HlnterhaltungMatt des Vorwärts Nr. 18. Dienstag, den 27. Januar. 1903 (Nachdruck verboten.) 18] Der JMüUerbaniies. Roman auS der Eifel von Clara Viebig. „Oh den!" Es war dem Hannes im Augenblick ganz egal. Ein ungeheurer Triumph schwellte seine Brust. In den sinkenden Tag hinaus hätte cr's jubeln mögen, daß der jung lvard wie bei der Morgenröte— hinein in den sterbenden Wald, daß der wieder grünte, wie zur Frühlingszeit— hinauf zum Mosenkopf. Ter mußte es hören...Ich hau mein Recht!" Und er lachte und stampfte mit den Füßen und brachte den Mund nicht zusammen vor unbändigem Jubel. „O jemmich!" Ter Vater kratzte sich den Kopf und beugte sich immer besorgter über den für tot Taliegendcn.„Donner- kiel noch ehe, da kommen wir in en schön Verlegenheit! Mir können häu doch nct hei liegen lassen, den is ja pitschnaß!" Nein, wahrhaftig, das ging eigentlich nickt an! In Hannes regte sich eine Großmut gegen den Unterlegenen, buh, war der zugerichtet! Nein, er hatte nichts dagegen,— sie konnten ihn ja anfassen und wenigstens ins Trockene legen, oder— oder-- Er stand noch und überlegte, da rührte sich der Laufeld, stöhnte und schlug die Augen auf. Einen Blick voll Haß warf er auf die über ihn Gebeugten, dann versuchte er, sich auf- zuraffen. Ter Alte wollte ihm helfen, aber er stieß den mit ungeahnter Kraft znriick..Ein Paar Vorderzähne waren dem Laufeld ausgeschlagen, er spuckte den beiden das Blut vor die Füße. „Jeßmarijusep, habt Ihr aber cn Kladderadatsch auf de Schnöß gekriegt," konnte Matthes sich nicht enthalten, mit- leidig auszurufen und die Hände zusammenzuschlagen. Ein zweiter lvütender Blick lohnte ihn dafür. Ter Laufeld war totenbleich, mm hatte er sich auf- gekrabbelt, aber seine Füße trugen ihn noch nicht, er mußte sich an den nächsten Baum lehnen. Gott im Himmel, wie sah er ans! Der Rock in Fehen, die Hose mit Kot besudelt, naß hingen die Haare in das verzerrte Gesicht. Keine Mütze, keinen Stock! An der Unterlippe nagend, finster stand Hannes, ebenso blaß»vie der andre— nun, da der sich rührte, sah. ging, stand— war auch auf einmal die Großmut wieder verflogen, die altcrbitterte Feindschaft wieder da. Aber er hinderte den Vater nicht, daß der ging, die Mütze aus dem Kot auflas und dem Laufeld überstülpte, ihm auch den Stock holte. Ter Laufeld dankte nicht, seine Lippen preßten sich immer fester zusammen, aber er nahm den Stock doch— was sollte er machen in seiner Not— er stützte sich schwer auf den Stecken, daß der sich bog, wie eine Wcidcngertc. „Hannes," tuschelte der Alte und zog den Sohn nach dem Ehaischen hin,„komm emeil,'schwind lassen mir machen, dat mir hei fortkommen!" Es war ihm gar nicht recht geheuer. Er tvarf einen scheuen Blick hinter sich: der Wind heulte vom Liemerborn, drum die immergrünen Pflanzen wachsen, in deren Kranz die Heren tanzen. Und es wurde jäh dunkel. Zerrissene Wolken, Ungeheuern gleich, jagten über den stöhnenden Wald und Raben, eine ganze Schar der schwarzen Galgenvögel, kreisten ihnen unruhig zu Häuptcn. „Liomm, komm!" Er zerrte den Sohn am Rock. Sie stiegen auf. Aber im Aufklettern kam dem Alten ein Ge- danke— er fragte nicht erst, was sein Sohn dazu sagte,— es war gar zu ungetrost im Wald, man konnte den Laufeld doch nicht so im Stich lassen! Das steife Bein, das er schon mühselig ins Ehaischen gehoben, zog er noch einmal zurück: „Autsch!" Das that weh. Und:„Laufeld," schrie er kurz entschlossen,„Lauseld, no, wißt Ihr wat— steigt ehs auf!" Aber da kam er schön an! Tie zitternde Hand hob Jakob Laufeld in die Höh' und ballte sie zur Faust. Er konnte nicht sprechen, aber immerfort schüttelte er die Faust. Er. schüttelte sie noch, als die Räder des Chaischens längst verrollt, und Dunkel und Einsamkeit ihn umfingen. Vater und Sohn sprachen kein Wort. Jeder dachte was für sich. Den Alten beschlichen Sorgen: der Laufeld lebte, wenn er sie nun anzeigte?! Er rückte unruhig auf seinem Sitz und allerhand Ungewisse Befürchttingen umflatterten ihn. Tie Sorgen des Hannes waren andrer Art: daß der Laufeld ihn anzeigen könnte, dieser Gedanke, der seinen Vater beunruhigte, kam ihm gar nicht— man gi�bt doch nicht seine eigne Demütigung preis!— aber er war nicht mehr zu- frieden. Der hatte noch lange nicht genug gekriegt,— nein— am liebsten möchte er den einmal verwammsen, angesichts des ganzen Dorfes. So in der Heimlichkeit war's doch nur halbe Sach' gewesen. All der vorschnelle SiegeSjubel war verrauscht. Sein Kopf brannte, ungebärdig die Mütze abreißend, gab er die glühende Stirn dem niederströmenden Regen preis. Auch den Rock riß er auf— der stöbernde Wind fuhr ihm zwischen Weste und Hemd und bis auf die nackte Brust— keine Kühlung, noch immer war's zum Ersticken. Seine Stirn war düster zusammengezogen, unheilschwanger brütete sie, wie da oben die finstere Kuppe des Kraterberges: eine unbezwingliche Gereiztheit kochte in ihm— ah, wenn er sich nur austoben könnte, an irgend was, an irgend wem! Schlüge ein Wetter gleich drein mit Tonner und Blitz, daß Bäche Meere würden und alle Berge bebten; ihn sollte es nicht gereuen. Er führe mitten hinein, mit Tonner und Blitz