Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 19. Mittwoch, den 28. Januar. 1903 (Nachdruck verböte».) Der)VIüUerbaiines. Roman aus der Eiset von Clara Viebig. Sonst war Tina immer gelaufen, aber nein, heut, jetzt, wo sie ganz bestimmt wußte, daß sie noch einmal gesegnet war, kam sie ein Stolz an. Wenn Hannes freundlich gesagt hätte, gewiß gern, aber so— nein. Der Eigensinn der Schwachen gesellte sich dem Stolz. „Ich gehn net mehr in den Keller. Wann Du eweil noch Bier trinken willst, mußte Dir dat selber holen gehn— ich net!" Er sah sie einen Moment ganz verdutzt an— was— was sagte die?! Aber dann brach er los, er griff sie am Arm und zog sie zur Stubenthür. Aber sie widerstrebte: nein, nein, nun erst gcrad nicht! Sie ging nicht in den dunklen Keller, wo die Stufen glitschig waren und jeder Schritt ein Fehltritt sein konnte! Mit Kraft riß sie sich los und kreischte ihm ins Gesicht: „Et u> cii Schand, wie Du bis— Du bis ja besoffen— aber wart, ich schreiben et nach Haus— ich sagen et meinem Vadder!" Sie hätte nie daran gedacht,'daS zu thnn, aber nun erschien es ihr Notwehr. War sie sich nicht auch was schuldig, sich und dem Leben, das- die lieben Heiligen in ihren Schoß gesenkt? Er hatte Lust, sie zu schlagen, das sah sie ihm wohl an, aber nein, das durfte er jetzt nicht. Jetzt nicht! Ihre sanften Augen flammten—- kam er ihr nicht schon drohend näher,— zuckte es ihm nicht schon in der Hand—? In höchster Erregung hob sie die Arme und hielt sie sich schützend vor: „Untersteh Dich noch ehs, riihr mich net an!" Und nun noch einmal lauter:„Rühr mich net an!" „O lau bis Du geck?!" Er verstand nicht ihre Exaltation, er hielt die fiir Frechheit. Was, auch sein Weib wollte ihm trotzen?! Hatten sich denn alle gegen ihn verschworen: der Laufeld, die Müller, der Vater, der Advokat? Nun, mochte selbst der Alte ihm obstinat sein, aber hier hier zu Haus wenigstens ging's nach seinem Kopf. DaS Weib sollte still sein mit seinem Gekreisch, es machte ihn toll, ganz rasend. „Biste still," briillte er sie an; aber sie schrie unter Schluchzen: „Bis Du nur still! Eine andre Hütt' sich sechsmal beklagt, ich sein alleweil still gewesen: aber eweil will ich reden, über uns is doch dat Unglück! Et is über der Mühl', ich weiß et als längst. Du has verspielt, ich bau verspielt, mir hau all verspielt! Kuckste—" ihre großen Augen starr aufreißend, wies sie mit zitterndem Finger nach dem Fenster, durch das der dunkle, winterkahle Hang aus zerrissenem Nachtgewölk hereindräute—„da hängt et, da lauert et über der Mühl', et wart nur sein Zeit ab— o Mann, Mann—" ganz außer sich schlug sie die Hände zusammen—„da is nix mehr zu machen!" „Nu kriegen ich et aber satt!" Ein Grausen war dem Manne über den Leib gefahren— was meinte sie, war- wußte sie? Vorwürfe? Nein, sie machte ihm ja gar keine, aber doch hörte er die. Und er wollte nichts hören— zum Donner noch einmal, still— nein, gar nichts hören! Packen wollte er das vorlaute Weib, gegen die Wand schleudern— --„Rühr mich net an!" schrie sie gellend auf. Er hatte sie um den Leib gefaßt, alle Besinnung hatte ihn ver- lassen, was er mit ihr wollte, wußte er selber nicht— still sein sollte sie— nein, keine Vorwürfe— die Mühle war noch sein und er stand da, groß und mächtig,— er, der Müller- Hannes— was rief sie die Angst, daß die ihn nun plötzlich packte? Nein, keine Angst— wovor denn, warum denn— tot machen mußte man die Angst, daß die nie mehr lebendig wurde— so— so— nie mehr— „Hannes— rühr— mich— net an— ich sein— Hannes!"— Halb gewürgt schrie s«,— sie stieß ihn zurück— er ihr nach, wie ein Wilder hinter ihr drein— hierhin, dorthin— aus dieser Ecke in jene— zur Thür wollte sie hinaus, seine breite Gestalt verstellte den Ausgang. Da stürzte sie zum Fenster, riß es auf, mit einem Schwung war sie oben, und nun sprang sie hinab, strauchelte, raffte sich auf und jagte fort, in sinnloser Angst. In den Stall? Hinter die Holzstapel? Da würde er sie zuerst suchen— weiter, am toten Mühlrad vorbei, hin- unter ins tote Gärtchen, dessen Beete in Schnee und Schmutz und Nacht versunken waren. Kam er auch hierhin nach?! Sie hörte seine Stimme: „Tina! Tina!" Es klang furchtbar. Ganz klein kauerte sie sich hinter einer Hecke zusammen, da— horch ein Knall! Jesus Maria, das war ein Schuß! Jetzt hatte der Hannes wohl das Gewehr von der Wand gerissen,—'s war lange her, daß ein Freuden- schuß daraus abgegeben— schoß er dnrch's Fenster? „Tina, Tina!" Sieh', wieder ein Feuerstrahl,— sie konnte seine Gestalt erkennen— er stand am Fenster, das Gewehr an der Backe. In tödlichem Entsetzen kniff sie fest die Augen zu und preßte