Hlnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 26. Freitag, den 6. Februar. 1903 (Nachdruck verboten.) Der JMüllerhannes. Nonmn aus der Eifel von Clara Viebig. XV. Liegen bleiben sollte die Tina, so lange es ihr gefiel— das hatte Hannes dazumal gewollt: nun lag sie schon sehr lange. Zu lange. Wenn sie auch nicht viel hatte schaffen tonnen, geschafft hatte sie doch wenigstens nach Li rasten: nun war keine andre ordnende Hand in der Küche mehr. Die Magd war träge und gehörte nicht zu den Reinlichen: man schafft auch nicht gern, wenn einem nichts von allem zu eigen gehört. -Alle paar Wochen wechselte seht der Knecht— der Herr war unwirsch und schelten lassen will man sich doch mcht von einem, der selber nichts thut. Der erste Sommer nach dem Tode der Frau war ein schwüler gewesen. Unerträgliche Hitze hatte über der Thal- fchlucht gebrütet und das Maarbächelchen ausgetrocknet. Fische waren nicht mehr darin und unter den groszen Steinen hatten garstige Kröten anstatt der schön getupften Forellen Unter- schlupf gefunden. Auch die Klenie-Kyll war dürftig, und was noch an Wasser in ihr war, hielten die weißen Mühlen auf- gestaut. Dürr lagen die sonst stets feuchten Wiesen— von der ersten Mahd war kein Heu eingethan. Hannes hatte nnr die junge„Fuß"4) behalten können, seine andren beiden Kiibe verkaufen müssen. Niel zu billig. Das Feilschen und Drücken war eben nicht seine Sache, und überdies, wer verkaufen muß, inuß am Ende noch froh sein über jedes, was er bekonuut. Das für die Kühe erlöste Geld hatte zur ersten Anzahlung genügt für Frau TinaS Grabdenkmal. Solch' ein prachtvoller Leichenstcin war noch nie auf dem Kirchhof von Maarfelden gewesen: massig, aus Granitstein gehauen, hob er sich zwischen all den geringen Kreuzen und.Krcnzchen,—„Ruhe fanft" stand in Goldschrift darauf zu lesen, und unter dem Namen und dem Jahrestag der Verstorbenen der Name dessen, der ihit ihr hatte setzen lassen. Die Maarfeldener konnten nicht genug staunen über das prachtvolle Monument, und nicht aufhören, sich zu wundern; dem Hannes aber war's eine ge- wisse Genugthuung. Das war er der Frau doch schuldig ge- Wesen. Nun, da der teure Leichenstein auf ihrem schmalen Grabe stand, fiihlte er sich ruhiger; er hörte nicht mehr das mahnende, klagende, beschwörende:„Rühr mich net an!" durch die dunklen Stuben zittern. In der ersten Zeit, als der Stein gesetzt worden, war er fast täglich hinaufgegangen und Hatto sich den betrachtet; jetzt ging er nicht mehr fo häufig hin. Am Atlerseelentage hieß er die Franz das Grab schmücken, aber dann kam der lange Winter und der Kirchhof war zu- geschneit und der Weg beschwerlich. lind mit dem neuen Frühjahr kamen neue Sorgen. Jetzt ging's schon um's tägliche Brot, das heißt, des Brotes war noch iinnier genug da, aber die Zuthaten dazu, die Butter, der Schinken, der Käse fehlten oft. Tie Fränz wirtschaftete. Sie war nun schon alt genug dazu und verständig genug hätte sie auch sein können. Aber wenn sie den Rock auch schon lang trug, ihre Fiiße steckten noch in den Kinderschuhen. Sollte sie die Kuh weiden, raffte sie, wenu's keiner sah, den Rock und sprang pfeifend die Halden empor, zog ihn dann, oben angelangt, über'n Kopf zu sammen und rollte sich so, lachend, pfeilgeschwind wieder zu Thal. Freilich, zuweilen saß sie auch, eine ganz Erwachsene, nach- denklich auf dem Schemel in der Küche und sah starren Auges in die verlodernde Glut des Herdloches. Dann dachte sie, sie wußte selbst nicht was. Die verlassene Stille umher quälte sie. In der Mühle war gar nichts mehr zu thun. Nur die Mäuse trieben ihr Wesen in der leeren Mehlstube und huschten von da, weil sie nichts mehr fanden, durchs Haus. Der Müller machte einen Sport daraus, in den langen Nächten, in denen er ruhelos umherging, den Nero ihnen auf den Pelz zu hetzen. Die Jagd zerstreute ihn. Sonst quälten ihn die Sorgen, die *) Fuchsige Kuh. t kamen immer wieder, zudringlicher noch als die Mäuse, huschten durch seineu Kopf und nagten hier, nagten dort. Wie viel Schulden er jetzt eigentlich hatte, das wußte er selber nicht mehr. Da war kein Durchfinden. In Stunden, in denen die Sonne schien, konnte er wohl die Achseln zucken— ä was, es würde sich schon ein Ausweg finden!— Aber in Stunden, in denen eS finster war, stiitzte er schwer den Kopf. Daun suchte er sich Mut zu trinken. Früher hatte er bei Wein und Bier gesessen, jetzt trank er. den billigen Schnaps. Er schämte sich zwar des ersten Schnaps- rausches, der dünkte ihn zu gemein, aber er schickte doch wieder die Fränz ins Dorf und ließ sich eine neue Flasche kaufen. In Maarfelden wurde es bald ruchbar, nun soff der Müllerhannes auch noch! Nun war's bald alle mit ihm! Und in halb schaden- froher, halb bedauernder Neugier ließen die Mähder die Sensen rasten und gafften nach dem schweren Mann, wenn er, was selten genug geschah, einsam durch sein Wieseuland tappte, mit dem Stock fühlend, wo das Pfädchen führte. Bald würde der schöne„Pesch"'') auch nicht mehr sein gehören. Die Aecker auf der Höh' waren schon gepfändet, wie lange noch und die Wieso im Thal folgte denen