Wnterhaltungsblatt des Horwarts Nr. 9. Mittwoch, den 14. Januar. 1908 (Nachdruck verboten.) «j Der l�lUlerKaums. Roman aus der Eifel von Clara Viebig. Mit einem zufriedenen Schmunzeln sah der Pfarrer sich um: Da waren die vier kahlen, grauen Wände, die, von Alter rissig geworden, längst der Tünche nötig hatten—■ da waren der hölzerne Schemel, der hölzerne Tisch und der alte zer- fressene Lehnstuhl— da war das graue Maar draußen mit dem Kranz seiner nackten Höhen, aber die liebe Gottessonne glitt jetzt recht freundlich über alles hin. Gelobt sei der da oben, der vom Himmel herab die Welt so weise regiert, der aus den Frost Thauwind kommen läßt, und auf den Schnee Sonne! Jetzt Hub die gute Zeit an, nein, sie war schon angebrochen! Nachdem so lange alles, was Gräten und Flossen hat, sich im Grund verborgen, war ihm heute der erste Fisch bescheert, ein Weißfisch zwar nur, aber ein großer. Wie David den Goliath mit der Schleuder, hatte er den erlegt mit einem Steinwurs, gerade als er nach einer frühen Mücke schnappte, die im Sonnengeflimmer des April über'm Wasser tanzte. Herausgeholt hatte er den Erschlagenen und im Schnupftuch heimgetragen, zum Engelche. Nun briet die in der Küche das leckere Gericht. Ha, wie das gut roch! Pfarrer Cremers freundliches Gesicht, das immer rot glänzte— nicht vom Wohlleben, nur von Wind und Wetter strahlte.____—• „Engelche, Engelche!" rief er nun schon zum so und so vielten Male.„Js eweil den Fisch noch net fertig?" Die Jungfrau Engelche trat herein. Jung war sie nicht mehr, auch nicht schön; ihren alten Kopf deckte ein Scheitel von kastanienbrauner, grobfädiger Seide. „Tat dauert ja so lang!" „Nur Geduld," sprach Engclche vorwurfsvoll und ver� schwand wieder. Cremer nahm wieder seine Arbeit auf. Die harten Weiden verletzten ihm die Hände, aber er lächelte: Ei, das Engelche war klug, das wußte, wie man's macht, die Vorfreude zu verlängern! Ter hungrige Magen knurrte ihm zwar, aber nur getrost, bald würde sie den Fisch hereintragen und ihn aus den Tisch stellen und der kräftigste Duft würde aufsteigen, wie ein süßer Ruch zu Gottes Thron, zu dem Geber aller guten und vollkommenen Gabe. Er schlug das Kreuz und faltete die Hände— er konnte ja schon vorerst mal beten—; „Komm, Herr Jesu Sei unser Gast Und segne—" Weiter kam er nicht. Draußen vor dem Fenster, das sich niedrig, nur wenig Fuß über'm Erdboden, erhob, tönte ein klägliches Weinen. Unruhig horchte er: Ach ja. da waren schon wieder die armseligen Kinder der armseligen Melles Leis, deren Mann er letzthin begraben! Hatten die denn so gute Nasen, daß sie gerade kommen mußten, nun er zu Mittag essen wollte? Er pochte ans Fensterchen und drohte ihnen mit dem Finger; als sie aber nicht weggingen, öffnete er und lehnte sich hinaus. Bleich und hungrig standen sie draußen. „Heh, Ihr, wat wollt Ihr dann eweil hei, geht nach Haus bei die Mamma!" Gerade jetzt kam Engelche mit dem Fisch— wie fatal! Er konnte doch nicht hier innen sitzen und essen, wenn die da draußen nichts zu essen hatten! Die matten Augen der fünf Kleineu starrten gierig durchs Fenster auf den Tisch. Der Duft des Fisches srieg lockend auf. Der Maarfeldener Noldes schnüffelte und schalt dabei: „Eso geht doch, Ihr Kinder! Macht, dat Ihr weg- kommt!" Der Hunger zwickte ihn im Magen, die Hand zuckte ihm schon, nach der Schüssel zu greifen— wie appetitlich das Fischelchen roch! Das Wasser lief ihm im Mund zusammen— aber allein essen?! Nein! Nun vielleicht that der Herr Jesus auch heuer ein Wunder, wie zur Zeit der Speisung der fiinf- tausend Mann! Engelche starrte mit offenem Munde, schon hatte ihr Herr Pastor die Schiissel aufs Fensterbrett gestellt; mir dem Messer, mit dem er die Weiden geschält, teilte er redlich: fünf Teile gab's, mehr nicht. Was?! Was?! Engelches Augen wurden immer starrer — da hatte der Herr wahrhaftig jedem der fünf Kinder ein Teil ins ausgestreckte Händchen gelegt! Nur der Kopf blieb übrig und den kriegte die Katz. Aller Respekt verging ihr, sie wollte zetern und schelten, aber— „Grumbieren) schmecken ja auch sehr lecker," sagte der geistliche Herr mit einem leisen Seufzer und schloß das Fenster,„lind Deine besonders, Engelche."