die Hände gegen die Ohren— oh, und jetzt, zu dieser Stunde höchster Not— jetzt— jetzt fühlte sie's plötzlich, wie sich das neue Leben in ihr regte. Da riß sie die Hände von den Ohren und rang sie empor zum stummen Himmel: „Heilige Maria, Muttergotts, bitt' für uns!" XII. Hannes hatte geglaubt, die Bank habe nur von weitem nach seinem Holz geschielt und behalte das nun im Auge zur Sicherheit für die fehlenden Hypothekenzinsen: jetzt mußte er eine gewaltige Enttäuschung erleben. Ein Beamter war ge- kommen, hatte Stapelholz und Stammholz abgeschätzt, und im Wittlicher Kreisblatt hatte die Bank gleich danach eine Anzeige erlassen, daß sie so und so viel Holz, lagernd auf dem Grundstück des Müllers Kirchweiler zu Maarfelden zu Verkauf ansbiete. War's möglich, das schöne Holz, das er um so vieles teurer bezahlt,— vierhundert Thaler wenigstens war's wert — sollte wegen der lumpigen zweihunderwierzig Thaler zum Teufel gehen?! Hannes war außer sich— sein Holz, sein schönes Holz! Das durfte nicht geschehen, das konnte ja gar nicht ge- schehen, da mußte sich ein andrer finden, der für ihn einsprang, der Bank ihre Forderung bar zahlte. Pah, eine Kleinigkeit! Er hatte ja Freunde: da waren so viele, die mit ihm getrunken hatten. Die Zeit drängte— jeden Augenblick konnte einer kommen, ihm's Holz vor der Nase fortholen, so fuhr er umher, von Bleckhausen nach Daun, von Daun nach Mander- scheid, von Manderscheid nach Großlittgen, von Großlittgen nach Eisenschmitt, von Eisenschmitt nach Bettenfeld, von Bettenfeld wieder heim— niemand konnte ihm aushelfen. Als sei alles Geld aus einmal aus der Eise! verschwunden, so war's. „Mir hau selber nix!" Und sie hatten doch was, er wußte es ja, sie wollten nur nicht! Da gab er das Suchen nach freundschaftlicher Hilfe auf. Das Gesicht, hochrot und gedunsen— die jähe Angst, die das Weib in ihm geweckt, war ihm zu Kopf gestiegen und arbeitete da hinter der zusammengezogenen Stirn und klopfte hinter den Schläfen, als sollten die springen— kam er zum Alten im Dorf. Der würde schon noch was haben, und der war ja sein Vater, der ließ ihn nicht im Stich. Ziemlich sicher forderte er Hilfe. Aber Matches war unwirsch: zweihundertvierzig Thalerl Was fiel ihm ein?! Und die Mutter mischte sich mit Klagen drein: sie wollten doch auch leben! „Schreib an Tina sein Vadder—" rief der Alte, und wurde ganz vergnügt bei dem Gedanken, einen Ablenker ge- funden zu haben—„de' hat et ja derzu— schreib er nur, schreib'!" Ja, das war eine gute Idee: der an der Mosel mußte herausrücken, konnte es ihm ja von der Erbschaft abziehen— rasch, rasch, da tvar keine Zeit zu verlieren! Aber schreiben dauert viel zu lang, weit besser, mau fuhr sofort selber hin und holte sich gleich das Geld. Spornstreichs lief Hannes nach Haus zurück: er fühlte sich wie von einer körperlichen Pein erlöst, rasch— schon von Weitem schrie er dem Knecht zu, den er auf dem Hvs hantieren sah:„Wit, angespannt— eweil geht es los!" Doch ehe er noch seine Hausthür gänzlich erreicht, hörte er ein Klagen und Weinen, es schallte aus der Mühle heraus und durchschnitt jammernd die Lust. Das waren die Stimmen von Tina und der Franz. Innen im Zimmer sah die Frau, den Kopf auf den Tisch gelegt und schluchzte herzbrechend. Franz stand neben der Mutter und weinte zur Gesellschaft mit. Der Hund, der sonst immer beim Ofen lag, hatte sich in einen Winkel verkrochen, als wittere er nichts Gutes. Auf dem Tisch lag ein Brief. „No, wat is dann eweil schon wieder los?" fragte Hannes. Aber er fragte es nicht in dem früheren, ungeduldig rollenden, sondern in einem gedrückten, fast scheuen Ton— er hatte eine Schuld gegen sein Weib auf dem Herzen. Noch hatten sie kaum mit einander gesprochen seit jenem Abend; sie hatte das Ehebett verlassen und sich mit der Franz in der Giebel- stube einlogiert, sein Lager war unten aufgeschlagen. „Tina, no— no, wat dann?" Er wagte es, ihr die Hand auf die Schulter zu legen. Da weinte sie nur stärker, sah nicht auf, sondern wies mit zitterndem Finger vor sich auf den Tisch. Aha, der Brief! nahm ihn, „Kotzdonner noch ehs," das fuhr ihm so heraus. Welch ein Pech— was nun?! Der Alte an der Mosel war krank, sehr krank. Jetzt gerade! Er lag im Krankenhaus, da stand's von fremder Hand geschrieben. „Hän is schon net mehr bei sich," sing Tina an zu klagen, „oh, mein Vadder, mein Vadder!" In leidenschaftlichem Schmerz begann sie die Hände zu ringen. So hatte Hannes seine Frau noch nie gesehen. Auch er begann zu zwinkern und etwas Nasses im Auge zu fühlen. Eine Ahnung dämmerte ihm, daß die hier um ihre letzte Zuflucht jammerte. Ein plötzliches Mitleid mit ihr