nach?! Kein Pferd stand mehr im Stall. Die beiden runden Brannen und der Fuchs waren verkauft, es war ja doch längst kein Mehl mehr zu den Kunden herumzufahren und das Chaischen, mit dein der Herr sonst flott, bald hier, bald dort durchs Eifclland kutschierte, war in Trümmer gegangen an jenem Unglückstag. Es lag noch zerbrochen in einem Winkel des Schuppens, niemand"dachte daran, es zusammenflicken zu lassen. Ein Knecht war auch nicht mehr da: kein Mensch sah auf dem Hof nach dein Rechten. Des Hannes Augenlicht wurde immer schlechter, wenn er sich iioch so sehr anstrengte, die tiefen blauen Fernen der Wälder ahnte sein Blick nicht mehr, die Kraterköpfe auf dem Mosenberg, schimmernd im purpurnen Abendlicht, konnte er nicht mehr finden. Aber er hätte sich's nicht anmerken lassen, daß er schlecht sah, selbst vor der Fränz nicht, vor seiner Mutter nicht, auch nicht vor seinem Alten. Es sollte ihn keiner be- mitleiden. Pah, Mitleid schenkt man nur Armen,— er war des nicht bedürftig, nein, nein! Eine heftige Angst packte ihn beim Gedanken, daß einer ihm nachschauen möchte mit betrüblichem Kopfschütteln, daß einer einen Serifzer des Mitgefühls ihm nachsenden könnte. Das Blut schoß ihm heiß zu Kopf, stellte er sich das vor. Nein, niemand sollte ihn leiden sehen! Seine Augenschwäche er- schien ihm als jämmerliches Gebrechen, dessen er sich zu schämen hatte. Unwirsch stieß er dm Vater zurück, der das Fragen nicht lassen konnte. Wie es ihm ging? Ei, zum Teufel noch mal, sehr gut! Sah's der Alte denn nicht, wie dick er war, so fett wie ein Hammel! „Hahaha— hohoho!" Der Mühlen-Matthes zergrämte sich schier. Bis vor kurzem war er trotz des gebückten Rückens noch immer ein an- sehnlicher Alter gewesen, jetzt ward er rasch ein Greis. Im Wind wehte sein schlohweißes Haar und seine Backen waren durchschrumpelt, wie die eines welken, viel zu lang auf- gehobenen Apfels. Mürrisch saß er daheim im dunkelsteil Eck. Seit die schönen, runden Braunen aus dem Mühlenstall abgeführt worden, seit das Dach der Mühle, das ein böser Wintersturm abgedeckt, nicht bloß teilweis ausgeflickt, sondern ganz und gar mit Stroh gedeckt worden war, seit fremde Leute Kartoffeln ernteten auf der Flur, die seit Jahren und Jahren immer Mühlenflur gewesen, und fremde Mähder, voreilig sich bezahlt machend für geliehenes Geld, das Gras schnitten auf seines, Hannes Wiesmland, traute er sich am Tage nicht mehr auf die Dorfgasse. Nur wenn's dunkelte, schlich er aus; dann machte er seinen gewohnten Gang, den er nie unterließ, mochte ihn der Regen durchnässen oder der Wind schütteln. Er ging immer zur Mühle. Da saß sein Sohn ganz allein in der Stube, die Ellbogen auf den Tisch gestemmt, den Kopf in die Hände gestützt und sagte kein Wort. Auch er sagte kein Wort— er hatte sich nun doch mit der Zeit das Fragen:„Wie geht et denn eweil, Hannes?" abgewöhnt— aber er setzte sich seinem Jung' gegen- •). Wiestnland- Wer, thak, als ob er ihn gar nicht ansähe, nnd sah ihn doch Kasten ausgethan, setzt konnte er ihm nur noch sein Herz unverwandt an. Früher hatte er dem Hannes immer den austhun. Langsam strichen die Stunden und doch zu rasch— sie zuckten jedesmal beide zusammen, wenn der Kuckuck drüben an der Wand den Kopf aus der alten Uhr steckte, sein„Kuckuck- Kuckuck" schrie und— klapp— wieder das Thürchen zuwarf. Schon wieder eine Stunde hin und wieder eine, wieder eine näher dem— dem— sie wagten es nicht auszudenken, ge- schweige denn auszusprechen, aber der völlige Ruin stand ihnen so deutlich vor Augen, so nah, wie sie jetzt einander sahen,—■ mit den erschreckten Blicken, wenige Spannen, nur den Tisch breit, entfernt. Der Greis hoffte zuvor jedoch auf das Grab, das war die einzige Rettung, die er sich denken konnte. Ter Mann jedoch gab sich noch nicht so willig drein. Wenn der Hannes hätte sagen sollen, auf was er denn eigentlich hoffe, hätte er's nicht sagen können; aber da war so manches, auf was er sich noch verließ. War er denn nicht einer, dem die Sonne immer voll geschienen, wenn sie andren nicht einmal ein Strählchen gezeigt?! Ei, er war doch der Müllerhanncs, ja, noch war er's, bei Gott, er war's noch! (Fortsetzung folgt.). (Rachdruck vaSoten.) ßerlimr Meilsbier. Bierähnliche Produkte verstanden schon die ältesten Kulturvölker auZ Cerealien durch Gärungsprozesse zu gewinnen; so ist es denn erklärlich, daß von dein König Osiris berichtet wird, daß er um das Jahr 1960 v. Chr. in Aegypten ein aus gemalztem Getreide her- gestelltes Bier einfichrtc. Die von Aeschylus(720 v. Chr.) und von Herodot(ISO v. Chr.) erwähnten Gersrcntvcine dürften sicher vier- ähnliche Getränke gewesen sein. Von Plinius(23 bis 79 n. Chr.) wissen wir, daß die Spanier und Gallier das Bier, das sie Cerevisia nannten, als beliebtes Getränk kannten. Im Laufe der Zeit haben sich nun verschiedene lokale Bicrc eine mehr oder minder große Berühmtheit und Verbreitung errungen. Immerhin läßt sich nicht verkennen, daß jetzt die Tendenz des Groß- brauercibetriebes dahin geht, die lokalen Biere zu Gunsten der natio- nalcn und der ilsternationalen Biere möglichst