--- Es war um die Stunde, da die Dämmerung im Maar- feldcner Kessel alle Farben verwischt, als jemand den Klingel- zug an der Pfarrei rührte. Er war verrostet und quietschte erbärmlich, ehe er sich entschloß, einen heiseren Laut von sich zu geben. Engelche öffnete mit verweinten Augen, sie trug Trauer um den Fisch, den ihr Herr nicht gegessen; schlechter Laune! war sie, aber ihr Gesicht hellte sich auf, als sie die Frau aus der Mühle erkannte, die schüchtern nach dem Herrn Pastor Noldes fragte. „Hän es da binnen, da, geht nur herein in die Stub'," sagte Engelche beflissen und lächelte so süß sie nur konnte—• das war ja dem reichen Müllerhannes seine! Ach, wenn der doch dem Herrn einen andren Fisch schenken wollte! Der konnte es! Unter vielen Komplimenten lind„Angtrccs" und„Erln- sörts" stieß sie die Stubenthür auf. Der Pfarrer war wieder beim Flechten. Verlegen warf er die Weiden unter den Tisch— auf des Müllers Userland hatte er die geschnitten, und da stand deS Müllers Frau! Aber die achtete auf gar nichts, die war auch verlegen. Ihre sammtigen Augen blickten noch tiefer nach innen, als sonst, und ihre Lippen waren zusammengekniffen, wie bei einem, der weinen möchte, doch an sich hält. Der Pfarrherr dienerte vor des Müllerhaunes Frau. voller Höflichkeit nötigte er sie zum Sitzen und fragte nach dem Begehr. Unruhig rückte die junge Frau auf dem Bretterstuhl lind starrte hilflos durchs Fenster hinauf zum lichtlosen Himmel, aber Worte fand sie auch da nicht; immer wieder verschlang sie die Hände im Schoß und that sie voneinander und zerwand ihre Finger. Was wollte sie nur? Auch Herr Noldes fand keine Worte, bis er zuletzt sprach: „Schönes Wetter heut'! TaS Hochdeutsch ging ihm schlecht über die Lippen, da stockte er leicht, so wie in der Predigt. Die Frau nickte nur und ließ dann den Kopf auf die Brust sinken. So blieben sie wieder ein Weilchen stumm, bis der Geistliche sich-endlich doch ein Herz faßte— sab die nicht aus, wie eine geknickte Weide?—, ihr seine Rechte auf die Schulter legte lind mit der Linken ihr gebeugtes Haupt ausrichtete: „No, lvat denn?" Da fing sie bitterlich an zu weinen; als hätten die Thränen nur auf diese Frage gewartet, so strömten sie jetzt hervor. WaS war denn gescheheil, war ein llnglück passiert? Ach nein! Aber wohin sollte sie denn klagen gehen; ihr Vater war weit, die Fränz noch zu dumm, die Alten im Dorf gar zu parteiisch und die Heiligen stumm! Es that ihr so wohl vor jemand zu weinen; sie weinte sich recht satt. Ei, was denn, was denn?! Der geistliche Herr schüttelte den Kopf, rieb sich die Nase und machte: „Hm. hm!" Er konnte es gar nicht fassen, war's möglich, die hier hatte zu weinen?! Des reichen Müllerhaunes Frau weinte mehr als die armselige Wittib, die Nellen Leis?! Unwillkürlich faßte er unter den Tisch und zog wieder seine Weidenruten hervor; so beim Flechten kamen ihm immer die allerbesten Gedanken, also daß er auch jetzt sprach: „Eweil— sagt mir ehs,»varmn weint Ihr denn eso, liebe Frau?" Da begann sie zu erzählen: Der Hannes kam immer später nach Haus— den ganzen Winter schon war's jedesmal *) Kartoffeln. Mitternacht, jetzt aber, seit der Schnee schmolz, kehrte er erst zurück beim Morgengrauen Und dann lag er bis gegen Mittag im Bett, und die Mühle fei-rte. Aber das würde sie ja noch alles nicht so grämen, das kennte ja auch wieder besser werden, wenn— wenn— nein, bös war ihr Hannes nicht, das sollte der Herr Pfarrer nur nicht etwa glauben, nein, gewist nicht! Lebhaft stimmte der geistliche Herr Zu: Sicher, der war gut, sehr gut, so einen Guten gab's gar nicht mehr, des hatte er Beweise. Hatte der nicht der Nelles Leis drei Thaler zum Sarg des Mannes geschenkt, Bettler gespeist und so oft was in die Kollekte gegeben?! Hatte er nicht Holz vor die Pfarrei gefahren und gar Thaler regnen lassen zu Manderscheid?! Die Frau weinte nur noch starker. O Jesus, wie der mit dem Geld um sich schmiß, als wär's Häckselspreu! Lichtmeß hatte er nicht pünktlich die Löhne zahlen können die Knechte mußten erst dämm murren. Ter Wind hatte Schiefern vom Dach gerissen—■ nur mit Stroh war's ausgcslickt worden. Fenster waren kaput— er hatte sie nicht neu glasen lassen. Im Kuhstall that eine neue Krippe not— mochte das Vieh von der Erde fressen! Und noch gar so viel andres war in Umstand, er dachte nicht daran— später, später!— Es wurde beiseite geschoben. Aber auf die Holzauktionen fuhr er, uild Stämme wurden auf den Hof geschleift in eisernen Ketten, se groß und schwer und teuer, und statt einer jungen Milchkuh, an Stelle der alten Bleß, wurde noch ein neues Kutschpserd eingestellt. Ob das bezahlt war, wußte sie nicht, sie durfte ihn nicht drum fragen. Denn wenn er jetzt heimkam, zur Stunde, wo anderwärts die Mühlenräder sich längst drehen, die Gänge aufgeschüttet sind und das Schellchen sich meldet, ward er unwillig, enipfing sie ihn nicht lvie eine Braut und war sie vor Aerger und Sorge unlustig zu Zärtlichkeit. Ach,— die schmächtige Frau rang die Hände im Schoost und sah mit einem Seufzer darauf nieder— ihr war wohl die Lust vergangen. Was hatte sie gethan, daß der liebe Gott sie so gestraft? Zweimal»och nach der Fränz hatte sie Mutter werden sollen, und zweimal hatte sie so leiden müssen und hatte dann doch kein Kleines in der Wiege gehabt, lind der Hannes wollte doch einen Sohn! Ach, wenn der Herr Pastor ihr doch nur sagen wollte, was sie Uebles gethan?! „Hm, ja,— hm, ne— hm, hm!" Herr Noldes stammelte verlegen, was wußte er von ehelichem Wunsch und ehelicher Not?!