Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 16. Freitag, den 23. Januar. 1903 (Nachdruck rcrboten.) 10] Der JVliillerbanncs. Roman aus der Eifel von Clara Viebig. Nun hatte sich der Vater in Eifer geredet und war beinahe ebenso zornig, wie der Sohn. Natürlich fuhr er mit nach Wittlich, mit dem grösiten Plaisir— er würde doch seinen Jung' nicht im Stich lassen?! Und geklagt wurde— selbstverständlich— nu gerade— cn Exempel mußte statuiert werden, daß die Drei zeitlebens dran genug hatten! Dein alten Matthes schwebte dunkel eine Erzählung seines Vaters vor, wonach dessen Vater in seiner Jugend hatte jemanden henken sehen. Damals war ein Richtplatz gewesen, nicht allzuweit vom Dorf, auf öder Gemarkung, wo auch die Weiber verbrannt wurden, die auf einem schwarzen Bock durch den Schornstein gefahren waren zur Buhlschaft mit dem Gott- seibeiuns. Dort mußten Verbrecher aller Art am Galgen baumeln. Fast wollte ihn ein Bedauern beschleichen— wegen des Laufeld— daß die Zeit solchen Gerichts nun vorbei.-- Mit schnaubenden Rossen fuhren Vater und Sohn durch den 5tunowald. Es war ein unwirtlicher Morgen; aus den Nüstern der Pferde stiegen Rauchsäulchen, Nebel brandeten im Grund und zwischen den Riesenstämmen hingen Wolken- fetzen. Finster blickte der Mosenkopf; seine Hänge waren nicht mehr grün, das Gras, das die Heerde» so gern weiden, das im Sommer, fast strotzend, herb-wiirzig duftet, war falb und dürr geworden, und der Schnee, der noch nicht fest liegen blieb, hatte sich in langen schmutzigen Streifen darüber ergossen. Der Boden des Waldes war aufgeweicht; nasse, noch nicht gänzlich entblätterte Brombeersträuche standen am Wege und froren. Es regnete eigentlich nicht und doch waren die Pferde wie aus dem Wasser gezogen, und die Insassen des Chaischens wurden auch naß trotz des hochgeschlagenen Halbverdecks. Sie hatten beide das Bedürfnis nach einer Erwärmung. HanneS peitschte auf die Pferde— rasch, daß sie Großlittgen erreichten, ungefähr die Hälfte des Weges, da kehrte sich's gut ein' Er kam ja so oft hier des Weges und nie ftihr er vorüber. Im ansehnlichen Wirtshaus stand der begrüßende Wirt schon unter der Thür; eL that dem Hannes ordentlich wohl. wie der beflissen den Chaisenschlag aufriß und seinem steif- beinigen Alten fürsorglich auf den Boden half, lind auch der Matthes schmunzelte—■ nun sah er's doch einmal recht, was sein Hannes galt. Sie saßen noch bei ihrem Schoppen Roten, dem ein paar scharfe Dovpelkorn vorausgegangen, als die Manderscheider Post ins Dorf einrasselte. Gerade hier am Wirtshause war die Posthilfsstelle. Dicht am Fenster rumpelte der gelbe Kasten vorbei-- es saß niemand drin, oder doch— halt— Vater und Sohn wechselten einen raschen Blick: zum Donnerwetter, da saß ja der Laufeld drin! Er hatte sie auch gesehen, er mußte die neugierigen Köpfe am Fenster bemerkt haben, aber er that nicht desgleichen. Was, konnte der nicht grüßen? Hannes stieß einen langen Pfiff aus: den wollte er schon lehren, vor anständigen Leuten den Hut abziehen! „Ter fährt auch nach Wittlich, haste gcseh'n?" Aufgeregt stieß der Alte seinen Sohn an. „Un in der Post, net emal in der Chais, eso lumpig!" Hannes moquicrte sich weidlich, und der Wirt, der vergebens auf die Einkehr des einzigen Post-Passagiers gerechnet, spöttelte mit: Ja, der Laufeld, das war einer, zehnmal drehte der einen Pfennig herum, ehe er ihn ausgab—.so ein Pfennigfuchser, so ein Geizhals! Die eigenen Pferde lvaren ihm zu schab','s könnte ja auch das Chaischen mit Dreck- bespritzt werden! lieber den Tisch geneigt, mit vorgestrecktem Hals und' auf- geblähten Nüstern sog Hannes den Duft dieser Worte ein. Draußen hatte der Postgelnlfe den Postsack init den wenigen Briefschaften des Dorfes unter den Bock geschoben, nun stieß der Postillon wieder ins Horn—„träträ" äffte Hannes nach. die Faust am Mund. Im Regen, der jetzt niederstob, mit Schauern von Schnee vermischt, rumpelte langsam die Kutsche von bannen. ' Sie lachten alle Drei hinterdrein: So ein reicher Manu, und mit der Schneckenpost fahren! Hannes that sehr fidel, aber innen brannte es ihm doch wie ein Schmerz: Der Laufeld hatte ihn nicht gegrüßt! llnd auch andre grüßten ihn nicht. Als er als erster in Wittlich einfuhr— die Post hatte er längst überholt, wie ein Hui war er noch vor Minderlittgen an der vorbeigesaust, so rasch, daß sich der Vater erschrocken mit beiden Händen aitt Sitz festhielt, so dicht, daß die Schmutzspritzer der quirlenden Chaischenräder gegen das Fenster des gelben Rumpelkastens klatschten— begegnete er dicht bei der Bank den beiden Müllern. Unwillkürlich fuhr er mit der Hand nach der Mütze— das sollte doch keiner sagen, daß er Nachbarn nicht gegrüßt—> aber der eine guckte rechts, der andre links,'s war recht ab- sichtlich, daß sie ihn nicht sahen. Aha, blies es aus dem Loch? Mit dem Laufeld hatten die zwei sich hier verabredet— wer weiß, sie hatten Wind bekommen von seiner Klage, wollten nun ihrerseits auch klagen, alle drei miteinander gegen ihn