Anterhaltungsblatt des Horwürls Nr. 23. Donnerstag, den 3. Februar. 1903 (Nachdruck verboten.) 25) Der JVIiiUcrbannes. Nomon ans der Eifel von Clara Viebig. ?lber Müllerhannes schlief nicht. Das Mühlrad ging Wieder um in seinem Hirn und der heutige Tag mit jedem einzelnen seiner Momente wirbelte mit vorüber. Das rauschte und sauste, das betäubte ihn so, daß er nicht Kraft genug hatte, die Augen aufzuschlagen. Wie war's doch gekommen?! Mühselig suchte er sich alle Einzelheiten zusammen. War er nicht bei Nacht noch zur Hebamme nach Maar- feldcn gerannt, und dann, weniges später, hinauf gen Mander- scheid gefahren? ja, ja I--- hei, wie die Pferde dahin- stürmten, daß ihre Hufe Funken schlugen auf dem felsigen Boden und Busch und Baum vorüberflogen wie Schatten! Unten lagen die Mühlen im Grunde. Rauch kräuselte sich schon aus ihren Schornsteinen und im Hof war schon Leben. Da wurden Säcke auf einen Wagen geladen, der Knecht rannte geschäftig hin und her, noch geschäftiger der Müller selbst. Die hatten wohl die ganze Ztacht gemahlen— die hatten was zu thun! Er hatte hinabgeblickt mit schmerzenden Augen hoch über den Fleißigen hing er im Chaischen am Absturz. Wie es gekomnien, ivußte er selber nicht— hatte er wilder auf die Gäule gehauen, daß die ohnehin zitternd erregten noch erregter wurden, hatten sie ge- scheut vor einem einsamen Ginslerbusch, vor einem Schatten, einein Bogel?! Sie rasten plötzlich die steilen Kehren lvciter, sie nahmen die Ecken zu scharf, ein Rad hing überm Abgrund— er peitschte und schrie— es machte sie noch toller, kein Halten mehr. Bon rechts nach links schlenkerte die Chaise ini Zickzack, puff— an diesen Baum rechts, puff — an jenen Chaussecstein links— kein Hören, kein Sehen,— die Ziegel wurden ihm aus der Hand gerissen, fort gings ohne Lenkung, toll über Stock und Stein, ein Rlrtf, ein Anprall, hoch in: Bogen war er vom Bock geflogen---- Und was dann gewesen, das wußte er nicht. Aber da hatte der Müller aus der oberen Mühle plötzlich bei ihm gestanden, als sei er vom Himmel gefallen. Und das war das Härteste— er mutzte sich aufhelfen lassen von dem. Allein konnte er nicht stehen. Aber er mußte zum Doktor, er mußte. Jesus Maria— die Frau— Jesus Maria, schon soviel Zeit verloren Die Zähne zusammenbeißend, hatte er den Ann des ailiwrn genommen. Und der hatte ihn geleitet und hatte die Pferde, die sie iveiter oben, zitternd, init Schaum bedeckt, fanden, die Trümmer des Chaischen hinter sich, beim Maul genommen und um Beistand geschrien, bis ein Hirt kam, der nicht weit davon Ziegen weidete. Nun standen die lahmen Brannen im Stall unten in der Weißen Mühle— oh! Die Liegende stöhnte. Das kam ihn am allerhärtesten an: Seine Pferde in dem Stall! Waren die nun auch dahin gegangen, wo sein Holz war, sein schönes Holz?! Und er mußte noch„danke" sagen. Nein, das konnte er nicht, nein, das that er nicht— nein, niemals 1 Und er raffte sich auf aus seiner Betäubung, ballte die Fäuste und reckte sie wie im zornigen Schwur empor.—„Ne, „danke" sagen ich nct,— ne, nie I" Jetzt knarrte die Thür, die Schmitzen Marie steckte den Kopf herein.„Müllerhannes, habt Ihr cweil ausgeschlafen?" Was— wer— wie— was wollte das Weib eigentlich hier? Er war sich im Augenblick nicht recht klar darüber. Aber dann fiel's ihm auf einmal schwer auf— die Frau, die Frau— die hatte er über seinem Zorn ganz vergessen! „Wat macht se, wie geht ihr't eiveil?" stotterte er hastig. Die Schmitzen ivinkte ihm.„Kommt cweil bei sie, mer hau et nu geschafft. Se hat als vielmals nach Euch ge- fragt!" Warum— warum gratulierte ihm die alte Hexe nicht? War ihm die auch feind oder fürchtete sie am End', er könnte sie nicht bezahlen? l Mißtrauisch suchte Hannes ihreü Blick. Warum wich sie dem seinen ans? Nun mochte sie— er brauchte ihre Freundlichkeit nicht, von keinem Menschen eine, nein! „En Jung?" fragte er nur noch kurz ängebundeu, hoch- fahrend. Sic nickte, und dann ging sie vor ihm her die Stiege hinauf. Es war so unendlich still. Das große Herz der Mühle draußen pochte nicht. Schon lange war's her, daß das gelebt, daß unter seinem Schlag Balken und Dielen und Wände be- ständig leise gezittert und ein Leben selbst im Leblosen war. Dem Mann ward's beklommen, als er die dunklen Stufen hinauftastete. Bor der Äammcrthür hielt er einen Augenblick und schöpfte Atem. Auch da drinnen war's so still. Das Kind greinte ja gar nicht, sonst»veincn doch die Neugeborenen?! Eben wollte er etwas sagen, da legte Schmitzens Marie den Finger auf die Lippen:„Pst!" Sie traten behutsam ein. So sehr sich auch Hannes mühte, sein Tritt blieb doch hart, aber die Frau vernahm ihn jetzt nicht. Sie war vor Erschöpfung eingeschlafen. Am Bett kauerte die Fränz ganz regungslos und starrte mit großen, erschrockenen Augen auf das Gesicht der Mutter. Auch der Mann erschrack— Herrjeh, war die blaß, weiß, wie das Leintuch! Auf den Zehen ging er zur Wiege— herrje, auch so blaß?! Er konnte ivohl nicht recht sehen? Ungeduldig wischte er an den Augen, rieb sie sich— seine Brille war ihm beim Sturz aus dem Wagen zerbrochen— was, was war denn das?! Die Schmitzen zog ihn am Aermel.