Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 21. Freitag, den 30. Januar. 1903 (Rachdruck verboten.) siz Oer l�üllerbannes. Roman aus der Eifel von Clara Viebig. Der dumpfe Druck auf Hannes Stirn war wieder da. stärker denn zuvor. Er lehnte schwer gegen die Wand und stöhte:„Vadder, warum haste mer det angethan?" Der Älte sah aus von seinem Kasten und wiegte trübselig den.Kopf:„Ja. ja. dat is nu e so. ich l>an mir selber en Riegel vorgeschoben. Et thut incr sehr leid, aber— aber—" er zuckte die Achseln, seufzte und sah dann herunter an sich, auf seine alten, müden Beine. „Ich thät Dir gern helfen, aber gucksie, dat Hemd is einem doch näher, wie der Rock!" Matthes hatte den Sohn nicht verstanden. Nicht die ver- sagte Hilfe hatte den so niedergeschmettert. Als Hannes das Haus im Dorf verliest, brannte in seiner Seele tief eine schinerz- liche Sckmn. Den Alten mangelte es. jetzt wußte er's, er hatte es ja gesehen mit seinen eignen Augen, und—„dat ich uet betteln gehn muß auf meine alten Tag"— daS hörte er immer, iinmerfort. Als er sich seiner Mühle näherte, ging er nicht hinein, sondern setzte sich, ein wenig oberhalb, jenseits der Straße auf ein svelsstück, stützte die Ellbogen aufs Knie und legte den schweren Kopf i» die Hände. So säst er lange, regungslos: er spürte nicht die scharfe Kälte, die durch seine Kleider drang: ihm war heiß, beklommen. wie zur schwülsten Zeit des Jahres. Auf den stummen Menschen nieder blickten die stummen Berge, und wiederum der Mensch blickte auf seine stumme Mühle. Alles war tot. Hannes kaute an seinen Nägeln—„daß ich uet betteln gehn muß auf meine allen Tag"— wenn er die Worte nur los wäre! Die quälten ihn. Er saß in einem seltsam müden Brüten— mochte nur einer konunen, mochte das Holz nur zum Teufel gehn. ihm war's egal! Ihm war alles egal! Er schloß die schmerzenden Augen. Da hörte er munteres Peitschenknallen und lustiges Schellengetlingel. Unten auf der Schluchtstraßc glitt ein Schlitten init zwei mächtigen Gäulen dahin: eine offene Gabel. gut zuni Beladen, und Ketten schleiften hintendrein. Er blickte auf— hatte er's nicht gedacht?— ja. ja.— jetzt kommt schon wer und holte das Holz ab. Sein Holz, sein schönes Holz! Aber es mußte sein! Mit einem gewaltigen Entschluß raffte sich Hannes auf und zwang sein verstörtes Gesicht in gelassene Aalten. Schweren Sckwittcs stieg er übers Geröll hinunter zur Straße und stapfte weiter in seine Einfahrt hinein. Da hielt der Schlitten auf dem Hof. In der Thür stand die leidende Frau iin Trauerkleid und zupfte verlegen an ihrer Schürze. Ein Mann in hohen Stiefeln und Flauschrock, die Peitsche unterm Arm, redete auf sie ein: und ein fremder Knecht stand mit offenem Maul dabei. „Hannes, sie kommen eweil dat Holz abholen," rief Tina ängstlich. „Meinswegcn." sagte er gleichmütig. Aber dann fuhr er zurück— gleich ein paar Schritt � und seine jetzt blasse Farbe schlug jäh um in eine beängstigende Röte. Seine Auge» erweiterten sich, quollen aus den Höhlen und wurden stier:„Der da,— der da— im weißen Müller Uttel unterm Flauschrock— der da— war einer von denen oben am Bach— und der da. holte, sein schönes Holz?! Der da?!" Er schnappte nach üuft, wollte fluchen und konnte nicht, wollte schreien und konnte nicht, wollte lachen und konnte nicht. Immer enger schnürte ihm der Reife» die Brust zusammen, alles Blut im Körper wurde nach oben gepreßt, vor seinen Augen tanzten schwarze Punkte.— hin, hin zum Holz, das festgehalten mit beiden Fäusten! Der durfte es nicht kriegen, nein, der da nicht! Hin, rasch—! Er konnte nicht, klm ihn sauste und brauste es, Himmel und Berge, das Halls, der Hof, das Holz, der da— alles wurde schwarz. Und eine Schwäche kam über ihn, so grenzen- los, daß er sich. ohne. Laut, ohne Blick auf den Feind, mühselig an seiner Frau vorbei, in den Flur tappte. Gleich danach hörte Tina einen schweren Fall. XIII. Es ging ein Geraune lim in der ganzen Gegend. Tie Leute guckten scheu, und die dem Müllerhannes einst Freunde gewesen, sprachen am meisteu:„llebermut thut selten gut!" Es ging bergab mit dem Müllerhannes. Die Mühle war verschuldet, und nun mußte er noch brummen für das, was er dem Laufeld angethan! Man loar allgemein empört über so cinen übermütigen Raufbold. Ueberfallen hatte er den Laufeld, oben im Kuno- wald, am einsamen Kaisergarten, und hatte ihn so übel zu- gerichtet, daß der acht Tage das Bett hüten mußte. Aber dann nicht faul, hatte dieser geklagt und der Müllerhannes war jetzt vernrteill worden zu vier Wochen Haft wegen vor- sätzlicher schlverer Körperverletzung. Es nutzte dem Hannes nichts, daß er sich den besten Advokaten zu Trier annahm und sich verschwor, daß er den Laufeld nicht hinterrücks angefallen, sondern ihn herausgefordert zu ehrlichem Faustkampf.