Anterhaltungsblatt des Horwürts Nr. 15. Donnerstag, den 22. Januar. 1903 (Nachdruck verböte».) 15] Der JMüllerbariiies, Roman cms der Eifel von Clara Viebig. Da setzte sich Müllerhannes die Mütze auf, die er bis dahin in der Hand gedreht: „Ich danken. Ihr meint et vielleicht �-.nz freundlich, aber ich klagen doch!" Hannes trat aus die Gasse mit einem finsteren Gesicht. Von der stolzen. Zuversicht, mit der er die Bürgermeisterei betreten, lag nicht viel darauf. Eine tiefe Niedergeschlagenheit, wie er sie kaum je gefühlt, drückte ihn. Also auch der, der da innen, auf den er vertraut, liest ihn im Stich, war nicht viel besser, wie sein falscher Freund, der Wittlicher Buchhalter?! jEr sollte nicht klagen?! Sich's gefallen lasse:, was sie ihm auch anthaten?! Ihm war zu Mut, wie einem Knaben, der sich eben anschickt, einen Feind auf dem Schulhof zu ver- wammsen,— er hat ihn schon bei der Kehle gepackt und kniet ihm auf der Brust— da kommt der Lehrer und spricht:„Hier lvird nicht verwichst, aufgestanden, marsch, herein in die Klass'." Nein, nein, er war kein Schuljung' niehr, der einem Präzeptor gehorchen mustte, er war ein Mann, der da wtisttc, was ihm zukam. Schad', dast eS beut' schon zu spät geworden, sonst fiihre er gleich noch nach Wittlich und suchte einen Advo- katen auf. Was es auch kosten mochte— ganz egal— die Müller mustten ran, und der da— einen Blick tätlichsten Hasses sandte er zum Laufeldschen Haus hinunter— der da erst recht! Ter war an allem schuld! Seit dem Tag, an dem er ihm die Hypothek gekündigt, hatte es angefangen— nun, was denn anfangen? Das Malheur— dummer Unsinn, das war doch kein Malheur! Das kann wohl einem jeden einmal passieren daß er iit der Klemme sitzt. Nur nicht sich unter- kriegen lassen! Ein unbändiger Trotz breitete sich über des Mannes Gesicht, sprach aus jeder Bewegung— wie er aufsprang, die Zügel ergriff, auf die Pferde einhieb— atmete aus seiner ganzen Haltung. Fast hätte er das Josesche überfahren, den Laufelds Jung', der breitbeinig aus der Straste stand. Halb erschrocken, halb wütend schimpfte der Bube hinter dem Chaischen drein. Da drehte der Müller sich auf seinem Sitz um, schnippte mit der Peitsche und schrie laut: „Platz gemacht, kannste net aus'in Weg gch'n. Du Krop- sack, wann der Müllerhannes Passiert?" Die Pferde waren schaumbedeckt, als der Müller auf seinen Hof rasselte. Das war eine tolle Fahrt gewesen. Die schneeglattcn Kehren hinunter wie ein böses llngewittcr', wie das Wodanheer mit Hussah und Peitschenknall vorbei an den weisten Mühlen. Frau Tina lvar ihrem Mann nicht entgegengekommen— sie fast bei der maulenden Fränz und hielt darauf, dast die Widerwillige wenigstens notdürftig ihre Schularbeiten zu- sammenstoppelte— nun liest er sie darum an. Konnte er nicht erwarten, dast sich eins freute, wenn er nach Haus kam? Ein freundliches Gesicht zum mindesten verlangte er. Und>vas guälte sie das Mädel? Eine Gelehrte brmichte die Fränz nicht zu werden, das hatte sie nicht notig. ...Klapp' zu," schrie er, schlug das Lesebuch zu und warf Schreibheft und Federrohr in den Schubkasten. Dann pfiff er seinem Hund.— der war doch noch der treuesic! Und dann führte er so seltsame Reden, als wäre er betrunken, lachte, aber das Lachen war bitter. „Gel, Du Hünneschen, wann sie uns auck en Maulkorb borthun wollen, haha, hohoho,— gel Du, mir zwei bristen doch. Olau, kst, kst, fast— krieg' den Laufeld beim Schlaf- fitchen— fast!— Teufel auch, ich könnte hän abmurcksen, wenn ich bän cweil Hütt'!" Die leidvollen Augen der aushorchenden Frau wurden immer größer und größer. Und als er nun anhub zu fluchen — wild, ganz gotteslästerlich— da nahm sie die Fränz und führte sie hinaus und hielt ihr im Hinausführen die Ohren zu. Und blieb auch selber draußen. In einer bangen Unruh' trieb sie sich uniher, auS der Küche in die Mahlstube, aus der Mahlswbe in den Stall, aus dem Stall in den Schnee des HofeS, und wiederum von dort in den dunkelgähnenden Flur. Ach, überall eine Oede, eine Kälte, eine Unwirtlichkeit, die ihr das Herz beklemmte. Sie dachte nicht an ihre sonnige Moselheimat, auch nicht an ihre friedliche Jugendzeit, dazu war sie zu stumpf geworden; sie dachte nur inimer an das, was kommen könnte, was kommen mustte— an ein Schicksal, das wie