„Pst, wat fällt Euch ein— net e so laut! Pst, se»veiß et noch net l" Und dann setzte sie gleichmütig hinzu, wie jemand, der das schon öfters erlebt:„Et is gleich gestorben— et war e klein Jungelche!" Der alte Matthes saß bei seinem Sohn: den verließ er jetzt nicht. In der guten Stube lag die Schwiegertochter auf der Bahre, und die Totenkerzen flackerten um sie. Es geht eine alte Sage, daß die Kinder, die noch nicht an der Mutterbrust getrunken, ihre Mutter sich nachziehen ins Grab. Frau Tina war ihrem Jungelchen nach kaum zwölf Stunden gefolgt. In der Nacht war sie fortgegangen, ganz still, der Müller schlief, die Fränz schlief auch die Schmitzen hatte im Stuhl genickt, kaum, daß sie des letzten Seufzers gewahr wurde. Man hatte der Sterbenden nicht mehr das brennende Licht vorgehalten, nicht mehr das Kruzifix zum Kusse reichen können, auch nicht mehr mit dem Benedictns- schellchen klingeln. Jetzt lag die Frau noch über der Erde, friedlich im Totenhemd, ihr wächsernes Püppchen im Arm: die Weiber aus dem Dorf hatten sich schon zwei Nächte versammelt, um bei Getränk die Leichenwacht zu halten. Durch die Mühle murmelten Sterbegebete.„Eine schöne Leich!" Aber Hannes traute sich nicht hinein zu ihr. Nun war's nur noch kurze Zeit, bis sie unter die Erde kam: Fränz lief schon draußen herum im staatsen schwarzen Kleid, das lockige Haar mit schwarzen Bändern dnrchslochten und spähte aus nach dem Trauergeleit. Ein Paar Wagen rasselten auf den Hof— der Alte berichtete es mit Stolz dem Sohn— da waren doch noch viele, die dem Mnllerhannes die Ehre anthaten! Aber die ansehn- lichsten Gäste kamen nicht herein ins Haus, sie blieben draußen beisammen und schnüffelten da umher, und die Großmutter, die in der Küche fürs Leichenmahl schaffte, mußte die Magd mit dem Präsentierbrett und den Gläsern hinausschicken, ihnen anzubieten. Wie lang noch, und der Herr Noldes würde kommen und der Chorknabe mit dem Kruzifix und die Schulkinder mit dem Lehrer. Schon fing das Glöckchen im Dorf an zu bimmeln, man hörte jetzt seinen blechernen Klang. Ter Alte crinahnte den Sohn: „Nu, komm, komm, Hannes, geh doch ehs erein bei dat Tina," Aber der große Mann verbarg den Kopf an der Schulter des Vaters wie ein furchtsames Kind. Er konnte nicht, nein, er konnte nicht--„Rühr mich net an!"— würde sie sich nicht aufrichten im Sarg und ihm das znschreien, wie dazumal?! Er beneidete seinen Alten. Ja, der ging nun noch einmal herein zur toten Schwiegertochter, strich ihr ruhig über die kalte Wange, blieb eine Weile neben ihr stehen und betete ein Vaterunser für die Ruh' der abgeschiedenen Seele« Der(BjcmaM lauerte am Thürspalt— sollte auch er hinein- gehn—'s war so friedlich still drinnen—?! Aber, nein, nein,---„Rühr' mich net an!"-- schcn fuhr er zurück und wankte zum Tisch, wieder zum alten Sitz, stemmte die Ellbogen auf den Kopf und mit den stierenden Blicken zwischen die Fäuste. So fand ihn der Alte. Ter schneuzte sich umständlich, und dann sagte er mit bedauerndem Kopfwiegen: „En gut' Frau, en lieb' Frau, wann se auch net e so viel Geld gehatt hatt, als wir gedacht hau. Fürwahr un enklich. Tu wars doch net besantelt, gel?" Er wartete, ob der Sohn etwas darauf sagen würde, aber der sagte nichts. Und so fuhr er fort in seiner Nachrede:„Ja, ja— ach Jesses, mer meint oft, mer könnt et Leben bald net mehr mantenoren. E so en artig Frau, nie is se frech geworden, immer e so still un geduldig. Ja, ja,— die hat eweil e so baldhimmeln gcniuszt"— er schneuzte sich wieder und legte dann dem Sohn die schrumplige Hand auf die Schulter:„Eweil muhte noch froh sein, Hannes, da se dat Jüngelche bei sich geholt hat— weit wollsto eweil machen met e so'eni deierlichm*) Wurm?!" Das Jungelchen— ach ja, das Jungelchen! Mit einem tiefen Stöhnen warf Müllerhannes beide Arme laug über den Tisch. Auf einen Sohn hatte er gehofft all die Jahre, und endlich war er gekommen, der Jung', er war geboren worden noch lebendig— die Hebamme hatte es ihm versichert— aber kaum daß ihn die Erdenluft berührt, hatte er auch schon zu atmen aufgehört. „Verflucht un vermaledeit? Dat Jungelche, dat Jungelche!" Es klang wie ein Aufschrei der Empörung, wie ein zorniges Fordern von der höchsten Gerechtigkeit. Müller- Hannes ballte die Fäuste— aber— da horch—„Rühr mich net an!"-- und er lieh, geschüttelt vom eisigen Schauer, den Kopf auf den Tisch fallen und brach in rauhes, ununter- drückbares Schluchzen aus.