Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 24. Mittwoch, den 4. Februar. 1903 (Nachdruck varbotni.) � Der j�üUerkannes. Nomon aus der Eifel von Clara Viebig. Giiic Ahnung von Glück schoß jäh durch den Müller- Hannes, jetzt fühlte er auf einmal seine Erschöpfting nicht; gleich hob er wieder den Kopf und warf ihn in den Nacken. Ja, alle Frauen im Dorf würde er zur Taufe laden, Schnaps sollte in Strömen fließen, voll sollten sie Iverden, die alten Weiber wie die jungen, daß sie krähten, hell, durchdringend, wie Hähne, lvenn's Wetter ändert, daß sie spektakelten wie nie zuvor I Ein Traktament sollte es geben, wovon man überall sprach I Ungeduldig Pochte er an den Fensterladen der Hebamme. Und als die nicht gleich aufthat, trommelte er mit beiden Fäusten: „He, he! Kotzdonncr—" konnte das Weib denn nicht hören? Er war doch kein armer Schlucker, wo sie's halb thun mußte um GotteSwille»—„he, he, aufgemacht! Ich sein hei— den Müllerhannes!"--- Müllcrhannes Härte nicht gedacht, daß er noch so laufen gekonnt— eigentlich sollte cr's ja auch gar nicht, vor Ueber- hitzung und derlei hatte der Doktor gewarnt— aber nun, nach vollbrachtem Gang>var er doch ganz wohlgemut, hatte sich gleich nach der Rückkehr einen Schnaps zur Stärkung ge- uomincn und saß nun in seiner Mühle am Tisch und wischte sich den Schweiß ab, während über ihm in der Giebelstube die Schmitzcu Marie bei seiner Frau Hantiertc. Das Winseln, das ihn die Nacht so gestört, hatte jetzt aufgehört. Es war sehr still in der Mühle und auch draußen in der Natur. Der Morgenwind hatte schon geblasen, Berg und Bach und Busch und Baum erwarteten nun stummselig, was da kommen würde. Bald würde alles Grau sich lichten und ein goldenes Gesicht übcr'm Höhenzug des Ostens auftauchen und ein Lachen hinunterlvcrsen ins tiefste Thal. Aus der obersten Stufe der steilen Holzstiege kauerte die Franz. Sic durfte nicht hinein zur Mutter, aber wenigstens nah bleiben wollt sie der, so nah wie niöglich. Darum ging sie nicht hinab in die warme Stube, sondern blieb hier im fröstelnden Morgendämmern vor der Kammcrthür. Sie hatte die Mutter heute Nacht leiden sehen und eine unbewußte Ahnung von eignen, ähnlichen Leiden der Zukunft hatte sie durchzittert. *» Der Tag kam, der Hahn auf dem Mist rief krähend seine Hühner und die Kühe im Stall brüllten dumpf nach Futter. Uebcrnächtig schlorrte der Knecht über den Hof und schickte sich eben mürrisch an, den Pferden die Raufe voll Heu zu stecken, als der Herr ans deni Hause trat. Jesses, wie sah der aus l Die Kappe hatte er ganz auf dem Hinterkopf sitzen, als könnten die dickgeschwollenen Adern der Stirn keinen Druck vertragen. Die grauen Haarbüschel an den Schläfen standen ihm förmlich zu Berg und er torkelle, als sei er schwer betrunken. „An— Anspan— neu— zum Doktor, wit, wit," lallte er heiser und riß selber das Geschirr vom Haken an der Stallwand. Was? War es so schlimm mit der Frau?! Der Herr wollte doch nicht allein fahren, der konnte ja nicht einmal die Zügel halten in seinen zitternden Händen? 1 Dem Knecht kani die Angst an. „Sollen ich net fahren, Herr?" fragte er. Der Müller schüttelte verneinend den Kopf. „Ich— ich— selber!" Und was er sonst nie gcthan, er schob selber das Chaischen unterm Schuppcndach vor und wollte selber anschirren und machte doch alles verkehrt in seiner zitternden Hast, und mußte es dann doch den: Knecht überlassen. Seine Riesengestalt wurde wie vom Fieber geschüttelt, als sie nun ans dem Bock saß. die Peitsche in der um- klammernden Faust. Noch einen Blick hinauf zum Fenster der Giebelstube— der frische Morgenhauch beschlug ihn: die Brillengläser, er konnte nichts erkennen, er sah nicht, daß die Schwitzen Marie sich jetzt heraus neigte und ihm, an- feuernd, zunickte, er hörte nur eine Stimme von irgend- wo:„Wit, wit, macht, macht!" Blindlings hieb er auf die Pferde. Ungefüttert, unsanft aus ihrer Ruh' geschreckt, schössen die Gäule hin durchs Thal, wie zwei Schwalben auf jagen- dem Flug. Wenn nur der Doktor erst da tväre I Noch immer nicht begrüßte der erste Schrei eines Kindes die Mühlcuwändc, und die Sonne, die jetzt hell ins Gicbclfcnster schaute, sah noch immer nicht ein winziges Körpcrchen, erschauernd im ersten Hauch des kalten Lebens. Noch inuner hockte Fränz draußen vor der Kammerthür und lanschtc und ivartetc, aber noch immer nicht wurde sie herein- gerufen, das kleine Gcschwistcrchcn zu schauen. Sic wurde sehr müde, kaum hielt sie sich; aber, nein, schlafen wollte sie nicht, wenn die da drin nicht schlafen konnte. Mit krampfhaft weit aufgerissenen, augswoll neugierigen Augen starrte sie nach der Kannnerthür. Und alle Gebetchen und geistlichen Lieder, die sie irgendwie gelernt, von der Mutter, in der Schule, im frommen Unterricht beiin Herrn Noldes, begann sie sich her- zusagen. Sie ivar keine fleißige Schülerin und hatte auch kein Gedächtnis für dergleichen; so wußte sie denn immer nur wenige Verse. Aber ein Gedicht