quoll in ihm auf; so sacht er konnte, �strich er ihr übers Haar: „Tina, kreisch' doch eweil net so, hän kann ja noch besser werden!" „Ne, ne!" Sie duckte scheu den Kopf unter seiner Be- rührung und sank wimmernd in sich zusammen:„Oh, Vadder, Vadder!" Ihr Ton schnitt Hannes ins Herz, für den Augenblick hatte er seine eigne Bedrängnis ganz vergessen: vorerst kam ihm auch gar kein Gedanke an die rettende Erbschaft. „Tina," tröstete er,„die Nani schreibt doch, noch is Hoffnung möglich!" „Ne, ne!" Sie schüttelte verzagt den Kops:„Oh, Vadder, Vadder!" Sie hatte keine Hoffnung mehr. Und nun sah er's, sie hatte bereits ein schwarzes Kleid angethan wie zur Trauer. Draußen peitschte eisiger Winterregen die kahlen Bäume und trommelte auf dem Mühlendach; ein schwerer, grauer Tag kroch müde dahin. Durch die augelaufenen Scheiben drang kaum ein Lichtstrahl ins Zimmer. Hannes wischte sich ein .Guckloch und schaute hinaus zu den langsamen, schwarzen Wolken über den schwarzen Hängen und wieder zurück aus die Trauernde am Tisch. Ein Frösteln lief ihm über den Nacken. „Tina, eweil wirst Du wohl et Chaische gebrauchen. Du wirst doch Deinem Vadder gern die Äugen zuthun?" sagte er kleinlaut. Sie nickte heftig; zum erstenmal sah sie ihn wieder an, er erschrak über ihren leeren Blick. Keine Hoffnung mehr drin— was— sollte auch er, auch er, nicht mehr hoffen dürfen?! Doch, doch, jetzt erst recht! Sich aufraffend, schrie er im alten, forschen Ton, dem sie zu gehorchen gewohnt war: „Tina, wit, wit! Et is schon angespannt! Ich fahren mit."— "»' Trotz aller Eile hatten sie den Alten an der Mosel nicht mehr am Leben gefunden. Wer konnte es den, Hannes ver- denken, daß er nun, da er dem wie friedlich Schlummernden die Hand auflegte, bei sich selber dachte:„Den is justement zur rechten Zeit gestorben!" Der Alte hier mit dem gries- grauen Haar hätte doch keine Freude mehr am Leben gehabt, dem war wohler beim Halleluja der Engel. Aber ihm, ihm— und ein lange nicht gehabtes Siegesgefühl schwellte des Hannes breite Brust— ihm kam jetzt die Erbschaft zu paß!„Eweil sein ich aus aller Bredullich!" Und wenn's auch nicht viel war, wenigstens lange nicht so viel, als man früher gedacht und als der alte Schlaufuchs bei der Verheiratung seiner Tina hatte ahnen lassen, so viel Würde es doch immerhin sein, sich für's erste die dringendsten Forderungen vom Halse zu schassen: die Bank, den Pferde« Levy; ein paar andre kleinere Löcher zuzustopfen— hier ein paar Thaler, dort ein paar— und noch etwas bar übrig zu behalten. Herrgott! Fast hätte Hannes einen Freudenschrei aus- gestoßen— nun konnte er auch sein Holz behalten, sein schönes Holz, oder es doch wenigstens zurückkaufen! Er sagte dem toten Schwiegervater im Grabe so freiwillig und von Herzen gern„danke", wie er's noch nie einem Lebenden gesagt hatte.. Was würden sie nun sagen, die Schandmäuler, wenn er heimkam, den Sack voll Geld?! Nun brauchte er keine Freunde mehr. Hei-, was würde sich der Lauseid ärgern, daß der Müllerhannes wieder obenauf war! Jetzt konnte er ge- trost ernst machen und die Prozeßgedanken gegen den Schleicher wieder aufnehmen, die ihm abhanden gekommen waren in der Not der letzten Wochen. Für gutes Geld findet man einen guten Advokaten. Und die Müller oben am Bach?! No, das war nun vergessen, wenn sie ihn auch geschädigt hatten: mochten die vor der Hand noch bleiben— arme Teufel mit Weib und Kind— die waren nur von Lauseld angestiftet, die jagt man aber drum noch nicht gleich von Haus und Hof. Tie wollten auch leben!'s war wirklich nicht uneben, fich mit denen zu einigen. Und die würden schon kommen, ihm's erste Wort geben, war er doch jetzt wieder der Müllerhannes, vor dem man den Hut abzieht. Eine große Weichheit und ein großer Hochmut füllten die Seele des Hannes, der nun zu Alf ein paar müßige Tage ver- saß, auf die Erbschaft des Schwiegervaters wartend. Sie ward ihm— aber o weh! Es war nicht einmal so viel, als was er im Mindcstfall erwartet. Tie 3000 Thaler, die ihm die Tina einst von ihrem Vater erbettelt, hatte der aufgenommen als Hypothek auf sein Grundstück; die nie ge- zahlten Zinsen waren dazugeschlageu, nichts blieb schuldenfrei übrig, als das Stückchen Weinberg, das schon Jahre keine nennenswerte Beträge abgeworfen. Wie kam das nur, wie ging das zu? Es war unbegreiflich! Wie konnte der Alte sich so verwirtschaftet haben?! (Fortsetzung folgt.). (Nachdruck verboten.) Nationale Arbeit. Von Emil Rosenow. AlZ er die Thürklinke herabdrücktc und die niedrige Ladeiuhüre aufstieß, ratterte eine altertümliche Klinge blechern durch den niedrigen Raum. Er mußte eine Stufe herabtretcn und