— Draußen rückte die Schuljugend an. Knaben und Mädchen— wassergestrählt— jetzt stellten sie sich vor der Hausthür auf, der Herr Lehrer und Kantor hob au: „Vater unser, o Domine!" Und die plärrenden Kinder- stimmen antworteten:. >,So singen wir alle Kyrie, Kyrie eleison." �— Ter blecherne Klang des Sterbeglöckleins mischte sich mit dein Gesang, dem Räuspern und Schurren der zahlreich er- fchiencnen Maarfelder, mit dem unverständlichen Gemurmel der Weiber, mit dem lauteren Beten der Männer. Schon hallten die schlurfenden Schritte der Träger im dunklen Mühlenflnr—„Komm, komm eweil, Hannes," mahnte der Vater. Ter Sohn erhob sich nicht, er lag wie gebrochen überm Tisch, schüttcrnd vor fassungslosem schluchzen. „Hannes, Hannes!" Da war nichts zu machen. Kopfschüttelnd eilte der Alte hinaus— es mußte doch wer da sein, die Leute zu empfangen. Unbemerkt und still war inzwischen der geistliche Herr zur Toten eingegangen. Der Priesterrock hing herab über derbe Bauernstiefel mit schlecht aufgesetzten Riestern, die Stola war verblichen, aber auf das vergilbte Schmutzig-Wciß des alten Chorhemds fiel das leuchtende Weiß der wider die Vor- fchrift lang gewordenen Haare. Arnoldus Cremer lächelte. Er wußte nichts von den Schrecken des Todes. Wie es der Herrgott macht, so ist es gut, das würde er auch dem Witmann sagen. Und ob Mann, ob Weib, ob Greis, ob Kind, ob getauft, ob ungetaust— hier dieses Kindchen im Arm der Mutter— war von keinem weihenden Wassertropfen noch berührt worden— die ewige Seligkeit ist allen bereitet.— Matthes sah vom FInr aus drinnen den geistlichen Herrn am Sarge stehen, unschlüssig betrachtete er den: ob er sich ihn zu Hilfe rief, seinen Hannes herauszuholen? Ach den—! Ein Zug fast von mitleidiger Geringschätzung glitt über das harte Äauerngesicht— der Noldes, ne, ne, mit dem lockte man keinen Hund vom Ofen. Ter imponierte keinem! Mitdcm rasselte noch ein verspätetes Chaischcn auf den Hof— wer kam da noch— wer— wer war's?! Der Alte traute seinen Augen nicht— war's möglich? Der Laufeld! Im Sturmschritt rannte er zu seinem Sohn zurück: „Hannes, den Laufeld, den Laufeld!" Der Witwer lag noch immer überm Tisch: aber nun beim Klang dieses Namens hob er den Kopf. Sein Gesicht in jäher Röte glühend, kehrte sich gegen den Alten. Armselig, bedaucrnslvert. «Ja, ja," versicherte der eifrig,„fürwahr un enklich! Wat sagste im, den Laufeld thut Dir die Ehr an!" „Den Laufeld— wat?!" Mit einem Ruck war Hannes auf den Beinen, er schwankte noch, aber nnn stand er schon fest. Mit der verkehrten Hand sich hart über die bethränten Wangen fahrend, wischte er jede Spur der heißen Tropfen weg. Tie Muskeln seines Gesichts, die in unbeschreiblicher Er- regung gezuckt, wurden straff. „Den Laufeld, sagste, den Laufeld?" Der kam und that ihm die Ehre an— haha, wer's glaubt?! Ja der— der kam ja wohl nur, sich an seinem Unglück zu letzen! Die matten Augen bekamen noch einmal Feuer— nein, weiden sollte sich der. heut' nicht— nein— noch war er der Millerhannes— noch war er nicht ganz unten! „Eweil gehn ich!" Tie Zähne aufeinander beißend, daß kein Laut mehr ihrem Gehege entfliehen konnte, sich aufreckend mit An- strengung allen Willens, die Bnist herauspressend, daß sie sich mächtig wölbte, schritt er hinaus. _ Und so schritt er auch hinter dem Sarg her, den Nacken steif, den Rücken gerad. Die Fränz führte er an der Hand, (Fortsetzung folgt.), (Nachdruck verboten.) Saudgeblale. EZ gilt als Regel, daß jeder Körper nur von einem andern angegriffen werden kann, welcher härter ist als er selbst. Im all- gemeinen scheint diese Regel zutreffend zu sein, denn wir bearbeiten das Holz mit eisernen oder stählernen Instrumenten und nicht umge- kehrt das Eisen mit hölzernen Werkzeugen. Aber diese Theorie ist doch nicht ganz zutreffend. Wäre sie zutreffend, dann könnte der uns bekannte härteste störpcr, der Diamant, wohl mit scharfen In- strumenten gespalten, mit schweren Gewichten zertrümmert, aber durch kein andres Material geschliffen werden. Thatsächlich wird aber der Diamant durch Diamantpulvcr, also durch ein Material von gleicher Härte, nicht nur geschliffen, sondern bis auf Hochglanz poliert. Unter Polieren verstehen wir ein sehr feines Schleifen und gleichzeitiges Glätten einer Oberfläche. Daß das Policren in der That nichts andres als ein sehr sorgfältiges Feinschleifen ist, geht aus der Gewichtsabnahme des polierten Körpers hervor. Sehr merk- würdig ist aber die Thatsachc, daß eine Politurflächc im allgemeinen nur dann erzielt werden kann, wenn das Policrmittel weicher als das Arbeitsstück ist, und zwar muß, um eine gute Politur zu er- zielen, die Härte des Poliermittels in einem bestimmten Verhältnis zur Härte des Arbeitsstückes stehen. Jedenfalls ist erwiesen, daß beim Policren der Körper nicht durch ein härteres, sondern durch ein gleich hartes oder weicheres Material angegriffen wird. Nun könnten wir leicht zu dem Schlüsse kommen, daß gerade nur zum Polieren eines harren Gegenstandes weichere Körper ge- eignet seien. Sic können aber auch umgekehrt zum Aufrauhen der polierten Oberfläche eines härteren Körpers