der Mühlstein jedes Körnchen zernialnit. Sie ging nicht zurück in die Stube; gern hätte sie zwar ihren Mann gefragt:„Warum biste so kotterig?"') Aber sie wußte, erst fuhr er sie an; und das konnte sie nun einmal nicht vertragen, das machte sie scheu, dast sie sich zurückzog, wie eine Schnecke in ihr Haus. Hannes blieb den ganzen Abend allein mit dem Hund im Zimmer. Er hatte sich zu trinken bringen lassen; immer wieder mußte die Magd in den Keller hinabsteigen. Ob ihn die Einsamkeit beängstigte? Die Magd wollte nicht im Zimmer bleiben— sie that's nicht, der Frau zu lieb— so klappte er zuletzt das Klavierchcn auf und fing an, drauf zu schlagen. Er suchte nach einer Melodie, fand sie aber nicht und merkte auch nicht, dast ihm das LämPchen darüber verlöschte. Ein Klimpern und Pauken dröhnte durch die nächtliche Stille und dazwischen jammerte langgezogenes Hundcgeheul. Hinaus vor's Haus drang es, durch die Einsamkeit weiter- getragen; die engen Schluchthänge fingen die Mißtöne auf und gaben sie wieder. Kam irgend ein Verspäteter vorüber, der eilends zum Dorf wollte, sing er an, noch niehr zu eilen. Horch, was war das für ein wüstes Getön! Woher kam das, aus der Schlucht, von den Bergen, droben aus den schwarzen Wolken, drunten aus der schwarzen Mühle?! Dunkel lag die, wie ein unförmiger, finsterer Klumpen, nicht Fenster, nicht Thür erhellt. Das Mühlrad rauschte nicht. Niemand wachte mehr, und doch � horch, das Ouinkellicren! Abergläubische bekreuzten sich:„Maria, bitt' für uns!" — Da drinnen war's nicht recht geheuer! Am aichum Morgen— noch graute kaum der Tag— pochte ein Kitccht ans der Mühle beim Alten im Dorf an: er möge einmal herunterkommen zum Herrn, aber„tutswit", und sein Sonntagszeug möge er anthun. Hastig fuhr Matthes in seinen tuchenen Rock; so im schäbigen Kamisol wäre er ohnehin seinem Jungen nicht unter die Augen gekommen. Er eilte sehr, und sein Herz klopfte— weist Gott, so in aller Frühe schickte der Hannes, dem mustte >vls ganz Extras begegnet sein, wohl gar was Gutes?! Die Neugier plagte ihn gewaltig, sie fraß ihn fast. Mit trippelnden Schritten eilte er neben dem Knecht her und fragte den aus; aber der wußte nur, dgr Herr fahre wieder, das Ehaischen sei schon auf den Hof geschoben und das Silber- gcschirr herausgethan. Als der alte Mann atemlos eintrat, stand Hannes vor'm Spiegel und rasierte sich. Er hatte eine Masse Schaum ge- schlagen, eine ganze Barbierstube hätte dran genug gehabt. Im Glas nickte er dem Eintretenden zu, aber er lachte dabei nicht vergnügt, wie sonst; sein Gesicht blieb abgespannt. Der Alte fühlte sich sofort enttäuscht. Der sah nicht nach lvas Frohem aus! Der Solln sprach denn auch nur kurz: „Wir fahren eweil ans— Du mußt mit, Vaddcr!" „Wir— wir— wir zwei?" Der Alte war ganz be- troffen: er war ja sonst nicht mit ausgefahren— nun zog er ein langes Gesicht— gerade bei dem Schlackerwetter? Halb regnete es, halb schneite es, das war ihm gar nicht commod. Aber was half's, wenn der Hannes nun mal wollte! Einen Versuch machte er jedoch noch. Trübselig durchs Fenster guckend, seufzte er und zog mit einem:„Autsch, mein Häs'l"**) seinen Fuß in die Höhe.'„Dat es en miserabel Hundswetter heut'— autsch, meine Zehen, ich komme net aus der Stell', autsch! Etleweil sein ich von der Gicht wieder ganz steif!" Er stöhnte und rieb sich den Buckel und hinkte steifbeinig zum nächsten Stuhl. Sein Stöhnen nutzte ihm nichts, der Hannes hatte des gar nicht Acht. Als wäre niemand in der Stube, so murmelte er etwas in sich hinein, von dem der Alte nichts verstand. „Wat sagste, wat?" fragte der und guckte neugierig dem •) Unwirsch. **) Hacke und Fuß. Sohn zu. wie er seine beste Weste anzog und den seinen schwarzen Kirchenrock...Wohin willste denn eweil fahren?" „Nach Wiltüch!" „Nach Wittlich? So weit?" Matthes war basz entsetzt. „Wohin anders!" Ein funkelndes Licht glomm aus in des Hannes Augen, die heute tief unter den zusammen- gezogenen Brauen lagen.„Wir fahren zum Herr Adfekat— ich—" und nun reckte er sich auf einmal wieder, stellte sich breitspurig hin und blies die Backen auf und steckte die Hände in die Hosentaschen—„ich klagen eweil!" „Wat— wat— klagen?" Ter Alte sprang auf:„Tu willst klagen— fürwahr un enklich?"— Nun kriegte er aber einen Schreck.