stand nun in dem kellerähnlichen Laden vor der breiten Tafel, inmitten von hunderterlei Waren, in allerlei Fächern, Schubladen, Tonnen und Kisten. Ein Ladengeschäft vom alten Schlage, wie man sie eben nur noch in kleineren Städten findet und in denen alles zu haben ist. Kolonialwaren, Viktualien, Holzschuhe, Tabakspfeifen und Strick- waren. Aber das Geschäft ging, das wußte er. Der Kaufmann stand in den Büchern der Fabrik mit einer feinen Note; er regulierte prompt, setzte beträchtliche Mengen um und ließ fast nie einen Reisenden ohne Auftrag gehen. Also... Der Reisende stellte sein Musterköfferchcn auf die Ladcntafel, legte den spiegelblanken Cylinder darauf, holte ein seidenes Taschen- tuch hervor und begann den Klemmer zu putzen. Es war das erste Mal, daß er, als neuer Vertreter einer großen Chokoladcnfirnia, die kleinen Städte besuchte. Was wollte man machen. Man mußte der Konkurrenz folgen, wenn man nicht verdrängt werden wollte. Es war am Nachmittage; die Zeit, während der die Leute in kleinen Städten zum Nickerchen auf dem Ohr liegen und niemand kaufen kommt. So dauerte eS eine ganze Weile, bis endlich aus der Hinterftube der Kaufmann hervortrat. Er war ein kleiner Mann, trug eine Schürze, hatte die Kappe auf dem Ohr und unter der Mütze ein Paar pfiffige Aeuglein. Der Reisende machte eine vornehme Verbeugung. „Herr Mehnert selbst? Sehr erfreut. Komme im Auftrage des Kakao- und Chokoladenhauscs Deutschmann u. Co. Wir besuchen zwar sonst die kleinere Kundschaft nicht, da jedoch Herr Mehnert so lange von uns bezichen, habe ich Auftrag, nachzufragen, wie Herr Mehnert mit Bedienung zufrieden und ob Wünsche vorhanden?" Der Kaufmann sah erst den eleganten Herrn an; langer, dunkler Paletot, schwarzer Gehrock, blanke Schuhe in halben Gamaschen, dazu Glaces, Klemmer, Cylinder... dann warf er einen Blick auf das oberste Brett seines Ladenregals, wo eine große Anzahl schwarz-wcitz-roter Kakaopakete mit der Aufschrift„Kein aus- ländischcs Fabrikat!— Nationale Ware I" standen. „Da," sagte er,„se liegen wie Blei. Ich brauche nischt mehr." Der Reisende that erstaunt.„Nanu. Dann macht Ihre Firma eine Ausnahme. Ueberall geht sonst unsre Ware reißend ab. Wir müssen jetzt Ivieder unfern Betrieb vergrößern. Kein Wunderl Der täglich zunehmende patriotische Sinn des Volkes verschmäht all- mählich alles Nndcutsche." f• �WlJ«» „Ganz bestimmt, Herr Mehnert. Wissen Sie, lassen Sie sich warnen vor holländischer Ware< Sie bleibt liegen. Sicher. Das deutsche Volk besinnt sich auf sich selbst; es kauft nichts Ausländisches mehr. Herr Mehnert trommelte auf dem Ladentisch.„Wissen Se, beim Essen un' Trinken is' das den Leiten ganz schnubbc ob's von den Peitschen oder von den Türken kommt." „Oh, oh, oh... Herr Mehnert I Es geht eine Bewegung durch das Volk... Und dann überhaupt: Wir bringen jetzt eine neue Marke in den Handel: Deutsche Marine. Wenn ich mir er- lauben darf..." Er hatte bereits den Musterkoffer geöffnet und hielt ein Paket in der Hand mit bunten Reklamebildcrn: auf der einen Seite ein Panzerkreuzer, auf der andern eine Blaujacke mit schwarz-weih-rotem Banner, auf dem geschrieben stand:„Deutscher Marine-Kakao. Nationale Ware." Er nahm eine wohlwollende Miene an.„Herr Mehnert, ich offeriere Ihnen zuerst, weil Sie unser ältester Kunde am Orte sind. Rücksicht auf Ihre Firma, Herr Mehnert. Sie sollen das Geschäft zuerst machen und ich rate Ihnen, greifen Sie zu ehe die Konkurrenz sich mit dem Artikel versieht. He?" Der Kaufmann verzog sein Gesicht zu einem gemütlichen Grinsen.„Hä." machte er,„geh'n Sc doch damit nach Leip'zch. Das's ja cene große Seestadt." „Ei, ei, Herr Mehnert. Wenn Sie ein bißchen Politiker wären..." „Ach, blei'm Se mir mit Ihre Bolidik vom»Halse. Das is' nischt iin Geschäft." Der Reisende zog ein Etui aus der Tasche.„Cigarre gefällig?" „Danke." Der Kaufmann zog eine heraus, beguckte sie von allen Seiten, schnitt mit dem Abschneider die Spitze ab und setzte sie gemächlich in Brand. Der Reisende lehnte sich mit dem linken Arm auf die Ladentafel, mit dem rechten hielt er verführerisch das Kakao-Paket hin und qualmte dazu seinen Tabakstengel. „Hör'n Se'mal, Herr Mehnert. Sic wohnen in'ner kleinen Stadt... also. Ich aber komme aus der Großstadt. Da hat man'ncn politischen Blick... ja. Und Verbindung hat man bis zu den Spitzen der Gesellschaft, seh'n Sie. Da weiß man manches/ Haben Sie schon'mal vom Deutschen Flottenverein gehört?'ne hochpolitische Sache. Er eröffnet jetzt überall Zweigvereine. Herr Deutschmann ist auch Mitglied, ich natürlich auch, wie überhaupt jeder wahre Patriot. Und, sehen Sie, darauf spekulieren wir. Wenn der Flottenvercin in den hiesigen Bürgerkreisen bloß hundert Mitglieder kriegt, und jedes Mitglied kauft monatlich zwei Päckchen Marine-Kakao, so macht das pro Jahr'nen Umsatz von zweitausend- vierhundert Pack. Na, ha'm Se Worte? Wollen Se'n Geschäft machen?" Er zog ein Buch aus der Tasche, um die Bestellung zu notieren. Aber der Kaufmann machte keine Anstalten. Er saß halb auf der Ladcntafcl und sog mit ironischem Lächeln an seiner Cigarre. „Wissen Se," meinte er bedächtig.