losgehen?! Hannes preßte krampfhaft den Arm seines Vaters~ war der auch nur schwach, es war doch ein Arm. Zum ersten-- mal in seinem Leben erachtete er es gewissermaßen für eine Wohlthat, jemanden neben sich zu haben. Zärtlich legte er den Arm um die Schultern deS alten Mannes und schob ihn so vor sich her in den Flur des Advokaten. Matthes war etwas zag; vor den Studierten hatte er eine angeborene Scheu, einen ungeheueren Respekt. Als ob die Sttife der Treppe ihn brenne, zog er noch einmal den Fuß zurück. Aber der Sohn lachte ihn aus— nur Courage. Ueber's Jahr um die Zeit, nein, schon viel eher, waren die zwei oben am Bach weggezogen mit Sack und Pack, und der Laufeld hatte ordentlich was zudikttert gekriegt wegen Verleumdung. Wozu gab's denn Gesetze?! Und mit dröhnendem Lachen, erhobenen Hauptes wie ein Sieger, klopfte Hannes an die Thür deS Advokatenbureaus.—— Es war am Nachmittag, als- daS Chaischcn des Mühlen- Hannes die großen Kehren aus dem Wittlicher Thal zur Eifel- höhe langsam wieder hinaufschlich, die es am Vormittag blitz- geschwind herabgerollt war. Es kroch wie ein müder Falter, der nicht mehr fliegen kann. Der Eifelwind stemmte sich ihm entgegen und verfing sich im Halbverdeck; die langen Schweife der Rosse flatterten, und ihre Mähnen wurden zerzaust. Ein böses Wetter! Böses Wetter auch beim Hannes. Er schimpfte nicht, er fluchte auch nicht, er lärmte nicht laut, gleich dem Sttirm, der in den Ebereschcnbäuinen der Chaussee heulte, aber seine Stirn war Zwischen den Brauen ganz zusammengezogen, und die Zornader an der Schläfe dick geschwollen. Sein Kopf glühte; wie bei einem gereizten Stier war das Weiß seiner Augäpfel rot unterlaufen. Die Hand, die die Zügel hielt, ballte sich zur Faust. Oh, wie that es ihm leid, daß er nicht den Hund bei sich gehabt! Auf die Kerle hätte er den sonst gehetzt, als sie ihm begegnet waren, alle Drei, rechts ein Müller, links ein Müller, der Laufeld in der Mitte. Wie sie gut Freund waren und sich amüsierten! Aus der„Traube" kamen sie heraus, hatten vor- gniiglich eins getrunken, während er— er--! Oh, wie er sich ärgerte! Die Zähne biß er zusammen, daß sie knackten, — was hatte der Advokat gesagt, der Esel, der Nichtskönner. die feile Kreawr, die gewiß schon von den andren gestempelt war: die andren Müller hätten genau so viel Recht wie er, er könne doch unmöglich die ganze Kleiire Kyll beanspruchen; und was die Forellen anbelange, so solle er nur fein still den Mund halten, die Fischerei habe er ja ebensowenig gepachtet, wie die zwei. Und was den Laufeld betreffe, so könne man dem schwer an den Pelz— Klatschereien seien nicht zu fassen — wenn der nichts Schlimmeres gesagt, als er gesagt haben sollte, so lasse sich beim besten Willen leine Klage formulieren. So gern er, der Advokat, sein Geschäft auch betreibe, einen Prozeß anzustrengen, wäre lächerlich. Er rate dem Hannes, nicht eigensinnig zu sein, sich gütlich mit den Konkurrenten zu einigen, daß sie das Wasser nicht oben aufstauten, wenn er es unten brauche. Was, gütlich—- gütlich?! Spuck drauf! Da ging er eben zu einem andren Advokaten und müßte er bis Trier reifen, ja. bis ans Ende der Welt und sich da einen annehmen. Güllich— gütlich— nicht klagen?! „Haha, hohccho!" Hannes lachte so wild auf, das; die Pferde erlchrocken einen Seitensprung machten, und der Vater ihn schell ansah. Nicht einmal klagen können, wenn einem Unrecht geschieht! Nicht einmal schreien dürfen, wenn einem was weh thlü! Wo. Ivo war Gerechtigkeit! Nirgends! Ailch nach dem Tod nicht, was auch der Pfasj' sagt. Ta möchte er doch einmal den NoldeS fragen— mußte der Laufeld im Feg- feuer brennen oder nicht? Q lau, Fegfeuer hin, Fcgfeuer her, das war noch lang bis dahin,— wcmüs dem jcht nur heim- gezahlt würde, jetzt, bei Lebzeiten! Was hatte der mit den Müllern miteinander zu schaffen, alle Drei? War's Zufall, daß sie sich getroffen? Nein, nein, Hinterlist! Des Hannes Gedanken wareil krank. Mißtrauen hatte er früher nie gekannt, jetzt hielt es ihn gepackt. Der starke Mann zitterte wie in den Krallen eines bösen Tieres. Und er fühlte einen Schmerz, der ihm die Seele zerriß. Finsteren Vlickes starrte er auf die windgebogenen Bäumchen am Chaussecrand— hier war eins vom stützenden Pfahl los- gerissen, dort eins eingebrochen, hier eines ganz umgeknickt, sterbend tunkte seilt Wipfel in den Schmutz des Grabens. Nein, so wollte er sich nicht unterkriegen lassen, nein, nie! Früher, als Kind, hatte er gern die Sagen gehört, die die alten Weiber am Winterabend erzählten,— danach hatte nicht bloß der Jäger Herrmann zu Seinsfcld, und der Ritter von Deudesfeld, und der Baumeister des Turmo der Winne- bürg, nein, noch manch andrer in der Eifel, dessen Namen mau lischt mehr kennt, seine Seele dem Teufel verschriebeil. Tie hatten noch Courage gehabt! Sein Blick irrte suchend in die Runde— wo war der, dem er seine Seele geben konnte?! Das Chaischen kam gerade ai» einem Fußfallchen vorüber— der leidende Christus hing am Kreuz, der Regelt, der