Zwttthalwngsblatt des Horwärts Nr. 7. Sonntag, den 11. Januar. 1903 (Nachdruck verboten.) � Der JMüllerbannes» Roman ans der Eifel von Clara Viebig. Er ließ die Pferde gehen, wie sie wollten: so knapp bogen sie am Rand des Kehren um, daß oft ein Rad iiber'in Absturz hing. Aber es war nicht sorgloser Leichtsinn mehr, der den Herrn also unachtsam machte; eine zornige Bitterkeit war in ihm aufgcivallt, lind das zu.Kopf steigende Blut hatte sein Auge getrübt. Er nagte an der Unterlippe. Wenn er jetzt die Tina bei sich hätte, wahrhaftig, er könnte ihr einen Schlag geben, mitten hinein in das blasse, wehleidige Gesicht, das ihm nicht mehr gefiel. Unwirsch sah er hinter sich: aber da saß nur sein Hund, der Nero, breit auf dem Kntschsitz und bläkte die Znngo heraus. Nun hatten die Pferde die Höhe gewonnen— da war schon das Waschhans, das, wie auf Vorposten hinausgeschoben, die Nähe des Dorfes kündet. An der Suelle, die durch die Mauer geleitet, drinnen in die steinernen Tröge plätschert, stand ein Mädchen und spülte Leinzeug. Sie war jung und drall und rief lachend:„Gut Heil!" Da machte der Müller:„Brr!" Die Pferde standen. War wo ein Strählchcn Sonne hinter den Wolken, hier oben am Waschhaus traf das: hier sangen den ganzen Soinmer die Grillen im Gemäuer, und waren die im Winter gestorben, so sangen noch die jungen Mädchen von Manderscheid, und ein Summen und Surren tönte weithin von emsig sich rührenden Zungen. Heut' war fue eine allein hier, aber die galt für zehn, Hannes glaubte lang nicht eine so hübsche gesehen zu haben. Es zog ihn vom Wagen. Sie spritzte ihn zwar mit Wasser und schwenkte ein nasses Handtuch zur Abwehr vor sich her— aber es war ja der Müllerhannes, dem schlug man ein Küßchen nicht ab. Die Pferde scharrten schon ungeduldig, und der Hund bellte dumpf, da stieg ihr Herr wieder auf: noch ein Nicken, ein schäkernder Gruß, ein Lachen, das das Echo am Mosenkopf herausforderte, und Müllerhannes raste dem Dorfe zu. Nun war er wieder wohlgemut. Ihn dünkte schier, die Kleine am Waschhaus hatte die Sonne hervorgehext. Nichtig, da guckte die bleiche Novembersonne auch schon aus den Nebeln! Jetzt zur Mittagzeit da hatte sie noch Kraft und brannte ihm förmlich auf dem breiten Rücken. Ein Behagen sondergleichen durch- rieselte ihn: ah, nun wars plaisierlich! Ans dem ersten Häuschen des Torfes rief ihn einer an. Es war der' Bäcker Driesch: dürftig nur war sein Lädcheu, dem Mann standen die Sorgen auf der Stirn. Schon lange war er schuldig fürs Mehlmahlen und für manchen Scheffel Korn, den er noch dazu beim reiche» Müller entlehnt. An die zwanzig Äialer war die Rechnung: nun konnte er heut' endlich zahlen, tvenn's dem Hannes genehm war, das Gold selber mitzunehmen. Der sprang vom Wagen und lies; sichs in blanken Thalern auf die Theke zahlen, fast reute es ihn, es einzustecken, denn dem Driesch schien das Geld an den Tingern zu kleben, und die Tran mit dein verarbeiteten Gesicht, die durch die Thürsvalte zusah, folgte jedem Thalerstück mit einem langen Blick. Wie konnte man nur so an den paar Thalern hängen! Pfeifend schwang sich Müllerhannes wieder ans seinen Wagen und hielt bald danach vor des Laufelds Hans. Jacob Lanfeld wohnte der Kirche grad' gegenüber. Sein Haus war stattlich und fein zartgrün gestrichen. Stallung und Remise gehörten dazu, und auf dem Hof breitete sich ein statt- licher Misthaufen. Auf der Bank vor der Thür saß ein halbwüchsiger Knabe, der Nero sprang von; Kutschsitz und fuhr ihm an die Hosen. Aber da bekam er einen Tritt mit dem nägelbeschlagenen Absatz gegen die Schnauze, daß er sich winselnd unter dem Wagen ver- kroch: diesmal hatte er sich geirrt, das war kein armseliger Handwerksbursche oder ein elendes Bäuerlein, das war des Laufeld Josef. Die Hände in den Hosentaschen stand der Joscfche und starrte den Müller an. »Js Dein Vadder zu Haus?" „Geht selber gucken!" Ter Junge rührte sich nicht. Es blieb Hannes nichts übrig, als selber die Zügel der Pferde um den Haken in der Mauer zu schlingen und schweren Tritts in den Flur zu stampfen. Niemand kam ihm entgegen. � Ter Laufeld saß in der großen Stube zu ebener Erde am Cylinderbnreau über dem die große Lithographie des Abgeord- neten Windhorst hing, und hatte durchs Fenster alles draußen gesehen. Was, der kam zweispännig, der wollte sich wohl gar vermessender sei reicher, wie er?! Oho, wenn die Leute auch sprachen:„Der reiche Müller— der reiche Lanfeld"— der einzig reiche in Wahrheit war doch nur er! Mochte der Hannes nur immer draußen ein wenig warten. Mit leisen Schritten ging er dann rasch durch die Stube und machte die Thür zum Nebenzimmer breit auf, damit der Besucher die roten Plüschmöbel sehen könnte, die goldgerahmten Oeldrncke an den Wänden und das breite Tafelklavier, das Prachtstück der Einrichtung, die im Dämmerlicht der immer ge- schlossenen Läden wie neu erschien. Es pochte. „Angtree!" Mülierhannes trat ein. „Boschnr," sagte er unbefangen: er hatte den schlechten Empfang wohl übel vermerkt, aber er war zu stolz, um das zu zeigen.