um die Wette— es sollte ihm eine Erlösung sein! Finstere Nacht war's, fast Mitternacht, als Müllerhannes auf seineu Hof rasselte. Er hatte erst den Vater heimgebracht und war dann noch einmal im Dorf eingekehrt. Es hatte ihn gedurstet, aber sein Durst war nicht zu löschen gewesen, so lange er auch saß. Die Kehle war ihm noch immer trocken, in der Brust hatte er einen noch guälenderen Brand. Blinkte aus dem nach rückwärts zu liegenden Fenster der guten Stube— wo das Gewehr an der Wand hing, drunter das Bild des jungen Hannes auf sich bäumenden Schecken— nicht noch Lampenschein? Dies bescheidene Licht erhellte nicht den dunkel fließenden Bach hinter der Mühle, nicht jenseits die schwarzen Höhen; nur ein feines Strählchen zitterte hin zu den ragenden Holzstapeln und zum Pfad, der draiMwrbei zum versunkenen Gartengrund führte. Die Läden waren nicht vorgelegt; der Mann tappte die Wand entlang und guckte ins Fenster. Da saß seine Frau auf dem Kanapee, hatte sein Soldatenbild von der Wand genommen und vor sich auf dem Tisch liegen. Hatte sie's betrachtet? Ihre Hände hielt sie darüber gefaltet— jetzt war sie eingeschlafen. Sie hatte das Räderrollen nicht gehört. Mußte die selbst im Schlaf greinen? Auf ihren schmalen Wangen schimmerten Thränen und hingen schwer wie Bleitropfcn im Lampenlicht.„Die Heulliese!" Derb schlug Hannes mit dem Peitschenknauf ans Fenster — die Frau fuhr mit einem lauten Schrei des Erschreckens auf— da lachte er roh und trappste zurück zur Hausthür. Schon trat er ins Zimmer. Sie hatte sich so erschrocken, daß sie zitterte. Nun— auf einmal so schreckhaft?! Sie hatte wohl gar ein böses Gewissen?! Wieder flennen, ei natürlich, was andres konitte sie ja nicht. Es war Hohn in der Stinime des Mannes, eine ätzende Bitterkeit. Fast wie Widerwillen stieg's in seinem Blick auf. Die da war nichts für ihn, nein— eine ganz andre hätte er haben müssen, eine, die besser zu ihm Paßte, eine Große und Starke! Dürftig war die und allezeit weinerlich, ah, so ein schlappes Frauenzimmer, nicht einmal einen Buben brachte sie zu Wege, einen kleinen Dreikäsehoch im Bötzen- kleidchen.*) Ein plötzlicher Haß überkam den halb Trunkenen— war nicht alles zum Rasendwerden? Er schrie sie an:„Wat heulste ewcil wieder?" Ilnd als sie keine Antwort gab, trat er ihr drohend näher:„No, wat heulste eweil?" Da raffte sie sich auf, ihre Empörung überwand ihre stete Scheu: Was hatte sie gcthan, daß er sie so anfuhr? � War's was Böses gewesen, daß sie sich, nach dem die Fränz im Bett und die ganze Mühle zur Ruh, in ihrer Einsamkeit hier herein- geschlichen und Zwicsprach gehalten mit dem Hannes von früher? Den liebte sie noch. Den hatte sie sich herunter- gelangt und betrachtet, und darüber waren ihr die müden Augen zugefallen, und sie hatte im Schlaf um den Hannes ge- weint. War das was Unrechtes? sitein, sie hatte auch ein Recht! Hatte die Magd nicht erst gestern gesagt:„Frau, wann ich Ihr thät sein, ich ließ mir dat nie un nimmer ge- fallen." Stein, das ließ sie sich nun auch nicht mehr gefallen— •) Kinderkleidchen: Höschen und Wams in einem Stück. tScftR matt die harnllosen Blindschleichen iritt draußen im .Gestein an der Straße, da krümmen sie sich auch, richten sich empor auf dem Schwanz und züngeln wie eine richtige Schlange! „Laß mich in Ruh'," sagte sie mit bebender Stimme,„ich han Leids genug, et braucht eweil net noch größer zu werden!" Er schlug eine Lache auf:„Kuck hei. dat Tina kriegt en groß' Maul— se han all dat groß' Maul, aber ich will se lehren, jer. dat will ich!" Aufgeregt schlug er sich auf die Brust:„Ich. ich, ich. Wat gaffite? Hei wird uet gemuckt, hei wird nur pariert— voran, mach, hol' mer noch en Flasch Bit- burger aus.'m Keller!" (Fortsetzung folgt.)] (Nachdruck verboten.) Hus einem Heiligenleben. In Heiligenleben sucht man Erbammgsstoff, Wundergeschichten, Heidenbekehrungsrekords, Kasteiungsvorbilder: dagegen läßt sich weniger von ihnen erwarten, daß sie Stoff für Unterhaltungslektiirc bieten. Und doch giebt es solche. Ja, aus dem irdischen Lebenslauf deS einen oder andern nachmaligen Heiligen sind uns Ziige erhalten, die einen ausgesprochenen Sinn für das Komische bei ihm voraus- setzen lassen und auf denselben Sinn bei der Nachwelt wirken. Recht er- giebig in dieser Hinsicht ist das Leben jenes katholischen Heiligen, der die römische Kaiserkrone mit der deutschen Königskrone veremigte: des Kaisers Heinrich IL(1002—1034), den Papst Eugen Hl. durch eine Bulle vom 14. März 1140 heilig gesprochen hat. Wenn man freilich der frommen Legende ohne weiteres Glauben schenken wollte, so wäre Heinrich der Heilige als eine asketische Mönchsnawr zu betrachten, die der Welt mit allen irdischen Ge- nüssen abgestorben war und ihr ganzes Sinnen und Trachten dem besseren Jenseits zukehrte. Die Legende weiß sogar zu berichten, daß der fromme König gegen Ende seines Lebens sich ernstlich mit der Absicht getragen habe, geradezu iu ein Kloster zu gehen. Im Jahre 1023 habe er das Kloster des heiligen Bitonus in Verdun besucht und sei in die Worte des Psalnnstcn ausgebrochen:„Dies ist meine Ruhe ewiglich, hier