„Seid Ihr dann schon wallfahren gewest nach Kloster Buchhokz, den Stationsweg erauf oder nach Trier zur hohen Mariensäul' auf dem Marcusberg?" Freilich, das hatte sie ja schon längst alles gethan und gebeichtet und gebetet— ach Du lieber Gott— aber ihr hatte der Engel noch keinen Sohn verkündet! Und sie wußte doch, hätte der Hannes einen Sohn, da würd' alles besser. Sparen würde er vielleicht auch für den. So schaffte er nichts: die Fränz war ihm wohl lieb, aber er achtete sie gering. Was sollte nur einmal werden? Tie Sorge darum wurde siei nicht los, nicht bei Tag, nicht bei Nacht. „O mir is et alleweil eso, als hing mir den Mühlstein justement überm Kopp. Als könnt' hän eruntersttirzen jeden Momang. O, Jasmarijofef!" Der geistliche Herr schüttelte den Kopf: Ei herrje, die arme Seele war ja ganz verwirrt! Ten Mühlstein und den Sohn, den sie nicht hatte, das kapute Dach,'s liebe Vieh und dcir Hannes, alles brachte sie durcheinander. Er rieb sich das stopplige Kinn, lind dann, was hatte sie doch noch gesagt? Zu Lichtmeß härte der die Löhne nicht zahlen können? Ei. das war doch nun purer Unsinn, der Müllerhannps sollte um Geld verlegen sein? Für den waren es doch nur ein paar Groschen, der war ja so reich! Unwillkürlich faßte er sich nach der eignen Stirn: Bei dem armen Weib wars da oben gar nicht richttg! Daß der Hannes ein Pläsirlicher war und gern eins trank, das wollte er wohl glauben, aber war das denn so schlinim? I (Fortsetzung folgt.) (Nochdruck verboten.) Canz fittcn in der guten, alten Zeit DaS Mittelalter war ungemein tanzlustig. Man tanzte, wenn der Frühling einzog, auf dem Anger vor de» Dörfern und Städten, tanzte im Sommer nach des Tages Arbeit um die Dorsiinde und im Winter in den Tanzhäusern, Ratshäusern. Zunfrstube» und sogar, bei Ermangelung andrer geeigneter Räume in den Scheunen. War doch der Tanz in dieser Zeit, wo Theater und Konzerte fehlten, das einzige gesellige Vergnügen. Und man tanzte mit völliger Hingabc und unermüdlicher Ausdauer. So schildert Ncidhardt v. Nauen- thal, der Begründer der höfischen Dorfpoesie im 13. Jahrhundert. die Tanzanstrengnngen eines jungen Bauernburschen, den er Löch- lein nennt, folgendermaßen:„Ter Spiclmann richret sich auf. Da nimmt Löchlein sich eine Jungfrau an die Hand. Juheia, wie er springt I Herz, Milz, Lung' und Leber schwingt sich in ihm um, er fallt in den Anger, daß ihm Ohren, Nase und Maul überwallen, zu beiden Seiten sieht man sein Herz heftig klopfen, ihm hat ge- dunkt, als wären sieben Sonnen am Himmel und lief er um, wie ein gedrehter Topf, ihm schwindelte es um den Kopf und er meinte zu versinken. Aber auch die höheren Stände legten sich keinen Zwang aus. �m 14. Jahrhundert tanzte der lustige Bischof von Naumburg, Johannes von Miltitz, mit der Frau von Berbisdorf an einer und Sibylle von Madela an der andern Hand so aus- gclagen, daß er darüber zur Erde stürzte und de» Geist aufgab. Ms cm besondrer Scherz galt es. sich mit seiner Tänzerin abflchtlich zu Fall zu bringen oder auch die Mittänzcr umzuwerfen. -tcr Italiener Alobsius von Orelli. der 1S55 in Zürich weilte, berichtet darüber an seinen Bruder:„Die junge», rüftigen Gesellen luchtcn eine Ehre darin, einer den andern im Springen zu über- wobei es dann nicht selten begegnete, daß die Tänzerin in ihres Mittanzers Fall verwickelt ward und durch ihre Lage Anlaß zu einem allgemeinen Gelächter gab. Das Umwerfen ward ver- boten, aber bei der Hitze des Tanzes vergaß man das Mandat. Wenn einer umgeworfen wurde, so wirkte das ansteckend und man suchte sich durch eine geschickte Behändigkcit zu rächen. Um diesen unartigen Manieren Einhalt zu thun, sandte die Obrigkeit be- sondere Tensoren auf den Tanzsaal, das waren die Stadtdiencr mit der Stadtsarb. Sic hatten den Auftrag, beim ersten, mit Absicht bewirkte» Fall, das Aufspielen der Musik zu verbieten und so der ganze» Lustbarkeit ein Ende zu machen." Zur guten Sitte gehörte das Küssen der Tänzerin vor dem Tanzo und teilweise auch während des Tanzes. Johann bon Münster schildert in seinem„gottseligen Traktat vom nngottscligcn Tanz 1094" die Aufforderung zum Tanz mit folgenden Worten: „Die deutsche allgemeine Tanzform besteht hierinnen, daß der Tänzer auf das zierlichste, höflichste, prächtigste und hoffäriigste hcrfürtretc und aus allen allda gegeiiwänigcn Jungfrauen und Frauen eine Tänzerin, zu welcher er eine besondere Assektion trägt, sich erwähle, dieselbe mit Referenz als mit Abnehmen des Hutes, Küssen der Hände, Kniebeugen, freundlichen Worten und anderen Zeremonien bittet, daß sie mit ihm einen lustigen, fröhliche» und ehrlichen Tanz halten wolle. Wenn aber die Person bewilligt hat, den Tanz mit dem Tänzer zu halte», treten sie beide herfür. geben cinaiider die Hände lind umfangen und küssen sich, nach Gelegen- heit deS Landes, auch wohl recht auf den Mund, und erzeigen sich sonst mit Worten und Gebärden Freundschaft, die sie vor langer oder kurzer Zeit gewünscht