„Boschnr, Laufeld!" Jacob Laufeld that sehr überrascht. „Ihr seid et Hannes— ne, ich sagen doch, eso cn lieber- raschung! Ich bau neist gehört. Placiert Euch! Wo stehen dann die Knecht? Michel, Kobes, Steffen"— er machte die Thür zum Flur auf, und nun schrie er auch nach den Mädchen: „Bäbbche, Kettche, Adelheid! Spannt dem Müller die Pferd' aus! Bringt des Bernkastler, un zwei Gläser!" „Laßt nur dat Ausspannen," sagte Hannes hochfahrend; er hatte sich nicht gesetzt, aber während der andre ihm den Rücken kehrte, einen Blick in die gute Stube nebenan geworfen. Hei, war die nobel, viel nobler, als seine zu Haus! Und ein Klavierche», Kotzdonner, wahrhaftig, ein Klavierchen! Schwer riß er den Blick davon los. Aus der rechten Hosentasche zog er einen Beutel mit Geld, aus der linken auch einen. Mit einem Plumps ließ er sie auf die Platte des Cylinderbnreaus fallen.„Hei, zählt nur, et stimmt. Un dann, hei"— aus der Vrusttasche brachte er nebst einem Bündel verknullter Kassenscheine die ihm von der Bank vorgeschriebene Quittung zum Vorschein,—„hei, unterschreibt dat, und dann sein wir fertig!" „Hm," machte der Lanfeld: und dann fing er an, nach- zuzählen.„Zwanzig, vierzig, seckzig, achtzig, hundert," bis die fünftausend voll waren. Dabei ärgerte er sich: wahrhaftig, der Hannes machte ein Gesicht, als seien die Fünftausend ein Gassendreck. War der wirklich reicher, als man dachte?. Das hätte er gern gewußt. jEr schlug auf den Strauch. „No, Muhlerhannes, Ihr seid ja gut gcthecrt." „Gut getcheert. noch besser geschmeert!" sprach der. „Ihr habt wohl dat große Los gezogen, dat Euch die Gold- stückelcher eso abgchn. wie andern Lent die Würm?" „Kann sein!" Der Müllerhannes lachte: nn wußte cr's, der Lanfeld ärgert sich, hatte wohl gar gedacht� er solle kommen und barmen und karmsen")„En Zehr-, cn Ehr-, en Not-, cn Wehrpseunig muß man immer im Haus hau," sagte er höchst ehrenwert und klapperte mit den Thalern, die er beim Drisch eingenommen, in der Hosentasche, während der Laufeld sein Geld packte und sorgfältig ins Cylinderbnreau verschloß. Die unterschriebene Quittung steckte nun Hannes gelassen ein und griff nach seinem Hut. Eben kam ein Mädchen herein, die Flasche Bernkastler trug sie unterm Arm und ein Tablett mit zwei Gläscrm vor sich her. Hinter ihr kam der Junge,.der vorhin draußen auf der Bank gesessen. „Meine Josef," sagte der Larifeld, gleichsam vorstellend. Es gab Hannes einen Stich durchs Herz— was hatte der Laufeld für einen hübschen, strammen, kecken Jung', und er— er hatte keinen! Alles Blut schoß ihm zu Kopf. Er starrte den Knaben an, rmd dieser starrte lviedcr mit dem dreisten Blick des verwöhnten Jüngsten. Die älteste von den Schwestern des Josefche war verheiratet- die andern Nönnchen im Kloster, der Junge wußte's wohl, ihm allein fiel einmal hier das An- wesen zu, •). Betteln und kläglich thmu Traunen fing jetzt das Glöckchcn der Kirche an zu läuten. Jacob Lauseld schlug rasch ein Kreuz und sah dann etwas verlegen um sich: sollte er wegen dem da die Mittagsandacht versäumen, noch dazu am Tag des mildthätigen Heiligen, des Bischof Martinus? Hannes bemerkte seine Unruhe. „Ich gehe schon," sagte er. Und dann mit gutmütigem Spott:„Lauft nur, Laufeld, dat Ihr nct zn spät kommt. Ich denken, dat sein net alleweil die Frömmsten, die in der Kirch' dat größte Kreuz schlagen." Ten? Laufeld wurde heiß, gern Ware er dem frechen Lästerer über's Maul gefahren; aber er bezwang sich: Groß' Maul und Uebermut thun selten gut-— der würde schon die Heimzahlung kriegen. Tie Flasche Bernkastler blieb nngctrunken. Auf der Gasse fing jetzt plötzlich der Nero an zu rumoren, sein wütendes Gebell mischte sich ins Gebimmel des Glöckchens und ins Gejauchz' des Josef. Der Vube, der sich schnell wieder hinausgeschlicheu, war auf einen hohen Stoß Klastcrholz ge- stiegen und schoß von hier den fremden Hund mit Erbsen aus seinem Pustrohr. Als Hannes jetzt aus der Thür trat, sah cr's und mußte kaut lachen:„Ei, was schoß der Jung' so gut, und wie dumm war der Nero,'s waren ja keine Schrote, nur Erbsen, die auf seinem dicken Fell abprallten!" Aber jetzt, halt, das war ein Wehgeheul? Dicht am Auge war die Erbse angeprallt; wie von einem Schuß getroffen. wälzte sich das große Tier winselnd iin Staub. Iosefche stieß ein Siegesgeschrei aus, aber Hannes sprang mit einem Fluch zu: das konnte dem Hund das Auge kosten! „Tn Flappes, Tu Biwak!" schimpfte er und drohte dein Knaben.