will ich wohnen, es gefällt mir wohl!" Gleichzeitig heischte er die Aufnahme unter die Brüder. Der Bischof von Verdun machte dem Abt Richard klar, das Reich müsse untergehen, wenn der Kaiser der Welt entsage, und gab ein Auskunftsmittel an die Hand. Der Abt ließ sich von Heinrich das Mönchgelübde unverbrüchlichen Gehorsams leisten und befahl ihm sodann alsbald die Rückkehr in die Welt. Schon vorher hatte der Kaiser— immer der Legende zufolge— aus freiem Willen die mönchische Verpflichtung zur Keuschheit peinlichst inne- gehalten. Er war zwar verheiratet, mit der heiligen Kunigunde, die Papst Innozenz IU. am 3. April 1200 kanonisierte! aber in beiderseitigem Einverständnis enthielten sie sich von Anfang an dessen, Ivos sonst zwischen Eheleuten üblich ist, so daß ihr Bund ohne Sprößling blieb. Das alles ist nun gewiß höchst erbaulich, leider aber nicht wahr. Die Verduner Anekdote ein ein bloßes Märchen. Und aus Urkunden des Königs selber loissm wir, daß er die Hoffming auf Nachkommen- schaft erst spät und ungern aufgegeben hat. Das Hindernis war ein physischer Maugel, sei eS auf Heinrichs, sei es auf Kunigundes Seite! dagegen hat es durchaus nicht am guten Willen der beiden (lefehlt. Der wirkliche Heinrich, wie er bei gleichzeitigen Schrift- tellern und in eigenhändig gezeichneten Aktenstücken erscheint, ist denn überhaupt eine ganz andre Gestalt, als der legendäre Heilige. Er war gewiß ein treuer Sohn der katholischen Kirche, aber gleich- zeitig ein vollsaftiger Mensch, der mit beiden Füßen auf der Erde stand und sein Leben lang sehr irdischen Interessen anhing. Das Gegenteil wäre äußerst merkwürdig bei der Umgebung, worin Heinrich aufwuchs und waltete. Von der weltlichen Aristokratie ganz zu geschweigcn, bestand auch die kirchliche mcht aus lauter Heiligen, die der Welt abgesagt hatten. Ein wunderlicher Heiliger jedenfalls war der Bischof Megingaud von Eichstätt, ein Vetter des Kaisers und gleich ihm bayrischer Her- kunft. Es fehlte ihm nicht an bajuvarischer Derbheit! er war sack- grob und vollgeladen mit Flüchen, die heraus mußten, wenn sie ihn nicht ersticken tollten, scheint aber trotz seines rohen und jähzornigen Wesens nicht eben ein schlechter Kerl gewesen zu sein. Für eine Reise nach Italien ließ er sich von seiner Geistlichkeit die Erlaubnis zu hundert Flüchen mit auf den Weg geben, mußte aber bald uin ein neues Hundert nach Hause schreiben und reichte auch damit noch nicht. Sein Hauptvergmlgen war ein guter Happen und ein kräfttger Schluck. Nichts konnte ihn zorniger machen, als ein langer Gottesdienst. Wenn er auf Amtsreisen in eine Kirche kam und durch eine kurze Messe erftcut wurde, so schickte er dem Geistlichen zum Dank für die gute Aufnahme einen Braten. Wenn sich aber die Sache in die Länge zog, etwa durch kunstreich gewundene Melodien des Vorsängers, so geriet Megingaud in Wut.„Man ist von Sinnen," schrie er dann. „und loill mich verhungern lassen. Der Dummkopf! Ehe er mit seinem Singsang zu Ende, kann man mehr als eine Gott wohl- gefällige Messe lesen." Sein größter Kummer war, daß zur Fasten- zeit der Dienst länger dauerte. Zum Zweck der Abkürzung ließ er dann allsonntäglich für die Domherren einen Stör bringen, der ntitten im Chor niedergelegt ward; gleichzeitig beschwor er sie. schnell zu machen, damit er zu Tisch komme. Die Herren thaten. was sie konnten, aber längst nicht genug für seinen Riesenappetit; bei der dritten Hora zählte er schon die neunte und enteilte zur Tafel. Sehr wenig erfreut war Megingaud, wenn sein gekrönter Vetter in das Eichstätter Revier kam. Die deutschen Könige des Mittelalters führten bekanntlich ein Nomadendascin, weil sie ihre Einkünfte nicht in Geld bezogen, sondern von Naturalabgaben lebten, die au Ort und Stelle verzehrt wurden. Wie die Zigeuner zogen sie mit ihreni Hof durchs Reich, überall bloß so lange verweilend, als der Vorrat reichte. Als nun der König einmal auf der Reise nach Regens- bürg Eichstätt berührte und durch einen vorausgeschickten Boten Megingaud die hohe Einguartterung avisierte, schickte der Bischof dem König durch den Boten etliche Stücke Tuch, Ivie es in Eichstätt fabriziert ward mit der Meldung:„Tuch können die Eichstätter Bischöfe eher geben als den königlichen Hof verpflegen". Dies Kreuz wollte er durchaus nicht auf sich nehmen. In besonders üble Laune geriet der geistliche Herr, als ihm der Bote auseinandersetzte, was der Hof an Wein bedürfe.