„Was der Flottenvcrein is', der hat schon eenen Zweigvcrein dahie... un' der hat drei Mitglieder: den Vorsitzenden, den Schriftführer un' den Kassierer. Der Kassierer das is' der Gerichtsvollzieher, hähähäl" � Der Reisende machte ein verdutztes Gesicht.„Was, so un- patriotisch is' man hier?" „Nu, hier sinn se nich' so. Was unsre Bevölkerung is', die' denkt, wenn wir bloß erseht'nen Schnellzug häddcn, aus'n Kriegs- schiffen macht die sich nischt." Eine Weile wußte der Vertreter von Deutschmann u. Co. nichts zu erwidern. Er paffte dichte Qualmwolken in den Laden. Dann sagte er:„So weit zurück seid Ihr aber noch." Der Kaufmann blinzelte ihn aber mit seinen listigen Acuglein an.„Uft die Weise wer'n die Dcutschmanns dahie ieberhaupt schlechte Geschäfte machen. Fricher hieß's ecfach: Deutschmanns Kakao un' verdienen dhat m'r zwölf un' fünfzehn Prozent. Jtzc hecßt's:„Deutscher Kakao" un'„Maric-Kakao" und da d'rbei kriegt der Tetaillist bloß noch fünf Prozent un''s Zeug bleibt'n ooch noch liegen." „Verehrter Herr Mehnert, wir machen eben jetzt unsre Gc- schäfte im neuen Stil." „Ach nee." „Unser Motto ist: Kleiner Profit, großer Patriotismus." „Aha." „Früher offerierten die Reisenden die Waren zn Schundpreiscn, heute verlangen wir einen festen Preis, aber wir wenden uns an das nationale Ehrgefühl. Wir gewöhnen dem Deutschen an, nur deutsche Fabrikate zu kaufen. Und haben wir ihn dazu erzogen, dann sperren wir die Grenzen und lassen die ausländischen Waren überhaupt nicht mehr herein. So ,chaffen wir eine wahrhaft nationale Arbeit." Trüben von dem Neubau kamen die Maurer herüber und holten sich ihr Vesperbrot. Der eine ein wenig Wurst, der andre ein wenig Käse. Sie standen da und hörten zu, wie der neue Vertreter von Deutschmann seine nationalen Ideen entwickelte. Und als dieser sich dergestalt im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerk- samkeit sah, schwoll sein Selbstbewußtsein. Hier galt's eine nationale Mission zu erfüllen. Die Arme gekreuzt, die Beine übereinander- geschlagen, stand er elegant an den Ladentisch gelehnt, ließ den Tabakqualm gegen die Decke ringeln, blickte den Ringeln nach, als sähe er in die Zukunft Deutschlands und redete. Wenn Sic nur den deutschen Kakao von Deutschmann u. Co. und ebenso nur deutsche Fabrikate lausen, dann würden für den deutschen Arbeiter goldene Zeiten anbrechen. Die höchsten Löhne würden sie beziehen und, wenn die Grenzen abgesperrt und die ausländische Konkurrenz ferngehalten würde, sei es dem Arbeiter möglich, bald selbst ein kleines Geschäft anzufangen, Ersparnisse zu machen, sein Geschäft zu vergrößern und schließlich auch ein deutscher Unternehmer zu werden. Nicht nach„dem Billigsten" fragen, sondern nach„dem Nationalen", das sei der erste Sdjrift. diese herrlichen Zustände der nationalen Arbeit zu schaffen. Der Kaufmann drehte seinen Stummel zwischen Daumen und Zeigefinger und pfiff dazu durch die Zähne. Die Arbeiter kauten ihre Wurst und ihren Käse und zwinkerten sich gegenseitig zu. Schließlich meinte einer: „Ich denk' m'r bloß, bei d'r nazjenalen Arbeet wer' m'r ooch wieder de Dummen sinn.'S iS' so schonn alles dheuer genug. M'r kann sich bal' keene Wurscht mehr koofen. Un' wenn m'r nu' bloß noch deutsche Ware koofen soll, denn wer'n die Preise noch höher wer'n; de großen nazjenalen Herrn stecken den Profit in die Tasche un' d'r Arbeedcr guckt in den Mond." Ha, solche ansinationale Gesinnung, solche Rückständigkcitl Da sollteil sie beispielsweise die Firma Deutschmann sehen. Da bekomme jeder sein Teil an nationalem Gewinn. Sie sollten ihir ansehen I Nationale Ware, sei nationale Arbeit, sei gesicherte nationale Existenz... Und während er noch sprach, kam der Piccolo von„Deutschen Haus" herüber gesprungen und brachte ihm einen Brief:„Sehr ciligl" Deutschmann u. Co. Er riß ihn auf, gewichitig und sichtbar. wie's sich für solchen Brief gehörte. Und er las:„Da Sie trotz mehrfacher Mahnungen nicht die uns versprochenen Aufträge bringen, Ihre wenigen Aufträge aber meistens faule Kunden bc- treffen, so daß Sie unS nicht die Spesen verdienen, so bedauern wir von Ihren Diensten keinen