wußte sie ganz, das war der Abschied des frommen Ritters Peter von Cochem, der aus der Welt ins Kloster geht; das hatte sie immer herzlich ge- rührt: „Gut Nacht, ihr Pferdchen und Schlitten, Ich Hab' euch oft geritten— Gut Nacht, ihr Harfen und Geien, Ich muß euch lassen leien Gut Nacht, herzlieber Vader, Jetzt kommt der Hochzeilslader— Und immer wieder sagte sie sich's her von Anfang an: „Gut Nacht, du Welt, gut Nachte, Dein Wohllüst' ich nichts achte, Will deiner nimmer mehr—" Das hielt sie munter. Auch die Schmitzen Marie drinnen in der Kammer betete: Weiter wußte sie nichts zu thun. Schon bei viel Geburten hatte sie geholfen, aber hier ging's gar so hart. Wenn nur der Doktor erst da tväre l Jetzt waren schon ein paar Stunden vorbei, seit der Müller gefahren, der müßte längst hier sein, nach Manderscheid war's doch gar nicht so weit! Aber viel- leicht hatte er den Herrn Doktor" nicht daheim getroffen— sie schlug Kreuz um Kreuz— wenn sie nur schon kämen! Einen besorgten Blick warf sie auf die mit verzerrtem Mund da- liegende, keuchend atmende Frau, und dann ging sie wieder zum Fenster. Sie stieß es auf: eine Flut von Sonne strömte herein, der ganze starke Odem des Frühlingstages. Das zerwühlte Bett der Leidenden war wie in Glanz getaucht, man konnte vor allen: Licht kaum das blasse Gesicht auf dem Kissen sehen. Jetzt schien eine erträgliche Pause zu kommen, die Frau hatte die Augen geschlossen— jetzt versuchte sie gar zu sprechen. „Kömmt hän— cwcil— noch net?" Und als die Schmitzen tröstend versicherte:„Hän kömmt, hän kömmt—" versuchte sie gar ein schwaches Lächeln. „Jesses, ne—". Die Schwitzen schlug wieder ein Kreuz, die sah ja jetzt aus, als hätte sie'S schon überwunden. Noch eine Stunde und noch eine— angstvolle Stunden. Draußen auf der Treppe weinte die Fränz vor banger Müdigkeit, ihr Peter von Cochem hatte nichts mehr geholfen; aber schlafen wollte sie nicht, nein, nicht schlafen I Und sich aufbäumend, sich wehrend gegen den Schlaf, der sich bleischwer auf ihre Lider senkte, kroch sie der Thür näher, kniete nieder und preßte die Stirn gegcn's Holz. Wohl zum hundertsten mal lief die Schmitzen vom Bett ans Fenster— die Frau war so schwach, die wollte doch nicht etwa himmeln?~) Kam der Müller mit dem Doktor denn noch nicht?— und tvieder vom Fenster ans Bett: sie kanten noch nicht! #) sterben. „Heilige Maria, bitt' für uns. jetzt und in der Stunde unfres Todes Jetzt endlich,— Tritte auf der einsamen Straße I Gelobt seien alle Heiligen, der Herr Doktor von Manderscheid! Aber zu Fuß, nicht im Chaischen? I lind den Hannes führte er am Arm; der taumelte zwischen ihm und einem andern im wcißbestäubten Ltittel. War das nicht der Müller von der oberen ithll Mühle? Wo waren die Pferde, der Wagen?! Eine grausenvolle Neugier durchrieselte plötzlich die Schwitzen Marie, aber sie hatte nicht Zeit weiter über den Verbleib des Fuhrwerks nachzudenken, denn schon ivaren die Männer im Hans, und der eilende Schritt dcS Doktors kam die Stiege herauf. Tie Sonne stand scheitelrecht über deil Höhen der Mühlen schlucht; vom Dorf, SaS nicht fichtbar, um die Felsenecke herum, hinter dem Maar im Kraterkessel lag, kam das Mittagsgeläut, als der Doktor wieder die Stiege herunter- kletterte. Tie Schnntzen Marie gab ihm das Geleit. „Js et eweil schlimm, Herr Doktor," fragte sie besorgt, es war ihr immer sehr unangenehm, ivenn ihr eine starb, und hier hatte sie doch gleich nach dein Doktor geschickt!„Steht et net gut?" Der Arzt zuckte die Achseln; er hatte sein Möglichstes gethan, was iveiter kam, nun, dafür stand er nicht. Aber be- vor er ging, trat er noch in die Stube des Erdgeschosses. Da hatte der Müller oben von der Bachmühle � ein besonnener Mann— gleich die Laden geschlossen und Müller- Hannes lag im Halbdunkel auf seinem Bett ausgestreckt mit geschlossenen Aitgeu und atmete tief. Schlief er? Der Arzt beugte sich über ihn— es schien so. „Laßt ihn schlafen," sagte er zur Hebamme,„der kriegt es ja immer noch früh genug zu wissen. Ich komm' morgen früh noch einmal wieder. Ädjö so lang!" Er ging. (Fortsetzung folgt.), (Nachdruck m&oicii.) Der moderne SchneUigkeits- wahnSinm Durch alle Blätter ging vor einiger Zeit eine Nachricht, die den modernen Menschen anmutete, wie eine Großniuttererzählung. Der Erfinder der Petroleumlampe ist gestorben! Der Erfinder der Petroleumlampe I Der Mann, der das Oellämpchen und die Talg- lcrze verdrängte, der die Licktputzscheere überflüssig und den innigste» Wunsch Goerhcs zur Wirklichtest machte, daß es ei» Licht geben möge, das nicht alle fünf Minuten geschneuzt zu werde» brauche. Staunend, zweifelnd lasen wir die Mär,— vielleicht beim tagcs- hellen Schein einer elektrischen Flamme, die uns gerade im Wagen der elektrische» Bahn, im Salo» eines Schiffes leuchtete. Freilich, der Mann hat die Grenze'menschlichen Alters erreicht, er ist achtzig Fahre alt geworden. Aber, wenn er mit dreißig auch schon die Petroleumlampe