„Js et menschenmöglich?! Klagen— hm. hm!" Er kratzte sich den Kopf und rückte die Mütze von einem Ohr aufs andre. Was, der Vater konnte da noch Bedenken tragen?! Und Hannes begann zu erzählen, was ihm gestern beim Bürger- meister widerfahren. Still sein sollte er, sich alles gefallen lassen von der Packasch, die ihm's Wasser wegfing und die Forellen?! Schindluder sollte er mit sich spielen lassen und noch„danke" sagen, wie ein Bettelmensch?! Nein, das fiel ihm nicht ein? sein Recht mußte er kriegen! Und der Laufeld mußte auch dran, der war die Wurzel von allem llebel! Je ja, das war der auch! Ta nmßte der Alte voll zu- stimmen. Wenn der nicht war' und immer intriguierte, dann war' alleZ anders. Wer weiß, am Ende Hatto der auch die beiden Konkurrenten hergezogen— gerade dem Hannes zum Possen— umsonst war er nicht so gut Freund mit den weißen Mühlen und fuhr auch oftmals hin, und die Müller besuchten ihn. Und daß er den Bürgermeister im wack hatte, war ausgemachte Sache, wo halte der Tallmer sonst gegen des Hannes gerechte Sache gesprochen?! (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck ucrbolcn.) Die goldene J�adeL Skizze von Mark Stern. Im Hofe, dritte Thür zur Linken, wohnte Oskar Berg. An der Thür befand sich eine Visitenkarte mit seinem Namen und unter demselben daZ Wort: Musiker. Und jedesmal, wenn Oskar Berg nach Hause kam und den Schlüssel in das Schloß steckte, las er mit einem gewissen Stolz und Zufriedenheit dieses: Mufilcr, das in seinem Dasein das erhebende und tragende Element ausmachte, ohne welches das Leben nun einmal öde und traurig ist. Als Oskar Berg jung war, hatte der Vater sich in den Kopf gesetzt, daß er studieren,■ ein Gelehrter oder vielleicht Geistlicher werden sollte. Oskar konnte aber in der Schule nicht recht vorwärts kommen, und der Direktor gab schließlich seinem Vater den guten Rat, seinen lvcnig begabten Sohn ohne Examen in daS praktische Leben hinaustreten zn lassen. In der Schule hatte Oskar keine Rolle gespielt. Er hielt sich auch meistens für sich, sammelte Briefmarken, Stahlfedern, alte Knöpfe und trieb mit ihnen einen einträglichen Handel. Ter Vater bemerkte zu seiner Freude, daß der Sohn sparsam lvar, und tröstete sich damit, daß er trotz seiner geringen Begabung schon durch das Leben kommen werde. Der Vater war Kantor und Dirigent des ersten Gesangvereins der kleinen Stadt. Tie Mutter hatte in der Jugend die Harfe ge- spielt und hielt sich für sehr musikalisch. Welch' Wunder, daß Oskar sich auch der Musik widmete. Er lernte die Flöte blasen. Das Geld zur Anschaffung seines Licblingsinstruments sparte er sich mühsam zusammen, und eines Tages erschien er mit der in Scidenpapicr ein- gewickelten Flöte im Elternhause, freudestrahlend und siegesbewußt. Den ganzen Winter hindurch übte er tagtäglich auf der Flöte. Nicht selten hörte man aus seinem Zimmer einen langgezogenen, klagenden Ton, der sich mit bald steigender, bald sinkender Stärke bis in das Unendliche fortzusetzen schien. Und am Sonntagabend, wenn die Familie in der Dämmerstunde versammelt war, mußte Oskar den Seinen vorspiele». Tann tauchten bei der Mutter alte schöne Erinnerungen an die Jugendzeit und das Harfenspicl auf. und der Vater träumte von seinen Orgelkompositionen, die er nie an die Ocffcntlichkeit gebracht hatte. Da kam der Zeitpunkt, daß Oskar die Schule verließ und sich sik einen Berns enrscheiden sollte. Er ging zum Vater und ihat diesem kund, daß er Musiker iverdcn wollte. Vater Berg wurde böse. TaS Wort„Musiker" erschien ihm zu unbestimmt, nicht sicher, nicht hoch genug. Oskar lvar aber feit entschlossen und ließ sich nicht von seinem Vorsatz abbringen. Somit mußte der Vater Iveichen, er verlangte aber von dem Sohn, daß er auch Klarinette und Oboe spielen lernte. Kurz darauf schloß der Kantor seine Augen für immer, und ein Jahr später folgte ihm seine Lebensgefährtin nach. Nach ihrem Tode fiel Oskar ein kleines Erbe zu, das ihm einige hundert Kronen jährliche Zinsen brachte. Diese genügten fast zu seinem Lebensunterhalt. Denn er lebte sehr solide und machte außerdem noch kleine sichere Gclegenhcits- geschäfre, die ihm einen bescheidenen Nebenverdienst brachten. Ms eines Tages eine imthcrziehende Schauspiele eteuppc Vorstellungen in der kleinen Stadt