„Schuft!" unterbrach ihn Megingaud,„dein Herr ist von Sinnen. Wie soll ich ihn verpflegen, da ich kaum genug für mich habe. Ich war seinesgleichen von Geburt, aber er hat mich zu einem armen Landpfarrer herunter- gebracht und verlangt nun. ich soll ihm auch seinem Hof bewirten. Woher soll ich so viele Fuder Wein schaffen? Ich habe nur ein einziges kleines Faß, das mir mein lieber Bruder, der ver- teufelte Bischof von Augsburg, zum Meßdienst schickte. Beim heiligen Willibald I auch nicht ein Tropfen davon soll ihm in die Gurgel fließen." Man sieht schon, daß es mit dem Respekt dieses Orginals vor dem König nicht eben Iveit her war. Megingaud legte das auch da- durch an den Tag, daß er ruhig sitzen blieb, wenn seine Kollegen vom Krummstab vor der Majestät ehrerbietigst ausstandeu; er meinte:„Ich bin sein älterer Vetter, und die Schriften der Heiden wie die Bibel gebieten, das Mer zu ehren." Etwas dickköpfig war der Eichstätter Bischof, wenn er dem König in polittschen Dingen zu Willen sein sollte. Heinrich ließ eS sich von dem komischen Kauz gefallen, daß er die Abttettuig einiger Teile des Eichstättcr Gebietes, über die der König verfügen wollte, hartnäckig verweigerte. AIS Megingaud starb, ernannte Heinrich gegen seine Gewohnheit einen Geistlichen niederer Herkunft Namens Gunzo zum Bischof von Eichstätt. Warum der schlichte Mann aus dem Volke so hoch erhoben ward, zeigte sich, als der König an den neuen Prälaten das alte Ansinnen richtete, jene Striche herauszugeben, und Gunzo, von seinen Geistlichen und Dienstmannen bearbeitet, auf diesen Schwächungsversuch nicht recht anbeißen wollte. Da rief der zu- künftige Heilige in heftigstem Zorn:„Was böre ich von dir? Weißt du nicht, daß ich dich bloß deshalb zum Bischof gemacht habe, damit ich bei dir, einem Manne niederer Abkunft, meinen Willen durch- setzen könnte, dem sich dein Vorgänger, mein Stammesvetter, nicht ftigen wollte? Laß mich incht noch einmal etwas der Art von dir hören, wenn du dir das Bistum und meine Gunst erhalten willst!" Die Drohung schrieb Gunzo sich hinter die Ohren und rückte init den? Geforderten heraus. Es sollte zur Vergrößerung des Bivtnms Bamberg dienen, das der König 1007 begründet hatte, um seine Machtstellung am Main zu kräftigen und ein Land, dessen ungerodete Wälder bis dahin Haupt- stichlich von spärlichen Slaven bevölkert waren,'durch die ackerbau- fördernde Thätigkeit des Klerus in eine ergiebige Einnahmequelle verwandeln zu lassen. Bei der Ausführung seines Lieblingsplanes war Heinrich von vorne herein auf erbitterten Widerstand gestoßen, den benachbarte Prälaten unterhielten, weil sie von dem neuen Bistum Schwächung ihres eignen Einflusses befürchteten. Besonders widerhaarig war der Bischof Heinrich von Würzburg, der an die Bamberger Diözese erhebliche Teile seines Sprcngels abgeben und dafür anderweitig entschädigt werden sollte. Wir haben noch ein Schreiben des Bischofs Arnulf von Halberstadt, das den hartnäckigen Amtsbruder zur Nachgiebigkeit stimmen sollte. Dies Dokument eröffnet einen höchst merkwürdigen Einblick darin, wie ein zeit- gcnössischer Prälat seine eignen Kollegen beurteilte. Da ivird n. a. der uneigennützige, geistliche Eifer der heiligen Väter in ftühercn Zeiten gepriesen und weiter gesagt:„Jetzt ist freilich das alles anders und alles voll Irrtum. Sie verwandten ihren ganzen Fleiß darauf, die Seelen zu retten; wir denken nur daran, ivie wir die Leiber pflegen. Sie stritten um den Himmel, wir streiten um Erdengut. Und doch wäre solches nicht vonnöten, denn an irdischem Gut würde es uns nicht mangeln, wollten ivir das Auge nur ans den Himmel richten. Aber es soll ja auch der zeit- liche Gewinn, dem die Menschen jetzt vor allem nachjagen und in dem sie verkürzt zu werden fürchten, dir nicht vermindert werden. Mehr und Erttäglicheres, als du verloren hast, hat dir der König, wie ich höre, bereits gegeben und wollte dir mehr noch geben, ja, wird eS vielleicht noch' jetzt thun, wenn du an seinem Hof erscheinen und dich dent ftigen ivillst, was dir die Freunde raten. Mit deinem Verlaub ivagc ich, dir ins Gedächwis zu rufen, was du mir einst selbst über diese Sache berttautest. Erinnerst du dich nicht, wie wir im vorigen Jahre auf Bamberg zuritten, wie du mich da heran- riefst und mir sagtest, gleichkam als hättest du eine Vorahnung dieser Dinge gehabt, wenn der König hier ein Bistum gründen wollte, würde es ihm leicht fallen, deine Kirche durch ein- träglichcre Güter zu entschädigen, dcmi du hättest nur geringe Einkünfte aus diesen Gegenden, fast das gan�e Land sei Wald und von SlaveMpcwohnt, niemals oder selten seiest du in diese entfernten Striche deines Sprengels gekommen? Weshalb scheint dir nun schwer, was du damals für so leicht hieltest?"... Das sind gewiß recht sonderbare Erwägungen für Geistliche einer Zeit, die zum weltlichen Oberhaupt einen Heiligen hatte. Noch sonderbarer ist, daß der nämliche Briefschreiber eben diesem Heiligen zutraut, er werde den Würzburger Sprengel bei längerer Wider- Ipänstigkeit seines Bischofs verheeren und plündern. Das Muster eines JnteresscnpolitikerS im geistlichen Habit lvar Heinrichs des Heiligen bester Freund, sein Schulkamerad und seine rechte Hand, der ihm an Frömmigkeit gewachsene Bischof Mcintverk von Paderborn. Dieser gute Mann war unermüdlich und unerschöpflich in verschmitzten Anschlägen, um aus dem König Schenkungen für seinen Sprengel herauszuschlagen. Mit dem naivsten Wohlbehagen erzählt Meinwcrks geistlicher Biograph von seinem Helden zahl- reiche Stückchen, die sich nicht anders als Spitzbübereien benamsen lasten._ Zuweilen ward sogar dem nachsichtigen, königlichen Freund und Gönner Meinwerks besten Habgier gar zu arg. Bei einem WeihnachtsgotteSdienst in Paderborn ließ der Bischof dem ilönig nicht eher Ruhe, bis er ihn, als Festcsopser ein großes westfälisches KönigSgut schenkte.