erfunden hat, so trennen uns doch kaum fünfzig Fahre von einer Zeit der Lichtlosigkeit, die wir uns mit all ihren zkonsequeuzen kaum vorzustellen vermögen. Ein andres Bild, das freilich auf den ersten Blick keinen mich noch so losen Zusammenhang mit diesem ersten zu haben scheint. Vor kürzer Zeit thaten in der Nähe von Paris der amerikanische Milliardärschwager Fair mit seiner Gattin, den TödeSsturz aus einem mit der Geschwindigkeit von 85 jtilometer in der Stunde dahinsausenden Automobil. Aber der Zusammenhang ist da. Tie fünfzig Jahre, die uns Petroleum, Gas und Elektrieitäk gebracht haben, sie haben die Vor- arbeit gethan, den Boden vorbereitet für das. was die mit Eilzugs- geschwindigkcit cinherraseude» Menschen im Automobil in den Tod zagte, für die schlimmste Krankheit unsrcr Zeit— den Schnelligkeits- wahnsinn. Schnell, nur schnell! Das ist der Heerruf unsrcr Zeit. Die physische Schnelligkeit des Automobils symbolisiert den psychischen SchnelligleitSwahnsinn. der uns alle ergriffen hat. der uns beherrscht, behetzt, uns mit Eilzugsgeschwindigkeit durchs Leben treibt. Und wie wir mit Rad und Ant, mit Bahn und Schiff, mit jedem Vehikel, das uns fortbringt, nur rasen und jagen, wie das ganze Räderwerk des physischen Seins, Wirkens und Lebens in be- täubender Eile abschnurrt, so stürmen wir mit einer so rasenden Schnelligkeit durch die geistige EntWickelung nnsres Daseins, daß wir jeden Maßstab verlieren, jeden Genuß beeinträchtigen und niemals zum Auskosten irgend einer für unser Leben gewonnenen Erkenntnis kommen, lveil uns schon eine neue bestürmt, bedrängt, gefangen nimmt. Ist eS nicht so? Was haben lvir modernen Menschen nicht schon entstehen sehen, — aufblühen wie jene seltsame Blume, die nur eine Nacht in ihrer Emfaltung prangt,— und dann wieder zusammensinken und spurlos verschwinden. Wie sich die Entdeckungen und Erfmdungcn und .Geschehnisse im äußeren Leben drängen, so wird unser Inneres be- stürmt von all den Erscheinungen, die in unsren Tagen auseinander folge», sich ablösen, Ivertvoll und ivettlos werden in unaufhörlicher Folge. Jede Kimstprodukrion hat sich zu ungeahnter Höhe gesteigert. Massenhaft werden Bücher, Bilder, Statuen ans den Markt gebracht. immer neue„Richtungen" und„Stile" tauchen vor unsren erstaunten, erschreckten und schon ganz abgestumpften Augen ans. Tie Fülle der Gesichte wird unerträglich. Auch der empfänglichste Geist vermag nicht mehr das immer neue Interesse aufzudringen, das so gebieterisch von ihm gefordert wird. Und der Durchschnittsmensch steht völlig ver- wirrt vor diesem Reichtum, der so unendlich scheint und im tiefsten Grunde doch eine Armut bedeutet, ein Suchen und nicht Finden, ein Wollen und nicht jtönncn der vielen, vielen Hunderte, die berufen sind, aber nicht auserwühlt. und die schließlich mit gebrochenen Schwingen elend in der Tiefe verkommen, in die sie der über sie hinwegjagcndc Zug der Mitstrebendcn unbarmherzig hineinstieß. Welche„Richtungen" und„ Stile" haben wir in den letzten. zehn Jahren in jeder Kunst schon erlebt! Naturalismus und Sym bolismus bei unsren Dichtern, krassesten Realismus und sentimental- romantischen Märchcnzauber bei unsren Dramatikern»nd Komödien- schreibeni, Sezession uei unsren Malern, Jugendstil und„Moder- nisinüs" im Kuilstgetoerbe, und schließlich welche Wandlungen bei unsren Romanschreibcrn, bei Literaten und Belletristen. Von den minutiösesten Beschreibungen der geringfügigsten Acußerlichkeiten. deren Erzeugnisse man dann Milienkunsiwerke nennt, bis zur physio- logisch-pathologiscven Zergliederung nnd Zerfasern ng der innersten und geheimnisvollsten Seelenzustände. Nichts wurde uns erspart. nicht die letzte LiebcSrascrei der Vollreifen Frau, noch die hysterisch- sentimentalen Thorhesten unreifer, halb naiver, halb verdorbener Backsische, die als höchste Offenbarungen der Wcibesseele aus- geschrieen werde». Wir haben staunend vor den ersten modernen. sezessionistischen Bildern gestanden nnd mit redlichem Bemühen zu ergründen versucht, ob lvir auf ihren violetten, schwefelgelben oder giftgrünen Hintergründen eine fabelhafte Mccrfrau oder ein Bauern- haus oder ein Snllleben erkennen sollten. Und wir haben uns teils mitreißen, teils mitschleppen lassen durch alle Phasen der Wieder gcburt,— pardon der Renaissance des Kunstgewerbes, das sich aus den Banden gedankenloser Raclsässung und kunstwidrigen Gebrauches des Matcrialeö„durchgerungen" har zn der heutigeii Verwirklichung des höchsten Grundsatzes von der zweckmäßigen Schönheit nnd schönen Zweckmäßigkeit. Wir sehen staunend und zweifelnd, wie heute dieser Grundsatz verwirklicht wird, wie eine gewisse Richtung die nackte Sezessionsfrau geradezu zum einzigen Motiv ihrer Produtte macht, wie auf Aschenbechern, Tintenfässern und ähnlichen Geräten des Ge- brauchs diese Frau weder zweckmäßig, noch schön sich breit macht. respektive sich breit machen würde, wenn ihre völlig unmögliche, aber „stilvolle" Schlankheit