anzeigte, bemühte sich Oskar um einen Platz im Orchester und erhielt ihn auch. Doch sagte ihm das umher flatternde Leben nicht lange zu. Die Leute waren ihm zn wenig ernst und solide und paßte» so gar nicht zu seinen festen Grundsätzen. Deshalb trennte ir sich von ihnen. Bei seiner Rückkehr in die Vaterstadt erlebte er seinen ersten Roman. Die Heldin desselben hieß Edith, harte blaue Augen und blonde Locken— wie es sich gehört— einen kleinen Mund und Grübchen in den Wangen. Er machte ihre Bekanntschaft auf einem Weibnachrsbazar und verliebte sich sofort in sie. Er sprach nur wenig. mir ihr, denn er war schüchtern, er blickte sie aber uitaufhörlich an, und als er am Abend nach Hause tarn, dachte er daran, sie zu heiraten. Er dachte lange, mehrere Tage, ja einige Wochen darüber nach. In demselben Hause mit ihm tvohnte aber eine arme Schullehrer- familie mit neun Kindern. Die neun Kinder machten ihn nach- denklich. Er überlegte, was dazu gehöre, die neun Kinder zu er- nähren und zn kleiden.... Er überlegte viele Tage, viele Wochen, und unterdessen verlobre Edith sich mit einem andern. Da trauerte Oskar einen ganzen Abend. Später vergaß er sie und blieb was er gewesen war, Junggeselle und Musiker� So vergingen viele, viele Jahre. Tch erfuhr Oskar, daß die. Petcrsonsche Gesellschaft seine Vaterstadt besuchen werde, und eines Tages sandte der Direktor zu ihm und bat mn seinen Besuch. Erzog seinen besten Rock an, bürstete ihn sorgfältig ab und begab sich frohen Herzens zu dem Theaterleiter, denn er hoffte, bei ihm seine einstmalige Jugcndgelicbtc, die vergötterte Edith, anzutreffen. Diese war, nachdem sie lange genug auf Oskar gewartet hatte, die Gattin des Direktors Petersen geworden. Der Direktor war ein kleiner, magerer und nervöser Mann mit glattrasiertem Gesicht und spärlichem Haar. Er schritt inr 'Zimmer aus und nieder, während er sprach, und seine Schuhe knarrten bei jedem Schritt. Er wollte Operetten geben und wünschte, daß Oskar die Kapelle zusammenstellen sollte. Seine eigne Tochter sei Primadonna und habe eine große Zukunft vor sich, sagte er. Die Tochter erschien und er wurde ihr vorgestellt. Dann entfernte ,ich der Direktor und Oskar sah sich mit der Tochter seiner alten Liebe allein. Von ihr erfuhr er. daß Edith schon seit vielen Jahren tot sei. Zwei Tage später fand die erste Vorstellung statt. Das Theater war fast ausverkauft und Oskar erblickte das alte bekannte Parkett- Publikum, meistens Herren. Als Edith erschien, stellte er fest, daß sie einen guten Eindruck machte. Das Aeußcre wirkt oft mehr als die Stimme. Nnd auch diese war nicht schlecht. Auch das Spiel war gut, leicht, beweglich, liebenswürdig; und sie konnte so natürlich und wohlklingend lachen, ganz wie ihre verstorbene Mutter. Er war förmlich stolz auf sie, ließ sie gar nicht aus den Augen und lvar schließlich ganz begeistert. Stach der Vorstellung lrnirde Oskar vom Direktor zuni Abendegen gebeten, als alter Freund der„verstorbenen Frau Direktor". Aus diesem Grunde wurde auch beschlossen, daß Edith ihn Onkel nennen sollte, ein Titel, der ibm besonders zusagte. Er fühlte sich gehoben und geschmeichelt und naniiic dies kleine Fest das schon, te seines Sebent Ganz ungetrübt blieb sein Glück indessen nicht. Unfern Freund störte die Anwesenheit eines jungen, dunklen Herrn, des ersten Lieb- babcrs, der zugleich einen ganz hübschen Tenor hatte. Dieser iimge Mann machte Edith aufsallend den Hof. und Edith waren ,clnc Auf- mcrksamlciten scheinbar nicht gleichgültig. Bei dieser Gelegenheit entdeckte der neue Onkel, daß Edith im Gegensatz zu ihrer seligen Mutter reichlich kokett war. Namentlich kokettierte sie zu viel mit den Herren im Parkett. Trotzdem zog sie ihn mit unwiderstehllchei.