Anterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 20. Donnerstag, den 29. Januar. 1903 (Nachdruck verboten.) 20z Oer IVliUlerKannes. Roman ans der Eifcl von Clara Viebig. „Esel, Schafskopf, Betrüger!" Tina zitterte unter einem Wutausbruch ihres Mannes. Unaufhaltsam flössen ihre Thronen, als sie nun wieder auf dem Chaischen saß zur Heinifahrt. All die Thränen, die sie als Braut nicht geweint, da sie diese selbe Straße zog, mußte sie nun weinen. Und noch viele mehr. Sie konnte nichts thun, als immerfort weinen und beten. Er sprach kein Wort mit ihr, er war ihr böse. Wie ein Häufchen Unglück, ein schwarzer Schatten, kauerte sie neben ihm. Und der Himmel weinte auch. Der konnte sich nicht genug thun, all sein Wasser auszuschütten. Unten im Moselthal war's noch leidlich gewesen, oben auf der Eifelhöhe sauste der Sturm. Der schwachen Frau fror das Herz im Leib. Aber den starken Mann fror nicht minder. Sie fuhren über Heiden, auf denen die Winde heulten, als jagte das Wodesheer in der Luft, sie fuhren durch die Welt- abgeschiedenheit von Dörfern, die den Winterschlaf träumten, sie kamen am einsamen Pulverinaar vorbei, und Tina hüllte sich schaudernd fester in ihr schwarzes Tuch— bald würden sie wieder an jenem andren Maar sein, an jenem noch viel düsteren, noch viel traurigeren, das ihren Mühlbach speiste mit seinem schwarzen Wasser— ihr grauste vor der Mühle. Hannes hätte gern Manderscheid vermieden, es war ihm höchst fatal, das zu passieren; aber es half nichts, er mußte durch. Er tröstete sich mit dem Gedanken, daß es schon Nacht sein würde und bei dem bösen Wetter niemand auf der Gasse. So war es auch, und doch klopfte sein Herz, als er beim ersten Haus einbog lind klopfte noch stärker, als er hinter des Laufeld Fenster Licht schimmern sah. Da saß der Schleicher in der Stube, wo sein Klapperkasten von Klavierchen stand, und rechnete undjechnete. Wenn er sich nun aber doch verrechnete?! Wenn die Schlinge, die er über des Müllerhannes Kopf ge- warfen, nicht so eng zugezogen war, als er gehofft?! Wenn der nun doch iloch einmal entwischen würde?! Hannes hatte noch nicht alle Hoffnung aufgegeben— ihm blieb ja noch der Alte zu Maarfelden. Er sehnte sich ordentlich, seinen Vater zu sprechen. Die müden Gäule mußten noch einmal all ihre Kräfte auf- raffen, um den langen Kehren ins Thal der Kleinen-Kyll hin- unter rasch genug zu nehmen. Aber so rasch ging's doch nicht, wie dazumal, als der junge Hannes sich sein junges Weib heimholte in bräutlicher Mainacht. Damals sprachen alle Duellen, alle Bäume, die Sterne am Himmel, die Mondes- strahlen auf Berg und Thal; alles was griinte. und blühte sprach, die ganze frühlingstrunkene Natur. Alle Kreatur war glückberauscht— jetzt litt sie stumm. Dazumal war es auch ein andres Pserdchen gewesen, nur eines und noch ohne Silbergeschirr, aber eins mit barbezahltem Hafer im Bauch. Und die zwei, die es hinabzog, waren auch andre gewesen. Nur der Mosenkopf schaute heut wie damals nieder. Hannes sandte einen kurzen Blick hinauf— heut' hatte er kein freundliches Grüßen für den heimatlichen Berg— vom trotzigen Gipfel herab kam der Wind gefahren und pustete den Mann in das trotzige Gesicht und spielte wild mit den Haaren, die nun schon grau wurden. Drunten im Grund tauchten die weißen Mühlen auf, selbst jetzt bei der Nacht kenntlich durch den Stern des Lichts, der aus den Fenstern der Mahlstube strahlte. Hannes lauschte: die Wasser rauschten, die Räder drehten sich. „Vermaledeit noch ehs!" Mit einem Fluch riß er die Pferde zurück— schon hing ein Rad überm Abgrund, nicht viel, und der ganze Krempcl wäre zum Teufel gestürzt. Ha, die da, die da unten fraßen ihm sein Brot selbst bei Nacht! Und doch konnte er sich nicht von dem Anblick trennen. Er hielt oben am Absturz, dicht am gefährlichen'Rand— die Augen drangen ihm fast aus den Höhlen, so strengte er sie.an, nach dem Stern zu sehen, der drunten im Grund flimmerte. Seine eigne Mühle war dunkel, die verschlief die Nacht— ja, er hatte jetzt nicht einmal am Tag Arbeit! Woher kam das nur?! Woher?! Ei, weil sie ihm alle zuwiderstrebten, weil die kleinen Hunde immer ankläffen gegen die großen. Er sah es ja: Kam sein Nero ins Dorf, gleich hatte er all die ge- meinen Köter hinter sich, sie knurrten und belferten und bellten, schnappten ihm nach den Beinen und erHuben einen Höllen- skandal. Aber er that, als ginge ihn das alles nichts an. Wahrhaftig, der Nero war ein vernünftiges Vieh, der gab Menschen ein Beispiel. So muß man's machen! Und Hannes räusperte und spuckte im Bogen hoch vom Bock herunter in den Grund, den Mühlen auf den Kopf. Aber es hatte ihn doch nicht erleichtert, noch immer spürte er