ihr dies erlaubte. Ein typisches Beispiel dieser flutenden, brausenden, alles überströmenden Schnellentwickelung war die Uebcrbrcttelcil Ein lieber- brctll zunächst l Nach vier Wochen schon Dutzende. Die ganze Menschheit schien von der Ueberbrettlsemye befallen. Namhafte Künstler schufen für das Brettl, und die Menge drängte gaffend. beifalltlatschend, staunend Hinz». Dann bemächtigte sich der blödeste Titettantismus der breiten Masse des Brettl und machte es UN- erträglich. Die Cchnelligkeitsraserci. der Zeiiwahnsinn ist über die. Ucbcrbrcttl hinweggcbranst, hat einen— vielleicht, ja sicherlich viel- versprechenden— Keim zertreten, weil niemand, weder der Künstler. noch der Schauende Zeit hatte, haben wollte, diesen Keim naturgemäß wachsen, ausreisen zu lassen! Daß der nur Zuschauende durch diese nnaiifhörliche, betäubende, verwirrende Anseinanderfolge von Geschehnissen völlig abgestumpsc ivird nnd mehr nnd mehr jede ruhige Ueberlegenheit verliert, ist sicher. Er Ivird entweder mitgerissen in den kreisenden Strudel, angesteckt von der Zeitkrankheit und jagt und hastet dann mit in dem Tauinel. oder er zieht sich angewidert und erschreckt völlig zurück und verzichtet auf jedes nähere Eindringen in die Begriffe nnd Werke„moderner"' Kunst. Es sind nicht die schlechtesten, die da abseits stehen. Sie haben sich freilich im Kampfe gegen die ihnen widerwärtigen Erscheinungen verbittert und schütten nun das Kind mit dem Bade ans. indem sie alle und jede moderne Produktion perhorreSzieren. Aber man kann ihnen nicht so unrecht geben: die Spreu vom Weizen zu sondern, ist heutzutage eine so mühselige und zeitraubende Arbeit, daß nur jene sich ihr unterziehen können, die dazu viel, viel Zeit und Lust auf- zuwenden haben. Wie unendlich verheerend aber dieser SchnelligleitSwahnsinn auf die Künstler selbst wirkt, dafür braucht man wohl!cine_ weiteren Belege beizubringen. In einer großen, unheimlich großen Zahl unsrcr Künstler ist der göttliche Trieb des Schaffens zu einer krank- hasten Sucht nach schnellem Ruhm geworden, der sie unablässig treibt. auf seltsam verschlungene» Jrrvfaden mit Auswand aller Körper- und Geisteskräfte dem so heiß ersehnten Gipfel zuzustreben. Blicken wir um uns, so sehen wir überall dasselbe lief betrübende Schauspiel. Planlos Irrende, Hastende, Suchende. Gewiß, die Seele aller Kunst ist da» Suchen, das Streben nach dem Höchsten. Aber es ist ein großer Unterschied, ob man der Sonne zustrebt, der allbelebcnden. allerleuchtenden, die man zuerst vom Gipfel des höchsten Berges er- schaut, oder ob man einem tanzenden Irrlicht über Moor und Sümpfe nachhastet. Stille?, unentwegtes Schaffen nnd Streben nach dem rechten Jjiele aus dem rechte» Wege gilt heutzutage als veraltet, als ein Zeichen geistiger Verdummung. Das„Verstehen der Zeit" ist ein Schlagwort geworden, lind dies Verstehen der Zeit treibt unsre Schaffenden zum„Schaffen für die Zeit". Nur Neues. Originelles schaffen I Nur nicht auf Wegen wandeln, die uns schon einer voran-- gegangen iftl Nur durch unerhörte Mittel unerhörte Wirkungen hervorbringe»! tlnd so zermürben sie ihre Kunst, ihre Kraft und ihr Köimcn an dem unfruchtbaren und undankbaren Bestreben, ihren Zeitgenossen, der nervösen, durchs Leben hastenden, drängenden Menge, die durch Tausend sich folgende Reizungen völlig blasiert ist, ein mehr als flüchtiges, vages Interesse abzugewinnen. Wie wenigen von ihnen das gelingt, wissen wir alle. Von den mit so viel Geschrei vor fünf, vor zwei, vor einem Jahr auf den Schild gehobenen Erzeugnissen dieser Bedauernstoertcn ist kaum eine Erinnerung in uns geblieben. Mm» könnte Tutzende von Namen nennen, deren Träger einen kurzen Ruhm mit dem tiefsten Sturz bezahlen mußten. Einmal gelang ihnen etwas noch nie TagewefeneS. Nun erwartet man stets das Unerhörte von ihnen, und da sie es nicht zu geben vermögen, müssen sie versinken. Wenn dies eine gros; gewesen wäre, so hätten sie ja genug gelebt, genug gcthan. Aber wo ist das Grosse in unsre» Tagen? Da ist nur das Bizarre, das raffiniert Erklügelte, das ungesund Originelle. Und findet sich zwischen all diesen Ausgeburten einer kranken Zeit einmal wirklich ein gesundes, starkes und grosses Können, so ivird in einer wiederum völlig ungesunden Lust am Kontrast die Masse vlöhlich von einer Art Taumel ergriffen, indem sie sich nun auf dies Werk eines solchen Glücklich-Unglücklichen gleichsam stürzt, es bejubelt, es zu einem Wunder niacht, den Urheber verwirrt und betäubt, die höchsten Hoffnungen in ihm und auf ihn erweckt, um in einer nächsten Laune achtlos an ihm vorüber zn gehe». lind so ist es gekommen, das; wir in langen Jahren spcciell unter uiisreu neuen Künstlern so wenig echte, gesunde Naturen nennen können, die unentwegt und unbetümmert um den Hexensabbat um sie, ihren klaren und lichten Weg zum Gipfel gefunden haben, das ist der traurigste Belvcis für imsrc schlimmste, verderblichste und ver- hccrendste Zeitkran khcit.