährigen Knaben hörten die Hildesheimer Mannen ans ihren Bischof, der mit dröhnender Stimme die Scinigen zu tapferem Fechten aufforderte: die Vcrantivortung für die Tcmpelschändung nahm er auf sich. Ströme von Blut floffcn durch die Kirche, auf den Altären wurden Schlachtopfcr gewürgt. Schlietzlich gewannen die zahlreicheren und besser gerüsteten Hildcsheuncr über die unvorbereiteten Fuldaer die Oberhaid, vertrieben sie aus der Kirche und verrauunelten die Thüre, Die durch neuen Zuzug verstärkten Kämpen Widerads aber belagerten das Gotteshaus, bis die Nacht dem Gefecht ein Ende machte. Andren TageS ward königliches Gericht über beide Parteien gehalten. Bischof Hczilo ging ganz straffrei aus, weil sein Haupt- kämpfcr, Graf Ekbert. ein Vetter des Königs lvar. Der Abt, der doch blotz in der Defensive gehandelt hatte, ward zum Karnickel ge- macht: er sollte alles angestiftet haben. Seine Leute wurden vom Bischof, der im Gebrauch der geistlichen Waffen ebenso erfahren war, wie in dem der weltlichen, exkomnmniciert. Widerad selber wäre seiner Würde entsetzt worden, wenn er nicht dazu übergegangen wäre, durch reichliche Geschenke seine Richter und Widersacher zu bestechen und zu besänftigen. Für große. Sun, inen kaufte er sich und die Ssiingen beim Könige, dessen Vertrauten und dem Bischof(öS. Da-Z nötige Geld gewann er durch massenhafte Verschleuderung des Klostervermögens an Gnind und Boden, das bis dahin den Besitz aller andren deutschen Klöster übcrtroffen hatte, nun aber arg reducicrt wurde. Infolgedessen hatte daS erbauliche Schauspiel von GoSlar noch ein ebenbürtiges Nachspiel. Die Mönche von Fulda waren schon lange über Abt Widerad mißvergnügt wegen seines sirengen und eigennützigen Regiments: er verlieh Kloftcrgüter massenhaft iiach Willkür an Lehnsleute und verringerte gleichzeitig die Kost seiner Mönche. Die licucste Minderung von Eigentum und Ansehen dcS Klosters ließ ihre Unzufriedenheit zu unverhohlener Aenßcrung lau: werden und den Gedanken an Aufstand lvider ihn keimen. Der Abt goß noch Oel iiiS Feuer, indem er ein wertvolles Roß, das der im Gefecht von Goslar umgekommene Fnldasche Bannerträger Rcginboto dem 5llosicr zum Gedächtnis feiner Seele vermacht hatte, ohne Befragung der Mönche einem Laien übergab. Sie forderteii es. wie man bei einem zeitgeiiöfsischen Geschichtsschreiber liest, ,imt erhitzten Gemütern und. dem unbändigsten Geschrei zurück: sie hätteil lange, nicht seine Herrschaft, sondern viebnehr seine Tyrannei mit knechtischer Unterwürfigkeit ertragen, würden sie aber nicht weiter dulden. Er solle schnell die ihnen mit Gewalt entrissenen Wohlthaten fremder Freigebigkeit wieder herausgeben. Zögere er, so würden sie die Sache nicht mehr mit heimlichen und leisen Klagen betreiben, sondern öffentlich zu den Richterstühlen gehen und göttliche und menschliche Hilfe lvider seine Gewaltthätigleiten anrufen." Angesichts dieser bündigen Aufkündigung deS gelobten Gehorsams versprach Widerad den Möncheil goldene Berge,' mn eine neue Blamage abzuwenden. Aber sie beruhigten sich mir vorübergehend, zumal sie sich sagen mußten, daß die dem 5ilofter noch verbliebenen Güter zur Erfüllung von WideradS Versprechungen nicht reichten. Als der Abt von neuem an den königlichen Hof beschieden ivurde, brach die Empörung loS:'die jüngeren Mönche verließen in feierlichem AuSzuge da?.Kloster, um vom König die Bestrafung des verhaßten AbteS zu heischen. Gegen die Rebellion seiner Unter- gcbenen fand Widerad beim König oder vielmehr seinen derzeitigen Hauptberatern, Anno von Köln und Otto von Bayern, willigen Bei- stand. Die Empörer wurden in seine Hand gegeben, und er hielt strenges Gericht: etliche wurden geschoren und geprügelt auS dem Kloster ausgestoßen, andre mit Ruten gestrichen. Er hatte gerade so gut zweierlei Maß. wie die Leute am königlichen Hof:„man legte ihnen", sagt der mönchische Chronist,„nicht nach dem Maß ihrer Schuld, sondern nach dem Glanz oder der Dunkelheit ihrer Abkunft bald eine gelindere, bald eine härtere Strafe auf."