„Mach! Ich verwamsen Dir den Buckel!" Der Junge lachte und schnitt eine Grimasse: sein hübsches Gesicht, Auge, Wangen, Mund, Nase, alles schrumpfte zusammen, wie bei einem Kautschuckmännchen, und nun streckte er die Zunge heraus. Er fühlte sich aus dem Holzstoß sicher. Aber der große Mann langte hinauf und packte ihn bei den Beinen. Ehe das Josefchen sich'S versah, war es hinunter- gezogen, stand auf der Gasse, und die breite Hand des Müllers fiel ihm schwer auf die Kehrseite. In diesem Augenblick trat Jacob Laufeld aus der Thür: er wurde blaß und rot bei dem. was er sah. „Vadder," schrie der Junge durchdringend. Aber Hannes ließ sich nicht beirren, wieder und wieder fiel seine schwere Hand nieder.„Ercusärt," sagte er ent- schuldigend,„der Jung' hat minen Hund geschossen, eweil muß hän seilt Prügel daför kriegen." „Dat ist meine Sach'," rief der Lauseld gereizt. „Padder, Vadder," kreischte der Junge dazwischen und schrie viel inchr, als die Prügel wehthaten. „Laßt deit Jüiig' los!" (Fortsetzung folgt.)! Sonntagsplauclerei. Der seelische Aufruhr über die ruchlose Stvinschäubung hatte ein wahres Fieber ästhetischer Humanität erzeugt. Selbst Offiziere, die gern sich darüber unterhielten, Ivo das geeignetste Schlachtfeld gegen den inneren Feind iväre, verfielen in Seclenkräinpfe, zobald sie an die Mistethat dachten, daß inan von iknnstwerken mit frevler Hand Stücke abgeschlagen hatte. In der Presse erörterten Juristen Gesetzes- Vorschläge gegen das Landalcntum. Herr Oerrel verlangte i» der„Deutschen Tagcszeitnng", das; man den Misscthätern einsprechende Glieder abhackte— mit der Hnmaniiätsduselci müßte endlich ein- mal ein Ende gemacht werden.; übrigens sei das Verbrechen nur eine notwendige Folge des ungenügenden Zollschutzes der Landwirt- schaft, was das Land entvölkere, die Massen in die Großstädte treibe und dort jene Verrohimg erzeugen, von der man draußen Gottlob nichts Wiste. Zu den Thätern leitete lange keine Spur. Da sandte eines Tags ein angesehener Künstler eine Denunziation an die Staaiöamoalt- schast, die eine so genaue Personalbeschreibung enthielt, daß der Frevler binnen einer Stunde dingfest gemacht iverdcn konnte. In der Untersuchungshast benahm sich der Mensch so wunderlich, daß man fast an seiner Zurcchnungssähigkcit zweifelte. Er berief sich auf seine heilige Amtspflicht und drohte mit schwersten Strafen, wenn man sich an ihm vergreifen würde. Im übrigen war er geständig und rühmte sich seiner That. Es kam zur Gerichtsverhandlung. Der Vorsitzen de war selbst außerordentlich erregt und Halle einen feuerroten Kopf. Er herrschte den in Ketten herbeigeführten Menschen an: Angeklagter, Sie süid einer Thai beschuldigt, so nieder- trächtig und gemein, daß ein Aiiischrei des Entsetzens durch die ganze civilisierte Welt ging. Mit roher Hand haben Sie edle Kunstiverke angetastet, die zarten Gebilde genialer Schöpferkraft verstümmelt, Sic haben die Dehrlosigkeit der mir durch sich selbst geschützten, selbst Barbaren heiligen Werke benutzt, um ganze Stücke von ihnen ab- zuschlagen. Risse und Furchen hinein zu hämmern, die feinsten Linien grausam zu zerstören und edlen Zicrrat zu plündern. Bekennen Sie sich schuldig? Der Angeklagte erhob stolz sein Haupt und erklärte: Nein. Nein? schnob der V o r s i tz e n d e, Sie haben doch aber im Vorverfahren gestanden, daß Sie es gethan haben? Der Angeklagte: Gethan Hab' ich'S allerdings, aber schuldig bin ich nicht. Es ist vielmehr meine Pflicht... Der Vorsitzende: Schon gut. Fangen Sic nicht wieder mit dein alten Geschwätz an. Eine schöne Pflicht, Kunsllverke zu demolieren! Können Sie sich wenigstens auf Mildenuigsgrüude berufen. waren Sie sinnlos bellamkcn? Der Angeklagte(empörü: Herr Präsident, keine Velcidi- gungen. Wenn ich meinem Berufe nachgehe, bin ich stets nüchtern. Sie zeihe» mich einer Pflichtvergesscnhcir, die ich nicht ans mir sitzen lassen kann... Der Vorsitzende: Schon gut. schon gut. Wir werden nach- her in die Frage eintreten, ob sich die Hinzuziehung eines Sach- verständigen empfiehlt. Der Angeklagte(erregt): Wollen Sie etwa damit die Be- hauptung der Hetzprcsse nachsprechen, daß ich kein Sachverständiger sei, daß ich von meinem Geschäft nichts verstehe? Der Bor sitzende: Ich meine natürlich medizinische Sachverständige. Auf dem Gebiete des Vandalisrnus sind Sie aller- dings sachverständig. Das hat man gesehen. Der Angeklagte(überreicht dein Gerichtshof seine Visiten- karte): Ich bin nicht gesonnen, mir weiterhin derlei Ehrvcrletzungcn gefallen zu lassen. Ich bin L. d. R. Mit der Medizin hat die Frage überhaupt nichts zu thun. sondern vielmehr ausschließlich mit der öffentlichen