- Gewalt an sich. Und so kan, cS. daß er sich fast de» ganzen Tag rn der Gesellschaft des Direktors und seiner hübschen Tochter befand. Er speiste mit ihnen zusammen, und, während der Tircltor nach dem Mittagsessen ständig etwas einnickte, unterhielt er Edith, die nach Tische immer eine große, schwere Eigarre rauchte. Die Cigarre gefiel ihm allerdings nicht. Ihre Mutter hatte nie geraucht. Aber, nun, inei» Gott, andre Zeiten, andre Sitten. Wie sie sich die Zukunft gedacht habe? Er hoffe, daß sie recht bernünftig sei. Nun ja, vernünftig sei sie, das könne der Oheini glauben. Sie wolle nach Stockholm. Tort könne man es zn etwas bringen, eine wirkliche Größe werden». Ob der Onkel es nicht auch meine? lind Oskar riet ab. Er traute dem Tenor nicht, der denselben Plan hatte und fürchtete für Edith, da Stockholm ja bekanntlich ein gefährliches Pflaster für eine junge Künstlerin sei. Edith lachte und blickte ihn kokett an. Dabei meinte sie, daß der Tenor sie heiraten wolle. Nur zu schnell kam der Tag des Abschieds. Wir treffen den Musiker, wie er in dem obersten Auszug seines alten Schreibtisches umhersucht und schließlich eine kleine Schachtel hervorzieht. Sie enthält ein Erbstück, eine antike goldene Nadel, mit der seine selige Mutter ihren Shawt zu befestigen pflegte. Dieses wertvolle Stück ivollte er Edith als Andenken mit auf den Weg geben. Er steckte die Schachtel zu sich und machte sich auf den Weg zu seinem alten Freunde, dem Goldschmied Hanson. „Welchen Wert mag die Nadel haben?" «Nun, etwa dreißig Kronen," erklärte der Meister. „Kannst Du sie mir bis heute Abend recht scdön polieren?" „Ja, das kann ich," meinte der andre.„Also ist es doch wahr, daß Bruder Oskar fich auf seine alten Tage noch um die Gunst von Theaterdamen bewirbt." „llnfinnr entgegnete Csfar, Am Abend begab er sich nach der Borstellung hinter die Kulissen. um Fräulein Petcrson aufzusuchen. Sie sei zum Abendessen eingeladen, alle Mitwirkenden seien von den Herren im Parkett gebeten. Sie habe deshalb nur einen Augen- blick fiir den Oheim Zeit. Was er wünsche? Er reichte ihr sein Geschenk und wollte etwas sagen, konnte aber die geeigneten Worte nicht finden. '„Entzückend," rief sie aus, als sie das Päckchen öffnete und ihr Blick auf die Nadel fiel.„Wirklich reizend! Bielen Dank, Du lieber, guter Onkel. Die Nadel werde ich als Erinnerung an den lieben, guten Onkel ewig aufbewahren! Tu kommst doch morgen zur Bahn, da nehmen wir von einander Abschied. Jehl entschuldige mich, bitte! Adieu! Adieu!" Damit war sie verschwunden. Oskar ging aber still nach Hause, trank seinen Thcc und begab sich zur Ruhe. Er fühlte sich enttäuscht. TaS ganze, der Tank, das Entzücken, allcZ war so schnell gegangen, ihm so gemacht, so wenig natürlich und von Herzen kommend erschienen. Die Abreise sollte am Nachmittag um vier Uhr stattfinden. Schoi> um drei Uhr war er auf den Beinen, und da er genügend Zeit harte, kam er auf den Einfall, bei dem Goldschmied Hanson vor- zusprechen. Dieser stand hinter seinem Ladentische und lachte satanisch. In seiner Hand hielt er einen kleinen Gegenstand, den er zwischen den Fingern hin und her drehte. „Aha!" sagte er spöttisch.„Der Herr Bruder beschenken die kleinen Theatcrprinzessinnen mit goldenen Nadeln." „Goldene Nadeln. Wie so?" „Fa, goldene Nadeln, wie diese. Kennt Herr Oskar Berg seine antike Nadel nicht wieder, die jetzt für dreißig Kronen zu kaufen ist?" Oskar blickte die Nadel an. Richtig: cS war seine Nadel. Der Goldschmied fuhr aber fort: „Sie lvar eben hier und hat die Nadel gegen ein Armband eingetauscht, das sie sich früher schon einmal angesehen hat. So sind sie nun einmal." „Ja, so sind sie— und so ist sie!" Ihren alten Oheim zum Besten zu haben, falsch gegen den ircueil Oheim zu sein, der einstmals ihre Mutrer heiraten wollte. Denn das hatte er ihr eines Nachmittags erzählt, während ihr Vater schlief, und sie hatte ihm die Hand gestreichelt und so recht innig gesagt:„Lieber, guter Onkel!" Und er halte geglaubt, daß sie ihn wirklich lieb habe und war darüber so unendlich glücklich gewesen. „Aber— so sind sie nun einmall" Doch vielleicht würde sie ihm bei ihrer Abreise noch eine Er- klärung geben und sich bei ihm entschuldigen. Die Uhr lvar kurz vor vier, als er auf dem Bahnhofe anlangte. Edith hatte das Coupe schon betreten und unterhielt sich durch das Fenster mit einigen Herren ans de», Bahnsteig. In der Hand hielt sie einige kostbare BouqnetS, zwischen deren Blumen sie ihren blonden Lockenkopf versteckte. Der Stationsvorsteher lvar schon im Begriff, das Abgangszcickien zu geben, als Edith ausrief: «Ah, da ist ja Onkel Oskar. Wie freundlich von Dir, daß Du herkommst. Lebe wohl und schreibe auch cinnmll Und dam, nochmals herzlichen Tank für die reizende Nadel. Ich werde sie als An- denken an den