Verwendung finden. Das gerade beweist uns die Anwendung des Sandgebläses. Im allgemeinen herrscht die Ansicht, daß ein Körper um so schwerer anzugreifen sei, je härter er ist. Die Anwendung des Sand- gebläfes zeigt uns aber, daß sich gerade sehr harte Körper leichter alö solche von bedeutend geringerer Härte angreifen lassen. Ja. die Thatsachc, daß das Sandstrahlgebläse weiche Körper schwerer an- greift, ist für die Technik von größter Bedeutung. Am treffendsten wird die eigenartige Wirkung des Sandstrahlgebläses bewiesen, wenn man die härtesten Edelsteine wie Diamant und Korund demselben aussetzt. Sic werden durch den gewöhnlichen Ouarzsand, welcher an Härte sich mit ihnen überhaupt nicht messen kann, sehr schnell und' sehr bedeutend angegriffen, so daß man geradezu von einem Anfressen sprechen könnte. Das Sandgcbläse, welches 1370 von Tilghman erfunden wurde, gehört zu den Strahlapparatcn, jenen mechanischen Vorrichtungen, deren Wirkung darauf beruht, daß Wasser, Luft oder Dampf, welche mir hoher Geschwindigkeit aus einer engen Düse austreten, einen Teil der in dem durchströmten Raum enthaltenen Luft oder Flüssigkeit mit fortreißen. Dadurch würde ein Vakuum entstehen, wenn nicht neue Lust oder Flüssigkeit hinzuträte. Beim Sandstrahlgebläse wird spcciell ein Dampsstrahl bezw. ein von einem rotierenden Gebläse erzeugter Luftstrom durch einen Strahlapparat getrieben, welcher zu- gleich den durch eine Rohrleitung zugeführten Sand ansaugt und mit bedeutender Geschwindigkeit gegen das Arbeitsstück schleudert, um so mattierend oder schleifend aus die Oberfläche desselben zu wirken, Bei andren Apparaten wird der Sand mit gleichem Erfolge durch ein Wurfrad gegen das Arbeitsstück geschleudert. Die erste Anwendung fand das Sandstrahlgebläse, um Fenster- schcibcn zu mattieren und Glasgegenstände mit matten Figuren auf glänzendem Grunde zu erzeugen. Das Mattieren der Fensterscheiben geschieht bekanntlich, um dieselben undurchsichtig zu machen, ohne die Lichtdurchlässigkeit zu beeinträchtigen. Das Verfahren wird also zum Beispiel bei tiefliegenden Fenstern angewendet, in welche Bor- übergehende hineinblicken könnten. In umfassendster Weise findet das Verfahren zum Dekorieren von Scheiben und Glasgegcnständen Anwendung, und zwar derart, daß man die Stellen, welche glänzend bleiben sollen, mit einem Anstrich oder einer Schablone deckt. Tilghman hatte nämlich die schon oben erwähnte Beobachtung gc- macht, das; weiche Körper unter Umständen durch das Sandstrahl- gebläse schwerer angegriffen werden als harte. Es genügt also, die Teile der Fensterscheibe, welche nach dem vorliegenden dekorativen Entwurf ihren Glanz bewahren sollten, mit einer dünnen Gummi- oder Gelatinelösung zu bestreichen. Dieser dünne Uebcrzug schützt die Scheiben an den betreffenden Stellen vollständig, denn zunächst werden nur die unbedeckten Stellen angegriffen, und sie erhalten den erwünschten Effekt, bevor noch das Sandstrahlgebläse den weichen Uebcrzug fortzuarbeitcn im stände ist. Vielfach werden auch Leder- schablonen verwendet, namentlich wenn eine ganze Reihe von Scheiben unter Verwendung derselben Schablonen behandelt werden soll. Man vermag aber nach dieser Methode sogar beliebig tiefe Gravierungen und selbst Durchbohrungen von dicken Glasplatten zu bewirken. Versuchen wir diese auffällige Wirkung der Sandgebläse zu er- klären I Wir müssen vor allen Dingen an die graste Sprödigkeit des Glases denken, welche dieses mit den harten Edelsteinen gemeinsam hat. Ter Sand wirkt nicht schleifend auf die Scheibe; jedes Sand- körnchen wirkt vielmehr infolge der grasten Gewalt, mit welcher es gegen die Scheibe geschleudert wird, wie ein ganz kleiner, scharfer Hammer, welcher von dem spröden Material ei» winziges Partikclchcn lossplittert. Je nachdem nun der Sand kürzere oder längere Zeit auf das Material einwirkt, wird der Eindruck einer oberflächlichen Actzung, einer tieferen Gravierung oder auch schlictzlich eine Durch- bohrung der Platte hervorgerufen. TaS Deckmatcrial ist aber nicht nur weich, sondern auch zähe; es fehlt ihm die Sprödigkeit des Glases. Infolgedessen kann die Deckschicht wohl auch durch die reibende, schneidende, schabende Wirkung des Sandes mit der Zeit verletzt oder weggearbeitet werden, doch geht dies nicht so schnell, weil das Material nicht losgesplittcrt wird. Das Verfahren ist auch zur Erzeugung mannigfacher farbiger Muster auf Ueberfanggläsern angewendet werden. Man verwendet für diesen Zweck Glasscheiben, welche auf beiden Seilen mit einer farbigen Schicht übcrfangcn sind, und entfernt stellenweise, je nach- dem es der Entwurf vorschreibt, durch Anwendung des Sandblas- Verfahrens die Ucbcrfangschichtcn. Wenn also z. B. eine lvcihe Scheibe auf der einen Seite mit einer roten Schicht, auf der andern mit einer grünen bedeckt ist, so erhält man durch das stellenweise Fortnehmen der einen oder