Sittlichkeit, zn deren Hüter ich... Der Vorsitzende(abwehrend): Beruhigen Sie sich nur! Der Verteidiger(verlegen): Vielleicht war der Angeklagte in China. Der An ge klagte: Ich verstehe die Frage nicht. Ich war nie in China. Der Verteidiger: Vielleicht hat der Angeklagte aber Bilder gesehen, wie dort malle Kunstwerke erbarmungslos zertrümmert wurden, und da hat seine Phantasie... Der Vorsitzende(miterbrechend): Das gehört nicht hierher. Der A n g e k l a g t e(wütend zum Verteidiger): Ich entziehe Ihnen hiermit mein Mandat. Ich brauche solche Verteidiger nicht. (Der Rechlsanwalt packt seine Akten zusanunen mid verläßt den Saal.) Der Angeklagte(jovial): �To, nun sind wir ganz rrntcr uns, lauter konigStrcuc Hüter des Staatswohls. Jetzt können wir uns offen aussprechen. Und ich hoffe, daß Sie mit der verdammten Jnguisilion endlich aufhören werden. Wir ziehen doch alle an einem Strang... Der Staatsanwalt: Da muß ich dock, sehr bitten. Der Angeklagte(lächelnd): Aber gewiß, lieber Kollege! Sie hau» die unnützen Glieder der menschlichen Gesellschaft ab, welche z. B. schädliche Gedanken aussprechen, und ich bearbeite in der gleichen Richtung die sichtbaren Erzeugnisse der sogenannten Knnstlerphantasie. Der Borsitzende: Sie bilden sich doch nicht ettva ein, daß Sic ein wohlgefälliges Werk damit gethan. daß Sic völlig sinnlos Kunstwerke verkrüppelt haben. Jeder fühlende Mensch, der nicht ganz verhärtet ist, muß eine Empfindung dafür haben, wie nichts- nntzig cS ist, mit plumper Hand mitten in die künstlerische Eingebung hineinzugreifen und hier ei» Glied abzureißen, dort eine tiefe Wunde zu schlagen. DaS ist schlimmer, als Ivenn man dein Schöpfer selbst Herz und Hirn zerfleischen würde. Alle die gewaltthätig per- wunderen Kunstwerke heben wider Sie die Hand zum Fluche. Sie haben unersetzliches Leben zerstört, die hehrsten Zeugnisse gestaltenden Mensche ngeistcs geschändet. Fühlen Sie denn gar keine Gewissens- regnng? Der Angeklagte: Herr Präfident, Sic reden wie ein Social- dcmokrat, wie ein Anarchist. Kein.«üusttcr hat daS Recht, sich frei auszuleben, seine wüsten Phantasien unbehindert auf dem Marli der Oeffenilichkeit auszustellen. DaS wäre der Untergang der Moral, der Monarchie, des Staate?, der Religion. Schon in die Kinder würde daS Gift der Sünde einströmen, die Seelen der Jugend würden verpestet werden. Freiheit ist Sturz der Autorilät, Untergang der Gesellschaftsordnung. Freiheit— das bedeutet die Herrschaft der Gotteslästerer, MajeslätSbeleidigcr und Ehebrecher. Da bin ich eben berufen, dem Unheil zu steuern imd mit Hammer, Stemmeisen und Meißel die geilen Schößlinge zu beseitigen. Seit zwanzig Jahren übe ich zum Heile de? Vater- landes diese Thätigkeil. Sehen Sie hier(der Angellagte entnimmt aus einem neben ihm stehenden Koffer ganze Berge von Splittern und Trümmern), alle diese Stücke habe ich mit eigner.Hand ab- geschlagen. Glauben Sie, daß diese Eingriffe den sogenannten Künstlern nicht weh gethan haben? O, sie haben zuerst schön gcwehklagt. Ich habe fie aber allmählich daran ge- wöhnt. Und sie mucken kaum mehr, lvenn ich mit meinen Instrumenten in ihr— lvie sie es nennen— Ällcrhciligstes ein- dringe. Ich sage Ihnen, es giebt keine größere Lust, als wenn die Srücke so fliegen. So habe ich die Kunst von der Unsittlichkeit kuriert, und Sie»lögen es immer vellagen. daß ich jedes Werk zum Torso schlage, ein tugendhafter Torso ist besser als ein vollständiges Geschöpf des Lasters. Der Vorsitzende(leise zu den Beisitzern): Eine ganz neue Form de-Z Wahnsimisl Sehr interessant, aber auch sehr gefährlich. Wir müssen uns vorsehen.(Laut, ruhig.) Also. Angellagter, Sie tvollcn aus Gründen der Sittlichkeit die Stücke abgehauen haben? Der Angeklagte: Jawohl, ich wollte Ordnung und Zucht iil die Kunst bringen. Ter Vorsitzende(begütigend): Gewiß, gewiß... Aber, Angellagter. wer giebt Ihnen das Recht, in dieser Weise, will- kürlich nach Ihrem Geschmack die� Schöpfungen andrer zu vcr- stümmeln. Sittlichkeit ist doch gewinermaßen ein relativer Begriff. Sie können die Künstler nicht zwingen, daß sie sich alle, weil Sic's gerade so wollen, Ihrer Laune fügen, und Sie dürfe» doch nicht, sofern sie es nicht thwi. dann auf Ihre eigentümliche Weise nachhelfen, daß die Funken mir so sprühen. Sie uiüssen wenigstens begreifen, daß Sie kein Recht dazu haben-- Der Angeklagte(sehr erstaunt): Ich kein Recht, ich kein Recht?(rasend) Ich kein Recht?