Gebrauch mehr machen zu können und ersuchen Sie, sofort" usw. Er wurde knallrot, setzte den Cylindcr auf und griff nach dem Musterkoffcr. Der Kaufmann, der ihm über die Schulter spioniert hatte, machte ein vergnügtes Gesicht und sagte plötzlich: „Wissen Se'was... Schicken Se m'r emal'ne Probe- sendung von Ihrem Marine-Kakao." „Bedaurc," erloiderte der Nationale,„da müssen Sie auf de? nächsten Vertreter warten. Ich danke für das Geschäft." Da lachte der Kaufmann aus vollem Halse,„'s is' wohl nischt mehr mit d'r nazjenalen Arbeed, he?" Der Nationale aber schmiß die Thüre hinter sich ins Schloß, daß er das Gelächter nicht höre, und stolperte über das Steinpflaster des Marttes seinem Gasthof zu. Ja. es wurde einem schwer gemacht, im Gcschäftslebcn national zu sein!— Kleines feuilleton* ie. Für das Verhältnis der gefftigen Begabuug und der Körper- deschaffcnheit haben sich noch immer keine Regeln ausstellen lassen. Wenn man im allgemeinen ziemlich sicher zu wissen glaubt, welches Gesicht klug und welches dumm aussieht, so ist ein solches Urteil doch wesenttich aufs Gefühl begründet und ohne wissenschaftlichen Wert. An Bemühungen hat es nicht gefehlt, eine körperliche Eigen- schaff ausfindig zu machen, die einen zuverlässigen Maßstab für die Intelligenz der einzelnen Menschen abgeben könnte. Noch heute ist jedem die Lehre vom Gesichtswinkel bekannt, die vor fast 150 Jahren von dem holländischen Anaton, en Petrus Camper aufgestellt wurde. Der Canipersche Gesichtswinkel ist derjenige, der zwischen der senkrechten über dem Nasenrücken verlaufenden Linie und der Linie von der Nasenwurzel nach der Ohröffnung eingeschlossen wird. Je stumpfer dieser Gesichtswinkel ist, desto höher soll das geistige Niveau des Wesens sein. Selbstverständlich bezieht sich dieser Satz auch auf alle Tiere, die eine einigermaßen menschenähnliche Gesichts- form befitzen. Neuerdings haben drei Forscher an Studenten der Universität Cambridge neue Untersuchungen über die wichtige Frage angestellt, unter ihnen ein Mtglied der Londoner Royal Society. Karl Pearson, und zwei wissenschaftlich vorgebildete Damen, Dr. Lee und Marie Lewenz. Kürzlich ist ein vorläufig abschließender Bericht über die Ergebnisse dieser Forschungen an die „Royal Society" eingeliefert worden. Die Prüfung hat sich auf alle möglichen Beziehungen erstreckt. Zunächst handelte eS sich um diejenigen zwischen der Intelligenz und dem absoluten Maß des Kopfes, später wurde die Beziehung zwischen der Intelligenz und dem Verhälsins der Kopflänge zur Körpergröße in Rechnung ge- zogen. Weiterhin statt der Kopflänge die Kopfbreite genoinmen. Die daraus erhaltenen Ergebnisse waren nicht befticdigend. AuS den Messungen der Ohrenhöhe, die bei zahlreichen Schulrnaben vorgenommen wurde, konnte gar kein Schluß aus die Intelligenz gezogen werden. Vielmehr wurde angenommen, daß die anders lautenden Angaben von zwei Pariser Gelehrten aus einem mangelhaften Material oder einen, fehlerhaften Verfahren beruht haben müßten. Ferner wurden Beziehungen zwischen der Intelligenz und der Zugkraft, der Druck- krast, sowie der Weiffichtigkeit geiucht, aber auch hier war der Er- folg überall ein negativer. Zivar schien sich herauszustellen, �daß geistig hervorragende Menschen eine geringere Körperkraft und Seh- kraft besitzen als der Durchschnitt, aber die erhaltenen Unterschiede waren doch kleiner als die möglichen Fehler des Verfahrens. Etwas besser steht es wohl mit der Beziehung zwischen der geistigen Ve- gesehenen Knöpfe, so springt ein elektrischer Funke am Brenner über und entzündet die mittlerweile selbstthätig geöffnete Gasflamme. Durch zweckmäßige Anlagen kann man diese Art der GaSfern« ziindung für alle Fälle geeignet madjen. Hausbeleuchtungen werden z. B. nach diesem System so eingerichtet, daß die Bewohner, welche nachts nach Hause kommen, auf einen Knopf neben der Hausthnr drücken und dadurch die Gasbeleuchtung auf Flur und Treppen in Funktion setzen. Durch ein vorgesehenes Uhrwerk erlischt dann die Beleuchtung nach einiger Zeit von selbst. Derartige Druckknöpfe sind auch in allen Etagen angebracht, so daß man auch des Nachts, tvenn man aus irgend einer Etage fortgehen will, genau so bequem die Be- leuchtung in Thätigkeit setzen kann. Da aber die Elektro-Gasfcrnzünder immerhin eine größere An- läge erfordern, so hat man in Form der sogenannten Zündpillen die Möglichkeit geschaffen, Gasflammen ohne jedes weitere Hilfs- mittel schnell entzünden zu können. Diese Zündpillen bestehen aus Platinaschlvamm, der die Eigenschaft hat, aus der Luft Sauerstoff in hohem Maße in sich aufzunehmen. Trifft nun gegen eine solche