„Gott und alle Heiligen!" jubelte Meinwerk, .mögen dir lohnen I" Heinrich erwiderte ärgerlich:.Und Gott mrd alle Heiligen mögen dich strafen, daß du zum Schaden des Reiches mir das Gut desselben zu entwenden nicht ruhest." Das störte Mcinwerks Freude nicht; er weissagte:„Heil dir, Heinrich, für diese That wird dir der Himmel offen stehen! Seht, ihr Gläubigen, solche Opfer sind dem Herrn angenehm!" Was Meinwerk nicht ge- schenkt ward, das nahm er sich, wenn die Gelegenheit günstig war. So nahm er dem Köing eines Tages einen kostbaren Mantel. Wiederzukriegen war von Meinlverk nichts. Der König rächte sich also durch einen Schabernack, der für eine» Heiligen ziemlich originell ist. Er wußte, daß Meinwerks lateinische Kenntnisse äußerst mäßig waren, und ließ, daraus bauend, durch seinen Kastellan im Meßbuch des Bischofs bei den Worten pro fcnrmlis et famulabus (für die Diener und Dienerinnen) die Buchstaben k und a auskratzen. Als nun folgenden Tags Meinwerk für die verstorbenen Eltern des Königs eine Seelenmesse las, betete er thatsächlich gedankenlos pro mrrlis et mulabus(für die Maulesel und Manleselinnen). Mit diesem Hereinfall ward er dann von Heinrich und seinem Hof weid- lich aufgezogen:„Für weinen Vater und meine Mutter solltest du beten", sagte der König,„und nicht für die Mäulcr". Meinwerk verstand übrigens keinen Spaß, sondern ließ den königlichen Kastellan als Sündenbock erbärmlich geißeln. Der heilige Heinrich hielt es also nicht für ein Aergernis, mit den heiligsten Handlungen der Kirche einen Ulk zu treiben, der bei Leuten von weniger unzweifelhafter Frömmigkeit gottlos zu nennen Iväre. Er schrieb sich aber auch das Recht zu, mit dem weltlichen Besitz der Küche in einer Weise zu Verfahren, die gewöhnlich als Raub am Kirchengut bezeichnet wird. In riesigen Mengen entzog er deutschen Klöstern unter dem Vor- Ivand, sie Ivegen allzu lustigen Lebens ihrer Insassen zu reformieren, das ihnen zugehörende Land und vergab eS ander- weitig. Ein Teil davon gmg wohl in den Besitz andrer Kirchen- diener über, aber nur, Iveil sie den politischen Zwecken Heinrichs dienten, der in den Bischöfen seine Hauptstütze gegen die unbot- mäßige weltliche Aristokratie erblickte. Zu diesem Zweck hielt er sie aber in völliger Abhängigkeit von seiner Person, belastete sie mit schlvcrcn Abgaben und unaufhörlichen Kriegsdiensten, ernannte sie nach seinem Gutdünken, und, was nach katholischen Begriffen eine der schlimmsten Sünden ist, er trieb im größten Maße Simonie, d. h. verkaufte kirchliche Posten für Geld und Gut. Von dem konfiszierten itirchengut ging ein sehr großer Teil direkt in weltliche Hände über. Noch gegen sein Lebensende entzog Heinrich der Abtei St. Maximin in Trier ans einen Schlag ö65g Hufen, ungefähr 200 000 Morgen, und verlieh sie an den Pfalzgrafcn Ehrcnstied und dessen StannneSvettern Heinrich und Otto. Wie viel böses Blut derartige Expropriationen größten Stils unter den kirchlichen Zeitgenossen machten, läßt sich leicht denken. Ebenso wenig erbaut waren sie von einem rcalpolitischen Streich des Königs, der in das Jahr 1004 fällt. Da lag sich Heinrich mit dem Polcnkönig BoleSlav Chrobry in den Haaren, einem eifrigen Christin, der jenseits der Elbe unter den: Vorwand der Heidenmission eine erfolgreiche Eroberungspolitik betrieb. Gegen diesen unlauteren Wettbewerb setzte sich der deutsche Heilige mit allen Mitteln zur Wehr. Das schönste darunter war ein Bündnis mit dem heidnischen Wendcnstamm der Liutizen, den BoleSlav„be- kehren" wollte. Da versprach ihnen der fromme Heinrich freie Ausübung ihres Götzendienstes und ihrer blutigen Opfer und zog mit ihnen gemeinsam gegen den polnischen Bruder in Christo zu Felde; den Liutizen wurden dabei ihre Götzenbilder vorausgetragen. Schon die Zeitgenossen sahen in diesem Schritt des Königs eilten Ausfluß skrupelloser Landergicr, die wenigstens leinein andern zufallen lassen wollte. ivaS vorläufig noch nicht für das eigne Reich zu gewinnen lvar. Angesichts des LiutizenbündniffeS und der Klosterbcraubung kann man sich nicht wundern, wenn sogar dem Bischof Thictrnar von Merseburg, sonst einem warmen Verehrer und guten Frelinde des Königs, um Heinrichs Gottähnlichkeit bange ivurde. In seiner.Chronik" urteilt Thietmar in» Hinblick auf diese schönen Sachen:„ES ist leider eine Wahrheit, daß di'- jenigen, welche in ihrer äußeren Haltung und Lcbcilsweise, in der neuen blendenden Art ihres Auftretens gepriesen werden, in Wirklichkeit oft nicht das sind, was sie zu sein vorgeben. Und die hl. Schrift lehrt: Erheuchelte Gerechtigkelt ist nicht Gerechtigkeit, sondern doppelte Ungerechtigkeit."