haben einander zu erzeigen." Ucber das Küssen beim Tanzen gicbt uns der schlesische Ritter Hans von Tchweinichen Kunde, der den Herzog Heinrich XL von Lieguitz auf seinen abenteuerlichen Fahrten begleitete und dabei auch 158g einer Geschlechtcr-Hochzcit in Augsburg beiwohnte. „Solisten ist der Brauch," schreibt er in seinem Taschenbuch,„daß allemal zwei Personen, so lauge rote Röcke mit weißen Acrmeln anhaben, vortanzen, und darf sonst keiner, er sei wer er wolle, cincii Tanz ansangen. Es tanzen also die zwei voran und sobald sie sich drehe», so mögen sich die, so nachtanzcn, auch verkehren, und wenn sie sich miteinander im Tanze herzen, so mag der Jung- geselle die Jungfrau auch Kerzen. Es werden die gemeldeten Bor- täuzer oft mit Geld bestochen, daß sie einander in einem Reigen etliche Male herzen, damit nur der Junggeselle die Jungfrau desto öfter herzen kann; wie ich ihnen selbst also gethan." Trug man in dem Vortanz immerhin eine gemessene Würde zur 'Schau, so bewegte mau sich in dein nachfolgeiiden Nachtanz um so ungebundener. Der schon genannte badischc Rat Johaini von Münster sagt von den« Nachtanz, wie er in bürgerlichen Kreisen üblich war:„In diesem gehet es etwas unordentlicher zu, als in dem vorigen. Denn hier wird�des Laufens, Tummelns, Hand- drückenS, heimlichen Anstoßens, Springcns und bäuerischen Rufens und anderer ungebührlicher Dinge, die ich ehrenhalber verschweige, nicht geschont, bis der Pfeifer die Leute, oie wohl gern, wenn sie könnten, cillen ganzen Tag also tollerweise zusammenliefe», durch sein Stillschweigen geschieden hat." Hatte der Tänzer die Tänzerin auf ihren Platz zurückgeführt, dann war es ihm gestattet, sich auf ihren Schoß zu setzen. Auch hierfür ist Johann von Münster unser Geloährsmann.„Wenn aber der Tanz zu Ende gelaufen ist," berichtet er,„bringt der Tänzer die Tänzerin wieder an ihren Ort, da er sie hergenommen Hai, mit voriger Reverenz, nimmt Urlaub oder bleibet auch ivohl auf ihrem Schoß sitzen und redet mit ihr. dazu er durch den Tanz sehr gute und keine bessere Gelegenheit hat finden mögen." Als eine Forderung des AnstandeS galt es, daß die Tänzer de» Mantel umbehielten. Da aber um die Mitte des 17. Jahrhunderts gegen diese Tille vielfach gefehlt wurde, so erließ der Regensburger Rat wiederholt Sttafverordnungcn, als er in Erfahrung gebracht hatte,„daß ihrer viele von den Aiannspcrsoiicli nach althergebrachter Observanz weder zu den Ehren noch andren gemeinen Tänzen den Mantel mehr nmbchaltcn, ja wohl gar einige, gleicksam zum Sport allerhand Unziemlichkeiten damit treiben und die Mäntel bald um den einen Arm zu schlingen, bald von den Schultern völlig ab- und rings um den Leib geivickelt zu nehmen, sich nicht entblöden." Gegen Ende des IS. Jahrhunderts kani eine Tanzwcise auf. bei der sich Tänzer und Tänzerinnen verdrehten, wie man«S zur Zeit bezeichnete, und die als der Uranfang des späteren WalzerS zu betrachten ift. Sie wurde schnell beliebt, fand aber als Neuerung nicht den Veifall der wohllöblichen Behörden, die ihr deshalb durch Verbote zu steuern suchten. So Hecht es in einer Dresdner.Hoch- zcitsvcrordnung vom Jahre 1595;„Die Mahlzeiten sind so zu halten, daß man gegen Abend um 8 Uhr spätestens zum Tanze Zomme und allda etliche Ehrcnränze züchtig und ohne Ueppigkeit des BcrdrehenS, Einspringcns und Hin- und WiderlausenS auf Zeit und Mast thun und halten kau». Wie denn auch hinfür die grauen und Jungfrauen wie von Alters bei den Armen und nicht bei den Händen vom und zum Tanz geführt Iverden sollen, was derjenige, der die Hochzeit ausrichtet, anbefehlen soll." Noch strenger ist eine Verordnung der Stadt Belgern vom Jahre 1572, die besagt:„Frauen und Jung- frauen sollen sich züchtig und ehrbar am Tanze zeigen, und die Mannspersonen sich des Verdrehcns und anderer dergleichen Leicht- ferligkeit enthalten. Welcher Mann oder Gesell, Frauen oder Jung- frauen über dies Verbot und des StadtdtencrS vorgehende Vcr- lvarnung unbescheidener Weise verdrehen wird, der soll alsbald ge- fänglich eingezogen und darüber vom Rat jedesmal und so oft es geschieht, um 29 Groschen gestraft werden." Aus dem Eroberungs- zug, den die Fortsetzung des Bcrdrchens, der Walzer, durch die ganze Welt gehalten hat, ersieht man am besten, wie wenig Polizci- vcrordnungen schon in früherer Zeit nützten. Allerdings hatten daS Verdrehen und später noch lange der Walzer mit Vorurteilen zu kämpfen. Gräfin Genlis, eine Hofmeistcrin der Königin von Frank- reich, kritisierte ihn mit den scharfen Worten:„Ein junges Mädchen. leicht gekleidet, sich in die Arme eines jungen Menschen tvcrfend, der sie an seine Brust drückt und sie mit solcher Hesiigkeit fort- reiht, dast sie bald ein heftiges Schlagen ihres Herzens fühlt und datz ibr bestürzt der Kopf wirbelt; das ist das. was man Walzer nennt."— E. L. fj ranzen. Kleines feirilleton» ].