— der einzige Zeuge, der oabei gewesen oben unter den dunklen Fichten, in der ein- samen Größe des Hochwaldes, war der alte Matthes, und der hatte den Hauptmoment verschlafen. Und überdies— ob so oder so— Keilereien waren ein für allemal vor dem Gericht wider das Gesetz. Es mag einer gegen eiucn heißen Ofen anblasen, so viel er will, der Hannes mußte dran glauben. Es wurde nur Rücksicht genoinmen auf seinen körperlichen Zustand:� erst gegen's Frühjahr trat er seine Strafe an. Die trüben Winterwochen hatte er unthätig in der Mühle gesessen: nur zum Termin hatte er sich aufgerafft. Er konnte ja auch nichts thun, ein Schlag hatte ihn getroffen von einer unsichtbaren Hand, wie ein Axthieb den Baum, der da gefällt werden sollte. Er konnte sich schwer erholen. Eine plötzliche Verkühlung nach übermäßiger Erhitzung hatte die tiefe Ohnmacht, in der er hingestürzt, veranlaßt. sagte der Herr Doktor, den der Alte in seiner Herzensangst sich entschlossen, doch schon den andern Tag von Manderscheid zu holen. Erst nach langer Zeit, nachdem der eigne Knecht und der fremde Knecht und der Müller selbst oben vom Bach, die Tinas Schrei zu Hilfe gerufen, den schweren Körper aufs Bett getragen, war Hannes wieder beweglich geworden. Und dann hatte er noch für Stunden stumm dagelegen, mit starr offenen Blicken, die doch nicht sahen. In der Nacht endlich, als seine Frau allein bei ihm faß, hatte er das- erste Wort ge- sprochen und über seinen Kopf geklagt. Nun hatte er lange Wochen gedoktort, sein Kopf war wohl besser, aber eine Schwäche der Augen war gebliebe». Zu Zeiten sah er besser, zu Zeiten schlechter, aber nie mehr gut.----. Hannes trug eine dickglasige, dunkle Brille, als sein Vater mit dem Chaischeu ihn holen kam von der Eisenbahn- station. Fast hätte der Alte seinen Jungen nicht erkannt— hatten den die vier Wochen Bültes") zu Trier so verändert?! Pah, wegen Prügelei ist's wahrhaftig keine Schande, das haben schon mehr gemußt, darum brauchte er doch dm Buckel nicht so krumm zu machen. Aber Hannes hatte kein Lächeln für das wohlmeinende Zureden seines Alten. Er hatte die Gelegenheit benutzt und war bei einem Augendoktor zu Trier gewesen: ans das hin, was der ihm gesagt, hatte er noch die kluge Frau zu Euren, die weithin rühmlichst bekannt, konsultiert. Die hatte ihm mehr Hoffnung gemacht— Schneckenspeichel und Auflegen von getautem Brot angeraten und fleißiges Veten des Rosen- kranzcs— aber doch wollte keine Hoffnung in sein Herz ein- ziehen: vielleicht weil er nicht das unbedingte Vertrauen zu diesen Mitteln hatte. Als er mm neuen dem Vater zum Ehaischen gmg. wunderte sich der Knecht, der die Pferde hielt, daß der junge Müller nicht mehr viel größer war, wie der Alte. Der war *) Gefänznis. seiner Zeit freilich auch ein Hüne gewesen, und jetzt hatten ihn nur die Jahre geduckt. „Sei eweil nur alert, nur alert," ermunterte der alte Vater, und gab sich selber recht forsch, aber ein unruhiges Spiel kam in seine Gesichtsmuskeln und ein ängstlich forschender Blick in seine, hinter Hantfalten fast gänzlich versunkenen und doch noch scharfen Augen, als er merkte, wie ungeschickt der Sohn zutappte und den Tritt des Chaischens ein paarmal verfehlte.— Es war ein lichter Tag. Je weiter sie fortkamen von der Station ins Gebirge, vom Äyllthal herauskletterten aufs Eifelplateau, desto großäugiger blickte die Sonne. Sie hüllte die Weiße, staubige Chaussee in einen Strahlenglast und sengte den zur Zeit weißblühenden Ebereschen die zarten Frühlings- blättchen. Es war heiß, aber trotz aller Hitze eine herbe Frische. Tausend Himmels schlüssel blühten auf den junggrünen Rainen und zart-tila Wiesenschaum. Unzählige Bienen summten dar- über hin. lieber frischgepslügtes Ackerland schritt hie und da ein einsamer Säemann, das weiße Säetuch um den Leib ge- knüpft, griff hinein und warf im Schwünge Körner aus— ein goldener Regen: Gerste und Sommerroggen. Was da gespeudet ward, das würde sich nun bald wieder bezahlen tausendfach! Hannes seufzte plötzlich aus und legte die Hand über die Augen. „Blendet die Sonn' Dich?" fragte der Alte besorgt. Er nickte stumm. Turch seinen Kopf wogte es: Hatte er nicht auch gegeben und gegeben, wie der da, mit voller Hand, immer in den Säckel gegriffen und reichlich ausgestreut — was erntete er nun dafür?! Undank— Undank! Er hätte es schreien mögen heraus aus unendlicher Bitterkeit, hin zu den empfangenden Feldern im Lenzsegen— Undank, Undank— mochten die ihn wenigstens hören, den Leuten würde er's doch nicht sagen— Undank, Undank!— Die Menschen waren zu schlecht— alle, ja alle! „IS et Dir schlecht, Hannes?" fragte der Alte wieder. „Jesses, Jung! wat biste eweil so rot?" (Fortsetzung folgt.). Hus der muflkaUrcheii Mocbe. Daß mit den allenncisten heutigen Leistungen in der Kunst das Volk, als Inbegriff der Bevölkerung genommen, nicht mitlebt, und daß in Uebereinstincmung damit auch die heranwachsende Generation sich im allgemeinen noch nicht da hineinlebt, ist anderswo und hier bereits mehrfach besprochen worden. Daß nun vcrschiedentlichc Ber- anstaltrmgcn versucht werden, um ein solches Mitleben herzustellen, ist sehr ehrenwert, aber schon insofern merkwürdig, als sie zeigen, wie etwas künstlich hergestellt werden soll, das wir uns lieber als ein spontanes Geschehen denken möchten. Wer freilich eines der „Jugend-Konzerte" besucht, deren 7.