— Louise S ch u l z c- B r n ck. Kleines f eullleton* ie. Erdbelsenerfahrungen tu Guatemala. Edwin Rockstroh Hai der Wochenschrift„Natnre" ein Schreiben gesandt, loorin er sich ziemlich ausführlich über den Verlauf und die Folgen der Erdvebcn in Guatemala ausgesprochen hat. Die Mitteilungen dieses Sach- verständigen und Augenzeugen sind namentlich deshalb beachteits- wert, weil sie einen Einblick in die Entwicklung der donigen Naturerscheinungen gewähren. Das erste schwere Erdbeben dieser Periode in Mitielamerika ereignete sich vor Jahresfrist am 16. Januar 1i)62 im südwestlichen Mcriko und führte zur Zerstörung von Chipalzingo, der Hauptstadt des Staates Euerrero. Nur zwei Tage darauf trat ein starker Erdstoß auf der pacififchcn Seite voit Mexiko und Guatemala ei», der mehrere grosse Pflanzungen in der Umgebung der One Mazatcuango und San Marcos vernichtete. Die Er schüttcrung wurde an der gesamten pacifischen Küste von Guatemaln und Soconusco verspürt, jedoch hat jich nicht ermitteln lassen, lvie weit sie nach dem Innern bemcrtbar war. Der Stoß kam von Südsüdwest. Damit war scheinbar das Signal für eine Erdbeben- epoche gegeben, die noch nicht ihren Abschluß gefunden hat. Nachdem eine grosse Zahl örtlicher Erschütterungen in Guatemala sich ereignet hatte, brach am 13. April wieder ein äusserst heftiges Erdbeben über das Gebiet herein, das diesmal von Nicaragua bis zur Stadt Mexiko über die ganze Ausdehnung der Provinz Chiapas, der Re- publik Guatemala, sowie von Brinsch-Honduras und einen grossen Teil des spanischen Honduras sich ausbreitete. Damals geschahen die ersten heillosen Beschädigungen an den zahlreichen Kaffeeplanragen i» Guatemala, namentlich durch ungeheure Erdruischungen und die dadurch bedingten Ucberschwcmmungen ver aufgestauten Flüsse. Der Verlust an Kaffeebäumen wurde nach Hunderttausenden bemessen, derjenige an Menschenleben betrug 33Z. Wiederum kam der Erdstoß von Südsüdwest und dauerte über 66 Sekunden. Vom 13. April trat wieder eine Zeit verhältnismässiger Ruhe ein, die jedoch immerhin von einer grossen Zahl kleinerer Erdstöße von kurzer Dauer und beschränkter Ausdehnung ausgefüllt wurde. Am 23. September erschütterte dann ein neues Erdbeben wieder das ganze bezeichnete Gebiet, that aber verhältnismässig wenig schade». In der Stadt Guatemala wäbrte der Stoß 63 Sekunden, eine für ein solches Naturereignis entsetzlich lange Zeit. Ten Aus- gangspiinkt der grosse» Erdbebe» vom 16. Januar, 13. April und 23. September sucht Rockstroh im Pacifischen Oceau. Einen Finger- zeig bietet die Thatsache, das; das Kabel zwischen de» Häsen San Jose in Guatemala und Salin» Cruz in Mexuo infolge des Erdbebens zerrissen Ivurde. Die örtlichen Erdbeben kamen aus ver- schiedenen Richtungen. Unterirdische Geräusche wurden oft gehört. Um die Berichte von drohenden Ausbrüchen des höchsten mittel- amerikaitischen Vulkans Tnjumulco(121«) Meter) zu prüfen, führte Rockstroh im Juni eine Besteigung und Umgehung des Berges aus» fand ihn aber durchaus ruhig. Auch die heißen Quellen in der Nähe der gleichnamigen Stadt befanden sich fast in derselben Beschaffenheit, wie der Forscher sie 1383 gesehen hatte. Ebenso schienen sich die Befürchtungen bezüglich des 3763 Meter hohen Vulkans vo» Santa Maria als unbegründet herauszustellen, auf dem überhaupt teiue Spur von einem Krater mehr zu finden war und der schon so lange- unthätig gewesen ist, wie die geschichtliche Ueberlieferung zurückreicht. Es ist aber ein rechter Beweis dafür, wie wenig man solchen angeblich erloschenen Vulkanen trauen darf, das; sich gerade am Südwestfuss des Santa Maria jener vulkanische Ausbruch er- eignete, der die berühmtesten Kaffeeplantagen Guatemalas fast völlig vernichtete. Voit der Katastrophe deS 21.— 23. Oktober entwirft Nockstroh eine genauere Schilderung. Kurz nach Mitternacht kündeten heftige Detonationen in der Gegend von El Palmar in einer Meereshöhc von etwa 1800 Meter den Beginn der vulkanischen Thätigkcit an. Das Geräusch der Explosioiien lvar bis zur Hauptstadt von Salvador vernehmlich, ausserdem über einen grossen Teil der mexikanischen Provinz Chiapas und des spanischen Honduras. Rockstroh erwachte davon, obgleich er sich etwa 150 Kilometer in gerader Linie vom Vulkan entfernt aufhielt. Gegen Morgen wiederholten sich die kanoiienschussähnlichen Geräusche noch lauter, aber in grösseren Zwischenräumen; die Pansen wurden durch ein fast beständiges dumpfes Grollen ausgefüllt. Das Geräusch hörte um VA Uhr nach- mittags völlig ans, begann aber um 6 Uhr wieder und dauerte bis� gegen Mitternacht. Noch an den folgenden drei Tagen wurden in verschiedenen Zcitabständcn Detonationen gehört. Ter vulkanische Ausbruch begann mit Ausstreuungen ungchcurex Massen voit Asche. Sand und Bimsstein. Ter vorherrschende Nordostwind breitete das leichtere Material in einer dichten Wolke nach Südwest und West an?, so daß in dem Ort Tapazaltnla aus mexikanischem Gebiet der Himmel