die Last hier— hier vorne, den eisernen Reifen um die ganze Brust. Wenn der nur spränge, er drückte ihn so! Seine Augen brannten, als er in der Dunkelheit weiterfuhr. Da war nun kein Licht mehr, gar keins— die Wagenlaterne hatte der Wind gelöscht, selbst der spärliche Schein, den sie voraus auf den Weg warf, fehlte heut'. Und am Himmel kein einziger Stern. Nur wenn Hannes zurücksah, blinkte der Mühlenstern. Gut, daß eine Krümmung der Straße ihm nun auch den entzog— so war's recht, nur hinein in die Schwärze, immerstrackS hinein, die Pferde kannten den Weg und noch hielt er ja die Zügel in nerviger Faust. Ganz versunken, abseits vom Weg lag die Maarfeldener Mühle— weiß Gott, hätten die Pferde nicht von selber an- gehalten, der Herr wäre wohl gar vorübergefahren am eignen Haus, als sei da schwarze Leere. Am folgenden Morgen war's, die Frau lag noch im Bett, sie fühlte sich krank und elend— daß der Müller früher sich herausmachte, denn je, ihn trieb die Unruhe. Aber er sah nicht nach dem Knecht, der herumlungerte— er hatte jetzt bloß noch den einen— er guckte auch nicht in den Stall nach den Pferden, die heute besonderer Pflege bedurft hätten nach der gestrigen, schweren Fahrt. Er nahm auch kein Frühstück— die Frau war nicht da, ihm seinen Kaffee zu machen, und die Mehlsuppe, die die' Magd für die andren kochte, stand ihm nicht an— er eilte nur, daß er ins Dorf kam zum Alten. 's war heut' ein lichter Tag, gegen Morgengrauen Frost gekommen; alle Wege, die gestern im Wasser gespiegelt, spiegelten nun in Glätte. Er rannte Trab, wie ein Junge, und schnaufte und pustete. Argwöhnisch flog dabei sein Blick umher, und er horchte gespannt: kam von irgendwo ein Schetlenklingeln? Wenn einer Holz gekauft hätte, heute wäre just ein Tag. das zu holen, heute schaffte er es leicht fort auf gleitendem Schlitten. Wie eine jähe Schwäche kam es plötzlich über den schweren Mann— alles Blut schoß ihm vom Herzen nach der Stirn und machte ihn schwindlig. Er taumelte und mußte sich an ein Felsstück lehnen. So hatte es ihn schon einmal über- kommen, ganz ähnlich, oben beim Bürgermeister in der Amts- stube— Kotzdonner, wie unangenehm! Er stöhnte und faßte sich nach"Stirn und Augen—- so, so, so, ein paar Atemzüge— Gottlob, jetzt kam ein Schweiß! Jetzt war es ihm schon wieder leichter, er konnte es fühlen, wie das Blut langsam zurück- ebbte— so— noch ein paar Augenblicke Rast! Nun war ihm wieder besser. Aber eine seltsam lässige Empfindung blieb doch zurück. Ja, das geht nicht mehr Mit dem Nennen, wenn man so schweres Kaliber ist und über die Vierzig hinaus! Langsamer setzte er seinen Weg fort. Die Alten im Dorf lagen noch zu Bett, in der Stube war eine beklommene Luft; gleich wurde es Hannes wieder schwindlig, er mußte sich setzen. „Jesses, Hannes, biste krank?" fragte die Mutter, und der Alte setzte sich im Bett auf und betrachtete seinen Sohn. Der gefiel ihm gar nicht recht,— so echauffiert, als hätte er zu viel getrunken! War es gute Kunde, die der von der Mosel mitbrachte, oder nicht? Er wußte nicht recht. Jedenfalls. brannte er darauf, Näheres zu erfahren. „Nu, sag' doch ehs, Hannes,— ich kondoliern Dir auch— Jesses ne, ich denken, ich hören net recht, als ich et zu wissen kriegen, den Nelles is tod— Hannes, ich gradelieren Dir auch, eweil biste aus aller Bredullich! Sag' ehs, he, hat hän brav hinterlassen? Wat? Ja— ne?" Keine bestimmte Antwort. Der Sohn zuckte nur die Achseln, und dann war er mit einem großen Schritt beim Bett d?S Vaters und packte dessen beide Hände mit seinen beiden Händen, als klammere er sich daran. „Vadder," sagte er hastig und seine sonst so laute Stimme klang gedämpft, als solle sie keiner hören,„Vadder, Du mußt mir aus der Bredullich helfen, leih mir de zweihundertvierzig Thaler!" „Wat?" Der Alte riß die Augen groß auf— was— was— er verstand den Sohn gar nicht— der hatte doch jetzt geerbt, und von ihm wollte er doch noch borgen, von ihm, der ihm alles hingegeben, die Mühle, die er noch selber hätte be- wirtschaften können, die Pferde, die Reputation und einen Thaler nach dem andren?! „Vadder," flüsterte Hannes,„leih nur de zweihundert- vierzig— nur für den Momang, sonst werd' ich mein Holz quitt, mein schön Holz! Vadder, Hörste? Er rüttelte den Alten. „Biste geck," sagte der und steckte die bloßen Beine aus dem Bett.„Ich weiß net, wat Du willst— en reiche Mann biste, un vom armen borgste?" „En reiche Mann—?!" Ter Hannes schlug plötzlich eine dröhnende Lache auf. „Du willst mich wohl für en Narr halten?" Nun lachte Matthes auch.