lieben, guten Onkel immer hoch haltenl" In diesen, Augenblick setzte der Zug sich in Bewegung. Onkel Oskar wurde durch ein letztes Kopfnicken beglückt. Er loandte sich aber nin und trat enttäuscht, gekränkt, tief beleidigt den Heim- weg an. Zu Hause angekommen, nahm er den Hut ab, zog den Ueber- ziehcr aus und stellte den Stock aus seinen gewöhnlichen Platz. Drinnen lvar es warm und schön, er zündete die Lampe an und rückte das Notenpult vor. Dann griff er zur Flöte und begann zu spielen. Und während er spielte, traten die alten Jugenderinncrungen wieder in sein Gedächtnis zurück; er dachte a» das Elternhaus und an seine erste und einzige Liebe, an Ediths Mutter, und sein Aerger und seine Bitterkeit verschwanden und Ediths kleiner Schwindel erschien ihm in einem weniger grellen Lichte. Hatte sie die lostbarc Nadel, das Andenken an seine Mutter, auch verschmäht und sie mit einem modernen Annband vertauscht, so hatte er ihr doch eine Freude be- reitet und beim Aistilick des ihr lieben Schmuckes würde sie immer an ihn, den gütigen Geber, an den lieben, guten Onkel denken, dem sie gewiß ein wenig zugethan lvar. Während diese und ähnliche Gedanken durch de» Kopf des alten Mannes gingen, entlockte er seiner Flöte die schönsten, lieblichsten Melodien, und erst spät in der Nacht legte er sei» liebes Instrument beiseite, um sich selbst zur Ruhe zu begeben.— Kleines feuilleton. tp. Ei» Berbrechen. Der Chef raste schon zun, zweiten'Male durch das Bureau:„Meier! Meier! Zum Kuckuck! Wo steckt dem, der Burcaudiener?" Keine Antwort. Schweigend beugen sich die Köpse an sämilichci, Pulten tiefer über die Arbest. Eifrig kratzen die Stahlfedern über das Papier. Aergerlich blickt der Ehcf umher:„Warum lachen Sie, Herr Menke?" Ein Buchhalter hebt tiefernst den Kopf:„Ich habe nicht gelacht, Herr Jeucrberg." „Glauben Sie, ich sei blind? Denken Sie. ich gebe hier eine Vorstellung zum Vergnügen der Einwohner?" Feuerberg wendet sich zum Bureauvorsteher:„Herr Braß, wollen Sic vielleicht die Güte haben und mir den Aufenthalt des Bureaudieners verraten?" Braß zuckt die Achseln:„Ich habe ihn heute noch nicht gesehen. Vielleicht ist er erkrankt." Ein heimliches Kichern läuft von einem Pult zum andren. Feucrberg blickt ärgerlich umher. Alles arbeitet eifrig. Er wendet sich wieder zum Bureauvorsteher:„Tann gehört sich dock, wohl eine Entschuldigung, wenn der Mann krank ist. Oder wenigstens eine Mitteilung, damit man weiß, woran man ist." „Freilich." Braß verbeißt sich ein Lächeln.„Es ist ia auch möglich, daß Meier noch kommt." „Dann kann er sich gratulieren! Das ist ja eine unglaubliche Bummelei!" Er bcgiebt sich in sein Zimmer. Tie Glasthür fliegt krachend zu. Endlich erscheint Meier, von scherzhaft drohenden Zurufen empfangen. Er lacht in eine», fort; er ist in einer außergcwöhnlick, frohen Stimmung. Bein, Bureauvorsteher melde t�cr sich:„Ich Hab' mich'n bißchen verspätet, Herr Braß. Aber Sic lvissen ja, was gestern los war." Braß winkt ab.„Sie haben Pech, Meier. Der Ehcf hat schon mehrere Male nach Ihnen gefragt. Entschuldigen Sie sich schleunigst bei ihm. Er ist wütend." „Wütend? Nanu?" Meier streicht sich seinen grauen Sckmurr- bart und lacht.„Weil ich'mal'ne Stunde zu spät komme? Er weiß es bloß nicht. Herr Braß, warum ich—" „Iaja!" Braß drängt ihn fort.«Machen Sie nur. che es noch später wird." Meier klopft an die GlaSthür und tritt ein. „Aha, da sind Sic ja!" Feuerberg wendet sich mit einem Ruck auf seinem Sitz.„Zum Teufel, Mensch, was grinsen Siel Meinen Sie, solche Bummele, ist mir spaßhaft?" Meier wird ein wenig verschüchtert, aber seine frohe Laune ge- lvinnt doch wieder die Oberhand.„Ich bitte um Enlschuldigung, Herr Feucrberg. Wenn ich lache, so ist c» bloß, weil ich so riesig vergnügt. bin. Gestern war nämlich mein Geburtstag; fünfzig Jahre bin ich alt geworden. Und bei der Gelegenheit hat sich auch meine Tochter verlobt. Er ist wirklich ein netter junger Mann. Na, und ivie denn das so ist, Herr Feuerberg l Wir haben'n bißchen sehr gefeiert. Und heute früh hat Mutter die Zeit verschlafen. Das Leben ist doch mit- unter'ne schöne Sache, Herr Feuerberg."