zurückzudrängen. Lokale Biere, die heute noch in Deutschland eine gewisse Bedeutung haben, sind hauptsächlich: Braunschweiger Mumme, Danzigcr Hopsenbier mit sehr stark eingebrautcr Würze von 40 bis SO Proz. Cytrakt, Lichtenhaincr, Leipziger oder richtiger Döllnitzer Gose. Grätzcr, Pots- damer Stangenbier und endlich Berliner Weißbier. Wenn sich auch das Berliner Specialerzcugnis bisher von allen lokalen Bieren noch immer am besten behauptet hat, so ist doch sein Rückgang unver- kennbar. In der letzten Sitzung des„Berliner Bczirlsvcrcins deutscher Chemiker" hielt nun Herr Dr. R. Hasse einen Bortrag über die besonderen Eigenschaften dieses lokalen Bieres, das er folgendermaßen definierte: Berliner Weißbier ist ein gegohrenes, meistens noch in schwacher Nachgährung befindliches Getränk aus geleimtem Getreide (Malz) unter Zuhilfenahme von Wasser und Hefe und meistens auch von Hopfen; dieses Gebräu enthält neben Alkohol und Kohlensäure noch einen nicht unerheblichen Anteil unvcrgohrener Extraktbcstand- teile. Der Brauprozeß des Weißbiers zerfällt in die drei Stadien: Mälzerei, Gewinnung der Würze und Währung. Das für Weißbier benutzte Malz wird meist mis einem Gemisch von zwei Drittel bis drei Viertel Weizen und ein Viertel bis ein Drittel Gerste gewonnen. Das Getreide wird im Weichstock 48 bis 72 Stunden lang mit Wasser zuui Quellen gebracht, wodurch die löslichen Bestandteile gelöst werden, so daß nachher nur noch 1 Prozent Trockensubstanz verbleibt. Da lösliche Eiwcißstoffe in das Oucllwasser übergehen, so muß dieses oft gewechselt werden; weil es für das Getreide schädlich ist. wenn es lange unter Luftabschluß verbleibt, pflegt man neuerdings vielfach für kräftige Luftzufuhr zu sorgen. Der Wassergehalt, der im Roh- getreide etwa 12 bis 16 Prozent beträgt, ist durch das Quellen auf etwa 45 bis 48 Prozent gestiegen. Das so vorbereitete Malzgetreide kommt nun auf die Tenne, wo man es der Keimung überläßt; da diese mit bedeutender Wärme- entWickelung verbunden ist und eine zu Hohe Temperatur den Keim- Prozeß schädigt, so wird das auf der Tenne befindliche Getreide durch Umschaufeln in gewissen Temperaturgrenzen, erhaltcnj Auf der Tenne ninunt der Wassergehalt ab und die Keime verwelken. In 6 Tagen ist Weizen und in 7 bis 10 Tagen Gerste so weit, daß man es leicht zwischen den Fingern zerreiben kann, und der Brauer Pflegt dann zu sagen:„Das Korn hat Auflösung". Aus dem Grünmalz, das immer noch etwa 40 Prozent Wasser- gehalt besitzt, wird nun durch den Darrprozeß Dauerware gewonnen, indem man durch Zufuhr künstlicher Wärme den Wassergehalt bis auf 2— 3 Prozent herabsetzt. Das so erhaltene Malz ist nun jähre- laug haltbar. Die Würze wird gewonnen, indem man das Malz- gemisch zwischen Walzen zu Schrot zerquetscht und es dann mit etwa per 2'/- fachen Wasscrmenge von 30 bis 40 Grad Celsius versetzt. Turch Kochen von zlvei bis drei Maischen wird die Temperatur all- mähhch auf etwa 73 Grad Celsius gebracht, woraus man die Würze zur Abläuterung in einen andren Bottich bringt. Das bei der Her- stellung andrer Bierartcn übliche Kochen der Würze mit Hopfen fällt fort, dafür wird schon beim Einmaischen pro Centner Malz drei Viertel Pfund Hopfen zugesetzt. Die gewonnene Würze schmeckt intensiv süß und schwach nach Hopfen. Zur Gärung wird nun die Hefe mit der Würze bei einer in den zwanziger Graden liegenden Temperatur angestellt. Je sauerer das Weißbier sein soll, um so höhere Temperatur wird gewählt. Stellt man- die Würze bei einer Temperatur von 15 bis 16 Grad an, so erhält man ein schon recht sauer schmeckendes Weißbier, da sich aber der Geschmack der Bevölkerung doch etwas geändert zu haben scheint, indem jetzt weniger sauer schmeckendes Bier bevorzugt wird, so pflegt man das Bier bei einer Temperatur von etwa 12 Grad anzustellen. Tie in den Wcißbierbrauercien benutzte Hefe besteht aus obergäriger Hefe mit einen, Znsatz stäbchenförmiger Milchfäurebaktcrien. Der Hanptgärprozcß geht in etwa 3 Tagen in nicht künstlich gekühlten Kellern vor sich. Das vergorene Bier zeigt kaum noch eine Spur von Hopsengesäsmack. Von den 10 Prozent Ertraktgehalt sind nach der Gärung kaum 4 Prozent übrig; von den andren 6 Prozent sind je etwa 3 Prozent in Alkohol und in Kohlensäure umgewandelt. Der Alkoholgehatt des Berliner Weißbiers bewegt sich also in den Grenzen des Gehaltes bei den gewöhnlichen Lagerbieren. Wenn man das jetzt erhaltene Produkt auch schon trinken kann, so pflegt man es doch mit Frischbier zu versetzen, ehe es an die Restanratcure usw. abgegeben wird. Zum Ausschank wird nun das Berliner Weißbier— oft mit Wasscrzufatz— auf Flaschen gefüllt und so einer zweiten Gärung unterworfen. Je höher der Frisch- bierzuscch war, um so schneller wird das Weißbier reif. Die Flaschen- reife kann in 1 bis 2 Wochen eintreten; gewöhnlich schenkt man aber das Bier erst nach 4 bis 6 Wochen aus. Läßt man das Weißbier in den Flaschen länger als ein Vierteljahr, so wird es immer sauerer. während der Kohlenseraregehalt abnimmt. Nach alter Berliner Sitte wird aber auch heute noch vielfach Weißbier erst ansgeschänkt,� nachdem es