„Wann Du eweil net bar Geld has, borgt Dir dat doch jeder. Auf die Erbschaft hin is da ja nix bei riskiert." „Erbschaft— Erbschaft— laß mich zufrieden mit der Erbschaft!" Hannes faßte sich nach dem Kopf, wenn er daran dachte, kochte ihm gleich das Blut. Und nun fing er an zu schreien! „En Dreck is de Erbschaft, ich sein befautelt— kein bar Geld, nur dat lausig Haus un den Weinberg, den Essig trägt! Mir wollen sehn, wat derbei eraustommt, wann dat versteigert wird— ich laßen et verauksonieren! Un die drei- tausend, die mir dazumal dat Tina' is holen gewest bei seim Vadder, hat hän aufgenommen auf sein Haus, eweil is da en Hypothek drauf— die muß noch ausgezahlt werden. Kotz- zackerlot, wann ich dadran nur denken!" Er ballte die Fäuste und schlug sich vor die Stirn.„Halt Dein Maul von der Erbschaft!" Ganz entgeistert starrte der Alte den Sohn an; und dann sah er zu, ivie der mit großen Schritten durch die Stube rannte, immer auf und ab, wie ein Tier im Käfig, immerhin, her— her. hin. Die Mutter begann zu weinen. Und als der Hannes nun sein wildes Renneir anhielt und nochmals vorm Vater stand, halb bittend, halb verzweifelnd fordernd:„Mein schön Holz— die Bank verkauft et mir vor der Nas'— leih mir doch de zweihundert vierzig— Du mußt se mir leihen—" Hub sie mit an zu quälen:„Leih ihm doch dat Geld, Mann, sei doch net e so geizig, den arme Jung sticht ja eweil e so in der Bredullich!" Der Alte machte ein ganz eigentümliches Gesicht: die -Zipfelmütze, die er in der Nacht trug, vom Vorder- auf den Hinterkopf schiebend und wieder vom Hinter- auf den Vorder- köpf, sah er unschlüssig Frau und Sohn an— er hatte was auf dem Herzen und mochte es doch nicht gern sagen. Aber jetzt, als sie ihn gar zu sehr drängten, fuhr er plötzlich au» dem Bett, mit beiden Füßen zugleich, daß sie erschraken, Er sagte kein Wort. Stumin langte er unterS Bett und zog den Kasten hervor, den der Sohn immer mit einem ge- wissen befriedigten Sicherheitsgefühl betrachtet, und der sich so oft für ihn aufgethan. Hannes atmete erleichtert auf._ Aha, auch jetzt rückte der Alte heraus, er hatte nur ordentlich gebeten sein wollen! Der enge Reifen um seine Brust schien sich ein wenig lockern zu wollen, der dumpfe Druck auf seiner Stirn ließ nach. In dankbarer Aufwallung legte er den Arm um die Schultern des vor der Truhe Knienden. Aber der Alte schob unwirsch den Arm weg. Er sagte noch immer kein Wort: stumm schloß er den Kasten auf. Da zeigte sich's, der war so gut wie leer. Nichts mehr von Strumpfsocken mit harten Thalern vollgestopft, auch kein straffer Lederbeutel mehr und kein Päckchen zusammen- gebundener Scheine— alles weg. Nur ein Büchlein lag am Boden und ein verschabtes Portemonnaie. Auf dem Büchlein, das der Matthes jetzt nahm, stand: „Rentenverschreibung des Bonifacius-Vcreins für Matthes Kirchweiler." Seine runzligen Hände blätterten darin.„Un wann ich Dir eweil wat leihen wollt, ich könnten et net, beim besten Willen net. Hei— hei dat"— er hielt das Heftchen in die Höhe—„is dat letzte wat ich hau. Tat ich net betteln gehn muß auf meine alten Tag— darum hau ich dat gedahn. Ich wollten et net zu Dir sagen, aber ich muß ja; Du giebst ja sonst kein Ruh. Die Bonifacius-Gesellschaft zahlt mir en Renk, die reicht für unser Leben. Un hei— hei dat"— er nahm das verschabte Portemonnaie und zählte sich den Inhalt auf die flache Hand, fünfzig Thaler waren's, alles in allem,— „dat is net zu viel för en anständig Begräbnis. En Sarg mit Verzierung, en Kreuz auf et Grab, Kuchen un Leichen- bier, dat is mer sich doch schuldig. Fünfundzwanzig für mich, fünfundzwanzig für die Modder— da wirste mir doch nix von abnehmen wollen?!" Er hatte es langsam gesprochen, ein trübes Licht glomm in seinen kleinen, noch vom Schlaf halb verklebten Augen. Hannes sah starr auf den Vater, wie der dastand im kurzen Hemd, mit den dürren, nackten Beinen auf der nackten Diele— und nun fiel's ihm plötzlich aus: hier war kein Be- Hägen mehr in der Stube! Draußen vor dem Fenster im Gärtchen stand noch das Postament, drauf die große Glas- kugel geprangt, der Stolz des Alten— ein starker Frost hatte sie gesprengt oder ein Gewittersturm sie heruntergefcgt—■ sie war nicht wieder ersetzt worden. Und die Gesichter der Eltern erschienen ihm auf einmal vergrämt, so greisenhaft alt,— oder machte das nur das bleiche Licht des kalten Winter- morgens? (Fortsetzung folgt,), (Nachdruck verboten,) f)err von I�niibbe, der Kommiffar. Von Adolf Herbert. „Was ich sagen wollte— was verüben wir denn heute für groben Unfug?" fragte mich mein Freund Beilig in der Friedrich- straße. „Weeg nicht Donnerwetter, da fällt mir ein. wie wäre es denn. wenn wir unfern Freund Karlchen besuchten, der ist in Schöndorf auf der Sommerfrischei Vorortverkehr I Ter Zug geht alle Nasen lang." „Das war' so wasl Aber wir