für mehr als-18 Stunden völlig verdunkelt wurde. Asche, Tand und kleine Steine fielen in Menge über einem grossen Gebiet, zertrümmerten die Häuser, begruben die Vegetation und töteten eine grosse Zahl von Menschen. In der Stadt Qnezaltcnango brach eilte entsetzliche Panik aus, und Tansende flüchteten, obgleich der Aschenfall nicht sehr gefährlich war. Heftige Regen hatten nebst den Aschenmassen die Flüsse gestaut, so das; fast alle Brücken fortgerissen waren. Tic Arbeiter, meist Indianer ans den hochgelegenen Ort schastcn, liefen fort, wurden aber zum grossen Teil von der fallenden Asche vernichtet oder ertranken in den Flüssen. Die dein neurn Krater zunächst gelegenen Pflanzimgen ivurden 5 bis 10 Meter hoch von Asche und Steinen bedeckt. Auch in grösseren Abständen war der angerichtete Schaden noch sehr gross. Die diesjährige Kaffec-Ernte gilt alS völlig verloren, und es wird schwer halten, Arbeiter für die Ausräumung zti gewinnen, durch die das gerettet werden könnte, was noch zu retten ist.— Erziehung und Unterricht. X. Der Dortrag über„D a s K i n d n l S B e o b a ch t e r II n c Zeichner", den Dr. Pappenheim am Montagabend im Bürgersaale des Rathauses hielt, ivar hauptsächlich interessant durch die zahl- reichen Lichtbilder- Produktionen von Zeichnungen, die zlinder ver- schiedencr Jahrcstlassen angefertigt haben. In bunter Mannigfaltig- feit werden kindliche Darstellungen von Menschen, Tieren und Teenen wiedergegeben, die teils in der Kinderstube und dem K inder- garten, teils int Siaturktutde- Unterricht an den nnteren Klassen einer Berliner höheren Lehranstalt entstanden sind. Da bekam man Abbilder von Menschen in allen verschiedenen Stadien der kindlichen AuffassnngS- und TarsteUtingögabe zu sehen: vom Menschen des zweijährigen, der nur ans'»köpf ttnd Beinen besieht, bis zu dem des siebenjährigen, der schon einen recht enttviclellen Rumpf mir punktförmigen Knöpfen zeigt; eine gleichaltrige zeichnende Evas- tochtcr wendet dem Putz ihres Sujets besonders liebevolle Sorgsalt zu: die Puffärmel, die vor einer Anzahl Jahren Mode waren, sind deutlich zu erkennen. Sehr ulkig lvar ein grosser Teil der kindlichen Zeichnungen von Pferden, Hasen, Elefanten und andren Tieren. Da konnte man Pferde sehen, die mit einem Floh frappante Aehnlichkcit hatten, Hasen mit Ohren von der Länge deS ganzen Körpers, Elefanten, die aufs täuschendste einem früher von dem jugendlichen Künstler virtuos gezeichneten Wildschwein glichen, und dergleichen Sachen mehr. Wer Sinn für Komik hatte, kam bei dem von der Vereinigung„Tie Kunst im Leben des Kindes" dcraustalteten Vor- trag vollauf auf seine Rechnung.— Völkerkunde. st. Eine Erklärung für das Geheimnis des Feuer tanze s. Die merkwürdigen Cercinonien des Feuerianzes. die in Japan, Indien, auf den Fidschi-Jnseln und in andren Ländern. des fertteit Ostens in Ucbung sind, haben schon oft die Aufmcrisam- kcii der Forscher ans sich gclcntt, ohne daß es jedoch möglich gewesen wäre, eine völlig genügende Erklärung zu geben. Durch einen Zufall glaubt Dr. Robert Fulion aus Neu-Teeland jetzt das Gc hcimnis entdeckt zu haben. Das Feuerlausett ivurde ans der Jitsel. Benga bei Suva(Fidschi- Inseln) von Mitgliedern des Ngn Ngalita-Stammes ausgeführt, die alle in dem Rufe stehen, den Hitze besonders widerstehen zu können. Inmitten eines freien Raumes in einem Kokospalmenhain lvar eine kreisrunde Grube voit etwa 26 Fuss Durchmesser und 2 Fuss Tiefe gegraben, und die Erde aus der Milte war rundherum anfgehäuft. Von der Mitte ausgehend waren Pfähle hingelegt; dann hatte man trockene Palmzweige darauf gelegt und Brennholz darauf geschichtet. Schliesslich wurden grosse Steine darauf gchätift, bis die ganze Schicht mehrere Fuss hoch war. Das Feuer wurde etwa 18 Stunden vor der Ceremoine angezündet und mit frischem Holzvorrat unterhalten. Schliesslich glühte die ganze Masse ln Weisshitze. es war nicht angenehm mtd auch gefährlich, nur einige Fuss davon entsertu zu stehen, da grosse Trcin- splitter tnnherflogen. Als die Stunde der Schaustellting nahte, brachten die Eingeborenen 26 Fuss hohe, grüne, junge Bärme, grüne Zweige und massenhaft grüne Reben von großer Länge und bcträcfü- liehet Dicke. Dr. Fulton berichtet nun weiter:„Das Feuer sinkt jetzt, und gelegentlich tropft ein großer Stein durch. ES raucht wenig. aber die Steine glühen ordentlich. Jetzt schließen die Arbeiter ab. Die kleineren Reben werden in Schlingen an das Ende der langen Bäume befestigt. Die noch nicht verbrannten Klötze werden mit lautem Gesang herausgezogen, bis keine mehr bleiben. Die Enden der jungen Bäume brechen unaufhörlich in Flammen aus, wenn sie die Steine berühren. Schließlich scheint nichts in der Grube gc- blieben zu sein als Steine, und einige sind von der großen Hitze zu Stücken zersplittert. Jetzt ist alles für das große Finale bereit. Die Arbeiter treten zurück. Einer der Leute, die über das Feuer laufen sollen, läßt sich von Dr. Smith