„Morgen wird gefegt!" Welche Berliner Hausfrau kennt nicht diesen Ruf, mit dem sich der Schornsteinfeger für den nächsten Tag anzulündigen pflegt, und welche Hausfrau hätte nicht beim Ertönen dieses Rufes verzweifelt die Hände zusammengeschlagen und gesagt: Schon wieder? Der schwarze Mann ist ein ungern gesehener Gast. Merk- Ivürdigcrweise I Riemanb möchte in seiner Küche oder Stube Ranch von verstopften Schornsteinen oder noch schlimmere Gerüche haben, die Hausfrau schimpft, wenn die Maschine nicht zieht, weil Ruh im Abzug liegt, aber sie schimpft noch. mehr, Ivenn der Schornsteinfeger kommt und noch viel mehr,— wenn er geht. Allerdings, die Glaechandschnhe, die Meister Kaminfeger trägt, sind nicht ganz echt gefärbt und hinterlassen auf den' weihen Kacheln und andren hellen Stellen, Thürcn usw. oft eine sehr dentliche Visitenkarte. Zudem hat der Schoriisteinkehrer oder vielmehr die Hausfrau gewöhnlich Pech: das bringt die Schwärze sv mit sich. Ter schwarze Mann stellt sich mit unfehlbarer Sicherheit ein, wenn tags zuvor grost Reinemachen gewesen und in der Küche allcS schön blitzeblank gescheuert worden ist. Das ist unangenehm, denn Mnttcr hat die ganze Arbeit umsonst gehabt. Ldcr der Schwarze kommt, wenn Wäsche gewaschen wurde und in der Küche zum Trocknen hängt. Gott ja, es soll ja nicht sein! Aber man kann doch nicht wegen der paar Stücke immerzu in die Waschküche laufen und die Kinder brauchen doch so vicl l Da stellt sich denn zum Entsetzen der Schornsteinfeger ein. Schon che er in die Wohimng kommt, macht sich sein Wirken im Hause durch ein eigentümliches Scharren, Kratzen und Klopsen bemerkbar. Und mit cmem Male sieht Mutter in der Küche:„Herrejeh! da fliecht ja der janze Rahm umher! Na, Lotte, Life, man schnell die Wäsche runler I" Und flink greifen sechs Hände zu, die weihen, noch nassen Schätze vor den Spuren dcS Anschwärzens zu retten. Unter solchen Umständen ist der Schornsteinfeger natürlich überall unwillkommen und mau sucht ihn« unter tausend Vorwänden den Zutritt zur Wohnung streitig zu machen. „Nee, heite is mch netig; se warn ja man erst dal" wird ihm an einer Thür geantwortet.„Ich mache mir meine Maschine alleine sauber," heißt es an einer andern Stelle. An der dritten Wohnung flötet eine zarte Stimme:„Wir kochen init GaSl" Und eine Treppe hoher wird dem Schwarzen die Thür barsch vor der Nase zu- geschlagen und eine Flut von ZomcSwortcn crgiestt sich hinter der Thür. Thema:„Das sollte mir fehlen, mir von Ihnen die Wohnung dreckig machen zu lassen! Sie machen se mcr doch nich wieder rccne, Sie Schmichfink Sic." In dieser Tonart geht es eine Viertelstunde weiter, trotzdem der Urheber alles ttebels bereits ganz Ivo anders ist. Von mir hat cininal eine alte Mieterin allen Ernstes Schadensersatz verlangt, weil ihr der Schornsteinfeger die ganze Küche voll- geruht hätte. Sie könne sich das nicht allein reine machen und mühte jemand dazu annehmen. Die alte Dame war ettvas wunder- lich, aber cS giebt Menschen in jedem Berliner Hause, die nervös werden, wenn der Nuf erschallt:„Morgen wird gefegt■"— Ii. Bibel und Babel. Etwa vor Jahresfrist hat der Berliner Universitätsprofessor nnd Direktor bei den kgl. Museen Delitzsch im Anschluß an einen Vortrag eine Broschüre unter dem Titel „Bibel und Babel" erscheinen lassen, in der er den Nachweis zu führen suchte, daß alle israelitische Kultur, Religion und Sitte von den Babylonicrn entlehnt sei. Seine Schrift hatte großes Aussehen erregt und zu heftigen Kontroversen auf feiten der orthodoxen Theologen Veranlassung gegeben. Weitere Beweise für die Richtig- keit seiner Theorie brachte Professor Delitzsch in einem neuen Vortrage bei, den er am Montagabend in der Sing-Akadcmie hielt. Delitzsch hatte u. a. in seinem ersten Vortrage angedeutet, daß bereits um 2259 v. Chr. in Babylon ein vollständig geordneter Rechtsstaat existiert habe, wo das bürgerliche Gesetz bis ins einzelne fixiert war. Was er damals nur aus kleinen Merkmalen schließen konnte, ist jetzt bewiesen, das Gesetzbuch ist von einem ftanzösischcn Forscher im Original, auf einem Felsen in Keilschrist eingegraben, gefunden loorden. Die Gesetze find dem nwsaischen sehr ähnlich. Unehrcrbicttmg gegen die Eltern, falsches Zeugnis wider den Nächsten, Trachten nach ftemdcm Gut wird sehr streng, meist mit dem Tode, bestrast. Dies Gesetzbuch im Verein mit andren Dokumenten zeigen, daß die hebräische Sittenlehre nicht aus sich selbst entstanden, sondern zum großen Teil aus der Kultur andrer Völker geschöpft ist. Auch der Jehovah-Begriff findet sich bereits bei den Babylonicrn, deren höchstes Wesen als„Jahn" verehrt worden ist. Mit außerordentlicher Schärfe wandte sich der Vortragende gegen die strenggläubigen Theologen, die für die Vielgötterei der Babylonier nur Spott und Hohn übrig haben. Dieser Spott sei genau so wenig angebracht Ivie ctlva ein Spott auf die Götter Homers. Die Verehrung der