zwei Jahre im Keller gelegen hat. Jetzt besitzt das Getränk einen an saueren Moselwein erinncrichcn Geschmack, der bei vielen Weiß- bicrtrinkcrn sehr beliebt ist. Tic Wcißbierbranerci hat aber mit Kalamitäten zu rechnen, in- dem hin und wieder Bakterien auftreten, die dem Bier den dünn- flüssigen Charakter nehmen, es fadcnzichend machen und es oft so weit umwandeln, daß man es in ein Glas bringen kann, aus dem es nicht wieder herausfällt, selbst wenn man das Gefäß vollständig um- kehrt. Ztach 6 bis 13 Wochen haben diese Bakterien ihre Lebens- bedingungcn eingebüßt, das Weißbier lvird wieder normal und nun- mehr von manchen Freunden dieses Gebräues ganz besonders gern getrunken. Ter Rückgang des Wcißbierkonsums ist zum großen Teil darauf zurückzuführen, daß cs sich nicht recht für den Massenausschank der modernen Großbetriebe des Restacnantgelverbes eignet, cs sei denn, daß ein großes Bedienungspersonal bereit gehalten wird. Das Ab- ziehen des Weißbiers auf Flaschen sst eine lästige Arbeit; dazu kommt, daß das Einschänfeu von Weißbier eine Kunst ist, die nicht von jedem ausgeübt werden kann. Um diese Uebclständc zu beseitigen, hat man in den letzten Jahren Versuch« mit dem direkten Ausschank von Weißbier vom Faß gemacht. Abgesehen davon, daß die dazu erforderlichen Einrichtungen nickst nur sehr kompliziert sind, kommt auch in Betracht, daß sie sich recht teuer stellen. Sprechen diese Gründe gegen die eben erwähnte Neuheit, so kommt als wichtigster Grund gegen das Faßwcißbier die Thatsache in Betracht, daß der richtige Weißbiertrinkcr behcmptet, dieses Bier habe nicht den guten und eigenartigen Geschmack des Flaschenbieres. Da endlich das Weißbier hauptsächlich als Tommergetränk konsumiert wird, so ist auck daher die Verdrängung dieses lokalen Bieres durch andre Biere erklärlich. Wenn nun auch der eigentliche Weißbiertrinker über sein Getränk nichts kommen läßt, so muß doch zugegeben werden, daß es ein Gebräu ist, das nicht viel Aroma besitzt. Aus diesem Grunde sst es denn auch erklärlich, daß zur Geruchs- und Geschmacksverbesserung des Berliner Weißbiers von den Konsumenten manche Hilfsmittel benutzt werden. So pflegt man z. B. vielfach das Weißbier mit einem Zusatz von Himbeersaft zu genießen, und auch das Hineingießen von Schnaps — der Berliner bestellt dann: Eine Weiße mit„Strippe"— ist aus dem gleichen Grunde erklärlich, wenngleich oft behauptet wird,, daß die„Strippe", also der besonders zum Weißbier genossene Alkohol die abführende Wirkung dieses Bcrlwcr Lokalgctränkes mildern soll. P. M. G r e m p e. Kleines feirilleton* — Tie Heilkunst der Scharfrichter. Zu den Heilkünstlern rechnete mau in früheren Zeiten nickst nur die Aerzte, die sich mit inneren Gebrechen zu befassen hatten, die Bader und Barbiere, die äußere Schäden zu heilen unternahmen, sondern auch die Scharfrichter, und nicht etwa die unwissende, abergläubische Menge allein brachte ihnen Vertrauen entgegen, sondern auch der ehrbar weise Rat mancher deutschen Reichsstadt erkannte ihre Heilkunst innerhalb gewisser Grenzen an. In der Stadt E g e r machte sich 1581 eine Abgrenzung der ärztlichen Befugnisse des Henkers nötig, weil Bader, Barbiere und Steinschneider sich beschwerten, daß Meister Philipp, der Scharfrichkcr, ihr Handwerk durch sc!nc allzu auZgedehnte Praxis schädige. Der Rat verordnete infolgedessen, datz Meister Philipp außer Arm- und Beinbrüchen und Einrenken der Glieder(was er wegen der Fol- tcrungen verstehen mußte, um Ausgerenktes wieder in Ordnung zu bringen) nichts ferner zu heilen unternehmen solle. Im Volke lebte aber einmal der Glaube, daß der Henker mit geheimen Mächten im Bunde sei und deshalb ganz besonders wirksame Mixturen zu brauen verstehe. Daher hals die Verordnung des Rates auf die Dauer nicht viel, und die Beschwerden der Bader erneuerten sich. Da wandte sich der Rat von Eger an die für besonders erleuchtet geltenden Stadt- väter von Leipzig und Regensburg, um zu erfahren, wie es dort mit den Badern und Scharfrichtern gehalten werde. Tic Antworten von Leipzig und Regensbnrg hat jüngst, wie die„Kölnische Zeitung" bc- richtet, Dr. Siegl in Eger in der Prager Medizinischen Wochenschrist aus dem Egerer Archiv mitgeteilt. Ter Leipziger Rat ant- wortctc etwas mürrisch, man habe nur den Badern in dem Falle, daß sie das Barbierhandwcrk gelernt, nachgelassen, Beinbrüche und frische Wunden zu heilen; wer sich einem Scharfrichter anvertrauen wolle, möge es außerhalb des Stadtwcichbüdes aus eigne„Gefahr und Wagnis" thun. Ter Rcgensburgcr Scharfrichter durste von Rechts wegen nur„verrenkte Glieder einrichten und schtvindcnde Glieder schmieren". Man ließ es deshalb in Eger bei der Verordnung von 1581 bewenden. Aber jahrhundertelang zog fich der Hader zwischen Badern und Henker, dessen Praxis fich keineswegs auf Ann- und Beinbrüche beschränkte, fort, und noch 1787 beschtoerte sich der Egerer Stadtphyfikus Dr. Adler und spätere Brunnenarzt von Franzensbad wegen der„Pforschercy" des Scharfrichters. Ter Rat war jedoch bis dahin sehr geneigt gewesen, die ärztliche T Hörigkeit seines Scharfrichters zn