Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 13. Dienstag, den 20. Januar. 100� (Nachdruck verboten.) � Der JVIlillerbannes. Roman ou§ der Eifcl von Clara Vicbig. Tina hörte es lind wurde totenblas;— waS, ihr Mann wollte klagen? Sic hatte nicht umsonst die echt bäuerliche Angst vor Prozessen und Gericht; hatten die zwei denn ganz vergessen: einmal Prozessen ist schlimmer, denn zweimal ab- brennen? Sie kam und zupfte ihren Mann am Aermel: >, Hannes! Hailnes!" „Wat willste?" Er sah sie mit unstät rollenden Augen wild an. da entsank ihr der Mut. Sie fand keine Worte. „Och nichts, nichts," stotterte sie und schlich dann znr Thür und war froh, als sie heil hinaus war. Drallsten luden die Knechte derweil die Fracht ab; sie hatten Hebebäume untergeschoben und gingen mit dem Klavier um, wie mit derbem Stammholz. Krach— nun rutschte es vom Wagen, krach— nun stand es am Boden, krach— gegen die Pfosten der Hausthür, über den Flur geschleift, krach— nun in die Stube hinein. Hatten sie es so nicht fein gemacht? Mit Hurra empfing sie ihr Herr und die Franz kam nach- geschossen und jubelte wie toll. Ruh war das Klavier endlich da! Holla, heista, hoch! Sie umstanden es alle und staunten und bewunderten. Wenn nur einer drauf spielen könnte! Hannes klappte den Deckel aus und paukte mit beiden Händen mächtig auf die Tasteil. Das summte lind surrte und bruinmte, schwirrte und brauste und brandete— ein Meer von falschen Accorden— schrillte und gellte, guiekte und quäkte. Frau Tina, die drausten im Flur stand, fuhr sich mit beiden Händen nach den Ohren und entwich in den fernsten Winkel— o Jesus, das waren wohl Töne, aber Misttöne, sie thatcn weh! Drinnen probierten sie alle eifrig weiter. Ter Herr konnte es am lautesten, aber die Knechte, die auch einmal herandlirften. gaben mit ihren schwieligen Fäusten ihiil nicht viel nach. Die flinken Finger der Fränz huschten über die Klaviatur, wie ein Heer tanzender Mäuse. Ter Alte traute sich nicht recht, er tippte nur mal hier und da, bald mal oben, bald unten. Eine Melodie brachte aber Keiner zu Wege, so sehr sie sich auch quälten. Schallendes Gelächter und Hohn- geschrei begleiteten jeden mistglückten Versuch. Auch Nero hatte sich hingesetzt, den Kopf erhoben und heulte das Klavierchcn an. So stand's, als Pfarrer Arnoldus Cremer bei der Mühle vorbeikam. Dem hatte Engelchen heute recht früh das Mittags- inabl gerichtet, denn er wollte hinaufwandern gen Mander» scheid zum Herrn Deckant. Ein schwerer Gang war'S für ihn. Er liest sich nicht gern sehen vor'm Auge des Oberen, zu einem neuen Rock hatte es eben immer noch nicht gelangt, und der Hut von Binsenstroh, den er sich selber geflochten, fand gewist auch nicht das Wohlgefallen. Aber was half's,— er mustte vorstellig werden, der Herbststurm in vergangener Nacht hatre das Kirchlein halb abgedeckt: wenn's nicht schleunigst aus- gebessert wurde, ehe der Winter nahte, kani ihm die Gemeinde nicht mehr in die Predigt, und das wäre doch zu traurig, so sie nicht einmal mehr Gottes Wort zu hören kommen sollte.— gerade über dein Schiff regnete es ein. Und dast die Gemeinde Maarfelden es allein zahlte, daran war gar nicht zu deiften, die war zu arm. nein, das konnte sie wirklich nicht. Die Hälfte, ja, das wollte sie. tvenn die reiche Kirche von Manderscheid die andre Hälfte beisteuerte. Ach. war das ein saurer Weg! Der Pfarrer seufzte, wischte sich den Schweist und nahm unruhig den alten bauin- wollenen Regenschirm vom rechten Arm unter den linken— ach, viel lieber hätte er selber die halben Kosten getragen. als dast er da hinauf mustte nach Manderscheid! Aber woher Geld nehmen und nicht stehlen?! Und wenn er sich selbst auch seine Tass' Kaffee am Sonntag und die Semmel auf Feiertag abgewöhnen würde, den Aermsten unter den Armen konnte er doch die kleine Beisteuer, auf die sie rechneten, nicht entziehen — die Witwe Leis mit den fünf Kinderchen, hungrig wie- die Raben,— der blöde Tun. der im Sommer die Säue hütete, aber im Winter gar nichts verdiente,— der uralte Beckersch Willem, so tecklig auf den Beinen, mit seinem uralten gicht- brüchigen Weiblein, die im Armenhäuschen hinter der Kirche hausten, die warcn's doch noch bedürftiger, wie das jetzt so bedürftige Kirchendach. Nun denn in Gottesnamen! Kräftiger schritt er aus. Da hielten ihn die Töne an. die ans der Mühle schallten. Was war denn da los? Musik? O wie lange hatte er keine gehört! Denn die Orgel im Kirchlein war verstummt, sie harrte der Reparatur, und nur des Kantors durchdringende Stimme allein leitete den Gesang der Gemeinde. Horch! Ein Klavier! Verwundert ging der geistliche Herr näher und näher— es zog ihn zum Haus hin— nun lauschte er heimlich unter'm Fenster. So erblickte ihn die Fränz mit ihren alles sehenden Kinderaugen.