müssen Kärtchen was Trinkbares mitbringen, sonst schimpft cd" „F wo I Ter schwcnningcrt ja!" „Na, dem sein schwenniugernl Suppe, Kaffee, Wasser, das sind für ihn Flüssigkeiten, die er möglichst wenig und vorschrifts- mäßig genießt, aber Bier, Wein, Cognac, das sind seine Flüssigkeiten, das sind Alkoholika, da braucht er sich nicht drum zu kümmern. thut's auch nicht I Neel Necl Eine Flasche Cognac oder so was müssen wir mitnehmen! Du, weißt Tu, was wir machen? Wir kaufen in einer Destillation eine Flasche Cognac für eine Mark. oder so was. Ich habe zu Hause noch leere Cognacflaschcn mit der feinen Etikette, da füllen wir den feinen Cognac rinl—" Nach einer Stunde befanden wir uns, ich die Flasche Fusel- Cognac tragend, in, Schöndorf und suchten vergeblich die Wohnung unsrcs Freundes Karlchen „Der Kerl wohnt gar nicht hier; ich glaube, das beste ist. wir gehen auf das Polizeibureau und erkundigen uns dort." Gesagt, gcthanl Auf dem Polizeibureau war tiefer Frieden. Zwei Schreiber saßen an einem Tisch, der eine frühstückte, der andre döste. Im Nebenzimmer fragte jemand:„Herr von Knubbc, sagt man eigcnt- lich der Karren oder die Karre?" „Der Karren, der Karren," lautete die Antwort,„ja, die deutsche Sprache is höllisch schwer. Sch'n Sie, z. B, man sagt, der Fisch- otter, nicht wahr? Verstehen Sie mich wohl! Aber die Kreuz- otter und das Eidotter? Sie verstehen doch! S'is höllisch schwer I" Gleich darauf kam der Besitzer der Stimme in das Bureau ge- stampft, wohlgenährt, mit einem Vollbart, grüner Brille und einer fuchsigen Atzcl und musterte uns hochmütig. „Was ivollen Sic?" „Wir wollten uns nach unscrm Freund Kärtchen Rcibcr.. „Ach was! Freund... Das ist mir ganz schnuppe, ob das Ihr Freund ist oder nichtl Wo wohnt er?" „Das wissen wir nicht" „Das wissen Sic nich? Seh'n Sc, Sie kommen her. und wissen nischt, gar nifchtl S'is schrecklich!" „Ja, Herr Kommissär, wir wollten uns ja hier erst nach seiner Wohnung erkundigen I" „Nischt wie Arbeit machen ein'm die Leute I S'is schrecklich,"' brummte er. Dann stampfte er im Gcschwindschritt nach einem Aktenfach, holte ein Faszikel heraus, stampfte nach dem Tisch zurück und fragte: „Wie heißt er?" „Ingenieur Reiber, Herr Kommissär!" antwortete Beilig. Ich mußte mir das Lachen verbeißen, diese Wichtigthuerei kam mir zu komisch vor. „Ach was, Kommissär, mein Name ist Herr von Knubbe! Wissen Sie, Kommissär ist kein schöner Titel, das erinnert so an Vieh-Kommissär!— Also Reiber... N, das kommt nach S... nein vor Sl Q... R... S.., T�.. ja vor S... nu man ßtillc... einen Augenblick: Reiber... Wohnt nicht hier!" „Ja, der mutz aber hier wohnen!" sagte ich. „Was verstehen Sie vom Listenführen?" wurde ich angeschnauzt, „nischt. gar nischtl Das ist für Sie eine tabula rasal In meinem Bureau ist alles in Ordnung, verstehen Sie mich? Jeden Tag kann eine Revision kommen!" „Herr von Knubbe," mischte sich der eine Schreiber hinein, „das ist ja die vorjährige Liste!" „Ach so, ja... sehen Sie... das ist die vorjährige Liste! Da stehen die vom vorigen Jahre drin!— Aber Sie sehen, meine Herren, alles ist in Ordnung! Ja. s'is höllisch schwer!" Der Schreiber holte eine andre Liste, der Kommissär blätterte: Reiber... entschuldigen Sie... Reiber... einen Augenblick... stille... Karl Reiber... Ingenieur... Wimmerau, Schleusen- gasse 8. Hier steht es! Sehen Sie, alles ist in Ordnung!" Dabei schaute uns Knubbe triumphierend an. Wir bedankten uns und gingen. „Tu, der Kerl ist ja zum Brüllen... tabula rasa... der scheint im Lateinischen stark zu sein." meinte ich drautzen. „Ach was," antwortete Beilig,„wenn Dummheit wehe thut, mutzte der den ganzen Tag„Au" schreien!" Als wir später auf einem schönen Waldweg dahin gingen, an einem See entlang, kam uns eine Gestalt, barfützig. die Stiefel in der Hand, entgegen gestolpert. „Du! das ist unser Freund, der Kommissär! Es scheint: der kneipt I" Richtig, er war es. Doch vor uns machte er entsetzt einen Seitensprung in Brombcerensträuche hinein. Er war auf eine Blindschleiche getreten, wir sahen das harmlose Tier forthuschen. „Au! Was war das?" fragte der Kommissär erschrocken. Da schrie Bcilig laut auf:„Eine Kreuzotter! Um Gottes Willen, Herr Kommissär, Sie bluten am Futze, Sie sind ja ge- bissen... da am linken Futze sind die Eindrücke der Giftzähue!" Knubbe lietz seine Stiefel fallen. „Kreuz— otter— eine.Kreuzotter? Ich habe erst vorige Woche — eine Polizeivorschrift erlassen..." „Wohl wegen Maulkorbzwang?" grinste Beilig. „Eine. Kreuzotter!" jammerte der Kommissär weiter,„o Gott... da mutz ich ja sterben... S'is schrecklich! Und habe erst voriges Jahr geerbt! Was mache ich da? Jetzt bin ich fünfzehn Jahr Kommissär, aber so was ist mir noch nicht vorgekommen. Sie sehen— meine Herren— immer was andres!