trotz des SchutzdächelchenZ über den heiligen Leib strömte, hatte all die Papicrroseu, mit den n fromme Hände ihn geschmückt, zu unkenntlichen farblosen Klumpchen verwaschen, aber das Rot der Wundenmale war geblieben; es leuchtete noch. Un- willig kehrte Hannes den Blick ab— der hatte sich aus Kreuz schlagen lassen von den goltversluchteu Juden, und der hätte es doch gut anders habeil können,'.venil er sich nur gewehrt hätte! Nein, weder der Laufeld, noch die Müller, weder der Pserde-Levy zu Trier, noch die Wittlicher Bank, noch sonst wer in der ganzen Welt sollte ihn je klein kriegen. Wie zum Schwur hob er die Hand lind schnitt eine Grimasse gleich hinterher,— sie konnten ihm alle den Buckel lang rutschen. Cr stand wie der Mosenkopf irnd rührte sich nicht. Allmählich fand Halmes einen Teil seiner guten Lamie wieder. Der Alte jedoch wurde verdrießlicher, je weiter sie von Wittlich fortkamen. Das Wetter wurde miserabel, er spürte es in allen Gliedern; sein Reißen ward schier unerträg- lich. Und was der Herr Advokat gesagt, ivollte ihm auch nicht aus dem Sinn— der ivar ein Studierter, der mußte es doch wissen,— ja, der Hannes war gar zu eigensinnig! Vergeblich hatte er ihn schon im Bureau am Aermel gczllpft:„Sei nci c so bubsterzig."') Kein Hören! Ter würde noch ins Unglück rennen mit seinem Tickkopf! Und ein Protz mar der! In eine Ecke gedrückt, grämelte Matthes in sich hinein und redete kein Wort. (Fortsetzung folgt.). (Rachdruck veiOotm.) Die Reformation in Berlin. Ende Cfiobcr 1517 drang auch unter die Einlvohncr Berlins die Kunde von den, entbraimten Jürdienftrcit, dessen Mittelpunkt der bis dahin unbekannte Augustmcrmönch Luther zu Wittenberg war. Ter hatte sich erhoben, in seiner damaligen-türm- und Drangperiode ein proletarischer Revolutionär, nnd begann einen Kampf gegen die veraltete Klerisei und ihr Oberhaupt, den Papst in Rom. Zunächst schlug er V5 Thesen wider den Ablaßhandel an die Thiirc der Schloßkirche zu Wittenberg an. Diese That niußte die Berliner um so mehr erregen, als sie damals gerade den Ablaß- schwinde! in nächster Nähe hatten. Im April 1517 war der geriebene Tegel unter großem Gc- prange in Berlin eingezogen. Die Berliner Franziskaner hatten für einen feierlichen Einzug gesorgt und Tezck, der ein sür seine Zeit guter BolkSrcdncr war. hatte in den Kirchen sofort einen Bettel be- ■*) Eigensinnig. gönnen, der in unsrer Zeit des„Grsundbetens" wieder an historischem Interesse gewinnt. Die äußeren Verhältnisse Berlins kamen ihm gut zu statten. Durch ein„großes Sterben" Ivar die Berliner Bevölkerung aufs tiefste erschüttert. Selbst die Totengräber waren demselben zum Opfer gefallen, und so mußte jede Familie selbst für ihre Toten sorgen. DaZ herrschende Elend machte sich Tezel kräftig zu nutze und erreichte denn auch, daß ihn, das Geld der abergläubischen Bc- völkcrung während der sechs Monate, die er sich in Berlin aushielr. in Menge zuströmte. Mancher glaubte von allein Anfang an nicht an den Ablaß. Aber derselbe haire doch die praktische Folge, das; niemand dein Uebelthäter, welchem der Papst Vergebung gewährt hatte, ein Saar zu krümmen wagte. So hat niemand den Köpenicker Bürger Tilemann angerührt, nachdem ihm Tezel Ablaß für den Totschlag seines Knaben gewährt hatte. Die Autorität der wclrlichen Justiz mußte durch den Ablaßkran, aufS schwerste erschüttert werden, dem, praktisch bewirkte er, daß siäi jeder Bösewicht durch Geldbußen von Galgen und Rad loskaufen tonnte, wobei die heimische Justiz auch insofen, sich in der Rolle des Geprellten befand, als die Geldstücke noch nicht cimnal in ihre Tasche flössen. Sie zog deshalb ein böses fflestcht, aber der schwache Knrftirst wagte es nicht, sich gegen den mächtigen Papst zu wenden. und so verbot er nur seinen, Hofadel, Ablaß Zettel zu kaufen; die Volksmassc mochte sich immerhin ausplündern lasten. Gelegentlich trieb der Adel wohl auch offenen i-pott mit Tezel. So der Herr von Haake, der ihn im Trebbiner Walde verprügelte nnd beraubte. Schließlich aber wurde auch das Volk der Sache überdrüssig. Die. Schamlofigicit der herrschenden Klasse redete auch für damals eine zu laute Sprache. Schon vor Tezel hatte die Berliner Klerisei dieselbe AuLraubnag des Volkes betrieben. Nicht bloß, daß sie abgabenfrei war und ZinS und Zehnten erhielt, sie schlug auch aus den, Wunderglauben be- trächilichc Summen heraus. Tie Franziskaner in Berlin, die Dominikaner in Köln lagen der Bevölkerung mit einem schier im- crmüdlichcn Bettel zur Last, und während dte Bürger unter dem schlimmsten Elend seufzten, wurden sie reicher und reicher. Ihrer Habgier hielt der finstere Haß, mit welchem sie alles unterdrückten und die Masse sich dienstbar zu mache:, suchten, die Wage. Er zeigte! sich in gewissen Ausbrüchen der Roheit, wie z. B. jener schrecklichem Exekution gegen'M Juden in Berlin im Jahre 1510, die beschuldige waren, mit Hostien, die sie von dem Bernauer Kirchendiebe Front u, erhalten haben sollten, e,»„leichtferlig Spiel" getrieben z» haben. Die