„Ten Herr Noldes!" Wie ein Windstost sauste Hannes vor die Thür— der kam ihm gerade gelegen— packte den Herrn Pastor am Arm und nötigte ihn init Gewalt in die Stube hinein. Das Klavierchen sei eben gekommen, das müsse er sich ansehen. „Kucktelhei, is et net ebbes ganz Ertras, is et net tausend- mal schöner, wie dem Laufeld sein't?!" Hannes strahlte im glücklichen Besitz. In der That, das- War etwas ganz extra Feines! Ein Klavierchen, ach ja— wie lange hatte der geistliche Herr keines gesehen! Liebkosend strich seine Hand über die Politur: da konnte man sich ja drin spiegeln, so blank war sie! Die Fränz versuchte es schon. Fast fünfzig Jahre warcn's her. ja, ja, so viele waren es wohl, da hatte der junge Arnoldus im Priesterseminar vor'm Spinett gesessen und fromme Weise geübt zu heiligem Gesang. Ob er die jetzt noch finden würde? Nein, das glaubte er sich selber nicht— fünfzig Jahre sind lang, da kann einem vieles entschwinden! Der alte Herr nahm, ein bistchen wehmütig lächelnd, den Binsenhut ab und wischte sich über die Stirn. Der Müller lud ihn ein, beim Klavierchen Platz zu nehmen— ob er nicht spielen möchte? Nein, nein! Arnoldus Cremer erinnerte sich plötzlich wieder seiner dringenden Mission: er hatte gar keine Zeit, keinen Moment, mustte fort, für das Kirchendach oben bitten. Hei, weiter nix? Wegen den mußt' er fort? Haha, das fehlt noch! Dem Hannes lag daran, den geistlichen Herrn da zu behalten, es verlangte ihn, sein Klavierchen zu hören, jetzt — gleich— auf der Stell' mustte es sein; nun brannte er darauf. Und der Noldes konnte spielen, nein, den liest er nicht fort. Nun war er ganz versessen. Mit beiden Händen drückte er den alten Mann auf den Stuhl vor'm Klavier und entrist ihm den Schirm, den der wie zum Schutz umklammerte: „Her mit'm Pärpel!") Spielen. Hochwürdcn, spielen!" „Ne. Hannes, ne, ich must ja nach Manderscheid!" Der Pfarrer wehrte sich, aber Hannes liest nicht locker: „Spielen Se, spielen Sc!" „Ich must doch— wegen dein Kirchendach— dem Herrn Techant sein Mittagschläfchen— bis zwei Uhr spätestens must ich oben sein, um—" „Kotzzackerlott noch ehe-, wat macht dann eweil den ganzen Bettel? Ich zahlen die Hälft'"— Hannes besann sich nun keinen Augenblick mehr—„ich zahlen et, Punktum, streu Sand drauf. Un jetzt abgemacht, eweil spielt Ihr!" Die Umstehenden murmelten Beifall: ja, spielen, der Herr Noldes sollte spielen, ein schönes Stück, ein lustiges Stück! „He. Vadder, Ihr seid ald, Heiraten must ich bald" oder „Ich armer Mann, was fang' ich an Mft meinem bösen Weib!"— Ha, eins zum Tanzen! Fränz klatschte in die Hände. Da schlug der Herr Pfarrer die ersten Töne an. War's möglich, wirklich wahr, der Müllcrhannes wollte die Hälfte zahlen, er brauchte nicht hinauf, oben nach Manderscheid?! Kaum faßte er das Glück. Tie Tasten, die er anfangs nur zag und ängstlich zu be» rühren gewagt, tippend mit einem Finger, drückte er nun kräftiger nieder. Der Hannes bezahlte die Hälfte vom Kirchen» •i Parapluie. dach— ja, ja. der hatte es gesagt, da war kein TeiÄÄn d'ran. Wie ein Wunder war's gekommen, ungesucht, ungeahnt! Nebcr alles Bitten und' Verstehen— und das Klavierchcn, o, das war ihm zum Segen geworden! Also darum halte es ihn so unwiderstehlich zur Mühle hin unter's Fenster gezogen. Er hatte den Tönen folgen müssen. Vor seinen Augen verschwamm alles, die Stube, die Menschen, zum goldenen Nebel wurde die Lust, und mitten darin stand die heilige Cäcilie und lächelte ihu an. Ta griff er niit alleil zehn Fingern immer kühner in die Tasten und seine Hände, von Alter und der Gicht ungelenk, voin Körbeslechten rauh, suchten und fanden doch die rich- tigen Töne. Immer näher rückten ihm die Neugierigen aus den Leib — hei, wie schön der Noldes spielen konnte! Tie Knechte rissen die Mäuler auf, Großvater Matthes wiegte schmunzelnd den Kopf. Franz flog mit einem Jubelschrei aus ihren lachen- den Vater zu; der packle sie um die Taille und tanzte mit ihr los, wie toll, mitten in die Stlibe hinein, das; der Hund belfernd anffprang und in Riesensähen das Paar umkreiste. Derweil fast der greise Pfarrherr wie entrückt am Klavier, die kleinen, müden Äugen waren glänzend geworden. Er borte nicht das Schleifen und Stampfen und Bellen und Poltern. Seilte beglückte Seele folgte der Melodie: „O süfictissirna, o piissinia—" (Forifetzung folgt.). Hebbels Gyges. lSchauspiclhauck.) Der Gpges wird von den Verehrern des Dichters als eine der grvhten Schöpfungen gefeiert.„Mau wird— tagt Emil uuh, der Hcbbel-Biograph— schwerlich einen einzigen falschen Strich, cincn fehlerhaften Halbton dein Stücke nachwehen tonnen. Q-i verdient das höchste Lob' einer lebensvollen leidenschaftlichen Schönheit, welche iir ihren ruhigen Momenten das Gemüt nicht minder erregt, als sie unsrcn Formcnsin» ergnickt, Ivo sie zu stür- Mischer Bewegung sich entfaltet. Die Voltsznstande, Klima und Landschaft legen sicki wie das der Fabel gemäste atmosphärische Kleid um die schlanken Glieder der Handlung. Aus deni Wohllaut des getragenen Gesanges, den die Sprache in Goethes Jhphigcnie anslimnn. und aus der in Rawrlauten sich brechenden abgekürzten dramatischen Rede Heinrich pon Hleisis erscheint hier der Stilcharakter des LerfeS gemischt." Hebbel ist heute angesehener wie jemals früher. Schon um dieser„Modernität" willen durfte man bei dem Publikum. das