— S'is schrecklich! Was mache ich da?" „Heureka!" rief Beilig.„wir haben Cognae bei uns. Alkohol ist das beste Gegengift gegen Schlangengift. Legen Sie sich auf die Erde, Herr von Knubbe, wir flötzen Ihnen den Cognae ein, eventuell mit Gewalt! Wir retten Sie!" Und leise zu mir:„Du, den machen wir besoffen! Revanche für das Anschnauzen!" Ich begriff, entkorkte die Flasche. Heiliger Brahma! war das ein Fuselgeruch I Ich reichte sie Bcilig, der sie den am Boden liegenden, vor Angst willenlosen Kommissär in den Mund steckte. „S'is schrecklich! Eine Kreuzotter..." Jetzt der erste Schluck! „Ach Gott, das is ja janz jcmccncr Fusel! Den trinke ich nicht" „Trinken Sie nur!" Ein weiterer Schluck. „Oooh... Sie können mir ja die Bißwunden aussaugen!" „Ja... aussaufcn... die Flasche wird ausgetrunken!" „Ooh! is das jemeenes Zeug! Ich trinke nischt mehr.,, Wenn jetzt eine Revision kommt..." Die Flasche war halb leer, der Alkohol fing an zu wirken. „Aeäh, s'is schrecklich... und habe noch kein Pro— to— knoll gemacht... Keine Krcuzschnotter darf mich beißen— ich bin der Pozc— fei— kommi Knubbe. Bc— amtcn— Verteidigung— Beleidigung — die Kreuz— schnotter— mutz— Zuchthaus I— Ooh— is mir schlecht— jemcencr Dusel— Fusel s'is schrecklich. Ein Proto— koll schreiben I Aeäh!" Die Flasche war leer! An einem Baum gelehnt, saß der Kom- missär, vollständig fertig, halblaute Worte murmelnd, mit stieren Augen, ohne Hut, seine heruntergefallene Perrücke hielt er in der Hand, der kahle Scheitel leuchtete uns entgegen, dicke Schweißtropfen standen auf der Stirn. Bei der gewaltsamen Prozedur des Trinkens waren auch einige falsche Zähne aus dem Munde gefallen. Beilig hatte sie in die Atzel gelegt, sie lagen darin wie die Eier in einem Bogelnest. Es war ein Anblick zum Erbarmen. „Was machen wir nun mit der alten Suffkanone, liegen lassen können wir ihn doch nicht!" Da kamen ein halb Dutzend Leute heran, die erstaunt in der leblosen Gestalt ihren Kommissär erkannten.„Das ist ja Herr von Knubbe, ist der krank geworden?" Beilig wies auf die leere Flasche. „I wo! Der scheint sich hier einen cmgcdudelt zu haben. Eine feine Marke trinkt er!" Einer der Angekommenen, dessen rote Nase Verständnis für Alkohol verriet, musterte die leblose Gestalt mit Kennerblick. „Ja. der ist ordentlich fett!" meinte er, ergriff die leere Flasche, roch daran, besah die Etikette und sagte:„Mit der Flasche geht es, wie mit unserm Kommissär, da mutz die Etikette über den mangcl- haften Inhalt weghelfen. Bringen wir ihn nach Hause!" Natürlich verdufteten wir schleunigst.—> Ja. die deutsche Sprache is hellisch schiver. Man sagt der Fisch- otter, die Kreuzotter, das Eidotter, aber unser deutscher Fuscl war noch schwerer, und am schwersten unser Kommissär Und am nächsten Tage der Katerl—- Kleines f euUleton» x. Und ist hie nichts frei... Der deutsche Michel erfreut sich von jeher in aller Welt des wohlbegründeten Rufes, daß er sich ein anderswo nicht annähernd erreichtes Matz von Zolllasten aufhalsen läßt. Bereits ein Engländer des 13. Jahrhunderts findet den abenteuerlichen Zollunfug, den er in Deutschland kennen gelernt, als etwas Unerhörtes bemerkenswert. Thomas Wickes, der gegen 1270! schrieb, meint in seiner Chronik:„Ter wütige Unsinn der Deutschen, deren unüberwindliche Burgen man am Rheinstrom erblickt, ist.., so begierig, Geld zu sammeln oder vielmehr zu erpressen, daß er uin deswillen keine Frevelthat scheuet und von allen Schiffen, die auf dem Rhein Lebensmittel oder andere Waren hin- und herfahren und diese Schlösser passieren müssen, ungewöhnliche, ganz unerträgliche! Zölle verlangt..." Damals handelte es sich nicht um Zölle an den Reichsgrenzen, sondern um Binnenzölle, die an bestimmten Stellen der Handelsstraßen und Flüsse von Fürsten und Herren er- hoben wurden. Ursprünglich waren die Zölle Reichsangelegenheit gewesen, allmählich hatten aber die deutschen Könige fast alle Zoll- stätten an Territorialgewalten verschenkt, veräußert, verpfändet, zahl- reiche neue zu Gunsten derselben Herrschaften geschaffen. Dazu kam dann die noch viel größere Menge eigenmächtig errichteter Zollstätten. wie der Adel, aber auch die Fürsten sie selbstherrlich, ohne jede gesetzliche Grundlage sich anmaßten. Eine Vorstellung von ihrer Massenhaftigkeit ergiebt schon die eine Thatsache, daß im Jahre 1157! Friedrich Barbarossa 20 unberechtigte Zollstättcn allein auf der Main- strecke von Bamberg bis Mainz aufhob. Eine noch bessere ergiebt die eigne Anschauung, wenn man den Mittelrhcin in seinem herrlich- sten Teile, zwischen Koblenz und Bingen, befährt. Die