Unduldsamkeit, der Haß der Klerisei veranlaßt- solche Akt- finsteren Fanatismus. Unter de» Saufgelagen jener Zeit standen diejenigen der Geist- lichkeit in erster Reihe. Bereits 1165 hatte eine Berliner Synode den Geistlich«, den Besuch der Wirtshäuser, das„Wett-Trinken". das öffentliche Ausfahren mit den in ihrem Dienste stehenden Frauenspersonen untersagt. Das Verbot nutzte gar nichts. Seit dem Jahre 1517 wurde Teutschland durch den erbitterten Kampf auf kirchlichem Gebiete, in dessen Mittelpunkt Luther stand. und durch die sich vorbcrcit.'nd- sociale und politisch- Revolution der Bauern von 1525 erregt. Tie Wellenschläge dieser Kämpfe, spceiell der kirchlichen, gingen auch über Berlin dahin. Tic Reformatio!, faßte festen Fuß. Gegen Luthers V5 Thesen hatte Tezel erst 106, dann noch 60 andre geschleudert, die er, da er selbst ganz imwissend war. sich von den, Frankfurter Professor Wimpwa hatte verfassen lassen. Aber die Volksmassen waren bereits zn empört über die mir ihnen betriebene Ausbeutung, und die Erwiderungen Tezels hatten bei ihnen loenig Wirkung. Von Angcrmünde aus regten sich wieder die Waldcnser und Hussiten. die ü, den„Kctzer-Dörfcrn" der Um- gcgcnd saßen. Die Agitation drang bis nach Berlin. Wen, merkte es öffentlich zunächst in dem nachlassenden Besuch der Kirchen, in dem offenen Hohlst der in den Trinkstuben der Bürger mit dem Abloß- und Religuicnhandcl getrieben wurde. DaS Einschreiten der Pfaffen erwies sich als wenig fruchtbringend. Schon 1518 mußte. der Bischof Johannes v. Blankenfeld. als er in der Eigenschaft eines päpstlichen Nuntius in Berlin war. Gebete für die Erhaltung des römischen Papstes anordnen und die Strausberger dringend bitten. die„Marienkirche auf dem Krähenbcrge und die Kapelle im Kloster nach katholischem Gebrauche zu erhalte«". 1522 mußte der Kur- fürst den Berliner» in einem Mandat mit Strafe drohen, weil sie ihre Töchter nicht mehr in der Prozession gehen ließen und verlangen. ..daß auch sonst dieselbe Prozession mit Figuren und anderm ordcnt- lich und andächtig bestellt werde". Aber dies und andres half nichts. Ter Zusammenbruch der alte» iirchliche» Macht und damit der geistlichen Herrschaft bereitete sich in Berlin langsam vor und endete mit der Annahme der neuen Lehre, nachdem Luther aus einem prole- tarischcn Revolutionär zu einem staatSerhaltenden Jürstcngnnstlmg geworden Ivar In der Folgezeit wurde Berlin erregt durch den blinden Eifer» mit welche», sich die Lutheraner und Reformierten befehdeten. Ebensc» unduldsam wie früher die römischen Pfaffen gewesen, waren nack, Beseitigung derselben die Müder der neuen Lehre. Sic beleidigten und beschimpften sich iintcrciuander in der wüstesten Art. Eine Flur von Karikaturen, welche bald die Lutherischen Pfaffen, bald ihre Gegner verhöhnten, schuf viel Verbitterung. Von den Kanzeln herab scbimpftcn die neuen HeilSküuder auf einander, und wer die rohcsten Schimpsworle gcbrmichte, blieb schließlich der Sieger. Ost artete das bloße Toben in wüste Schlägerei aus. I» der St. NikolauS-Kirche fuhren zwei Pfaffen auf einander los nnd da sie keine andren Waffen zur Hand hatte», ergriffe» sie die Altarlcuchtcr, um sich damit zu vcr- prügeln. Nur mit Mühe könnte man tie streitbaren Künde: der neuen Lehren trennen. Die Prediger von St. Marien gerieten auf dem Neuen Markt am hellen Tage aneinander und alL das Wort nicht mehr Kraft genug hatte, ergriffen sie die daliegenden Steine und be- gannen sich damit zu betverfen. Ein großer Volksauflauf entstand; schließlich trennte man die Kampfhähne von einmider. Ter Streit von den Kanzeln aber wurde hernach in der Bürger- fchaft fortgesetzt. Der Mangel an politischer und socialer Bethätigung, die geringe Bildung des Bürgers bewirkten, daß der theologische Streit sein HauptgefprächZthcma war. Der ehrsame Zunsthand- lvcrlec sprach dem Bier eifrig zu. Ter Avt Tritheim sagte schon von den? damaligen Bürgertmu Berlins, die Völlerei gelte ihnen nicht als Untugend. Und von den Märkern überhaupt sagt er:»Die Marler werden durch Gelage und Müßiggang ann, durch Fasten krank und durch Trinken beschleunigen sie ihren Tod." In den Bierstuben von Berlin und Kölln Ivnrde zu jener Zeit hinter dem Bierkruge über Religion und reine Lehre mit großem Eifer gestritten. Das Ende waren meist blutige Schlägereien. Bänke und Tische wurden umgestürzt, Tischfüßc und Schemclbeine dienten als theologische Beweis- mittel und sollten den Opponenten den wahren Glauben beibringen. Dieser gegenseitige Haß steigerte sich schließlich so. daß IGlö ein wilder Straßcntumult ausbrach, der ein blutiges Ende fand. Erst unter dem sogenannten Großen Kurfürsten gelang es. den Frieden zwischen Lutheranern und Reformierten durch zlvei Edikte notdürftig herzustellen. Tie Wirkung der Reformation ivac übrigens eine rein äußer- liehe. Das geistige Niveau des Berliner Bürgertums änderte sich durch sie kaum. Der finsterste Aberglaube blieb herrschend, und alle Well glaubte noch an die tollsten Herengcschichtcn.