andern Schicht vier Farbentönc, nämlich: 1. die wciste Grundfarbe, 2. Rot, 3. Grün und endlich die Mischfarbe von Rot und Grün, und zwar letztere an den Stellen, wo beide Ueberfangtöne stehen geblieben sind. Dast das Sandstrahlgebläse ebenso gut wie zur Dekoration von Glasflächen auch zur Dekoration von Steinflächen angewendet werden kann, mnst ohne weiteres einleuchten. Auch hier sind gerade harte und spröde Gesteine für diese Bearbeitung besonders geeignet. Man erzeugt bei poliertem Granit und Syenit matte Verzierungen und Schristflächcn, ein bei Grabsteinen heute besonders gebräuchliches Verfahren. Besondere Effekte werden dadurch erzeugt, dast man auf einem durch das Sandblasverfahren vertieften oder mattierten Felde glatte Buchstaben oder Ornamente stehen lästt, die sich scharf vom Grunde abheben. Im übrigen wendet mcm das Sandgcbläse auch zun? Durchbohren von Steinen an, und zwar besorgt dicfc Ar- beit der Apparat mit grostcr Korrektheit. Eine ganz eigenartige Anwendung des Sandgcbläses besteht in dem Schleifen von Feilen mittels desselben. Das Schärfen stumpf gewordener Feilen ist eine sehr mühselige Arbeit. Es besteht in dem neuen Aufhauen der Feilen, d. h. es werden alle Operationen wie bei neuen Feilen erforderlich, nur hat man beim Schärfen stumpfer Feilen den alten Hieb mit fortzunehmen. Man besorgt nun das Schärfen der Feilen, indem man das ganze Verfahren des Aus- glühens, Härtens und Schlcifcns mit Hilfe des Sandstrahl- gebläses umgeht. Der Sandstrahl trifft die mit Zähnen besetzte Fläche der Feile, schräg von der Angelseite herkommend. Der mechanische Vorgang ist nicht leicht zu erklären; vermutlich wirken die mit groster Gewalt durch die Rillen der Feile gehenden Sand- körnchen wie kleine Schleifsteine. Man hat dasselbe Verfahren sogar auf ganz neue Feilen angewendet, um die beim Hauen derselben entstehenden scharfen Grate wegzuarbeiten. Denn diese seinen Grate werden sofort bei Benutzung durch den Schlosser oder Metallarbeiter weggcstotzen, wodurch die schneidenden Kanten deformiert werden. Wenn aber das Sandstrahlgebläse den Grat gleichmästig fortnimmt, erhält der Jahn die Form eines eigentlichen Schneidezahnes, so dast die Wirkung der Feilen hierdurch wesentlich verbessert wird. Sehr nützlich hat sich das Sandgcbläse ferner zu niannigfachen Zwecken in der Eisenindustrie erwiesen. Es ist eine schwierige Auf- gäbe, komplizierte eiserne Guhstücke von dem anhaftenden Formsand zu befreien, da man mit den Instrumenten in die Winkel und Ecken schwer hineinkommt, um die Sache mit Sorgfalt durchführen zu können. Das Sandstrahlgebläse besorgt diese Arbeit so vortreftlich, dast heute in keiner grösteren modernen Giesterei derartige Vor- richtungen zum Putzen des Gusics fehlen. In der Emaillc-Jndustrie ist es von gröstter Wichtigkeit, dast diejenigen Flächen, welche den Emaillc-Ucbcrzug erhalten, eine absolut reine Metallfläche besitzen. Das Sandgebläsc erledigt diese Arbeit so vollkommen, dast es geradezu eine bedeutende Förderung der Eisen-Emaille-Jndustric bewirkt hat. Im Hoch- nud Tiefbau ist es von groster Wichtigkeit,- eiserne Konstruktionstcilc sorgfältig vom Rost zu reinigen, bevor man sie mit den, schützenden Anstrich bczw. mit der Umklcidung aus Mauer- Werk, Cemcntbcton usw. versieht. Namentlich für eiserne Brücken bildet der Rost eine ständige und grostc Gefahr, da er wichtige Kon- struktionsieile so bedeutend zu schlvächen vermag, dast Senkungen nud Einstürze zu befürchten sind. Tie sorgfältige Ueberwachung eiserner Brücken hat dazu geführt, den Rost vdn Zeit zu Zeit zu be- festigen und die Brücke mit neuem Anstrich zu versehen. Welch' eine umfangreiche und mühselige Arbeit ist es aber, eine graste eiserne- Brücke mit Stahldrahtbürste, Schmirgelpapier und sonstigen Werk- zeugen zu reinigen. Tie Amerikaner sind schon vor Jahren dazu über- gegangen, diese Arbeit mit Hilfe des Sandstrahlgebläses zu besorgen. Uebcrhaupt werden gröstcrc und kleinere Gegenstände heute auf diese Weise vom Rost befreit, und zwar befestigt man kleinere Gegenstände neben einander auf einer Holzplatte und lästt diese rotieren, Ivodurch das ganze Verfahren abgekürzt wird. Ich habe eben gesagt, dast namentlich harte Gegenstände zur Bearbeitung durch das Sandstrahlgebläse geeignet sind. Ganz zu- treffend ist das nicht; eine Rolle spielt auch die Struktur des Materials oder die beabsichtigte Wirkung. Wenn das Material von zäher, faseriger Beschaffenheit ist, so werden imturgemäst die weicheren Teile schneller angegriffen, als die härteren, den» in diesem Falle findet kein LoSsplittern von Material statt. Die Bearbeitung wird hier in einer schabenden Wirkung bestehen, und schliestlich kann ein ivcichcS Material durch die anfliegenden Sandkörnche» auch eingc- drückt werden. Darauf beruht z. B. die Flächendckoratwn von Hölzern. Es wird gleichsam die natürliche Faserung des Holzes in eine feine Reliefwirkung umgewandelt, indem die weicheren Teile zwischen den härteren Linien der Holzfasern ein wenig entfernt oder tiefer gelegt werden. Dadurch wird der Fläche ein sehr feiner Effekt verliehen, welcher nie durch eine billige Schnitzerei erreicht werden kann. Dieses Neliefholz-Verfahren, welches übrigens mancherlei Ausbildung gestattet, ist einer Düsseldorfer Firma patentiert worden. Wie beim Mattieren der Scheiben kann man nun auch polierte Hölzer derartig dekorieren, dast man einzelne Partien vor dem Angriff durch das Sandstrahlgebläse schützt und so Muster auf matten und polierte- Flächen erzeugt.