Burgen zu beiden Ufern, deren Ruinen heute der rheiureisendc Sohn AlbionS als Ueberreste einer romantischen Zeit anstaunt, besah jener Eng- länder des 13. Jahrhunderts mit äußerst nüchternem Auge als ver- kehrsstörende Raubnester. Und das waren sie auch. Der rheinische! Ritter, der das von seinem Felsenhorst erspähte Schiff enterte, um „Zoll" zu erheben, war wegen dieser herkömmlichen Redensart um nichts besser, als jeder gewöhnliche Buschklepper. Er wurde denn auch so behandelt, wenn es der Reichsgewalt einmal beifiel oder möglich war, seinem allzu tollen Treiben einen Zügel anzulegen. Auf dem Reichstag von 1235 z. B. ward verordnet, daß der Er- presser widerrechtlicher Zölle als ein Räuber und Wegelagerer be- straft werden sollte. Demgemäß hat Rudolf von Habsburg 1282 beispielsweise die rheinischen Burgen Sonneck und Reichenstein ge- brachen und ihre zollerhebenden Insassen als Raubritter henken lassen. Da die Reichsgewalt aber gewöhnlich versagte, so übten dio am schwersten betroffenen Städte zeitweise Selbsthilfe, vor allem in' der Zeit des rheinischen Städtebundcs von 1251,, der seine Spitze mit in erster Linie gegen die ritterlichen Zöllner kehrte und unter der Führung des Mainzer Bürgers Arnold Walpod ihrer manchem den Garaus machte. In dem Lobgcsang. den der Minnesänger Frauenlöb bei dieser Gelegenheit dichtete, heißt es: „Zerstreut hat Gottes Schreckenswetten Die Räubcrhorden all, Verstummt sind Mord und Zeter Mit ihrer Burgen Fall..." Die Wirkung war aber bloß vorübergehend. Vollends ausgeräumt haben mit den kleinen Zollkünstlern auf den Burgen am Rhein erst die weltlichen und geistlichen Fürsten dieser Gegenden, die den un- lauteren Wettbewerb der Ritter nicht mehr dulden wollten. Dia großen Hansen trieben es aber nicht um ein Haar besser, als bis kleinen Schächcr. Denn außer mtt den Zollstätten, für die sie- urkundliche Berechtigung nachweisen konnten, plackten sie den Handel! aufs Aergste mit viel mehr andren, die sich selber konzediert hatten, ohne Kaiser und Reich um Rat zu fragen. Hier und da kamen sie darum ins Gedränge, wenn einmal ein energischer Monarch die, Rechte des Reichs und die Interessen des Volkes wahrnahm. So vor allem unter dem Habsburger Albrecht I.(1293— 1308), der mit drei rheinischen Erzbischösen und dem Pfalzgrafen bei Rheine- zusammengeriet, weil er alle seit 1245 unrechtmäßig errichteten Zölle aufhob. Dieser Eingriff in ihre heiligen Interessen erbosto die geistlichen Herren von Köln. Mainz und Trier dermaßen, daß sie sich am 14. Oktober 1300 in Heimbach bei Bingen mit dem Pfalz- grasen zu einer Verschwörung gegen König Albrecht zusammenthaken. die nichts Geringeres als den Sturz des Habsburgers bezweckte. Albrecht nicht faul, erklärte ihnen den Krieg und rief die Städte zu seiner Unterstützung auf, die ihm gerne gewährt wurde. Gegen Endo 1301 nahm er Heidelberg, nachher Bingen und die Burg Klopp. Die vier verbündeten Kurfürsten mußten sich bequemen, den„Zollkrieg" verloren zu geben und zu Kreuze zu kriechen. Die Besserung der hergebrachten Uebelstände hielt aber nicht lange vor. Unter schwäche- reu Königen erlebten die abgeschafften Zölle eine fröhliche Urständ und wurden um neue vermehrt. Gegen Mitte des 14. Jahrhunderts erreichte die Zollbclastung am Rhein eine fast unglaubliche Höhe: Waren, die von Bingen bis Koblenz die verschiedenen Zollstätten passiert hatten, erfuhren dadurch einen Zollzuschlag von 06 Proz, des verzollten Wertes- Anderswo war cs nickit viel anders. An der Elbe z. B. gab es auf den nächsten 12 biS IS Meilen oberhalb von Hamburg nicht ivenigcr als neun Zollstätten. Im grohen und ganzen sind diese tollen Zustände erhalten geblieben, so lange daS heilige römische' Reich mit seiner buntscheckigen Mustcrkarte von unzählichen Staaten und Stätchcn existierte. Roch im 18. Jahrhundert gab cs auf der Rheinstrecke zwischen Ecrmcrsheim und Rotterdam mehr als dreißig Zollstätten. Wie der Handel dabei gedieh, braucht nicht ausgemalt zu werden. Im Jahrgang 1782 von Schlözers„Siaatsanzcigen" charakterisiert ein Schriftsteller die Regelung der Zollverhältnisse in Deutschland als„Gesetze, wie sie Drako gab; Gesetze, die sich durch ihre eigne Härte aufheben. Aller Handel und Wandel würde, nach dein einmütigen Urteile der Kenner stillstehen, wenn der Richter der Strenge des Gesetzes gehorchen wollte. Gesetzgeber aus dem Mittel- alter haben sie abgefaßt..'