-o erzählt der Rektor der Schulen von Berlin und Kölln, Peter Haftitz. ganz ernst- hast, 1562 sei bei der Beerdigung eines sehr frommen Predigers von einer Hexe ein fürchterliches Donnerwetter erregt worden, damit die Leute meinen sollten, der Teufel habe des frommen Mannes Seele in diesem llniveiter hinweggefegt. Der Strausberger Pastor Engel gab um dieselbe Zeit ein Gezchichtsbuch der Mark heraus, welches von Den greulichsten Abbildungen abscheulicher Mißgeburten, einsluß- rcichen Sternstellungen, unter denen man die verschiedensten Hand- Zungen vornehmen sollte, wimmelte. Der kurfürstliche Leibarzt Leonhard Thurneißer, der einen Teil deS Grauen Klosters bewohnte, verschaffte sich durch die tollsten Wunderkurc:? von der gläubigen Menge hohe Einnahmen, und seine Kalender, mit Prophezeiungen für jeden Tag, fanden reißende Abnahme. Auch die sociale Anwendung der„neuen Lehre" blieb aus. Der Arme blieb so arm, wie er immer gewesen und ivnrde gepufft und herumgesioßen, Ivie früher. Seine öffentlichen Lm'lbarkeiten feierte das Bürgertum in der alte» derb- sinnlichen Weise. Mäicnfeste, Schützengilde. Fastnachtslusrbarkeiten, Stralauer Fischzug sahen tolle Gelage und Echwelgereien. Nur bei den„geistlichen Spielen" zeigte sich insofern eine Aenderuug, als jetzt bald laut, bald leise das verhöhnt wurde, was früher ehrfürchtig angestaunt war. Die„Komödie Dom verlorenen Söhn"(1560), die„Komödie von den drei Männern im feurigen Ofen"(1581) waren Schnurren mit biblischem Unter- gründe, aber offenem Hohn aus die biblische Darstellung. Solche lokale Betrachtung der Reformation zeigt uns, wie die Wirkung derselben von der Geschichtsschreibung üvcrschävt wird. Die großen Wandlungen wurden eben durch die socialen Bcr- Schiebungen hervorgerufen und nicht durch die religiösen.— Ich R, Kleines feuilleton. n. Mondschein cffckt i» der Photographie. Man glaubt, baß die Photographic immer und unter allen Uniständc» eine vollkommen getreue Wiedergabe des abgebildeten Gegenstandes ergicbt und in der That wird ja in vielen Fällen eine Photographie gerade darum hergestellt, iveil sie vor der Handmalerci den Vorzug unbedingter Naturtreue besitzt. Es(siebt aber auch photographische Aufnahmen, die den abgebildeten Gegenstand in ganz andrer Darstellung wieder- geben, als ihm zur Zeit der Abbildung eigen lvar. So kann man Bildern voi? Landschaften den Charalier der Nkondscheinlandschast geben, ohne daß man zu diesem Zweck starlen Mondschein abzuwarten nötig hat. auch ohne daß man seine Nachtruhe opfern muß; solche Photographien kann man vielmehr mit aller Behaglichkeit am hellen lichten Tage herstellen: allerdings ist nicht jedes Wetter zu solchen Aufnahme!? geeignet, das günstigste Wetter ist das, bei welchen? die Sonne durch eine nicht gar zu dicke Wollenschicht verhüllt wird. Bei solchem Wetter also richtet man die Aufnahme der gewünschten Landschaft in der Weise her, daß mau die Linse des photogratzhischcn Apparates direkt gegci? das Licht, d. h. also gegen die voi? leichten Wolke?? verhüllte Sonne richtet, die ?ioch einen leichten leuchtende?? Sann? an? Wollenrand hervor- bringt. Zur Aufnahme bedient man sich eines.gut funktionierenden Momcntverschlusses; die ExposiiionSzeit von Vwi Sekunde genügt bei guter Linse.' Das so hergestellte Bild läßt man sich, nicht sehr lange, entwickeln, so daß es etwas Unklares behält. Die Kopie?? dagegen werden recht d??!?lel «nstvickclt. Un? der Kopie?????? bei? richtigen Charakter des Mo??d- fchcinbildcS zu geben, badet ma?? sie noch in einer düimcn Lösung von Anilinblau. Sollte mai? es dabei versehen und die skopie statt mondscheinariig direkt bkan aussehen, so kann man eine Korrektur vornehmen, indem man das Bild in verdünnter Anrinoniakstiissigkeit badet, welche die zu blaue Farbe des Bildes wieder abschwächt.— Erziehung und Unterricht. o. D i e„S n g g e st i o:? i I? der Erziehung" ist das Thema einer bemerkenswerten Arbeit, die Dr. Felix Regnaulr in der„Revue" veröffentlicht. Er fuhrt aus, die Suggestion könne nicht nur auf Personen in hl)pnotische:i? Schlaf ausgeübt iverden. sondern auch auf Personen, die wach sind und sich in normalem Znstande befinde??, und zwar besonders auf Kinder, die durch Neberlegung und Urteils- vcrinögeii einem solchen Einfluß nicht widerstehen können. Die gc- wohnliche hypnotische Suggestion kann daher mit Vorteil angewandt werden, un? eingewurzcUe schlechte Gewohnheiten auszurotten. Dr. Regnault führt auch eine Anzahl Praktiker an. die mit Erfolg hypnotische Suggestion gebrauchten, un? die Fehler der Idioten zu bessern. Dr. Edgar Berillo?? habe durch fünf- zehnjährige Erfahrung bewiesen, daß ht)pnotische Sug- gestio» wirksan? und unschädlich ist und daß ihre Heil?mgen von Dauer sind. So ist die unter Kindern so verbreilcta schlechte Angewohnheit, die Nägel abzubeißen, auf diese Weise geheilt worden. Das Kind wird hypnotisiert und in ei??en Stuhl gesetzt, der Doktor faßt seine Hand, hälr sie fest und sagt:„Versuche, Deine.Hand zum Mund zu führe?? und die Nägel zu beiße??. Du siehst, es ist unmöglich," usw.. welche Uebung wiederholt wird. Wenn daS Kind dann in normalem Zustand vermcht, die Nägel ab- zubeißen, fühlt eS den Druck der hindernden Hand und ist unfähig, eS zu thun.