und mir untersuchen. Wir können an den Füßen des Mannes äußerlich nichts Ungewöhnliches entdecken. Die Häuptlinge gebieten Ruhe und Stille senkt sich auf den Sckiauplah. Plötzlich brechen die versammelten Eingeborenen in lautes Geschrei au-?, als zehn phantastisch gekleidete Fidschis ficht- bar werden. Ohne Zögern oder Eile treten sie auf die Steine und gehen um die Grube, wozu sie zehn bis fünfzehn Sekunden brauchen. Sic schreiten schnell und in einem Augenblick werden große Massen grüner Blätter auf die Mitte geworfen. Die Feucrläufcr stürzen zurück und drücken die Blätter mit Händen und Füßen nieder. Der auS den Blättern steigende Dampf hüllt sie in eine Wolke.. Körbe mit Nahrung werden hercingcrcicln und immer mehr grüne Blätter werden darüber gehäuft, bis ein Hügel gemacht ist. Darin bleiben die Fenerläufcr einige Minuten." Ter Mann, den Dr. Smith und Dr. Fulton vor dem Feuer- tanze geprüft hatten, tvar ein gut gebauter Mann, mit einem Pul? etwas über 00, dessen Hände und Füße kühler als der übrige Körper waren. Die Füße waren rein und geruchlos, und kein Präparat konnte an ihnen entdeckt werden. Die Sohlen waren gclblich-wciß, glatt, biegsam und weich Ivie Zicgcnledcr. Ter Mann trug einen Unterrock aus trockener Eibischrinde und Blumcnrohrblättern und kleine Fußspangen aus trockenem Farnkraut. Jeder Mann hielt beim Gehen die Augen auf die Steine gerichtet. Einer wurde nachher untersucht;'sein Puls war 120, die Sohlen schienen kühl, wenn nicht kalt, aber wenn man mit der Hand an dem Bein hinauftastete, tvar ein ausgesprochener Temperaturunterschied bemerkbar; auf der Wade tvar die Temperatur wie die eines Mannes mit hohem Fieber. Die Pflanzcnklcidung war nicht angesengt, auch nicht die Farnkraut-Fuß- spangen und die kurzen, schwarzen krausen Haare auf den Beinen. Glcicv nach der Ceremonic ging Dr. Fulton an den Rand der Grube und berührte tvcnigc Steine mit den Füßen. Er stand ein oder zwei Sekunden darauf, ohne daß seine Stiefel gebräunt wurden, obgleich sie augenscheinlich zu heiß zum Anfassen tvarcn. Er bat einen Eingeborenen aus Suva, der nicht zu den Fcucrläufern gc- hörte, ihm einen Stein zu holen, und dieser bewegte sich mit bloßen Füßen auf den heißen Steinen und nahm einen Stein aus dem Haufen, aber er war zu heiß, um in der Hand gehalten zu werden. Dr. Fulton sucht das Rätsel nun folgendermaßen zu erklären: Die Anordnungen für das Erhitzen waren eigenartig; wenn man nur glühcndrote Steine hätte haben wollen, würe es leichter gewesen, flache Steine in die Grube zu legen und ein großes Feuer darüber zu unterhalten. Man brauchte aber 48 Stunden, die Steine„gc- eignet" zu machen. Sic kühlten sich auch sehr langsam ab. Die- selben Steine werden nie zweimal gebraucht. Sie werden all- mählich erhitzt, bis sie durch die Expansion des enthaltenden Wassers sich spalten und dann mit der gebrochenen Seite nach oben angeordnet. Der geprüfte Stein tvar ein gewöhnlicher Augit-Andesm, ein äußerst schwacher Wärmeleiter. Die Bruch- oder Innenseite des Steines hat also nicht annähernd die Hitze, die man erwarten sollte, und wegen der langsamen Wärmestrahlung wird der Fuß daher nicht verbrannt. Iveim er eine Sekunde oder weniger mit dem Stein in Berührung kommt. Der Fuß ist natürlich kalt oder künst- lich gekühlt. Es ist aber eine bekannre Thatsachc, daß man mit kalten Füßen bis zu einer Minute Hitze von einem Feuer ertragen kann, das bei gewöhnlicher Fußtcmpcratur nicht fünf Sekunden lang er- 'räglich wäre.— Technisches. gr. Maschine zum Straßen reinigen. Im Straßen- reinigungSwcsen haben bisher maschinelle Vorrichtungen, wenn man von den Fcgewagcn mit den rotierenden Bürsten und den Spreng- wagen absieht, keine größere Anwendung gefunden und die Haupt- arbeit muß daher durch Mcuschenkräfrc bewirkt werden. Da vcr- dient nun eine selbftthätig arbeitende Straßcnrcinigungs- Maschine Beachtung, die gleichzeitig das Besprengen, Kehren und Ausladen des Straßciiunraicö bewirkt. Diese neue Stroßenrcinigungs-Maschinc besteht au? einem vierrädrigen Sprengwagen, der hinten zwei rotierende Bürsten und eine clcvatorförmige Vorrichtung zum Auf- nehmen des Schmutzes trägt; außerdem führt die Maschine als Anhänger eine» Llehrwagen zur Aufnahme dc-Z fort- gefegten StraßenunratcS init sich. Zur Bedienung dieser Vor- rcchtung, die von zwei Pferden gezogen oder auch als Automobil- wagen ausgebildet wird, genügt ein Mann, der, vorn auf dem Bock sitzend, mittels Stellspindel die runden Besen zur Arbeit so weit herunterschraubt, daß sie den Schmutz vom Straßcnboden fort- nehmen. Sind die Befenivalzen so weit heruntergeschraubt, so ist gleichzeitig der AusrückeniechaniSmuS der Hauptachse in die Arbeits- slellung gebracht, so daß die Maschine bei ihrem Borwärtstransport arbeitet. Die beiden rotierenden Walzcnbescn bilden einen offenen' Verantwortlicher Reixrtleur: Earl Leid in Verlin.