. Diese Zeiten sind freilich nicht mehr, und die Harnische und Lanzen unsrer Vorfahren paradieren nur noch in unsren Zeughäusern. Aber ihre Zollgesetze sind geblieben..." Sic haben sogar das römische Reich noch überdauert. Die deutsche Bnndcsaklc von 181Z verhieß zwar Abschaffung aller Binnen- zolle. Der bettcffcnde Artikel blieb aber auf dem Papier, so daß noch dem Franzosen de Pradt die Deutschen wie Gefangene vorkamen, die nur durch Gitter miteinander verkehren dürfen. Das ward durch die preußische Zollpolitik, die zum Zollverein führte, anders. Wie seitdem daS am 1. August 1318 von Preußen aus- gesprochene„Princip der freien Einfuhr für alle Zukunft Verwirk- lichung gefunden hat, ist männiglich bekannt. An Stelle der vielen' chinesischen Mauern im Innern Deutschlands ist ein um so höherer Grcnzwall gezogen worden; im veränderten Sinne gilt noch immer das Wort des Humanisten Agricola aus dem 18. Jahrhundert:„und ist hie nichts frei, cs muß sich alles verzollen lassen, damit man auf Erden handelt."— Astronomisches. ss. Welche Kometen sind im Jahre 1903 zu erwarten? Die Kometen zerfallen für den Astronomen in zwei Gruppen, je nachdem die Gestalt ihrer Bahn eine geschlossene ist, so daß sie in mehr oder wcmgcr regelmäßigen Zeitabständen in die Sonnennähe zurückkehren, oder eine nichtgeschlossene, die sie nach einem vorübergehenden Besuch iin Sonnensystem wieder nach unbekannten Regionen des Weltraumes hinausführt. In der erstcren Gruppe hat die Mehrzahl der Kometen eine llmlanfszeit von er- heblicher Länge, die jedoch infolge der durch die Planeten ans- geübten Störungen nicht selten unerivarteten Veränderungen unterworfen ist. Bon den Kometen mit verhältnismäßig kurzer IlnilaufSzeit, die innerhalb des Bereichs eines Jahrzehnts liegt, sind jetzt ctlva zwei Dutzend bekannt, und auf Gnmd dieses heutigen Standes der Erfahrungen hat Bcrberich in der„Naturwissenschaft- lichcn Rundschan" auseinandergesetzt, welche Kometen im Verlans des Jahres 1983 voraussichtlich in die Sonnennähe wiederkehren werden. Er zählt deren 7 auf, hält cs jedoch nur von zwei bis drei für wahrscheinlich, daß sie von der Erde aus zu beobachten sein werden, während bei den übrigen zur Zeit ihrer Sonnennähe die Erde zu weit von ihnen entfernt ist. Der Komet, den man am friihcstcn im Jahr zu finden er- warten dürste, ist der am 4. September 1898 von Giacobini entdeckte, aber seine Sonnennähe trifft in eine ungünstige Jahres- zeit, so daß man auf seme Sichtbarkeit nicht wird rechnen können. An das erste Erscheinen dieses Gestirns.knüpfen sich bedeutsame Er- innerungen für den Astronomen. Es blieb damals fast vier Monate sichtbar, obgleich es schon nach einem Monat so stark an Glanz ab- genommen hatte. daß es nur noch für die größten Fernrohre er- Zennbar war. Dann leuchtete es wider Erwarten nochmals auf und verschwand erst im Januar 1897. Solche Helligkcits- schwankungcn der Kometen werden von Zeit zu Zeit durch die An- nähme eines mehrfachen KernS oder de? Vorhandenseins von Nebenkometen erklärt. AuS gleichem Grunde wie jener Komet wird auch_ der_ von Pcrrine im Dezember 1896 entdeckte Haarstern in seiner Sonnennähe unsichibar bleiben, weil sich die Erde um diese Zeit genau am entgegengesetzten Punkt ihrer Bahn befindet. Erst im Jahre 1909 dürfen ihn die Astronomen wieder zu finden erwarten, und sie sehen dieser Gelegenheit mit Spannung entgegen, weil sie gern feststellen möchten, ob dieser Himmelskörper vielleicht� einen Teil des verschwundenen Bielaschen Kometen darstellt. Besser steht es mit dem 1898 von Spitäler aufgefundenen Kometen, der freilich in großem Abstände von der Soinie bleibt, aber aus diesem Grunde so langsam läuft, daß ihn die Erde noch in der Sonnennähe einholt. Die Astronomen werden im September und Oktober nach ihm suchen dürfen. Noch viel sicherer ist die Wicdcrauffindung desKometen Fayc vorauszusagen, der von dem kürzlich verstorbenen Astronomen Faye im Jahre 1843 entdeckt wurde und seitdem regelmäßig im Abstand von etwa 7 Jahren beobachtet worden ist. Auch dies Gestirn wird ein besondres Interesse erwecken, weil es vermutlich in der Zeit von 1899—1980 dem Jupiter so nahe gekonnnen ist, daß cs durch ihn eine Störung seiner Bahn erlitten haben dürste. Der Brookssche Komet, entdeckt 1399, ist sehr genau berechnet worden. Bei seiner ersten Erscheinung erregte er großes Aufsehen, weil er von 4 oder gar S Nebenkometen begleitet war, von denen einer volle vier Monate sichtbar blieb; sie lösten sich dann allmählich auf. Auch der Konret Brooks ist durch den Jupiter. den er 1388 geradezu gestteift haben muß, in seine jetzige Bahn gezwungen worden, seine llmlanfszeit wurde dadurch von 31 auf Verantwortlicher Redakteur: Carl Leid tu Berlin.