sich im Schauspielhanse vcr- sammelt hatte, die Neigung, sich dem Eindrucke der Dichtimg hinzugeben. ohne weiteres voraussetzen. Und doch— die Wirkung blieb aus. Was sich hier und da nach den Aktschlüssen an Beifall hervorwagte, llang so dünn und gcguält, das; sich nicht einmal mit Fug und Recht von einem der übliche» Achtungserfolge hier sprechen lästt. Der Aufführung ist wohl die Schuld daran nur zum geringsten Teil beizumessen. Es ist wahr, Herr Christian s blieb als GygeS in einem ganz Sustcr- lichen Theaterpathos stecken und die Hofdamen RodopcS troffen von Süstigkeit, aber dafür bot Matkowsky als König KandaulcS die Erfüllung alles dessen, Wa3 der Poet für diese Gestalt ersehnt haben mochte. Er war prächtig anzusehen in der ruhigen Fülle der Kraft, in seinem offen- heiteren Vertraue», in der glutatmcnden Leidenschaft, die den frevlen Gedanken in seiner �eelc aufflammen lästt, als Liebender, in dem aufdämmernden Bewusttsein seiner Schuld und iu dein stillen Sichbcugen vor dem rächenden Verhängnis. Und auch die schleierumhüllte, hohe Königin des Fräulein Poppe, obwohl das, was sie gab, sich mit dem Reichtum, ans dem ihr Partner den König schuf, sich nicht vergleichen konnte, obwohl hier und da ein Ton sich brach, war getränkt und getragen von dem Geiste der Dichtung. Die sanfte Stimme, die edlen Bewegungen strömten einen Hauch der unsichtbaren Seelenreinheit aus. So hielt das Treffliche dem Mangelhaften mindestens die Wage. Nicht an der Darstellung, an dem Werke selber lag es, das; die Herzen sich nicht erwärmen wollten. Was man zum Lob von Hebbels Sprache in diesem Stück gc- sagt hat. ist wahrlich nicht übertrieben. Immer kernig und gedankenschwer blüht sie hier, ohne etwas von der gedningenen Kraft des Ausdrucks cinzubüsten, zu einer farbig-auellenden Pracht des Bilderreichtums wie iu keinem der früheren Dramen am. In diesen Bildern spiegelt sich und lebt die südliche Natur: sie sind es in erster Reihe, die das Ganze, nach dem feinfühligen Worte Kuh», wie mit einem„atmosphärischen Kleid" umhüllen. Und auch das andre Wort von den„schlanken Gliedern der Handlung" trifft gut den wirtlichen Eindruck. Auf jede Zuthar, die den Blick vom Wesentlichen ab- ziehen könnte, ist verzichtet. Kein Schicksal greift von außen hemmend oder fördernd ein. AuS dem inneren Verhältnis dreier Personen wächst die Handlung gradlinig, Sproß an Sproß ansetzend, zur Höhe empor. töer diesem Wachstum fehlt der freie, der seelenerftischende Reiz des Natürlichen. In einem hohen Treibhaus scheint die Pflanze am Stecken aufgezüchtet. Stößt man. um auszuatmen, die ängstlich jeden Lnsthauch absperrenden Scheiben aus, dann wellt sie zur selben Stunde. Hebbel fand die Erzählung von Ghges in dem Geschichtsbuch Hcrodots. KandauleS, der König der Lydier, versteckte einstmals GygeS seinen Günstling in dem Schlasgemach der Königin, damit er die Schönheit der Entkleideten betrachten möge. Rodope aber, die Königin, bemerkte den Verborgenen und beschlos; blusige Rache. Sie versprach Ghges ihre Hand, wenn er den König löten würde. Wemr er sich aber weigere, drohte sie ihm selbst den Tod an. Vor diese Wahl gestellt, ermordete er KandauleS, nahm seine Krone imd sein Weib und regierte zum Wohlgefallen der Götter und Menschen lange Jahre daS Reich. Ergänzend berichtet ein spätere Mythus. das; GygeS einen unsichtbar machenden Zauberring besessen und mit diesem auf das Gehet); des Königs in das Schlafgeinach ein- gedrungen fei. Ein West', das in seiner Schamhafsigkeit von dem Gatten aufs Tiefste verletzt, ihm den Tod bereitet, das war eS, was.Hebbel air der Tage mächtig anzog. Und wo ein andrer den Vorgang durch eine Vielheit wechselweise sich bedingender Motive uns menschlich näher zu rücken versucht hätte— die Erzählung bietet ja so viel der AnknüpsungSpuitkte— da schärfte und schärfte Hebbels aufs mastlos ungeheuerliche gerichteter Sinn ihn nur noch mehr. Der Fall soll millermischt, soll„rein" zur Darstellung gelangen. redueiert auf eine Formel, die die i» ihm enthaltenen Gegensätze auf die Spitze tteibk. Dazu gehört es, das; die Personen alle mit dem höchsten Cdelmnte ausgestattet find. KandauleS ist bei Hebbel der zärtlichste, der achtungsvollste aller Gatten. Er hegt den Wunsch, dah Rodope am Tag der grasten Feste einmal im Fahre die Säle und Gärten der Königsburg verlasse und dem Voll in aller ihrer Schönheit erscheine. Es drängt ih», den Schatz, der ihn am meisten beglückt, der ihn am stolzesten macht, den andern zu zeigen. Aber auch dann als sie, dem Brauche ihrer fernen Hennat treu, diese Bitte. die heißeste ihm abschlägt, kommt kein Wort des Vorwurfs über feine Lippen. Nie war feine liebende Bewuiidennig der Fran glühender, als in dem Augenblick, wo er, damit ein einziger wenigstens der Zeuge seines Glückes sei, GygeS mit dem Ringe in daS Schlasgemach der Königin herein lästt. Hebbel bemüht sich, das Peinliche, Empörende der Handlung in möglkisst enge Grenzen cm- zuschliesten. Rodope hat nichts zu rächen, anster diese eine Thai, die nicht aus einer niedrigen, das