(schlägt mir der Faust auf die Anklagebank.) Der Vorsitzende: Ich meine mir: es hat Ihnen niemand das Recht gegeben. Oder w e r sollte cS Ihnen gegeben haben? Der Angeklagte(verblüfft, zornig): Wer mir das Recht gegeben hat, das fragen Sie? Wer hat Ihnen denn das Recht gegeben, zu richten? Der Vorsitzende: Hm I Das ist doch. mit mir etwas andres. Ich stehe im Dienste des Staates. Der Angeklagte(schreiend): Und ich etwa nicht? Der Vorsitzende(sanft): Nur rrchig, ruhig I Also Ihnen hat der Staat das Recht gegeben, Kunstwerken Stücke abzuhauen. So, so. Das wußte ich bisher nicht. Wer sind Sic denn eigentlich, mein Lieber? Der Angeklagte: Ach, jetzt begreife ich. Sie kennen mich nicht?(würdevoll) Ich bin der— Genfer.— Joe. Rleined fcuillcton. ee. Thekla.„Thekla— Thek— In!" Die schrille Stimme der Wirtin klang über das ganze Gehöft, es gab aber niemand Antwort als nur das Echo von der Scheune her. Dic� stand da hoch und finster; über ihrem tief hcrnicdcrhängcndcn Strohdach lohte das Abendrot. Die Wirtin riegelte das Fenster zu und rieb sich fröstelnd die Hände, sie warf einen Blick in die angrenzende Küche, Ivo eine Frau an der Abwaschwannc hantierte:„Sc antwortet mir nich." „Wer weiß, wo sc steckt!" meinte die Frau.„An« Ende packt sc." „Was hat denn die schon zu packen? Ich Hab' sc ihren Lumpen- bündcl schon hm' morgen schnüren lassen." „Ich mein' aber doch, sc is nach ihre Kammer gegangen." „Auf'n Boden wieder? Ra sein£c so gut... wer weiß, was se den» wieder für Tollheiten niachi; ich wcrd' mal gleich sehen." Die Wirtin ging durch die Küche nach dent Hausflur und öffnete die Vorbodeuthür. Sic horchte die schmale Hühnersticge von Treppe hinauf:„TheÜal" Es rührte sich nichts da oben im Dunkel, aber die Hofthürc knarrte. Ein junger Knecht trat herein, er schien den letzten Ruf geHort zu haben. Er lachte noch ans:„Sic suchen woll Ihr dnssligct Machen, Frau Renschen? Die sitzt janz hinten auf'm Hof bei de Hundehütte und heuli." „O je... bei ihr„liebes Ferdinand"? Sc will ihm wohl Adie sagen?" Die Wirtin stimmte in sein Lachen ein. Sic warf die Bodcnthür mit eiitem Krach in das Schloß und folgte ihm in die Gaststube. Es waren nur wenige Gäste drin: ein paar Landlentc, halb Bauern, halb Städter, dazivischc» aber auch ein wirklicher „Herr", eigentlich nur ein Herrchen, cm blutjunger Mensch in zier- licher Modetracht, der Amtsschrciber. Er las int Kreisblatt. Am Ausschank hantierte die Wirtstochtcr, sie nickte dem Knecht zu und füllte ihm sein GlaS,»och che cr'S bestellt hatte. Sie kannte ihn schon, und während er trank, sah sie die Mutter fragend an. „Ich find' ihr nich," sagte die Wirtin,„aber der Karle meint, se säß hinten bei ihr liebes Ferdinand." „Da sitzt se und heult," wiederholte Karle. Das Mädchen lachte hell ans. „Schicken Sc ihr her. Karle." sagte die Wirtin,„ce gch'n doch wieder über'» Hof. Ich behalt' ihr keine Nacht mehr." „Ich schick' ihr." Der jtinge Mann hatte sein Glas geleert, er fuhr sich mit der Hand über den Mtnid und wandte sich wieder nach der-Schür. Die Wirtin tuschelte mit der Tochter, da wandte sich drüben am Tisch der eine von den Bauern hertim, ein alter Grankopf:„Ihr Mädel zieht wohl heut', Frau Renschen?" „Ra ja, endlich I's wird Zeit..." Tie Wirtin legte sich über den Tisch:„Ich geb' ihr ihren Lohn, ich will ja froh sein, wenn sc erst wcch ist, das verdrehte Jeschetiche." „Die kann einem ja's Haus Üver'm Kopf anzünden/ mischte sich die Tochter ein.«Was meinen Se. Herr Rößler. vorgestern denken wir, sie schläft in ihrer Kammer, da sitzt se daneben auf'm Boden, aber ganz hinten mtter's Dach unterm Balken und Iiat'S off'nc Licht neben sich: se will seh'n, wie de Mause tanzen, lind so was seht als Dienstmädchen, so'ne Halbverrückte I" „Ra. red' Du man nich," sagte die Wirtin.„Wer hat sc denn geonetet? Du?" »Na ja. aber wo denn auch?" Die Tochter verzog uiaulig den Mund:„In de christliche Herberge, da denkt man doch, man wiegt was Gm's, und die Schwester sagt noch, sc Ivär' in'n Stift erzogen und war' bloß'n bißchen dnmni. Du hast doch auch erst gcmcrti, dag sc verrückt is, wie sc anfing mit ihr„liebes Ferdinand". „Na ja, ihr„licbcS Ferdinand"!' Die Wirtin sah lachend 3,1 den Gästen hinüber.„Den Hund nennt sc liebes Ferdinand und deckt ihn mit ihrem besten Rock zu, damit'S liebe Ferdinand nich friert, und giebt ihm ihr bestes Essen. Wie sc bloß auf den Unjinn kommtl" „So hieß gewiß'mal ihr Schatz," spottete einer von den jüngeren Gästen; die Wirtstochtcr kreischte auf:„lljeh, die Thekla 'n Schatz, der olle Wasscrvollacke, die nehm'» se doch alle hoch." „Die hätten se man ruhig in'S Stift lassen sollen," warf der graubäriigc Bauer ein:„So'n armes Luder unter fremde Leute, wo alles seinen Feetzjnit sc hat, dct is cijcntlich ooch nich richtig." „Na, erlauben Sie'mal, wieso denn nicht?" Der Amisschreibcr ließ sein Kreisblatt sinken. Er sah den Alten geringschätzig an:„Das Mädel kann ja arbeiten! Für'ne Anstalt ist die nicht verrückt genug." „Was? Nich verrückt