„Jedesmal, Ivem? die Hand erhoben wird, hat das Kind im linterarm eine Empfindung, die eine weitere Bewegung hindert." Dr. Rcg??ault betont, daß die Amvcndung hypnotischer Kuren nur auf krankhafte Fälle beschränkt werde?? sollte.— Aus dem Pfianzcnlebcn. — D i e Ei?? Wirkung des FrosteS auf dag P f I a n z e n l c b e n. Hugo Kalbe schreibt in der Wochenschrift „Rerthus"(Altona-Ottcnsen. Chr. Adolfs): Wer einigermaßen? beobachtet, wird häufig die größte Verschiedenheit einer und derselbe?» Pflanzcnart?:? Bezug auf Empfindlichkeit gegen Frost wahrgenomme?? haben. Andrerseits zeigen ganz verschieden organisierte Pflanzen gleiche Widerstandsfähigkeit. Wiederum fällt es auf, daß Gewächse bei gewissen Kältegraden lebend bleiben— sobald diese aber längere Zeit ohne Steigerung andauern, doch erfrieren. Ferner sind gewisse Teile einer Pflanze empfindlicher als andre. Häufig sind auch die Froftschädeu eines mäßigen Winters bedeutender, und was der Er- schcinungen in dieser Hinsicht mehr sind. Eine Norm für die Kälte- grade, bei welchen diese oder jene Pflanzenarten erfrieren, zu geben, ist nicht möglich; denn die Widerstandsfähigkeit des Individuums häugt völlig von den Verhältnissen ab, unter denen seine Entwicklung vor sich ging. So z. B. habe ich in dem verflossenen Jahre beobachtet. daß l?>olcinr. graeiüs, das bekannte zierliche neuholländische Gras oder Frauenhaar, eine Kälte von 10 Grad Celsius ohne Schutz über- dauerte, während andre Individuen dieser Art schon bei geringerer Kälte eingingen. JencS hatte während des ganzen Sommers in» Freien gestanden und sich demzufolge den Aerhältnisien mehr an- gepaßt, als diese. Aber nicht alle sonst im allgemeinen nicht Winterhärten Pflanzen besitzen eine mehr oder weniger gleiche AnpassungS- fähigkeit. Begonien und Pelargonien z. B. mögen noch so lange. während der froftfrcien Zeit im Freien gestanden haben— sobald daS Thermometer unter Null hinabsteigt, werden wir die Wirkung des Frostes au ihnen wahrnehmen, mehr oder weniger, je nach der Tiefo der Temperatur. Es ist aber noch nicht einmal nötig, daß das Queck- silber unter Null zeigt. An Zimmer- bezlv. GetvAchshaustentpcratuv gewöhnte und vcrzärtelle Pflanzcit zeigen oft die Erscheinung deS Erfrorcnseins, trotzdem das Thcrntomeier noch??icht den Gefrier- Punkt anzeigte. Die Ursache ist wohl darin zu finden, daß die dio Pflanze umgebende Luft infolge der Wasserverdunstung jener kühler ist als die, welche das Thermometer umgiebt. lim unfrcn Betrachtungen eine Grundlage zu geben, müssen wir zunächst sehen, welche Veränderung der Frost im Pslanzenkörper hervorruft. Nicht bei allen Pflanzen bezlv. Pflanzenteilen ist eine solche Veränderung wahrnehmbar, die man als Erfriere?? bezeichne?? tonnte. Das sind alle wenig wasserhaltigen, holzartigen Pflanze?? und völlig ausgereifte Samen. Sastreiche Organe, lrautartige Stengel und Blätter ein- und inehrjähriger Gewächse, das Laub der Bäume?l??d nicht ausgereifte Triebe desselben, auch fleischige Wurzeln. wie Rüben, sowie Zwiebeln und Knollen zeigen aber dnrch Ein- Wirkung des Frostes Veränderungen. Die �hauptsächlichste und der Grund zu weiteren ist die Erstarrung der Säfte zu Eis. Zunächst gefriert daS im Pslanzenkörper enthaltene Wasser. Durch diesen Borgang sondert sich eine konzentrierte Lösung des Saftes ab, dis erst durch größere Kältegrade zur Eisbildung gelangt. Wahrend ei» krautartiger Pflanzcnteil, unvermittelt großer Kälte ausgesetzt, durch und dnrch hart gefriert, bilde?? sich bei geringen Kältegraden Eis- kristalle in den Getveben, während die Zelle infolge des ausgetretenen Wassers znsnmincnschrumpst. Ein Gefrieren der Zellen tritt erst bei tieferen Graden ein. Die in den Jnterzellulargängen sich bildende?? Eiskristalle verursachen ein Zerreißen der Gewebe, und liian lanfi? beobachten, daß die sich in? Innern bildenden Eiskristalle, indem s?s bei andauerndem Froste größer werden, sich öfters ourch d?« Epidermis hindurchbohren und so nadelartig aus dem Pslanzentc?» herausstellen. Andrerseits findet auch ein Absprengen der Epidermis statt. Hierdurch entstehen die meisten partiellen Frostschaden, d. h. solche, die sich nur ans einen Teil eines Organes, z. B, des Stammes erstrecken und mchi immer der Pflanze die Lcbensfähigkeil nehmen. Die Erscheinung rriu infolge des Umstandcs ein, dag sich da, wo zuerst Eis gebildei wurde, weitere Flüssigkeiten hinziehen und dag dadurch das St-achstum der einzelnen Kristalle bis zu einer Länge oon mehreren Eenrnnerern gefördert wird. Die Stellung der Kristalle ist rechtwinklig zur Längsachse des betreffenden Pflanzenteils, während die Gclvebe meist dieser parallel liegen. lieber die Ursache des Absterben? der Pflanzen durch den Frost gehen die Meinungen auseinander. Vielfach tritt der Tod nicht durch