Weib verachtenden Gesinmmg, sondern aus der wirren Begierde einer kurzen Stunde geboren ist, Sie liebt den Gatten mit jeder Faser ihrer Seele, sie hört, a!S ihre Krieger den Jüngling gefesselt vorführen, aus Ghges eignem Munde. wie Alles kam und mit welchen Worten der Verehrung KandauleS pctö von ihr zu dem Freunde gesprochen. JedeS andre. Motiv, als der eine große Schmerz der verletzten Scham, ist ihr genommen. Ihrem hohen Sinn, sowie ihn Hebbel schildert, liegt alle niedere Rachiucht weltenfern; sie scheint ganz Sanftmut und Hingebung; nicht das tlciiifte Spinnlrin durfte vor ihrem Auge getötet werden. Und dieses Weib versagt sich nun nicht etwa dein- Gatten, sie flieht nicht, sonder» ruft dein Griochenjüngling z»:„Tn mußt ihn löten, Du mußt— und ich, ich imist mich Dir vcr- mähten". Noch mehr, die Worte RodopeS sollen nicht die Worte einer in leidenschaftlicher Erregung Rasenden sein, sondern Worte aus den Tiefen der Natur: Worte, die gerechte Sühne fordern, als ein Gebot, dem sich die Edelsten, wenn sie gefrevelt, willig fügen. Stärker noch wie in dein Psychologischen verwischen und verwirren sich in dieser Ideologie, ans der heraus in seinem tiefsten Grunde das Werk geboren ist, alle Grenzen und Maßverhältnisse. Den Frevel, den er erst durch die Begleitumstände so sehr gemildert hat. läßt Hebbel kontrassierend dann in dem Bewußtsein seiner handelnden Personen ins Ungeheure schwellen: „Die Elemente brauche»'S nicht zu künden, Daß die Natur vor Zorn am tiefsten fiebert, Weil sie verletzt in einem Weide tst." Als ob sie Tag für Tag nicht in Himderttausendcn von Franeit verletzt würde I Uitd GygeS ruft KandauleS zu: „Mit diesen meinen beiden Augen Verübt ich einen Frevel, den die Hände Nicht überbieten, nicht erreichen würden. Und zückt ich auch auf Dich und sie den Dolch." Rodope fühlt sich älS die Befleckte, die. wen» sie ihres Rächer- amteS gewaltet, nicht länger leben darf: und den Grund dieses alten Gesetzes„hat sie in ihrer eignen Brust gefunden". Für den Jüngling. den beim Anblick der Entschleierten todeStrunkene Liebe und der Schauer vor seiner Thal ersaßt haben, ist ihr Wort wie der Schicksalsspruch der Gottheit. Mit zerrissenem Herzen eilt er zu dein Freund und König, ihn zum Zweilainpfe zu fordern. Und auch KandauleS unterwirft sich ihrem Gebot. Er will büßen und sterben, damit sie lebe. Dia Empfindung und da-Z Gebot des Weibes erscheint ihm als ein Symbol der durch die Jahrhunderte wirkenden Sitte, die er durch jene That und auch sonst durch eitle NcuerungSsticht verletzt hat. Er fällt, Rodope aber stößt sich, vor dem Altar der Hessia mit GygeS ver- inählt, das Messer in die Brust. Nun, da der Jüngling ihr Gemahl geworden, ist ihre Aufgabe erfüllt: Ich bi» entsühnt, Denn keiner sah mich mehr, als dem es ziemte." In diesem Epigramm deS Schlusses erreicht die Ueberspannung der Idee ihren prägnantesten Ausdruck. Wa-Z verbindet diese klügelnd-verzloicktc EntsLhnungSlasuistik, die nicht realistisch als phpchologisch-ethnologischcö Kuriosuni, sondern als tragischer AuS- druck innerster Notwendigkeit in dem Werk uns präsentiert wird, mit irgend einem in uns selbst lebendigen Gefühle. TaS wird nicht mehr als stilisierende Steigerung der Natur, sondern als Auf- lösung derselben in ein allegorisches Gedankenspiel empfunden. Ohne Erschütterung, nur Verlvundert schaut man dem Treiben jener fremden Wesen zu. Arn Sonntagbormiliag wurde in einer Aorstellung der Lessing- Gesellschaft die phantastische Komödie der..Dia in a n t" aufgeführt. DaS Werk galt unmer als eins der schwächsten Hebbels, und die Vorstellung'bestätigte die Meinung. Langsam und monoton schlich die Handlung dahin, nur die EinfaltSspäsze deS Bauern Jakob und die Dummheit des alten Benjamin, der den Diamauten im Bauch trägt, riefen da und dort ein kurzes Gelächter hervor. Der Diamant ist ein Wunderstein, hierin dein Siing des Gyges ähnlich. So lange er im KönigShausc verbleibt, wird das Glück dorr blühen. Da verliert ihn die Prinzessin und erlrankt. Ter König setzt ciire halbe Million als Preis für den Finder aus, und nun be- ginnt eine tolle Jagd. Es handelt sich darum, dem Juden, der den Stein gestohlen und verschluckt hat, seine Beute wieder abzutreiben. Schließlich erhält die Prinzessin den Diamanten zurück, aber nicht der Stein, sondern die standhafte Liebe deS Prinzen, der mit ihr zugleich sterben will, ist cS, was sie gefunden macht. Den Preis erhält der Bauer, der einzig Ehrliche unter all' denen, die hinter dem Diebe her waren. Der symbolische Sinn, den der gereimte Prolog verkündet: am Stein und seinem Schicksal sei die Nichtigkeit der Welt phairtastifch lustig dargestellt, läßt sich schwer in der Komödie wicdersinden. Die Rollen boten keine sonderlichen Auf- gabcir. Markant war Joseph Klein in der Rolle �eS pfiffigen gehetzten Juden.