Gottheit in Bildern von Stein und Holz brauche man gewiß nicht zu be- schönigen, aber, wenn die biblische Schöpfungsgeschichte den Menschen nach Gottes Ebenbild geschaffen sein läßt, so dürfe man sich nicht darüber wundern, daß die Babylonier stch die Gottheit unter dem Bilde dcS Menschen darstellten. Den Spott auf ihre Götzen könnten die Babylonier zur guten Hälfte auf die katholische Kirche und die jüdische Religion abwälzen. Im allgemeinen waren die Babylonier ein verhältnismäßig hoch entwickeltes Volk; gewiß waren sie mit- unter grausam, aber auch andre Völker haben ja Ströme unschuldigen Blutes vergossen. In Bezug auf Recht und Gercchttgkeit, auf Nächsten- liebe und Barmherzigkeit konnten sie es getrost nnt den Israeliten aufnehmen und die Stellung der Frau war bei ihnen eine weit höhere und geachtetere als in Israel, Ivo die Frau. bekanntlich Eigcirtum der Eltern nnd später Eigentum des Mannes blieb nnd lediglich als eine schätzbare Arbeitskraft bewachtet wurde. Der Vortragende schloß seine interessanten, durch eine Reihe von Lichtbildern erläuterten Ausführungen mit der Mahnung, von über- lebten Dogmen abzulassen und auch in der theologischen Wissenschaft nur die Erkenntnis der Wahrheit im Auge zu behalten. Einen Mißton in seinen in, übrigen rein lvisienschastlichen Bor- wag brachte Delitzsch, als er, in der offenkundigen Absicht, dem an- wcsendenKaiserpaare zu Munde zu reden, ohne jeden Anlaß ans die Krupp- Affaire auspielte. Im babylonischen Gesetzbuch findet sich nämlich die Bestimmimg, daß, ivenn jemand als Zeuge Lügen ausspricht und seine Aussage nicht beweisen kann, er, falls dabei das Leben des anderen auf dem Spiele steht, mit dem Tode besttaft werden kann. Bei dieser Bestinmmng, meinte der Redner, müsse man unwillkürlich an die„Schmach des vergangenen November" denken. Eine echt profcsiorale Geschmacklosigkeit, aus die einzugehen nicht der Mühe lohnt, da sie sich von selbst richtet.— — Fischbein nnd Walrat. Wir lesen in der Wochenschrift „Nerthus"(Altona-Ottcnsen. Chr. Adolff): Fischbein nnd Walrat sind unbedingt die kostbarsten Produkte der Walfisch-Jndnstrie. Mit dem Rückgänge der Walfischjagden hängt es zusammen, wenn die ?reise ftir diese beiden Produkte in den letzten Jahren enorm in die öhe gegangen sind. Das beste Fischbein liefern der„Grönlands- wal" nnd der„Nordkapcr". Der crstere soll in den letzten Jahren von norwegischen Walfischfängcru Lb-rhaupt nicht mehr gesehen worden sein, nnd der Nordkapcr wuroe im Jahre 1891 mir noch in circa 19 Eremplarcii auf Island an norwegische Walstationcn angebracht. Dann hat man von den Fang eines solchen Wales nichts mehr erfahre». Im November 1899 wurde das Kilo Barten des Grönlaudwales mit 28 M. und des Südseeloales mit 29 M. bezahlt. Der eigentliche Walfang beschränkt sich heute nur»och auf das Morden der Furchenwale(Blau-, Jinn-, Knöl- und Seihwalc) und ist nur möglich unter Anwendung der nach Art eines Torpedos abgc- schossenen Harpune, die mit Sprcngstofsen versehen ist. Tie Furchen- walc liefern ein weniger wertvolles Fischbein als die vorhin gc- nannten Wale, weshalb es im Handel auch einen geringeren Preis bedingt. Letzterer schwankt zwischen 490— 1899 M. pro 1099 Kilogramm. Arn teuersten werden immerhin noch die Barten des Seihwales bezahlt ikOW Kilogramm— 1800 M.); dann folgen im Preise die Jinnwalbartcn<1999 Kilogramm— 800 M.) und zuletzt die Knölwalbarten<1009 Kilogramm= 400 M.). Deutschland zählt zur Zeit 19 Fabriken, die sich mit der Verarbeitung von Fischbein befassen; davon entfallen auf Berlin 9, auf Augsburg und Köln je 2. ans Altona. Frankfurt a. M., Harburg. Leipzig. Neu- dictendors und Straßburg je 1. Walrat wird von dem„Poiwal" gewonnen; das Vorkommen dieses Walcö ist auf die südlichen Gewässer nn> den Acguator herum beschränkt. Jedoch liefert nicht allein dieser Wal das kostbare Oel, sondern auch die norwegischen Schnabelwale, die Bottlenost, liefern Walrat, nnd cS ist daher nicht ausgeschlossen, daß von Norwegen aus der amerikanischen und japanesischen Walrat-Jndustrie Kon- kurrcnz erwachsen wird. Die Jagd auf die Bottlenost hat sich in den letzten Jahren bedeutend gesteigert und wird unausbleiblich auch den Untergang dieser für die Walratgewmnung in Frage kommenden Wale heraufbeschwören. Was isc denn nun Walrat, und wozu wird es verwandt? Im lebenden Tiere bildet Walrat eine helle ölige Flüssigkeit, namentlich im Kopfe der Tiere in größerer Menge, kommt aber auch im ganzen Körper vor. Bei der Verarbeitung der Wal- kadavcr auf Tran geht das Oel zunächst mit in den Tran hinüber. Damit ist es jedoch nicht verloren; im Gegenteil ist die Scheidung leicht wieder herbeigeführt. Man läßt den Tran in der Kälte stehen; dann scheidet sich bald das Walrat als fester Teil von dem flüssig bleibenden Spermaceti-Oel ab und erscheint nach cntspreckender Reinigung in schönen, glänzenden, weißen, blättrig-krhstallinischen Massen. Die exportierenden Firmen befinden sich in New-Bcdford i Massachusetts),' sowie Tokyo. Der Handel geht über London. Von dort her beziehen unsre Apotheken und Seifenfabrikanten das Walrat, inid zwar durch Vermittclung des Großhandels in circa 30 Kilogramm schweren Blöcken im Werte von 10 bis 18 Dollar(circa 70 M.) Das Walrat wird als Zusah zu feineren Seifen und Kerzen verwandt; in Apotheken gebraucht man es zur Herstellung von Lolck cream.