• Treuherzig lächelt Meier den, Ehcf zu. Der lacht geärgert aus:„Das ist stark! Wahrhaftig! Sie halten mir hier einen Bortrag über den Wert des Lebens und dort liegen die eiligsten Briefe von der Wcltl Sagen Sic'mal, Menschenskind, was denken Sie denn eigentlich?" Meier sieht ihn groß a»; er begreift sei» Verbrechen nicht, Denn:„Es ist doch das erste Mal, Herr Feuerberg, daß ich in den achtzehn Jahren, die ich nn hier bei Ihnen bin. eine ganze Stunde zu spät komme." ..So." Feucrberg erhebt sich.„Und daS rechnen Sie sich als Verdienst an, ivis? Es ist einfach Ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, pünktlich zur angesetzten. Stunde im Bureau zu sein. Dafür werden Sie bezahlt! Berstanden?" Meier nickt:„Gewiß. Aber ich meine man bloß. Herr Feuer- berg, Ivo doch nu so'n seltener Tag war, und wir alle so vergnügt gewesen sind! Wenn man'mal so'n paar Stunden gar leine Sorgen hat und sich so ganz als Mensch fühlt I Ich bin ja rein wieder jung geworden, als ich seh', wie glücklich die Kinder sind!" Der Alte lächelt mit nassen Augen.„ES ist ja wahr: an unser Bureau Hab' ich nicht gedacht, nee. wirklich, ich will'S ganz ehrlich eingestehen: kein bißchen Hab' ich d'ran gedacht. Sonst thu' ich's immer. Sonst überlege ich schon au, Abend vorher: was greifst Tu morgen zuerst an? Aber gestern: es war rein wie verhext. Ich Hab' mich gar nicht gespürt, so leicht und— und froh lvar alles in mir. Von Anfang an." Meier lächelt glückselig vor sich hin. „Sind Sie fertig?" Hart und drohend llingt's. Meier sieht ganz erschrocken aus. Fcucrbcrg. steht mit strengem Antlitz da:„Sie sind offenbar noch nicht ganz nüchtern, Meier. Was, zun, Kuckuck, kiinuncrn mich Ihre Geburtstage und sonst dergleichen! Ihre Tochter mag sich verloben, mit wem sie Lust hat! Aber von Ihnen verlange ich— verlange ich!— daß Sie mit dem Glockcnschlage acht des Morgens hier ins Bureau treten!" Er faßt Meier bei eine», Rockknops:„Und nun will ich Ihnen noch etwas sagen: Lassen Sie's sieh»och einmal einfallen, wegen Ihrer Faimlicnschlemmercicn den Dienst hier zu ver- nachlchsigen, dann sollen Sie mehr freie Zeit haben, als Ihnen vielleicht lieb ist! Tann—" er macht eine Geberde nach der Thür und nickt bedeutsam,„verstanden, Meier? Und nun— dort I Tie Briefe schleunigst zur Post!" Meier steht noch immer und starrt den Ehcf mit großen Augen an. Er spürt, etwas unbegreifliches ist ihm widerfahren. Wie jähe Bangigkeit und Schreck läuft's kalt und erstarrend über seine frohe Laune' Der Troy eines Menschen wühlt in ihm. Dann nimmt er mit zitternder Hand die Briefe.— n. Ter deutsche Schriftstcllcrinncnlmnd hatte an, Dienstag im Architektenhaus einen Vortragsabend veranstaltet. Novellen, Skizzen und Gedichte wurde» vorgetragen. Man konnte viele schlechte Reime und noch viel mehr ungeschicktes Palhos hören. Einzelne Gedichts hatten sogar eine Vorgeschichte: so war ein? darunter, das durch einen Artikel der„Sreuz-Zeinmg" inspiriert war. Im guten Sinne machten nur zwei kleine Gedichte Eva v. BclowZ eine Ausnahme; sie waren schlicht und voi poetischer Tiefe. Neben allen diesen Dichterinnen und Recitatorinnen kam nur ein Mann zu Worte: Wilhelm Holzamer. Schlank und mittel- groß. Tiefliegende, suchende Augen hinter blitzenden Brillengläsern. Volles, dunkles, etwas widerspenstiges Haar. Ruhig und ungekünstelt in Bewegung und Sprache. Erst las er zwei Novellen:„Am Fenster" und„Pfarrers Llätllic". Wieder zwei Stücke aus seiner hessischen Heimat, die auch unsre Leser aus den Holzamcrschcn Romanen in der„Neuen Welt"(„Peter Nockler" und„Der arme Lukas") kennen gelernt haben. Vom Leben der Tante Amalie bandelte die erste Novelle. Fünfundzwanzig lange Jahre saß sie am Fenster und sah auf die Straße hinunter. Tante Amalie ist ein altes Mädchen. Als sie zwanzig Jahre alt loar, sang sie und sprang sie wie die andern, als sie fünfundzwanzig Jahre all war, har sie Einen gern gehabt—- auch wie die andern. Dann ist sie dreißig Jahre geworden. Und sünfunddreitzig. Von da ab hat alle Welt zu ihr„Tante" Amalie gesagt. Da ist sie, zusammen mit ihrer Schwester, in das Haus gc- zogen, an dessen einem Fenster man sie alle Tage gesehen hat. Von ihrem Fenster aus hat sie auf die Straße gesehen, die ihre ganze Welt gctvorden war. Aber es hatte noch einen andern Grund, warum sie immer auf die Straße sah, einen tiefen, heimlichen Grund. Alle Nachmittage um fünf Uhr tam Er die Srraßc