— Conrad Schmidt. Kleines feuilletom Ii. Tie babyloiinchen Ausgrabnngen der Amerikaner im Bäl Tempel zu Nippnr. Die Erforschung alter Kulturstätten am Euphrnt und Tigris wird nicht nur von der deutschen Lricntgesellschaft, sondern auch von den Amerikanern eifrigst betrieben._ Tie Kosten der Aus- grabungcn, bisher nahezu eine halbe Million, sind von lö bis 20 angesehenen Bürgern, Philadelphias gedeckt worden; für eine neue Expedition find bereits weitere 200 000 M. aus privaten Mitteln zur Bcrfügnrtg gestellt; gleichfalls von privater Seite ist an der Universität Philadelphia ein Lehrstuhl für«ssyrwlogic gegründet. dessen Inhaber von sämtlichen Borlestingen befreit ist. Professor Hi sprecht, der diesen Lchrsrnhl innc hat, hat infolge dcffen in den letzten 14 Jahren wiederholt Babylonien.»ach allen Richtungen hin durchforschen können. Die Resultate seiner letzten Erpedition trug er am Sonnabendabend in der Gesellschaft für Anthropologie vor. Im Gegensatz zu Pros. Delitzsch, der bekanntlich die Behauptung aufgestellt hat. das; die Kultur der Israeliten von den Babhloniertt entlichen sei. vertritt Hilprecht die Anschauung, das; sich JSracl seine reine monotheistische GottcSidcc unmöglich aus dem babylonischen Leichenhanse geholt haben könne; es sei undenkbar, das; Israel sich gewissermaßen einen faulen Wechsel auf das bankerotte Babylon aus- gestellt habe. Unter ungeheuren Schwierigkeiten ist es der Expedition gelungen, den berühmten Tempel deS Bul zu Nippur aufzufindcn. Es lassen sich in den Ruinen 21 verschiedene Schichten genau aus- einanderhaltcn, die drei großen Perioden angehören, der nach- babtzlonischen von 030 v. Chr. bis 1000 n. Chr.. der semitisch- babtzlonifchcn von 4000 bis 330 v. Chr.. und der prähistorischen. von Unbekannten Anfängen bis etwa 4000 v. Chr. An den Funden aus der rrachbabhlonischen Periode läßt sich allenthalben der hellenistische Einfluß erkennen, z. B. an den Bildern mit dem Haupte der Medusa, an der Form der Vase», �an den Terrakotten mit erotischen Darstellungen, ja selbst an dem Spielzeug der Kinder. Es zeigt sich, daß die alten Sitten verdrängt werden, auf den Trümmern des Tempels werden Festungen errichtet, die alten Ruinen werden fleißig nach Schätzen durchwühlt. Nock) einmal erblüht eine Epoche der Kunst, znsammcngcschweiht aus römisch- griechischen_ und orientalischen Elementen, aber sie ist nur von kurzer Dauer, gleichsam daZ letzte?rufslackern eine-Z abgebrannten Lichtes vor seinem Er- löschen. Zahllose Gräber sind aus dieser Zeit erhalten. Tie Särge bestehen aus Thon in der Form eines niedrigen Filzschuhes, andre sind trogsormig mit gewölbtem Deckel, wieder andre haben die Form von Urnen oder Badewanne». Die Skelette liegen in ihnen mit zrisammengebogenen Kniecn. Aus der semitisch-babylonischcn Periode ist das Bemerkens- werteste der Tempel. Er besieht aus einem inneren und einem äußeren Hof, die durch ein monumentales Thor verbunden sind. Ter eine Hof enthält das Haus deS Bäk und das, wo dein„Vater der Götter" Geschenke dargebracht wurden. In dein äußern Hof. der noch nicht erschlossen ist, liegen vermutlich 24 Tempel andrer Götter. Am wertvollsten ist die Tempclbiblioihck, von der bisher 23 000 Texte gefunden sind, teils rein geschäftliche Urkunden, die von den Eiilnahmeu und Ausgaben des Tempels, vom Kauj und Ver- kauf. Mieten von Sklaven und Tieren handeln, teils religiös wissen» schaftliche. Von letzteren konnte bisher erst ein lleiner Teil bloßgelegt: werden. Man konnte an ihnen genau die Methode deö Unterrichts erkennen, der sich besonders aus Arithmetik, Mathematik undAstronomio erstreckte. In seiner viertausendjährigen Geschichte sieht der Tempel vor uns als die Central-KultuSstätte des alten Babylon, als Sit, einer Priesterschule und einer herrlich ausgestatteten Bibliothek. Auch auS der vorhistorischen Periode sind tocrtvolle Funde zu verzeichnen. eine Wasserleitung und zahlreiche Kunstgegenstände, die darauf schließen lassen, daß auch dieser Periode bereits eine Zeit langer tünst- lerischer Entwicklung vorhergegangen seilt muß. Alle die Funde, die der Vortragende durch mehr als 100 Lichtbilder den Zuhörern von Augen führte, hat der Sultan dem archäologischen Museum itzeri Universität Pennsylvanien als Geschenk überwiesen. Was ist aus Babylonien, der Wiege der Menschheit, der Ge- burtSstätte von Kunst und Wissenschaft, geworden? Eine Stätte der Verloüstung und Unwissenheit, das Eldorado für Räuber und Mörder. Die Kanäle, die die fruchtbare Ebene dnrckmrömtcn, sind mit Schutt verstopft, im Herbst und Winter gleicht Babylonien einer großen, Landwüstc, im Frühling und Sommer einer Wasserwüste. Bon einer Vegetation ist nichts gu spüren. Halvnackte Männer und Frauen und schlechtgcnährte Kinder bewohnen diese Sümpfe, stuinpfsiTinig« Ignoranten. Zur Charakterisierung des Bildungsniveaus dieses Bolksstammes diene die Thmsache, daß die Männer ihre eignen; Photographie», die ihnen Professor Hilprecht zeigte, für die Aüo."-. von Büffel», die ihre Kinder für die Bilder junger Hunde erklärten. Trotz des trostlosen Zustandes von Babylonien sprach der Forscher am Schluß seines Vortrages die Hoffnung aus, daß der Fluch nicht immer auf dem unglückliche»Laude lasten, sondern daß auch hier die Kultur noch einmal zu neuem Leben erblühen werde.