— etivaS über sieben Jahre verkürzt. Außerdem erreichen im Jahre 1983 lioch zwei recht bekannte Kometen ihre Sonnennähe, näinlich der von Winneckc und der von d'Arest entdeckte; sie werden aber gleichfalls unsichtbar bleiben. Ob der Tenipelsche KPnct, dessen tcilweiser oder gänzlicher Auflösung der Schwärm der Leoniden- metcore zugeschrieben wird, noch einmal als ein Kometenrest auf- tauchen wird, ist unbestimmt und unwahrscheinlich, seine llmlanfszeit müßte sich seit seinem letzten Erscheinen von 1368 um vier Jahre verlängert haben.— Humoristisches. — Blüten irischen Humors finden wir in den „Münchener Neuesten Nachrichten" zusammengestellt.„Mir scheint, Ihr habt die längsten Meilen in der Welt", bemerkte ein Tourist in Irland.„Nein", versetzte Paddy, indem er die Pfeife aus dem Munde nahm,„die Meilen sind daran nicht schuld, aber, als man den Weg machte, gingen die Stcme aus, und da setzten sie alle zwei Meilen einen Stein."—„Kellner, warum schreien Sie so laut zu jenem Herrn", sagte ein Fremder in einem irischen Gasthofe,..ist ertaub"?„Er ist nicht taub", sagte der Kellner,„aber er ist ein Franzose und versteht kein Wort Englisch."— Zwei Jrländcr sprachen über die Vorzüge eines berühmten Sängers. „Es ist schade", sagte der eine,„daß eines seiner Augen kleiner ist als daS andre".„Da sind Sie ganz falsch unterrichtet", war die Antwort des andern,„das eine Äuge ist im Gegenteil größer als das andre".— Ein Jrländer ging durch ein dunkles Zimmer und streckte dabei die Arme vor sich aus; die Thür kam nun gerade zwischen seine Arme und traf ihn auf die Nase.„Himmel", rief er, „das wußte ich noch nicht! Meine Nase ist länger als meine Arme!"— Notizen. — Der S'ch iller-Preis, der am 18. November 1982 fällig war, ist auch diesmal nicht verteilt worden, tveil. nach der„National- Zeitung", die Beratungen der Kommission zu keine m Vorschlag für einen Preisempfänger geführt haben.— — Einen Fr eilig rath-Abend veranstaltet big L e s s i n g- Gesellschaft am 1. Februar, abends 8 Uhr sDorotheenftr. 13/14). EinttittSkarten einschließlich Garderobe und Programm kosten S8. Pf.- — Im„Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" finden sich jetzt öfters Verkaufsangebote von Anthologie-Ver- leger n. Das scheint eine Folge des Lyriker-KartellS zusein, dessen Mitglieder 88 Pf. pro Zeile für Nachdruck fordern. Ein Band von 28 Bogen würde demnach 5888—8888 M. an Honorar erfordern. Und so viel wollen die Verleger bei Neu- auflagen anscheinend nicht anlegen.— — CharpentierS Oper„Louise" geht am 3. März erst- malig iin O p c r Ii h a u s e in Scene.— — Die Volksoper hat es im Bunten Theater zu einer Vorstellung gebracht. Jetzt soll in einem andem Theater der Versuch erneuert werden.— — Die öffentliche Hauptprobe des V. Modernen Konzertes des Berliner Tonkünstler-Orchesters (Dirigent Richard Strauß) findet am 15. Februar, mittags 12 Uhr, bei Kroll statt. Eintritt 1 Mark.— — Professor Monzel ist. an Stelle Rcinhold Begas', zum V o r st e h e r des M e i st e r a t e�l i e r s für Bildhauereien der Berliner Hochschule ernannt worden.— — C i n pompejanischer Kandidat. Bei neuen Aus- grabungen in Ponipeji ist eine Mauer mit interessanten Grafitto- Inschriften gefunden worden. Dieselben stellen Wahlaufrufe dar fiir die Kandidatur eines gewissen Lucrecius Frvnto zum Aedilcn. Der Wahltag wäre in der Woche nach der Berschüttung der Stadt gewesen.— — S a m t l i ch e deutsche Universitäten iverden iin laufenden Semester von 35 888 Studenten besucht. Davon eitt- fallen 7888 auf Berlin, 4288 ans München, 3788 auf Leipzig, 1788 aus Breslau, 788 ans Jena und 558 auf Rostock. Nach ihrem Stndienfache sind etwa 18 888 Juristen, fast 7888 Mediziner, 8888 Philologen. Philosophen, Historiker, 5888 Mathematiker und Naturwissenschaftler, 2280 evangelische und 1888 katholische Theologen.— — Die größten Plätze. Ein Architekt hat, wie das „Neue Wiener Tageblatt" mitteilt, eine Aufstellung über die Ausdehnung der verschiedenen großen Plätze Europas gemacht. Dabei hat sich herausgestellt, daß, Ivos Umfang anbetrifft, daS Mörsfeld in Paris mit 112 880 Quadratmeter an der Spitze steht. Dann folgen: Der Königsplatz zu Berlin mit etwa 188 888 Quadratmeter, der Rathausplatz in Wien mit 98 888 Ouadrattneter, die Place de la Concorde in Paris mit 85 888 Quadratmeter, der Waterlooplatz in Hannover mit 80 888 Quadrat- meter, der AugnstuSplatz in Leipzig mit 27 888 Quadrat- mcter, der Neumarkt in Köln mit 25 888 Quadratmeter. der Atmeidan- oder Hippodromplatz in Konstanttnopcl mit ebenfalls 25 888 Quadratmeter, der St. PctcrSplatz in Rom mit 21888 Quadratmeter, der Trafalgar Square in London mit 28 888 Quadrat- mcter, der St. Mardisplatz in Venedig mit 12 888 Quadrat« nreter und schließlich der Kleberplatz in Sttatzburg mit 11 888 Quadrat- meter.—_ Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsaifflail Paul Singer& Co., Berlin S\V.