herunter, den sie mit 25 Jahren gern gehabt Kattc. Mit den Jahren war er grau geworden und sein Rücken gebeugt. Aber er tam doch immer. Eines Tages blieb er aus. Und am andren Tage auch. Da wußte Tante Amalie, daß er gestorben ivar. Sic wand ihm einen Kranz. Und als der Leichenwagen an ihrem Fenster vorüber fuhr, sah sie ihren Kranz oben am Kreuz hängen. Tante Amalie aber saß nach wie bor am Fenster und sah auf die Straße— auf die Welt draußen. Ebenso schlicht in der Erfindung und in der Erzählung war auch „Pfarrers Kätche". Ein Stück Jugcndleben. Neckerei und Trotz, aus denen Mißverständnisse entstehen. Eine junge Liebe muß daran sterben.— Tann las Holzamer noch ein paar Gedichte, die fremd anmuteten, obgleich auch sie reich an sprachlicher und poetischer Schönheit waren. Was in seinen Prosaschriften so anheimelt: die Höhenzüge und Wälder des Hessenlandcs, die Dörfer und die Wingertc, und vor allem die schlichten, geraden Menschen, waren in den Gedichten verschwunden. Für Venedig und Kypros, die Dogaresia und den sterbenden Griechenjüngling möchte ich nicht Heppenheim an der Bergstraße und Tante Amalie bcrgebcn. Die Zuhörcrinncn interessierten sich anscheinend wenig für Holz- amers Dichtungen. Mitten im Vortrag des Dichters verließen sie geräuschvoll den Saal. Auch der Beifall war nur mäßig. Tie sinnig- sinnlichen Reimereien, die im ersten Teil des Programms vorgetragen wurden, setzten die glacöbchandschuhtcn Schriflstellerinnenhändc mehr und anhaltender in Bewegung, als Holzamcrs Dichtungen.— Medizinisches. io. D i e B l a u s u ch t. Außer der Bleichsucht und der Gelbsucht gi-bt es als krankhaste Erscheinung in der Färbung der Haut auch eine Blausucht, und zwar nicht so selten, als daß nicht schon jeder aufmerksame Beobachter einmal einen damit behasteten Menschen zu Gesicht bekonimc» haben sollte. Wie sich die Blausucht darstellt, geht aus der Bezeichnung selbst zur Genüge hervor. Sie besteht in einer mehr oder ivcniger starken bläulichen Färbung dcrHaut, die begreif- Ncherweise im Gesicht und an den Händen besonders auffällig wird. Blau- süchtige Menschen können einen recht häßlichen Anblick gewähren, der eigentlich noch unangenehmer ist als der eines Gelbsiichtigcn. Es ist mit Rücksicht aus diese Umstände nichtweitcr wunderbar, daß die Aerzte schon vor langer Zeit aui dieses Leiden aunnerksam geworden sind. Die erste gründliche Beschreibung dafür hat Morgagni im ersten Bande seines großen Wertes„lieber den Sitz und die Ursachen der Krank- Heiken" im Jahre 1762 gegeben. Scirdcin sind die Erfahrungen über die Kranlhcit selbstverständlich wesentlich gcivachscn, aber zu einer hinreichenden Aufklärung ist man doch noch nicht gelaugt. Als feststehende Thatsache ivird angenommen, daß die Alausucht die Folge eines verminderten Sauerstoffvcrbrauchs im Körper ist. Im allgemeinen kann die Veranlassung dazu eine zwiefache sei, indem entweder ein kranthafter Zustand der Atmungsorgane den Zutritt der Mcmluft behindert oder durch Störungen in den Organen dcS Blutkreislaufs die den Lungen zugeführtc Blutmcngc verringert wird. Ist das letztere der Fall, so tritt die Blausncbt höchst auffällig ein. Vor ctlva 106 Jahren ist man noch der Ansicht gewesen, daß das Leiden auf eine Vermischung von arteriellem und venösem Blut zurück- zuführen wäre, aber eine solche wird jetzt als unmöglich betrachtet. Man ivciß nunmehr, daß das Blut von Blausüchtigcn zunächst eine ungesunde Verdickung aufweist, mit andern Worten: ein zu hohes specifisches Gewicht besitzt. Diese trankhaste Eigenschaft steht in Verbindung mit der durch viele Btutuntcrsuchungcn bestätigten Thatsache. daß das Blut bei solchen 5tranken einen ungewöhnlichen Gehalt an roten Blutkörperchen aufweist. Ihre Zahl kann so außerordentlich steigen, daß bis zu 8 Millionen solcher Körperchcn in einem Kubikmillimetcr Blut enthalten sind. Auch die Zahl der weißen Blutkörperchen steigt bis zu 12v B r i t a i n in Connecticut(Vereinigte Staaten) nennen, denn seit die Patentgesctzgcbung in Amcri'u eristiert, sind hier gegen 1447 Patente genommen worden. Etiler der Bewohner. Mr. Front, hat allerdings für seine Person allein etwa 131 Erfindiutgen vatentiert erhalten.—______ sorwärW Bnchdruckerei und VeriagSaustält Paul Singer ts Co., Berti« t}\\r.