— F r e d H o o d. Steines Feuilleton. — n. Einen Moderne» Tichter-Abend hatte am Dienstag d Neue Freie Volksbühne im Gcwcrkschaftshause veranstaltet. Zwei Dichterinnen und zwei Dichter kamen zu Wort; sie trugen ihre Sachen selbst vor. Anna Ritter machte mit verschiedenen, stimmungsvollen lyrischen Gedichte» den Anfang. Ihre sympathische Erscheinung, ihre feine, leider nicht sehr uinfangreiche Stimme, riefen fast nach jedem einzelnen Gedicht den Beifall hervor. Besonders ge- fielen„Nesthäkchen",«Gesang der Stille" und„Drei Kinder". Ter Lyrikerin folgte die Erzählerin: Clara Biebig las eine Novelle „Frühlingsschauer". Eine Geschichte aus der Nähstube. Maschinen- gerasscl, Plättdunst, Staub— und draustcn Frühling. In dieser dumpfen Arbeitsstube alte und junge Mädchen. Mädchen, die schon zwanzig Jahre lang, tagein, tagaus, die Maschine treten; ernste Mädchen, die schwer am Leben tragen, und leichtfertige Dinger, die nehmen, was die Stunde bringt. Unter allen diesen ein siebzehn- jähriges Lehrmädchen. Sie weist selbst nicht, was ihr ist; sie weist nur, dast sie hinaus möchte aus der Arbeitsstube in das Gcwogc auf den Strasten, ins Leben, in den Frühling... Und eines Abends gicbt sie dem inneren Wunsche nach: der Faulbaum duftet im Tier- garten, Liebespärchen auf verschwiegenen Wegen... das ist der Frühling. Ein Herr spricht sie an. Da packt sie die Angst. Angst? Wovor? Aber die Angst hält fest. Und sie läuft davon. Läuft, bis sie Menschen sieht, eilende, hastende Menschen, die die Schirme auf- spannen. Es regnet. Grohe, schwere Tropfen. Da kommen auch ihr die Thränen... Frühlingsschauer... Clara Viebig kann nicht nur gut erzählen, sondern auch gut vortragen. Sie versteht es, den einzelnen Typen ihrer Novelle Leben einzuhauchen, dast man sie leibhastig zu hören und zu sehen glaubt, Auch P a u l O s k a r H ö ck c r, der die Äadehumorcske„Der Prinz in Thcerbüll" vorlas, verdankte einen grohen Teil deS Beifalls seiner ganz vorzüglichen Rccitation. Der bankerotte spanische Prinz, der die. „deitsche Sprak" so furchtbar mihhandelte, der urmecklcnburgische Bürgermeister von Thcerbüll, das lustige Malertrio, der Oberkellner und die dicke Amme brachten die Zuhörer immer wieder zum Lachen, Zum Schlust lasRudolfPresbcr ein paar heitere Gedichte vor. Nur wenig Neues, die meisten standen bereits in den„Lustigen Blättern". Kleine Niedlichkeiten, die allgemein gefielen.— — Schularbeiten gegen Bezahlung. Prof. Dr. Uhlig bringt in der„Zeitschrift für das humanistische Gymnasium" nachfolgendes Schreiben, von dem er Kenntnis erhalten, zum Abdruck: Sehr geehrter Herr! Ihr wertes Schreiben vom 30. Oktober kam in meinen Besitz, und beantworte ich es umgehend. Zuerst die geschäftlichen Angelegenheiten. Das Honorar würde sich für dieses Thema als allgemeines oder sogenanntes freies Thema auf M. S,— zu stehen kommen. AuS Gcschäftsprincip mutz ich Sic bei Ihrem ersten werten Austrag bitten, den obigen Betrag vor Beginn der Ausarbeitung zu senden, wie ich überhaupt an dieser Art, unsre gc- schäftlichen Differenzen auszugleichen, auch bei weiteren Aufträgen festzuhalten bitten mutz, wenn Sic es wünschen, ferner mit mir unter Chiffre in Verbindung zu treten. Nennen Sie mir jedoch Ihren werten Namen und Adresse, so liestc sich auch wohl hierfür ein andrer Modus finden. Welchen von diesen beiden Wegen sie jedoch wählen Ivollen, ist mir persönlich gleichgültig, jedenfalls sichere ich Ihnen ber Nennung Ihres Namens vollste Diskretion zu. Zur Einschickung des Honorars bitte irf) inliegendes Formular zu benutzen, welches ich schon in der richtigen Weise ausgefüllt habe. Sofort nach Empfang des Honorars beginne ich mit der Ausarbeitung des Aufsatzes, welchen Sie dann nach 3— 4 Tagen unter Chiffre direkt in Ihre Wohnung erhalten. Sehr eilige Arbeiten würde ich schon in einem Tage er- ledigen. Honorar natürlich entsprechend höher berechnet. Bei weiteren Aufträgen könnte ich Ihnen, geehrter Herr, besondere Vor- zugspreise, d. h. eine Ermäßigung des Honorars für alle Arten von Aufsätzen von ca. 20 Prozent geben, wenn es Ihnen gelänge, mich in Ihrem Gymnasium einzuführen. Zu diesem Zwecke haben Sie nur nötig, mir die genauen Adressen— in Ihrer Klasse sollen Sie selbst- verständlich der Einzigste