(in der großen Phil- harmonie) wir am Mittwoch hörten, wird zunächst den Eindruck des Natürlichen und Naturfrischen haben. Ein herzerfreuender Anblick, diese dichtgedrängte Schar froher Kinder, mit eingesprengte» Onkeln und Tanten, im Gegensatz zu früheren Konzerten nun auch schon gut erzogen zur bescheidenen Aufmcrtsamkeit, wohl am meisten infolge der guten Weisungen des Konzertprogramms. Dazu reife Künstler mit ausgewählten Nummern, wie man sie vom Standpunkt unsrcs KonzerttreibenS aus schwerlich besser auslesen könnte; die Mit- wirkenden ersichtlich ganz oder so gut wie ganz aus Liebe zur Sache dabei; und hinter all dem die— wie man auch ohne nähere Kenntnis annehmen muß— Riesenarbeit des eigentlichen Äeranftalters, Musikdirektors Max B a t t k e, der im Ringen um das Entgegen- kommen der Schulwelt sowie um die Ileberivindung der unvermeid- lichen Reibungen sicher seine blauen Wunder erlebt haben wird. Jedenfalls möchten wir die Erscheinung dieser Konzerte in unsrem Musikleben nicht mehr missen, und gewiß wird da mancher Hörer, manche Hörerin noch im späteren Leben dankbar sein für diesen oder jenen einzelnen Eindruck, der sich unter solchen Verhältnissen leicht tief und dauernd eingräbt. Ein andres ist es allerdings, wenn wir sozusagen aufs Gewissen und mit dem Bewußtsein von nnsrer Hoch- achtnng vor all dem persönlich so Achtens- und Tankensioerten gefragt werden, ob wir grundsätzlich dieses Unternehmen und seine specielle Durchführung für den richtige» Weg zur künstlerischen Erziehung der Jugend und damit des Volkes halten. Und da befinden wir uns in der gegenüber so viel Aufgebot von Uneigennützigkeit und gutem Willen in der peinlichen Lage, ein„Rem" aussprechen zu müssen; ein„Nein" freilich, das hundertmal mehr nnsre Kunst- und Erziehrmgsverhältinsse überhaupt trifft, als den Veranstalter und seine braven Hilfskräfte. Erstens gehört eine Bildung zur Musik in die Schule selber; ich sage: eine Bildung zur Musik, nicht ein Hernntcrsingen vo» Liedern in, Chor. Zweitens: lvenii Battke und Genossen sich einsetzen für die Ausfüllung einer traurigen Lücke in unsrem Schulwesen, so würde zu wünschen sein, daß sie auf einer würdigeren Grundlage nnsrer Mnsikpflege überhaupt operieren könnten, als die heute gegebene in der That ist. Allein wenn schon wir erwachsenen Musiksrennde zwischen Andantes für Bioloncell, modernen und alten Liedern u. dergl. m. hermngcivorfcu werden, so ist dies für junge Neulinge um so geschmackvcrirrender— die oben erwähnten einzelnen Eindrücke immer ausgenommen. Drittens: da für die Jugend gerade nur das Beste gHt�zeniig ist, so wird es der Leitung eines derartigen Unternehmens die Daner unmög- kich sein, genügend Künstler des schlichten, warmen, nicht technisch raffinierten, also wieder geschmackvcrirrenden Könnens zu finden. Herr Battke hat ein großes Gcschickbewährt, die routiniertesten Mitwirkenden zusammen,;ubckommcn; doch es sind großenteils solche, die uns vom Standpunkt des Faches aus interessiere:?» nicht von dem des Er- grcifens der Kindcrscelen aus. Wie dankbar muß man Herrn Opern- sänger Jörn sein, daß er in letzter Stunde in eine Absagelücke einsprang! Es war uns auch lieb, diesen jungen Tenor, dessen gute Entwicklung wir bereits mehrfach markierten, nun auch in einem Konzert zu hören; und daß wir hier das Unfeine, dem Korncttklang Aehnliche seiner Stimme wiederfanden, kommt fiir nnsre Erörterung nicht eigentlich in Betracht. Aber waS Kinder davon haben, wenn mit interessanten, ciseskalten Tönen das„Tu bist die Ruh" ge- sungen wird, wissen wir schlechterdings nicht. Und dann die Re- citationen von Frl. Hedwig R e i ch e r I Alle Achtung vor dieser Dame, von der ich in meinem Kreise persönlich und künstlerisch Gutes.höre! Allein wer erkennen will, was eine bis zum äußersten raffinierte Technik, die dieser Schauspielerin und Recitatorin eine Ruhmcsznkunst sichert, zuwege bringen kann, ohne daß ihr und der günstigen äußeren Anlage auch nur ein Funken künstlerischer Inner- lichtest entspricht: der lasse sich diese Eindrücke nicht entgehen I AIS ich vor einiger Zeit die genannte Dame auf der Bühne sah, wie sie gleich einem exakten Mechanismus von sich gab, was in sie hinein- konstrniert worden, war mir's. als müßte ich hinaufspringci: und sie anflehen:„Fräulein, spielen Sic doch lieber miserabel, aber aus sich heraus, statt so korrekt, ohne einen einzigen Ton aus den: Inneren!" Und jetzt hätte ich sie anflehen mögen:»Nur einen einzigen eignen Herzenston, und ich vergebe Ihnen all das entsetzliche Pathos, mit dem Sic Heines„Wallfahrt nach Kcvlaar" verzerren und damit den Kleine:: Aeraernis geben!" Doch der einzige Ton kam nicht.