genug?" Die Wirtin schrie auf:„Was die aufstellt! Alles verquatscht sc! Wenn sc für fünf Pfennige Gc- würzkörncr Holm soll, bringt sc fünf Pfund." „Und de Silbcrlöfsel scheuert se mit Tand," fiel die Tochter ein;„und denn die Geschichte mit dem Licht ans'm Boden! Und unsrc gute Butter nimmt sc als Pomade und olle Glasscherben steckt se sich in de Tasche... Wenn sc sich nu de Hand aufgeschnitten hätte 3 Denn hatten wir den Schaden. Und die soll nicht verrückt sein?" „Ich sage ja nur, für eine Anstalt noch lange nicht verrückt gc- nug." Das Herrchen that beleidigt:„Das wär' ja noch schöner, für so'n Franciiziinmer, das arbeiten kann, soll'ne Gemeinde Geld bc- zahlen?" „Das finde ich auch," grollte ein andrer Gast.„Machen sc man, daß se hier'rauS kommt, eh' se noch ganz und gar verrückt wird, sonst kriegen wir se auf'n Hals." „Und wir haben andre Kosten," murrte der Graubart etwas höhnisch— er murrte es aber nur halblaut und die Andern hörten cö auch nicht. Die Thür neben der Schenke wurde aufgerissen, Karle kam herein. Lachend und johlend schob er ein Mädel vor sich her:«Da is sc." „Nu aber ran?, Thekla!" schrie die Wirtin.„Was lungerst"n hier überhaupt noch'rum? Da is Dein Lohn und Dein Lumpen- packen, marsch!" Sic schob ihr ein Kleidcrbündcl, das Dienstbuch und zwei T Haler hin und Ivics nach der Thür. Das Mädchen sah verständnislos erst die Frau an, dann die Sachen. Es war ein kleines, vcrschrmnpeltcS Ding, Polin, nnverkennbar; ans der niederen Stirn nud den trüben Augen sprach der Stumpfsinn in seiner jämmerlichsten Gestalt. Sie schluchzte:„Soll sich Thekla weg? Nur nich weg. Weiß sich armes Thclla nich, wohin..." „Raus," wiederholte die Wirtin.„Lauf' nach der Bahn, wenn De zugehst, bist in'ncr Sttinde da, denn fährste nach Berlin." „Weiß sich nich. wo is Berlin." DaS Mädchen schluchzte stärker. „Wirst schon Hinsinden," sagte die Wirtstochtcr. „Und machst gleich, daß De hinkommst," rief eine Stimme vorn Gästctisch her. Das Herrchen reckte sich plötzlich zum Herrn, eS hatte sich erhoben und donnerte:„Wenn Du heut' nicht nach Berlin fährst, lassen wir Dich morgen vom Gendarm hinbringen." Das schien zn wirken. Mit einem jähen Entsetzen griff Thekla nach ihren Sachen und lief durch die Bordcrzimmcr nach der Straße hinaus. lieber der Gaststube lag Schweigen. Tic Wirtstochtcr sagte endlich:„Wenn sc bloß nich wiederkommt." „Die kommt nicht wieder." Das Herrchen lächelte überlegen: „Die hat jetzt Angst. Sehen Sie, sie geht nach dem Bahnhof." Erwies durch das Fenster.„Die sind ivir los." Da draußen lag eine Pappclallce, lang und trostlos, doppelt trostlos jetzt in ihrer kahlen lointerlichcn Oede. Zwischen den hohen Stämmen bewegte sich eine schivarze Gestalt; angstvoll vorwärts hastend wurde sie kleiner und kleiner, wurde zum Punkt, bis mich der Puntt verschwand in steigenden Schatten des Abends. Der Graubart mckte vor sich hin, sah von einem zum andern und sagte langsam und bedächtig:„Wcch is se— und waö wird»u aus sie?"— x. Ans neucrcu ErziehunzSromnnca. So lautete das Thema deZ Vortrag?, den am Freitagabend Dr. Gold im Bürgersaal des Rathauses hielt. Den Namen Erziehungsroman hat man Vorzugs- weise auf die Romane einer vergangenen Epoche angetvandt: bc- sonders bezeichnend dafür sind die großen Gocthcschcn Romane. Die Gattung hat sich aber erhalten. Von so und so vielen Romanen auch der Gegenwart können wir sagen, daß sie im besten Sinne des Wortes Erziehungsromane sind. Einige dieser neueren Erzichungs- romane will der Redner daraus ansehen, ivas sie für die Frage der Kunst im Leben der Kinder bieten. Eine detaillierte Behandlung der Frage läßt sich im Roman nicht erivartcn. Aber gewisse allge- meine Grundfragen, die unsre ganzen Ktmsterztehtingsfragen mit biet ineitergctjcnben Wcttanschmnmgsfragen zusammenbringen, zieht der Erziehungsroman in Betracht. Allbekannt isr„Ter grüne Heinrich" von Gottfried toller. Ter grüne Heinrich wächst als Sohn einer armen Witwe unter kümmerlichen Verhältnissen zu einem träumerischen Jungen heran» der lieber Allotria treibt, als in der Schule lernt, der mit seinen ersten Versuchen, sich künstlerisch zu bethätigen. durchaus nicht den Beifall seiner Erzieher findet. Der grüne Heinrich fängt, bezeichnend genug, damit an, das; er sich in die Reiche der Natur' verliebt, daß er Mineralien und Schmetterlinge sammelt, eine Menagerie anlegt, blos; um die Gegenstände der Natur um sich zu sehen. SrMioszüch giebt cr diesen Nciturlult ans. Er «»i deckt nSinlich im Wäscheschrank seiner Mutter eine große Scheibe weißen Wachses und fängt an, darüber nachzusinnen, ioas sich alles daraus machen lasse. Er entwendet ein Stück davon und versucht, allerlei Gebilde daraus herzustellen. Dann