sein— einzusenden. Ich mache dann den betreffenden Herren Offerte, ohne Ihrer werten Quelle Erwähnung zu thun. In Betreff des Aufsatzes selbst erlaube ich mir nur noch einige Fragen: Besuchen Sie ein Gymnasium oder Realgymnasium? Tic Beantwortung ist wegen der Verwendung griechischer Citate von Wichtigkeit. Ferner wünschen Sie einen Aufsatz mit„Gut" censiert, oder genügt eS Ihnen, da Sie offenbar im Deutschen etwas schwach sind, mit einem„Genügend", oder wie es vielleicht bei Ihnen genannt wird,„Befriedigend" anzufangen? Nach jedem Aufsatz können Sie ja dann ein wenig besser werden. Und dann noch eins: Wünscht Ihr Herr Magister einen lebendigen schwungvollen Stil oder eine klare, nüchterne Auseinandersetzung? Als letzteres kommt in Betracht: Ist Einsendung der Disposition nötig? Trotz mehr als fünfjähriger Praxis ist es mir leider nicht möglich, Referenzen aufzugeben, da Ihre Herren Vorgänger in Bezug auf Diskretion dasselbe Recht in Anspruch nehmen wie Sie. geehrter Herr. Rückporto bitte ich nicht zu vergessen. Indem ich Ihnen für das Vertrauen, das Sie zu mir und meinem Können haben, bestens danke, zeichne in der Erwartung, baldigst von Ihnen eine feste Zusage zu bekommen Hochachtungsvoll X., Schriftsteller. Medizinisches. cn. Ein altes Mittel gegen frischen Schnupfen bringt Dr. Maximilian Sternbcrg im neuesten Heft der Monatsschrift „Die Krankenpflege" in Erinnerung. Der Katarrh wird im allgemeinen als eine unbedeutende Krankheit oder überhaupt nicht als solche betrachtet, und demzufolge ist auch die Vorsicht und Sorgsamkcit ver Behandlung eine geringe. Es ist aber dagegen zu bemerken, daß diese Klasse von Leiden sowohl durch ihre Unbequemlichkeit für den davon Befallenen als durch ihre Häufigkeit, als auch endlich durch ibrc Folgen, weit mehr Aufmerksamkeit verlangen darf. Im besonderen muß immer wieder darauf hingewiesen werde», daß ein Mensch im Znsland der sogenannten Erkältung weit empfindlicher für den An- griff andrer ansteckender Krankheiten ist, als in gesundem Zustand. Für die schnelle Beseitigung eines Katarrhs schlägt nun jenes alte Mittel gleichsam eine Austrocknung vor. Dr. Strrnberg hatte schon früher an sich beobachtet, daß ein Schnupfen heftiger wurde, wenn er Thee trank oder eine andre Flüssigkeit zu sich nahm. Er kam daher zu dem Entschluß, den Versuch zu mache», ob sich solche Ver- fchlimmerungen durch Vermeidung des Trinkens verhindern liehen. Vom Schnupfen befallen, nahm er L4 Stunden nicht einen Tropfen irgend einer Flüssigkeit zu sich, und wirtlich zeigte sich eine erhebliche Linderung des Leidens. Nach einem weiteren Tage gleicher Lebensweise war er vom Schnupfen befreit bis �ruf geringfügige qKach- Wirkungen. Vor allem aber stellte sich keine Steigerung des Katarrhs zum Husten und ähnlichen Begleiterscheinungen ein. Dieser Ein- fluß läßt sich sehr wohl erklären, indem die Entziehung der Flüssigkeit eine Abnahme in den Aussonderungen der Schleimhäute mit sich bringt und daher letztere weniger acrci.rt werden. Wesentlich ist für den Erfolg dieses Mittels, daß es im ersten Stadium der Erkältung angewandt wird. Tic Nahrung sollte während dieser Zeit aus Brot oder andre» festen Mehlspeisen mit etwas Butter, Gemüse, Weiß- fischen, leichter Fleischnahrung, Puddings und getrockneten Früchten bestehen. Ein wenig Thee oder Milch oder ein Weinglas voll Wasser zum Frühstück, Abendbrot und vor dem Schlafengehen ist allenfalls zu erlauben. Das Besch, an dieser Vorschrift ist, daß sie jeder ohne weiteres befolgen lau».— Aus dem Tierleben. SS. Die Verbreitung der Schmetterlinge. Streng genommen giebt es nicht eine einzige SchmctterlingSart, die über die ganze Erde verbreitet wäre. Einer aus der Familie der Tagfalter, der sogenannte Distelfalter(Vanessa cardui) ist fast tu allen Erdgebicten vertreten, wenigstens fehlt er nur in den Polar- ländern und in einem großen Teil von Südamerika. Die Be- Einigungen, von denen die Verbreitung der Schmetterlinge abhängig ist, zu untersuchen, ist eine fesselnde Aufgabe. Man könnte die Frage verschieden stellen: entweder nach den Ursachen, die der Verbreitung der Schmetterlinge über die ganze Erde hinderlich sind, oder nach denen, die ihre Fortpflanzung in den verschiedensten Erdgcbieten er- möglichen. Nach neueren Untersuchungen ist der Distclfaltcr eigentlich in Amerika heimisch, und da ist es gewiß merkwürdig, daß er gerade in diesem Erdteil die wesentlichste Beschränkung in seiner Verbreitung «rfahren hat. Da es in Südamerika ebenso gute und viele Disteln giebt wie in andren Ländern, kann der Grund nicht in einem Mangel an Nahrung für die Raupe des Schmetterlings liegen. Auch das dort herrschende Klima kann nicht das Hindernis bilden, da der Schmetterling in der alten Welt sowohl unter der tropischen Sonne wie unter der der gemüßigten Zone gedeiht. Den bedeutendsten Ein- Verantwortlicher Redakteur: Enrl Leid in Berlin.