— In der Geschichte der Malerei gicbt es einen merkwürdigen. „wunderschön" malenden Künstler, Raphael Mengs; der war von seinem Vater zur Kunst geprügelt worden... �£ Volkstümliches und— wenn uns diese analoge Bezeichnung erlaubt ist— Kindertümliches will in großen und einfachen, bc- scheidenen und gemütvollen Linien gehalten sein. Volkslieder haben viel davon, zumal wenn nicht eine formale Metrik der Musik den Text künstlich zwängt; und allerdings werden sie uns meist:n Fassungen geboten, bei denen man nicht recht weiß, wie weit die ur- sprüngliche, meist sehr sckivankende Gestalt schulgerccht überarbeitet ist. Die acht italienischen, englischen, französischen, deutschen Volks- lieber, die wir neulich— inmitten zahlreicher Kunstlieder— von der Altistin Marianne Geyer hörten, waren von dieser Art. Derlei gehört unter dem heute auftrcibbaren Material zu dem günstigsten für musikalische Anregung des Volks und der Jugend, und wir empfehlen die Sängerin mit ähnlichen Programmnummern auch der Leitung der Fugend-Konzerte. Interessant war der Ilm- stand, daß von jenen acht Stücken das äußerlichste, schon an Edwin Schultz streifende:„Im Wald bei der Amsel", mehr Anklang fand, als gediegnere wie z. B. das( ostpreußische 1„Gieb mir dein Herze". Frl. Geyer besitzt eine der anmutigsten und bestgebildeicn?lltstim:ncn, die wir kennen, und ihr ganzes künstlerisches Gehaben zeigt sich als etwas Echtes. Auf die Daner ermüdet freilich der Mangel an Schärfe und Größe(dem schon durch strengeres Herausbringen der Konsonanten etwas abzuhelfen wäre); die Sängerin bewegt sich eben, und zwar wohl mit richtigem Bewußtsein ihrer Kunstgrenzen, im Genre des Schäferliche». Wicgcnlicdlichen. um nicht zu sagen Wiegenlicderlichen. Weitab von allem Volksmäßigen führte u::S ein Konzert des M a r t e a n- Q n a r t e t t e s. Henri M a r t e a u. ein junger französischer Geiger, hat sich binnen kurzem zu einem großen Ruhm aufgeschwungen, und sein Quartett(mit den Herren Ren- m o n d. P a h n k e, R e h b c r g) gehört bereits zu den meist- genannten Vereinigungen. Welcher Gegensatz auch im Publikum zu dem in einem Jugend-Konzert und zu dem in eine::: Oberlicht- saal-Konzcrt wie dem von M. Geyer I Bei Marteau die Auslese der äußerlich feinen Gesellschaft. Tie Spieler selbst allerdings auch innerlich fein, lebendig frischen Tones, wenngleich ohne die intensive Ausdrncksfülle andrer. Sie begannen mit einen: ganz neuen Streichquartett(F-rnoll) eines ganz jungen Mannes, Karl Klinglet'. Es ist eine vornehme Arbeit mit manchem Mar- tauten, im ganzen aber ohne jenes Entscheidende, das sowohl dem Volkslied wie dem, was wir„klassisch" nennen, seine Unsterblichkeit giebt: die überzeugend klare Prägnanz der thematischen Gestaltung. Aus 5ili::glers Stimmcngewogc hcbr sich nur lvenig von solch über- zeugend Prägnantem hervor. Bleibt noch eine nicht üble Kunst rhythmischer Frische. Ein ebenfalls neues Quartett von Marteau selber(op. 5, Des-ckur) konnten wir wegen des vorgenannten, damit kollidierenden Konzertes nicht mehr hören. Aus der Partitur, die iäuslich zu haben war, erkannten lvir ebenfalls solche rhythmische Vorzüge und eine noch schulgerechtere Mache. In: übrigen sind die paar Hanpthcmen, mit denen der Komponist den Inhalt seiner drei Sätze bildet, so trocken ausgeklügelt, und die übrigen Themen so wenig plastisch, daß wir— eben von jener rhythmischen Bewegt- heit abgesehen, die uns als ein historisch wichtiger Fortschritt freut — doch schließlich nichts als ein Stück Mache vor uns haben.— iZ. Kleines f euiUeton. lt. Ten„Kampf mit dcm Objekt" auf der Bühne bchandelt Max Grube in einer unterhaltenden Theaterplauderei, die er in der Februarnnmmer von„Belhagcn und KlasingS Monatsheften" veröffentlicht. Er knüpft an Vifchers Buch„Auch Einer", dessen Held den fürchterlichen„Kampf mit dem Objekt" führen muß, der für den Tchausvielcr aber noch viel schlimmer ist, tveil dies sich auf der Bühne nicht immer so leicht Helsen kann, wie cS im Leben wenigstens nwglich iväre. Der Schauspieler kann nicht einfach von der Bühne abtreten, wenn ein notwendiges Requisit fehlt, und in noch schlimmere Lagen gerät er, wenn ein falsches in seine Hand kommt oder das richtige so frech ist, die Dienste, zu denen es kon- traktlich verpflichtet ist, zu versagen. Grube lucig eine ganze Anzahl Beispiele von solchen bösartige» Requisiten zn erzählen. Vor allem gehört dazu der Brief, dessen Verbreitung in der neueren Dramatik glücklicherweise wesentlich eingeschränkt worden ist. Grube selbst hat einmal als Frmiz Moor vergessen, den Brief einzustecken, oer seinen Bruder ins Nnglück stürzen sollte. Es war bei seinem ersten Auftreten im Dresdener Hoftheatcr, bei dcm er sich in einer begreiflichen Aufregung befand. Bei den Worten:„Lasst mich vor- erst auf die Seite gehen und eine Thräne des Mirleids vergießen für meinen unglücklichen Bruder," suchte er sich in seiner Ver- zweiflung an eine durch einen Gobelin halbverschlosscne Thür- Öffnung herauzuspielen und rief leise:„Bricfl Brief!" in