— Theater. _ Freie Volksbühne.(Metropol Theater.) Die letzte sonntagnachmittaZ-Borftcllung darf unstreitig als interessantes Experiment gelten, für dessen Darbietimg der zielbewußten Vereins- leitmig Tank gebührt. Maurice Maeterlinck, der Belgier. Frank W e d c k i n d, der Führer der„Elf Scharfrichter"' iii München, und Arthur Schnitzlcr. der Jung-Wiener, die zi« Wort kamen, sind Charakterköpfe in der modernen Lirtcratur dreien Länder, jeder ein andrer, wenn man will, ein eigner. Maeter- lincks Einakter„L'intrnsc"(„Der Eindringling") gehöre» von dem letzten Drama„Monna Banna" aus betrachtet, zu einen offenbar abgeschlossenen Schassenspcriodc deS Dichters. Die ihm eigne Sensivität, etwas Uebersinnliches, IlebergetstigeS in die Er- scheiming zu bringen, wird hier offenbar. Der blinde Großvater ist gewissermaßen die Verkörperung der ungemein feinen Dichternerven. die Schlvingungen im Leben der Menschen in der bloßen Aimosphära um sich her erfassen, welche gröbere Sinne nicht berühren. Bon eigentlicher„Handlung" wird da nicht die Rede sein können. Das Element geheimnisvollster„Stimmung" ist alles. Daß dies Element feilgehalten«verde, ist Sache der Darstellung. Von ihr hängt es ab. ob der Zuschauer mit ergriffen wird oder nicht. Das geringste Zuviel kann hier oft leicht in Komik umschlagen, und man empfindet oft die. ängstliche Besorgnis, daß ein Wort, eine Dialogwendung, besonders wenn durch Wiederholung das dichteriche ScusivitätSgcfühl gesteigert ist. sich auf der äußersten Grenze zwischen tragischer oder komischen Wirkung bclocgt. Tic hierdurch hcrvorgcrufenc Nervenspanuung ist bei ihrer endlichen Auslösung naturgemäß ausschlaggebend für die Anteilnahme der Zuschauer. Die Darftcllcr, allen voran H ans P a g a y, trugen dem Wesen der Dichtung durch gedämpftes Spiel und Sprechen Rechnung, soweit dies in ihrem künstlerischen Vermögen stand. Frank W c d e k i n d s Einakter„Der Kammersänger'" � führte ins pulsierende Leben zurück. Das gab sich in dem ungleich stärkeren und nachhaltigen Beifall kund, mit dem die Aufführung be- gleitet wurde. Als der stärkere von beiden Autoren erwies sich Wedekind immerhin. Hannoveraner von Geburt, teils in Süd- amerika, teils in der Schweiz aufgewachsen und erzogen, in München, aber auch an der Seine heimatlich, wie selten einer, ist cv sozusagen das geistige und künstlerische Produkt beider Hemisphären. In dieser Jnternationalität liegt vielleicht mehr als in allem andren das Geheimnis der Mischung seines dichterischen Wesens.„Ter Kantmersänger". später entstanden als der„Erdgeist", isr ohne Frage ein vorzügliches Drama von einheitlicher Gesamtwirkung, ohne daß Wedekinds eigentümlich barocker, mephistophelisch- satirischer und negierender Geist um irgend eine Kapriole gekomnien ist. Eduard von W i n t e r st e i n(Gcrardo) und Hans P a g a Y(Dühring). dann in gemessenen Abstufungen Laura Heuser(Frau Helena Marowa) und Stefanie Kriß(Miß Isabel) gaben gute Leistungen. Arthur S ch n i tz l c r s„Litteratur"- Schmant gehört zwar nicht zu den hervorragendsten Stücken des Dichters; aber er ist als gciftreickie Vcrulkung Münchcncr Bohemiens aus dem Anfang der neunziger Jahre bemerkenswert. Die Wiedergabe der Marga- reihe durch E m m Y W y d a sowie des Barons Clemens durch E m i li B i r r o n entbehrte jedoch der spenfischen Grundfarbe, bei ollen Bravheit. Erst der Gilbert Eduard v. W i n t e r stein-! brachte! Charattcrisicrimg hinein. Aber die Absicht- des Dichters ivurde ver- standen und viel belacht.— e. k. Berliner Theater.„H e i m r e h r." Schauspiel in 5 Aufzügen von Hans Volkmar.— Dr. Georg Dihm, Natur- forscher und obligater Erfinder seines Zeichens, hat sich, ganz widen Eelvohnhcit des Gclehrtenstandes, in unglaublich kurzer Zeit cm Mesenvcrmogen von 12 Millionen Marl erarbeitet. Tank günstigsrer j die cc- überhaupt giebt— weder die stattliche Würde noch auch die Anlage wird dies Kapital nach 10 Jahren aufs Doppelre anschwellen. Dihm ist bei alledem ein merkwürdiges Eremplar seiner Gattung. Er liest sich von dem Stückoersasser(oder sollte dieser, wofür mancher- lei Anzeichen vorhanden sind, gar eine„sie" sein?) zu einem„Ge- mütsmenschen", Kraftmeier und Naturburschen naivster Sorte stempeln. Ein Nabob. ein Glückspeter, wie er nun mal ist, ist er nach seiner Vaterstadt Hohenlinden zurückgekehrt, um hier, als dem schönsten Fleckchen Erde, das er jemals auf seinen Weltreisen gesehen haben will, sein Leben in beschaulicher Behaglichkeit zu verbringen. Aber nicht blotz das. Weil es nämlich der„Traum seines Lebens" war. sein Heimatstädtchen zu einem Paradies zu machen, so beschliestt er. die 12 Millionen Hohenlinden zu schenken. Die ehrwürdigen Ge- meindeväter sind darob natürlich ganz entzückt. Nack Durchsicht der Schenkungsklauseln machen sie doch bedenkliche Gesichter. Dihm fordert nämlich die unglaublichsten Tinge: darunter ein Krematorium, elektrische Lichtanlage, Krankenhaus, Volksbad, ja sogar die Errichtung einer Volkshochschule, ein Institut, das unsre Krähwinkler