das Gefrieren selbst, sondern erst infolge des plötzlichen Aufthauens unter hohen Wärmegraden ein, während dem gefrorenen Teile der Pflanze seine Lebensfähigkeit erhalten bleibt, wenn das Aufthauen eines Teils derselben Pflanze, bon Null Grad angefangen, allmählich von statten gchr. Doch auch das trifft mcht immer zu. So habe ich Versuche mit ganz hart und glasig gefrorenen Salatdlättern gemacht. um die Wirkung verschiedener Wärmegrade zu beobachten, und ich fand zu meiner eigcnrn Verwunderung, daß ein bei-si 15 Grad Celsius in trockener Luft aufgerhautcs Blatt am meisten von seiner ursprünglichen Beschaffenheit behalten hatte, während ein solches bei-s- 1 Grad Celsius in Wasser aufgcthautes nur noch einzelne lebensfähige Partien zeigte. Gänzlich desorganisiert war ein andres in Wasser von-}- 15 Grad Celsius. Auch in Wasser von-s- 5 Grad Celsius aufgethaute Narcn völlig tot, und doch waren alle Blätter von einer Pflanze. Ter Tod durch schnelles Aufthauen wird phyfio- logisch in der Weise zu erklären versucht, dah angenommen wird, dag sich durch die Einwirkung des Frostes die Moleküle des Protoplasmas rmd der Zellhaut, sowie die des in denselben enthaltenen Wassers getrennt werden. Tie durch rasches Aufthauen entstehende heftige Molekularbewegting leiht die frühere Anordnung nicht wieder ein- treten, und so wird dem betreffenden Teile seine Lebensfähigkeit genommen. Diese Erklärung ist aber nur zulässig, ivenn nicht nur die Flüssigkeiten in den Interzellularräumen gefroren sind, sondern auch die Gewebe selbst. Schwieriger und noch nicht befriedigend er- klärt ist die Sache, wenn nur eine interzellulare Eisbildung statt- fand, die Gewebe selbst jedoch incht gefroren ivaren. Man kann aber soviel feststellen, dass in diesem Falle auch ein rasches Aufthauen unter Umständen das Leben erhält, lvie aus dem Beispiele vom bei -j- 13 Grad Celsius aufgethauten Salatblatte zu ersehen ist. Der Tod kann ferner eintreten, wenn durch Eisbildung Teilen Wasser entzogen wird, denen es zum Leben unbedingt nötig war. ES geschieht dies bei fortdauerndem Frost in verhältnismässig grossen Mengen, da ja auch Eis verdunstet. Die Wurzelthätigkeit ist durch die Kältewirkung verlangsamt oder hat gmcz aufgehört— cS kann nur ungenügend oder kein Wasser zugeführt loerden— so dass wir eine dem Vertrocknen in der heissen Jahreszeit analoge Erscheinung vor uns haben. Lang andauernder Frost kann deshalb die gleiche Wirkung lvie andauernde Trockenheit haben. Man kann dies sehr schön an Cbrxssntbemnm intlicum beobachten, die schon l>ci einigen Kältegraden ein welkes Aussehen, genau wie bei Trockenheit, zeigen. Bringt man sie wieder in die Wärme, so iverden sie infolge der an- geregten Wurzelthätigkeit bald wieder frisch. Hieraus erklärt sich auch zum Teil die Erscheinung, dass im Freien aufgestellte Topf- pflanzen schneller erfrieren, als im Lande ausgepflanzte Individuen derselben Art. Die Wurzeln der Topfpflanzen sind weniger vor Kälte geschützt als die der Laudpflanzen— die Wurzelthätigkeit hört schneller ans, eS kann das durchs Gefrieren verdunstende Wasser nicht mehr erseht werden, und der Tod tritt ein. Andernteils, be- sonders bei grosser Kälte, mag lvohl auch ein fast gleichzeitiges Ab- sterbeil der unter- und oberirdischen Teile aus einer der erwähnten Ursachen stattfinden. Aus dem eben Angeführten erklärt sich auch das Absterben sonst winterhartcr Gewächse in lang anhaltenden Wintern. Doch die Natur hat auch für Schutzvorrick, tungcn gesorgt. Wir haben oben gesehen, dass die interzellularen Eiskrystalle radial zur Längs- richtmlg des betreffenden Teiles stehen, während die Gewebe mit dieser laufen. Es leuchtet wohl jedem ein, dass durch Vergrösscrung der Eisbildung im Innern der Pflanze in diesem Falle schlimme Ver- lvundungen entstehen, indem eine Zersprengung der Gewebe, das Ablösen der Epidermis usw. eintreten können. Die fleischigen Blätter unsrer HauSwurzartcu(Lempervivum), von denen S. tectoruni nach meinen Beobachtungen 22— 25 Grad Celsius aushalten, zeigen ihre Gewebe vertikal zur Längsachse gestellt, so dass eS bei Eis- bilduirg wohl zu einer Erweiterung der Zellenzivischcnräume kommen kann, ein Zerreihen der Gewebe aber ausgeschlossen ist. Nach dem Aufthauen tritt bald der ursprüngliche Zustand wieder ein. Ein Iveitcres Schutzmittel ist der geringe Wassergehalt der Zellen unsrer Holzgewächse und der Samen. Wenn infolge eines anormalen, d. h. in diesem Falle eines zu feuchten Sommers das Wachstum bis spät in den Herbst hinein fortdauert, so werden wir regelmässig auch nach N'.ässigcii Wintern Frostschäden finden, die wir nicht beobachten nach strengster Kälte, wenn ein normaler Sommer, der daS Ausreifen aller Triebe gestattete, voraufging. Allgemein bekannt ist die Schutz- Wirkung des Schnees, zu welcher noch die der Ueberreste sommerlicher Vegetation kommt, wie Laub. Grashalme usw. Beides wirkt als schlechter Wärmeleiter, verhindert die Wärme-Ausftrahlung des Bodens und das Eindringen der Kälte in denselben, und hierauf daueu sich auch die künstlichen Frostschutzmittel auf. Noch einer durch den Frost v-�sriachten Erscheinung am Pflanzen körpcr will ich Erwähnung thun. Es sind dies die Krüm- mungeii und Knickungen besonders krautartiger Stengel und das BerantworiLcher Ztedakleur: Carl Leid iiPScrlirr.