die Couliffe. Darauf folgte ein kleiner Auflauf, aber die in den Coulissen Stehen- den begriffen seine Todesnot zunächst gar nicht. Endlich drückte ihm ein intelligenter Theaterarbeiter ein kleines Oktavheft in die ausgc- streckte Rechte, er versuchte durch heftiges Schlenkern des Büchleins mit einer Hand— seine linke befand sich ja auf der Scene— ein Blatt loszulösen, und es gelang ihm, einen etwa handgroßen Fetzen abzureißen, von diesem kleinen Wisch mußte er nun das lange Schreiben ablesen. Als dann der Vorhang fiel und er sich von seinem Schrecken erholte, sah er in dem hübsch ausgestatteten Gc- niach einen großen Schreibtisch, zu dcm er nur hätte hinzugehen brauchen, um einen der vielen dortliegenden Papierbogen zu nehmen... Seitdem hat Grube wie alle erfahrenen, alten Minien in jeder Tasche der Bühncngarderobc Papiere stecken, die im Notfälle als Briefe gelten können. Ilcbel ist es auch, wenn ausgeschriebene Briefe verwechselt werden oder statt eines solchen gar ein leeres Blatt in die Hände des Darstellers gelangt. Es ist zwar eine alte Erfahrungsregcl, daß auch solche zur Rolle gehörende Briefe auswendig gelernt werden sollen, aber die Sckiauspicler scheinen sich diese nicht zu Nutze zn machen. Ein berühmter Napoleonspieler in Paris erhielt in einer Scene einen langen, für den Verlauf der Verhandlungen entschei- dendcn Brief. Der Getreue, der ihn zu überbringen hatte, wollte den Kaiser ein wenig in Verlegenheit setzen und reichte ihm ei» unbeschriebenes Blatt. Der Napoleon der Bühne hatte aber keine geringere Geistesgegenwart als sein.Original, empfing den Brief, öffnete ihn, überzeugte sich von dem— fehlenden Inhalt und gab ihn dcm llebcrbringcr mit den impcratorischcn Worten zurück: „Lesen Sie, General!" Von den Erinnerungen Grubcs ist noch besonders luftig die Geschichte von einer andren Probe seltener Geistesgegenwart auf dem Theater im Kampfe mit dem widerspenstigen Objekt, die ihm sein Freund Ernst Gertke, der Direktor des Wiener Raimund- Theaters, erzählt hat. An einer kleinen Bühne wurden«Die Räuber auf Mariaculm" gegeben. Dieses schöne Ritter- und Räuberstück beginnt damit, daß ein alter Ritter sein Schachbrett, das er als leidenschaftlicher Schachspieler stets am Sattelknopse mit sich zu führen pflegt,„ausgerechnet" auf einem Friedhof vergessen hat. Niemand wagt daS Breti um Mitternacht von der schauer- lichen Stätte herzuholen, bis sich endlich die mutige Tochter des wackeren Burgherrn dazu erbietet. Das Stück beginnt also, der Ritter will sein Partiechen Schach spielen.„Wo Hab ich denn nur mein Schachbrett?" hebt er an.„Mein Schachbrett, wo Hab ich es nur? Ich hätte es doch vorhin!" Da der Künstler den Souffleur nicht recht verstand, extemporierte er in allen Tonarten an diesem «inen Satze weiter, und der Requisiteur, der zufällig hinter der Cou- bisse stand, kam auf den Gedanken, das Schachbrett gehöre auf die Scene und sei in der That vergessen worden. Auf einmal schob sich daher aus der Kulisse auf einen nahestehenden Tisch— das so sehr und nachdrücklich vermißte Schachbrett. Da stand es groß und breit vor aller Augen, und das Stück hätte einfach nicht weiter gehen können, wenn der Mime sich nicht zu folgendem geistvollen Extempore aufgerafft hätte:„Ach, da steht ja ein Schachbrett!"— Pause I—„Aber dieses meine ich ja nicht. Ich meine daS gute I Ha, das Hab' ich ja auf dem Kirchhof gelassen. Wer holt es mir von dort?" usw. usw.— Theater. Schauspielhaus.„K ö n i g Heinrich der Fünfte". Von Shakespeare.— Daß dem englischen Publikum Shakespeares dies von Haupt- und Staatsaktionen angefüllte Stück, in dem der fünfte Heinrich,„der Ausbund aller Könige" mit Englands tapferem Heer und Gottes Hilfe den französischen Erbfeind zu Paaren treibt. von Herzen gefiel, kann man sich vorstellen. Herausgehoben aus dieser Atmosphäre, losgelöst von der nationalen Tradition, verblassen die Farben des Dramas. Das„Recht" auf wclchesHcinrich bei der.Kriegs- erklärung sich beruft, hat auch kein Fünkchen einer die Schranken engsten Hofinteresses durchbrechenden Idee in sich. Was kümmern einen die gelehrten Deduktionen, durch die der Bischof von Cantcrbury aus verstaubten Pergamenten den Anspruch des- Königs auf französische Herzogtümer herleitet? Worte, nichts als Works. Und trotz der frommen Augenaufschläge, mit denen Shalespeare diesen Heinrich, der ihm der größte und beste schien, so reichlich ausstattet, was thut der Ruhmgekrönte anders, als den listig ruchlosen Rat hesolgen, den er als Prinz von dem sterbenden Vater erhielt: Beschäftige stets die schwindligsten Gemüter Mit fremden Zwist, daß Wirken in der Ferne Das Angedenken früherer Tage lerne! Welche doppelzüngige Verteidigung in der Art, wie er, der den Krieg mit Frankreich schon fest beschlossen hat, die Verantwortung für die Strome Blutes, die fließen werden, von sich dem Feinde, der ihörichteu Herausforderung des Dauphin zuschiebt. Kein Stäubchcn darf am Schilde dieses nationalen