unterstütze». Einmal, im Jahre 1813, hatte er ihm sogar erlaubt, von einem Hingerichteten das Fett abzuziehen,„weil davon vielen Menschen Hülff geschehen kann", und hatte auch späterhin von den anzustellende» Henkern wundärztlichc Befähigung verlangt. Im Jahre 1788 wurde endlich der städtische Scharfrichter entbehrlich, weil die Todesstrafe abgeschafft worden war. Der letzte Scharfrichter der Stadt Eger war Karl Hnh, ein wegen seiner Heilkunst auch außerhalb des Egcrlandes viel gesuchter Mann. Bon ihm berichtet Dr. Siegl, daß er ein Vermögen durch seine Praxis erworben, das er gänzlich auf seine große Münzen- und Mineraliensammlung verwandte, die auch von Goethe, der bei seinen Reisen nach Karlsbad sich öfter in Eger aufhielt, besichtigt wurde. Die kostbaren Sammlungen dieses letzten Egerer Scharfrichters gingen in den Besitz des Fürsten Metternich zu Königswart in Böhmen über, wohin Huß selbst 1823 als Kusws der Sarmnlungen übersiedelte. Er starb daselbst 1833 und hinterließ eine handschriftliche wertvolle Egerer Chronik in vier Foliobänden.— u. Magnetismus im Altertlmm. Bekanntlich werden gewisse Schutzeinrichtungen an antiken Tempeln gegen unbefugte Berührung dadurch erklärt, daß die Alten, natürlich ohne sonstige Kenntnis elektrischer Erscheinungen, durch zufällige Beobachtung erfuhren, daß gewisse Metalle, in bestimmter Weise angeordnet, dem, der sie be- rührte, Erschütterungen versetzten. Es scheint, daß die Alten auch magnetische Erscheinungen sich zu Kultnszweckcn dienstbar zu machen wußten; dies ist um so eher wahrscheinlich, als die einfache uiagnetische Anziehung viel weniger komplizierte Eiiwichtungen nötig machte, als das Zustandebringcn elektrischer Vorgänge. Immerhin aber sind auch die magnetischen Erscheinungen in antiken Tempeln beachtens- wert, besonders darum, weil die angezogenen Eisenmassen so groß waren, daß es gmrz gewaltiger Magnete bedurfte, um auf sie ein- zuwirkc», und dem klassischen Altertum ja nicht der elektrische Strom zur Verfügung stand, der es uns ermöglicht, beliebig große Eisen- massen beliebig stark zu magnctisieren. Wohl die älteste auf uns ge- kommen« Nachricht von Anwendung des Magnetismus in größerem Umfange betrifft einen Tempel in Alexandria; dort schwebte ein sehr altertümliches Götterbild frei in der Luft, und dies Mirakulum, das uns heute nicht sonderlich erregen würde, verschaffte dem Tempel. in dem es zu sehen war, eine ganz besondere„Anziehungskraft"— nicht im magnetischen Sinne, sondern auf die Gläubigen. Aehnliches berichtet auch Kassiodor. Er erzählt von einem eisernen Cupido, der, ohne durch Träger oder Bänder gehalten zu sein, nicht nur frei stand, sondern auch sogar nach einer gewissen Richtung hin ging. Die direkte Erwähnung, daß der Cupido von Eisen war, deutet ohne weiteres darauf hin, daß Magnetismus im Spiele war, und seine Bewegung wird am einfachsten dadurch zu erklären sein, daß der Magnet, der auf ihn einwirkte, bewegt wurde.— Theater. Schiller-Theater.„Der Meister vonPalrnyra". Dramatische Dichtung von Adolf Wilbrandt.— Das Werk, das im Jahre 1889 erschien und Mitte der 99cr Jahre hier in Berlin vom Deutschen Theater gespielt wurde, ist ein Vor- läufer jener symbolisierenden Märchendramatik, die nach dem raschen Erschlaffen der jungen naturalistischen Produktion eine Zeitlaug üppig wucherte, ein Vorläufer in der Mischung der Vorzüge und Schwächen von typischer Bedeutung für das ganze Genre, wie es sich seither bei uns— von Maeterlinck ist dabei selbst- verständlich nicht die Rede— entwickelt hat. Eine fiese Wahrheit soll in den, Spiel der freien, von den hemmenden Schranken der Wirklichkeit gelösten Erscheinungen sich kundthun I Das Ziel ist hoch gesteckt, aber den Schwingen der Phantasie gebricht die Kraft, es zu erfliegen. Allzu deutlich sieht man den Plan, nach dem die Scenen, um den allgenteinen Gedanken zum Ausdruck zu bringen, mit ver- ständiger Ueberlegung aneinandergereiht sind. So viel Bunder gc» schehen, das Wunderbare, das uns die Seele bewegen kann, fehlt; man fiihlt sich auf der breiten Heerstraße der Prosa. Erst in den letzten Scenen weicht der Bann. So mag die Märchenhandlung wohl symbolisch sein, aber ihre breit ausgesponnene Syntbolisfik läßt uns die Größe der Idee darum nicht wärmer, nicht lebendiger ctnpfinden, sie zwingt, sie bewältigt nicht.— Was Ahasver als ärgsten Fluch trifft, das Ivird Apelles, dem Meister von Palmyra, als die Erftillmig heißesten Begehrens von dem Schicksal ge- währt. Der Tod, der alle niederstreckt, dainit sie— hier flicht der Dichter uralte, mystische, orientalische Ideen dem Werke ein— zu neuen Gestalten umgewandelt, wiederkehren in den Kreislauf des Lebendigen, wird an Apelles vorübergehen. Er soll beharren mitten im ewigen Wechsel. In strahlender Kraft und Schönheit, voll kühner Entwürfe, zieht er als ruhmgeftöntcr Sieger in die Vaterstadt ein. Der Glücksgöttin wird er den großen Tempel bauen. Doch sie bleibt keinem treu. Phvbe, die reizende Römerin, ihm doppelt lieb, weil ihre Züge an Zoe gemahnen, das arme Christernnädchen, das er am Tage seines Triumphes unter den