— Druck und Verlag: Senken der Baumäste. Alle diese Vcränderungeit sind eine Folge der durch die Krystallisaiion des Wassers zu Eis erschlafften Ge» webe.— Technisches. k. Die längste unterseeische Telephonlinie der Welt ist das Telrpbonkabel, das zwischen England und Belgien gelegt und, wie aus London berichtet wird, binnen kurzem dem Publikum gegen eine Gebühr von acht Mark für ein drei Minuten währendes Gespräch freigegeben wird. Es kreuzt den Kanal von St. Margarets Bah bei Dover bis zu einem in der Nähe OstendeS gelegenen Punkt der belgischen Küste, auf eine Entfernung von über sechzig englischen Meileir. Bei der Legung des Kabels muhten die englischen Postbehörden die grösste Sorgfalt aufwenden. Andre unterseeische Telephons von bemerkenswerter Länge sind das englisch-franzöfischc von St. Margarets Bah nach San Gatte bei Calais, ans eine Entfernung von etwa 24 Meilen, und das cnglisch-irische von Port Mora bei Stranraer über die Irische See nacki Donaghadee, eine etwas längere Eni- fernung.„Wir muhten unsren Weg sondieren," sagte ein englischer Beamter.„Durch sorgfältige Versuche mit der englisch-französischcn Linie gelangten wir zu Schlussfolgeningen, die die Legung des belgi- scheu Kabels recötfertigte». Wenn auch dieses unsren Erwartungen entspricht, werden wir die Ausführbarkeit einer unterseeischen Telephonverbindung zwischen England und de» Niederlanden, also auf eine noch grössere Entfernnng. in Erivägung ziehen. Was das transatlantische Telephon anbetrifft, so ist die Telephonwisseilschaft bis jetzt noch nicht so weit vorgeschritten. Das Unterwassersetzen eines Telephonkabels beeinflußt seine Leistungsfähigkeit sehr. Es ist sogar bei untrem Jnlandsystem von grosstcr Wichtigkeit, dass lvir das Legen unterirdischer Drähte vermeiden. Die Elekiricität wird dadurch gehemmt und hindert die lieber- tragung der Rede. Anders steht es mit den Telegraphen- drahten, die infolge der Ersetzung der Gnttapercha-Jsolierung durch Papier auf lange Eiitfernniigen unterirdisch geleitet werden können. Bei der unterseeischen Telephonie kann man die Papierisolierung nicht gebrauchen und Guttapercha erschwert das Sprechen." In kurzem hosten die englischen Postbehörden eine Verbindung mit allen bedeutenden Provinzstädten Frankreichs herstellen zu können. Man hat schon von London nach Marseille gesprochen, ans eine Entfernung von 530 Meilen, und eine Verbindung zwischen London und Rom sieht man in naher Zukunft als möglich an. Die längste Telephon- Verbindung in den Vereinigten Staaten besteht zwischen New Jork und Ehicago; sie beträgt 950 Meilen.— Humoristisches. — Wahre? Gcschichtchen. Maire und Adjunkt eines lothringischen Dorfes kommen in ein elegantes Restaurant nach S, und sehen dort zuin erstenmal englischen Senf. Der Maire bestellt sofort für eine» Frank von dem gelben Zeugs. Zuerst greift der Adjunkt zu. Als ihm die Thränen in die Augen treten, sagt der Maire zuvorkommend:„Du b r u ch s ch t n i t zu h ü l e, mer zahle'S u s cm Budget." — Verbrauchte Situation. Moderne Dramen-- s ch r i f t st e l l e r i n(ihre verheiratete Schwester in den Annen ihres Gatten erblickend):„Aber Ella, muss ich Dich in solcher ver- brauchten Situation finden!" � — Kleines Gespräch.„Solomon, Du hast eben erst die grosse Mitgift gekriegt, leih' mer 10 000 Mark. Ich Hab' mei'm Schwiegersohn versprochen, er kriegt 20 000, es fehlen mer 10 000!" „Schote I Wenn mer sagt, er kriegt 20 000, giebt merchoch nur 10 000." „Nu ja, die 10 000 fehle mer eben!"—(„Fugend".) ____________ i Notizen. — Max Drehers Schwank„Das Thal des Lebens� geht am 29. d. M. als Matinee im Deutschen Theater erstmalig in Scenc. Irene Tricsch und Basscrniann spielen die Haupt« rollen.— — Ein Meraftcr von Johannes Schlaf„Die Feind« l i ch e n" geht demnächst im Kleinen Theater in Scene. — Das Neue Theater hat die Lkomödie„DaS heutige Morgen blatt" von Felix Sölten zur Aufführung an- genommen.— — Die Schauspielerin Rosa Reith, bisher am Deutschen Volkstheater in Wien, tritt mit dem 1. März in den Verband des Wiener Burgtheaters.— — Einem japanischen buddhistischen Gelehrten ist e? gelungen L h a s s a zu erreichen. Er wurde von den Lamas freundlich aufgeiiommeil, durfte sich in Lhassa aufhalten und alles Sehenswerte der Stadt betrachten. Sein Reisezivcck soll die Untersuchung der Verschiedenheiten des japanischen und tibetanischen buddhistischen Rituals gewesen sein. Ein Reisebericht in japanischer Sprache, und dann in englischer Uebersetzung, soll erscheinen.— Die nächste Nummer des Untcrhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 25. Januar._____ 'or.uäilS Biichsriickcrci und Vertagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SVf.