Heros haften bleiben. Ueberall die absichtsvolle, selbstbewußte Kontrastierung englischer Kraft und Tüchtigkeit mit fränkischer Windbeutelei, wo doch nach anderthalb Jahrzehnten schon unter den, Banner der Jungfrau von Orleans aus den Geschlagenen Sieger wurden, die heldenmütig in gerechtem Kriege die Eindringlinge auS dem Lande jagten. Was aber mehr noch als die offenkundige Tendenz lebendige Anteilnahme hindert, das ist die überquellende Fülle geschichtlicher Thaffächlichkeiten, die in den, Drama bewältigt werden soll. Was nicht hineingeht, hat ein Prologus vor jeden, neuen Akt ergänzend und erklärend nachzuholen. ES fehlt au Raum, in dem die Phantasie des Dichters, ausruhend von all den Wcchsclfällen längst ver- gesfencr Politik, in fteiem Spiel sich gehen lassen könnte. AuS dem lärmenden Getümmel der Verhandlungen, Ansprachen, Schlachten und Belagerungen in Heinrich V. sehnt man sich nach den löst» liehen Genrebildern auS dem so viel slillercn Heinrich IV. nach Falstaff, seinen Gesellen und den, übermütigen noch von keiner Krone gedrückten Prinzen Heinz zurück. Daß Falstaff gleich im ersten Akte�sterben muß, sterben, ohne daß er auch mir einen seiner fröhlichen Späßc hier zum Besten gegeben, hinterläßt eine auf- richtigere Betrübnis, als der Tod von' so und so viel Baronen und Königen. Die Witwe Hurtig, Ryn, und Bardolph erscheinen nur auf kurze Augenblicke— die beiden letzten, um ein garstiges Endo an, Galgen zu nehmen—, König Heinrich hat die Munter- ketten feiner prinzlichcn Vergangenheit gegen eitel Königstugend und Gottwohlgefälligkeit eingetauscht, und nur Pistcll, der renommistische Hasenfuß hält bis zum Schluß, wo die Schläge Fluellens, des wackereu irischen Kapitäns, ihn, das Kriegshandwerk verleiden, die alte Fahne anstecht. Ii, der Aufführung des Schauspielhauses war au Fleiß und Mitteln nichts gespart. Fehlerlos gelangen, in ihrem Eindruck durch wundervolle Dekoraiioncu unterstützt, die schwierigen Massen- sccneii; auch die kleinen Rollen lagen in lilchtigen Händen— nup den Dauphin hätte man sich anders gewünscht—. Christians repräsentierte trefflich den ritterlichen Fürsten, hochaufgerichtck. gcbieiend, stolz dem Feind und den Verrätern gegenüber, schlichr und herzlich in den, Gespräche mit den einfachen Soldaten. Fräulein Poppe wor eine anmutige, reizend verschämte ftauzö- fische Prinzessin, Pohl spielte, in der Streitsccne mit drolligstem Humor, den irischen Kapitän, und Vollmer schuf einen idealen Pistol. Iliid trotzdem nur Einzelheitcu schlugen ein. Als Ganzem blieb dem Stück die Wirkung versagt.— dt. Medizinisches. cn. D i c Sterblichkeit der Aerztc. Der ärztliche Beruf verlangt von seinen Vertreten, eine besondere Widerstandsfähigkeit. da sie nicht nur häufiger als andre Leute gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt sind, sondern auch mit ihren Körperkräften und ihren Nerven den höchsten Anforderungen Genüge leisten müssen. In den Vereinigten Staaten ist man jüngst mit statistischen Berechnungen so weit gegangen. nicht nur die hohe Sterblichkeit. sondern auch die die Todesursachen bei den Aerzten ge- nauer zu untersuchen, und wenngleich sich die Ergebmsse nicht ohne weiteres ans andre Länder übertragen lassen, so kann man doch annehmen, daß der ärztliche Beruf überall die gleichen Bedingungeu und Gefahren vorfindet. Nach einer Uebcrsicht des„Journals der Amerikanischen Medizinischen Ver- einigmig" belänst sich die Zahl der Aerzie in den Vereinigten Staaten gegenwärtig auf etwa 105 000, von denen etwa 05 000 eine regelmäßige Praxis ausüben. Die Sterblichkeit unter ihnen wird für daS Jahr'1002 mit etwa 15 vom Tausend ermittelt, und dies Verhälmis ist günsligcr, als man erwarten mag, da die LebensversicherungS- Geicllschaftei, eine höhere Sterblich- kcit unter den Aerzten annehmen. In fast der Hälfte der Todesfälle war eine Ursache entweder überhaupt nicht angegeben oder doch„nr so ungenau und unvollstäiidig, daß sie für die Statistik nickt verwertet werden konnte. Sonst wurde als häufigste Todesursache Herzkrankheit geftmden, doch gab die Sterb- lichkeit an Lungenentzündung nur wenig nach. Demnächst forderten die meisten Opfer Paralyse, Tuberkulose und Unfälle verschiedener Art; in weiteren. Abstand folgten Nierenentzündung. Typhus und Schlagfluß. Au andren ansteckenden Krankheiten wurden im vorigen Jahr nur 31 Todesfälle unter den Aerzten verzeichnet, an Appendicitis 25, ebenso viele an Blutvergiftung: durch Selbstmord endeten 23, durch Mord 13 Aerzte. Unter Herzkrankheiten war vermutlich auch die so- genannte Herzschwäche einbegriffen, unter Paralyse auch Nerven- Krankheiten aller Art, die schließlich zur Lähmung führen, und auch der Schlagflnß kam, durch verschiedene Ursachen herbeigeführt werden, fo das; immerhin als die häufigstell feststellbare;: Todesursachen die Lungenentzündung, die Tuberkulose und vor allem auch die in- oder ansierhalb des Berufs erlittenen Unfälle verbleiben. Die