Steinwnrsen des Pöbels sterben sah. verrät ihn. die Freunde wandeln sich in Gegner. Die ersten Werntutstropfcir fallen in den Kelch des Lebens. Jahre sind verstrichen. Palmyra ist christlich geworden, unter den gealterten Genossen steht er allein noch aiifrecht in ungebrochener Mannessiärke. Da trifft das Schicksal ihn mit einem seiner schwersten Schläge. Der Glaubenszwist, in welchem Persida, sein Weib, sich von ihm lossagt, vertreibt ihn ans der Stadt der Väter. Kalt und kälter wird es in seiner Einsamkeit. Gestorben sind alle, mit denen ein gemeinsames Erleben ihn verband, die Welt ist fremd und leer. Auch das letzte woran sein Herz nocb mit warmer Liebe hing, den Jüngling Nymphas, raubt ihm der Tod. Durch die alten Stätten Palmyras irrend fleht er den Bernickiler des Lebens in brünstigem Gebete als Erlöser an. Ans der Kirchen- thiftc, umgeben von einer Schar der Armen, denen ihr Leben in werfthätigcr Hilfe gelveiht ist. tritt Zenobia Unwiderstehlich zieht ihn die Erscheinung an. In ihr erkennt er, umgewandelt und verklärt, all die Gestalten, die ihm auf seiner Lebensbahn die teuersten gewesen find: Zoe, Phöbe, Persida und RymphaS. Er, der festhalten wollte die flüchtig ver- gängliche Gestalt des eignen Ich, hat eben so zu innerlicher Erstarrung sich verdammt, jene aber sterbend und wiederkehrend, haben„int Wechsel geblüht" und auflvärts strebend sich zur Schön- heit entfaltet. Vollendet ist die Bahn, die ihm bestimmt war, erbarmend faßt ihn die kalte Hand des Todes an Die Anffnhrnng im Schiller-Thcater fand großen Beifall. Max M o n t o r war ein jugendlich feuriger Apelles. weniger nattirlich stand ihm das Alter zu Geficht. In der großen weiblichen Ver- Wandlungsrolle gelangen Fräulein W i e ck e Phöbe und Zenobia am überzeugendsten. Sehr eindrucksvoll mit seinen, tiefen, prächfigen Organ sprach Pategg die geheimnisvollen Worte des Todes.— — dt. Musik. Wenn in unsren Konzertsälen Liedkompositionen älterer und neuerer Richtung vorgetragen werden, dann ist es allerdings leichter. den in den ncneren Leistungen liegenden Fortschritt anzuerkennen und mit einer Redewendung wie„ausdrucksvoll" abzuthun. als ihn deutlich zu beschreiben. Ist es damit gegenüber der Eigcnartigkeft des Tonwesens, die niemals recht durch eine andersartige Sprechiveise darzulegen sein wird, schon überhaupt mißlich bestellt, so versagt eine außer dieser Welt stehende Darlegungsweise erst recht dann, wenn Lyrisches charakterisiert werden soll. Speciell der Kritiker ist dabei übel daran, wenn er seine Wertschätzung eines Kunstwerkes oder einer Gruppe von solchen rechtfertigen, ja auch nur einigermaßen klarmachen soll. Zu besonderem Bewußtsein kam uns dies»et, sich, als wieder einige Licdkompositioneit von K o n r a d Sin sorge zu hören waren und unsre Bemühung, ihren günstigen Eindruck zu kennzeichnen, uns vergeblich zu sein schien. Leicht ist es immerhin, sich einige Rechenschaft von dem großen Abstand zu geben, um den solche moderne Leistungen von den An- sängen ihrer Gattung entfernt sind. Die Anfänge deffeit, was wir in der Musik„Lied" nennen, liegen nach gewöhnlicher Annahme im deutschen Singspiel,!vie es als ein Gegensatz zum kirnstmäßigetetr Opernwesen des Auslandes namentlich seit den 60er Jahren des achtzehnten Jahrhunderts blühte und uns mit nicht wesentlichen Ver- ändcrtmgen noch immer auf der Bühne begegnet. Damit war für Goethe eine Anregung zu seiner poetischen Lyrik volksmäßiger Art gegeben, und dieser Schatz Goethes spendet sich heute noch den nach Texten suchenden Komponisten. Goethes Texte gaben schon zn seinen Lebzeiten einigen Komponisten zu thun, die in der Geschichte des Liedes vorangehen, nur daß noch nicht, der springende Punkt der zu unsrcr Gegenwart führenden Entwicklung gefunden war. Dicseu Punkt bildete das Streben, die Musik dem Text möglichst angemessen zu machen. Die verschiedene Art und Weise dieser Angemessenheit ergiebt nun die Verschiedenheiten der neueren Liedkomposition. Die hauptsächlichen Differenzen sind folgende. Vor allem handelt es sich um die Begleitung des Gesanges. Sie war in der älteren Zeit diesem so untergeordnet, daß sie ihm gegenüber kaum in Betracht kam. Seit- her ist dies beim kunstvollen Lied kaum jemals der Fall; dem steht schon das hohe Interesse entgegen, mit dem jetzt das Klavier— das hauptsächlichste Begleitungsinstrument— behandelt wird. Eher kommt der entgegengesetzte Fall vor: ein Ueberwiegcn des Interesses am instrumentalen Teil des Ganzen gegenüber dem vokalen, wie es im§ Bei einigen Neueren, z. SP. bei R. Strauh und H. Wolf der Fall gu sein scheint. Nun aber die engeren Berschiedeicheiten: die Begleitung steht dem Gesang mehr nur dienend und einigermatzen abgeschlossen gegenüber, oder sie verwebt sich enger mit ihm zu einem gleichgeordneten Bestand des Ganzen; ersteres mehr die ältere, letzteres mehr die neuere Weise. Schubert, sozusagen der Begründer der neueren Liedkunst und namentlich der Schöpfer einer ausführ- lichen Begleitung, steht noch mehr auf der ersteren Seile. Seine und Mendelssohns Begleitungen könnten noch geradezu als