— Litterarisches. e. k.«Sommerspie l". Novelle von Sven Lange. München. Albert Langen.— Am herrlichen Oercsund spielt die Geschichte. In einer der reizend in Gärten gelegenen Strandvillen ivohnt ein Gutsbesitzer mit seiner jungen Frau. Beide sind erst seit einem halben Jahre verheiratet. Ihr Verkehr beschränkt sich auf einen Baron, der, abhold der diplomatischen Carriere, für die er sich einst vorbereitet hatte, hier ein beschauliches Junggesellendascin führt. Die Frau und er kennen sich von Kinderzeiten her. Nichts bestand je zwischen ihnen, als aufrichtige Freundschaft. Dies Verhältnis bleibt auch so. Dann sind ein Kopcnhagener Großhändler mit seiner Frau als Nachbarn dazu gekommen. Seit zehn Jahren sind die verheiratet. Der Mann ist ein phlegmatischer Philister, die Frau ebenfalls nüchtern. Obwohl noch eine hübsche Frau, regt sie sich nicht sonder- lich auf, als sie vernimmt, daß ihr Mann sie während ihrer ganzen Ehe mit einer Geliebten betrogen hat. Dennoch sehnt sie sich auch nach Kurzweil mit einem andren Mamr. Die Gutsbesitzers wieder, die sich vor der Ehe nicht gekannt haben, sind eigentlich über sich selber und ihr gegenseitiges Seelenverhältnis zu einander noch völlig un- klar. Sie haben sich zwar sehr lieb, aber sie lebten bis jetzt neben einander, ohne dies ihr Innerstes zu ergründen. Es ist was Fremdes zwischen ihnen. Der Mann kann nicht die Frau, diese wieder den geliebten Mann nicht begreifen. Zur Aussprache kommen sie nie darüber. Und so langweilt sich der Mann, und weil er mehr und mehr von der Idee beherrscht wird, daß seine Frau nicht zu ihm passe, so guckt er nach andren Frauen auS. In der Großhändlersgattin hofft er sein und diese ihr Ideal gefunden zu haben. Die junge Frau hingegen, die sich von ihrem Gatten vernachlässigt wähnt und eifersüchtig aus Liebe jede Regung wie jeden seiner Schritte heimlich beobachtet, wendet sich nun verzweifelt dem Jugend- freunde zu. Somit gäbe es ein dreipaariges Neigungs- Verhältnis(erstes Paar: der Großhändler und feine Kopenhagencr Geliebte; zweites Paar: dessen Gattin und der Gutsbesitzer; drittes Paar: die Frau des letzteren und der Baron)— wenn nur nicht der springende Moment der Enttäuschung käme. Sic passen doch wirklich nicht zu einander; Liebe hat keins gesucht und findet sie nicht, als es darauf ankommen soll. Das Gutsbesitzer-Ehepaar hat den besien Geioinn. Beide habeil sich jetzt nach ihrem Werte erkannt und locrden von nun an glücklich leben, denn sie fanden sich in ihrem tiefsten Wesen. Mit der Kennerschaft des menschlichen Wesens malt Lange eine in ihrer Art vortreffliche Strandidyllc. Klarheit und sommerliche Schönheit liegt darüber ausgebreitet, wie über dem Sunde und seiner Ufcrnmgebung.— Technisches. P,t._ Reue Straßenbahn-Bremse. Zur Erreichung einer möglichst großen Sicherheit im Straßenbahn-Berkehr kommt die Anwendung ciiter recht schnell lind energisch wirkenden Brems- Vorrichtung in Betracht. Die bisher benutzten Bremsen, die so- genannten Radklotzbremseu, können nun diese Wirkung nur nach einem immerhin ziemlich langen Bremsweg herbeiführen. Bei diesen Bremsen kann man eben nur auf die rotierenden Teile des Wagens dtirch das Bremsen diejenige verzögernde Kraft übertragen," die der Adhäsion(Zusammeichaugskrasl zweier sich berührender Körper) zivischcn Rädern und Schienen entspricht. Es läßt sich daher leicht berechnen, welchen Bremsweg ein mit Radklotzbreniscn ausgerüsteter Straßenbahnwagen bei gegebenen Faktoren benötigt. Fährt ein Wagen mit einer stündlichen Gc- fchwindigkeit von 25 Kilometer, so wird er mit Radklotzbremsen unter normalen Verhältnissen auf schlüpfrigem Geleise nur auf LI Meter zum Stillstände gebracht werden tonnen; sind die Geleise rrocken, so wird der Bremsweg 12 Meter und bei mit Saud bestreuten Schienen 8 Meter betragen, lim hier besserer Resultate zu erzielen, verdient ein Brcmssystcm Beachtung, das sich in Amerika bereits be- lvährt hat und daS sich als auf die Schienen wirkender Bremsschuh darstellt. Denkt man sich zwischen den Räderir der Straßenbahiilvageu mittels Federn Brenlsschuhe so aufgehäugt, daß sie als Hufeisen- förmige Magnete, die vom Führer mittels elektrischer Energie erregt werden, über den Schienen schweben, so ist leicht einzusehen, daß man durch Erreglmg die Magnetschuhe schnell auf die Schienen pressen kann. Die auf den Schienen während des Brcinsens Veranllooctiicher Redalie:ir! Karl Leid in Bertin.