hat er bei eineni Blick in ein anatomisches Milse um sich so für die Präparate in Spiritus begeistert, daß er diese nachzuahulen versucht. Er knetet nun aus seinem Wachs alle möglichen phantastischen Gebilde, die er für sehr wertvoll hält und in Wasser aufhebt. Das ist so ungefähr die erste Etappe im Leben dieses Kindes, die auf Knust Bezug hat und den Trieb dazu noch recht unentwickelt zeigt. Eines Tages aber schaut der Junge einer Gesellschaft wandernder Schmispieler bei den Vorbereitungen des Spiels zu und sieht den Dekorationsmaler an der Arbeit, die ausgespannte Leinloand mit Farbe zu bemalen. Die ein- fache und sichere Art, lvie der Dekorationsmaler seine Flächen mit wenigen Strichen bemalte, machte auf den grünen Heinrich den tiefsten Eindruck, regte zum Nachdenken und zur Nachahmung an. Im weitere» Heranwachsen folgt er dann dem künstlerischen Triebe mehr und mehr und»iiterläßt es nie, sich an die Natur zu halten und die Natur zu studieren: er wird ein Maler.„Der grüne Hein- rich" ist ein Künstlerroman. Man könnte daher zweifelhaft sein, ob sich Schlüsse für die Entwicklung des Durchschnittsmenschen daraus ziehen lassen. Ganz anders geartet ist ein Roman aus Tolstojs jüngeren Jahren. Von ihm erwarten wir nicht die Forderung einer ästhetischen Erziehung. In diesem Roman aber findet sich eine schöne Schilderung, wie ein Knabe, ein stark innerlich veranlagtes Kind, eines Abends au? Langeweile zu der einen Farbe greift, die eS besivt. zu einer blauen Farbe, und damit Bilder auf mehrere Bogen Papier zu malen bestrebt ist. Eine ganze Jagd versucht er in Blau zu malen. Ter blaue Hase aber komnit ihm merktvürdig vor, und so macht er einen Strauch daraus, dann einen Stamm, eine Wolke usw., und weil er das alles nicht zu seiner Zufriedenheit her- stellen kann, so überklext er schließlich das Ganze. Die Episode zeigt. eine lvie starte Sympathie Tolstoj doch dafür hat. daß das Kind seine Phantasie auch im Zeichnen bethätigt. Derartige Stellen sind in diesem Roman noch mehr. Noch auf einen Künstlerroman ist ein- zugehen, um einmal von Seiten einer Frau zu hören, lvie man sich das Interesse für die Kunst vorzustellen hat. DaS ist Gabriele Reuters„Frau Bürgelin und ihre Söhne": gleichzeitig wieder ein Erziehungsroman. Er behandelt das Heranwachsen zweier Knaben, von denen der ältere sich zum Künstler entwickelt. Das langsame Sichbewußtwcrden dessen, was ihn nun eigentlich am Universum vornehmlich interessiert, wird in diesem Roman sehr prägnant dargestellt. Fräulein v. Egidy schildert, wie in ganz gedrückter und kümmerlicher Weise, allerdings als Tochter eines Malers, aber ohne Anregung von dem vielbeschäftigten Vater, ein junges Mädchen heranwächst, das zum erstenmal, als es in der Wohnung einen Ofen setzen sah. sich in das weiche Material des Thons verliebte, ihn ergriff und auf ihre Stube schleppte, um ihn zu bilden. Da lag der Anfang ihrer Entwicklung zur Bildhauerin. Dies vielgeprüfte Mädchen findet den einzigen Trost in ihren bild- haue ischen Arbeiten, wird dadurch über mißliche Verhältnisse cr- hoben. Frenssens„Jörn II hl" ist ein Erziehungsroman in ganz hervorragendem Sinne. Für den kleinen Jörn Uhl, der kein Künstler werden soll, ist es sehr charakteristisch, daß auch auf ihn die bildende Kunst und die Malerei nicht einflußlos bleiben. Durch daS Buch geht ei» tiefes Gefühl für den Zusammenhang, den künstlerische Eindrücke mit der moralischen Gestaltung deö Menscheulebens und der Gestaltung der Weltanschauung haben können. Die Herstellung der Beziehung zur malerisch-künstlerischen Betrachtung der Welt fehlt in keinem Erziehungsroman. Dies der Inhalt deS Vortrages. Was die Vortragsart angeht, so läßt sich etwas Langweiligeres und Einschläfernderes kaum denken. Hinter dem Rücken des stieferenten wurde denn auch thatsächlich geschnarcht.— > Meteorologisches. cn. S t a u b st ü r m e in A n st r a l i e n. Durch das letzte Heft der„Nature" wird genaueres über die schweren Staubstürme bekannt, die im Nov..aber einige Teile Australiens, namentlich die Staaten Neu-Süd-Wales und Victorias, heimgesucht haben. Die scheinbare Veranlassung ivar ein ganz besonders tiefes Minimum, das unter schwacher Luftbewegung von West nach Ost vorwärtsschritt. Die Luft Ivar derart mit feinem Staub beladen, daß die Sonne nur wie ein trüber Ball hindurchschien, und selbst große Gebäude in einer Entfernung von 1 Kilometer unsichtbar wurden. Sogar bei ge- schlossenen Thülen und Fenstern bedeckten sich alle Möbel im Innern der Häuser mit einem feinen grauen Niederschlag. Von den Schiffen wurde berichtet, daß die See gleichzeitig eine eigentümliche Bleifarbe hatte. Im Hafen von Sidne» wurde eine merkwürdige Erscheinung beobachtet. Die