Alters- grenzen der Verstorbenen schtvantten zwischen 21 und SV, und zwar war die Zahl der Todesfälle in den Jahren zwischen 71 und 80 am höchsten, was auf einen recht günstigen Gesundheitszustand scklieben läßt. Noch genauer stellte sich die höchste Ttrrblichkeit ans ein Alter von 75 Jahren ein. Die wemgsten Todesfälle kamen vor im Alter von 21 und über 00 Jahren. Das; gerade das erste Jahrzehnt in der Ausübung des ärztlichen Berufs die meisten Gefahren bringt, wird erwiesen durch ein rasches An- steigen der Sterblicklcit vis zum Alter von 35 Jahren, dann nimmt sie bis zu 75 Jahren nur langsam zu. Das mittlere Lebensalter der amerikanischen Aerztc stellt sich nach dieser Statistik auf ettva 58'/, Jahren. Unter de» Verstorbenen hatten sich zwei gefunden. hie auf eine siebzigjährige PrariS zurückblicken konnten, dagegen waren 210 im ersten Jahrzehnt ihrer Praxis verstorben, 24fj im zweiten, 229 im dritten, 235 im vierten Jahrzehnt, während die Dahlen dann weiterhin abnahmen. Die mittlere Dauer der ärztllchen Thätigkeit wurde auf etwa 29 Jahre berechnet. Im allgemeinen läßt sich aus diesen An- gaben der Schluß ziehen, daß die Aerzte ein verhältuiSinäßig ge- jundeS Leben führen, das den zahlreichen Gefahren ihres Berufs die Wage hält, und daß sie demnach in ihrer Mehrzahl nach den Regeln leben, auf deren Anweiiduiig sie bei ihren Pflegebefohlencli hinwirken sollen.— Aus dem Tierlebe». — Der Kleiber. Fritz Braun plaudert in der Wochenschrift „NerthuS" sAltona-Ottensen. Chr. Adolfs.): Noch tragen die Buchen kein Grün, aber drunten auf dem Waldboden prangt schon der bunte Teppich Anemonen und Leberblümchen. Schwer und warm liegt der Sonnenschein auf der gelben Lehmwand, der die letzte Feuchttgkeit des Winters als leichter Ncbeldunst cntiveicht. Feierliche Stille umgiebt ans. Nur aus der tiefen Waldschlucht tönt ein leises Ramien. Dort sucht die Bembernitz ihren Weg und.zwängt sich zwischen steilen Uferloände» hindurch, um möglichst bald die Radaune, das schnelle.Hauz>tflüßchen des kassubisck'en Hochlande?, zu erreichen. Bis in den dunklen Grund kann»Mer neugieriger Blick nicht hinabtauchen; die schroffe Böschung, an die sich halbentwurzeltc Bäume mit knorrigen Wurzclslöcken wie mit muSlclstrotzenden Armen anklammern, gebietet ihn; Halt. Auf einem granitenen Marksteine lassen ivir un? nieder. Bor einemMonat lag hier noch tiefgründiger Schnee, dessen glatte Fläche nur wechselndes Wild mit selstamen Runenzcichcn versehen hatte. Warten wir noch einen Mond, so ist's wieder Mittag geivorden an einem der kurzen Lebenstage unsrer Crde, die dein iiberhasiigcn Menschen oft so lang erscheinen. AnS den ernsten Betrachtungen lvcckt un? ein beller Ruf. ,.Tüh. tüh. tiih" tönt c? zu uns herab. Zwei kurzschwänZige. gedrungene Vögel streichen in welligem Fluge über uns dahin. um sich an einer der nächsten Buchen an- zuhäkeln und deren Rinde eifrig nach Insekten und Eierchcn ab- z,»suchen. Bald geht eS den Stamm hinauf, bald kehrt das Männchen mit dem Kopfe zu untcrst wieder ein Stück zurück, um eine besonders interessante Rindenspalte»och eiimial abzusuchen. Es sind Kleiber oder Spechtmeisen, die einzigen»nsrer heimischen Vögel, die da? schwierige Kunststück zuwege bringen, an einem Stamm mit gleicher Gelenkigkeit hinauf und hinunter zu laufen. Während der Paarungszeit sehen tvir die beiden Gatten stets bei- einander. Sonst macht der Kleiber das Sprichwort, daß gleich und gleich sich am liebsten gesellen, zu seinem Teile völlig zu schänden und streift lieber mit Meisen und Goldhähnchen durch Feld und Garten, als daß er zusamnien mit seinesgleichen fein tägliches Brot suche. Diese sonderbare Gemeinschaft ist ivohl nicht ohne Grund, kommt cS doch dabei zu einer regelrechten Arbeits- teiluitg. Der Kleiber übernimmt den Stamm der Bäume, tvclche die lustige Schar besticht, während das Astwcrk den Meisen und Goldhähnchen überlassen bleibt. Wahrscheinlich hat der Kleiber von seinen Genofsc» noch einen andren Vorteil. Diese können bei ihrer Thätigkeit ini Geäst besser auf allerlei Raubzeug achten als der Kleiber, besten Blicke an den Baumstamm gebannt sind. und fordern ihn im Rotfalle rechtzeitig mit ivctternoem Warnruf auf. seine Schutzstelluiig einzunehmen nild an dem Baumstamm zu versteinern. Wie der Kreuzschnabel, der Kernbeißer und der Würger, stellt auch die Spechtmeife einen Typ Vor, der sich von der Grundform der Sperlingsvögel sehr iveit entfernt hat. Sie ist kein Specht, mag ihr Schnabclmeißel noch so spechtartig aus- schauen. Ihre Füße sind trotz der langen Zehen echte Klammer- süße, die nur eine Zehe nach hinten kehren, und der kurze Schwanz vermag den; Vogel nicht wie dei: Spechten als Stütze am Baum- stamm zu dienen. Dazu sind die Kiele der Schlvanzfcdcrn viel zu schwach. Einer solchen Stütze bedarf unser Bogel aber auch garnicht, da er nicht nach Art der Spechte faul gewordene Stellen der Baumstämme aushöhlt, sondern sich damit begnügt, die Nahrung aus der