— Volkskunde. — Der Drcikönigstag bei den„Schwaben" in U n g a r». Man schreibt der„Frankfurter Zeitung" ans Ungarn: „Da geh'n die drei König' mit ihrem Stern, Sie fressen und saufen und zahl'» nit gern." Diesen SpottvcrS lfrei nach Goethe) singen die Jungen in manchen deutschen Dörfern des westlichen Ungarn am Dreikönigs- tage, wenn gegen Abend die„heiligen drei Könige" mit ihrem Ge- folge von Haus zu HauS ziehen, um die fast Zweitausend Jahre alte Legende vom„bösen HerodeS" dramatisch darzustellen. Bor allem machen sie ihrem Publikum Mitteilung über Woher und Wohin, etwa in der Weise: „Wir kommen her in vieler Gefahr; Wir suchen'-? Kindel mit großer Ehr. König Melchcr kimmt auS'm Araberland, Der E a f p c r iiinmt auS'm Morgenland,- Der Balzer kimmt aus Oesterreich, So fan mir da alle drei zugleich. Wie mir kömm'n die Straß' hinab, HerodeS in fein'in Fenster lag." HerodeS:„Grüß Gott, Ihr Herrn! Wo soll's hin?" Könige:„Nach Bethlehem steht unser Sinn!" Nach Bethlehem, in das HauS, wo daS EhrifinSkindleiii in der Krippe lag: dort„fielen sie nieder und beteten cS au. öffneten ihre Schätze und reichten ihm ihre Geschenke: Gold, Weibrauch und Myrrhen!" Run. solche Kostbarkeiten haben sie nicht, die ungarisch- „ schwäbischen" Melcher, Easpcr und Balzer; nur mit einfachen, iiiidlich-naivcn Liedern und Singspielen können sie alljährlich am 0. Januar das Epiphanienfeft feiern. In reicheren Dörfern find es zumeist sieben Personen, die sich an dem Umzug beteiligen: drei stellen die Könige dar, einer deu HerodeS, einer den Joseph; der sechste ist der Söldner, der auf Geheiß des grausamen HerodeS die Knäbleiu„zwei bis zweidreiviertel Jahr" umbringen will; dann ist noch die Maria zu erwähnen, die aber ebenfalls ein Junge„giebt". Die Könige haben auf dem Haupte eine.Krone aus Goldpapier, ähnlich einer Bischofsmütze, spitz zulaufend;„MelcherS" ist noch durch einen gleißenden Stern aus der Krone kenntlich. HerodeS wägt ein Schwert im Gürtel. Wenn die Vorstellung beginnen soll, posttcren sich die Sänger in ganz bestimmter Reihenfolge: vorn stehen Joseph und Maria, hinter ihnen die drei Könige, noch lvcitcr hinten der Söldner. HerodeS steht seitwärts, stampft mit den Füßen und ver- dreht die Augen— er bemüht sich, den KindeSmörder Wiitherich möglich realistisch zu spielen. Wenn die Sänger ihre Sache ab- geleiert haben, so tritt einer der Hauptdarsteller zun: Hausherrn und Berautwoiltilyer Redatteuc: Carl Leid in Bettln. Druck und Verlag: nimmt dankend in Empfang, was der Bauer ihm eben giebt: Nüsse, Aepfel und ein paar Kupferkrcuzcr— große Ansprüche erheben diese Könige nicht,— Technisches. — Motoren betrieb auf L o k a l- C i s e n b a h n e n. Wir lesen in der Wiener„Zeit": Am Sonntag wurde auf der Lokalstrecke St. Pölten—.Kirchberg an der Piclach der Versuch unternommen. diese Strecke mit einem Motorwagen zu befahren. Der Versuch ist vollkommen gelungen und Hai gleichzeitig die Erkenntnis gebrächt, daß dieses Verkehrsmittel dazu bestimmt erscheint, für die nächste Zeit daS Lokal- Eisenbahnwesen überall dort zu be- herrschen, wo nicht die elektrische Kraft aus billiger Quelle zu Gebote steht. Der Motorwagen durchlief die Strecke von 32 Kilometern, die ziemliche Steigungen besitzt, in einer Stunde zehn Minuten, zurück in einer Stunde vier Minuten ohne irgendwelchen Anstand. Für