� Der Vorwurf der Heuchelei liegt freilich fthr nahe, wo der Widerspruch zwischen Lippenbekenntnis und Thaten so offensichtlich ist. Eines spricht zu Heinrichs Gunsten, nämlich daß er � aus seinem Herzen gar keine Mörderhöhle macht. Voll Ironie_ läßt er sich in einer Urkunde vernehmen: „Die Kirchen müssen Schätze besitzen; denn Ivem viel gegeben ist, von dem kann viel genommen werden." Ein andermal meint er:„Es wird schnell die Zeit einbrechen, wo die Welt zurück- nehmen wird, was sie Gott gewidmet hat, und zwar wird die Klöster, deren es jetzt im Ueberfluß giebt, zuerst die Beraubung treffen..." Was er hier ftir die Zukunft prophezeit, das that er nach Kräften selber, wo es ihn, gut schien. Wie man aber auch über Heinrich denken mag, jedenfalls ist es merkwürdig, unter den Heiligen der katholischen Kirche einen Poten- taten anzutreffen, der ein Virtuose im Berauben von Klöstern war und durch seine ganze Thätigkeit den Beweis erbringt, daß auch in den frömmsten Zeiten des Mittelalters die materiellen Interessen im politischen Leben den Ausschlag gaben.— Konrad Köster. Kleines f euilleton. k.„Vi»graph"-Scherze. Aus London wird berichtet: Auch der beliebte„Biograph", der doch zur Schilderung des Thatsächlick-n wie kein andrer Apparat berufen zu sein schien, fängt an zu„iiig�" und läßt sich zu allerhand Scherzen gebrauchen. Er wird eine Art Zauberkünstler. Er beginnt z. B. seine Vorstellung damit, daß er auf dem weißen Schirm zwei an einem Tischchen sitzende Leute zeigt. Sie scheinen eine erregte Unterhaltung zu haben, kommen aber schließlich überein. über den Gegenstand ihres Streites eine Wette einzugehen. Dann nimnit jeder aus der Westentasche eine kleine lvie ein Boxer gekleidete Puppe. Beide Puppen werden auf den Tisch gestellt, und nun werden sie sofort lebendig und fangen an, nach allen Regeln der Kunst zu boxen. Die beiden Gullivers klatschen lebhaft Beifall, während die Liliputkämpfer auf einein Raum, so groß wie ein Teller, fechten; schließlich wird der entscheidende Schlag geführt und Sieger wie Besiegte werden schimpflich wieder in die Tasche ihrer Eigentümer gesteckt. Diese verblüffende Vorstellung wird, wie der Direktor der Biograph- Gesellschaft erklärte, dadurch erhalten, daß zwei getrennt exponierte Films übereinander gelegt werden. Zuerst spielen die beiden am Tiich sitzenden Männer ihren Teil der Vorstellung vor der Camera, dann ivird eine andre Biograph- Photographie von einem Boxerkampf aufgenommen und schließlich beide Films sorgfältig zusammengesetzt. Der Größenunterschied zwischen Zuschauern und Boxern wurde dadurch erzielt, daß erstere der Camera näher saßen als letztere. Aber man kann noch überraschendere Täuschungen erzielen. Der Biograph zeigt z. B. auf dem Schirm das Bild eines köpf- losen Menschen, der neben einem Riesenei steht. Der Enthauptete zerschlägt das Ei mit einen, Hammer und entdeckt seinen vermißten Kopf darin. Das Gesicht lächelt ihn, zu und erlaubt, daß die Hände einige Hundert Eier in gewöhnlicher Größe aus den, Munde nehmen. Dann sieht es verlangend nach Hals und Schultern, und schließlich wird der Kopf wieder auf seinen Platz gesetzt. Der voll- ständige Mann verbeugt sich dann vor dem Publikum und ver- schwindet. Diese Wirkung wird durch den wohl überlegten Gebrauch von schwarzen Sammetvorhängen erzielt. Schwarzer Saminet ist überhaupt der Stoff, aus dem der moderne Biographenzanbcrcr seinen unsichtbaren Mantel formt. Ein andres Stück der Biograph-Täuschung ist der„Traum des Gefangenen" betitelt. Der Gefangene wird in seiner Zelle schlafend gezeigt. Auf der Steinwand erscheinen nebelhaft umrissene Figuren. Allmählich werden sie immer schärfer, obgleich man die Wand„och durch die wesenlosen Formen sehen kann. Eine der Figuren erkennt man als den schlafenden Gefangenen, die andre als ein Mädchen. Es giebt einen Zank, das Blitzen einer Waffe, und das Mädchen fällt Ichlaff auf den Boden, als plötzlich der„wirkliche" Gefangene aus dem Schlaf aufgeschreckt und wild auf das Traum- bild starrt. Die Vision verschwindet, und an ihrer Stelle schwebt das geisterhafte Gesicht des Mädchens über die Wand. Auch hierbei wird wie bei den Boxern die Wirkung durch Kombination zweier Films erhalten. Alle Scenen wurden in einem Atelier gespielt, das durch einen in seiner Art einzigen elektrischen Lichtapparat erleuchtet wird; wie wirkungsvoll dieses Licht ist, erhellt aus der Thatsachc, daß jede der tausend kleinen Photographien, aus denen ein lebendes Biograph- Bild besteht, nur'/«oo Sekunde exponiert ist. Dazu gebraucht man tüchtige Schauspieler, denn es ist durchaus nicht leicht, eine Geschichte nur pantomimisch so zu erzählen, daß jeder die Bedeutung erfaßt, und vor de», Photographieren sind sorgfältige Proben nötig. Ein ivirklich erfolgreiches Biograph- Negativ kann zu einer kleinen Goldgrube werden, da Hunderte von Films davon abgezogen, überall hingesandt und in wenigen Monatei, von Millionen Leutcir ausgestellt werden können. Die„Trickphotographien" werden sicher- lich sehr beliebt werden, da unendliche Verschiedenheiten erdacht und die wildeste» Träume des phantasievollsten Zauberers verwirk- licht werden können. Musik. Die Programm- Musik, d. h. kurz die musikalische Schilderung von Vorgängen oder Zuständen, dargestellt in einem Worttexte(eben dem„Programm"), ist heute eine Erscheinung, mit welcher auch der rechnen muh, der sie für einen Mißbrauch der Mnsik hält. Gerade sie verlangt eine besonders unkritische Hingebung. Wenn einmal der Drucksehlerteufel