selbstverständlich als eine„Brutanstalt" für die„Roten" ernstlich be- kämpfen müssen. Die bedenklichste aller Tihmschen Forderungen ist aber diese: die vorhandenen Waldbestünde sind durch Ankauf bis auf drei Meilen im Umkreise zu komplettieren und sodann in einen Volks- park mit Skulpwren von 5elinger— nicht von Begas I— zu verwandeln. Und, damit die Naturschönheit und idyllische Ruhe dieser Anlage nicht gestört werde, soll sich die Gemeindeverwaltung ver- pflichten, sowohl die Errichtung von Fabriken als die Durchführung einer bereits geplanten Eisenbahn bintanzuhalten. Vornehmlich diese Schenknngsklausel bildet nunmehr den strittigen Punkt der Verhandlungen. mit dem Ergebnis, dast Dihm. empört über solche Kräh- winkelei, sei» Geschenk zurückzieht. Um aber zugleich ein Erempcl zu statuieren, seht er der Pflegetochter deS Bürgermeisters, die von diesem durch die offene Verdächtigung, als untcrbalre sie mit Dihm intime Beziehungen, schwer beleidigt wird, eine jährliche Rente von 12 000 Mark aus. Die Wut des Stadtoberhauptes kennt nun gar keine Grenzen mehr; aber Dihm zwingt den Edlen zu einer gar kläglichen Abbitte— und das Schlustfaeit des Stückes lautet: Dihm und dao beleidigte Hausfräulein werden ein glückliches Paar.— Laufss ..Heerohme" war schon ein nettes Radaudrama. Volkmars„Heim- kehr" ist aber ei» Spektakelstück ohne gleichen. Von den fünf Akten spielt einer im Wirtshaus, einer bei einem merkwürdig fatzkehaften Amtsrichter, und einer veranschaulicht eine weibliche.sirickstrnmpf- und Kasfeeschlacht bei der Frau Bürgermeisterin a la„Gartenlaube" nebst diversen Witzblättern. WaS der„Dichter"(oder die„Dichterin') an altlatcinischen Sentenzen, an Jägerlatein, an Scherlscher„Lokal- Anzeiger"-Weisheit über socialdemolratische Parteiführer(Singer. Bebel usw.), an nationalliberal-patriotischcr Phrasendrescherei über Bismarck, das Zeitalter Wilhelms II., des Erhabenen, an Krafi ausdrücken. Verbalinjurien und vulgären Schimpfwört-rn irgendwie gusammenorachle, marschiert hier auf. Es ist zum„Schreien l-r-flv Publikum„schrie" auch förmlich, denn es befand sich hier in„angc- neblncr" Gesellschaft— und Dr. Paul Lindau dankte für den oalat persönlich.— e- k- Musik. Volkstümliche Kunstbesrrebungcn stehen— tvcnigstncs heute— stets in einer zweifachen Gefahr. Erstens in der, dast da-? Volks- ttimliche volkSdümmlich wird. d. h. dast man um seinen billigeren Zu- tritt ein„Billig und schlecht", sonst aber nichts andres bekommt, als tvaS es auch sonst überall giebt. DaS war ja auch der Gedanken- gang der einzigen ablehnenden Kritik, die da? Schiller-Tbeater-llnter- nehmen neben laurer Zustimmungen erfahren hat(wie Direktor R. Loewenfeld im letzten Heft seiner„Volksunterhalttmg" berichtet). Und zweitens besteht die Gefahr, dast solche Darbietungen nichts Wesentliches erreichen, weil eine wirkliche Erziehung zur Kunst mit viel dauerhafteren Mitteln erstrebt werden müstte; wozu auch die Fälle gehören, dast das Targebotene entweder nicht verstanden wird oder gar nickst einmal denen zu gute kommt, für die es bestimmt ist. Mit diesen Befürchtungen gingen wir denn auch an den neusten derartigen Versuch heran. Das„Bunte Theater" überbrett- ligen Andenkens in der Köpnickerstraste versuchte vorgestern am tsonntagnachmittaa eine„Volkstümliche O p e r n- V o r- stellung", und zwar mit LortzingS ewig erfreulichem „W a f f e i, s ch m i c d". Man must in solchen Fällen, zumal wenn eö sich wie hier um ein neu einzuarbeiteudeS Ensemble handelt, mit den Ixycheidensten Maststäben der Kritik anrücken. Eö handelte sich zun« Teil um Darsteller, die nach einigen Seiten ihreö Könnens noch in den Dilettanten- und Naturaliftenschuhen stecken, die Buch- ftaben nicht recht aussprechen und aussingen können, u. dgl. in. Und dock, hat uns lange nicht eine Vorstellung so viel Freude gemacht, wie diese. Schon der Gesamteindruck des inneren Theaterbaues ist solchen Versuchen, sofern es sich nicht uni die„groste". sondern um die„intime" Oper handeln soll, günstig. Die Akustik vortrefflich und noch erleichtert durch zwei Umstände, einen wagnerfchen und einen nicht toagnerscken. Jener ist das größtenteils verdeckte Orchester, dieser ist ein Borbau des Prosceniums, der ein soliftischeS Hervortreten au? dem sonst so mystischen vorderen Abschlnst der Bühne und somit die eigentlickic» Leistungen des Singspielartigen begünstigt. Allerdings »oerden dadiirch üppige Stimmen noch mehr als sonst zum ulifciiicn Loslegen verleitet. Einiges davon war diesmal schon zu spüren. namentlich l>ci den Sängern des Waffenschmiedes selber und de? Ritters von Liebenau. Jener. Herr Wolfs, brachte für seine Rolle des Haus Stadinger— eine der prächtigsten Bübnenfiguren, Peram.iiomicher Äedakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verleg: I tiefe Wärme mit, die hier zu wünschen sind: und er must die Kunst ' der Aussprache und die der Verfügung über seine Gliemahen über- Haupt erst lernen. Aber, was eine Hauptsache ist: er gab etwaS aus sich heraus, keine Zcheatcrkonvcntion: und dieser gerade bei einem