Zündpille der Gasstrom, so kommt diese nach und nach ins Glühen. Um die Zündung zu beschleunigen, werden diese Zündpillen noch nnt einigen feinen Drähtchen versehen, die ebenfalls ins Glühen konmien. Man hat derartige Zündpillen teils an Stöcken befestigt, die man über den geöffneten Gasbrenner hält, teils bringt man sie auch mit Glimmcrblakern an den Cylindcrn der Gasflammen dauernd an. Wo derartige Zündpillen dauernd über dem Cylinder angeordnet sind, hat man nur nötig, den Ga-Zhahn zu öffnen und nach einigen Sekunden hat sich die Entzündung vollzogen. Es läßt sich also nicht leugnen, daß nian mit Hilfe dieser einfachen Gasselbstzünder in der Lage ist, die Gasbeleuchtung in Bezug auf Entzündung fast genau so einfach und bequem zu gestalten loie elektrische Beleuchtung. Die Zündpillen halten meist mehrere Tausend Zündungen ans. Neuerdings hat man einen besonders praktischen Zünder dieser Art konslrniert, der über dem Cylinder zwei Zündpillen hält. An einem kleinen Glimmcr-Flügclrädchcn, das durch die auffteigende Lust in drehende Bewegung versetzt wird, hängen diese zwei Zündpillen beweglich an kurzen Drahtstäbchen. Hat nun nach Oeffnung des Hahnes die Ent- zündung stattgefunden, so schwingen die Zünder infolge der rotierenden Bewegung der Aufhängung aus, iverden so der größten Hitze entzogen und durch die fortwährende drehende Bewegung gc- kühlt, ivaS nicht nur einen schönen Anblick gewährt, sondern auch für die längere Lebensdauer derartiger Platina-Schwammtörper tvichtig ist. Durch die Anordnung von zwei Zündern an dem Flügelrädchen über jeder Gasflamme wird auch eine schnellere Ent- zündung und eine größere Zündsicherheit erreicht.—- Humoristisches. — Im Uhrenladen. Käufer:„Vor einigen Tagen kaufte ich bei Ihnen einen Regulator init Schlagwerk, sagen Sie, die Uhr schlägt ja gar nicht?" Uhrmacher:„Da sind Sic aber zu beneiden, lieber Herr?" Käufer:„Was, auch»och zu beneiden, ja wieso denn?" Uhrmacher:„Jawohl, wissen Sie denn nicht:„Die Uhr schlägt keinem Glücklichen"!"— — Von seinem Standpunkt. Tochter(vorlesend): „Wer das Glück hat, führt die Braut heim!" Vater(Pantoffelheld):„Unsinn I Wer das Unglück hat, den führt die Braut heim!"— — Passendes Bild.„Wie war es bei Ihrem gestrigen Kaffeekränzchen?" „Ganz reizend, in jeder Schale Kaffee wurde ein guter Ruf ertränkt und zwölf Vergangenheiten wurden n m g c r ü h r t." („Meggendorfer Blätter".) gabung und dem Körpergewicht oder auch den: Verhältnis des Ge- Wichts zur Körpergröße. Die Forscher sind zu dem Endergebnis gekommen, daß geistig hochbegabte Menschen etwas größeres 5tvrperge>oicht, etwas längere und breitere Köpfe besitzen, aber etwas geringere Körpergröße und Körperkraft als die Durchschnittsmenschen, dabei auch häufiger kurz- sichtig sind. In keinem Fall aber haben sich die ermittelten Be- Ziehungen als so wichtig erwiesen, daß man danach die Geistes- menschen als eine auch körperlich von ihren tveniger intelligenten Mitmenschen unterschiedene Gruppe bezeichnen oder gar die geisttge Begabung nach körperlichen Eigenschaften des Individuums voraussagen könnte. Aus den Messungen an Schulkindern ging hervor, daß die begabteren sich nur Ivcnig durch bessere Gesundheit aus- zeichneten, daß aber die Kinder mit wirklich kräftigem Körperbau stets gesünder und auch beträchtlich begabter waren als die nicht atlcthisch veranlagten.— — Klimatische Veränderungen in Sibirien. Ein Bericht der „Nowoje Wremja" aus den arktischen Gegenden Nordsibiriens lenkt die Aufmerksamkeit auf wichtige klimatische Veränderungen in jenen Gebieten, die zu der Annahme berechtigen, daß man dort vor einer neuen Vereisnngsperiode steht. Der Winter trat in diesem Jahre in Nordfibirien ein, als nian sich auf den Beginn des Herbstes rüstete. Die ersten Schneefälle erfolgten, als man die Sensen strich, un: zur Ernte zu schreiten, und als man das Heu einbringen wollte, waren die Flüsse schon zugefroren, und Frost lag über dem Lande. Anfang Oktober, wenn die eingeborene Bevölkerung mit dem Fischfang für den Winter beginnt, herrschten schon 25 Grad Kälte, und Flüsse und Seen waren längst durch eine starre Eisdecke in Fesseln geschlagen. Der Winter war eingezogen, bevor der Herbst angebrochen war. Im November und Dezember stieg die Kälte auf 50 Grad, die Erde bekam tiefe Risse, die kleineren Flüsse froren bis auf den Grund zu, die größeren Wasseradern deckten Eisschichten von drei Faden Stärke. Die Vögel und das Wild erstarrten zu vielen Taulenden. Die Bewohner des Landes saßen in ihren Hütten am Feuer und wagten sich nicht inS Freie; ihre Renntier- Herden hatten sie ihrem Schicksal überlassen. Die