in der Herstellung des Konzertzettcls die Pro- gramme unter einander mischte, so daß dem Publikum etwa ein Meeressturm als ein Stück Nietzsche und eine maurische Schlacht als der Abschied von Liebenden vorgeführt würde: iver tonnte wohl die Verwechslungen merken? Aber dainit würden schon die Voraussetzungen des Komponisten gestört sein. Er verlangt eben eine Einschränkung der allbekannten Mehrdcuttgkcit der Musik ans die und die bestimmte Deutung. Dazu kommt noch, daß die Programmmusiken seit jeher— und sie waren schon im 18. Jahrhundert beliebt, im 10. bereits vorhanden— etwas einförmig in der Auswahl ihrer Inhalte sind. Schlacht und Jagd, dann das typische Um und Auf des Pathos der Liebe, Wald- Phantasien u. dergl., neuerdings klassische oder auch moderne Dichtungen mit einem Bevorzugen de? Heroischen: das kehrt in der Hauptsache immer wieder. Durchschnittlich wird etwas über unsre Interessen von heute Hinausliegendes gesucht, so etwa, wie es lange Zeit im Drama und anch in der Malerei der Fall war. In die Mitte der Not der Gegenwart hineinzugreifen, hatte unsrcS Erinnerns noch kein Programmmusiker versucht. Nun ist auch ein solcher Versuch vor uns hingetreten, geradezu eine musikalische Phantasie über die sogenannte sociale Frage. Im vierten der,.Modernen Konzerte deS Berliner Ton- k ii n st I c r- O r ch e st e r s", der„Strauß-Konzerte", kam ein Werk des 1879 in Böhmen geborenen, anscheinend in Leipzig und dann in Olmütz wirkenden Komponisten Gustav Brecher:„ A u S u'nsrcr Zefit", Sinfonische Phantasie für großes Orchester nach Versen von John Henry Mackay. Es handelt sich um das Gedicht, da? nach dem EinleitungsvcrS:„Diese Zeiten sind gewaltig, bringen Herz und Hirn in Not", mit den Worten beginnt:„Wohin ich auch sehe, nur trostloses Elend", und das schließt mit:„Eile, eile neues Jahrhundert!— eine Menschheit jauchzet dir zu!--" Man kann es keinem Zuhörer verdenken, wenn er einer solchen Programmmufik mit Vorurteil entgegengeht, wenn er ferner durch vorher gespielte Werke ivie den„Hamlet" von Liszt ermüdet und überhaupt durch das Konzerthören in eine zurückhaltende oder selbst mißmuttge Verfassung gebracht ist. Allein gerade solche Umstände sind ein guter Prüfstein, Ivenn nun auf einmal ein Werk, dem keinerlei Gunst vorausgegangen Ivar, überraschend und gleich- fam aufrüttelnd ivirkt. Kurz: Gustav Brecher hat weitaus das Bedeutendste geleistet, das wir an selbständigen musikalischen Pro- duktioncn seit"langem gehört haben. Allerdings spürt man in seiner Leistung noch stark die Spuren von Liszt und von Strauß: allerdings machen feine Themen noch zum Teil mehr den Eindruck des Süthens als der überzeugend plastischen Vollendung. Allein vor allem hören wir einen Komponisten, der nicht nur über die gegen- wärttgen Mittel seiner Kunst verfügt, sondern unS anch etwa? Bedeutendes zu sagen hat. Würde jener'böswillige Ulk in Sccne gesetzt und Brechers Programm mit einem andren vertauscht werden— wir könncn'S zwar nicht versichern, vermuten aber doch, daß der Widerspruch ein wenig zu merken sei» würde. Das Abwärtssteigen in der Tonreihc, daS feinen meisten Themen eigen ist, verbunden mit dem Schmerzhaften der bald ganz engen lvonviegend chromatischen), bald weit springenden Intervalle, giebt dieser.Komposition ihren düsteren und ergreifenden Eharatter. In einem Erläntcrungsheft von B. Stcrnberg wird das zweite Hauptthcma bezogen auf die Verse:„Wenige nur fühlen den Schmerz um die Menschheit" usw. Ob dieses, mehr eine milde als eine tief schmerzliche Stimmung darbietende Thema hier gerade in diesem Sinne paßt, ja ob es nicht geradezu die Fruchtlosigkeit solcher Beziehungen einsehen läßt, bleibe dahingestellt. Interessant ist aber jedenfalls, wie dieses Thema an dem hoffimngsfteudigen Abschluß in einer Umbildung wiederkehrt, die sein Aufsteigen kräftiger, deutlicher, überzeugender macht. An* den unS gegebenen Andeudnigen glanben wir schließen zu können, daß dieses vor etwa sechs Jahren geschriebene Werk schon nicht mehr als Maß für die Höhe des Könnens seines Schöpfers angesehen sein will und daß er gerade über den„chromatischen" Charakter jenes Werkes hinausstrebt. Von vier Opuszahlcn deS Komponisten ist og. 4 als in„Vorbereitung" bezeichnet: zivei Ton- gcdichte für eine Singstimnie und großes Orchester(„Herbst" von Lcnail und„Der Kranke" von Otto Ludwig). Jedenfalls sehen wir lvcitcren Ausführungen von Brecherschen Werken mit mehr Interesse entgegen, als sich in dem gairz stereotypen Beifall kundgab, den jene Konzerttminmer so fand, wie cS eben üblich ist. Gegenüber diesein Erlebnis bleibt alles andre, was imS in dieser Konzertwoche begegnete, nur ein Alltag, der auch mit alltäg- licher Ehronistik zuftieden sein muß. Daß in jenem Sttautz- Konzert der Tenorbaryton Hans Schütz aus Leipzig einige moderne Lieder gut gesungen hat,- daß darunter ein hübsches von dem jungen Komponisteil Klaus Pringsheim und ein geschickt gcinachtcS von HanS Hermann war: und daß von einem älteren Koinponisten, dem in England sehr angescheneu C. Billiers Stanford, eine neue,'Irische Rhapsodie" gespielt wurde: dies dürste