Klavier- Übungen dienen. Für Schumann trifft dies halb zu und halb nicht zu. Gänzlich überwunden ist es bei Robert Franz. llnd mit diesem ist wenigstens grundsätzlich das gegenwärtige Ideal der Liedkompo- sition erreicht. Er giebt ganz einfach den Inhalt des Gedichtes musikalisch wieder. Er thut es mit einer Schlichtheit, über die nun freilich hinausgegangen Iverden kann, mit einer Gleichmäßigkeit und Rundung des Ganzen, der gegenüber einzelne Seiten des Ganzen reicher und schärfer hervortreten können. Im blühenden Klang der Töne leistet Schumann, in der Wiedergabe der Sprachlinien mancher Neuere,!vie etwa A. Ritter, mehr, lind liier thut sich nun ein be- souderer Gegensatz auf. Der Komponist verlegt sich entweder darauf, dem Gesamtgeiste des Textes den Gesamtgeist der Komposition ent- sprechen zu lassen, oder er läßt diese von Teil zu Teil den einzelnen Schritten des Textes entsprechen. In jenem ist Schubert der Größte, und die mehr romantischen Meister wie Schumann folgen ihm nach. In diesem dagegen suchen LiSzt und die ihm Nachfolgenden bis herab etwa auf W. Mauke das Schärfste an Charakterisierung zu erreichen. Nun aber, wenn wir noch weiter beschreiben wollen, geraten wir immer mehr ins Dunkel. Am ehesten läßt sich noch folgender Gegen- satz feststellen. In guten Texten liegt eine Stimmung, und diese Stimmung vermag ein Komponist nachzuzeichnen. Er kann uns aber auch eine Stimmung von sich aus geben, sozusagen vorzeichnen, und uns durch sie dadurch so disponieren, daß lvir nun die Bilder des Dichters besser in uns aufnehmen, zumal wenn sie nicht leicht ohne weiteres aufzunehmen sind, lind darin scheint uns nun, sofern eine Worterklärung hier überhaupt einen Sinn hat, die specifische Kunst AusorgeS zu liegen: und damit stimmt es auch, daß er gern Texte von R. Dehme! tvählt, gewiß nicht dem plasrisch-klarsten der bedeutenderen Liederdichter von heute. Wie er, beispielsweise zu den Gedichten„Letzte Bitte" und Himmelfahrt", von vornherein eine Begleitung anschlägt, die nicht etwa die Darstellung des Dichters nachzeichnet, sondern uns ein ganz eignes musikalisches Fühlen giebt, das jener entgegenkommt; wie er uns dann loeiter so führt, daß wir leicht die Schritte des Dichters mitmachen, emporsteigende— oder was es sonst eben für Schritte sind: das ist speciell Ansorges Lied- kunst. Wir sind zu diesen Darlegungen angeregt worden durch einen Liederabend von Helene B e r a r d. Nicht weil ihre Sangesweise uns etwa besonders innerlich ergriffen hätte; ihre gewaltige, gut aus- geglichene Stimme paßt besser zu pathetischen Arien älteren Stils. Aber ihr Programm gab einige gute lleberbticke über die Entwicklung des Liedes seit Mendelssohn, und das Verhalten des Publikums war charakteristisch. Ein Lied von N. Franz bestätigte wieder, was wir oben sagten; kaum eine Nummer des Programms, die nicht durch ein Hervortreten nach dieser oder jener Seite hin— bei Ansorge durch eine gewisse Getoaltkraft— über der Innerlichkeit von R. Franz einen Vorteil hatte. Ein Begehren des Publikums nach Wieder- holung wurde keinem der Lieder von Ansorge zu teil, obschon dieser selbst als Begleiter mit Interesse begrüßt wurde, wohl aber einem Kitsch(wie die Maler sagen) von P. Scheinpflug, lind die bekannte traurige Unart deS Publikums, in den Begleitungsschluß eines Liedes hineinzuklatschen, kam in besonders auffallender Weise zur Geltung gegenüber einem Liede(„Beherzigung" nach Goethe) von R. Strauß. Wir wären zu jenem Konzert bielleicht garnicht gelangt, hätte es uns nicht als Ersatz dienen müssen für eines, das wir besonders gern in unsre Betrachtung gezogen hätten. Es war ein a r m e n i- s ch e r Abend angekündigt, an dem neben andersartigen Vorträgen auch armenische Kompositionen kommen sollten. Wer einmal auch nur wenige Beispiele von solchen gehört hat, behält den Eindruck einer gewichtig ernsten, harmonisch eigenartigen Tonkunst. Leider war jener Abend, obwohl als öffentlich mit Billetverkauf angesagt, schließlich doch nicht durch eine offene Kasse zugänglich. Wir be- dauern eine solche Erschwerung des Kunstinteresses und der Kunst- trink um so mehr, als unsrem Konzerrleben über seine einseitige Aus- Wahl und Bevorzugung mancher ausländischer Leistungen hinaus nicht nur eine Gerechtigkeit gegen heimische Komponisten, sondern auch eine gleichmäßige„Weltpolitir" notthut. Auf musikwissenschaftlichem Gebiete wirkt jetzt die„Internationale Musik- Gesellschaft" wenigstens mit einigen Anfängen; hoffentlich geben diese bald auch praktisch zu thun.—■ sz. Kunst. — hl. Von HanS T h o m a bringt der Kunstsalon von Kellern. Reiner eine Ausstellung, die eine Anzahl älterer und jüngerer Bilder und die zahlreichen Steindruckblätter des Künstlers vereinigt. Unter den Bildern sind es besonders die Motive aus dem Schwarzwald, die die Aufmerksamkeit fesseln. Dabei drängt sich der Unterschied zwischen den Bildern, die etwa aus dem Ende der Iber Lahre stammen, und den um zwei Jahrzehnte jüngeren dem Auge sehr stark auf; aber es scheint nicht, daß der Vergleich zu Gunsten Verantwortlicher Redakteur: Can Leid in Berlin.