Ursache der furchtbaren Kälte soll in den Eismassen zu suchen sein, die im Herbst an die Küsten des Karischen Meeres und Sibiriens angetrieben tvurden und festgeftoren sind. Die arktischen EiSmasscn, die bereits im Sommer das Karische Meer zn füllen begannen, haben cine'solche Unmenge von Eisbären auf die Küsten Sibiriens geführt, daß selbst die gegen alles gleichmütigen Samojeden in Auf- regung gerieten. Die strengen Winter lverdcn in jenen Gegenden immer häufiger, so daß wichtige klimatische Veränderungen bcvorzu- stehen scheinen. Die Samojeden. die besten Naturkcnncr des Nordens, erzählen, daß die sibirischen Tundren langsam, aber stetig immer lvcitcr nach Süden wandern und die Laubwälder zurück- drängen.— Aus dem Tierleben. — Die Höhe des Bogelzuges. Fr. v. LucanuS kommt auf Grund aeronautischer Beobachtungen über die Höhe des Vogel- zuges zn dem Ergebnis, daß im allgemeinen die Grenze der Vögel bereits in einer' relativen Hohe von 400 Meter überschritten sei. Eine große Seltenheit ist eS, tvenn noch über 400 Meter rclattver Höhe Vögel auf Ballonfahrten angetroffen tvcrden. Mit in die Lüfte genommene und dort losgelassene Vögel fliegen bei klarem Wetter direkt zur Erde hernieder: nur ciir über den Wolken frei- gelassener Hänfling wilßte sich zunächst im Wolkcnmcer nicht zurecht zu finden; eine plötzlich sichtbar lverdende Wolken- öffnung benutzte er dann sofort, um zur Erde zurück- zukehren. Die Vögel scheinen zu ihrer Orientierung des freien Ueberblickes über die Erde zn bedürfen. ES kaitn also nicht ein uns unbekanntes instinktives Abmesstingsvennögeit sein, was die Vögel auf ihren Wanderungen leitet, sondern dieselben loerden sich auf ihren Wanderungen nach der Gestaltung der Erdoberfläche orientteren. In meteorologischer Hinsicht wird daher die Bewvllung ein wichtiges Moment bilden, tvclcheS die Höhe des Vogclfluges beeinflußt. Dieses spricht dagegen, daß die Zugstraßcn in höheren Regionen liegen. Denn je höher die Vögel fliegen würden, um so eher würden sie in die Lage kommen, über Wolken fliegen zu müssen. Solche Wolkcnschichten würden aber dann die Vögel zwingen, lvieder ttefcr hinabzugehen, um noch die Erde erkennen zu können. Ein häufiger Wechsel in der Höhe ihres Fluges tviirde aber nur eine unnütze Zeit- und Kraftverschwcndung bedeuten, lvelchc die Natur stets vermeidet.— („Globus".) Technisches. y. S e l b st z ü n d e r für Gaslicht. Bekanntlich macht man der Gasbeleuchtung oft den Vorwurf, daß sie trotz vieler recht guter Verbesserungen immer»och nicht dein elektrischen Lichte in Bezug auf einfache Anzündung gleich sei. Nun liegt es ja in der Nattir zwei so verschiedener Bclcuchttmgöarten, daß nicht jede alle An- nehmlichkeiten beider in sich vereinigen kann; aber eS muß doch gc- sagt werden, daß auch das Anzünden der GaSlampen heutzutage durchaus nicht inehr mittels Streichholz zc. zn geschehen braucht. Für größere GasbcleuchtungS-Anlagen hat man hierfiir die sogenannten Elektro-Gasfcrnzünder zur Vcrftigung. Zu diesem Zweck wird eine kleine elektrische Batterie Nuttels Leitungen mit den verschiedenen Brennern in geeigneter Weise verbunden. Drückt inan nun auf einen der vor- Verantwortlicher Nedatteur: Earl Leid in Berlin.— Notizen. — Otto Ernst'S Schauspiel„Die Gerechtigkeit" geht am 7. Februar erstmalig inr S ch a u s p i e l h a u s e in Scene.— —„Ein fideles Gefängnis" von Alfred Capus ivurde bei der ersten deutschen Aufführung im Kölner Residenz- Theater beifällig aufgenommen.— — Mondton und C a r i l l's Operette„Ein durch- gegangenes Mädel" fiel bei der Erstaufführung im Dresdener Residenz- Theater durch.— o. Ein Bild von Alma Tadema:„Vorlesung aus H o m e r" erzielte bei einer Versteigerung in NctvDork einen Preis von 121 200 M.— — Der Deutsche Historikertag wird vom 1ö. April an in Heidelberg tagen.— — N a s s e F ü ß e. Wie groß die Wärme- Entziehung ist, die nasse Füße erleiden, niag folgende von Pettcnkofcr aufgestellte Be- rechnung zeigen, die lvir dem„Deutschen Hausfreund" entnehmen: Werden die Füße nach der Durchnässung entweder im Freien oder im Zimmer von trockener Luft umspült, so verdunstet die auf- gefangene Feuchtigkeit, und durch diesen Prozeß geben die Füße Wärme ab. Stimmt man an, daß' der durchnäßte Teil deS wollenen Strumpfes nur 4ö Gramm wiegt, so erfordert das Wasser, daS darin enthalten ist, zu seiner Verdunstung so viel Wärme, daß damit ein halbes Pfund Wasser von Rull Grad bis zum Sieden erhitzt werde» oder inehr als ein halbes Pfund Eis geschmolzen werden könnte.—- Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckern und VerlagSanstall Paul Singer& Eo., Berlin 8w.