genug der auswählenden Berichterstattung sein. Daneben Beraiitioortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: verdient ein auffallend stark besuchter Abend des Berliner Ton» künstlervereinS Erwähnung und zvW um einer Violin- Sonate ül-moll willen, komponiert von Karl Kaempf, einem wohl ebenfalls noch jüngeren, allmählich hier beliebt werdenden Komponisten. So viel wir hörten, handelt e-Z sich um keine neuen Formen, aber um eine gute, anregende Mache. Lieder von Heinrich van Eycken. in demselben Konzert vorgetragen. trieben uns bald weg: sie sind auf musikalischem Gebiete daS, was auf poetischem die Baumbachiaden u. dgl. sind oder waren. Etwas mehr als ANtagschronik, wenn auch nur eine Wieder- holung von früher Gesagtem, ist eine Schlußbemerkung, die sich uns anläßlich eines abermaligen, kurzen Besuches in einem Godow sky- Konzert aufdrängt. War uns dieser Klavier-Hexerich in einem neulichen Bericht als ein' feineres Exenrplar aus feiner Klasse er- schienen, so haben wir jetzt davon zwar nichts zurückzunehmen. Allein auf die Dauer ttitt das— sagen wir mal— Ucbcrfliissige solcher Kunstfertigkeiten gar zu sehr hervor. Ist denn an derlei ein Mangel? Ist es nicht ein Unrecht, sich und uns mit Darbietungen zu beschästigen, deren Kraftaufwand auf andren, noch nicht über- laufenen Gebieten unvergleichlich gerechter wäre? Das drolligste sind dann solche Spielstücke, die eigens um des Spielens in Konzerten willen gemacht scheinen. Und Konzerte sind bei einem solchen Ge- haben nichts als Veranstaltungen, die eigens dazn stattfinden, damit derartige Stücke gespielt locrdcn. Dafür paßt nun einmal der Ansdrnck„Luxus" so gut wie nicht bald für etwas andres.— sz. Kulturgeschichtliches. — Mittel gegen Feuersgefahr. In einem älteren Geschichtswerke findet sich folgende, von der„Kölnischen Zeitung" wieder' hervorgezogene, sachscn-wcimarische Verordnung au? der Mitte des 13. Jahrhunderts:„Von Gottc? Gnaden Wir Ernst August. Herzog zu Sachsen, Jülich, Cleve und Berg usw. Fügen hiermit allen unseren nachgesetzten Fürstlichen Beamten, Adelichen, GerichtShaltcm und Rüthen in Städten zu wissen und ist ihnen vorhin schon bekannt, was niaaßcn wir ans tragender Landes- väterlicher Vorsorge alles, waS zur Conscrvation unserer Lande und getreuen Nnterthanen gereichen kann, sorgfältig vorgekehrt und verordnet. Weil nun durch Brandschaden viele in große Armut ge- raten können, daher dergleichen Unglück zeitig zu steuern, wir in Gnaden befehlen, daß in einer jeden Stadt und Dorf verschiedene hölzerne Teller, worauf schon gegessen gewesen, nur mit der Figur und Buchstaben. Ivie der beigefügte Abriß besaget, deS Freitags bei abnehmenden Monden mittags zwischen 11 und 12 Uhr, mit frischer Dintc und neuen Federn beschrieben, vorrätig sein, sodann aber, wenn eine Feuersbrunst, wovor doch der große Gott hiesige Lande in Gnaden bewahren wolle, cntstchcn sollte, ei» solcher und gemeldeter Maaßen beschriebener Teller mit den Worten„im Skamcn Gottes" ins Feuer geworfen, und wofcrne da? Feuer dennoch weiter um sich greifen wollte, dreimal wiederholt werden sollte. Dadurch denn die Gluth ohnschlbar gcdämpfet wird. Dergleichen Teller min haben die regierenden Bürgermeister in den Städten, auf dem Lande aber die Schultheißen und Gerichtsschöffen in Verwahrung aufzubehalten und bei entstehender Roth, da Gott für sei, beschriebener Maaßen zu gebrauchen. Hieruächst aber, weilen dieses jeden Bürger und Bauer zu wissen nicht nöthig ist, solches bei sich zu behalten, hierinnen vollbringen dieselben nnsern gnädigen Willen. Gegeben in unserer Residenzstadt Weimar den 24.Dccember 1742. Ernst August, Herzog."— Notizen. —„Babel und Bibel", der zweite Vortrag, den Professor Friedrich Delitzsch unlängst in der Singakademie hielt, wird dem- nächst mit dein zugehörigen Material' an Abbildungen bei der Deutschen V c r l a g s a n st a l t in Stuttgart erscheinen.— — G u st a V Rickelt vom Schiller- Theater ist von 1904 ab als D a r st e l l e r und Regisseur für das Lessing-Theater engagiert worden,— — Ludwig ThomaS Komödie„Die Lokalbahn" ist die nächste Ravität des Kleinen Theaters.— — Marianne Wulf scheidet mit dem Schluß dieser Saison aus dem Verbände des S ch i l l c r- T h c a t e r s.— — In C h a r p e n t i e r s Oper„Louis e", die im Februar erstmalig im Opern Hause aufgeführt wird, spielen die Haupt- rollen die Danicn Dcstinn und Goctze sowie die Herren Philipp, Hofsinann und Sommer.— — Die diesjährige Große Kunstausstellung soll eine hi st arische Ausstellung der Landschaftsmalerei bringen.— — ErneuteSPreiSauS schreiben. Der Rat zu Dresden fordert, da daS erste Ausschreiben an die deutschen Baukünstler erfolglos war, neuerdings in einem Schreiben diese auf, sich um die für die Entwürfe zum Bau eines Rathauses in Dresden ausgesetzten Preise zu bewerben. Der erste Preis beträgt 9000, der zweite 5000 und der dritte 8000 M.— — Druckfehler. In der Besprechung des„Nachtasyl" iUnter- Haltungsblatt Nr. 17) nmß es in der vierten Zeile anstatt Sttl N i l heißen.—___ lorwärts Buchdruckern und BerlagSaifftalt Paul Singer& Co., Berlin 8W.