— Druck und Bering: fluß auf die Verbreitung der Insekten hat der Kampf ums Dasein. dessen Ausgang davon abhängig ist, wie viele und wie mächtige Feinde das betreffende Insekt in einem Lande antrifft. In der Heimat pflegen diese Verhältnisse immer am ungünstigsten zu liegen, weil sich dort auch die Feinde gleichsam auf diese» Kampf eingeübt haben. Kommt das Tier aber in ein andres Land, so hat es dort gewöhnlich freien Spielraum, weil andre Tiere sich höchstens allmählich daran gewöhnen, den Eindringling als Nahrungsmittel zu acceptiereir. Wichtig ist auch die Wirkung der menschlichen Kultur auf die Aus- breitung der Insekten. Sie hat im besonderen dazu geführt, die- jenigen Formen zu unterstützen, deren Raupen auf den von Menschen angebauten Pflanzen schmarotzen. So hat sich die Familie der Weiß- linge mit ihrem gemeinsten Vertreter, dem Kohlweißling, ursprünglich ein Kind des Orients, mit der Civilisation von Aegypten auS nach Griechenland, Italien, nach Gallien und schließlich über ganz Europa verbreitet, und IvaS durch sie für Schaden geschehen ist, weiß jeder, der ein Gärtchen oder ein paar Gemüsebeete besitzt. Aber auch das ganze Europa war für die Weißlinge noch zu klein. Sie benutztcir eine Gelegenheit, einen kleinen Trupp nach Amerika hinüber zu schicken, der sich dort so erschreckend vermehrte, daß heute der Kohl- Weißling drüben schon ebenso großen Unfug stiftet, wie bei uns. ES ist bemerkenswert, daß die Raupen dieser Falter nur Pflanzen fressen, die auf die gemäßigte Zone beschränkt sind, so daß ein Uebcrgreifen dieser Plage auf die tropischen Gebiete ausgeschlossen ist. Freilich muß eS auch noch andre, bisher geheimnisvoll gebliebene Einflüsse geben, von denen die Verbreitung der Schmetterlinge abhängig ist. denn sonst müßten diejenigen Arten, deren Raupen von Getreide und Gräsern leben, über die ganze Welt verbreitet sein, was be- kanntlich nicht der Fall ist.— Humoristisches. — Wahrscheinlich. Alter Professor:„Ich wollte ein Buch kaufen,— jetzt Hab' ich aber vergessen ivelcheS." Verkäuferin:„War's vielleicht ein Liebesbrief st eller, Herr Professor?— — N o v u m.„Vieles habe ich schon im Leben gesehen, aber eine Wasserhose mit'ncr Bügelfalte habe ich noch nicht gesehen!"— — Schmeichelhaft. Tourist:„Sie müssen sich doch hier eigentlich recht einsam fühlen!" Bergbewohner:„Einsam? Ach nein! Ich habe so manche Abwechslung. Neulich kain ein Hund vorüber, gestern ein Schwein und heute Sie!"— („Lustige Blätter.") Notizen. v. Die te u er st en Bücher der Welt. Eine früher ver- öffentlichte Liste der teuersten Bücher der Welt hat in der letzten Zeit wesentliche Aenderungen erfahren. Heute stellt sie sich»ach einer ftanzösischen Zeitschrift wie folgt: Der„Mainzer Psalter" von 1457 behauptet mit Ivb 000 M. die erste Stelle. Die„30 Zeilen- Bibel" von Gutenberg(1459) mit 00 000 M. und der„Dekamerone" von Boccaccio von 1471 mit 44 800 M. bleiben an zweiter und dritter Stelle. Aber„Shakespeares Werke", Originalansgabe von 1023, die für 24 000 M. verkauft, und die„Figures de Molieres" von Boucher, die auf 21 000 M. getvertet wurden, sind durch ein Exemplar der „Hirtengedichte von Daphnis und Chloe", griechische Ausgabe von Didot(1802) mit Originalzeichnungen von P. P. Proudhon und Görard, das für 30400 M. verkauft wurde, und durch ein Manuskript aus dem Ende des 15. Jahrhunderts„Das Gebetbuch der Jungfrau" (28 000 M.) verdrängt Ivorden.— — Maxi m G o r k i hat schon wieder ein neues Drama„Der Jude" vollendet. Das Stück wird im Moskauer Kleinen Theater erstmalig in Scene gehen.— — Robert Planq nettes letztes Werk„ M a in' eello quaf sous"(„Die Sparmamsell") wird als nächste Novität des Theaters des Westen»och in diesem Monat zur Erst- aussührung gelangen.— — Gesangsaufführungen von 1300 Berliner G e m e i» d e- S ch n l k i n d e r n werden am 1. und 8. März im CirkuS Busch stattfinden: die Proben haben bereits begonnen.— — Professor Ludwig Monzel wird die Leitung � deS akademischen Meisterateliers für Bildhauerei am 1. April über- nehmen. Vom Senat der Kunstakademie war Monzel an erster Stelle vorgeschlagen worden, an zweiter Stelle Professor F. Schapcr. an dritter Stelle Professor Adolf Briitt.— — Sven H e d i n wird am 9. Februar im wissenschaftlichen Theater der Urania einen Vorwag:„Drei Jahre im innersten Asien und Tibet" halten.— — Salz für Tauben. Den Tauben, die Eier oder Junge haben, ist zuweilen eine kleine Gabe Viehsalz an einem ihnen zu- gänglichen Orte zu streuen.— — E i n R i e s c n a n k e r wurde, nach dem„Prometheus", un« längst in den Werkstätten des Arsenals von Charleston(Südcarolina) geschmiedet. Er wiegt über 8 Tonnen und kostet 8000 M. Seine Gesamtlänge betrügt 4,58 Meter und seine Breite von einer Spitze zur andren 2,89 Meter. Die Kette, an der er hängt, ist über 500 Meter lang.—____ Vorwärts Buchdruckerei und Bcrlagsan statt Paul Singer es Co., Berlin SW.