~ Winkel, so daß der gesamte Schmutz, nach der Mitte der Maschine hin, durch die beiden rotierende« Besen gefegt und auf einen hier vorgesehenen Schieber gclvorfcn tvird. Die in dem erwähnten Elevator auf- und niedergehenden Becher nehmen den Kehrricht von dem Schieber fort und befördern ihn nach oben. Der schräg nngcord- ncte Elevator ist nach allen Seiten hin verschlossen und trägt am obersten Punkt einen nach hinten gerichteten AuSlauftrichter, Ivelcher in den Anhängctvagcn zur Aufnahme des Straßcnschmutzcs mündet. Der von den Beckern hochgenommene Kehricht fällt beim Beginn des Niederganges in den eben erwähnten geneigten AuSlauftrichter und gelangt so in den Anhängcwagcn. Hat die Maschine einen solchen Wagen gestillt, so braucht er nur abgekuppelt und durch einen neuen ersetzt zu werden. Um beim Kehren jede Stanbbildung nack Möglichkeit zu vermeiden, ist diese automatische Straßcnrcinigungs- Maschine- vorn als Sprengwagen ausgebildet, so J)ah man bei trockenen Straßen für die nötige Anferichtting des Straßcnkehrichts in der Weise sorgen kann, daß vorn die Sprcngvorrichtung arbeitet, während hinten die Maschine den eben befeuchteten Schmutz zu- sammenfegt und fortschafft. Bei nassen Straßen wird nattirlich die Sprengvorrichtung nicht in Thätigkcit gesetzt. Für die praktische Verwendung dieser StraßenreinigungSmaschinc haben verschiedene umfangreiche Versuche recht interessante Resultate geliefert. Bei der Verwendung der automatischen Vorrichtung auf Straßen und Chausseen hat sich gezeigt, daß sie gleichmäßig gut bei nassem wie bei trockenem Wetter zu arbeiten vermag; sie schafft auck> den Schmutz dann fort, wenn er, wie dieses auf wenig oder selten gereinigten Straßen k. der Fall zusein pflegt, in großenMcngcn vorhanden ist. Von Wichtigkeit für die Verwendung dieser Neuheit zu Straßen- reinigungszwecken ist auch die Thatsachc, daß sogar ziemlich große Steine anstandslos mit fortgcfcgt und von der Straße entfernt worden. Die Reinigung der Straßen mit dieser Maschine ist eine sehr eingehende und gleichmäßige, da die rotierenden Bürstcnivalzcn biegsame Achsen haben, so daß sie sich allen Hebungen und Sen- kluigen des Damines anpassen können und sogar den Schmutz aus Vertiefungen herauSzufegen vermögen. Tie auszuwechselnden Anhängelvagcn können natürlich verschieden groß gehalten sein, doch sind sie im Prineip so eingerichtet, daß der gc- wonnene Schmutz durch Oeffnung einer Klappe schnell entleert werden kann. Gegenüber den bisher im Straßcnreinigungs- Wesen benutzten Kehrmaschinen, die bekanntlich den Schmutz mir nach einer Stelle fegen, hat die hier in Frage stehende Maschine den großen Vorzug, daß sie den von ihr bc- sahrcncn Teil der Straße mit einem Male gründlicki reinigt. Wenn man crtvägt, daß der von den gewöhnlichen Kehrmaschinen zur Seite gefegte Unrat vom Winde und vom Verkehr teilweise wieder zerstreut ist, bevor er von den Angestellten der Straßenreinigung mittels Besen zu Haufen gefegt und mittels Schippen in die Abfuhrwagen befördert lvcrdcn kann, so wird man einsehen, daß die automatische Straßenreinigungsmaschine große hygienische Vorteile bietet. Auf- gestellte Berechnungen versuchen den Nachweis zu führen, daß sich die ReinigungSarbciten bei Anwendung der neuen Maschine gegenüber den blshcrigcn Verfahren um etwa 40 Proz. verbilligen.— Hmnoristisches. — Auch eine Auslegung. Mann(auf dem Wege zu einem Rendezvous):„JesscS, jetzt hätte ich beinahe vergessen, den Ehering in die Tasche zu stecken, und meine Frau rief mir nock, beim Abschiede zu:„Vergiß auch nicht, daß Du ver- heiratet b i st!"— — Kindermund. Bei GehennratS ist große Gesellschaft; der kleine Hans wird ausnahmsweise einmal hereingeholt. Beim Anblick der vielen dckollcttcrtcn Damen fragt er ganz erstaunt: „Sind das lauter Ammen, Mama?"— — Vorgcthan und n a ch b e d a ch t. Wirt zum Lamm (zum Maler, der ihm ein Gasthoffchild bringt):„Das soll ein Lamm sein? DaS ficht aus wie ein Schtvein." Maler:„Ich habe Ihnen ja gleich gesagt, Sie sollen Ihren Gasthof nicht eher benennen, ehe ich nicht das Schild fertig habe."— („Mcggcndorscr Blätter".) Notizen. — Die Erstaufführung des R i t t n e r scheu Schwanke? „ L o r c n z o de M e d i c i"' im B u n t c n T h c a t e r findet am 14. Februar statt.— — Die Moderne Bühne bringt am 15. Februar im Bunten Theater drei Einakter zur Aufführung:„Im Frühling" von Obstfelder,„Kain und Abel" von Helge Rode und„Der Traum eine? Herbstabcuds" von Gabriele d'Annunzio.— — Im Bunten Theater wird die Anfführnng von A n z c n- g r u b e r S„Die u m' k e h r t e Freit" vorbereitet. An- genommen ist ferner ein Einakter„ D' W e a n c r i n" von v. Stenglin.— —„D i c Amazone", eine Operette von Franz v. Blon, Text von M. Wulff und A. Stern, wird in der nächsten Saison im Magdeburger Wilhelm-Theater die Erstaufftihrung erleben.— — Der Bildhauer I o s e f v. Kopf ist im Alter von 75 Jahren in Rom gestorben.—_ Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u»d Verlagsanstalc Paul Singer iclio., Berlin SW.