Baum- rinde hervorzullaubcn. Ihr Rest vermag die Spechtmeife nickt selbst zu zimmern, sondern muß sich damit begnügen, in Höhlungen ein- zuziehen, welche die geschäftigen Zimmermeistcr des Waldes, die lauten Spechte, im ungestümen Thätigkeitsdrang über den eignen Bedarf hinaus fertigten. Ist der Eingang der Höhle zu groß, so Vermitworliilher Redatieur; E'arl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: führt der Kleiber au? feuchter Erde eine fingerdicke Lehrnivand auf, die nur einen ganz engen, kreisrunden Eingang freiläßt. Dabei müssen sie e? allerdings mitunter erleben, daß der eigenttiche Bau» Herr seine Höhle sehr energisch in Anspruch nimmt und den kecken Minier mitsamt seinem Hausrat zur Thür hinauswirft. Christoleit- Mcmel beschreibt uns einen solche,: Fall in der„Ornithologischen Monatsschrift": Ein biedere? Kleiberpaar belegte die borjährige Nesthöhle eines SchwarzstiechteS mit Beschlag und richtete sich in dem großen Ramnö' recht wohnlich ein. Da erschienen die früheren Ve- sitzer, erbrachen die Lehmwand, die der Kleiber im Flugloch auf- geführt hatte, und warfen iäe ganze Einrichtung des jungen Ehe- Paares hinaus. ohne jedoch selbst von der Wobnung Besitz zu nehmen. Der unverzagte KleiBer aber handelte nach den: schönen KindcrvcrS: ..Wenn man nicht mehr weiter kann, Dann fängt man wieder von vorne an!" Er baute in dieselbe Höhle ein neues Nest und brachte darin seine Jungen wirtlich auf. Als dann die Jungen des Kleibers— die Spechtmeife erbrütet alljährlich in einer einzigen Brut 0— 1V Eier— flügge geworden waren, machte sich die leere Wohnung noch ein dritter Gast, ein munterer Trauerfliegcnfängcr, zu nutze. Der Kleiber ist in ganz Europa und den angrenzenden Erd- teilen zu Hause und wird in Amerika durch verwandte Arten vertreten.— Humoristisches. — Belehrung.„Du, Voda, wer san den» dv Zwoa in de Hopfasäck?" „DöS fan Studenten; de dcrfa auanda d' G'sichta berhrnni, mir nett"— — Schulhumor. Lehrer(schreibt in der ersten Lesestund« ein i an die Wandtafel):„Kennst Du den Buchstaben wohl schon, Elimar?" Der kleine Elimar:„Kennen do ick cm lvoll, ick wert man iiich, wo he heet."— — Neues b o m Serenissimus. Serenissimus hat in seiner lltesidenz zu seinem Acrger einen Doppelgänger, der oft Anlaß zu lustigen Verwechselungen giebt. Serenissimus ist darob schon lange erzürnt und schickt endlich Kindernuum hin. der Mann solle das lächerliche Kopieren in Kleidung. Haar und Bartttacht unter- lasten. Jedoch jener will nicht. Schließlich läßt er ihn zu sich selbst bitten. Weil er argwöhnt, Kindcrmaun sei nicht schneidig genug vor- gegangen. Kindennaim leitet die Privataudienz. es ist jedoch keine Einigung zu erzielen, da der Mann immer wieder behauptet, er sei un: ein Jahr älter als Sereuissinms und habe die Tracht infolge dessen schon eher gehabt. Da fährt Serenissimus, der bis dahin schweigend zugehört, schließlich ganz rabiat auf und brüllt de» Mail» an:„So lassen Sie w e n i g st c n S den san- dummen Gangl"—(„Fugend") Notizen. — Die Aufführung von R. ThomallaS Drama„Kappelleu- b e r g" am 7. Februar(uachmittagS) im Bellealliance-Theater wirb die erste That der Reuen Deutschen Bühne sein.— — Ludwig Thomas„Lokalbahn" erzielte bei der Erst- aufführung im Wiener Burgthcater einen starken HciterkeitS- erfolg.— — In Moskau soll Wieder ein st ä n d i g e S deutsches Theater gegründet werden.— — Der Komponist Robert Planguette(geb. 2t. Juli 1840) ist tu Paris gestorben. Er hat 16 Operetten geschrieben. Am bekanntesten sind die„Glocken von Corneville" und„Rip van Winkle".— — In der Vcrcinigung„D i e St n n st im Leben de s KindeS" spricht am 2. Februar, abends 8 Uhr, im Bürgersaale des Rathauses Oberlehrer Dr. Karl Pappen heim über„Das Kind a l ö B e o b a ch t c r u n d Z e i ch n c r." Eintritt für Nicht- Mitglieder 50 Pf.— — In P r i n c e t o n(in: Staate Washington, Vereinigte Staaten) und in der Olympia-Mine beim Mont-Kennedy soll man nach dem„Prometheus" neuerdings Platin gefunden haben. Andrerseits wird versickert, das; das DÜton-Gold eine starke Beimengung von Platin enthalte und daß in den Lagern desselben auch Plattnkörner vorkämen, welche die Bergleute in ihrer Uulvissenhcit bisher weg- geworfen hätten.— — Die größten Geschütze der Welt sind jetzt in: Fort Sandy Hook bei New Uork aufgestellt und am 17. Januar zum erstenmal mit vollem Erfolg erprobt worden. Das Kaliber dieser ungeheuren Kanonen beträgt 40 Centimeter. ES wurden drei Schüsse »:it der vollen Ladung von 640 Pfund rauchlosen Pulvers, der größten, die bisher jemals zur Anwendung gekommen ist, ab- gefeuert unter Benutzung eines Geschosses im Gewicht von 12 Tonnen. Die Bombe traf die Meeresoberfläche in einer Entfernung von 5 Kiloineter, während die eigentliche Tragweite der Geschütze über 30 Kilometer bettägt.— Die nächste Nummer des Untcrhaltuiuzsblattes erscheint am Sonntag, den 1. Februar._ vorwärts Buchdnukcrei und VerlagSarsttal! Paul Singer& Co., Berlin SYT.