kleinen Wellen, die von einem Boot ausgeworfen BeramworUicher Redatleur: Earl Leid in Äeclin. wurden, leuchteten nämlich in dem unbestimmten Sonnenlicht in einsr höchst glänzenden stahlblauen Farbe, während das ruhige Wasser von einem leichten Schaum bedeckt schien, der wahrscheinlich von dem niedergeschlagenen Staub herrührte. Ein Beobachter vergleicht die wundersame blaue Farbe mit der von Gletscherwassern und führt sie in beiden Fällen auf die Lichtspiegelung in einem mit fein verteilten Mineralstoffen beladenen Wasser zurück. Das gleiche ist auch an den heißen See» von Neu-Seelaud wahrzunehmen, wo das Wasser Kiesel in winzigen Körnchen enthält. Nach andren Mitteilungen muß der Himmel während der Etaubstürme eine» höchst seltsamen Anblick dargeboten haben. Er lvar von Wolken überzogen, die eine un- gewöhnliche chokoladenbraune Farbe besaßen; unter diesen dehnten sich aschgrmie Nebelstreifen auS, von sonderbaren dunklen Linien durchzogen. Die wenigen Regentropfen, die ans den Wolken zur Erde fiele», waren mich mit brauner erdiger Masse durchsetzt und hinterließen ans hellen Flächen allenthalben braune Flecken. Diese Umstünde lassen darauf schließen, daß gleichzeitig weiter im Innern Australiens ein starker Wirbelsturm sich ereignete, der vermutlich auch die feinen Staubmassen in höhere Schichten des Luftmeeres emporgerissen hatte. Näheres ist noch heute nicht darüber bekannt geworden, was nicht wundernehmen kann, da weite Flächen des inneren Australiens ganz unbewohnt sind.— Humoristisches. — DieschlaueWirtin. Kellnerin:„Frau Wirtin, heut' kommen zu uns jedenfalls viel' Stadtlcut''raus, weil's Wetter so schön ist, und wir haben itir als Schweinsbraten, Käs' und Butterl" Wirtin:„DaS macht nixk Da schreiben S' nur die ganz' Speis'kart'n voll und streichen S' nachher alles wieder aus bis auf Schweinsbraten, Käs' und Butter, damit d' Stadtleut' seh'n, was m a' bei uns heut' scho' alles hab'u hat könna l"— — Zu viel Sport. Erster Lehrling:„Wie gefällt cS Dir im Geschäft?" Zweiter Lehrling:„So weit ganz gut— nur zu Diel Sport wird getrieben! Der Ehef äugelt, der Compaguon radelt, der Prokurist autelt und der Buchhalter beutelt!"— — S ch i ck s a l s t ü ck e.„Nun, lvie steht's mit der von Ihnen erfundenen F l n g m a s ch i n e?" „Die ist mir leider ins Wasser ge falle nl" „Und wie weit sind Sie mit ihrem Unterseeboot?" DaS ist in die Luft geflogen!"— („Fliegende Blätter.")' Notizen. Die öffentliche Lesehalle in Königsberg hat die Einrichtung gettoffen, ausgeschnittene ivertvolle ZeitungS- aufsähe zu sammeln" und heftweise ihrer Bücherei einzu- verleiben.— o. Amerikanische Zeitungen. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika giebt es. außer den Blättern in eng- lischer Sprache, gegenwärtig: 743 deutsche Zeitungen. 63 schwedische, 66 norwegische. 3g französische, 38 ezechische, 37 italienische, 37 polnische, 37 spanische, lg hebräische, 16 holländische, alt- slavische, 3 finnische, 6 porttlgiesische, 5 litauische, 6 armenische, 5 ungarische, 5 kroatische, 4 chinesische, 2 japanische, 2 griechische, 2 lateinische. 2 russische. 2 sloweuische, 1 irokesische, 1 gälische und 1 serbische.— — Die Redaktion de?„Globus" siedelt am 1. April von Braunschweig nach Berlin über. An Stelle deS bisherigen Redakteurs, Professor Andree, übernimmt H. Singer die Leitung der Zeilschrift.—* — Die Freie Volksbühne bringt am 18. Januar und den folgenden Sonntagen im Mctropol-Theater zur Auf- fiihrung:„ L' i ix t r u s e"(„Der Eindringling") von Maurice M a e t e r l i n k,„Der Kammersänger" von Frank Wede- lind und„L i t t e r a t u r" von Arthur S ch n i h l e r.— — Friedrich Hebbels Komödie„Der Diamant" wird am 13. d.M. in einer litterarischen Mittags- Vorstellung des Berliner Theaters zur Aufführimg gelangen.— — Die Aufführung von A u g u st Strindberg? Schauspiel „Das Geheimnis der Gilde" wird gegenwärtig im Schiller-Th enter vorbereitet.— — Das Bunte Theater hat das dreiaktige Satyrspiel „Erotik" von Gustav Wied erworben.— H o l g e r D r a ch in a n n hat ein neues Drama„D i e grüne Hoffnung" geschrieben. DaS Stück wird demnächst in Kopenhagen gegeben werden.— — Die öffentliche Hauptprobe zum VI. Phil- h a r m o n i s ch e n Konzert(Dirigent Arthur Nikisch) findet heute, mittags 12 Uhr, in der Philharmonie statt.— — Die d» e S j ä h r i g e K u n st a u S st e l l u n g derBerliner S e e e s s i o n wird am ü. April eröffnet und bereits am 15. Juli geschloffen werden.— — Die im vergangenen Jahre gemachten neuen Er- Werbungen der Nauonalgalerie werden von Montag ab im C o r n e l i u s s a a l ausgestellt sein.— — Druck und Verlag: BorwirlS Luchdruckerci und Verlagsanfiall Paul Singer& Eo., Berlin SW.