— Druck und Verlag: gleitenden Schuhe sind nun so eingerichtet, daß sie auswechselbar sind, und da sie aus weichem Stahl bestehen, so findet eine Neimens- lvcrte Abnutzung der teueren Geleise nicht statt, während der Ersatz der verbrauchten Schienenschuhe keinerlei Schwierigkeiten bietet. Mttels Hebelübersetzung sieht aber jeder Bremsschuh noch mit zwei Radklötzeit in Verbindung, die während der Erreguitg der elektro- niagnetischen Bremsschuh-Vorrichwng gegen die Radbandagen gepreßt werden. Man erreicht also den gewöhnlichen Bremseffekt auch bei diesen Bremsen, aber diese Wirkung auf die Räder kommt nur zur Unterstützung der Gleisschuhbremse in Betracht. Hat der Führer den Konlroller für elektrische Bremsung auf die Bremsstellung ge- bracht, so Ivird der von den Motoren, die während des Bremsvor- ganges als Stromerzeuger arbeiten, gelieferte Strom um den Eisen- kern jedes Bremsschuhes geleitet, dadurch erregt und mit magne- tischer Kraft gegen die Eisenbahnschienen gepreßt. Nunmehr tritt die gleitende Reibung zwischen Schienenschuh des gebremsten Wagens und dem Geleise ein; dadurch erfährt der Schuh einen horizontalen Druck, der entgegengesetzt zur Fahrtrichtung wirkt und sich auch auf die Radklotzbremsen überträgt. Die Wirkung dieser Bremse setzt zuerst sanft ein, da sie erst im Laufe des Bremsweges zur vollen Wirksamkeit kommt, weil ja die Bremswirkung mit abnehmender Geschwindigkeit bedeutend wächst. Die Bremsung erfolgt demnach mit dieser Bremse verhältnismäßig stoßfrei. Besser als alle Betrachtungen werden die praktischen Resultate die Wirkung dieser Geleisschuh-Bremse im Vergleich zu den ge- wöhnlichen Radklotz-Bccmsen vor Augen führen. Da die Wirkung der hier in Frage stehenden Bremse nicht durch, die Adhäsion begrenzt ist, so kann man bei 2ö Kilometer Fahrgeschwindigkeit pro Stunde bei nassen Schienen leicht einen Bremsweg von nur 13 Meter, bei trockenen Geleisen einen solchen von nur 0 Meter und bei sandigen Schienen sogar nur einen Bremsweg von vier Meter erreichen, so daß man also doppelt so günstige Brems- Wirkungen erzielt. Bei den gewöhnlichen Radklotz-Bremicit kommt noch der Uebelstand in Frage, daß der Führer meist im Augenblicke der Gefahr durch zu schnelles Bremsen die Räder festbremst; dann gleitet der Wagen mit verminderter Bremswirkung; befindet er sich gerade im Gefälle, so ist er selten zum Stehen zu bringen und kommt oft zur Entgleisung.— Humoristisches. Spöttisch. Herr:„Ach, gnädige Frau, glauben Sie mir die Liebe, die Sie vor fünf Jahren in meinem Herzen angezündet, glimmt immer noch fort!" Dame:„Da sind Sie ja der reinste Glimmstengel."— — Das kennt man. Anna:„Du mein Schatz ist ein Ge- bildcter, er schreibt sogar in Versen!" Gertrud:„Laß Dich nur nicht auf das ein, da heißt eS dann stets:„Wurst und Durst und Durst und Wurst!""— — Mißverstanden. Frau(zum KleidergeschäftS-Jnhaber, eine alte zerrissene Kinderjoppe vorzeigend):„J tät bitten, daß Sie mir jetzt die Joppen gegen a größere umtauschen. Mei Seppl is draus g'wachs'n, und wia i's vor zwei Jahr'n kauft Hab', hab'n S' doch g'sagt, weun'S mei m Seppl z'klein wär, dürft' i's umtauschen."— („Meggendorfer Blätter.") Notizen. —„Der reine Mann", ein neues Lustspiel von Felix D ö r m a n n erlebt am 24. Januar im R e ll e il T h e a t e r die Erstaufführung.— — Willy Peters vom Lcssing-Theater ist auf mehrere Jahre als Regisseur und Darsteller für das Residenz- Theater verpflichtet worden.— — Für die Hamburger K u n st h a l l e ist der Altar der Stadtkirche zu Grabow für 65 000 M. angekauft worden. Der Altar ist eines der Hauptwerke des Meisters Bertram, der in den Jahren 1357— 1415 in Hamburg arbeitete.— — In der Berliner Gesellschaft für Anthropologie wird Sonnabend Herr H i l p r e ch t über die babylonischen Ausgrabungen der Amerikaner im B ö l- T e m p e l zu Nippur sprechen.— t. Das neue afrikanische Säugetier, daS Okapi, dessen Ent- dcckung vor zwei Jahren so großes Aufsehen erregte, ist seitdem zwar besser bekannt geworden, aber doch nur in ganz wenigen Ecemplareu. Aus diesem Grunde ist der Expedition, die zur Fest- stellung der Grenze zwischen Uganda und Dcutsch-Ostaftika am Semliki-Fluß von der englischen Regierung abgesandt worden ist, ein Naturforscher beigegeben, der in den großen Scmliki-Wäldern nach dem Okapi suchen soll.— — Die„Freie Vereinigung von Amateur» Photographen in Hamburg" wird vom 8. bis 22. März 1S03 eine k u n st p h o t o g r a p h i s ch e Ausstellung ver- anstalteu. Alle Amateur- Photographen Europas sind zugelassen, sofern deren Werke den AuSstellmigs-Bestimmungen entsprechen. An Auszeichnungen werden verliehen: goldene, silberne und bronzene Vereinsmedaille», sowie Ehrenpreise im Werte von 2000 Mark. DaS Sekretariat der Ausstellung befindet sich Pferdemarkt 87 in Hamburg.—__ wrwärts Buchdrullerei und Verlagsauslait Paul Singer& Eo., Berlin 8\V