die Fahrzeit bei Anhalten in allen Stationen ist eine Stunde fünfundzwanzig Minuten in Aussicht genommen— noch immer um zlvmizig Minuten weniger äls für den rcgel- müßigen Bahnzug, lvaS sich auf die Zeitersparnis durch Weg- fallen der Verschiebungsarveiten in den Stationen zurückführt. Der Wagen wird aütomobilisch' durch Dampf bewegt. Als Motor stmgicrt' eine kleine Tampstnafchinc, bei der der Kessel durch ein finmcicheS Röhrenshstem ersetzt ist. Der Motorlvagcn ist auch im stände, einen Beiwagen mit sich zu ziehen. Mit dem verhältnismäßig geringsten Bruttogewicht wird hierdurch der Verkehr einer kleinen Linie bedient, während der gewöhnliche Lokomotiven;ug Gc- tvichtSnmsien mit sich schleppt, die mit der Zahl der beförderten Personen außer Berhälknis stehen. Zur Bedienung des Motorwagen- zuges reichen zwei Personen, cm Maschinenfiihrcr und ein Kondukteur, aus.— Humoristisches. — Frau K n ö d c l m a i e r bei den ägyptischen M u m i e n.„Die alten Acgypter, dcS muß a s ch e e n e r M e n s ch e u- schlag g'wesen sein!... Wie groß bei denen schon die Wickel« k i n d e r waren!"— — Beschleunigter Fall. A.:„Wie hast Du eigentlich die Bekanntschaft dieser Dame gemacht?" B.:„Ja, da? war ein merkwürdiger Zufall. Als ich diesen Sommer in den Alpen einmal abstürzte, kugelte sie zufällig hinter mir her;»mtcrlvcgs lernten wir»mS kennen, lieben und unten in der Felsspalte haben wir uns gleich verlobt!"— — Ausweg. Redakt ionSdiener:„Herr Chefredakteur, im Borzimmer lvarten zwei Herren; der eine ist ein Dictstcr, der andre scheint absolut taub zu sein!" Chefredakteur:„Sagen Sie zu dem Dichter, der Taube sei der Chefredakteur, dann ist alles erledigt!"— („Lustige Blätter.") Notizen. — Otto Julius Bierbaum hat ein vierakiigeS Prosa- Schauspiel„Stella n ii d Antonie" vollendet. Das Stück spielt in Schlesien anfangs des 18. Jahrhunderts.— —„.Heimkehr", ein fünfattigeS Bühnenipiel von Hans V o l k m ar, geht als nächste Novität im Berliner Theater in Scene— — Gerhart Hanptman n s„ A rmer Heinrich" ivurde im Petersburger Neuen Theater mit Erfolg gegeben.— — Bon Strauß' Oper„ F e n e r s n o t" bestehen, wie man jetzt erfährt, z w e i Ausgaben: die ursprüngliche imd die andre. „gerciingte", für den Gebrauch der Hoftheater. An der Berliner Hof- oper gelangte die„gereinigte" Ausgabe zur Verwendung. Trotzdem stolperte Graf Hochberg darüber.— — LortzingS„Waffenschmied" geht am 11. Januar als erste der vollst ü m l i ch e n O p e r n v o r st e l l u n g e n im Bunten Theater in Scene. Die Aufführung beginnt nach- mittags tjA Uhr. Die Preise der Plätze sind: Logen im Parkett oder 1. Rang— 1,00 M., Parkett oder 1. Rang— 1,35 M., 2. Rang== 0,00 M.— — Ein dreitägiges schwäbisches M n s i k f e st wird Mitte Mai in Stuttgart veranstaltet werden.— — Wilhelm T r n b n e r und Louis T u a i l l o n wurden neu in den Vorstand der Berliner S e c e s s i o n gewählt.— — Zur Errichtung eine? städtischen Auskunsts- b u r e a u s für fremde Gelehrte sind vom Pariser Ge- meinderat 3000 Fr. bewilligt worden. Das Bureau soll m der Korboiuio oder in der Facnlte de rnödicine untergebracht werden. von dort aus mit den auswärtigen wissenschaftlichen Körperschaften briefliche Verbindungen anknüpfen und den fremden Gelehrten, die besonders zahlreich in den Ferien nach Paris kommen. mit Aus- kniiften zur Seite stehen und ihnen ihre Arbeiten und Swdien nach jeder Richtung hin erleichtern.— — In Straß bürg i. E. wurden im verflossenen Jahre 10001 Volkski ii der, im Alter von 0 bis 11 Jahren, auf ihre Zähne hin untersucht. Von diesen hatten nur 105 ein ge- s u n d e s Gebiß.—___ vorwärts Bnchdi nckerci uns Bettagsanstalt PaiN Singer& Eo., Berlin SW.