— Druck und Perlag: der letzteren ausfällt. Man halte etwa da? Bild„Schwarzwald« flora"(1879) gegen den„Julirag"(1896). Wie auf diesen, s« findet man auf allen entsprechenden einen starken Gegensatz zwischen der lichten lockeren Farbigkeit der früheren und dem gleichmäßigen, flächigen, fast trockenen Farbeuauftrag der späteren Arbeite«. Das geht so weit, daß in den Porträts die Farbe einen beinahe metallisch glänzenden Charakter aunimmt.-der oft von einer verletzenden Härte ist. Das Motiv, das den Künstler in diese Richtung trieb, liegt wohl in der immer stärkeren Betonung der Linie, in dem Bcscreben, in der Natur wenige, scharf umripene Züge herauszuarbeiten, die ihren Charakter bestimmen. Aber er erscheint in der früheren, mehr malerischen Art ungleich liebenswürdiger und lebendiger, wie auch seine Farben, aus ein weiches Blau oder Grau gestimmt und in zarten Nuancen abgestuft, mehr anmuten als die kälteren, trockenen der späteren Zeit. Wie fein ist die Abendstimmung im Schwarzwald mit der herabsinkenden Dämmerung zwischen den hohen Stämmen. durch die nur hier und da noch ein erlöschendes Goldgelb vom Abend- Himmel hindurchblitzt. Auch in dem„Felsenthal" ist, obivohl hier schon die glattere Manier anklingt, der Gegensatz zwischen den Dämmer- tönen der tiefen Schlucht und dem letzten Rot der Wolken über den hohen Felsen noch sehr diskret zum Ausdruck gebracht. Die ge- schilderte Entwicklung, das Hervortreten der Linie, die Zurückführung der nuancenreichen, sich in einem bestimmten diskreten Gesamtton einigenden Farbentöne auf wenige breit hingestrichene Hauptfarben, zeigt den stark dekorativen Charakter der Kunst Thomas, der in den letzten Jahren immer deutlicher zum Ausdruck gekommen ist. Dafür sind die vielen Steindrucke bezeichnend. Es sind Blätier, die mit ihrer einfachen, klaren Zeichnung auf dem fein gewählten farbigen Papier wirklich als wundervoller Wandschmuck dienen können. In ihnen äußert sich— bei mancher befremdenden Einzelheir— die au- ziehendste Seite der Thomaschen Kunst, der unerschöpfliche Reichtum an Ideen und Motiven, die treuherzige, oft humorvolle Auffassung seines zum Sinnieren über Gott und die Welt gestimmten Gemüts, die lebhasre Phantasie, die in den Gestalten der deutschen Sage lebt und die Natur mit Lebewesen bevölkert, in denen die Stimmnug einen prägnanten Ausdruck gewinnt.— Humoristisches. k. Amerikanischer H u m o r. Sie kann s i ch' s leisten.„Ich würde mich gern für Sie opfern," sagte der arme Graf.„Das ist nicht nötig," entgegnete Miß Gotrox.„Wenn ich mich entscheide, Sie zu nehmen, kann ich es mir leisten, den regu- lären Preis zu zahlen."— Bewiesen.„Ihr Sohn ist, wie ich höre, Student der Philosophie?"„Ja, ich glaube wohl. Ich kann nicht verstehen, worüber er spricht."— E i n kostbares Ge- schenk.„Was werden Sie Ihrer Frau zu Weihnachten schenken?" „Ich werde ihr einen Abend in der Woche schenken. Ich habe mich entschlossen, aus einer der geheimen Gesellschaften, denen ich angehöre. auszutreten."— Ein Optimist.„Was ist ein Optimist. Vater?" „Ein Optimist, mein Sohn, ist ein Mann, der glaubt, daß in einem oder zwei Monaten die Kohlen billig sein iverden."— Verbesserte Inschrift., Eine Witwe in der Grafschaft PulaSki hatte auf ihres Gatten Grabdenkmal die Inschrift setzen lassen:„Mein Schmerz ist so groß, daß ich ihn nicht ertragen kann." Als sie sich ein Jahr später ivieder verheiratete, ließ sie der obigen Inschrift das Wort „allein" hinzufügen.— E i n Vorteil.„Ich denke, eine Frau kann ihres Mannes Liebe am besten erhalten, wenn sie ihm un- beschränkte Freiheit giebt."„Das denke ich auch. Außerdem ist es wahrscheinlich nützlich, um die Scheidung zu erlangen."— Eine Rechtfertigung.„Sie mißbilligen die konventionellen Lügen?" „Ja," antwortete Miß Capeme.„Und doch habe ich Sie zu vielen Leuten sagen hören:„Ich bin ganz entzückt, Sie zu sehen!" Und die Bemerkung entsprach auch in jedem Fall der Wahrheit. Ich möchte nämlich nicht blind sein."— Notizen. — Die Hamburger Bürgerschaft hat— zustimmend dem Antrage des Senats— dem Lyriker Gustav Falke ein Jahresgehalt von LlXX) Mark bewilligt.— — Die Münchener Zeitschrift„Die Gesellschaft" sieht sich gezwungen,„ihr Erscheinen bis auf weiteres aus« zusetzen".— — Philipp Lang mannS Drania„Die Herz- marke" ist vom Schaus'pielhanS zur Aufführung angenommen worden.— —„Otto der Faule", ein Lustspiel von Hau? L'Aronge, geht Ende dieses Monats erstmalig im Luisen-Theater in Seene.— t. Eine technische Kuriosität hat ein amerikanischer Erfinder Namens Riswick in die Welt gesetzt, nämlich ein heizbares Bett, das gewiß für alle Eigentümer kalter Füße namentlich während der Wintermonate ein willkommener Besitz wäre. Die „Erfindung" besteht auS einer Reihe von Warmwasserrohren, die auf der Unterseite und um da? Bett herum verlaufen und mit einem kleinen Behälter unter dem Bett in Verbindung stehen; letzterer loird durch eine kleine Lampe geheizt.— Die nächste Stummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 8. Februar._ Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanftalt Paul Singer sc Co., Berlin 8 ZV.