solchen ePrsonal merkwürdige Vorzug belebte auch einige andre Dar- steiler, ja sogar den Gesamtton der Aufführung. Zwar Herrn Günther A l'b i n als Liebenau gebührt weniger dieses Lob als daS einer verhältnismätzig hervorragenden Gesangsleistung. Hingegen gilt jenes Lob wiederum von Frl. L o t t i E i ch st ä d t als Marie. Freilich singt sie manchmal, besonders wenn nicht gerade ihre hübschen Kopftöne an der Reihe sind, derart, dast man an den sccessionistischen Ranken der Wände des Zuschauerraumes hinaufklettern möchte: und das eine laste sie sich gesagt sein, dast anmutig runde Bewegungen auch dort nötig sind, wo etwa? Ungeschlachtes charakterisiert werden soll. Doch ihre Art, die Figur der Marie zu gestalten, war so frisch und natürlich und so frei von dem Typus der„Sentimentalen", dast man ihr gerne folgen mochte. Frau H o b b i n g als Jrmentraut spielte gut und sang nicht gut: Herr W i l l e r t als der schwäbische Ritter wird um mehr Deutlichkeit, Herr Nord als Wirt Brenner um besseres Spiel gebeten. Herr S ch e l l e r als Knappe Georg war trotz einer Indisposition als der anscheinend Routinierteste von"Allen zu betrachten. Von dem(ungenannten) Kapellmeister ist nicht zu verlangen, daß er an dieser Stelle eigne Bortragskünstc produziere: llcnug, dast er den— ohnehin recht netten— Ehor und überhaupt das Ganze mehr als notdürftig zusammenhielt und manchmal»nieder zusammen- brachte. Auch die Regie»var nicht eben schlechter als anderswo. Schlecht»var der Besuch, und nicht eben volkstümlich! Wir können im Ganzen mit gutem Gewissen raten, dem neuen Untenuchmen Sympathie und Besuch in reichlicher Menge zu tvidmen. Der zweite und größte Genuß, den»vir»ins an diesem Tag be- reitetett,»var der, daß wir eine Prnnkvorsiellung im Königlichen Opernhaus, bei dem ein patriotisches Stück des Franisurtcr Munt- frommen Bernhard Scholz angesagt war. links(oder vielmehr rechts> liegen ließen und uns zum Theater des Westens Ivandtcn, allivo eine ältere Operette von Johann Strauß in neuer Ein siudicrulig usw. hervorgezogen tvurde. Der„E a r n e v a l i n R o in" ist eine Leistung jenes Tanzmusikmeisters, der das grobe Hand- werkliche in ihm— namentlich bei der Verwendung und Ausstattung scnior Melodien— ganz besonders hervortritt und die genialen Fein- heiten Straustcns starr zurückdrängt. Schade: die Gesamtanlage des Textes ist günstig, niid in einzelnen Sitnationeii steckt viel musikalische? Aufgebot: die leichtfertige Mache, die selbst dort zu spüren ist, Ivo es Ivahrlich nicht nötig wäre, verderbt die übrig bleibenden Finessen. Dafür aber bietet die Rolle der vcrlastenen Braut Marie, die erst als Savodardenknabe»nd dann als Malschüler ihren geliebten Maler wiederzugelvinne» sucht, eine prächtige Gelegenheit für Frl. Lina Don i n g e r, ihr großes Können zu zeigen. Sie ist eine der beiten Opcrnsmibrette» im besten Sinn, singt und spielt als solche famos und mit einem wirklich lebenswarmen, ins einzelne dlirchgearbeiteten Vortrag. Im übrigen bewährte sich das Theater deS Westens wiederum in der Operette»veit bester als in der Over, namentlich da ein so ausdriicksvoller Barnton Bufso»vie Stein hold W e l l- Hof im Animo vorangeht. Nennen wir noch Aurclie Rövy, die als eine lustige Oiräfin ihre Rolle ziemlich gut sang und noch bester spielte, so ist es mit den Solisten für heute genug. Auch hier sei des Kapellmeisters— Alfred S cb i n k— nicht vergessen, einer Ordnungspartei im guten Sinn des Wortes!— Notizen. — Die nächsten Novitäten des Lessing-TheaterS find:„Die eiserne Krone" von Fedor v. Zobeltitz, „Waterkant" von Richard S k o>v r o n n o k und„Die W a p p e n h ä n s e" von Paul Oskar Höcker.— —„Neue Deutsche Bühne" nennt sich eine Vereinigung junger Dramatiker, die an S o n n a b e n d» a ch m i t t a g e n im Belle alliance-Theater bisher in Berlin»och nicht gegebene Bühnenwerke ztir Ausführung bringen will. Den Anfang niacht am 7. Februar das Schauspiel„ K a p e l l e n b e r g" von Robert T h o m a l l a. Ferner sind in Aussicht genomnien: die Tragödie „ M ep h ist o p h e le L in Rom" von Franz Keim und das Schauspiel„Krieg" von R. H. S t e i n h a u S.— — Hauptmanns„Slrmer Heinrich" hatte im Münchcner Residenztheater einen großen Erfolg.— —„ P u tz i", ein fünfalliges Märchenspiel von Gustav Falke erzielte bei seiner Ausfiihrung am Hostheater in Me'i- n in gen einen starken Erfolg.— — Jin Deutschen Volks-Theater in Wien fand da? ländliche Drama„Der h e i l i g e R a t" nur schwache» Beifall. Als das Stück zu Ende»var. blieb das Publuum ruhig fitzen und erwartete noch einen»veiteren Akt. Die Leute wollten selbst dann nickt an das Ende glauben, als die Lampen schon verlöscht»vnrdcn, »nid zögerten noch iinnier, steh zu entfernen.— — Eine Ausstellung für künstlerische Buch- ausstattung der Neuzeit»vird im Laufe dieser Woche im H o h c n z o l l e r ii- Ll u u st g c>v c r b e h a u S eröffnet.— — Das BaslerMuscum hat daS Gemälde ScgantiniS „An der Tränke' erworben.— ÄorwättS Buchdrucker« und BcrlogSanitakt Paul Singer&(to., Berlin SW